Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

570 Presseschau-Absätze - Seite 44 von 57

Magazinrundschau vom 09.09.2008 - London Review of Books

In einer sehr politischen Ausgabe sinniert Ross McKibbin über die Gründe für den Niedergang von New Labour - benennt dabei allerdings nicht zuletzt die Malaise der parteipolitischen Gegenwart überhaupt: Die Politikerin, der Politiker von heute "'weiß, wie Politik funktioniert' - was heißt, dass er oder sie sich mit den Mechanismen der Politik auskennt, nicht unbedingt mit den Ideen. Das hat zur Folge, dass die Mechanismen wichtiger werden als die Ideen und das Kurzfristige wichtiger als das Dauerhafte. Politik ist, was die Daily Mail heute schreibt; langfristige Erwägungen befassen sich damit, was die Daily Mail morgen schreiben könnte. Die entscheidenden Beziehungen sind heute die zwischen Politiker, Journalist und 'Berater'."

Weitere Artikel: In einem außerordentlich umfangreichen und für den, der die Zeit findet, sehr lesenswerten Artikel erklärt der Historiker Perry Anderson so ziemlich alles, was man über die Geschichte der Türkei, den Kemalismus und die Argumente für und gegen einen EU-Beitritt des Landes wissen muss. Tony Wood erläutert die Hintergründe des Südossetien-Kriegs.

Zur Kultur im engeren Sinn: Ein begeistertes Plädoyer hält Jenny Turner für ein Buch, das nicht nur sehr dick, sondern auch radikal modernistisch ist - und obendrein noch keinen Verleger hat: Helen deWitts und Ilya Gridneffs Roman "Your Name Here". Michael Wood hat im Kino James Marshs Dokumentarfilm "Man on Wire" gesehen, in dem es um Philipp Petit geht, der im Jahr 1974 mehrfach auf dem Hochseil zwischen den Türmen des World Trade Center hin- und herlief. John Lanchester wundert sich über das geringe Interesse an neuesten Erkenntnissen zur Beschaffenheit unseres Nachbarplaneten Mars.

Magazinrundschau vom 12.08.2008 - London Review of Books

Der Kunsthistoriker T.J. Clark betrachtet lange und ausgiebig Matisses Bild "Femme Au Chapeau", während er eine Antwort sucht auf den Kunstkritiker Maurice Denis, der 1905 über die moderne Malerei - und speziell bei Matisse - urteilte: "Was man vor allem findet ist Künstlichkeit. Keine literarische Künstlichkeit, die daraus folgt, dass man Ideen einen Ausdruck zu verleihen sucht; auch keine dekorative Künstlichkeit, wie sie sich die Teppichknüpfer in der Türkei oder in Persien ausdenken; nein, es ist etwas abstrakteres, Malerei jenseits aller Zufälle, Malerei an und für sich, der pure Akt der Malerei ... Was Sie tun Matisse, ist dialektisch: Sie beginnen mit dem Vielfältigen und Individuellen, und durch Definition, wie die Neo-Platoniker sagen würden, das heißt durch Abstraktion und Verallgemeinerung, landen Sie bei der Idee der puren Form der Malerei. Sie sind erst glücklich, wenn alle Elemente Ihrer Arbeit Ihnen verständlich sind. Nichts darf in Ihrem Universum dem Zufall überlassen bleiben: sie schleifen jeden Ausdruck ab, der nicht mit Vernunft zu erklären ist. (...) Geben Sie die Idee auf, eine neue Kunst nur auf Vernunft zu gründen. Vertrauen Sie Ihren Gefühlen und Ihrem Instinkt."

Magazinrundschau vom 29.07.2008 - London Review of Books

Jenny Diski hat einen sehr schönen Text verfasst übers Schlafen, übers Wachen, über den Tod und über die Zustände dazwischen. Mit Passagen wie dieser: "Wer geht, wenn man einschläft? Die anderen, versteht sich... Andernfalls wäre es ja man selbst, der nicht da ist, und alle anderen wären da, wo sie immer sind, und machten weiter mit dem, was sie immer tun. Das hieße aber, nimmt man, wie es oft geschehen ist, den Schlaf und den Tod als Geschwister, dass die Welt, wenn du stirbst, einfach ohne dich weitermacht - und das ist ein offenkundig lächerlicher Gedanke. Als er starb, sollen Francos Generäle (und sie haben, hoffe ich, gelogen) ihm versichert haben: 'Generalissimo, ganz Madrid steht draußen vor dem Palast, um sich von Ihnen zu verabschieden.' 'Warum', fragte der Generalissimo. 'Wo wollen sie hin?' Das war das erste Mal, dass ich mich mit einem faschistischen Diktator identifizieren konnte, aber er hatte, dieses eine Mal, schlicht und einfach völlig recht."

Weiteres: Eine lange Reportage gibt es von James Meek, der sich im vor genau einem Jahr von Hochwasser überfluteten Tewkesbury umgesehen hat. Peter Campbell lässt sich von Frank Gehrys temporärem Pavillon (Bild) vor der Londoner Serpentine Gallery zu einer Kurzgeschichte innovativen Bauens anregen. Darüber, wie von der BBC produzierte Radioprogramme rund um den Globus zu hören sind, schreibt Jeremy Harding. Jacqueline Rose bespricht Bernhard Schlinks jetzt in englischer Übersetzung erschienenen Roman "Die Heimkehr" - Schlinks völlig verzerrtes Bild der Dekonstruktion regt sie dabei zu einer sehr genauen Auseinandersetzung mit Fragen von Schuld, Sprache, Paul de Man und Gerechtigkeit an.

Magazinrundschau vom 15.07.2008 - London Review of Books

John Lanchester hat die in erstaunlicher Zahl erschienenen Memoiren prominenter New-Labor-Protagonisten gelesen - und erkennt darin das Symptom der desaströsen Folgen gegenwärtiger Strukturen von Macht und Öffentlichkeit: "Cherie Blair und John Prescott waren vielleicht nicht die unbeliebtesten Figuren in Blairs Regierung, aber sie waren die beiden mit der schlechtesten Presse. Beide verbrachten viel Zeit im heutigen Äquivalent des Prangers; eine Erfahrung, die Spuren hinterlässt - und bei beiden hat sie Spuren hinterlassen. Wenn wir sie im Licht ihrer eigenen neuen Offenbarungen im Gedächtnis behalten, dann geben wir ihnen wenigstens einen Teil der Kontrolle über ihre Geschichte zurück, weil wir sie für das im Gedächtnis behalten, was sie mit voller Absicht zu offenbaren entschieden haben. Nur ist daran etwas Trauriges und Verzweifeltes und es macht einem klar, was für eine trostlose, alles verschlingende Sache die öffentliche Aufmerksamkeit werden und welches Gefühl der Ohnmacht sie auslösen kann. Sogar, oder sogar ganz besonders, bei den Mächtigen."

Jeremy Harding hat den Kosovo besucht und stellt fest: "Keiner hätte sich vorstellen könnten, dass ein europäisches UN-Protektorat voller NGOs und reich an Spendenquittungen, in einem derart desolaten Zustand sein könnte. Der Kosovo zeigt geringes Wachstum, keine Inflation und kaum Anzeichen einer entstehenden Volkswirtschaft."

Weitere Artikel: Thomas Jones weiß Neues über Spione im wirklichen und im fiktionalen Leben. Benjamin Kunkel bespricht mit ziemlich gebremstem Enthusiasmus den bisher meist begeistert rezensierten Roman "Netherland" von Joseph O'Neill, Andrew O'Hagan hat in M. Night Shyamalans "The Happening" einen der "interessantesten" Filme des Jahres gesehen, allerdings auch einen der "schlechtesten".

Magazinrundschau vom 01.07.2008 - London Review of Books

Der große Reporter Neal Ascherson ist begeistert vom Buch "McMafia" seines BBC-Kollegen Misha Glenny. Der war in Osteuropa, in Asien, in Afrika, in Lateinamerika und anderswo unterwegs, hat sich mit Mafiosi und ihren Opfern und ihren Bekämpfern getroffen und erklärt Netzwerke, Hintergründe und Verfahren des organisierten Verbrechens. Ascherson lobt nicht zuletzt, dass Glenny ein sehr komplexes Bild der Mafia zeichnet: "Nein, die großen Gangster sind keine netten Menschen: Sie bekommen das, was sie wollen, durch Drohungen, durch den Einsatz von Gewalt und Erpressung. Und es ist keine Frage, dass ihre Operationen die Leben von Millionen zugrunde richten, durch Sucht oder - wie auf dem Balkan oder in Kolumbien - die Ausstattung und Finanzierung lokaler Kriege. Aber sind die Mobs und Mafiosi wirklich der Öffentliche Feind Nummer Eins? Genauer sollte man sie vielleicht den Regierungsfeind Nummer Eins nennen: sie berauben den Staat seiner Einkünfte, seines Monopols der Gewalt und der Rechtsdurchsetzung und manchmal auch des Respekts in der Völkergemeinschaft. Die Öffentlichkeit wird sie im Unterschied dazu manchmal weniger schrecklich finden - ja, oft sogar weniger schrecklich als die Regierungen, die eigentlich dazu da sein sollten, ihren Bürgern zu dienen und sie zu beschützen."

Weitere Artikel: Die Schrifstellerin Jenny Diski macht in einem Bericht restlos klar, warum sie das Südafrika der Gegenwart auf ihrer Reise als zerrissenen und furchtbaren Ort erlebt hat. Ross McKibbin erzählt die Geschichte des britischen Schulsystems und macht Vorschläge zu seiner Verbesserung. Von einer Londoner David-Lean-Retrospektive erstattet Michael Wood beeindruckt Bericht.

Magazinrundschau vom 17.06.2008 - London Review of Books

Der britische Essayist, Romanautor und London-Psychogeograf Iain Sinclair schildert in einer grandiosen literarischen Reportage die Zerstörung des Londoner Ostens, der gerade olympiareif gemacht wird und dabei sein Gesicht verliert: "Fußballer mit überschüssigem Kleingeld kaufen, hört man, ganze Wohnanlagen auf fürs Portfolio zum Wiederverkauf; viele dieser grellbunten Hüllen mit niedrigen Decken und eng an den Leib gepressten Balkonen werden, das ist heute schon klar, für immer halb leer stehen, als Ausstellungen ihrer selbst. Alles sieht spielerisch aus, aber freudlos, Ikea-Bettkästen, zusammengebastelt aus Plastikkarten und Zahnstochern. Die Stadtlandschaft der Bezirke im Umfeld der akustischen Bannmeile des Olympischen Parks im Lower Lea Valley ist der Zerstörung überantwortet, in einem rasenden, ungeduldigen Kampf gegen die Uhr, wie ihn London seit den Anfängen der Eisenbahn nicht mehr gesehen hat. Alle Zurückhaltung, alle Anhänglichkeit ans Gewesene sind beiseite gewischt, alles wartet einzig und allein auf den großen Knall der Starterpistole."

Weitere Artikel: Thomas Jones erzählt die ein wenig ins Stocken geratene Erfolgs-Geschichte von ebay und steigt ein mit einem Bericht vom erfolgreichen Verkauf einer frühen "Keane"-CD-Single für 750 Pfund. Warum es ihm partout nicht gelingt, die superedlen Klassikerausgaben der "Library of America" zu lesen, erklärt John Lanchester. Peter Campbell denkt über Haus- und Ladentüren nach. James Davidson bespricht die Auseinandersetzung des Historikers Pierre Vidal-Naquet mit dem Atlantis-Mythos - und staunt ein wenig, wie positivistisch er verfährt.

Magazinrundschau vom 03.06.2008 - London Review of Books

Der Herausgeber der London Review, Nicholas Spice, schreibt ein großes enthusiastisches Porträt Elfriede Jelineks. Er hat offensichtlich fast alles von ihr und über sie im Original gelesen, bis zum Amstetten-Text "Im Verlassenen", auf den er ausführlich eingeht. Anlass seines Artikels ist allerdings die Übersetzung von Jelineks Roman "Gier" ins Englische - und die ist, klagt er, eine einzige Katastrophe: "Die ständigen Wechsel der Tonlagen und Sprachregister, das Seitwärtsgleiten des Denkens entlang von Wortspiel und Kalauer, die häufigen Anspielungen auf andere deutsche Texte, kurz: das Idiom von 'Gier' stellt die Übersetzer grundsätzlich vor kaum überwindbare Hindernisse... Leider hat der Verlag, fraglos ökonomischem Druck gehorchend, nicht mehr als eine Standard-Übersetzung bezahlt, die eher nur Zufallstreffer landet - und das Ergebnis ist eine Katastrophe. Es ist schwer vorstellbar, dass sich Jelineks Ruf in der englischsprachigen Welt sich je davon erholen wird. Es wäre angesichts des Ergebnisses besser gewesen, den Roman überhaupt nicht zu übersetzen."

Weitere Artikel: Hugh Pennington erklärt - aus Anlass der Katastrophe in Burma -, dass Desaster dieser Art, anders als oft behauptet, in der Regel keine Epidemien nach sich ziehen: "Dass die unbegrabenen Toten eine wichtige Infektionsquelle sind, ist ein alter Glaube. In Wahrheit sind die Mikroben, die Leichen zersetzen, aber fast völlig auf diese besondere Aufgabe spezialisiert - und kaum in der Lage, auf die Lebenden überzuspringen." David Runcimann beschreibt den Wahlkampf 2008 als erstes wirkliches Internet-Wahlereignis der US-Geschichte - und damit das Ende massenmedialer Monopole. Andrew O'Hagan berichtet von einem Besuch in Bethlehem. Michael Wood bespricht eine Robert-Bresson-DVD-Box.

Magazinrundschau vom 20.05.2008 - London Review of Books

Ist das ein Fake? Kann man das glauben? In einer leicht verrückt wirkenden Beichte gesteht Kevin Kopelson, Englisch-Professor an der University of Iowa, wie er seine kleine wissenschaftliche Karriere aufgebaut hat: mit Plagiaten. Es begann im Herbst 1968, als Kopelson in der vierten Klasse einen Aufsatz über einen Konquistador schreiben sollte. "Ich wählte Hernando Cortez - vielleicht weil ich, wie Keats, den Namen mag. (Natürlich meinte Keats Balboa.) Aber wohl wissend, dass, was immer ich abgab, nicht wirklich zählte und auch dass Mr. X sich um diese lächerliche Situation noch weniger kümmerte als ich, schrieb ich einfach einen Lexikoneintrag ab. Die Sache ist nur, es war weder ein normales Lexikon noch ein normaler Eintrag. Das Lexikon war etwa hundert Jahre alt und der Eintrag zu 'Cortez' ungefähr 20 Seiten lang. Es war klar, dass mein Beitrag nicht der eines Achtjährigen sein konnte. Nicht mal der eines frühreifen, nicht mal der eines altklugen. Stellen Sie sich meine - Erleichterung? Überraschung? Indifferenz? Verachtung? - vor, als dieser früheste Diebstahl zurück kam mit der Note 'A'. ('Nette Arbeit!' schrieb Mr. X. Aber natürlich, wenn der Mann nicht ironisch war, hatte er den Aufsatz schlicht nicht gelesen - der faule Bastard.)"

Adam Shatz kommentiert die Privatisierung von Aufenthaltslagern für Immigranten nicht nur in den USA, sondern auch in Großbritannien. Und er schildert Fälle wie diesen: "Da ist etwa Manuel Bravo, der als Frau verkleidet aus Angola floh, nachdem seine Eltern als Regierungsgegner ermordet worden waren. Als Bravos Anwalt bei der Anhörung vor dem Asyltribunal im Oktober 2002 einfach nicht auftauchte, musste er sich selbst verteidigen. Man versprach ihm, er würde über die Entscheidung des Tribunals innerhalb eines Monats verständigt. Er wartete drei Jahre, dann wurden er und sein dreizehn Jahre alter Sohn Antonio eines Morgens um sechs Uhr ohne jede Vorwarnung festgenommen und ins Abschiebelager Yarl's Wood verbracht. Am nächsten Morgen erhängte sich Bravo, es war sein 35. Geburtstag, im Treppenhaus."

Weitere Artikel: Terry Eagleton bespricht John Mullans Buch "Anonymity", eine Geschichte anonym veröffentlichter Werke der englischen Literatur seit dem 16. Jahrhundert. James Meek hat James Kelmans Roman "Kieron Smith, Boy" gelesen und Hal Foster hat die große Richard-Serra-Ausstellung im Paris Grand Palais besucht.

Magazinrundschau vom 06.05.2008 - London Review of Books

R.W. Johnson liefert einen bestens informierten und schneidenden Bericht über die unzähligen Manipulationen, die in Zimbabwe Robert Mugabes Wahlniederlage gegen seinen Opponenten Morgan Tsvangirai verhindern sollten und dann doch nicht konnten. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Machenschaften des südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki, der Mugabes paranoide Weltsicht teilt: "In Mbekis und Mugabes Vorstellung hat der Westen nichts anderes im Sinn, als die Nationalen Befreigungsbewegungen zu beseitigen und, wenn möglich, die Vorgänger-Regime wiedereinzusetzen - Apartheid, Kolonialherrschaft oder die weißen Siedler. Dafür bedient sich der Westen verschiedener lokaler Parteien als Büttel: die Inkatha und die Democratic Alliance in Südafrike, Renamo in Mosambique, Unita in Angola - und Tsvangirais MDC in Simbabwe. Simbabwe ist dabei das schwächste Glied, weshalb die anderen Befreiungsbewegungen Mugabes Zanu-PF bedingungslos unterstützen müssen, denn wenn 'Simbabwe' fällt, ist Südafrika als nächstes dran."

Weitere Artikel: Donald McKenzie staunt über die enorme Preissteigerung für die Versicherung gegen "das Ende der Welt" - d.i. den Zusammenbruch der Weltmärkte - und sieht darin ein Indiz für die Ernsthaftigkeit der aktuellen, in seinem Artikel dann genau analysierten Kreditkrise. Vom Prozess gegen die gescheiterten islamistischen Attentäter, denen wir das Flüssigkeitsverbot im Flugzeug-Handgepäck verdanken, berichtet Daniel Soar. Stephen Holmes attestiert Naomi Kleins Analysen in "Die Schock-Strategie" Scharfsinn in der Kritik an der Ideologie des freien Marktes und Naivität in der Affirmation eines demokratischen Populismus. Michael Wood bespricht Kimberley Peirces Film über den Irak-Krieg und seine Folgen, "Stop-Loss", den er ganz exzellent findet.

Magazinrundschau vom 22.04.2008 - London Review of Books

T.J. Clark hat das Glück der Malerei erlebt und ist noch immer fast sprachlos: "Nur einmal oder zweimal im Leben kann man, wenn man Glück hat, den ganzen Wahnsinn der Malerei vor seinen Augen vorüberziehen zu sehen. So erging es jedenfalls mir in diesem Frühling, im Metropolitan Museum, in dem zwei großartige Ausstellungen - eine zur Rolle Nicolas Poussins bei der Erfindung des Genres, das wir 'Landschaft' nennen, die andere eine stupende Retrospektive des Werks von Gustave Courbets - nur wenige Korridore voneinander getrennt laufen. Ich taumelte von hier nach da, tagelang, freudig erregt und desorientiert. Gemeinsam führen sie so viel - zu viel - von dem vor, dessen die Malerei in Europa fähig war... Hinter den funkelnden Weiden und den Jägern im Schnee ahnt man den Geruch der Autokratie und öffentlicher Verbrennungen, ständigen Kriegs und von Bankiers mit makellosem Geschmack."

Weitere Artikel: Perry Anderson gibt eine weiß Gott ausführliche Einführung in Geschichte und EU-Gegenwart Zyperns. Thomas Jones schreibt - noch vor der Wahl - über die politische Lage in Italien.

Besprochen werden eine Alexander-Rodchenko-Ausstellung in der Londoner Hayward Gallery und Adam Mars-Jones Roman "Pilcrow".

Und Slavoj Zizek schreibt einen längeren Brief, weil er die Berichterstattung über Tibet unterkomplex findet: "In den letzten Jahren hat China seine Tibet-Strategie geändert: Religion in einer entpolitisierten Form wird jetzt toleriert, oft sogar unterstützt. China stützt sich nun mehr auf ethnische und ökonomische Kolonialisierung als auf militärischen Zwang und verwandelt Lhasa in eine chinesische Version des Wilden Westens, in der Karaoke-Bars sich neben buddhistischen Themenparks für westliche Touristen befinden."