Amos Elon

Zu einer anderen Zeit

Porträt der jüdisch-deutschen Epoche (1743-1933)
Cover: Zu einer anderen Zeit
Carl Hanser Verlag, München 2003
ISBN 9783446202832
Gebunden, 423 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Matthias Fienbork. Die Geschichte der Blütezeit der jüdisch-deutschen Epoche: Der israelische Schriftsteller und Journalist Amos Elon beleuchtet diese spannende und bewegende Periode der Kulturgeschichte, die 1743 mit der Übersiedlung Moses Mendelssohns nach Berlin beginnt und von Hannah Arendts Flucht im Jahr 1933 abgeschlossen wird. Anhand atmosphärischer Reportagen, von Kurzporträts und Dialogen weckt Elon diese andere Zeit mit ihren Tragödien und Erfolgen, mit ihren großen Namen - wie Heinrich Heine, Rahel Varnhagen, Karl Marx und vielen anderen - wieder zum Leben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.07.2003

Eine Beschreibung jüdischer Geschichte vor 1933 anhand von Porträts bedeutender Personen legt Amos Elon vor, schreibt Claudia Schmölders. Den erzählerischen Ansatz findet sie gut geeignet, um das "öffentliche Bewusstsein" für die beschriebenen jüdischen Schicksale zu wecken. "Anrührend, spannend und analytisch zugleich" erzähle Elon die Lebensläufe vormals berühmter Juden, die heute zum Teil in Vergessenheit geraten sind. Mit seinem "säkularen Einstieg" unterscheidet sich das Buch dabei von ähnlichen Veröffentlichungen zur jüdischen Geschichte, stellt Schmölders fest. So werde auch den jüdischen Linken wie Karl Marx, Eduard Lasker und Rosa Luxemburg viel Raum gegeben. Die Tragik des Holocausts kommt womöglich besonders deutlich dadurch zum Ausdruck, dass Lebensgeschichten besonders begabter und "streckenweise erfolgreicher Juden" erzählt werden, vermutet die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.05.2003

Nicht einverstanden zeigt sich Michal Bodemann mit Amos Elons Porträt der deutsch-jüdischen Epoche von 1743 bis 1933, die zugleich auch die Hochzeit der deutsch-jüdischen Assimilation und Symbiose war. Zunächst zum Autor: Elon ist Kolumnist der "New York Review of Books", so Bodemann. Elon lässt seine glänzend erzählte, dramatisch gespickte Geschichte der deutsch-jüdischen Epoche mit Moses Mendelssohn beginnen, der am Rosenthaler Tor in Berlin Einlass begehrt; sie endet mit Hannah Arendts Flucht aus Berlin. Bodemann zählt mehrere Punkte auf, die ihn an Elons bewusst anti-teleologischem Geschichtsbogen stören: zunächst einmal ist es Elons immer wieder durchdringende, überheblich wirkende Verwunderung "ob der (kranken?) Anhänglichkeit der Juden an deutsche Kultur und Gesellschaft". Überhaupt erscheint dem Rezensenten Elons Perspektive einerseits überraschend konventionell, andererseits elitär. Schließlich habe es auch eine deutsch-jüdische Geschichte vor Mendelssohn und nach Arendt gegeben, kritisiert Bodemann. Indem Elon vorzugsweise jüdische Bankiers und Intellektuelle porträtiere, trage er außerdem indirekt zum alten Klischee des Edeljuden bei.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.05.2003

Zwei Jahrhunderte, schreibt Stefana Sabin, lagen zwischen Moses Mendelssohns Ankunft am Rosenthaler Platz zu Berlin und Hannah Arendts Ausreise aus Deutschland. Zwei Jahrhunderte der Hoffnung - auf eine "deutsch-jüdische Symbiose" - und der Vergeblichkeit. Amos Elons Buch, informiert Sabin, überspannt diese Zeit mit einer Geschichtserzählung, die vom Bemühen um Assimilation, von aufgeklärt-bürgerlichen Idealen und Selbsttäuschung handelt - von der "Entwicklung einer problematischen, weil eigentlich einseitigen, unerwiderten intellektuellen Liebesbeziehung der deutschen Juden zu Deutschland". Elon, teilt Sabin mit, geht chronologisch vor, eher deskriptiv als analytisch, und stellt der Erzählung der Ereignisse eine Porträtgalerie zur Seite; außerdem bringe er "sozialhistorische Skizzen, Anekdoten und geschickt eingestreute Zitate" zum Einsatz. Sein Buch sei also "im guten Sinne populäre Geschichtsschreibung". Jüdische Geschichtsschreibung, denn die vergebliche Anstrengung der Assimilation sei Teil des kollektiven Gedächtnisses europäischer Juden. Und deutsche natürlich: Denn die jüdische Moderne, schreibt Sabin, war ein "eminent deutsches Projekt".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.04.2003

Als "Klageschrift gegen die Geschichte" und zugleich Liebeserklärung an die deutschen Juden kündigt Michael Naumann dieses Buch an. Der Jerusalemer Historiker und Journalist Amos Elon erzählt darin von Glanz und Elend der jüdischen Emanzipation in Deutschland, beginnend mit Moses Mendelssohn und schließend mit der Emigration jüdischer Intellektueller nach Hitlers Machtergreifung. Dazwischen liegen die 200 Jahre Heines und Börnes, Varnhagens und Bleichröders, Tucholskys und Bubers. Wie gut Elon schreiben kann, wird Naumann nicht müde zu betonen; der kosmopolitische Publizist gehört für Naumann zu der "in Deutschland raren Spezies" journalistisch arbeitender Historiker, denen es gelingt, "Geschichtsverläufe in einem kaleidoskopischen Bild beispielhafter Lebensverläufe zu verdichten". So werde Elons Buch, schreibt Naumann, zu einer "zutiefst traurigen Erinnerung", deren großer Kummer im unübersetzbar englischen Titel zum Ausdruck komme: "The Pity of It All".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.04.2003

Friedrich Niewöhner kann Amos Elons Buch nur mit Vorbehalten empfehlen. Positiv hebt der Rezensent hervor, dass der Jerusalemer Journalist Elon die deutsch-jüdische Epoche zwischen 1743 und 1933 - markiert durch Moses Mendelssohn und Adolf Hitler - in ihren Höhen und Tiefen beschreibt, ohne in einen bitteren, anklagenden oder sehnsüchtigen Ton zu verfallen. Womit sich Niewöhner allerdings nicht so einfach abfinden mag, ist, dass Elon von einem "jüdischen Beitrag" zu deutscher Kultur und Wissenschaft ausgeht, wenn er auf Marx, Heine, Mendelssohn-Bartholdy, Einstein, Freud und Husserl rekuriert. Damit rührt der Rezensent den alten Streit an, ob es sich bei ihnen nun um Deutsche oder Juden handelt, und wirft Elon schließlich vor, den Genannten einen "gelben Stern" zu verpassen - obwohl einige doch selbst veritable Antisemiten waren! Um Versöhnung bemüht schließt Niewöhner dann jedoch, dass Elons "Jerusalemer Blick" auf jene Zeit wohl auch "seine Berechtigung" habe.