Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 24.02.2009 - London Review of Books

Nicht einmal in der Ersten Republik, schreibt der Marxist und Historiker Perry Anderson, hat Italien ein solches Ausmaß an Habsucht, Ungerechtigkeit und Verwahrlosung erlebt, wie heute. Und daran, das macht Anderson sehr deutlich, ist nicht Berlusconi Schuld, sondern die Gier der ganzen politischen Klasse: "Der Quirinale, in dem der Präsident residiert - derzeit Giorgio Napolitano, bis gestern ein prominenter Kommunist, undurchdringlich wie seine Vorgänger -, stellte zuletzt 900 Diener in Rechnung. Die Kosten des präsidialen Establishment, die sich seit 1986 verdreifacht haben? Doppelt so hoch wie die des Elysee-Palasts, viermal so viel wie der Buckingham Palast, acht Mal so viel wie der deutsche Präsident... 2007 hatte Italien nicht weniger als 547.215 Dienstwagen - für eine regierende Klasse von 180.000 gewählten Repräsentanten; Frankreich hat 65.000 Limousinen. Sicherheit? Berlusconi gibt mit 81 Bodyguards auf Staatskosten ein Beispiel. Nach einigen Schätzungen entsprechen die Ausgaben für politische Repräsentation in Italien denen von Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Spanien zusammen. Unter dieser Kruste von Privilegien lebt jeder vierte Italiener in Armut."

Magazinrundschau vom 27.01.2009 - London Review of Books

Der US-Nahost-Experte Henry Siegman (hier ein kritischer Artikel zu Siegman) sieht die Schuld am Gaza-Krieg fast ausschließlich auf der israelischen Seite und erläutert in seinem Artikel, warum Verhandlungen mit der Hamas nicht nur möglich, sondern unbedingt notwendig sind. Und er warnt Barack Obama: "Wenn Barack Obama einen erfahrenen Nahost-Vermittler wählt, der an der Idee festhält, dass Außenstehende auf eigene Vorschläge für ein gerechtes und dauerhaftes Friedensabkommen verzichten sollten; wenn er darauf verzichtet, Druck auszuüben und es beiden Parteien überlässt, ihre Differenzen untereinander auszutragen - dann wird er sich einen palästinensischen Widerstand einhandeln, der noch viel extremer ist als die Hamas. Dieser Widerstand wird sich dann wirklich mit Al-Quaida verbünden... Vielleicht glauben ein paar Israelis, darunter die Anführer der Siedlerbewegung, dass ihnen das nützt, da die Regierung dann einen Vorwand hätte, am Anspruch auf ganz Palästina festzuhalten. Diese Illusion würde freilich das Ende Israels als jüdischer und demokratischer Staat bedeuten."

Außerdem gibt es ein Online-Only-Spezial zum Gaza-Krieg. Es schreiben unter anderem Tariq Ali, Michael Wood und Alastaire Crooke. Durchweg wird die israelische Seite scharf verurteilt.

Weitere Artikel: Colm Toibin bespricht Sheila Rowbothams Biografie des schwulen sozialistischen Autors Edward Carpenters, Peter Campbell hat die Ausstellung "Darwin Big Idea" im Londoner Natural History Museum besucht. Paul Myerscough liefert einen Erfahrungsbericht vom Pokern. John Lanchester schreibt zur Woolworths-Pleite.

Magazinrundschau vom 23.12.2008 - London Review of Books

John Lanchester widmet sich der Welt des Computerspiels, zu der er erst einmal feststellt, dass sie weiten Teilen der gebildeten Bürger komplett unbekannt ist. Und das, obwohl in den Verkäufen das Videospiel die Musik und das Kino gerade überholt. Auch andere Vergleiche sind interessant: "Die Videospiele sind ein viel widerständigeres, frustrierenderes Medium als ihre kulturellen Wettbewerber. Die älteren Medien haben die Idee, dass Schwierigkeit eine Tugend ist, weitgehend aufgegeben; ja, wenn ich eine hoch-kulturelle Vorstellung nennen sollte, die in der Zeit meines Erwachsenenlebens gestorben ist, dann wäre das die Idee, dass Schwierigkeit künstlerisch wünschenswert ist. Es scheint mir doch eine gewisse Ironie darin zu liegen, dass das Schwierige im jüngsten aller Medien eine solche Renaissance erlebt - und es ist keineswegs ein Zufall. Eine der am häufigsten gehörten Beschwerden von Gamern, wenn sie über Neuerscheinungen schreiben, lautet: das ist zu leicht. (Wäre eigentlich schön, wenn ein wenig von diesem Ethos in die Buchwelt hinüberschwappte.)"

Weitere Artikel: Die Romanautorin Hilary Mantel erinnert sich an ihre Zeit im saudi-arabischen Jeddah vor fünfundzwanzig Jahren. Sara Roy schildert die Lage im Gaza-Streifen, Adam Shatz kommentiert die Unruhen in Griechenland. Besprochen werden John Updikes Roman-Sequel "The Widows of Eastwick" und Gus van Sants neuer Film "Milk".

Magazinrundschau vom 16.12.2008 - London Review of Books

In der "Tagebuch"-Rubrik schildert der Schriftsteller Tariq Ali nüchtern empörende Fälle von "Ehrenmorden" in Pakistan. Am Ende des Textes erfährt man, wie nahe ihn das angeht: "In der letzten Oktoberwoche wurde die Enkelin meines Onkels, Zainab, von ihren beiden Brüdern Inam und Hamza Ahmed erschossen. Sie war gerade achtzehn Jahre alt. Offenbar hatte Zainab einen Liebhaber und weigerte sich trotz mehrerer Warnungen, die Beziehung zu beenden. Sie telefonierte gerade im Haus ihres Großvaters, als ihre Brüder ihr sieben Kugeln in den Leib jagten. Ich weiß nicht, ob ihre Mutter, die ich zuletzt sah, als sie zehn Jahre alt war, an dem Mord beteiligt war. Ich finde es aber auf jeden Fall schockierend, dass mein Onkel die Beerdigung der Leiche am selben Tag zuließ, ohne wenigstens darauf zu bestehen, dass ein 'First Information Report' [die Voraussetzung für die Einleitung einer Untersuchung, PT] an die örtliche Polizeistation übermittelt wurde - von einer Autopsie ganz zu schweigen."

Weitere Artikel: Unter der Überschrift "Amerika gesteht die Niederlage ein" informiert Patrick Cockburn über einen Ende November vom irakischen Parlament verabschiedeten Beschluss : Er sieht vor, dass die "USA ihre 150.000 Soldaten bis Ende Juni nächsten Jahres aus irakischen Städten und Dörfern abziehen und sich bis Ende 2011 völlig aus dem Irak zurückziehen." Daniel Soar kommentiert englischsprachige Jahresend-Bücherbestenlisten. Besprochen werden die große "Babylon"-Ausstellung im British Museum und eine Biografie der Tänzerin und John-Maynard-Keynes-Gattin Lydia Lopokova.

Magazinrundschau vom 02.12.2008 - London Review of Books

Neal Ascherson, Autor eines großen Buchs über die Schwarzmeerregion, ist in das offiziell zu Georgien gehörende Abchasien gereist, über das man im Westen wenig weiß. Anders als die Südosseten, die wohl eher zu Russland wollen, würden die Abchasen einen eigenen Staat bevorzugen, seit sie 1992/93 die Georgier - mehr als 50 Prozent der Bevölkerung - vertrieben haben. Ascherson plädiert dafür, dass die EU solche Unabhängigkeitsbestrebungen unterstützt. Er vergleicht den Konflikt überraschenderweise nicht mit Nordirland, sondern mit der Oder-Neiße-Grenze: "Jahrzehntelang war klar, dass jeder, der die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie auch nur in Erwähnung zog, politischen Selbstmord beging. Das westdeutsche Fernsehen brachte den Wetterbericht, wolkig oder sonnig, für Schlesien genauso wie für Bayern. Öffentlich unterstützten die Alliierten diese Position nach Kräften. Unter der Hand gab jeder französische oder britische Diplomat zu, dass dies furchtbar und wirklichkeitsfremd war. Aber genau das haben sie daran geschätzt. Ein Westdeutschland, das so fest an dieses unmögliche Dogma gebunden war, wäre niemals in der Lage, einen Handel mit der Sowjetunion abzuschließen, etwa Wiedervereinigung gegen Austritt aus der Nato. Erst in den 70er Jahren entschloss sich Willy Brandt, das Land aus dieser Falle hinauszuführen, indem er die territorialen Ergebnisse des Krieges und die neuen Grenzen anerkannte."

Weitere Artikel: Donald MacKenzie erzählt, wie man einen Hedgefonds gründet. Mahmood Mamdani versucht zu erklären, warum Simbabwes Diktator Robert Mugabe von seinem Volk weniger gehasst wird, als er es eigentlich verdient. Der griffigen Schlagwortkunst des Malcolm Gladwell ("Blink") nähert sich Thomas Jones mit Blick auf dessen neues Buch "Outliers: The Story of Success". Besprochen werden Steve Colls Geschichte der "Bin Ladins" und Jean-Luc Godards nun auch auf englischsprachiger DVD greifbare "Histoire(s) du cinema".

Magazinrundschau vom 18.11.2008 - London Review of Books

Exklusiv online will Slavoj Zizek nicht in die Obama-Skepsis radikaler Linker - oder gar Rechter - einstimmen und erklärt, warum sich da mal wieder die Naivität der Zyniker zeigt: "Der typische Zyniker wird dir zuflüstern: 'Aber siehst du denn nicht, dass es nur um Geld/Macht/Sex geht, dass alle Bekenntnisse zu Prinzipien und Werte nichts als leere Phrasen sind?' Was der Zyniker nicht erkennt, ist seine eigene Naivität, die Naivität der zynischen Weisheit, die nämlich die Macht von Illusionen einfach nicht begreift. Der Grund, warum der Sieg Obamas einen solchen Enthusiasmus auslöste, ist nicht nur der, dass er, wider alle Wahrscheinlichkeit, gelang: vielmehr führte er vor allem vor Augen, dass dergleichen wirklich möglich ist."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller und Chefredakteur von n+1 Keith Gessen, der mit seiner Großmutter in Moskau lebt, schildert, wie die Finanzkrise nun Russland erreicht. Michael Wood hat insgesamt, wenngleich nicht immer im Detail, fasziniert die Edition von Franz Kafkas während seiner beruflichen Tätigkeit für eine Prager Versicherung angefertigten Schriften gelesen. Besprochen werden unter anderem zwei CDs mit Audio-Aufnahmen britischer Autoren - Andrew O'Hagan ist schockiert zu hören, dass Arthur Conan Doyle so ganz und gar nach Gordon Brown klingt. In einer Online-Vorabveröffentlichung schreibt der Autor Tim Parks über "Gomorra", das Buch - das ihn überzeugt hat -, und über "Gomorra", den Film - der ihn enttäuscht.

Magazinrundschau vom 04.11.2008 - London Review of Books

Der in Los Angeles lehrende Historiker Sanjay Subrahmanyam erklärt, was mit dem diesjährigen Booker-Preisträger "Der weiße Tiger" (deutsche Kritiken) des Autors Aravind Adiga seiner Ansicht nach ganz grundsätzlich nicht stimmt - es ist die englische Stimme des angeblich aus der indischen Unterschicht stammenden Ich-Erzählers: "Seite um Seite wird man durch die klirrenden Dissonanzen der Sprache und die einfach nicht passenden Ausdrücke aus dem Text gerissen. Das ist die Stimme eines in piekfeinem Englisch erzogenen Mannes, der schmutzig zu sprechen versucht, ohne dass er es hinbekommt. Hier spricht kein Salinger als Holden Caulfield oder Joyce als Molly Bloom. Ganz gewiss auch kein Vergleich mit Ralph Ellison oder James Baldwin, auf deren Parteinahme für die Marginalisierten sich Adiga beruft. Nein, wir haben es hier mit jemandem zu tun, der kein Gespür für die Textur der indischen Umgangssprache hat, aber trotzdem behauptet, er habe einen realistischen Text produziert."

Weitere Artikel: Daniel Soar schreibt in der "Tagebuch"-Rubrik über Bunker im Londoner Untergrund. Der Schriftsteller Colm Toibin hat Andrea Weiss' Biografie "Im Schatten des Zauberbergs: Die Geschichte von Erika und Klaus Mann" (Verlagswebsite) gelesen - und ausweislich seiner sehr umfangreichen Rezension auch manch anderes Werk aus dem Mann-Primär- und Sekundäruniversum. Besprochen werden außerdem zwei Bücher von und über Juden im Irak, Alastair Campbells allzu autobiografischer und vor allem, seufzt Jenni Diski in ihrer sehr amüsanten Kritik, auch allzu schlecht geschriebener Roman "Reine Kopfsache" und Fernando Meirelles' Saramago-Verfilmung "Blindness".

Magazinrundschau vom 21.10.2008 - London Review of Books

John Lanchester sieht die Ursachen für die Finanzkrise ganz woanders: "Zusammengefasst: Ein riesiger unregulierter Boom, dessen Gewinne direkt in private Taschen flossen, auf den ein gigantischer Crash folgte, dessen Verluste verstaatlicht wurden. So sollte das Finanzsystem buchstäblich keiner Theorie zufolge funktionieren. Was da passiert ist, ist für Anhänger des freien Marktes ebenso grässlich wie für Sozialdemokraten oder richtige Linke. Aber an Alternativmodellen scheint es gänzlich zu fehlen: da, wo die Linke herausfordernd stand, ist heute ein ideologisches und theoretisches Vakuum. Der Kapitalismus hat keinen globalen Widersacher mehr, und das just in dem Moment, in dem er ihn am dringendsten bräuchte - und sei es nur, um die Begriffe und Wert zu klären und den Chor aus Hohn und Schadenfreude anzustimmen, der in diesem Moment weiß Gott angemessen wäre. Ich würde ja selbst gerne losschmettern, wäre ich nicht gelähmt von der Angst."

Weitere Artikel: Frank Kermode hat Philip Roths jüngsten Roman "Indignation" gelesen und sortiert ihn ein ins Gesamtwerk des Autors. David Runciman schildert sein langjähriges Leben und Leiden mit dem jetzt nicht mehr existenten Fußballverein FC Wimbledon. Die Londoner Rothko-Ausstellung hat Peter Campbell besucht. Jeremy Harding schreibt über Ezra Pounds Aufenthalt in Rapallo.

Magazinrundschau vom 07.10.2008 - London Review of Books

Mit einigem Entsetzen hat Adam Shatz den anti-islamischen Agitprop-Film "Obsession" gesehen, der in den USA gleich 74 Zeitungen - darunter der New York Times - beilag und derzeit in zig-millionenfacher Auflage verbreitet wird. Produziert wurde er vom "Clarion Fund", einer etwas undurchsichtigen, nichtkommerziellen Organisation, die der jüdisch-orthodoxen proisraelischen Organisation Aish HaTorah nahe steht: "Brutale Ausbrüche und spektakuläre Metzeleien sind clever zu pochender Nahost-Musik montiert: Pakistanis, die die amerikanische Flagge verbrennen, Pakistanis, die die Angriffe vom 11. September feiern, Hisbollah-Anhänger, die 'Tod Amerika' brüllen, Geistliche, die die 'großen 19' und den Mord an den Ungläubigen preisen, Kinder, die für Selbstmordanschläge ausgebildet werden, die Flugzeuge, die ins World Trade Center krachen. Diese Aufnahmen werden mit Bilder von Nazi-Aufmärschen und Hitler-Reden gemischt."

Weitere Artikel: Jonathan Raban erklärt das Phänomen Sarah Palin als amerikanische Variante des modernitäts- und urbanitätsfeindlichen rechtsextremen Poujadismus der fünfziger Jahre. Besprochen werden eine Neuausgabe von Howard Sturgis' Roman "Belchamber", ein Sammelband über "Jews and Shoes" und eine DVD-Box mit drei Filmen von Max Ophüls.

Magazinrundschau vom 23.09.2008 - London Review of Books

R.W. Johnson, der in CapeTown lebt, erzählt die bittere Geschichte von einer Frau, die belästigt und vergewaltigt wurde, vor Gericht ging (was kaum jemand wagt) und nach der lächerlichen Strafe für den Täter um ihr Leben fürchten muss. Einleitend schildert Johnson die Verhältnisse, in denen eine solche Geschichte wohl als alltäglich zu gelten hat, und wie es kam, dass er sich selber eine Waffe zulegte: "Eine Mordrate von rund vierhundert pro Woche und eine Vergewaltigung alle 26 Sekunden, das kann man nicht ignorieren. Seit wir 1994 die Freiheit erlangten, gab es mehr als 270.000 Morde. Jeder Hobbesianer kann dir sagen, dass der Sozialvertrag, wenn eine Regierung derart versagt, schlicht nicht mehr gilt... Ich entschied mich für eine .38er, die mir eine freundliche alte jüdische Kommunistin lieh, die meinte: Ja, ich hab sie immer bei mir, aber schießen musste ich damit nie. Andere Freunde meinten, nichts gehe über ein Gewehr. Das Geräusch des Ladens und Entsicherns allein jagt den meisten Einbrechern den Schrecken in die Glieder. Schließlich kann man damit glatt durch Türen schießen."

Weitere Artikel: In großer Ausführlichkeit schildert Perry Anderson die Geschichte und Vorgeschichte der Demokratie in der Türkei. Donald MacKenzie erklärt, wie der als Libor bezeichnete Referenzzinssatz im Interbankengeschäft ermittelt wird und warum er so außerordentlich wichtig für die gesamte Weltwirtschaft ist.

Besprochen werden Quentin Skinners Auseinandersetzung mit den Liberalismus-Theorien nach Hobbes, die in ein Plädoyer für einen positiven, republikanischen Freiheitsbegriff mündet, eine Ausstellung des Cartoonisten und Illustrators Osbert Lancaster in der Londoner Wallace Collection und ein Band mit den Briefen von Penelope Fitzgerald.