Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 05.04.2004 - London Review of Books

David Runciman ärgert sich über Tony Blairs Sedgefield-Rede (hier die Rede auf Deutsch, hier auf Englisch), in der dieser den Angriff auf den Irak mit "der beispiellosen Bedrohung der zivilisierten Welt durch den globalen Terrorismus" gerechtfertigt hat. Für Runciman steht fest, dass hier am Problem vorbeigeredet wurde. Denn die Selbstverständlichkeit, mit der Blair das "Vorbeugeprinzip" ("Wenn Risiken mit unsicheren und potentiell katastrophalen Folgen bestehen, ist es immer besser, man verhält sich eher etwas zu vorsichtig") als politisches Argument verwende, lenke von der Frage ab, ob dieses Prinzip in der Politik überhaupt zu rechtfertigen sei.

Gilberto Perez lobt Colin MacCabes "kritische" Godard-Biografie und nutzt die Gelegenheit, um seine eigenen Lieblingsaugenblicke Revue passieren zu lassen. Da ist zum Beispiel "L'eloge de l'amour" - "eine seiner besten obskur-erzählten Geschichten" - und diese Unterhaltung in einer Pariser Buchhandlung: - Du wolltest Amerika, da hast du's.- Wieso ich, ich habe um nichts gebeten.- Und deine Eltern, 1944? Und deine Großeltern, 1918?- Wovon redest du eigentlich?- Nichts. Geschichte."

Weitere Artikel: Gillian Darley erfreut sich an Nigel Warburtons Biografie des widerborstigen und zornigen Architekten Ernö Goldfinger ("Ernö Goldfinger: The Life of an Architect"). Sara Roy warnt entschieden vor dem Hochschulgesetz-Entwurf HR 3077, der vorsieht, ein Gremium zur Kontrolle der politischen Meinungsäußerung an US-amerikanischen Hochschulen und insbesondere zur Ahndung regierungskritischer Äußerungen zu gründen. Peter Campbell hat die Rubens-Ausstellung im Palais des Beaux-Arts von Lille besucht und verbittet sich die Geringschätzung, die Rubens mitunter entgegengebracht wird: Man brauche doch nur seinen Christus-Körper anzusehen, um zu begreifen, dass hier ein Meister am Werk war. Bei Rubens lebe im "blassen, eleganten und statuenhaft-muskulösen" Körper Jesu die Auferstehung als Versprechen.
Stichwörter: Hochschulen, Irak, Runciman, David

Magazinrundschau vom 22.03.2004 - London Review of Books

Einfach herrlich findet Graham Robb die Memoiren des berühmt-berüchtigten Pariser Star-Ermittlers Eugene-Francois Vidocq (mehr), der für manch eine literarische Detektivfigur Pate gestanden hat. "Seine ausgekochten Memoiren sind unendlich spannender als Sherlock Holmes' hintergründige Fallsammlung. Und Vidocqs Leser müssen entweder Deppen sein oder Detektive. Denn die Memoiren ähneln aufs Suspekteste der selektiven Beichte eines Gefangenen, der alle Zeit der Welt hat und eine Zuhörerschaft, die entweder zu höflich oder zu ängstlich ist, um ihn in seiner sturen Selbstentlastung zu unterbrechen."

Weitere Artikel: Michael Wood zeigt sich beeindruckt von der Art, wie Colm Toibin in seinem um Henry James kreisenden Roman "The Master", dem Meister das Wort eher entreißt als es ihm zu geben. Brian Barder erklärt, warum er aus Großbritanniens Einwanderungs-Spezialkommission (SIAC) zurückgetreten ist. David Edgar findet Martin Gottfrieds Arthur-Miller-Biografie ("Arthur Miller: A Life") irgendwie zu orthodox. In Short Cuts klopft Thomas Jones Alastair Campbell auf die Schulter. Und schließlich erfreut sich Peter Campbell bei einem Streifzug durch die Londoner Hayward Gallery an Roy Lichtensteins Ironie.

Magazinrundschau vom 08.03.2004 - London Review of Books

Was wird aus Georgien nach seiner "samtenen Revolution", hat Neal Ascherson in Tiflis und anderswo gefragt und sich von der ganz eigenen, georgischen Art zu antworten bezaubern lassen: "Am nächsten Tag besuchten wir einen Buchladen, und dann schoss das kleine Auto einfach so davon, aufs Land. Doch in weniger als einer Stunde sollte ich jemanden in der Stadt interviewen. 'Wohin geht es denn?' Die drei Frauen brachen in entzücktes Lachen aus. 'Es geht vom Autoritarismus in Richtung Demokratie!' Als wir endlich anhielten, lernte ich in einem Straßencafe in der Nähe von Mtskhekta, wie man Khinkali-Klöße isst, ohne sich sich die ganze Hose zu bekleckern." (Lesen Sie zur samtenen Revolution auch unseren Brief aus Tiflis.)

Andrew O'Hagan liebt Fans, die über ihr Idol schreiben. Vor allem, wenn sie, wie Mark Simpson (hier) und Simon Goddard (hier) über eins von seinen eigenen Idolen schreiben - Morrissey: "Ich sah die Smiths im nächsten Sommer in Manchesters G-Mex wieder, beim Festival zum zehnten Geburtstag des Punk. Im Publikum waren ein paar tausend Freaks mehr als notwendig gewesen wäre, um das Bild der Nation für immer zu verunstalten. Morrissey kam auf die Bühne mit einem Transparent, auf dem 'The Queen is dead' zu lesen war - noch besser, dachte ich - und jede der anwesenden Personen schien im gleichen Augenblick den jedem Briten angeborenen Sinn für Maßstäbe zu verlieren." Kein Wunder, bei den Songtexten: "Und da brach ich in den Palast ein / Mit einem Schwamm und einem rostigen Schraubenschlüssel / Sie sagte: 'Hey ich kenne Sie, und Sie können nicht singen.' / Ich sagte: 'Das ist noch gar nichts, Sie sollten mich mal Klavier spielen hören.' (The Queen is dead)"

Außerdem: Sehr interessant der Artikel von Hilary Mantel, die vor allem bei Rudolph Bell und Cristina Mazzoni ("The Voices of Gemma Galgani: The Life and Afterlife of a Modern Saint") nachgelesen hat, wozu weibliche Heilige imstande sind (vom Ausschlürfen eines Eitergeschwürs bis zum Todesfasten). Sich selbst jedoch sieht sie außerstande, auch nur auszusprechen, was die heilige Franziska von Rom getan hat (wir haben vergeblich versucht, es herauszufinden, und sind dankbar für jeden Hinweis). In Short Cuts widmet sich Thomas Jones der Bibel des britischen Pfadfinders, Lieut.-General R.S.S. Baden-Powell CB FRGS' "Scouting for Boys", in dem man unter anderem lernt, alles vom Emu aufwärts auf einer asphaltierten Straße zu verfolgen. Und schließlich verschmilzt Nicholas Penny mit dem verflixt roten Braun von El Greco, dessen Bilder in der Londoner National Gallery zu sehen sind.

Magazinrundschau vom 23.02.2004 - London Review of Books

Conor Gearty arbeitet daran, der Hutton-Kommission ihren Heiligenschein zu rauben. Er stellt den Richtspruch nicht nur juristisch in Frage, sondern bezweifelt auch dessen Glaubwürdigkeit: "Die Analogie mit dem Widgery Report um die Opfer des Bloody Sunday im Jahr 1972 hinkt in vielerlei Hinsicht, doch was eine bestimmte Sache angeht, trifft sie genau ins Schwarze: Die Regierung könnte langfristig das unermüdliche Hervorheben ihrer guten Führung im Hutton Report bereuen, so wie man jetzt den Widgery Report bereut. Die breite Öffentlichkeit muss sich dafür nicht einmal mit den juristischen Richtlinien befassen - alles ist einfach zu perfekt, auf zu vielen Regierungsebenen zu schön und mitfühlend arrangiert, als dass der Report in Hinblick auf das glaubhaft erscheinen könnte, was die Öffentlichkeit interessiert: Dass ein Krieg auf scheinbar fehlerhafter Basis geführt wurde, dass ein Wissenschaftler, der dies scheinbar zu bemerken gab, tot ist, und dass niemand derjenigen, die für den Krieg oder diesen Tod verantwortlich waren, dass nicht ein einziger Minister einen politischen Preis dafür bezahlt hat."

Weitere Artikel: Jeremy Harding blickt zurück, um zu verstehen, wie es in Frankreich zu dem vieldiskutierten und nun beschlossenen Gesetz gekommen ist, wonach das Tragen offensichtlicher religiöser Zeichen in Schulen verboten ist. David Runciman bespricht zwei Baseball-Bücher und hat allerlei kuriose Geschichten parat (wie zum Beispiel der berühmte Fluch, der seit 60 Jahren auf den Chicago Cubs lastet - und das wegen einer Ziege). In Short Cuts stellt Norman Dombey klar, dass der britische Geheimdienst MI6 (mehr hier und hier) durchaus Routine darin hat, Politikern mit gefälschten Dokumenten wichtige Entscheidungsgrundlagen zu liefern. Und Peter Campbell kann in Vuillards späten Gemälden (die zusammen mit seinen frühen Werken in der Londoner Royal Academy zu sehen sind) nicht die geringste Spur der vielbeschworenen Ironie finden - er findet sie einfach nur schlecht.

Leider nur im Print zu lesen: M. F. Burnyeat erklärt, welchen Begriff man sich in Sibirien von Diebstahl macht.

Magazinrundschau vom 09.02.2004 - London Review of Books

Thomas Jones hat sich wunderbar amüsiert bei der Lektüre von Andre Bernards "Madame Bovary, c'est moi", das vielerlei Legenden um die Entstehung der großen literarischen Figuren versammelt. "Es gibt mehrere Geschichten darüber, wie Becketts Godot zu seinem Namen gekommen sein soll. Eine davon besagt, dass Beckett sich in einer Stadt aufhielt, durch die die Tour de France gerade hindurchgefahren war, und einer Gruppe von Menschen begegnete, die erwartungsvoll an einer Straßenecke standen, lange nachdem die Radfahrer bereits verschwunden waren. Er fragte sie, was sie da tun. 'Nous attendons Godot', antworteten sie und erklärten ihm, dass Godot der älteste und langsamste Fahrer des Rennens sei."

Im Diary erzählt Sophie Harrison, Medizinstudentin im ersten Semester, wie seltsam die erste Leichenöffnung sein kann - wenn es im sonnendurchfluteten Labor riecht wie irgendetwas zwischen Nagelstudio und Fleischerei, und die zeremonielle Befangenheit das Denken auf Irrwege schickt: "Als wir mit dem Auspacken fertig sind, ist es uns unverständlich, was wir da sehen. Die Haut ist glänzend, altersgefleckt und leicht gelblich. Wie Marmor - kalt und sanft lasiert. Da ist eine Reihe von Beulen - die Rippen - doch der Oberkörper scheint einen seltsamen Winkel zu haben - er sieht gebeugt aus. Keiner traut sich, das zu sagen, was er denkt. Wo sind seine Brustwarzen? Einen verrückten Moment lang überlege ich, ob das vielleicht beim Sterben passiert, oder im hohen Alter. Vielleicht ist es wie mit Ruskins Schock und dem Schamhaar, aber umgekehrt - das schockierende Verschwinden der Brustwarzen. Alle sind zu nervös um noch vernünftig denken zu können. Es dauert eine ewige Sekunde bis wir merken, dass unser Toter auf dem Bauch liegt." (Der viktorianische Kunstkritiker John Ruskin erlitt in der Hochzeitsnacht einen schweren Anfall, als er entdeckte, dass Frauen Schamhaare haben.)

Für Jonathan Lanchester ist Rupert Murdoch nichts anderes als ein Bildnis der modernen Welt, mit anderen Worten: Er ist "der Medienmmagnat, den wir verdienen." Doch verdient, so Lanchester, haben weder wir noch Murdoch die Murdoch-Porträts, die zu Hauf geschrieben werden (einzige Ausnahme: Neil Chenoweths "Rupert Murdoch: The Untold Story of the World's Greatest Media Wizard"). Nobelpreisträger Amartya Sen vertieft sich in die Argumente der ökologischen Literatur. Und Peter Campbell hat bei Philip Guston, der in der Londoner Royal Academy ausgestellt wird, die gesamte Dialektik der amerikanischen Malerei im 20. Jahrhundert erblickt.

Leider nur in der Printausgabe zu lesen, der Artikel mit dem schönen Titel "Zu spät, um früh zu sterben": Ruth Bernard Yeazell liest Krankheitsreflexionen von Virginia Woolf und Harriet Martineaun.

Magazinrundschau vom 26.01.2004 - London Review of Books

London ist Londonistan: John Upton wurde Zeuge einer ungewöhnlichen Pressekonferenz, die ihm Anlass gibt, über den britischen Sicherheitsapparat und die Notwendigkeit der geplanten Sicherheitsgesetzte (Civil Contingencies Bill und Criminal Justice Bill) nachzudenken. Es ist der 11. September 2003, und mitten in London haben sich die Brüder der al-Muhadschiroun-Organisation versammelt, um der 19 Helden zu gedenken, die ihr Leben für den Dschihad gegeben haben. "Eine amerikanische Journalistin bemüht sich, dem Bestreben der Redner zum Trotz, keine Frau zu beachten, und schon gar keine Amerikanerin, ihrer Frage Gehör zu verschaffen: 'Beruht Ihre Position auf Antisemitismus?', fragt sie und schwenkt ihr Mikrophon nach vorn. 'Die Juden sind eine Besatzungsmacht. Sie zerstören Häuser, sie verderben Saatgut. Sie sollten getötet werden.' Die Journalistin gibt nicht auf. 'Wenn ich die Augen schließe, könnte diese Aussage genauso gut von den rechtsextremen Combat 18 oder BNP stammen.' 'Dann schließen Sie Ihre Augen eben nicht.' Alle Brüder lachen, und die Pressekonferenz ist vorbei." (Der zweite Teil dieses Artikels ist leider nur im Print zu lesen).

Sehr lesenswert auch, was Mary Beard über Cynthia Damons neue Ausgabe von Tacitus' "Historien" zu sagen hat. Schon der erste Satz ('Ich beginne meine Arbeit mit dem Konsulat von Servius Galba, sein zweites, und Titus Vilnius') versetzt sie geradezu in Begeisterung: "Warum lässt er seine Geschichte am 1. Januar 69 beginnen (die neuen Konsuln traten ihr Amt am Jahresanfang an), wenn der entscheidende politische Bruch ganz klar im Juni 68 stattgefunden hat, mit Neros Tod und dem Ende der Julio-Claudischen Dynastie? Doch (?) genau das ist der Punkt. Indem er den Rahmen des konsularischen Jahres der alten Republik zur Schau trägt (wie er es auch anderswo in den Historien und den Annalen tut), macht Tacitus die Spannung zwischen der römischen Tradition und der politischen Realität des kaiserlichen Regimes deutlich: Die Herrschaft der Kaiser konnten nicht den Maßstäben der republikanischen Amtsführung angepasst werden, die den Römer ihr althergebrachtes Datierungssystem lieferte ('das Jahr, in dem X und Y Konsul waren')."

Weitere Artikel: Thomas Jones sieht den Lady-Di-Fall durch die Twin-Peaks-Brille, John Mullan bespricht zwei Bücher über den englischen Jakobitismus, und Peter Campbell hat sich die Ausstellungen "Enlightenment" und "Living and Dying" in den zwei neuen Galerien des British Museums angesehen und denkt über das Sammeln nach.

Nur im Print zu lesen: Jonathan Ree sucht nach Spinoza.

Magazinrundschau vom 05.01.2004 - London Review of Books

Nicholas Spice nimmt die englische Neuausgabe der Freudschen "Laienanalyse" ("Wild Analysis") zum Anlass, über die seltsam entrückte Beziehung zwischen Analytiker und Patient nachzudenken. Seltsam, weil sie vollends unreal inszeniert ist, aber doch Raum schafft, sich mit realen Beziehungen auseinanderzusetzen, immer jedoch mit dem riesigen Gefälle zwischen dem sich bis aufs Hemd entblößenden Patienten und dem unangreifbaren Analytiker: "Jeden Patienten verfolgt unweigerlich der alte Witz von dem Mann, der zu einem Analytiker geht, um über seinen Minderwertigkeitskomplex zu klagen, und dem nach der Sitzung gesagt wird: 'Herr Schmidt, Sie sind tatsächlich minderwertig.'"

Nicht die Medikamente sind es, die uns heilen, sondern die Ärzte, verkündet Carl Elliott nach der Lektüre von Daniel Moermans Buch "Meaning, Medicine and the 'Placebo Effect'". In der Tat sprechen die von Moerman angeführten Studien über Plazebowirkung eine deutliche Sprache: Entscheidend für die Heilung des Patienten sei demnach, ob der Arzt dem von ihm verabreichten Mittel vertraut.

Weitere Artikel: Auch die jüngsten israelisch-palästinensischen Annäherungsversuche in Genf sind für Ilan Pappe bloß eine weitere Friedensblase, denn bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die Vorschläge als unzeitgemäß und indiskutabel. Peter Campbell hat vor Gerhard Richters Bildern in der Londoner Whitechapel (mehr hier) erahnt, worum es in der Malerei überhaupt geht. Zuguterletzt wühlt Thomas Jones in Diktatorenbunkern und hält einige Unterschiede fest: "Anders als Frau Hitler haben es Saddam Husseins Ehefrauen vermieden, das Schicksal ihres Mannes zu teilen.

Leider nur im Print zu lesen: Michael Byers prophezeit, dass Saddam Husseins Prozess die ultimative Gerichtsshow werden wird, und Alan Bennett blickt auf ein peinliches Jahr 2003 zurück.

Magazinrundschau vom 22.12.2003 - London Review of Books

Wenn von Seepiraten die Rede ist, denkt man an vergangene Tage oder an Sonntagnachmittage vor dem Fernseher, doch wovon Charles Glass berichtet, ist nicht nur bitterer Ernst, sondern auch heutzutage keine Seltenheit: "Der Chef-Ingenieur Mohieddin Ahmed Farooq las in seiner Kajutte im Time Magazin. Er erinnert sich, Männer an seiner Kabine vorbeilaufen gehört zu haben. Ein paar Minuten später informierte ihn ein Anruf aus dem Maschinenraum, dass diese Männer Piraten seien. In der Hoffnung, sie würden sich bloß mit dem Geld im Safe auf und davonmachen, blieb Farooq in seiner Kabine und machte das Licht aus. Dort wartete er, bis er hörte, wie Kapitän Blyth nach ihm rief. Man konnte die Füße des Kapitäns, und viele andere, unter dem Türspalt erkennen. Farooq ließ sie hinein. Um Blyth herum standen vier oder fünf Piraten, mit Messern ..."

Weitere Artikel: Robert Macfarlane beschreibt entzückt, wie es bei Sten Nadolny zur Erfindung einer Eigenschaft - der Langsamkeit - kommt, und hat beobachtet, dass "Die Entdeckung der Langsamkeit" zunehmend als Manifest des Anti-Postmodernismus herhalten muss. A. W. Moore unternimmt die Ehrenrettung von Aristoteles und seiner Vorstellung von Unendlichkeit. Und schließlich schlendert Hal Foster durch die pop-surrealistische James-Rosenquist-Retrospektive im New Yorker Guggenheim.

Magazinrundschau vom 08.12.2003 - London Review of Books

Anstatt die Improvisation ständig schönzureden, sollte man sich lieber fragen, wie sich gute Improvisation von schlechter unterscheidet, meint der Philosoph Richard Wollheim und erinnert sich an einen gespenstischen Tanzabend in Bergen-Belsen, der britische Soldaten und Überlebende des Frauen-KZs Bergen-Belsen zusammenbringen sollte. Doch die Frauen wussten nicht, worum es ging, und die Männer hatten keine Ahnung, wer diese Frauen waren. "Sie entblößten ihren linken Arm bis zum Ellenbogen und zeigten eine lila eintätowierte Zahlenreihe, die als bloßer Hinfahrtsschein für die Transporte gedacht war. Die Soldaten, die nicht ahnten, wem sie da gegenüberstanden, glotzten sie an. Die Frauen fuhren mit ihren Erklärungen fort, bis ein Soldat oder vielleicht mehrere, da sie glaubten, dies sei schlecht verkleidetes Flirten, die Frau, mit der sie gerade sprachen, auf die Tanzfläche zogen. Ich weiß nicht genau, was dann passierte, aber binnen Sekunden war eine Schlägerei ausgebrochen. (?) Die Musiker spielten lauter und schneller, doch ich beschloss, die ganze Sache abzublasen, die Soldaten in die Wagen zu kriegen und so schnell es ging nach Hause zu fahren. Ob wir im Dunkeln fuhren oder ob es noch hell war - wie ich vermute - ich kann mich einfach nicht erinnern."

Weitere Artikel: Bruce Cumings ärgert sich über die schlingernde und destruktive Nordkoreapolitik der USA. E. S. Turner hat in Donald Thomas' Buch "An Underworld At War" die Listen und Tücken des Überlebens an der britischen Heimatfront kennengelernt. Auf der Suche nach einem Gegengift zu Paul Burells Memoiren (letzte Ausgabe) glaubt Thomas Jones in Henry Greenes "Loving" Trost zu finden, doch dessen mit Druckfehlern verseuchte Neuausgabe lässt ihn eher über Texterkennungsprogramme und Verlagspolitik nachdenken. Und schließlich steht Peter Campbell gebannt vor Eric Ravilious' Bildern im Imperial War Museum: "Es ist schwierig herauszufinden, wo die Quelle des Gefühls liegt, das viele der Bilder vermitteln, nämlich dass es sich um Traumlandschaften handelt, Orte, von denen man weiß, dass sie real sind, die aber so aussehen, als wäre etwas geschehen oder würde noch geschehen, das außerhalb der gewöhnlichen Erfahrung liegt."

Nur in der Printausgabe kann man lesen, wie Jean Moulins Image sich vom Widerstandskämpfer zum Märtyrer verschiebt.

Magazinrundschau vom 24.11.2003 - London Review of Books

Jenny Bisky macht aufs herrlichste mit der Krone der Weiblichkeit Bekanntschaft: der Vagina. Die scheint auch nach den salbungsvollen Selbstentdeckungsreisen der Siebziger (O, wie schööön?) noch einer eingehenden Betrachtung zu bedürfen, zumal wenn es nach Catherine Blackledge geht ("The Story of V: Opening Pandora's Box"). Was Blackledge alles für die Vagina beansprucht, geht Bisky dann allerdings doch zu weit: "Alles was irgendeine Vagina von irgendeiner Spezies tun kann oder einmal tun konnte, wird als Beweismaterial für das herangezogen, was Blackledge die 'intelligente Vagina' nennt. Eigentlich sind Vaginas genauso intelligent wie Karten gewieft sind oder Gene egoistisch, nämlich gar nicht. Natürlich weiß ich, dass es schwer ist, intentionalen Formulierungen aus dem Weg zu gehen, wenn man über Dinge schreibt, die weder Gedanken noch Absichten haben (?), aber es sollte trotzdem möglich sein, die Vagina vom Gehirn zu unterscheiden." Natürlich ist auch nur die Vagina so schlau, ihr männliches Pendant dagegen "hängt bloß draußen rum und wartet, dass etwas Interessantes vorbeikommt, wie dumpfe Jugendliche an Straßenecken". Tja, das musste ja mal gesagt werden.

Weitere Artikel: James Wood überlegt, dass der Cartoon zwar die wohl glaubwürdigste Art ist, Amerika darzustellen, findet aber, dass D.B.C. Pierres cartoon-artige Satire auf das texanische Leben ("Vernon God Little", mit dem er immerhin den Booker Prize gewonnen hat) sich zu sehr mit Stereotypen-Lärm begnügt und bei all den Blechbläsern die Pianissimos vergisst. Chalmers Johnson lobt Sterling und Peggy Seagrave vor allem dafür, dass sie selbst einsehen, dass ihre Studie über die amerikanisch-asiatischen Nachkriegsbeziehungen ("Gold Warriors") ein Glaubwürdigkeitsproblem hat. Nicholas Penny hat bei der Botticelli-Ausstellung im Pariser Musee du Luxembourg mehr über Andrang, Schlangen und Ellenbogen erfahren als über den Meister selbst. Und schließlich: Buckingham-Butler Paul Burrell packt aus ("A Royal Duty") und das, wie Thomas Jones findet, auf "sterbenslangweilige und gleichzeitig beschämend faszinierende" Art.

Leider nur im Print zu lesen: Fredric Jameson schreibt über Pseudo-Paare bei Oe Kenzaburo.