Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

196 Presseschau-Absätze - Seite 9 von 20

Magazinrundschau vom 03.09.2019 - New Statesman

In Britannien hat sich die Zahl der Studierenden in den vergangenen dreißig Jahren verfünffacht, die Zahl der Bestnoten hat sich vervierfacht, ohne dass viel mehr Geld für die Lehre ausgegeben wurde. In keinem anderen öffentlichen Sektor hat eine so dramatische Expansion jemals so wenig gekostet und so viel erreicht, spottet Harry Lambert in einer Attacke auf den "großen Bildungsbetrug": "Das Wunder ist reine Einbildung. Niemals zuvor verließen in Britannien so viele Studenten die Uni mit einem Abschluss, und niemals bedeuteten die Abschlüsse so wenig. Jedes Jahr produziert Britannien eine Welle von Subprime-Studenten, die alles andere als große Kaliber sind, aber nichtsdestotrotz bestens bewertet wurden. Wie Robert Penhallurick, ein Linguistik-Dozent in Swansea, 2009 vor einem Ausschuss des Unterhauses erklärte, 'mangele es an Courage und an der Bereitschaft, an den langjährigen Standards guter akademischer Arbeit festzuhalten'. Richard Royle, ein Jura-Dozent an der Universität von Central Lancashire, fügte damals hinzu: 'Es gibt eine Verschwörung des Schweigens im akademischen Betrieb.' Wenn die Standards tatsächlich aufrecht erhalten worden wären, erklärte vor zehn Jahren auch Lee Jones, Politik-Dozent an der Queen Mary, 'würden große Teile der Leute, die heute die Universität besuchen, scheitern."

Weiteres: Brendan Simms erinnert an die politischen Anfänge Adolf Hitlers vor hundert Jahren, ohne genau sagen zu können, was das für uns heute bedeutete: "Die Antwort ist alles und nichts."

Magazinrundschau vom 20.08.2019 - New Statesman

Liberales Denken verbindet sich selbst gern mit Rationalität und Fortschrittsglauben, doch war es nie ganz frei von Verschwörungstheorien, schreibt John Gray in einem bösen Essay. Den Sündenfall des Liberalismus sieht Gray in den dreißiger Jahren, als Berichte über den Hunger in der Ukraine im Westen geleugnet und diskreditiert wurden. Für ähnlich gravierend hält er den liberalen Reflex, von Donald Trump bis zum Brexit alles Übel russischer Einflussnahme in die Schuhe zu schieben: "Der russische Staat war immer ein Pionier der Informationskriege. Doch keine seiner Interventionen, weder einzeln noch zusammengenommen, reicht als Nachweis aus, dass Russland den großen Wetterwechsel gesteuert hat. Das Ausmaß, die Tiefe und Langlebigkeit des Misstrauens gegenüber den herrschenden liberalen Eliten sind einfach zu groß, als dass diese Rechnung aufgehen könnte. Dieses Misstrauen begann mit der Desinformation um den Irakkrieg, nahm mit der globalen Finanzkrise zu und erreichte ihren fortlaufenden Höhepunkt mit dem 'Projekt Angst' in der Brexit-Schlacht. In Europa zeigt sich das Misstrauen im anhaltenden Aufstieg populistischer Parteien , etwa in Italien und Ungarn. In all diesen Fällen werden die Eliten abgelehnt, weil sie unfähig sind, die von ihnen erzeugten Krisen in den Griff zu bekommen. Der Beinahe-Zusammenbruch des Finanzsystems und die chronischem Schwierigkeiten mit der Einwanderung haben die Glaubwürdigkeit des liberalen Zentrums so gut wie zerstört. Keine Intervention von außen hätte seine Autorität so beschädigen können... Deswegen finden Liberale Verschwörungstheorien so anziehend. Sie helfen ihnen, sich von der Verantwortung für diese Irrwege freizusprechen. Von Liberalen in allen Parteien unterstützt, führte Austerität zu Einschnitten im öffentlichen Dienst und in der Infrastruktur, die einem großen Teil der britischen Bevölkerung schadete. Liberale in allen Parteien beförderten Einwanderung in großem Umfang. Jeder, der zu bedenken gab, dass sie vor allem für armere Schichten Vor- und Nachteile mit sich brächte, wurde als Rassist denunziert. Der Aufstieg von Ukip und dann der Brexit-Partei war vorhersehbar. Populismus ist das Geschöpf einer liberalen politischen Klasse, die ihren eigenen Niedergang der Dummheit der Wähler anlastet. Wenn die liberale Idee tot ist, wie Wladimir Putin behauptete, dann ist es die Schuld der Liberalen selbst, die als seine nützliche Idioten agierten."

Magazinrundschau vom 28.05.2019 - New Statesman

In der neuen Ausgabe des Magazins untersucht Maurice Glasman den Status quo der jüdischen Linken in Britannien, der vor allem deshalb so prekär ist, weil die britische Linke das Judentum in den USA und Israel heute mit Kapitalismus, Imperialismus und Rassismus gleichsetzt: "Wie kam es dazu, dass das einzige Land im Nahen Osten mit freien, demokratischen Gewerkschaften, mit einem Wohlfahrtsstaat, mit sehr hoher Alphabetisierungsrate und niedriger Kindersterblichkeit, mit Rechten zur Gleichstellung der Frau und für Homosexuelle von so vielen auf Seiten der Linken mit dem islamischen Staat verglichen wird? Es ist eine Frage, die wir verstehen müssen, weil die Koalition zwischen postkolonialer Politik, Islamismus und fortschrittlichem Denken die dominierende unserer Zeit ist. Wie konnte es passieren, dass die Linke die Protokolle der Weisen von Zion für das digitale Zeitalter übersetzte und bewarb? Ein Teil der Antwort ist, dass sich die zentralen Annahmen der Linken sämtlich gegen die Juden gewandt haben. Früher gab es ein ernsthaftes sozialistisches Engagement für eine Form der Wirtschaft, die auf rationalen Prinzipien und Kooperation beruht, nicht auf Verschwendung und Wettbewerb. Die linke Position beruhte eher auf Klasse und Ausbeutung als auf Identität. Dieses Element ist weggefallen und nicht mehr das zentrale Merkmal fortschrittlicher Ideologie … Der linke Antisemitismus mag teilweise auf das Versäumnis des Sozialismus zurückzuführen sein, den Kapitalismus zu bezähmen, aber das macht ihn nicht weniger real. Tatsächlich spielt der Antisemitismus innerhalb der linken Ideologie eine Rolle dabei, das Versagen des Sozialismus, den Kapitalismus einzuschränken, plausibler zu machen. So gesehen ist Israel kein Beispiel für jüdische Selbstbestimmung oder eine Reaktion auf Unterdrückung, sondern eine Manifestation von Kolonialismus und Imperialismus."

Magazinrundschau vom 24.04.2019 - New Statesman

Seinen neuen Roman "Machines Like Me" lässt Ian McEwan in einer alternativen Version der achtziger Jahre spielen: Großbritannien hat den Falklandkrieg verloren, aber die KI ist weiter als heute. Der junge Londoner Charlie kauft sich einen menschlichen Roboter, der seinen Herrn prompt mit der eigenen Freundin Miranda betrügt. Für Helen Lewis wirft der Roman nicht nur ethische Fragen auf, sondern auch solche des Umgangs miteinander: "Die Präsenz eines anderen im eigenen Haus verringert die Privatsphäre. Man kann damit umgehen, indem man den Eindringling entmenschlicht, ihn zu einer Art beweglichen Mobiliars reduziert. Das führt zu jenen komischen Gerichtsfällen, bei denen reiche Leute vergessen haben, dass ihre Bediensteten sie hören (und gegen sie aussagen) können. Es sollte sich falsch anfühlen, ein empfindsames Wesen in seinen vier Wänden zu halten und den Abwasch machen zu lassen. Für den Roman, in dem es später einen Vergewaltigungsfall gibt, ergibt sich aus der Sexszene auch eine unangenehme Frage: Hat Adam eigentlich aus freien Stücken zum Sex mit Miranda eingewilligt angesichts der Tatsache, dass sie die Freundin seines Besitzers ist? Hat er überhaupt die Fähigkeit dazu? Im Zuge seiner Recherchen hörte McEwan auch, wie Eltern mit ihren Kindern das Verhalten gegenüber Sprachassistenten wie Siri oder Alexa diskutierten. 'Ich fühle mich schon bei diesen Dingern sehr unwohl und sie zwingen uns zu jeder Menge Selbstbefragungen', sagt er. 'Sollen Kindern zu Siri Bitte sagen?'"

Magazinrundschau vom 12.02.2019 - New Statesman

Auch die hässlichen Utopien des technologischen Totalitarismus werden auf dem Müllhaufen der Geschichte landen, raunt ein besonders düster aufgelegter John Gray, doch zu einer Welt ohne Massenüberwachung und Informationskriege führt kein Weg zurück. Die Stimmung hat sich Gray von Shoshana Zuboff verhageln lassen, die in ihrem Buch "The Age of Surveillance Capitalism" die Ideen des Silicon Valley auf den Verhaltensforscher BF Skinner und denInformatiker Alex Pentland zurückführe. Das ei nicht ganz falsch, meint Graym aber sie ignoriere deren französischen und britischen Ursprünge, die Schriften von Auguste Comte und Jeremy Bentham. "Pentland repliziert Comtes Ideen praktisch in jedem Punkt. Skinners radikaler Behaviourismus reproduziert dagegen die Themen von Jeremy Bentham, dem Begründer des Utilitarismus. Beide betrachten Menschen eher als einen Haufen von Empfindungen denn als selbstbestimmte Wesen. Wenn irgendjemand die Vorstellung einer Überwachungsgesellschaft schuf, dann war es Bentham, dessen Panoptikum - das ideale Gefängnis, das seine Insassen permanent unter Überwachung halten sollte - als Prototyp für viele Institutionen dienen sollte, für Arbeitshäuser, Fabriken, Asyle, Krankenhäuser und Schulen... Erstaunlich, wie Benthams Gefängnismodell Skinners Gesellschaftsmodell vorwegnimmt. Wer begreift, dass all dies auf die Ideen von Comte und Bentham zurückgeht, versteht auch die Big-Data-Utopien, die Google und Facebook antreiben. Ihr gemeinsamer Nenner ist der Szientismus der Aufklärung, das Menschen nur als mechanische Systeme kennt, in denen universale und unveränderliche Gesetze herrschen wie in der Physik. Zuboff sieht in der Aufklärung eine Stärkung individueller Autonomie und glaubt, dass der Überwachungskapitalismus das Projekt der Aufklärung und die 'liberalen Ideale von Freiheit und Würde' konterkariere. Aber Comte und Bentham stehen ebenso wie ihre Schüler Skinner und Pentland für eine illiberale Tradition der Aufklärung, derzufolge individuelle Autonomie als obsolete Fiktion verworfen wird. Es komme allein auf das gemeinsame Wohl an und das wird am besten in einer Gesellschaft erreicht, die von einer wissenschaftlichen Elite regiert wird, und diese regelt das Menschsei neu, indem sie alles auslöscht, was an ein autonomes Selbst errinert."

Magazinrundschau vom 29.01.2019 - New Statesman

Insgesamt hat Nordirland beim Referendum zu 56 Prozent gegen den Brexit gestimmt, aber die einzelnen Communities unterscheiden sich eklatant. Denn die Katholiken stimmten zu 89 Prozent für Remain, die Protestanten nur zu 35 Prozent. Die Identitätspolitiken der probritischen Unionisten und proirischen Nationalisten wurden mit dem Karfreitagsabkommen nur wenig entschärft, fürchten die Historiker Colin Kidd und Ian McBride, doch mit dem Brexit würden sie wieder gravierend verschärft: "Ironischerweise ist die einzige Demarkationslinie, die das Karfreitagsabkommen unsichtbar gemacht hat, die Grenze zwischen Nordirland und der Republik. Die irische Grenze ist fast hundert Jahre alt. Ihr erratischer Verlauf - der oft Häuser und Höfe teilt - folgt keinen natürlichen Merkmalen. Er spiegelt auch nicht die Wünsche der Gemeinden wider. In den ersten 75 Jahren seines Bestehens beharrte Irland darauf, dass die Teilung Irland illegitim sei, und irische Diplomaten waren angewiesen, niemals das Wort 'Nordirland' in den Mund zu nehmen. Die Katholiken in Ulster versuchten immer wieder, die Grenze mit demokratischen oder gewalttätigen Mitteln niederzureißen, auch wenn die Trennlinie von Demokratie und Gewalt der halben Million Katholiken nicht leicht zu erklären war, die in einem Ministaat gefangen waren, der eine dauerhafte protestantische Mehrheit garantieren sollte. Von Dublin gehasst, von London nicht geliebt hat diese Grenze trotzdem länger als die Sowjetunion oder Jugoslawien gehalten. Ihre umkämpfte Geschichte hält wichtige Lehren für die heutige britische Politik bereit. Eine davon und nicht die unwichtigste ist, dass die Teilung Irland selbst als eine Art Backstop galt, eine vorübergehende Lösung, die solang gelten sollte, bis Unionisten und Nationalisten sich versöhnt hätten."

Magazinrundschau vom 15.01.2019 - New Statesman

Der New Statesman druckt eine Rede von Chimamanda Ngozi Adichie, in der die nigerianische Schriftstellerin erklärt, warum sie keine afrikanische Autorin sein will. Dabei sei vieles an ihr durchaus "afrikanisch", wie sie betont: ihre literarische Tradition, der besondere Mix aus Ehrgeiz und Defensive, die Nervosität, mit der viele Afrikaner nach Bestätigung suchen. Aber Adichie will keine afrikanische Schriftstellerin sein, wenn es gelte, Loyalitäten einzufordern, wie von jenem jungen Mann auf einer Veranstaltung in Lagos, der ihr ihre politische Haltung vorwarf: "Er bezog sich auf meine Gegnerschaft zu einem nigerianischen Gesetz, das Homosexualität kriminalisiert, ein Gesetz, das ich nicht nur für zutiefst unmoralische halte, sondern auch politisch zynisch. Er bezog sich auch auf eine Rede, die ich kürzlich über den Feminismus hielt und bei der ich Beispiele aus dem nigerianischen Alltag benutzte, um eine überfällige Debatte zum Status von Frauen in Gang zu setzen. Entscheidend war jedoch nichts so sehr, dass dieser junge Mann nicht einverstanden mit mir war, sondern um die Sprache, die er benutze, die Sprache der Staatsbürgerschaft. Ich als Afrikanerin könnte doch nicht behaupten, Feministin zu sein, weil sich Feminismus und Afrika gegenseitig ausschlössen. Feminismus sei eine Krankheit des Westens, eine, die ich mir zu eigen gemacht hätte, seit ich im Westen infiziert wurde. Und was die Homosexualität betrifft, sei mein Kampf für die Rechte von Lesben und Schwulen eine Missachtung afrikanischer Kultur."

Weiteres: George Eaton befragt Slavoj Žižek zu Trump, Brexit und dem wie er meint unaufhaltsamen Niedergang liberaler Vorherrschaft. Und Andrew Harrison beschreibt, wie sich die Musikindustrie von ihrem Beinahetod erholt hat. Für die Musiker gelten jetzt allerdings die gleichen Regeln wie für alle anderen Content-Provider in der digitalen Ökonomie: "Man muss mehr arbeiten für weniger Geld, und man muss alles selber machen."

Magazinrundschau vom 08.01.2019 - New Statesman

Die Erben von Schriftstellern haben es Biografen schon immer schwer gemacht, mit dem Nachlass zu arbeiten, stellt Leo Robson fest, entweder um das Ansehen der Gestorbenen nicht zu gefährden - wie Percy Shelleys Witwe oder Jane Austens Schwester. Oder um besser bei Broadway und Fernsehen abkassieren zu können - wie die Erben von T.S. Eliot, die keinen Biografen an dessen unveröffentlichte Manuskripte ließen, aber nichts dabei fanden, dass Andrew Lloyd Webber Eliots Gedichte gegen dessen ausdrücklichen Wunsch für "Cats" vertonte. Mittlerweile ziehen sich immer mehr Biografen an die Universitäten zurück oder schreiben wie Peter Ackroyd über unbelebte Sujets wie "London" oder "Die Themse", aber manchmal rächen sie sich auch fürchterlich, erzählt Robson fröhlich: Die Autorin Lee Israel etwa wurde beim Schreiben einer Biografie von Estée Lauder übel ausgebootet, verlor alles Ansehen und endete als Alkoholikerin: "Israel war von Bestseller-Apanagen auf Sozialhilfe abgestürzt, wie sie in ihren Erinnerungen 'Can You ever Forgive me' beschwingt schreibt, und sie entschied sich, um ihre Brötchen zu verdienen, zu einer Form symbolischer Biografen-Vergeltung: Mit Hilfe alter Schreibmaschinen begann sie, Dutzende von literarischen Briefen zu fälschen, die sie an unerfahrene oder skrupellose Händler in New York verkaufte. Israels Fälschungen richteten sich vor allem gegen eine Person, die besonders hartnäckig biografische Anstrengungen vereitelt hatte: die Dramatikerin Lillian Hellman, eine eiserne Testamentsvollstreckerin ihres Mannes Dashiell Hammett und ihrer Freundin Dorothy Parker. Israels Quelle für die Hellman-Imitationen war ein Brief, den sie selbst erhalten hatte und der ihr ein Interview für ihr Bankhead verwehrte: 'Sie war eine schwierige Frau, aber zum Glück war ihre Handschrift einfach.'"

Magazinrundschau vom 20.11.2018 - New Statesman

Nein, Wellington hat nicht allein bei Waterloo gesiegt, sondern mit Hilfe der Preußen. Auch die Franzosen haben die Demokratie in der Welt vorangebracht, und das englische Empire war kein Reich der Freiheit und nationaler Größe. Ziemlich erbost reagiert der Historiker Richard J. Evans auf die Versuche der Brexiteers von Boris Johnson bis Jacob Rees-Mogg, die englische Geschichte umzuschreiben, als hätte das Königreich seit 1066 allein auf der Welt die liberale Demokratie verteidigt und nichts mit Europa zu tun: "Erzählen Sie das mal den Monarchen des Mittelalters, die über das Reich von Anjou herrschten oder im Hundertjährigen Krieg kämpften, oder dem Niederländer Wilhelm III. oder den deutschen Königen aus dem Haus Hannover oder Königin Mary I., die sagte, wenn sie gestorben sei, werde man das Wort Calais, Englands letzter Besitz auf dem Kontinent, in ihrem Herzen finden können. Eineinhalb Jahrhundert nach Marys Tod gewann England auf dem Kontinent neuen Besitz, nämlich das Kurfürstentum und spätere Königreich Hannover, das in Personalunion zusammen mit England von 1714 bis 1837 regiert wurde. Französische Kultur, deutscher Protestantismus, Kunst und Essen aus Italien, europäischer Musik, Malerei und Literatur haben England immens beeinflusst. Die EU ist mit Abstand Britanniens größter Handelspartner und wirtschaftliche Verbindungen zum Kontinent reichen weit zurück, angefangen vom Textilhandel im Mittelalter bis zur Industriellen Revolution, als britische Ingenieure, Unternehmer, Eisenbahner und unzählige andere die ökonomischen Neuerungen über ganz Europa bis nach Russland verbreiteten. Die Bindungen zu den USA, von denen einige Brexiteers tönen, sind im Vergleich dazu recht schwach und unter Präsident Dondal Trump wenig verlässlich."

Magazinrundschau vom 30.10.2018 - New Statesman

"Die ödipale Macht ist in der männlichen irischen Literatur mindestens so stark wie in Star Wars, meint vergnügt der irische Autor Fintan O'Toole, der mit Hingabe Colm Tóibíns "funkelndes" kleines Buch "Mad, Bad, Dangerous to Know" über die Väter von Oscar Wilde, WB Yeats und James Joyce gelesen hat: "Es scheint ursprünglich den Titel "Verlorene Väter" getragen zu haben - der Phantomtitel erscheint auf der Innenseite des Umschlags. Er mag wegen Sir William [Wilde] fallen gelassen worden sein, auf den das Wort - mit seiner Anspielung auf verschwendetes Talent - schlecht gepasst hätte. Aber er hätte sicherlich gut für John Butler Yeats und John Stanislaus Joyce gepasst. Und doch ist die Freude an Tóibíns gelehrten, subtilen, witzigen und oft tief bewegenden biografischen Essays, dass die väterliche Verschwendung einer Generation zum Kraftquell neurotischer Energie für die nächste Generation werden kann. ... Ödipus kam, soweit wir wissen, nicht aus Dublin, ebenso wenig wie Turgenjew, Edmund Gosse oder Edward St. Aubyn. Aber wenn es sich bei Vatermord um einen importierten Geschmack handelt, ist es, wie beim Teetrinken, einer, der den einheimischen Gaumen sehr anspricht. In dem irischsten aller Theaterstücke, John Synges 'The Playboy of the Western World', tötet Christy Mahon zweimal seinen Vater und wird zumindest beim ersten Mal dafür wegen seiner Kühnheit verehrt. Bernard Shaw hegte eine solche Verachtung für seinen Vater, dass er seinen eigenen Vornamen George fallen ließ, weil dieser ein väterliches Erbe war. 'Ich will kein Vater sein', sagt der Dauphin in 'Saint Joan', 'Und ich will kein Sohn sein.' Shaw gab das Versicherungsgeld, das nach dem Tod des armen George Shaw fällig wurde, für einen neuen Anzug von Jaeger und ein Paket Kondome aus."

Lesen kann man außerdem eine Rede von Elif Shafak über die Bedeutung des Romans in Zeiten der Wut.