Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

584 Presseschau-Absätze - Seite 57 von 59

Magazinrundschau vom 24.02.2003 - London Review of Books

Wo man hinsieht, herrscht Krieg, wenn auch nur auf dem Papier. So auch in der London Review.

"Wo ist Blair da bloß reingeraten?" fragt Conor Gearty und meint die rückhaltlose Schulterschluss-Politik mit den USA. Blairs "größte Fehleinschätzung", so Gearty, betreffe die "besondere Beziehung" zwischen den USA und Großbritannien, von der immer wieder die Rede sei. Zwar gibt es diese durchaus, meint Gearty, doch "was die Öffentlichkeit sieht, ist, dass der Premierminister immer wieder nach Washington fährt, um mit dem mächtigsten Mann der Welt privat darüber zu sprechen, wie die britischen Streitkräfte bei einer aggressiven Militäraktion, die tausende Meilen von zu Hause entfernt stattfinden soll, behilflich sein können. Am Vorabend des Krieges sind Blairs Doktrinen der Weltgemeinschaft und der besonderen Beziehung darauf reduziert worden."

Michael Byers ist besorgt über die zunehmende Nachlässigkeit, mit der die US-Regierung internationale Kriegsrechts-Abkommen behandelt. Er sieht dabei einen Zusammenhang zu Amerikas hochentwickeltem Waffenarsenal, mit dem die USA jeden Krieg gewinnen können, ohne dabei ihre Soldaten einer hohen Gefährdung auszusetzen. "So haben einige US-Politiker angefangen, den Krieg nicht als hochriskanten letzten Ausweg, sondern als attraktive Option der Außenpolitik in Zeiten innenpolitischer Skandale oder wirtschaftlicher Schwäche zu betrachten. Diese veränderte Denkweise hat schon zu einem ungenierteren Umgang mit dem 'jus ad bellum' (das Kriegsrecht, das das Eintreten in den Krieg legitimiert) geführt, wie die Bush-Doktrin der vorbeugenden Selbstverteidigung zeigt. Ähnliche Auswirkungen beginnen sich in Hinblick auf das 'jus in bello' (das über die Art der Kriegsführung wacht) abzuzeichnen. Wenn Krieg als gewöhnliches Mittel der Außenpolitik gesehen wird - 'Politik mit anderen Mitteln' - dann stören politische und finanzielle Betrachtungen das Gleichgewicht zwischen militärischer Notwendigkeit und menschenfreundlichen Bedenken. Soldaten werden bei lebendigem Leib begraben, weil die Leute zu Hause keine Leichensäcke mögen."

Weitere Artikel: Aus Tel Aviv schreibt Yitzhak Laor, Normalität sei in Israel zu einem "nationalen Wert" geworden, bedeute inzwischen jedoch nichts anderes als "Gleichgültigkeit". Tatsache sei nämlich, dass jegliches Demokratieverständnis dieser Normalität zum Ofer gefallen sei. David Ramsbotham, britischer Generaladjutant im ersten Golfkrieg, hegt Zweifel daran, ob es gut ist, dass die schon überstrapazierte British Army in einen vorbeugenden Irak-Krieg hineingezogen wird. Und in Short Cuts denkt Thomas Jones über Menschen nach, die darüber spekulieren, was in anderer Leute Kopf vor sich geht.

Besprochen werden Bevis Hilliers "New Fame, New Love", eine 700 Seiten starke Biografie des Dichters John Betjeman (mehr hier), die laut Rezensent Ian Sansom eine "herrliche Zeitverschwendung" ist. Die Ausstellung "Constable to Delacroix: British Art and the French Romantics" in der Londoner Tate Gallery , die Peter Campbell begeistert hat und für die er in Alexandre Dumas' "Graf von Monte Christo" einen geeigneten Wegbegleiter gefunden hat.

Magazinrundschau vom 10.02.2003 - London Review of Books

Thomas Mann ist ein unverstandener Modernist, erklärt Michael Wood in einem herrlichen Artikel, der zwei Neuerscheinungen (darunter Hermann Kurzkes Mann-Biografie) zu Thomas Mann gewidmet ist. Mann habe den Roman zwar nicht wie Joyce zur Explosion gebracht, ihn aber ironisch vermint, was gerade von der bildungsbürgerlichen Leserschaft unbemerkt bleiben musste. Und diese gutgekleidete Ironie beschränke sich keineswegs nur auf Manns Fiktion, wie Wood an einer Anekdote um Arnold Schönberg und den "Doktor Faustus" veranschaulicht. "Schönberg hatte die Vorstellung von einer Zukunft, in der er selbst aus dem menschlichen Gedenken verschwunden sein würde, und in der jeder denken würde, Mann habe die Zwölfton-Musik erfunden. Scheinbar gnädig und mit einiger stark disziplinierter Irritation erklärte sich Mann einverstanden, in allen zukünftigen Ausgaben des Romans eine Anmerkung einzufügen (...): 'Es scheint nicht überflüssig, den Leser zu verständigen, dass die im XXII. Kapitel dargestellte Kompositionsart, Zwölfton- oder Reihentechnik genannt, in Wahrheit das geistige Eigentum eines zeitgenössischen Komponisten und Theoretikers, Arnold Schönbergs, ist'." Wobei für Wood klar ist, "dass der Satzanfang genau das meint, was er so sorgfältig zu sagen vermeidet". Schönberg habe vor Wut getobt, vor allem über den Ausdruck "eines zeitgenössischen", der seiner Paranoia, seine eigene Epoche nicht zu überdauern, nur zu sehr entgegen kam. Die Kontroverse sei daraufhin weitergegangen und Mann habe sich "durchweg tadellos korrekt" verhalten. "Aber Korrektheit schließt einen Tick stiller Boshaftigkeit nicht aus. Was hätte es ihn gekostet, 'der zeitgenössische Komponist und Theoretiker Arnold Schoenberg' zu sagen, oder einfach 'Arnold Schoenberg'?"

Weitere Artikel: Andrew Berry zeigt sich skeptisch, was die stark biologisierende Evolutionstheorie von W. D. Hamilton angeht und findet, dass Hamilton vor allem da, wo er sich nicht mit Menschen, sondern mit "den seltsamen Insekten, die er liebte" beschäftigt, Großes geleistet hat. Robert Brenner kann sich nur wundern, dass man so erstaunt tut angesichts der jüngsten Management-Skandale um die amerikanischen Firmen-Giganten. Risiko und Spekulation habe es in der amerikanischen Wirtschaft schon immer gegeben, mehr noch, sie hätten sie überhaupt erst dahin gebracht, wo sie jetzt ist, nämlich an der Weltspitze. Seit seinem Amtsantritt hat Tony Blair vor allem eins vergessen, meint Thomas Jones, nämlich dass er zur Labour-Partei gehört. Schließlich schreibt Andrew Saint über den Wiederaufbau des von den Allierten zerbombten Le Havre, dessen Held nicht etwa der Projektleiter Auguste Perret war, sondern dessen rechte Hand Jacques Tournant.

Magazinrundschau vom 27.01.2003 - London Review of Books

Glen Newey amüsiert sich königlich über die nur scheinbar überlebte britische Monarchie. Denn wie kann etwas überlebt sein, das sich mit solcher, seinen Gegnern spottenden Beharrlichkeit hält? Doch wie lange werden sich die Royals noch als unverzichtbar ausgeben können? "Die interessanteste Frage, was die Monachie betrifft, ist, wie diese Institution es schafft, in Anbetracht ihrer Absurdität, weiter hin- und herzuschwanken und sich sogar bei Gelegenheit als Stimme der Besitzlosen auszugeben. Dahinter steckt das unübersehbare Dilemma, das die Monarchie des dritten Jahrtausends befällt. Wie kann die Existenz von so steinreichen und nicht-so-machtlosen Windsors mit den demokratischen Idealen der politischen und zivilen Gleichheit vereinbart werden?" Worauf Newey eine Dallas-würdige Antwort gefunden hat: "Der einzige Grund, warum die Queen und ihresgleichen die Rolle der Gallionsfigur der Nation auf glaubhaftere Weise spielen als ein gewählter oder ausgeloster Präsident, ist, dass ein Clan, der von Entfremdung, mehrfacher Scheidung, Ehebruch, Alkoholismus und sporadischen Psychosen zerrissen wird, die tatsächlichen Familienwerte veranschaulicht. (?) Die Royals mögen, wie Familien nun mal sind, primitiv, habgierig und sadistisch sein. Aber sie gehören zu uns, und wir können nicht anders, als sie zu lieben."

In Short Cuts prüft Thomas Jones die Granta-Auszeichnung für vielversprechende britische Schriftsteller auf Herz und Nieren und wundert sich über die Alterbeschränkung nach oben, schließlich könnten auch über 40-jährige Autoren vielversprechend sein. Dass keiner der Ausgezeichneten unter zwanzig ist, findet er allerdings angesichts der veröffentlichten Teenage-Literatur nicht weiter störend.

Weitere Artikel: Stefan Collini ist enttäuscht von Christopher Hitchens' Buch "Orwell's Victory" und befürchtet, Hitchens sei dabei, sich in einen "kein-Wenn-und-Aber-wir-müssen-uns-einfach-den-Tatsachen-stellen-Langweiler" zu verwandeln. Anatol Lieven hat Owen Bennett Jones' Buch über Pakistan gelesen und für gut befunden. Jones sitze nicht den üblichen Klichees auf und gebe auf komplexe Probleme komplexe Antworten. Schließlich denkt Peter Campbell über die Mies-van-der-Rohe-Ausstellung in der Londoner Whitechapel Gallery nach und zeigt sich angetan von der Verbindung zwischen Architektur und Philosophie, die das Schaffen des Architekten geprägt habe.

Nur im Print zu lesen ist, wie Martin Scorseses Film "Gangs of New York" der historischen Prüfung standhält.

Magazinrundschau vom 06.01.2003 - London Review of Books

Andrew O'Hagan hat sich gleich eine ganze Reihe von Star-Autobiografien (unter anderem von Geri Halliwell und Victoria Beckham) zu Gemüte geführt und kann sich bei soviel ausgebreitetem Schmerz und Märtyrertum in zum "Überlebenskampf" stilisierten Kindheiten nur den Kopf schütteln. Hier handele es sich offenbar um eine neue Art der Selbstdarstellung, denn die Stars klagten so einhellig, dass jedes einzelne dieser Bücher schlicht "Noch taumelnd vor Schmerz" heißen könnte. Leiden sei eben nicht nur schick, Leiden sei alles. "Für die neuere Art von Prominenten wird die Betrachtung der Niemand-Jahre zum gesicherten Weg die Jemand-Jahre und all die Exzesse, die damit einhergehen, zu rechtfertigen. Ruhm hat am Ende eine wesentliche moralische Komponente: Es ist die harte Arbeit der Selbsterhaltung, ein Gipfel der Vernunft, eine schallende Antwort auf das Rätsel des Lebens, eine Bündelung vorbildlicher menschlicher Fähigkeiten, die Träumerei einer perfekten und wohlverdienten Strafe, die ideale Entgegnung auf den Missbrauch in der Familie. Berühmt zu sein erscheint am Ende wie der erste Märtyrer-Preis, den die natürliche Ordnung vergibt. Die Beziehung zwischen Heiligkeit und Dummheit", schließt O'Hagan sarkastisch, "ist eine Verbindung, die in diesen Biografien zu tief für Tränen liegt."

In der Kurzgeschichte "Giving up the Ghost" beschreibt Hilary Mantel den Moment der "midlife". Eine Kostprobe: "Wenn du dich umdrehst und zurücksiehst, an den Jahren entlang, siehst du flüchtig die Geister anderer Leben, die du hättest leben können; in allen Häusern spukt es. Die Gespenster und Trugbilder kriechen unter deinen Teppichen und zwischen Kette und Schuss der Gewebe, sie lauern in Kleiderschränken und liegen flach unter Schubladenfächern. Du denkst an die Kinder, die du hättest haben können, aber nicht hattest. Wenn die Hebamme sagt, 'Es ist ein Junge', wohin geht das Mädchen? Wenn du glaubst schwanger zu sein, und bist es nicht, was passiert dann mit dem Kind, das schon in deinem Geist Form angenommen hat? Du ordnest es ein in eine Schublade deines Bewusstseins, wie eine Kurzgeschichte, die nie gezündet hat nach den ersten paar Zeilen."

Weitere Artikel: Ian Jack rollt die Geschichte der britischen Marine auf und hat in zwei Büchern viel Wissenswertes über das harte Leben an Bord gefunden: in Christopher McKees "Sober Men and True" und Peter Padfields "Rule Britannia". Peter Campbell schreibt über Albrecht Dürer und dessen Fähigkeit, aus Informationen zweiter Hand die Ikone des Nashorns zu machen (Ausstellung im British Museum). In den Short Cuts erinnert Mary-Kay Wilmers an den engagierten politischen Journalisten D.A.N. Jones, der das Schreiben aufgeben musste. Nur im Print zu lesen ist unter anderem, wie Alison Jolly sich "unter Lemuren" bewegt.

Magazinrundschau vom 16.12.2002 - London Review of Books

John Mullan ist davon überzeugt, dass die neue Oxford-Ausgabe von Samuel Richardsons Roman "Pamela" zum Standardtext werden wird. In der Tat werde in dieser Ausgabe ersichtlich, "warum Richardsons erster Roman so wichtig war". Denn lange Zeit sei "Pamela" aufgrund von entstellten und beschönigten Fassungen unterschätzt worden: "Seit langem sind die Akademiker damit beschäftigt, eine Genealogie des Romans auszuarbeiten, die Ian Watts Schilderung seines Aufstiegs via Defoe, Richardson und Fielding herausfordern würde. Doch die zahlreichen Vorgeschichten des Romans, die versuchen, Richardsons Leistung weniger überraschend erscheinen zu lassen, verkennen eine einfache Wahrheit: Seine Zeitgenossen waren der Meinung, Richardsons Schaffen sei beispiellos. Und vielen gefiel es nicht - aus genau diesem Grund."

Weitere Artikel: Verschiedene Persönlichkeiten aus der Film- und Theaterszene, unter anderem Vanessa Redgrave und Meryl Streep, erinnern sich an den kürzlich verstorbenen tschechischen Regisseur und "Grenzgänger" Karel Reisz, der unter anderem die britische Dokumentarfilmer-Bewegung "Free Cinema" mitbegründete. David Bromwich zeichnet ein ergriffenes Porträt des "natürlichen Schauspielers" James Stewart, der in der Lage war, in seiner Stimme "Halbgedanken und schattenhaftes Soufflieren" durchschimmern zu lassen, "wie sie nur ein erstklassiger Schriftsteller in Worte zu fassen vermag". Der Schriftsteller Jonathan Lethem berichtet über das Schicksal seines ägyptischen Cousins Saad Eddin Ibrahim, Professor für Soziologie an der amerikanischen Universität in Kairo, der wegen seiner "kontroversen Schriften über Minderheiten" unter Beschuss geraten und nun wegen Diffamierung der ägyptischen Gesellschaft zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Peter Campbell denkt nach über Londons alte Aushängeschilder und stellt fest, dass die Bindung zwischen der Architektur eines Gebäudes und dessen Funktion immer mehr verschwindet. In Short Cuts stellt Thomas Jones das Jahrbuch des Satire-Magazins "The Onion" vor, das mit seinen Artikeln regelmäßig für Aufsehen sorgt, und ist vor allem von Dave Eggers Einleitung begeistert.

Magazinrundschau vom 02.12.2002 - London Review of Books

In einer äußerst informativen und interessanten Besprechung lobt Neal Ascherson Antony Beevors Buch über die deutsch-russischen Gefechte um Berlin am Ende des Zweiten Weltkrieges. "The Fall of Berlin" sei einerseits eine eindrucksvolle "Erzählung" und andererseite eine "riesige Collage", die sich auf umfangreiche und "gut ausgewählte" Quellen stütze. Besonders Beevors Beschäftigung mit den von russischen Soldaten verübten Vergewaltigungen habe Aufsehen erregt. Nicht dass diese Informationen neu gewesen wären, "doch das Hinschauen wurde nicht ermutigt". Denn "selbst wenn der Stalinismus abscheulich war, wer hätte den Ruf des einfachen russischen Soldaten beflecken wollen, der Europa vor Hitler gerettet hatte?"

Ross McKibbin ist entsetzt über das Vorhaben der britischen Regierung, in der Sekundarschule das Selektionsprinzip wiedereinzuführen. Dies sei nicht nur "unhistorisch", sondern beruhe auf der konservativen - und somit eigentlich regierungsfremden - Ansicht, das einheitliche Schulsystem sei "gescheitert". Und so ruft er die drei Gründe in Erinnerung, die damals zur Abschaffung des Zwei-Klassen-Systems geführt hatten: "Der erste war, dass Selektion eine riesige Vergeudung des nationalen Potentials darstellt. (...) Der zweite war politisch. Der demokratische Aufbau hängt von der Gemeinsamkeit sozialer Erfahrung ab. (...) Der dritte Grund war praktisch. Ein selektives Schulsystem schafft soziale Sackgassen."

Weitere Artikel: Iqbal Ahmed schildert sein Emigranten-Dasein in London und schließt mit dem entzauberten Satz: "Manchmal fühle ich mich, als hätte ich keinen anderen Wunsch als Kaschmir wiederzusehen und in Frieden zu sterben. Ein Emigrant zu sein bedeutet, ein erbärmliches Leben zu führen." Der Historiker Martin Jay wirft David Simpson vor, die These seines Buch "Situatedness" laufe auf einen Rückzug vor der Verantwortung hinaus. Peter Campbell nimmt die Gainsborough-Ausstellung in der Londoner Tate Britain zum Anlass, den Maler ausführlich zu porträtieren.

Leider nur im Print zu lesen ist unter anderem eine Besprechung mehrerer Bücher zum Thema britische Identität - gerne hätten wir darüber etwas erfahren - und ein Artikel zur Türkei - nach der Wahl.

Magazinrundschau vom 18.11.2002 - London Review of Books

Stephen Holmes, Professor für Jura und Politische Wissenschaften in New York, schreibt über zwei Bücher, die, wie er findet, eine wichtige Frage beantworten, ohne sie zu stellen: Warum ist die Opposition der amerikanischen Linken gegen den unilateralen Kurs von Bush in der Irak-Frage derart schwach? Samantha Powers beantworte diese Frage in ihrem Buch "A Problem from Hell" implizit damit, dass die Linke, die in den neunziger Jahren ein humanitäres Eingreifen gegen Völkermord und Repression auch außerhalb des UN-Rahmens unterstützt hat, jetzt im Fall Saddam Husseins nicht dagegen ein kann. In "War in a Time of Peace", dem zweiten Buch, führe Autor David Halberstam, ein ehemaliger Alt-Liberaler, seine Wandlung vor, so Holmes. Das Buch diene als "Fenster in die Gedankenwelt jener, für die ein 'Regierungswechsel' nur heißt, ein übles System zu zerstören. Punkt. Und nicht, eine schlechte Regierung durch eine etwas bessere zu ersetzen, die Aussichten auf ein dauerhaftes Bestehen hätte."

Interessant ist auch die Besprechung von Philip Noyces Verfilmung des Graham-Greene-Romans "The quiet American", mit Michael Caine in der Hauptrolle. Thomas Jones meint, diese zweite Verfilmung biete einen neue Blick auf das alte Thema Amerika-Vietnam, habe insbesondere aber auch zu tun "...mit europäischen - vielmehr englischen oder auch noch französischen - Wahrnehmungen der Vereinigten Staaten. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Film auf sehr interessante Weise von dem Buch."

Weitere Artikel: Die Schriftstellerin Jenny Diski erklärt in einem Essay, warum sie sich nie mit der Vorstellung anfreunden konnte, Mode sei Kunst. Peter Campell stellt drei Ausstellungen über Mode vor: "Rapture: Art's Seduction by Fashion since 1970" und Modefotos von David LaChapelle im Barbican sowie eine Versace-Ausstellung im V&A. James Wood bespricht "Life of Pi", den Roman des Booker-Preisträgers Yann Martel. Leider nur im Print: James Meek über Michel Houellebecqs "Plattform".

Magazinrundschau vom 04.11.2002 - London Review of Books

Besonders lesenswert ist in dieser Ausgabe die Antwort von Richard Rorty (homepage) auf Bernard Williams (mehr hier und hier) Buch "Truth and Truthfulness: An Essay in Genealogy". Der erste, philosophische Teil des Buches, in dem, wie sich Rorty ausdrückt, "mein eigener Ochse aufgespießt wird", hat ihn natürlich nicht überzeugen können. Umso mehr lobt er den zweiten, mehr historischen Teil. Dieser "zeigt Williams große Stärke, - nämlich nicht mit anderen Philosophen zu streiten, sondern, wie Isaiah Berlin, uns die Wandlungen unseres Selbstbildes verstehen zu lernen, die unsere heutigen Institutionen, Intuitionen und Probleme geschaffen haben." Am Ende stimmt der Amerikaner Rorty dem Lob des Briten in feiner Ironie zu: Er sei in der Tat 'der größte lebende Philosoph Englands'. "Seit dem Tod von Isaiah Berlin - mit dessen Werk Williams eine große Kontinuität verbindet - ist in diesem Teil der Welt kein Philosoph so sehr und mit mehr Grund von seinen Kollegen bewundert worden als er."

Interessant auch ein Essay von Jeremy Harding, der sich wandelnden Lesarten der Natur, insbesondere des Wals, von "Moby-Dick" bis zur ökofreundlichen "Rettet die Wale"-Kampagne widmet. Die Veränderung hat, so Harding, Paul Keegan sehr schön zusammengefasst in seinem Ausspruch: "Das Bedrohliche der Natur ist ersetzt worden vom Gedanken der bedrohten Natur." Dies ist nachzuvollziehen an mehreren Studien, die Harding sich hier vornimmt.

Schließlich dürfen wir noch Lorraine Dastons Rezension von George Levines Studie "Dying to Know: Scientific Epistemology and Narrative in Victorian England" lesen. Nur im Druck: David Blackburns lobende Besprechung des Buches "Vergangenheitspolitik" von Norbert Frei; dieses Buch ist jetzt in englischer Übersetzung erschienen unter dem Titel "Adenauer's Germany and the Nazi Past: The Politics of Amnesty and Integration".

Magazinrundschau vom 14.10.2002 - London Review of Books

Besonders interessant ist der Artikel von Peter Campbell über das von Daniel Libeskind entworfene Imperial War Museum North in Manchester (das ?Mutterhaus' steht in London). Er findet das Gebäude aufregend und zitiert Libeskind, der schrieb, das Design sei "'fundamentally based on the contemporary world shattered into fragments and reassembled as an emblem of conflict'." Aber bei seinem Besuch in Manchester überzeugt das Gebäude Campbell dann nicht, und er meint, dass hier, ähnlich wie in Berlin, die skulpturale Qualität des Museums den in ihm präsentierten Inhalt übersteigt, und dass die "rhetoric of the architecture and of the sound and light show which justifies its darkness, scale and arrangement is out of step with the dispassionate analysis of war and of the sadness of death and destruction which the Museum's content examines without dramatic flourishes." Seine abschließende Betrachtung würdigt den Star-Architekten auf ambivalente Weise: "Libeskind has proved that expressive architecture is possible, that you can make wonderful buildings which do not feel empty even when there is nothing in them. But, sitting in the 'water' shard, my mind wandering around the concept of a fractured globe, I wondered - as I watched the ducks and took my tea - if it wasn't a bit like picnicking on the Cenotaph."

Weitere Artikel: Unter der Überschrift "Saddam's Nuclear Incapability" bespricht Norman Dombey die zwei Bücher "Iraq's Weapons of Mass Destruction: A Net Assessment" von Khidhir Hamza und "Saddam's Bombmaker: The Daring Escape of the Man who Built Iraq's Secret Weapon" von Jeff Stein. Rebecca Mead verreißt Alice Sebolds Roman "The Lovely Bones", der monatelang auf den US-Bestseller-Listen stand. Der Roman handelt von einem 14-jährigen Mädchen, das vergewaltigt und ermordet wird. Der Clou: Das tote Mädchen erzählt die Geschichte selbst - aus dem Himmel. "Cuteness, it turns out, is immortal. This is not only untrue; it's distasteful", meint Mead. Schließlich bespricht M. F. Burnyeat die Studie "Restraining Rage: The Ideology of Anger Control in Classical Antiquity" von William Harris.

Leider nur im Print: Perry Anderson über "Hobsbawm's Histories" unter der bezeichnenden Überschrit "Confronting Defeat".

Magazinrundschau vom 30.09.2002 - London Review of Books

Die LRB wartet mit gleich drei Artikeln zum drohenden Krieg gegen den Irak auf. Zum einen versucht Anatol Lieven von der Internationalen Carnegie-Friedensstiftung in Washington mit "The Push for War", hinter die Gründe eines, wie er meint, katastrophalen Krieges gegen den Irak zu kommen. Auf den ersten Blick sähen die langfristigen Vorzüge eines schnellen Sieges über den Irak für die USA wahrlich begrenzt aus, argumentiert er, während "the consequences of failure would be catastrophic. A general Middle Eastern confligration and the collapse of more pro-Western Arab states would lose us the war against terrorism, doom untold thousands of Western civilians to death in coming decades, and plunge the world economy in depression." Aber genau dies scheint in gewissem Sinne das Ziel zu sein, denn die wirklichen Gründe für diesen Krieg, so Lieven, seien eine "unilaterale Herrschaft über die Welt durch absolute militärische Überlegenheit" der USA, ein Land, so schließt er deprimiert, das sich anschickt zu einer "Bedrohung für sich selbst und die Menschheit" zu werden.

Der Artikel zum selben Thema von Charles Glass ist in ganzer Länge nur im Druck zu lesen, macht jedoch mit einem Teaser deutlich, worum es geht: einer historischen Erklärung britischer Prioritäten im Nahen Osten: "Iraq must go!" Und schließlich lässt uns der israelische Schriftsteller Yitzak Laor teilnehmen an seiner Besorgnis, dass ein Krieg gegen den Irak Anlass für Israel sein wird, einen großen Teil der Palästinenser aus dem Land zu werfen: "For when the Western press is full of reports of Anglo-American war aims defined in moral terms, who will notice towns and villages suddenly disappearing? How many noticed during this long and exhausting summer that most of the Palistinian people were under house arrest!"

Des weiteren schreibt James Wood über Zadie Smith (mehr hier) und Perry Anderson über Eric Hobsbawms (mehr hier) autobiografische Aufzeichnungen "Interesting Times", die er als eine Art fünften Band des epochalen Werks von EJHs empfindet und aufs Wärmste empfiehlt.