Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

571 Presseschau-Absätze - Seite 55 von 58

Magazinrundschau vom 10.06.2003 - London Review of Books

Von irakischen Zivilisten hat Sean Maguire während seiner Zeit als "eingebetteter Journalist" wenig gesehen, dafür aber viel von der Art, wie sich die amerikanischen Befehlshaber die Kriegsberichterstattung vorgestellt haben, nämlich als großzügiges Zugeständnis an die westliche Öffentlichkeit, allerdings eher zur Eigenwerbung als zu Informationszwecken. Maguire hat beobachtet, dass die eigenen Truppen von ihren Befehlshabern nur dürftig informiert wurden, vermutlich sogar um ein Durchsickern von Informationen an die Presse zu verhindern. Die Unbedarftheit amerikanischer Offiziere fand er bestürzend: "Auch sie rangen mit ihrer Unwissenheit, versuchten sie zu überwinden, waren aber schlecht unterrichtet, was die irakische Kultur und Gesellschaft anging. Ich habe einen US-Captain mit schwerem Geschütz auf ein Minarett im Zentrum einer irakischen Stadt feuern sehen, in der Überzeugung, es handele sich um einen Überwachungsturm. Viele Zivilopfer an US-Checkpoints sind schlechtem Training im Umgang mit Zivilisten und banalen Fehlern zuzuschreiben, wie zum Beispiel, dass es kein arabisches Warnschild gab, das den Autofahrern bedeutet hätte, langsam zu fahren. Ich habe gesehen, wie ein älteres Bauernehepaar erschossen wurde, weil sie die hauchdünne Stacheldrahtleine nicht gesehen hatten, sie einfach durchfuhren und für Selbstmordattentäter gehalten wurden. Der Mangel an Übersetzern verstärkte die allgemeine Überzeugung, dass alle Iraker auf Englisch geschriebene Befehle verstehen müssten."

Michael Wood wundert sich, wie Andrew O'Hagans neuer Roman "Personality" gleichzeitig so viel witziger und wärmer als seine früheren Romane sein kann - und doch so unendlich trauriger: "Wenn du stirbst, weil du zu Hause bleibst, wie es die Menschen in diesem Buch tun, wenn du aber genauso stirbst, weil du von zu Hause weggehst, was heißt es dann wegzugehen?"

Weitere Artikel: Der britische Bakteriologe Hugh Pennington findet es angesichts der SARS-Epidemie und ihrer konsequenten Bekämpfung beruhigend, die Weltgesundheit in so guten, und gut kooperierenden Händen zu wissen. In Short Cuts fragt sich Thomas Jones, ob das "reality-TV" sich seinem Ende entgegenneigt, oder ob wir vielleicht schon in eine viel schlimmere Phase der Verblödung übergegangen sind. Hal Foster ist überrascht, wie intensiv die Kunst im unweit von New York eröffneten Museum Dia:Beacon wirkt.

Magazinrundschau vom 26.05.2003 - London Review of Books

"Pattern Recognition", der neue Roman des Science-fiction-Autors William Gibson, spielt diesmal nicht in der Zukunft, sondern im Jahr 2002. Es ist ein Thriller, "der fast ausschließlich von Nerds bevölkert ist, erklärt Christopher Tayler. "In fairness, he confronts the problem head-on: one character has a haircut of 'haute nerd intensity', another has an air of 'weird nerd innocence', another resembles 'an art-nerd', and yet another is unnervingly direct - a 'Chinese-American nerd thing'. But Gibson works hard to justify the epithet." (Viel Spaß dem Übersetzer!) Die Befremdung, die aus dieser teilweise wie collagiertes Fach-Chinesisch wirkenden Lektüre hervorgehe, sei halt das Los der Trendsetter. Allerdings könnten sich Prosa-Nerds ein bisschen vernachlässigt fühlen, meint Tayler - ...

... ein Satz, der elegant überleitet zu Slavoj Zizeks Kollision mit Jürgen Habermas. Dessen Behauptung, "biogenetische Eingriffe würden die Idee der Erziehung bedeutungslos machen" und den Verlust der menschlichen Würde bedeuten, hält Zizek entgegen, dass ein solcher gedanklicher Konservatismus den Menschen außerstande setzte, "die Begriffe der Freiheit, der Autonomie und der ethischen Verantwortung neu zu erfinden". Zizek hält fest, dass es keinen menschlichen Geist an sich gibt, sondern nur historische Theorien davon, und dass es somit keinen Sinn ergibt, den Menschen auf einen biologische Identität beschränken zu wollen, da "die Werkzeuge, die externalisierte 'Intelligenz', auf die sich menschliche Wesen verlassen, wesentlicher Bestandteil der menschlichen Identität sind". Das Problem sei nicht die Frage, "wie man Geist auf neuronale Aktivität beschränkt oder die Gedankensprache durch Gehirnprozesse ersetzt, sondern eher zu begreifen, wie Geist nur aus dem Netzwerk sozialer Beziehungen und materieller Ergänzung entstehen kann. Die wirkliche Frage lautet nicht, wenn überhaupt, ob Maschinen den menschlichen Geist nachahmen können, sondern wie die 'Identität' des menschlichen Geistes Maschinen mit einbeziehen kann." (Wir dachten eigentlich, Zizek sei das schon gelungen.)

Weitere Artikel: Jenny Diski ist beeindruckt, mit welchem dokumentarischen Bewusstsein der jüdische Flüchtling Herman Kruk in seinem Tagebuch ("The Last Days of the Jerusalem of Lithuania". Chronicles from the Vilna Ghetto and the Camps 1939-44) das Leben im Ghetto von Vilnius aufgezeichnet hat. Thomas Jones meint in "The Matrix" den würdigen Nachfolger von "Star Wars" zu erkennen. Das haben Kultfilme eben so an sich: Sie vertragen keine Fortsetzungen (man denke nur an die grauenhafte neue Star-Wars-Trilogie). Ob "Matrix Reloaded" die Ausnahme sein wird? Jones empfiehlt prophylaktische Erwartungslosigkeit. Und schließlich hat sich Peter Campbell von Philip Ward-Jacksons Führer "Public Sculpture of the City of London" von einer Londoner Skulptur zur nächsten leiten lassen.

Magazinrundschau vom 12.05.2003 - London Review of Books

Anatol Lieven fragt sich, ob man in puncto Amerika wirklich von Imperialismus reden kann. Zwar lehne die amerikanische Öffentlichkeit scheinbar auch weitere Feldzüge im Mittleren Osten, etwa gegen den Iran, keinesfalls ab. Doch sei die Mehrheit der Amerikaner "hinters Licht geführt worden, durch ein Propaganda-Programm, das in seiner systematischen Verlogenheit seinesgleichen unter den Demokratien sucht - in Friedenszeiten wohlgemerkt: Am Ende waren zwischen 42 und 56 Prozent der Amerikaner (die Umfrageergebnisse schwanken) davon überzeugt, dass Saddam Hussein direkt am Angriff des 11. Septembers beteiligt war." Und doch sollte man die kriegsfreundliche Einstellung der Öffentlichkeit nicht mit imperialistischem Bestreben verwechseln, meint Lieven. "Wenn die Pläne der Neo-Konservativen allein darauf bauen würden, dass der Imperialismus innerhalb der USA massive Unterstütztung erfährt, wären sie zum Scheitern verurteilt. Doch der Angriff des 11. Septembers hat den amerikanischen Imperialisten die Kraft des verwundeten Nationalismus verliehen - ein viel tieferes, weiter verbreitetes und gefährlicheres Phänomen, das durch den israelischen Nationalismus, der in weiten Teilen der jüdischen Gemeinschaft in Amerika anzutreffen ist, noch verstärkt wird."

Weitere Artikel: Matthew Reynolds jauchzt über die unlautere Art, in der Ciaran Carson Dantes "Göttliche Komödie" übersetzt hat, denn Carsons Text hat in seiner mehrstimmigen Sprachenvielfalt Dantes Ton zugleich verfremdet und genau getroffen. Laura Quinney findet Christopher Ricks Studie "Allusion to the Poets" dort am besten, wo Ricks ganz genau hinhört und erklärt, warum ein Gedicht funktioniert. Peter Campbell ist mit dem Umzug der Saatchi Gallery in das alte County-Hall-Gebäude nicht ganz zufrieden: Irgendwie sehen die Kunstwerke dort weniger wie moderne Kunst aus. Schließlich ärgert sich Thomas Jones darüber, dass Thomas Pynchons Rückzug aus der Welt nur Interesse der fruchtlosesten Art hervorgerufen hat.

Leider kann man nur in der Printausgabe lesen, was Yitzhak Laor über Israels leise Mithilfe am Irak-Krieg zu sagen hat, und was David Runciman mit Tony Blairs Masochismus meint.

Magazinrundschau vom 22.04.2003 - London Review of Books

Edward Said findet es schier unglaublich, wie unkritisch sich amerikanische Regierungspolitiker die zurechtgesponnene Idee einiger selbsternannter Spezialisten zueigen gemacht haben, die Irakis würden sich dem amerikanischen Angriff nicht widersetzen, sondern ihn sogar uneingeschränkt als Befreiung begrüßen. In der Tat gehe die amerikanische Regierung davon aus, "dass die Landkarte des Mittleren Ostens neu gezeichnet werden kann, so dass sich ein 'Domino-Effekt' in Gang setzt, der in der ganzen Region Israel-freundliche Demokratien hervorbringt". Doch das Erschreckendste an diesen Wunschbildern sei die allem zugrundeliegende Annahme, "dass amerikanische Macht grundsätzlich gütig und altruistisch" handele, was angesichts der Tatsachen geradezu unverschämt sei: "Dies ist der rücksichtsloseste Krieg der modernen Zeit. Hier geht es um die Arroganz einer in Weltlichkeit ungeschulten Weltmacht, die weder an Kompetenz noch an Erfahrung gebunden ist, achtlos gegenüber jeglicher historischen oder menschlichen Komplexität, reuelos in ihrer Gewalt und der Grausamkeit ihrer Technologie."

Weitere Artikel: Wenn auch Deborah Cadbury in ihrer Studie ("The Lost King") über den mysteriösen Tod des jungen Thronfolgers während der französischen Revolution ein allzu "moralisch zurückgebliebenes" Bild dieser Revolution zeigt, findet Hilary Mantel dieses "wissenschaftliche Puzzle-Buch" doch irgendwie faszinierend. Für Nicholas Penny ist Roberto Longhis Wiederentdeckung des italienischen Malers Piero della Francesca einer der wichtigsten Beiträge zur Kunstkritik im 20. Jahrhundert. In Short Cuts erklärt John Sturrock, warum "bullshit" ein Wort ist, das den Zeitgeist spiegelt. Und Peter Campbell hat auf der Ausstellung V&A Art Deco in London gelernt, "dass der richtige Stil gute Zeiten besser machen kann".

Nur im Print zu lesen: Hugh Miles hat sich den Krieg auf Al-Dschasira angesehen.

Magazinrundschau vom 07.04.2003 - London Review of Books

David Runciman, Professor für politische Theorie in Cambridge, zeigt sich unzufrieden mit Robert Kagans Essay "Paradise and Power" ("Macht und Ohnmacht"), der das Verhältnis zwischen Europa und Amerika untersucht. Für Kagan seien die Europäer Kantianer, "die danach streben in einer in sich geschlossenen Welt von Gesetzen und Regeln, von transnationaler Verhandlung und Kooperation" zu leben, die Amerikaner dagegen blieben "in die Geschichte verstrickt und übten Macht aus in einer anarchischen, hobbesianischen Welt, in der internationale Gesetze und Regeln unverlässlich sind". Schon mit dieser Grundthese Kagans kann Runciman nichts anfangen. Damit tue Kagan vor allem Hobbes Unrecht: "Die hobbesianische Welt anarchisch zu nennen bedeutet sich über hinwegzusetzten, was Hobbes sagt. Mehr noch, das hauptsächtliche Problem an Kagans Stellungnahme ist, dass die wahren Hobbesianer die Europäer sind", denn die, so Runciman, glauben noch an das staatliche Machtmonopol, in einer Welt, die spätestens seit dem 11. September "post-hobbesianisch" geworden ist, und in der "einige Staaten sich verwundbarer fühlen als ihre Bürger". (Mehr zu Hobbes hier.)

Ross McKibbin fragt sich, warum Tony Blair Großbritannien in den Irak-Krieg geführt hat und sieht dafür zweierlei Gründe: Blairs starkes politisches Engagement und der Immobilismus seiner eigenen New-Labour-Regierung. "Ob er sich darüber bewusst ist oder nicht, wie sehr ihn seine eigenen innenpolitischen Entscheidungen und die politischen Einschränkungen des New Labour frustriert haben - ich glaube, er ist sich darüber bewusst - daraus folgt, dass sich sein tief empfundener moralistisch-utopischer Drang in die Außenpolitik verlagert hat." Doch diese Entschlossenheit, so McKibbin, sollte bessere Anwendungsgebiete finden als die kriegerische Auseinandersetzung.

Weitere Artikel: Richard Poirier hat Carole Seymour-Jones' Biografie von Vivienne Eliot gelesen und wundert sich angesichts des zusammengetragenen Materials, wie es die Eliots überhaupt miteinander aushalten konnten. Edward Hooper, der wegen seiner in "The River" aufgestellten These, Aids sei bei einem Experiment mit Polio-Impfung in den fünfziger Jahren in Afrika entstanden, von der wissenschaftlichen Welt belächelt wurde, meldet sich zurück und behauptet aufgrund neuer Forschungsergebnisse, dass seine Theorie zur Entstehung des Aids-Virus zu Unrecht begraben wurde (Die ausführliche Version dieses Artikels kann man hier lesen). Peter Campbell hat sich Watteaus Ölgemälde "The Shop Sign" von nahem angesehen und darin den wundersamen Kosmos des Kunsthandels wiedergefunden. Und schließlich empört sich Jeremy Harding über Jacques Chiracs ethischen Gestus, der pure Lust an der Einflussnahme verbirgt und einen Schatten auf Frankreichs ständigen Sitz im Sicherheitsrat wirft.

Nur im Print: Slavoj Zizek macht sich "paranoide Gedanken" und fragt: "Was ist los?", und Christopher Tayler bespricht Dave Eggers' Roman "You Shall Know Our Velocity".

Magazinrundschau vom 24.03.2003 - London Review of Books

Was Catherine Halls Studie ("Civilising Subjects: Metropole and Colony in the English Imagination 1830-67") über Jamaica als Brennpunkt des britischen Kolonialismus zu etwas Besonderem macht, ist, dass sie "geladen ist mit der existentiellen Dringlichkeit gelebter Leben, mit hart gewonnenen Einsichten, umkämpften Anliegen und epochalen Veränderungen ", findet Edward Said. Dies beruhe vor allem darauf, dass Hall selbst unzertrennlich mit dem Thema verwoben sei, da die Pfarrerstochter einerseits aus dem baptistischen Missionszentrum Birmingham stamme, von dem die Missionierung Jamaicas ausging, und zudem mit dem Jamaica-britischen Historiker Stuart Hall verheiratet sei. Und auch wenn Said Hall vorwirft, schriftliche Dokumente als Beweise zu werten, ohne deren spezifischen - etwa literarischen oder philosophischen - Status zu hinterfragen, und die Kultur nicht genug als historisch differenziertes Konzept zu behandeln, dessen Bedeutung und Verflechtungen sich wandeln, bleibt diese Studie seiner Ansicht nach "im besten Sinne dialektisch" und wird sicher interessante Denkanstöße für Empire-Historiker und politische Aktivisten liefern, "für die es kein Scherz sein kann, dass George Bushs Hauptwählerschaft, jetzt da er auszieht, die Welt erst zu bestrafen und dann mit amerikanischer Macht wiederaufzubauen, siebzig Millionen evangelische und fundamentalistische amerikanische Christen sind, von denen viele Baptisten sind."

Weitere Artikel: Mark Ford ist ziemlich beeindruckt vom mehrschichtig verzweigten Erzählen eines Harry Matthews, dem einzigen Amerikaner in der von Raymond Queneau mitbegründeten französischen Literaturbewegung des OuLiPo (Ouvroir de Litterature Potentielle), und der Anthropologe Michael Gilsenan hat sich auf die Spur der arabischen Diaspora in Sudostasien gemacht. Schließlich schreibt Thomas Jones in Short Cuts über gefühlte und tatsächliche soziale Ungerechtigkeiten im britischen Schulsystem. Als Schmankerl gibt es dazu die dritte Seite von Art Spiegelmans Comic "In the Shadow of No Towers".

Nur im Print zu lesen, unter anderem, Hal Fosters Einschätzung der Pläne für Ground Zero.

Magazinrundschau vom 10.03.2003 - London Review of Books

Perry Anderson macht deutlich, dass im Irak-Konflikt sowohl die Kritiker der Bush-Regierung und die Bush-Regierung selbst von den gleichen gedanklichen Prämissen ausgehen, und wünscht sich, man würde diese Prämissen kritisch beleuchten, anstatt sich "unablässig auf die 'internationale Gemeinschaft' und die Vereinten Nationen zu berufen". Eine Kostprobe des von Anderson herbeigesehnten Klartextes: "1. Es gibt keine internationale Gemeinschaft. Der Begriff ist eine Beschönigung für amerikanische Vormacht. Es ist der Bush-Regierung anzurechnen, dass einige ihrer Funktionäre den Begriff abgelegt haben. (?) 2. Die Vereinten Nationen sind kein Sitz unparteiischer Autorität. Ihre Struktur, die den fünf Siegermächten eines Krieges, der vor fünfzig Jahren ausgefochten wurde, überwältigende Macht gibt, ist politisch unhaltbar. (?) 3. Das nukleare Oligopol der fünf Siegermächte von 1945 ist gleichermaßen unhaltbar. (?) 4. Territoriale Aneignungen - Eroberungen, auf gut Deutsch - deren Bestrafung die Rechtfertigung für eine UNO-Blockade gegen den Irak geliefert hat, sind nie von der UNO bestraft worden, wenn die Eroberer Alliierte der Vereinigten Staaten waren, immer nur wenn sie deren Gegner waren." Wer keinen Klartext spreche und auf einer anderen Ebene diskutiere, so Anderson, wolle nur "das Mobiliar retten".

In einem sehr reichhaltigen Artikel erklärt Adam Philips unter anderem, wie wenig sich Freuds Vorstellung der Psychoanalyse mit rückhaltloser Anhängerschaft oder gar mit einem Personen-Kult verträgt. "Ich möchte Freud als Frage beibehalten, und zeigen, dass es Bestandteil der von ihm erfundenen Psychoanalyse ist, dass es immer etwas geben wird (und soll), das es in Zusammenhang mit Freud und der Psychoanalyse zu hinterfragen gilt. (?) Er möchte uns die Erfolgsgeschichte des Scheiterns erzählen. Freuds Genialität bestand darin, uns zu beschreiben, wie und warum genau es für uns gut und notwendig ist - gut weil notwendig - in Konflikt mit uns selbst und anderen zu leben, und, sollten wir so gesinnt sein, in Konflikt mit Freud."

Weitere Artikel: Colin Burrow ist begeistert von Frances Harris' Buch "Transformations of Love: The Friendship of John Evelyn and Margaret Godolphin", in dem sie die Beziehung der beiden durch deren Briefwechsel und Evelyns Tagebuchnotizen beleuchtet. Schade nur, so Burrow, dass Harris diese seltsam uneindeutige Beziehung nicht in den größeren kulturgeschichtlichen Zusammenhang der Freundschaft im 17. Jahrhundert stellt, die sich "auf der delikaten Grenze zwischen Erotik, Religiosität und Sozialem" bewegt.

Thomas Jones findet es nach dem Abzug des großen sicherheitsbedingten Militäraufgebots am Londoner Heathrow-Flughafen nicht sehr beruhigend, Sätze wie "Es gibt nichts zu befürchten" zu hören. Und Peter Campbell ist schlichtweg begeistert von der Tizian-Ausstellung in der Londoner National Gallery.

Außerdem erscheint die erste Folge von Art Spiegelmans neuem Comic "Under the Shadow of No Towers", den es aber zukünftig leider nur in der Printausgabe geben wird.

Magazinrundschau vom 24.02.2003 - London Review of Books

Wo man hinsieht, herrscht Krieg, wenn auch nur auf dem Papier. So auch in der London Review.

"Wo ist Blair da bloß reingeraten?" fragt Conor Gearty und meint die rückhaltlose Schulterschluss-Politik mit den USA. Blairs "größte Fehleinschätzung", so Gearty, betreffe die "besondere Beziehung" zwischen den USA und Großbritannien, von der immer wieder die Rede sei. Zwar gibt es diese durchaus, meint Gearty, doch "was die Öffentlichkeit sieht, ist, dass der Premierminister immer wieder nach Washington fährt, um mit dem mächtigsten Mann der Welt privat darüber zu sprechen, wie die britischen Streitkräfte bei einer aggressiven Militäraktion, die tausende Meilen von zu Hause entfernt stattfinden soll, behilflich sein können. Am Vorabend des Krieges sind Blairs Doktrinen der Weltgemeinschaft und der besonderen Beziehung darauf reduziert worden."

Michael Byers ist besorgt über die zunehmende Nachlässigkeit, mit der die US-Regierung internationale Kriegsrechts-Abkommen behandelt. Er sieht dabei einen Zusammenhang zu Amerikas hochentwickeltem Waffenarsenal, mit dem die USA jeden Krieg gewinnen können, ohne dabei ihre Soldaten einer hohen Gefährdung auszusetzen. "So haben einige US-Politiker angefangen, den Krieg nicht als hochriskanten letzten Ausweg, sondern als attraktive Option der Außenpolitik in Zeiten innenpolitischer Skandale oder wirtschaftlicher Schwäche zu betrachten. Diese veränderte Denkweise hat schon zu einem ungenierteren Umgang mit dem 'jus ad bellum' (das Kriegsrecht, das das Eintreten in den Krieg legitimiert) geführt, wie die Bush-Doktrin der vorbeugenden Selbstverteidigung zeigt. Ähnliche Auswirkungen beginnen sich in Hinblick auf das 'jus in bello' (das über die Art der Kriegsführung wacht) abzuzeichnen. Wenn Krieg als gewöhnliches Mittel der Außenpolitik gesehen wird - 'Politik mit anderen Mitteln' - dann stören politische und finanzielle Betrachtungen das Gleichgewicht zwischen militärischer Notwendigkeit und menschenfreundlichen Bedenken. Soldaten werden bei lebendigem Leib begraben, weil die Leute zu Hause keine Leichensäcke mögen."

Weitere Artikel: Aus Tel Aviv schreibt Yitzhak Laor, Normalität sei in Israel zu einem "nationalen Wert" geworden, bedeute inzwischen jedoch nichts anderes als "Gleichgültigkeit". Tatsache sei nämlich, dass jegliches Demokratieverständnis dieser Normalität zum Ofer gefallen sei. David Ramsbotham, britischer Generaladjutant im ersten Golfkrieg, hegt Zweifel daran, ob es gut ist, dass die schon überstrapazierte British Army in einen vorbeugenden Irak-Krieg hineingezogen wird. Und in Short Cuts denkt Thomas Jones über Menschen nach, die darüber spekulieren, was in anderer Leute Kopf vor sich geht.

Besprochen werden Bevis Hilliers "New Fame, New Love", eine 700 Seiten starke Biografie des Dichters John Betjeman (mehr hier), die laut Rezensent Ian Sansom eine "herrliche Zeitverschwendung" ist. Die Ausstellung "Constable to Delacroix: British Art and the French Romantics" in der Londoner Tate Gallery , die Peter Campbell begeistert hat und für die er in Alexandre Dumas' "Graf von Monte Christo" einen geeigneten Wegbegleiter gefunden hat.

Magazinrundschau vom 10.02.2003 - London Review of Books

Thomas Mann ist ein unverstandener Modernist, erklärt Michael Wood in einem herrlichen Artikel, der zwei Neuerscheinungen (darunter Hermann Kurzkes Mann-Biografie) zu Thomas Mann gewidmet ist. Mann habe den Roman zwar nicht wie Joyce zur Explosion gebracht, ihn aber ironisch vermint, was gerade von der bildungsbürgerlichen Leserschaft unbemerkt bleiben musste. Und diese gutgekleidete Ironie beschränke sich keineswegs nur auf Manns Fiktion, wie Wood an einer Anekdote um Arnold Schönberg und den "Doktor Faustus" veranschaulicht. "Schönberg hatte die Vorstellung von einer Zukunft, in der er selbst aus dem menschlichen Gedenken verschwunden sein würde, und in der jeder denken würde, Mann habe die Zwölfton-Musik erfunden. Scheinbar gnädig und mit einiger stark disziplinierter Irritation erklärte sich Mann einverstanden, in allen zukünftigen Ausgaben des Romans eine Anmerkung einzufügen (...): 'Es scheint nicht überflüssig, den Leser zu verständigen, dass die im XXII. Kapitel dargestellte Kompositionsart, Zwölfton- oder Reihentechnik genannt, in Wahrheit das geistige Eigentum eines zeitgenössischen Komponisten und Theoretikers, Arnold Schönbergs, ist'." Wobei für Wood klar ist, "dass der Satzanfang genau das meint, was er so sorgfältig zu sagen vermeidet". Schönberg habe vor Wut getobt, vor allem über den Ausdruck "eines zeitgenössischen", der seiner Paranoia, seine eigene Epoche nicht zu überdauern, nur zu sehr entgegen kam. Die Kontroverse sei daraufhin weitergegangen und Mann habe sich "durchweg tadellos korrekt" verhalten. "Aber Korrektheit schließt einen Tick stiller Boshaftigkeit nicht aus. Was hätte es ihn gekostet, 'der zeitgenössische Komponist und Theoretiker Arnold Schoenberg' zu sagen, oder einfach 'Arnold Schoenberg'?"

Weitere Artikel: Andrew Berry zeigt sich skeptisch, was die stark biologisierende Evolutionstheorie von W. D. Hamilton angeht und findet, dass Hamilton vor allem da, wo er sich nicht mit Menschen, sondern mit "den seltsamen Insekten, die er liebte" beschäftigt, Großes geleistet hat. Robert Brenner kann sich nur wundern, dass man so erstaunt tut angesichts der jüngsten Management-Skandale um die amerikanischen Firmen-Giganten. Risiko und Spekulation habe es in der amerikanischen Wirtschaft schon immer gegeben, mehr noch, sie hätten sie überhaupt erst dahin gebracht, wo sie jetzt ist, nämlich an der Weltspitze. Seit seinem Amtsantritt hat Tony Blair vor allem eins vergessen, meint Thomas Jones, nämlich dass er zur Labour-Partei gehört. Schließlich schreibt Andrew Saint über den Wiederaufbau des von den Allierten zerbombten Le Havre, dessen Held nicht etwa der Projektleiter Auguste Perret war, sondern dessen rechte Hand Jacques Tournant.

Magazinrundschau vom 27.01.2003 - London Review of Books

Glen Newey amüsiert sich königlich über die nur scheinbar überlebte britische Monarchie. Denn wie kann etwas überlebt sein, das sich mit solcher, seinen Gegnern spottenden Beharrlichkeit hält? Doch wie lange werden sich die Royals noch als unverzichtbar ausgeben können? "Die interessanteste Frage, was die Monachie betrifft, ist, wie diese Institution es schafft, in Anbetracht ihrer Absurdität, weiter hin- und herzuschwanken und sich sogar bei Gelegenheit als Stimme der Besitzlosen auszugeben. Dahinter steckt das unübersehbare Dilemma, das die Monarchie des dritten Jahrtausends befällt. Wie kann die Existenz von so steinreichen und nicht-so-machtlosen Windsors mit den demokratischen Idealen der politischen und zivilen Gleichheit vereinbart werden?" Worauf Newey eine Dallas-würdige Antwort gefunden hat: "Der einzige Grund, warum die Queen und ihresgleichen die Rolle der Gallionsfigur der Nation auf glaubhaftere Weise spielen als ein gewählter oder ausgeloster Präsident, ist, dass ein Clan, der von Entfremdung, mehrfacher Scheidung, Ehebruch, Alkoholismus und sporadischen Psychosen zerrissen wird, die tatsächlichen Familienwerte veranschaulicht. (?) Die Royals mögen, wie Familien nun mal sind, primitiv, habgierig und sadistisch sein. Aber sie gehören zu uns, und wir können nicht anders, als sie zu lieben."

In Short Cuts prüft Thomas Jones die Granta-Auszeichnung für vielversprechende britische Schriftsteller auf Herz und Nieren und wundert sich über die Alterbeschränkung nach oben, schließlich könnten auch über 40-jährige Autoren vielversprechend sein. Dass keiner der Ausgezeichneten unter zwanzig ist, findet er allerdings angesichts der veröffentlichten Teenage-Literatur nicht weiter störend.

Weitere Artikel: Stefan Collini ist enttäuscht von Christopher Hitchens' Buch "Orwell's Victory" und befürchtet, Hitchens sei dabei, sich in einen "kein-Wenn-und-Aber-wir-müssen-uns-einfach-den-Tatsachen-stellen-Langweiler" zu verwandeln. Anatol Lieven hat Owen Bennett Jones' Buch über Pakistan gelesen und für gut befunden. Jones sitze nicht den üblichen Klichees auf und gebe auf komplexe Probleme komplexe Antworten. Schließlich denkt Peter Campbell über die Mies-van-der-Rohe-Ausstellung in der Londoner Whitechapel Gallery nach und zeigt sich angetan von der Verbindung zwischen Architektur und Philosophie, die das Schaffen des Architekten geprägt habe.

Nur im Print zu lesen ist, wie Martin Scorseses Film "Gangs of New York" der historischen Prüfung standhält.