Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

196 Presseschau-Absätze - Seite 10 von 20

Magazinrundschau vom 21.08.2018 - New Statesman

Künstliche Intelligenz ist bequem und verdammt effizient, weiß Jamie Bartlett, Direktor des Centre for the Analysis of Social Media,  aber leider auch verdammt undemokratisch. Denn sie untergräbt die alles entscheidende Prämisse, dass Menschen die besten Entscheidungen fällen. Verglichen mit einem Algorithmus erscheinen Menschen irrational, ineffizient und dumm. Aber nicht nur das: "In den letzten zweihundert Jahren gab es einen Kreislauf, der sich praktischerweise selbst verstärkte: Individuelle Freiheit war gut für die Wirtschaft, und diese Wirtschaft brachte mehr gutsituierte Menschen hervor, die wiederum Freiheit schätzten. Was also, wenn diese Verbindung geschwächt wird? Was, wenn wirtschaftliches Wachstum in Zukunft nicht mehr von individueller Freiheit und unternehmerischem Geist abhängt, sondern von finanzieller und intellektueller Verfügungsgewalt über die klugen Maschinen, die Forschung, Produktivität und Unternehmen steuern? Es gibt keinen Hinweis, dass eine zentral geplante, staatlich kontrollierte Wirtschaft in diesem neuen Zeitalter nicht blühen könnte. Die letzten Jahre legen sogar nahe, dass digitale Technologie perfekt unter monopolististischen Bedingungen funktionierte: Je größer ein Unternehmen, desto mehr Daten und Rechenleistung bekommt es und desto effizienter wird es; je effizienter es wird, desto mehr Daten und Leistung bekommt es, in einem sich selbst perpetuierenden Kreislauf."

Magazinrundschau vom 08.05.2018 - New Statesman

Wie so viele in diesen Tagen fragt auch Paul Mason, was von Marx noch übrig sei und hält ausgerechnet den Text hoch, der von wahren Marxisten im Giftschrank gehalten wurde: Das Pariser-Manuskript von 1844, in dem Marx schrieb, der Mensch müsse sich nicht nur vom Kapitalismus emanzipieren, sondern von sich selbst: "Das Manuskript von 1844 enthält eine Idee, die dem Marxismus abhanden gekommen ist: die Vorstellung vom Kommunismus als einem radikalen Humanismus. Kommunismus, sagte Marx, ist nicht nur die Aufhebung des Privateigentums, sondern die 'Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen... als vollständige Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d. h. menschlichen Menschen.' Kommunismus, sagte Marx, sei nicht nicht das Ziel menschlicher Geschichte. Es ist nur die Form, die sich die Gesellschaft nach 40.000 Jahren hierarchischer Organisation geben wird. Das wahre Ziel menschlicher Geschichte ist individuelle Freiheit und Selbstverwirklichung."

Bereits in der vorigen Woche blickte Chris Bickerton auf das Zerfall der Sozialdemokratie in Europa. Für ihn ist sie nicht nur Opfer der Globalisierung, sondern auch der europäischen Einigung: "Linke Politik glaubt zumindest an zwei zentrale Dinge: an die Macht der Politik über den Markt und an die Existenz eines politischen Akteurs - den Staat, das Parlament, die Partei - , der diese Macht ausüben kann. Wenn es aber keinen Akteur gibt, und keine Domäne, die wir noch wirklich politisch nennen können, macht dann sozialer Wandel durch gewählte Repräsentanten überhaupt noch Sinn? Die Ansicht, dass linke Politik machtlos gegenüber den entfesselten Kräften einer globalisierten Ökonomie ist, gilt mittlerweile als Klischee. Aber sie ist nie überzeugend widerlegt worden. Und es gibt keinen Beleg, dass die Europäische Union die Schwäche der Nationalstaaten ausgleichen kann. Die 'immer engere Union' scheint nationalen Regierungen Macht entzogen zu haben, ohne sie auf europäische Ebene neu gebündelt zu haben. Das lässt jedes politisches Projekt, das sich eindeutig auf die Macht einer Regierung verlässt, die Ungleichheiten des Kapitalismus auszugleichen, in einem unbequemen Niemandsland. Ohne echte Handlungsmacht ist es gefangen in dem, was der deutsche Soziologe Claus Offe, 'die europäische Falle' nennt. Für Offe lautet das Problem auf europäischer Ebene nicht: Was tun? Sondern: Wer könnte es denn?"

Magazinrundschau vom 03.04.2018 - New Statesman

Auch im New Statesman schreibt John Gray, hier bespricht er allerdings Richard Vinens Buch "The Long '68". Und auch wenn er betont, dass 1968 eine politische und kulturelle Bewegung gegen das britische ancien regime mit seiner Erbmonarchie, Staatskirche und aristokratischem Oberhaus war, stellt er doch fest, dass die 68er ökonomisch sehr ambivalent waren: "Die 68er spielten in den industriellen Konflikten der siebziger und achtziger Jahren kaum eine Rolle. Das Erbe von 1968 kam erst in den Neunzigern zum Tragen, als die einstigen Achtundsechziger - Joschka Fischer, Bill Clinton, Jack Straw und andere - als erklärte Reformisten in hohe Ämter kamen. Es ist kein Zufall, dass niemand unter den 68ern so etwas wie eine systematische Kritik jener Ökonomie hervorbrachte, die sie so verachteten... Der hedonistische Lebensstil der späten sechziger Jahre produzierte Konsumenten in großer Zahl. Vinen warnt davor, das Kapitalistische an 1968 zu übertreiben. Nur wenige von denen, die 1968 Antikapitalisten waren, wurden später zu seinen glühenden Anhängern. Doch der Kult der Individualität, der unter den 68er mit der theoretischen Verehrung kollektiver Ökonomie einherging, ebnete den Weg zu Margaret Thatcher und Ronald Reagan."

Magazinrundschau vom 06.02.2018 - New Statesman

Der bulgarisch-britische Intellektuelle Ivan Krastev umreißt in großen Zügen die europäischen Krisen der vergangenen Jahre. Weder die Finanzkrise noch der Brexit, meint er, sind für die EU so einschneidend gewesen wie die Flüchtlingskrise: "Migration ist die neue revolutionäre Kraft geworden. Es ist keine Revolution der Massen wie im 20. Jahrhundert, sondern eine von Einzelnen und Familien auf der Flucht betriebene. Um erfolgreich zu sein, braucht diese neue Revolution keine kohärente Ideologie, keine politische Bewegung und keine Führung. Über die Grenzen in die EU zu gelangen, ist attraktiver als jedes Utopia. Wandel heißt für die Verdammten dieser Erde heute, in ein anderes Land zu gehen, nicht zu bleiben und die Regierung zu ändern. In den neunziger Jahren sah sich die EU gern als ein einzigartiges postmodernes Imperium, umgeben von Ländern, die ihm unbedingt beitreten wollten. Wie andere Imperien zuvor, machte sie sich für Recht, Frieden und Handel stark. Der Unwillen, endgültige Grenzen festzulegen, war ein entscheidendes Charakteristikum des europäischen Projekts. Die Flüchtlingskrise jedoch zwang die europäischen Eliten nicht nur, die Grenzen der Union festzulegen, sondern auch die Vision 'offener Grenzen' einer Realität anzupassen, in der Migration die neue Revolution ist. Eine Dekade zuvor kam es den Europäer darauf an, ihre Nachbarn zu verändern, ihre größte Sorge ist heute, nicht von Russland und der Türkei verändert zu werden."

Magazinrundschau vom 23.01.2018 - New Statesman

Amerika ist auf dem besten Weg, eine illiberale Oligarchie nach osteuropäischem Muster zu werden, und die andauernde Empörung über Donald Trumps irrlichternde Persönlichkeit lenkt davon nur ab, fürchtet John Gray nach der Lektüre von Michael Wolffs Report "Fire and Fury". Wolff übersehe, dass von vornherein mehr Macht bei der reaktionären Milliardärin Rebekka Mercer lag als bei Steve Bannon: "Es ist schwer vorstellbar, dass die Russland-Ermittlung eindeutig genug Beweise erbringen wird, um Trump zum Rücktritt zu zwingen. Auf seine Präsidentschaft ist zu viel Geld gesetzt, als dass ein Gerichtsprozess sie beenden würde. Wie viele seiner 'White Trash'-Anhänger insgeheim geahnt haben dürften, hat sich dieser Präsident als ein Diener eben jener Oligarchie erwiesen, die zu verachten er vorgibt. Die Linke, die sich unaufhörlich über seine gestörte Persönlichkeit auslässt, versteht nicht, worum es geht. Während er auf Twitter große Töne spuckt, werden in ganz Amerika neue Bundesrichter ernannt, die gegen affirmative actions sind, gegen Schwulenrechte, Abtreibung und eine intervenierende Regierung. Der regulierende Staat wird zerschlagen und der Umweltschutz abgebaut. Diese politische Veränderungen werden nicht so schnell revidiert werden können. Die amerikanische Regierung wird grundlegend neugeformt - dort, wo konservative Richter das Sagen haben, wahrscheinlich für Generationen. Zugleich wird die Macht des großen Geldes in der Politik festgezurrt."

Außerdem: Nicholas Shakespeare bescheidet Boris Johnson und allen anderen Briten, die gerade Churchills Führungsstärke herbeisehnen, dass es Loyalität war, die Großbritannien in der vielzitierten "schwersten Stunde" stark gemacht hat - und den alten Haudegen zum Premier und Kriegshelden.

Magazinrundschau vom 16.01.2018 - New Statesman

Regierungen sind frustriert, die Internet-Konzerne desinteressiert, und Peter Pomerantsev muss feststellen, dass es auch mit langwierigsten Recherchen unmöglich ist, den Hackern, Trollen und Botnets beizukommen, die mit ihren Kampagnen für Rechtspopulisten, den Kreml oder den IS die Öffentlichkeit vergiften und Stimmung gegen die westlichen Demokratien machen. Noch unbehaglicher wird ihm mit David Patrikarakos' Buch "War in 140 Characters": "Er macht uns mit den Leuten an der Front der digitalen Kämpfe bekannt, den Menschen hinter den Internet-Konten: russische Trolle mit Schuldgefühlen, vom IS online angeworbene junge Frauen, Facebook-Detektive, die Putins Lügen aus den Schlafzimmern ihrer englischen Vororte entlarven. Das sind allerdings nicht bloße Touristen im Informationskrieg. Patrikarakos hat eine provokante These: Er glaubt, dass Soziale Medien sowohl den Nationalstaat als auch den Krieg transformieren. Wir können nicht mehr davon sprechen, dass eine Nation eine andere durch Propaganda bekämpft: Auf dem Feld wimmelt es von einzelnen Akteuren, jeder ein kleiner Propagandastaat für sich. In dieser postnationalen Landschaft ist auch die Idee des Kriegs verändert. Es gibt keine klare Trennung mehr zwischen Krieg und Frieden, diese Vorstellung gehört zu einer Logik internationaler Beziehungen, nach der allein Nationen über die Autorität verfügen, einen Krieg zu erklären und Frieden zu schließen. Stattdessen gibt es ein Knäuel von Spannungen, unentwirrbar und voller Ungewissheiten."

Magazinrundschau vom 14.11.2017 - New Statesman

Ewiges Leben, Verjüngung, Erschaffung des Supermenschen - in den letzten hundert Jahren haben sich die Vorstellungen von der Zukunft nicht wesentlich geändert, stellt John Gray nach der Lektüre von Peter Bowles "History of the Future" fest, die untersucht, wie unterschiedliche Zukunftsvorstellungen in den ersten zwei Dritteln des 20. Jahrhunderts Literatur, Wissenschaft und öffentliche Wahrnehmung prägten. In dem an interessanten Anekdoten reichen Buch, erfährt Gray nicht nur, dass der Schweizer Arzt Paul Niehans in den sechziger Jahren Fötengewebe von frisch geschlachteten Schafen in die Pobacken von Somerset Maugham, Charlie Chaplin, Marlene Dietrich, Thomas Mann, Konrad Adenauer oder Papst Pius XII spritzte, sondern er liest hier auch, dass viele progressive Denker die neuen Technologien gern aufnahmen, um sie für regressive Zwecke zu nutzen, wie Bowler am Beispiel von H.G. Wells Einstellung zur Eugenik zeigt: "Wie Bowler bemerkt, freute sich Wells auf eine Zukunft, in der 'die Unfähigen schmerzlos beseitigt, die psychisch Kranken zum Selbstmord aus Pflichtgefühl ermuntert und die unterlegenen Rassen der Welt aussterben würden'. Als er in seiner 1901 erstmals veröffentlichten, wissenschaftlichen Studie 'Anticipations' über die Zukunft der 'Schwärme von schwarzen und gelben und braunen Menschen', die aus Gründen der Effizienz in einem wissenschaftlich geordneten Weltstaat 'nicht gebraucht' würden, nachdachte, kam Wells zu dem Schluss, dass diese und andere 'ineffizienten' menschlichen Gruppen verschwinden müssten: 'Die Welt ist keine gemeinnützige Einrichtung, und ich nehme an, sie werden gehen müssen.' Hier drückte Wells eine Sicht auf den menschlichen Fortschritt aus, die er nie revidierte."

Magazinrundschau vom 25.07.2017 - New Statesman

Im Sauseschritt düst David Marquand durch die Geschichte des Populismus, dessen Beginn er auf Robespierres Ausspruch datiert: "Das Volk ist erhaben, der einzelne Mensch ist schwach": "Populisten verklären nicht nur die Vergangenheit, sondern auch das Volk. Diejenigen, für die sie zu sprechen vorgeben, sind einheitlich, homogen und unveränderlich. Populisten haben nichts als Verachtung übrig für Tocquevilles Einsicht, dass die stets drohende Tyrannei der Mehrheit nur durch eine Vielzahl ausgleichender Institutionen unter Kontrolle gehalten werden kann, durch Gemeinden, Gerichte und eine freie Presse, und vor allem durch die Teilung der Gewalten. Für Populisten ist die Tyrannei der Mehrheit eine Schimäre, erfunden von abgehobenen und ängstlichen Eliten. Gerichte, die dem unmittelbaren Willen des Volkes im Weg stehen, werden zu 'Feinden des Volkes', wie die Daily Mail schrieb. Dabei besteht keine Notwendigkeit, Minderheiten zu beschützen: Entweder sind sie Teil des Ganzen, dann brauchen sie keinen Schutz, oder sie schließen sich selbst aus, dann verdienen sie ihn nicht."

Weiteres: In höchsten Tönen preist Stuart Kelly Brian Dillons Band "Essayism" als elegische Studie über Literatur, Schönheit und Melancholie.

Magazinrundschau vom 04.07.2017 - New Statesman


Wyndham Lewis: The Crowd (1914-15).Tate, London 2017

Michael Prodger begrüßt im New Statesman die Rehabilitierung des lange verfemten englischen Autors und Malers Wyndham Lewis durch eine große Schau im Imperial War Museum in Manchester. Als Mensch hatte sich Lewis durch einen kurzen Flirt mit dem Faschismus denkbar unbeliebt gemacht, Hemingway unterstellte ihm gar "den Blick eines erfolglosen Vergewaltigers". Aber als Künstler, betont Prodger, war Lewis nicht weniger als der Begründer des Vortizismus, Großbritanniens einziger echter Avantgarde: 'The Crowd' (1914-15) ist das reinste Beispiel des Vortizismus, es zeigt ein schemenhaftes Metropolis - halb Fritz Lang und halb ein verunglückter Mondrian -, durch das winzige, nur angedeutete Figuren krabbeln. Eine Fahne und Männer mit Spruchbändern deuten auf einen Aufstand hin, doch man spürt auch Lewis' Überzeugung, dass der moderne Mann im Grunde ein entmenschlichter Automat ist, getrieben von seinen niedersten Leidenschaften."

Magazinrundschau vom 11.07.2017 - New Statesman

John Gray, der dunkle Prinz des Konservatismus in der britischen Philosophie, nutzt den Horror des entfesselten Irrationalismus, den Keith Lowe in seinem Buch "The Fear and the Freedom" über den Zweiten Weltkrieg reflektiert, um seine alte Leier zu wiederholen, dass es eigentlich Aufklärungsideeen gewesen seien, die im 20. Jahrhundert in Horror umschlugen - als sei Vernunft, die den Zweifel abschaltet, immer noch Vernunft: "Sowjetischer Kommunismus und Maoismus waren beides Träume der Vernunft, die die willkürlichen gewachsenen Gesellschaften der Vergangenheit durch bewusst gestaltete Alternativen ersetzen wollten. Die menschlichen Kosten dieser Regimes - die vielleicht nicht ganz so groß waren wie die des Zweiten Weltkriegs, aber annähernd - mussten bezahlt werden, weil ganze Bevölkerungen gezwungen wurden, ein rationales Modell von Gesellschaft zu akzeptieren, das nicht funktionieren konnte." Gray ist so verliebt in seine These, dass er nicht fragt, was rational an einem Modell sein soll, von dem klar ist, dass es nicht funktioniert.