Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

584 Presseschau-Absätze - Seite 56 von 59

Magazinrundschau vom 28.07.2003 - London Review of Books

Charles Glass beobachtet, wie sich Amerikas Aufmerksamkeit gezielter auf Syrien richtet, und welche Schwierigkeiten dies für Syrien bedeutet: "Eine amerikanische Regierung, die unter Diplomatie Diktat versteht, hat kein Interesse daran, sich Syriens Darlegungen anzuhören: dass die Palästinenser einen legitimen, legalen Kampf führen, um die militärische Besetzung zu beenden; dass die Syrer, wie auch die Araber anderswo, an palästinensische Nationalrechte glauben; dass im Libanon die Hizbollah eine legale politische Partei ist, mit neun gewählten Parlamentsmitgliedern; dass Israel weitaus mehr Massenvernichtungswaffen, darunter mindestens 250 Nuklearsprengköpfe, besitzt als Syrien sich überhaupt je leisten könnte; dass die syrische Regierung, anstatt den islamischen Fundamentalisten zu helfen, ihnen bereits zwanzig Jahre vor dem 11. September den Kampf angesagt hat, namentlich in Aleppo und Hama; dass ein abrupter Abzug der Syrer aus dem Libanon die sunnitisch-muslimischen Fundamentalisten, die für Osama Bin Ladens Aufruf empfänglich sind, jeder wirksamen Kontrolle entziehen und den libanesischen Bürgerkrieg neu entfachen würde. 'Was können wir tun?' fragt Boutheina Shaaban vom syrischen Außenministerium. 'Wenn wir Ja sagen, werden sie weitere Dinge fordern. Sie verstehen nicht, dass es hier um Würde geht.' "

Richard Wollheim ist dem Ausstellungspfad der großen Nicolas-de-Stael-Retrospektive im Pariser Centre Pompidou gefolgt, und portätiert de Stael als "experimentellen Maler", was man sich folgendermaßen vorzustellen hat: "Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts strotzte nur so vor experimentellen Künstlern. Anders die zweite Hälfte, die zahlreiche innovative Künstler der einen oder anderen Art hervorbrachte. Der Unterschied dabei ist, dass der innovative Künstler innovativ arbeitet, um seinem Werk eine unverkennbare Erscheinung zu geben, während der experimentelle Künstler innovativ arbeitet, in der Hoffnung, die später bestätigt oder widerrufen wird, dass diese neue Erscheinung es ihm erlaubt, seinem Gegenstand gerechter zu werden."

Weitere Artikel: Jonathan Dollimore zeigt sich ziemlich unzufrieden mit der von Peter Wollen und Joe Kerr herausgegebenen Kulturgeschichte des Autos, "Autopia: Cars and Culture": Zu wenig Fließband, zu wenig Schmiere und zu wenig Autorennen. In Short Cuts beobachtet Thomas Jones, wie sich Wortbedeutungen verschieben, oder besser, wie die US-Regierung um George Bush die Bedeutungen einiger Wörter verschiebt, wie etwa "frei" oder "Terror". Und schließlich hat sich Peter Campbell im neu eröffneten Baltic Museum in Newcastle umgesehen.

Nur im Print zu lesen: Patrick Cockburns Tagebuch aus Bagdad.

Magazinrundschau vom 14.07.2003 - London Review of Books

Seitdem die Rechtfertigung des Irak-Krieges in Zweifel gezogen wurde, ist Tony Blair bei den Briten in Ungnade gefallen. So etwas, meint John Lanchester, hätte Margaret Thatcher nicht passieren können: "Ihr psychologisches und politisches Make-up basierte auf der Annahme: "Ich habe Recht." Sie genoss Uneinigkeit und Gegenwehr, und das Gefühl, dass sie sagte, was die Leute nicht hören wollten, von dem sie aber insgeheim wussten, dass es stimmte. Als sie in den Wahnsinn abrutschte, oder wenn nicht Wahnsinn, dann etwas ähnliches, tat sie es mit einer flammensprühenden Rechtschaffenheit, die alles bisher dagewesene an Wattzahl übertraf. Doch Thatcher hat nie behauptet, gut zu sein, sondern Recht zu haben. Blairs politische Persönlichkeit war immer auf der Annahme gegründet: "Ich bin gut." Seine unschuldige (dewy-eyed), leicht linkische Aufrichtigkeit - seine brillante und ausdrucksstarke Personfizierung ernster Ausdruckslosigkeit - war die ganze Zeit über mit seiner Selbstprojektion als "Guter Mann" verbunden."

Weitere Artikel: James Davidson widmet sich dem alten persischen Reich und zwei Büchern dazu, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Josef Wiesehöfers schlankes "Ancient Persia from 550 BC to 650 AD" und Pierre Briants enzyklopädisches "From Cyrus to Alexander: A History of the Persian Empire". Valerie Curtis und Alison Jolly haben in Cindy Engels Buch "Wild Health: How Animals Keep Themselves Well and What We Can Learn from Them" erfahren, wie Tiere sich selbst heilen, und sind der Meinung, dass wir davon eine Menge lernen können, zum Beispiel artenübergreifenden Epidemien wie der Rinderpest zu begegnen. Barry Schwabsky war bei der Bridget-Riley-Retrospektive in der Londoner Tate Gallery - und fand sie intensiv. Und in Short Cuts begeistert sich Thomas Jones für den von Hart Seely zusammengestellten Gedichtband mit Rumsfeld-Sätzen, "Pieces of Intelligence: The Existential Poetry of Donald H. Rumsfeld". Kostprobe:

"Das Rote Meer beginnt und endet
Und dann ist da eine Region
Gleich jenseits des Roten Meers
Und es könnte gut sein
Dass die Leute sich entscheiden, es zu tun
Bevor sie ins Rote Meer gehen
Oder nachdem sie dort sind -
Vielleicht, wahrscheinlich, sicherlich."

Leider nur im Print zu lesen ist, was David Runciman über den Sinn von Referenden denkt.

Magazinrundschau vom 23.06.2003 - London Review of Books

Für die London Review of Books liefert Edward Said (mehr hier) einige Anmerkungen zur Road Map, die für ihn weniger ein Plan zum Frieden als vielmehr zur Befriedigung ist. "Es geht allein darum, das Problem Palästina loszuwerden. Deshalb die ständige Wiederholung des Begriffs 'Performance' in der hölzernen Prosa des Dokuments - womit allein das Verhalten der Palästinenser gemeint ist: Keine Gewalt, keine Proteste, mehr Demokratie, bessere Politiker und Institutionen. All dem liegt die Vorstellung zu Grunde, dass die Heftigkeit des palästinensischen Widerstands das eigentliche Problem ist und nicht die israelische Besatzung, gegen die er sich richtet. Von Israel wird nichts Vergleichbares erwartet, abgesehen davon, dass die als 'illegale Vorposten' bekannten Siedlungen aufgegeben werden müssen (eine völlig neue Klassifizierung, die suggeriert, dass die anderen legal sind). Kein einziges Wort darüber, was die Palästinenser seit 1948, und noch einmal verstärkt seit 1967, unter israelischer und amerikanischer Ägide erlitten haben. Nichts über die Abwicklung der palästinensischen Ökonomie, die mindestens 5.000 Gefangenen, die Politik gezielter Tötungen, die Abriegelungen seit 1993, die gesamte Zerstörung der Infrastruktur, die unglaubliche Zahl von Toten und Verstümmelten - all dies ging ohne ein Wort durch."

Ziemlich verärgert kommentiert John Sturrock Tony Blairs Geständnis in kleiner Runde, wonach es der eigentliche Zweck des Irakkrieges gewesen sei, Staaten wie Syrien oder dem Iran eine Lektion zu erteilen, als um die Beseitigung von Massenvernichtungswaffen.Diese waren eher der Rote Hering. "Wenn das stimmt, ist es - gelinde gesagt - irritierend, dass Blair dies nicht erwähnt hat, als er zum Parlament, zur Nation oder zu den Soldaten sprach, deren Leben er im Irak aufs Spiel setzt."

In einem weiteren sehr lesenswerten Artikel verteidigt Terry Eagleton George Orwell (mehr hier und hier) gegen seine Bewunderer vom Schlage eines Christopher Hitchens ("Orwell's Victory" und "Why Orwell Matters") ebenso wie gegen seine Biografen. Vor allem Scott Lucas zeichne in "Life and Times" das Bild eines zweitklassigen Schriftstellers, eines antisemitischen, antiintellektuellen, homophoben "kleinen Engländers", dessen Fantasien von Big Brother und herrschende Schweine nicht über reißerische Stereotypen hinausreichten. Nina Auerbach bedauert, dass Sally Clines Biografie über Zelda Fitzgerald der Dame das Recht auf ein eigenes Versagen abspricht und ihrem Mann Scott die Verantwortung für alles zuschreibt. Dabei war es für Auerbach Zeldas eigene Entscheidung, lieber vergnügt zu dilettieren, als hart zu arbeiten. Jenni Disky empfiehlt wärmstens Alan und Iris Macfarlanes Kulturgeschichte des Tees "Green Gold". Andrew O'Hagan feiert den Grafik-Designer Peter Saville, dem das Londoner Design Museum eine Ausstellung widmet.

Magazinrundschau vom 10.06.2003 - London Review of Books

Von irakischen Zivilisten hat Sean Maguire während seiner Zeit als "eingebetteter Journalist" wenig gesehen, dafür aber viel von der Art, wie sich die amerikanischen Befehlshaber die Kriegsberichterstattung vorgestellt haben, nämlich als großzügiges Zugeständnis an die westliche Öffentlichkeit, allerdings eher zur Eigenwerbung als zu Informationszwecken. Maguire hat beobachtet, dass die eigenen Truppen von ihren Befehlshabern nur dürftig informiert wurden, vermutlich sogar um ein Durchsickern von Informationen an die Presse zu verhindern. Die Unbedarftheit amerikanischer Offiziere fand er bestürzend: "Auch sie rangen mit ihrer Unwissenheit, versuchten sie zu überwinden, waren aber schlecht unterrichtet, was die irakische Kultur und Gesellschaft anging. Ich habe einen US-Captain mit schwerem Geschütz auf ein Minarett im Zentrum einer irakischen Stadt feuern sehen, in der Überzeugung, es handele sich um einen Überwachungsturm. Viele Zivilopfer an US-Checkpoints sind schlechtem Training im Umgang mit Zivilisten und banalen Fehlern zuzuschreiben, wie zum Beispiel, dass es kein arabisches Warnschild gab, das den Autofahrern bedeutet hätte, langsam zu fahren. Ich habe gesehen, wie ein älteres Bauernehepaar erschossen wurde, weil sie die hauchdünne Stacheldrahtleine nicht gesehen hatten, sie einfach durchfuhren und für Selbstmordattentäter gehalten wurden. Der Mangel an Übersetzern verstärkte die allgemeine Überzeugung, dass alle Iraker auf Englisch geschriebene Befehle verstehen müssten."

Michael Wood wundert sich, wie Andrew O'Hagans neuer Roman "Personality" gleichzeitig so viel witziger und wärmer als seine früheren Romane sein kann - und doch so unendlich trauriger: "Wenn du stirbst, weil du zu Hause bleibst, wie es die Menschen in diesem Buch tun, wenn du aber genauso stirbst, weil du von zu Hause weggehst, was heißt es dann wegzugehen?"

Weitere Artikel: Der britische Bakteriologe Hugh Pennington findet es angesichts der SARS-Epidemie und ihrer konsequenten Bekämpfung beruhigend, die Weltgesundheit in so guten, und gut kooperierenden Händen zu wissen. In Short Cuts fragt sich Thomas Jones, ob das "reality-TV" sich seinem Ende entgegenneigt, oder ob wir vielleicht schon in eine viel schlimmere Phase der Verblödung übergegangen sind. Hal Foster ist überrascht, wie intensiv die Kunst im unweit von New York eröffneten Museum Dia:Beacon wirkt.

Magazinrundschau vom 26.05.2003 - London Review of Books

"Pattern Recognition", der neue Roman des Science-fiction-Autors William Gibson, spielt diesmal nicht in der Zukunft, sondern im Jahr 2002. Es ist ein Thriller, "der fast ausschließlich von Nerds bevölkert ist, erklärt Christopher Tayler. "In fairness, he confronts the problem head-on: one character has a haircut of 'haute nerd intensity', another has an air of 'weird nerd innocence', another resembles 'an art-nerd', and yet another is unnervingly direct - a 'Chinese-American nerd thing'. But Gibson works hard to justify the epithet." (Viel Spaß dem Übersetzer!) Die Befremdung, die aus dieser teilweise wie collagiertes Fach-Chinesisch wirkenden Lektüre hervorgehe, sei halt das Los der Trendsetter. Allerdings könnten sich Prosa-Nerds ein bisschen vernachlässigt fühlen, meint Tayler - ...

... ein Satz, der elegant überleitet zu Slavoj Zizeks Kollision mit Jürgen Habermas. Dessen Behauptung, "biogenetische Eingriffe würden die Idee der Erziehung bedeutungslos machen" und den Verlust der menschlichen Würde bedeuten, hält Zizek entgegen, dass ein solcher gedanklicher Konservatismus den Menschen außerstande setzte, "die Begriffe der Freiheit, der Autonomie und der ethischen Verantwortung neu zu erfinden". Zizek hält fest, dass es keinen menschlichen Geist an sich gibt, sondern nur historische Theorien davon, und dass es somit keinen Sinn ergibt, den Menschen auf einen biologische Identität beschränken zu wollen, da "die Werkzeuge, die externalisierte 'Intelligenz', auf die sich menschliche Wesen verlassen, wesentlicher Bestandteil der menschlichen Identität sind". Das Problem sei nicht die Frage, "wie man Geist auf neuronale Aktivität beschränkt oder die Gedankensprache durch Gehirnprozesse ersetzt, sondern eher zu begreifen, wie Geist nur aus dem Netzwerk sozialer Beziehungen und materieller Ergänzung entstehen kann. Die wirkliche Frage lautet nicht, wenn überhaupt, ob Maschinen den menschlichen Geist nachahmen können, sondern wie die 'Identität' des menschlichen Geistes Maschinen mit einbeziehen kann." (Wir dachten eigentlich, Zizek sei das schon gelungen.)

Weitere Artikel: Jenny Diski ist beeindruckt, mit welchem dokumentarischen Bewusstsein der jüdische Flüchtling Herman Kruk in seinem Tagebuch ("The Last Days of the Jerusalem of Lithuania". Chronicles from the Vilna Ghetto and the Camps 1939-44) das Leben im Ghetto von Vilnius aufgezeichnet hat. Thomas Jones meint in "The Matrix" den würdigen Nachfolger von "Star Wars" zu erkennen. Das haben Kultfilme eben so an sich: Sie vertragen keine Fortsetzungen (man denke nur an die grauenhafte neue Star-Wars-Trilogie). Ob "Matrix Reloaded" die Ausnahme sein wird? Jones empfiehlt prophylaktische Erwartungslosigkeit. Und schließlich hat sich Peter Campbell von Philip Ward-Jacksons Führer "Public Sculpture of the City of London" von einer Londoner Skulptur zur nächsten leiten lassen.

Magazinrundschau vom 12.05.2003 - London Review of Books

Anatol Lieven fragt sich, ob man in puncto Amerika wirklich von Imperialismus reden kann. Zwar lehne die amerikanische Öffentlichkeit scheinbar auch weitere Feldzüge im Mittleren Osten, etwa gegen den Iran, keinesfalls ab. Doch sei die Mehrheit der Amerikaner "hinters Licht geführt worden, durch ein Propaganda-Programm, das in seiner systematischen Verlogenheit seinesgleichen unter den Demokratien sucht - in Friedenszeiten wohlgemerkt: Am Ende waren zwischen 42 und 56 Prozent der Amerikaner (die Umfrageergebnisse schwanken) davon überzeugt, dass Saddam Hussein direkt am Angriff des 11. Septembers beteiligt war." Und doch sollte man die kriegsfreundliche Einstellung der Öffentlichkeit nicht mit imperialistischem Bestreben verwechseln, meint Lieven. "Wenn die Pläne der Neo-Konservativen allein darauf bauen würden, dass der Imperialismus innerhalb der USA massive Unterstütztung erfährt, wären sie zum Scheitern verurteilt. Doch der Angriff des 11. Septembers hat den amerikanischen Imperialisten die Kraft des verwundeten Nationalismus verliehen - ein viel tieferes, weiter verbreitetes und gefährlicheres Phänomen, das durch den israelischen Nationalismus, der in weiten Teilen der jüdischen Gemeinschaft in Amerika anzutreffen ist, noch verstärkt wird."

Weitere Artikel: Matthew Reynolds jauchzt über die unlautere Art, in der Ciaran Carson Dantes "Göttliche Komödie" übersetzt hat, denn Carsons Text hat in seiner mehrstimmigen Sprachenvielfalt Dantes Ton zugleich verfremdet und genau getroffen. Laura Quinney findet Christopher Ricks Studie "Allusion to the Poets" dort am besten, wo Ricks ganz genau hinhört und erklärt, warum ein Gedicht funktioniert. Peter Campbell ist mit dem Umzug der Saatchi Gallery in das alte County-Hall-Gebäude nicht ganz zufrieden: Irgendwie sehen die Kunstwerke dort weniger wie moderne Kunst aus. Schließlich ärgert sich Thomas Jones darüber, dass Thomas Pynchons Rückzug aus der Welt nur Interesse der fruchtlosesten Art hervorgerufen hat.

Leider kann man nur in der Printausgabe lesen, was Yitzhak Laor über Israels leise Mithilfe am Irak-Krieg zu sagen hat, und was David Runciman mit Tony Blairs Masochismus meint.

Magazinrundschau vom 22.04.2003 - London Review of Books

Edward Said findet es schier unglaublich, wie unkritisch sich amerikanische Regierungspolitiker die zurechtgesponnene Idee einiger selbsternannter Spezialisten zueigen gemacht haben, die Irakis würden sich dem amerikanischen Angriff nicht widersetzen, sondern ihn sogar uneingeschränkt als Befreiung begrüßen. In der Tat gehe die amerikanische Regierung davon aus, "dass die Landkarte des Mittleren Ostens neu gezeichnet werden kann, so dass sich ein 'Domino-Effekt' in Gang setzt, der in der ganzen Region Israel-freundliche Demokratien hervorbringt". Doch das Erschreckendste an diesen Wunschbildern sei die allem zugrundeliegende Annahme, "dass amerikanische Macht grundsätzlich gütig und altruistisch" handele, was angesichts der Tatsachen geradezu unverschämt sei: "Dies ist der rücksichtsloseste Krieg der modernen Zeit. Hier geht es um die Arroganz einer in Weltlichkeit ungeschulten Weltmacht, die weder an Kompetenz noch an Erfahrung gebunden ist, achtlos gegenüber jeglicher historischen oder menschlichen Komplexität, reuelos in ihrer Gewalt und der Grausamkeit ihrer Technologie."

Weitere Artikel: Wenn auch Deborah Cadbury in ihrer Studie ("The Lost King") über den mysteriösen Tod des jungen Thronfolgers während der französischen Revolution ein allzu "moralisch zurückgebliebenes" Bild dieser Revolution zeigt, findet Hilary Mantel dieses "wissenschaftliche Puzzle-Buch" doch irgendwie faszinierend. Für Nicholas Penny ist Roberto Longhis Wiederentdeckung des italienischen Malers Piero della Francesca einer der wichtigsten Beiträge zur Kunstkritik im 20. Jahrhundert. In Short Cuts erklärt John Sturrock, warum "bullshit" ein Wort ist, das den Zeitgeist spiegelt. Und Peter Campbell hat auf der Ausstellung V&A Art Deco in London gelernt, "dass der richtige Stil gute Zeiten besser machen kann".

Nur im Print zu lesen: Hugh Miles hat sich den Krieg auf Al-Dschasira angesehen.

Magazinrundschau vom 07.04.2003 - London Review of Books

David Runciman, Professor für politische Theorie in Cambridge, zeigt sich unzufrieden mit Robert Kagans Essay "Paradise and Power" ("Macht und Ohnmacht"), der das Verhältnis zwischen Europa und Amerika untersucht. Für Kagan seien die Europäer Kantianer, "die danach streben in einer in sich geschlossenen Welt von Gesetzen und Regeln, von transnationaler Verhandlung und Kooperation" zu leben, die Amerikaner dagegen blieben "in die Geschichte verstrickt und übten Macht aus in einer anarchischen, hobbesianischen Welt, in der internationale Gesetze und Regeln unverlässlich sind". Schon mit dieser Grundthese Kagans kann Runciman nichts anfangen. Damit tue Kagan vor allem Hobbes Unrecht: "Die hobbesianische Welt anarchisch zu nennen bedeutet sich über hinwegzusetzten, was Hobbes sagt. Mehr noch, das hauptsächtliche Problem an Kagans Stellungnahme ist, dass die wahren Hobbesianer die Europäer sind", denn die, so Runciman, glauben noch an das staatliche Machtmonopol, in einer Welt, die spätestens seit dem 11. September "post-hobbesianisch" geworden ist, und in der "einige Staaten sich verwundbarer fühlen als ihre Bürger". (Mehr zu Hobbes hier.)

Ross McKibbin fragt sich, warum Tony Blair Großbritannien in den Irak-Krieg geführt hat und sieht dafür zweierlei Gründe: Blairs starkes politisches Engagement und der Immobilismus seiner eigenen New-Labour-Regierung. "Ob er sich darüber bewusst ist oder nicht, wie sehr ihn seine eigenen innenpolitischen Entscheidungen und die politischen Einschränkungen des New Labour frustriert haben - ich glaube, er ist sich darüber bewusst - daraus folgt, dass sich sein tief empfundener moralistisch-utopischer Drang in die Außenpolitik verlagert hat." Doch diese Entschlossenheit, so McKibbin, sollte bessere Anwendungsgebiete finden als die kriegerische Auseinandersetzung.

Weitere Artikel: Richard Poirier hat Carole Seymour-Jones' Biografie von Vivienne Eliot gelesen und wundert sich angesichts des zusammengetragenen Materials, wie es die Eliots überhaupt miteinander aushalten konnten. Edward Hooper, der wegen seiner in "The River" aufgestellten These, Aids sei bei einem Experiment mit Polio-Impfung in den fünfziger Jahren in Afrika entstanden, von der wissenschaftlichen Welt belächelt wurde, meldet sich zurück und behauptet aufgrund neuer Forschungsergebnisse, dass seine Theorie zur Entstehung des Aids-Virus zu Unrecht begraben wurde (Die ausführliche Version dieses Artikels kann man hier lesen). Peter Campbell hat sich Watteaus Ölgemälde "The Shop Sign" von nahem angesehen und darin den wundersamen Kosmos des Kunsthandels wiedergefunden. Und schließlich empört sich Jeremy Harding über Jacques Chiracs ethischen Gestus, der pure Lust an der Einflussnahme verbirgt und einen Schatten auf Frankreichs ständigen Sitz im Sicherheitsrat wirft.

Nur im Print: Slavoj Zizek macht sich "paranoide Gedanken" und fragt: "Was ist los?", und Christopher Tayler bespricht Dave Eggers' Roman "You Shall Know Our Velocity".

Magazinrundschau vom 24.03.2003 - London Review of Books

Was Catherine Halls Studie ("Civilising Subjects: Metropole and Colony in the English Imagination 1830-67") über Jamaica als Brennpunkt des britischen Kolonialismus zu etwas Besonderem macht, ist, dass sie "geladen ist mit der existentiellen Dringlichkeit gelebter Leben, mit hart gewonnenen Einsichten, umkämpften Anliegen und epochalen Veränderungen ", findet Edward Said. Dies beruhe vor allem darauf, dass Hall selbst unzertrennlich mit dem Thema verwoben sei, da die Pfarrerstochter einerseits aus dem baptistischen Missionszentrum Birmingham stamme, von dem die Missionierung Jamaicas ausging, und zudem mit dem Jamaica-britischen Historiker Stuart Hall verheiratet sei. Und auch wenn Said Hall vorwirft, schriftliche Dokumente als Beweise zu werten, ohne deren spezifischen - etwa literarischen oder philosophischen - Status zu hinterfragen, und die Kultur nicht genug als historisch differenziertes Konzept zu behandeln, dessen Bedeutung und Verflechtungen sich wandeln, bleibt diese Studie seiner Ansicht nach "im besten Sinne dialektisch" und wird sicher interessante Denkanstöße für Empire-Historiker und politische Aktivisten liefern, "für die es kein Scherz sein kann, dass George Bushs Hauptwählerschaft, jetzt da er auszieht, die Welt erst zu bestrafen und dann mit amerikanischer Macht wiederaufzubauen, siebzig Millionen evangelische und fundamentalistische amerikanische Christen sind, von denen viele Baptisten sind."

Weitere Artikel: Mark Ford ist ziemlich beeindruckt vom mehrschichtig verzweigten Erzählen eines Harry Matthews, dem einzigen Amerikaner in der von Raymond Queneau mitbegründeten französischen Literaturbewegung des OuLiPo (Ouvroir de Litterature Potentielle), und der Anthropologe Michael Gilsenan hat sich auf die Spur der arabischen Diaspora in Sudostasien gemacht. Schließlich schreibt Thomas Jones in Short Cuts über gefühlte und tatsächliche soziale Ungerechtigkeiten im britischen Schulsystem. Als Schmankerl gibt es dazu die dritte Seite von Art Spiegelmans Comic "In the Shadow of No Towers".

Nur im Print zu lesen, unter anderem, Hal Fosters Einschätzung der Pläne für Ground Zero.

Magazinrundschau vom 10.03.2003 - London Review of Books

Perry Anderson macht deutlich, dass im Irak-Konflikt sowohl die Kritiker der Bush-Regierung und die Bush-Regierung selbst von den gleichen gedanklichen Prämissen ausgehen, und wünscht sich, man würde diese Prämissen kritisch beleuchten, anstatt sich "unablässig auf die 'internationale Gemeinschaft' und die Vereinten Nationen zu berufen". Eine Kostprobe des von Anderson herbeigesehnten Klartextes: "1. Es gibt keine internationale Gemeinschaft. Der Begriff ist eine Beschönigung für amerikanische Vormacht. Es ist der Bush-Regierung anzurechnen, dass einige ihrer Funktionäre den Begriff abgelegt haben. (?) 2. Die Vereinten Nationen sind kein Sitz unparteiischer Autorität. Ihre Struktur, die den fünf Siegermächten eines Krieges, der vor fünfzig Jahren ausgefochten wurde, überwältigende Macht gibt, ist politisch unhaltbar. (?) 3. Das nukleare Oligopol der fünf Siegermächte von 1945 ist gleichermaßen unhaltbar. (?) 4. Territoriale Aneignungen - Eroberungen, auf gut Deutsch - deren Bestrafung die Rechtfertigung für eine UNO-Blockade gegen den Irak geliefert hat, sind nie von der UNO bestraft worden, wenn die Eroberer Alliierte der Vereinigten Staaten waren, immer nur wenn sie deren Gegner waren." Wer keinen Klartext spreche und auf einer anderen Ebene diskutiere, so Anderson, wolle nur "das Mobiliar retten".

In einem sehr reichhaltigen Artikel erklärt Adam Philips unter anderem, wie wenig sich Freuds Vorstellung der Psychoanalyse mit rückhaltloser Anhängerschaft oder gar mit einem Personen-Kult verträgt. "Ich möchte Freud als Frage beibehalten, und zeigen, dass es Bestandteil der von ihm erfundenen Psychoanalyse ist, dass es immer etwas geben wird (und soll), das es in Zusammenhang mit Freud und der Psychoanalyse zu hinterfragen gilt. (?) Er möchte uns die Erfolgsgeschichte des Scheiterns erzählen. Freuds Genialität bestand darin, uns zu beschreiben, wie und warum genau es für uns gut und notwendig ist - gut weil notwendig - in Konflikt mit uns selbst und anderen zu leben, und, sollten wir so gesinnt sein, in Konflikt mit Freud."

Weitere Artikel: Colin Burrow ist begeistert von Frances Harris' Buch "Transformations of Love: The Friendship of John Evelyn and Margaret Godolphin", in dem sie die Beziehung der beiden durch deren Briefwechsel und Evelyns Tagebuchnotizen beleuchtet. Schade nur, so Burrow, dass Harris diese seltsam uneindeutige Beziehung nicht in den größeren kulturgeschichtlichen Zusammenhang der Freundschaft im 17. Jahrhundert stellt, die sich "auf der delikaten Grenze zwischen Erotik, Religiosität und Sozialem" bewegt.

Thomas Jones findet es nach dem Abzug des großen sicherheitsbedingten Militäraufgebots am Londoner Heathrow-Flughafen nicht sehr beruhigend, Sätze wie "Es gibt nichts zu befürchten" zu hören. Und Peter Campbell ist schlichtweg begeistert von der Tizian-Ausstellung in der Londoner National Gallery.

Außerdem erscheint die erste Folge von Art Spiegelmans neuem Comic "Under the Shadow of No Towers", den es aber zukünftig leider nur in der Printausgabe geben wird.