Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

571 Presseschau-Absätze - Seite 54 von 58

Magazinrundschau vom 10.11.2003 - London Review of Books

Es ist kein Kinderspiel, ein intelligentes, richtungsweisendes Papier für die Zukunft der Universitäten zu erarbeiten, gibt Stefan Collini zu, doch was das britische Bildungs-Ministerium in seinem Papier "The Future of Higher Education" liefert, sei schlicht hirnlos: "Wir stellen uns ein Hochschulwesen vor, das den Bedürfnissen der Wirtschaft in Bezug auf Ausbildung, Forschung und Technologie-Transfer entspricht. Gleichzeitig muss es allen angemessen qualifizierten Individuen erlauben, ihr intellektuelles und persönliches Potential zu entfalten, und für die notwendige Ansammlung von Fachwissen sorgen, in Wissenschaft und Technologie, in den Künsten und Geisteswissenschaften, die unsere Zivilisation und Kultur definieren." Diesen zwei Sätzen sehe man geradezu an, wie sie entstanden sind: "Sowie die Ergebnissse der letzten Umfragen eintreffen, schneidet ein Funktionär all die Dinge aus, die als gut bewertet wurden, und klebt sie in einer Zeile zusammen. Sobald sich eine ansehnliche Anzahl von Begriffen in dieser Weise angesammelt hat, setzt er einen Punkt ans Ende und nennt das einen Satz." Dies nimmt Collini zum Anlass, die Eckpunkte der Universitätsdebatte ins rechte Licht zu rücken.

Weitere Artikel: Virginia Tilley begräbt das Zwei-Staaten-Modell für den Frieden in Nahost. Ein Ein-Staat-Modell muss her. Thomas Jones findet es zweifelhaft, wie Christopher Ricks ("Dylan's Visions of Sin") über Bob Dylan schreibt: Den Meister nur auf das Motiv der Sünde hin zu lesen, verfälsche ihn. Am meisten jedoch stört Jones, dass Ricks zwar über Dylans Lieder schreibt, sich aber nicht mit der Musik auseinandersetzt. Gary Indiana amüsiert sich über den Kindergarten-Gouverneur Arnold Schwarzenegger, scheint ihm aber dennoch einiges zuzutrauen. "Präzision ist konzeptuelle Schönheit" - diesen Gedanken hat Peter Campbell von der Ausstellung "The Great Arc" mit nach Hause genommen, die zum 200-jährigen Jubiläum der indischen Landvermessung in der Londoner Atlantis Gallery stattfindet. Und John Sturrock gratuliert schließlich John Kampfner zu seinem Buch "Blair's Wars", das die Wandlung des eisernen Zivilisten Blair zum eisernen Kriegsherren Blair veranschaulicht.

Nur in der Printausgabe zu lesen: Michael Dobson ist dem Shakespeare-Bild auf der Spur.

Magazinrundschau vom 27.10.2003 - London Review of Books

Der britische Theoretiker Terry Eagleton hat sich einen Klassiker der Literaturtheorie vorgenommen: Erich Auerbachs "Mimesis", die jetzt zum 50. Geburtstag der englischen Ausgabe in einer Jubiläumsedition erscheint. Über die ungeheure "Belesenheit" des 1957 gestorbenen deutschen Romanisten könne man nur staunen, findet Eagleton, seinen Überlegungen allerdings liege eine "recht einfache" Polarität zugrunde: "Realismus ist die künstlerische Form, die das Leben der kleinen Leute ernst nimmt, im Gegensatz zur antiken oder neoklassizistischen Kunst, die statisch, hierarchisch, dehistorisiert, überhöht, idealistisch und sozial ausschließend erscheint." Trotzdem bleibe die "Mimesis" ein wirklich wertvolles Dokument, dank ihrer "äußerst bemerkenswerten Verbindung von gelehrter Belesenheit und kritischem Scharfsinn, eine umso bemerkenswertere Verbindung in einer Zeit, da diejenigen, die alles über Bücher wissen, selten gleichzeitig deren schärfste Analysten sind - und umgekehrt."
Mehr über Auerbach im Netz finden Sie hier (Biografie), hier (von Edward Said), hier (Essay von William Calin über die "Mimesis") und hier (ein Auszug aus der "Mimesis" - auf Englisch, versteht sich. Wär ja noch schöner, wenn man einen der größten deutschen Romanisten auf Deutsch im Netz fände). Hingewiesen sei auch noch auf Hans Ulrich Gumbrechts Auerbach-Porträt in seinem wunderbaren Buch "Vom Leben und Sterben der großen Romanisten".

Weitere Artikel: Michael Wood erinnert sich an Edward Said, sein unerschütterliches Engagement und seinen scheinbaren Pessimismus. Für James Wood sind es Dostojewskij und Tolstoij, die bei J. M. Coetzees sicherlich "persönlichstem" Roman "Elizabeth Costello" Pate gestanden haben. In Short Cuts hat Thomas Jones viel Spaß am "Idler Book of Crap Towns", das die 50 britischen Städte vorstellt, in denen das Leben am furchtbarsten ist. Für Nicholas Penny steht fest, dass der Holländer Hendrick Goltzius, dem das Toledo Museum of Art eine Ausstellung widmet, der proteischste Künstler vor Picasso ist.

Nur in der Printausgabe: Eric Foner liest Lincoln-Biografien.

Magazinrundschau vom 13.10.2003 - London Review of Books

Im Diary erzählt Rebecca Solnit über lange Fahrten durch den amerikanischen Westen und glaubt dem auf der Spur zu sein, was der Amerika ist. Sie erinnert sich an ihre Fahrten durch die trockenen Landschaften. "Darüberhinaus kann man von allem, was über die USA gesagt wird, auch das Gegenteil sagen. Wir sind ohne Wurzeln, bloß sind wir auch Hopis, die über Jahrhunderte hinweg sesshaft geblieben sind. Wir sind gewalttätig, bloß sind wir auch die Friedfertigen aus San Fransisco, die gegen Atomwaffen protestierten. Wir sind Verbraucher, bloß ist dieser Westen voll von visionären Umweltschützern, und so weiter und so fort. Das Schlechte in diesem Land neigt dazu, seinen Gegenpart hervorzubringen. Und die Landschaft des Westens scheint die Bühne zu sein, auf der solchen Dramen ausgetragen werden: ein grenzenloser Raum, in dem alles verwirklicht werden kann, ein moralischer Boden, hier, wo dein Schatten unglaublich weit reicht, wenn die Sonne untergeht, wo du groß scheinst, und einsam."

Weitere Artikel: Sukhdev Sandhu rollt erst einmal die Einwanderungs-Geschichte der Londoner Brick Lane auf, um seine Kritik an Monica Alis gleichnamigem Roman-Debüt zu begründen: kein schlechter Roman, der aber zu achtlos mit Sprache umgeht und eher zum ethnisch kolorierten Fernsehscript geraten ist. Sheila Fitzpatrick hat vier Bücher über das Leben im sowjetischen Russland gelesen, und dabei besonders an Stephen Lovells brillanter Studie ("Summerfolk 1710-2000") über Geschichte und Bedeutung der Datscha Gefallen gefunden. In Shorts Cuts erzählt Thomas Jones von einer eintägigen Reise durch Botswana und rügt AIDS-lose Literatur, und Peter Campbell weiß jetzt, wie man Pferde zeichnet - und neue Girls.

Nur im Print zu lesen: Was Andrew O'Hagan von Überwachung denkt.

Magazinrundschau vom 29.09.2003 - London Review of Books

"Ich bin's nicht, Elisabeth ist es gewesen", könnte Nietzsche berechtigterweise von einigen seiner Schriften behaupten. Jenny Diski hat über Nietzsches böse Schwester recherchiert, unter anderem in Carol Diethes eher lakonischer Biografie ("Nietzsche's Sister and the Will to Power: A Biography of Elisabeth Förster-Nietzsche"): "Ihr Leben ist die Geschichte, in der Mittelmaß über Inspiration, Armseligkeit über Exzess und Ressentiment über den Übermenschen triumphiert." Ihr Tod allerdings setzte ihrem Leben noch die Krone auf: "Hitler war bei Elisabeths Beerdigung anwesend - sie starb 1935 - und zu dieser Gelegenheit wurde sie als die 'Priesterin des ewigen Deutschlands' gepriesen. Um genau im Mittelpunkt des Familiengrabes beerdigt zu werden, hatte sie Friedrichs gut verrotteten Leichnam ein Stück zur Seite verlegen lassen. Eine andere Version der Geschichte lautet allerdings, dass nur der Grabstein ihres Bruders versetzt wurde. In diesem Fall wäre sein Körper mit Elisabeths Namen versehen und ihren würde man jetzt für die sterblichen Überreste Friedrich Nietzsches halten. Als klares und endgültiges Zeichen einer kaum zu überbietenden Bezwingung."

Stuart Kerr hat für die Internationale Juristenkommission den türkischen Prozess gegen vier kurdische Parlamentarier und Freiheits-Aktivisten verfolgt, unter denen sich auch die "unverwüstliche" Leyla Zana befindet. Sehr schnell wurde Kerr jedoch klar, dass dieser Prozess von vornherein auf einen Schuldspruch hinauslief: "Über dem Podium, auf dem die drei Richter und der Staatsanwalt sitzen, ist eine Büste von Atatürk, den Hüter des Nationalstaates angebracht. Seine altmodisch ottomanischen Worte sind in die Wand gemeißelt. Die Botschaft lautet, dass Pluralismus nicht geduldet wird."

Weitere Artikel: Colin Kidd lobt in höchsten Tönen James Morones fast schon vaudevilleskes Buch "Hellfire Nation. The Politics of Sin in American History", in dem der Autor nicht nur die "Substanz, sondern auch den Ton der amerikanischen liberalen Mythologie" auseinander nimmt, und den Puritanismus als den größten Verderber des Liberalismus outet. In Short Cuts hat Thomas Jones mit Erschrecken festgestellt, dass der Parlamentarier Frank Fields in seinem neuem Buch "Neighbours from Hell: The Politics of Behaviour" nicht die Armut für unsoziales Verhalten verantwortlich macht, sondern die Armen. Und schließlich schwärmt Peter Campbell von der Ausstellung "London 1753" im British Museum, in der ersichtlich wird, was sich in London mit der Zeit verändert hat, und was nicht.

Außerdem gewährt die London Review Zugang zu Artikeln des kürzlich verstorbenen Edward Said (siehe auch unseren Link des Tages). Nur im Print zu lesen ist Susan Sontags Besprechung von Anna Bantis "Artemisia".

Magazinrundschau vom 15.09.2003 - London Review of Books

Michael Hofmann ist Robert Lowells Dichtung so hoffnungslos verfallen, dass er die von Frank Bidart herausgegebene Gesamtausgabe gleichzeitig lieben und hassen muss. Denn das Beste fehle einfach, nämlich das poetologisch wesentliche "Notebook". Doch bei aller Trauer darüber überwiegt dann doch die Freude, schließlich spenden 1.200 Seiten Lowell ausreichend Trost. Und auch Bidarts eher persönliche und liebevolle Herausgeberarbeit erscheint Hofmann angemessen und erhellend: "Ich mag auch diese eine Begebenheit, an die sich Bidart in einem Interview mit dem Atlantic Monthly erinnert. Bidart fragte Lowell etwas, und bereute es sofort, weil er meinte, dabei etwas aufdringlich gewesen zu sein, etwas persönlich. Die Antwort gab Lowell: 'Wir sind persönlich.' "

Im Londoner ICA (Institute of Contemporary Arts) läuft die Ausstellung "Video Acts", die den Besucher in die Kindertage der Video-Kunst zurückversetzt, und bei der Peter Campbell gelernt hat, dass auch im Video nicht immer Geschichten erzählt werden. Wie zum Beispiel in Bill Violas "The Reflecting Pool": "Es zeigt nur dies: einen rechteckigen Pool im Wald, direkt vor dem Betrachter. Die Position der Kamera ändert sich nicht. Ein Mann kommt und steht am gegenüberliegenden Rand. Er springt in die Luft, aber anstatt ins Wasser zu platschen, bleibt er, in der Zeit gefroren, darüber hängen. Er verblasst langsam, während auf dem Pool - sozusagen in einem anderen Zeitrahmen - Wellen auftauchen und verschwinden. Ein schattenhaftes Paar geht durchs Bild. Ein nackter Mann taucht unerwartet aus dem Wasser auf und geht in den Wald. Das Bild - es ist an eine Wand projiziert - ist eher weich. Das Ganze wirkt so ruhig und schattig wie ein später Corot mit Badenden unter Bäumen. Einem Bild näher als einer Geschichte."

Weitere Artikel: Früher war alles besser. Zumindest Martin Amis, findet Christopher Tayler nach der Lektüre von "Yellow Dog". Und gleich noch einmal Amis: In Short Cuts bemerkt Thomas Jones trocken, dass es sich mit ihm wie mit Instant-Suppen verhält: "Für literarische Instant-Neuigkeiten, einfach Wasser hinzugeben." Dies bezeugt auch unsere jüngste Post aus London über die Amis-Kontroverse, mit dem kleinen Unterschied, dass hier scheinbar eher Öl ins Feuer gegossen wurde. Schließlich erklärt Peter Clarke, warum Tony Blair gehen sollte.

Leider nur in der Printausgabe: John Sturrock bespricht ein Buch über Akzente, und Michael Wood hat etwas über Katherine Hepburns "Mmms" zu sagen.

Magazinrundschau vom 25.08.2003 - London Review of Books

Neal Ascherson ist hellauf begeistert von William Taubmans Chruschtschow-Biografie ("Khrushchev: The Man and His Era"), die ihn in der Vermutung bestätigt, Chruschtschows Ruf als ungehobelter Bauernsohn werde langsam revidiert. "Seine Persönlichkeit war furchtbar verzerrt; seine Untaten waren unverzeihlich. Und doch hatte seine Lust auf Neues etwas Entwaffnendes. Ich werde nie diese eine Geschichte vergessen, die Taubman über seinen London-Besuch im Jahr 1956 erzählt. Er fragte seine Begleiter aus dem Außenministerium, was diese komischen 'Uh-uh!'-Geräusch seien, die aus der Menschenmenge zu hören waren. Der Diplomat erklärte, dass die Leute buhten und dass dies ein Ausdruck der Missbilligung sei. Chruschtschow wurde nachdenklich. Im Auto sagte er versuchsweise zu sich selbst: 'Buh!' Und dann nochmal: 'Buh!' Er mochte es. Den restlichen Tag lief er herum und machte 'Buh!' zu allen möglichen verwunderten Menschen. Er hatte etwas gelernt."

Vor knapp einem Jahr hatte der Harvard-Präsident Lawrence Summers zu umsichtiger Israel-Kritik aufgefordert und zwischen antisemitischer Wirkung und antisemitischer Absicht unterschieden. Judith Butler schreibt dazu: "Selbst wenn man glaubt, dass Kritik an Israel mehr oder weniger als antisemitisch gehört wird (von Juden, Antisemiten oder Menschen, die weder als das eine noch das andere gelten können), läge es in unser aller Verantwortung, die Rezeptionsbedingungen zu verändern, so dass die Öffentlichkeit in der Lage wäre, zwischen Kritik an Israel und Judenhass zu unterscheiden." Es lohnt vielleicht mehr, dass große Summers-Porträt von James Traub im New York Times Magazine zu lesen.

Weitere Artikel: James Lasdun ist hocherfreut über Marina Warners "kurze, aber dichte" Studie "Fantastic Metamorphoses, Others Worlds", die sich mit den verschiedenen Arten der Verwandlung beschäftigt, und hatte beim Lesen den Eindruck, er befinde sich in einer kleinen Kathedrale: "hochkomplex" und "kompakt gewunden". In den Shorts Cuts erfreut sich Andrew O'Hagan am erfinderischen Slang der amerikanischen TV-Serie "Buffy the Vampire Slayer" und lacht über die mühsamen Versuchen der großen englischsprachigen Wörterbücher, mit den neuesten Trends der Umgangssprache mitzuhalten. Und Peter Campbell schreibt über die Ausstellung, die das Londoner V&A-Museum dem Modezeichner Ossie Clark gewidmet hat.

Nur im Print zu lesen: Christian Schütze denkt über die Bombenangriffe auf Deutschland am Ende des Zweiten Weltkrieges nach.

Magazinrundschau vom 11.08.2003 - London Review of Books

Warum sind wir im Irak? Weil New Labour das Interesse an der Politik verloren hat, meint Ross McKibbin. "Da die neue Führung sich von so vielem aus der Vergangenheit der Labour Party verabschiedet hat, und da sie nicht bereit ist, systematisch über Ideologie und Politik nachzudenken, hat sich ein Vakuum gebildet, das größtenteils mit Thatcherismus gefüllt wurde. Für Männer und Frauen, deren Bewunderung vor allem der Machtübernahme galt, war es leicht von einer Bewunderung des Thatcherismus als System der Wählerüberzeugung zu einer Bewunderung des Thatcherismus als Politik zu rutschen. Dies hatte den radikalen Effekt, dass sich Labour überraschenderweise nicht an parlamentarischen Reformen und an der weiteren Demokratisierung unserer Institutionen interessiert zeigte. (...) Da scheinbar nichts anderes oder nichts besseres zur Verfügung steht, als das amerikanische Modell - oder das, was man unter dem amerikanischen Modell versteht - dient es zunehmend als Ideologie des New Labour. Und deshalb sind wir im Irak."

Weitere Artikel: Es ist ein gängiges Klischee der Literaturwissenschaft, von Samuel Taylor Coleridge zu sagen, er habe "nur wenige große Gedichte" geschrieben, erklärt Barbara Everett, und so habe man sich lange Zeit nur darum gestritten, um welche Gedichte es sich nun handele. J. C. C. Mays, der nun die Coleridge-Gesamtausgabe vervollständigt hat, versuche zwar mit den Klischees aufzuräumen, versäume es allerdings, neue Kriterien und neue Schwerpunkte für die Coleridge-Lektüre vorzuschlagen. James Meek kommt Ellen Ruppel Shells Buch über Fettleibigkeit ("The Hungry Gene - The Science of Fat and the Future of Thin") irgendwie schizophren vor. Hier ein Auszug aus dem Buch. In "Short Cuts" vergleicht John Sturrock die Wirkung von David Kellys Selbstmord im Konflikt zwischen Regierung und BBC mit einem Satz von Stendhal: "Politik in ein fiktionales Werk zu integrieren ist, als feuerte man eine Pistole während eines Theaterstücks ab: ein lautes, unerwünschtes Eindringen der Wirklichkeit in eine Szenerie durchkalkulierter Kunstgriffe." Peter Campbell berichtet von der wunderlichen Ausstellung "Medicine Man" im British Museum. Die ausgestellten Objekte stammen aus der Sammlung von Sir Henry Wellcome, der ein medizinhistorisches Museum plante, und sind so zahlreich und verschiedenartig, dass sie für Campbell nur unter dem Namen "unsere Ängste" laufen können.

Nur im Print zu lesen: Robert Irwin erklärt, wie der Koran funktioniert, und Michael Pee berichtet aus Liberia.

Magazinrundschau vom 28.07.2003 - London Review of Books

Charles Glass beobachtet, wie sich Amerikas Aufmerksamkeit gezielter auf Syrien richtet, und welche Schwierigkeiten dies für Syrien bedeutet: "Eine amerikanische Regierung, die unter Diplomatie Diktat versteht, hat kein Interesse daran, sich Syriens Darlegungen anzuhören: dass die Palästinenser einen legitimen, legalen Kampf führen, um die militärische Besetzung zu beenden; dass die Syrer, wie auch die Araber anderswo, an palästinensische Nationalrechte glauben; dass im Libanon die Hizbollah eine legale politische Partei ist, mit neun gewählten Parlamentsmitgliedern; dass Israel weitaus mehr Massenvernichtungswaffen, darunter mindestens 250 Nuklearsprengköpfe, besitzt als Syrien sich überhaupt je leisten könnte; dass die syrische Regierung, anstatt den islamischen Fundamentalisten zu helfen, ihnen bereits zwanzig Jahre vor dem 11. September den Kampf angesagt hat, namentlich in Aleppo und Hama; dass ein abrupter Abzug der Syrer aus dem Libanon die sunnitisch-muslimischen Fundamentalisten, die für Osama Bin Ladens Aufruf empfänglich sind, jeder wirksamen Kontrolle entziehen und den libanesischen Bürgerkrieg neu entfachen würde. 'Was können wir tun?' fragt Boutheina Shaaban vom syrischen Außenministerium. 'Wenn wir Ja sagen, werden sie weitere Dinge fordern. Sie verstehen nicht, dass es hier um Würde geht.' "

Richard Wollheim ist dem Ausstellungspfad der großen Nicolas-de-Stael-Retrospektive im Pariser Centre Pompidou gefolgt, und portätiert de Stael als "experimentellen Maler", was man sich folgendermaßen vorzustellen hat: "Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts strotzte nur so vor experimentellen Künstlern. Anders die zweite Hälfte, die zahlreiche innovative Künstler der einen oder anderen Art hervorbrachte. Der Unterschied dabei ist, dass der innovative Künstler innovativ arbeitet, um seinem Werk eine unverkennbare Erscheinung zu geben, während der experimentelle Künstler innovativ arbeitet, in der Hoffnung, die später bestätigt oder widerrufen wird, dass diese neue Erscheinung es ihm erlaubt, seinem Gegenstand gerechter zu werden."

Weitere Artikel: Jonathan Dollimore zeigt sich ziemlich unzufrieden mit der von Peter Wollen und Joe Kerr herausgegebenen Kulturgeschichte des Autos, "Autopia: Cars and Culture": Zu wenig Fließband, zu wenig Schmiere und zu wenig Autorennen. In Short Cuts beobachtet Thomas Jones, wie sich Wortbedeutungen verschieben, oder besser, wie die US-Regierung um George Bush die Bedeutungen einiger Wörter verschiebt, wie etwa "frei" oder "Terror". Und schließlich hat sich Peter Campbell im neu eröffneten Baltic Museum in Newcastle umgesehen.

Nur im Print zu lesen: Patrick Cockburns Tagebuch aus Bagdad.

Magazinrundschau vom 14.07.2003 - London Review of Books

Seitdem die Rechtfertigung des Irak-Krieges in Zweifel gezogen wurde, ist Tony Blair bei den Briten in Ungnade gefallen. So etwas, meint John Lanchester, hätte Margaret Thatcher nicht passieren können: "Ihr psychologisches und politisches Make-up basierte auf der Annahme: "Ich habe Recht." Sie genoss Uneinigkeit und Gegenwehr, und das Gefühl, dass sie sagte, was die Leute nicht hören wollten, von dem sie aber insgeheim wussten, dass es stimmte. Als sie in den Wahnsinn abrutschte, oder wenn nicht Wahnsinn, dann etwas ähnliches, tat sie es mit einer flammensprühenden Rechtschaffenheit, die alles bisher dagewesene an Wattzahl übertraf. Doch Thatcher hat nie behauptet, gut zu sein, sondern Recht zu haben. Blairs politische Persönlichkeit war immer auf der Annahme gegründet: "Ich bin gut." Seine unschuldige (dewy-eyed), leicht linkische Aufrichtigkeit - seine brillante und ausdrucksstarke Personfizierung ernster Ausdruckslosigkeit - war die ganze Zeit über mit seiner Selbstprojektion als "Guter Mann" verbunden."

Weitere Artikel: James Davidson widmet sich dem alten persischen Reich und zwei Büchern dazu, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Josef Wiesehöfers schlankes "Ancient Persia from 550 BC to 650 AD" und Pierre Briants enzyklopädisches "From Cyrus to Alexander: A History of the Persian Empire". Valerie Curtis und Alison Jolly haben in Cindy Engels Buch "Wild Health: How Animals Keep Themselves Well and What We Can Learn from Them" erfahren, wie Tiere sich selbst heilen, und sind der Meinung, dass wir davon eine Menge lernen können, zum Beispiel artenübergreifenden Epidemien wie der Rinderpest zu begegnen. Barry Schwabsky war bei der Bridget-Riley-Retrospektive in der Londoner Tate Gallery - und fand sie intensiv. Und in Short Cuts begeistert sich Thomas Jones für den von Hart Seely zusammengestellten Gedichtband mit Rumsfeld-Sätzen, "Pieces of Intelligence: The Existential Poetry of Donald H. Rumsfeld". Kostprobe:

"Das Rote Meer beginnt und endet
Und dann ist da eine Region
Gleich jenseits des Roten Meers
Und es könnte gut sein
Dass die Leute sich entscheiden, es zu tun
Bevor sie ins Rote Meer gehen
Oder nachdem sie dort sind -
Vielleicht, wahrscheinlich, sicherlich."

Leider nur im Print zu lesen ist, was David Runciman über den Sinn von Referenden denkt.

Magazinrundschau vom 23.06.2003 - London Review of Books

Für die London Review of Books liefert Edward Said (mehr hier) einige Anmerkungen zur Road Map, die für ihn weniger ein Plan zum Frieden als vielmehr zur Befriedigung ist. "Es geht allein darum, das Problem Palästina loszuwerden. Deshalb die ständige Wiederholung des Begriffs 'Performance' in der hölzernen Prosa des Dokuments - womit allein das Verhalten der Palästinenser gemeint ist: Keine Gewalt, keine Proteste, mehr Demokratie, bessere Politiker und Institutionen. All dem liegt die Vorstellung zu Grunde, dass die Heftigkeit des palästinensischen Widerstands das eigentliche Problem ist und nicht die israelische Besatzung, gegen die er sich richtet. Von Israel wird nichts Vergleichbares erwartet, abgesehen davon, dass die als 'illegale Vorposten' bekannten Siedlungen aufgegeben werden müssen (eine völlig neue Klassifizierung, die suggeriert, dass die anderen legal sind). Kein einziges Wort darüber, was die Palästinenser seit 1948, und noch einmal verstärkt seit 1967, unter israelischer und amerikanischer Ägide erlitten haben. Nichts über die Abwicklung der palästinensischen Ökonomie, die mindestens 5.000 Gefangenen, die Politik gezielter Tötungen, die Abriegelungen seit 1993, die gesamte Zerstörung der Infrastruktur, die unglaubliche Zahl von Toten und Verstümmelten - all dies ging ohne ein Wort durch."

Ziemlich verärgert kommentiert John Sturrock Tony Blairs Geständnis in kleiner Runde, wonach es der eigentliche Zweck des Irakkrieges gewesen sei, Staaten wie Syrien oder dem Iran eine Lektion zu erteilen, als um die Beseitigung von Massenvernichtungswaffen.Diese waren eher der Rote Hering. "Wenn das stimmt, ist es - gelinde gesagt - irritierend, dass Blair dies nicht erwähnt hat, als er zum Parlament, zur Nation oder zu den Soldaten sprach, deren Leben er im Irak aufs Spiel setzt."

In einem weiteren sehr lesenswerten Artikel verteidigt Terry Eagleton George Orwell (mehr hier und hier) gegen seine Bewunderer vom Schlage eines Christopher Hitchens ("Orwell's Victory" und "Why Orwell Matters") ebenso wie gegen seine Biografen. Vor allem Scott Lucas zeichne in "Life and Times" das Bild eines zweitklassigen Schriftstellers, eines antisemitischen, antiintellektuellen, homophoben "kleinen Engländers", dessen Fantasien von Big Brother und herrschende Schweine nicht über reißerische Stereotypen hinausreichten. Nina Auerbach bedauert, dass Sally Clines Biografie über Zelda Fitzgerald der Dame das Recht auf ein eigenes Versagen abspricht und ihrem Mann Scott die Verantwortung für alles zuschreibt. Dabei war es für Auerbach Zeldas eigene Entscheidung, lieber vergnügt zu dilettieren, als hart zu arbeiten. Jenni Disky empfiehlt wärmstens Alan und Iris Macfarlanes Kulturgeschichte des Tees "Green Gold". Andrew O'Hagan feiert den Grafik-Designer Peter Saville, dem das Londoner Design Museum eine Ausstellung widmet.