Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

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Magazinrundschau vom 25.08.2009 - London Review of Books

Walter Benn Michaels liest einen Sammelband mit dem Titel "Wen interessiert die weiße Arbeiterklasse?" und stellt fest, dass es armen Weißen keinen Deut besser geht als vor den (relativen) Erfolgen antisexistischer und antirassistischer Bewegungen. Der Grund dafür ist recht einfach, wie er findet: "Man kann ganz deutlich feststellen: Die wachsende Toleranz gegenüber ökonomischer Ungleichheit und die wachsende Intoleranz gegenüber Rassismus, Sexismus und Homophobie - von Diskriminierung insgesamt - sind beides fundamentale Charakteristika des Neoliberalismus. Deshalb die außerordentlichen Fortschritte im Kampf gegen Diskriminierung; und eben deshalb haben sie mit linker Politik wenig zu tun. Die wachsenden Ungleichheiten des Neoliberalismus haben ihre Ursache nicht in Rassismus und Sexismus und werden durch Anti-Rassismus oder Anti-Sexismus nicht beseitigt. Es geht mir nicht darum, dass Anti-Rassismus und Anti-Sexismus nicht lobenswert wären. Sondern darum, dass sie im Moment mit linker Politik nichts zu tun haben und dass sie, insofern sie an ihre Stelle getreten sind, durchaus ihre problematischen Seiten haben."

Besprochen werden außerdem Andy Bennetts Geschichte Großbritanniens in den siebziger Jahren "Als die Lichter ausgingen" und Dubravka Ugresis Neuerzählung der Märchen von "Baba Yaga". Peter Campbell hat in der National Gallery die Ausstellung "Corot to Monet: A Fresh Look at Landscape from the Collection" besucht.

Magazinrundschau vom 04.08.2009 - London Review of Books

Hilary Mantel liest eine neue Danton-Biografie von David Lawday und entwirft in ihrer essayistischen Rezension das Porträt eines ungewöhnlichen Revolutionärs: "Danton war durchaus ein erfolgreicher Mann vor der Revolution; er gehörte nicht zu jenen, die nichts zu verlieren hatte. Er hatte eine Frau, ein komfortables Zuhause und eine gut gehende Anwaltskanzlei; viele seiner zukünftigen Mitstreiter dagegen hatten nichts als Bündel von unveröffentlichten Gedichten, ungesungenen Opern und von Stücken, denen nie jemand applaudiert hatte. Er war jedoch ruhelos und vielleicht, so Büchners Deutung in 'Danton's Tod', schnell gelangweilt. Die Revolution bot ihm fünf Jahre Abwechslung und öffentliche Beachtung und verschaffte ihm in ganz Europa Gehör. In ruhigeren Zeiten hätten ihn dreißig Jahre fleißiger Arbeit, verbunden mit Kratzfüßen und Buckeln vor ihm intellektuell Unterlegenen bestenfalls in die niederen Ränge des Establishments geführt."

Weitere Artikel in einer sehr interessanten Ausgabe: Jenny Diski liest und scherzt sich durch die von Catalin Avramescu verfasste "Ideengeschichte des Kannibalismus" (Verlagswebsite). Der Shakespeare-Forscher Michael Dobson denkt über die besondere Beziehung der Deutschen zu Hamlet (und "Hamlet") nach. Der südafrikanische Autor R.W. Johnson schildert eindrucksvoll, wie er durch eine Infektion mit fleischfressenden Bakterien ein Bein verlor und nur ums Haar mit dem Leben davonkam. Von keinem Geringeren als Eric Hobsbawm stammt die Rezension eines Buchs von Richard Overy über "Großbritannien zwischen den Kriegen". Michael Wood hat Tony Scotts Remake von "The Taking of Pelham 1-2-3" gesehen.

Magazinrundschau vom 21.07.2009 - London Review of Books

Die amerikanische Pakistan- und das heißt auch Afghanistan-Politik steuert sehenden Auges in die Katastrophe, meint der 1943 in Lahore geborene und seit den sechziger Jahren in Großbritannien lebende Publizist Tariq Ali, der sich zuletzt in Kabul aufgehalten hat. Kürzlich lobte die US-Botschafterin Anne Patterson den neuen Präsidenten, den Bhutto-Witwer Asif Ali Zardari: "Er tut alles, worum wir ihn bitten." Schön für sie, meint Ali, leider tut der Mann aber auch andere Dinge: "Zardari mag eine willfährige Kreatur Washingtons sein, aber der intensive Hass, mit dem man ihm in Pakistan begegnet, ist nicht auf seine politischen Gegner beschränkt. Verachtet wird er vor allem für seine Gier. Er hat nahtlos da weitergemacht, wo er als Investitionsminister in der Regierung seiner verstorbenen Ehefrau aufgehört hatte. Binnen Wochen nach Amtsantritt riefen seine Untergebenen bei allen wichtigen Geschäftsleuten des Landes an und forderten einen Anteil an den Profiten." Es gibt sogar, meint Ali, eine ganze Menge eigentlich nicht zu Verschwörungstheorien neigende Leute, die glauben, dass er an der Ermordung von Benazir Bhutto selbst beteiligt war. Das glaubt Ali zwar nicht, findet es aber bezeichnend, dass Zardari sogar das zugetraut wird.

Weitere Artikel: In einem Essay, der "eigentlich" die Besprechung eines Buchs von Alain Badiou über Nicolas Sarkozy ist, kommt der Allesdenker Slavoj Zizek irgendwo zwischen Sarkozy, Ahmadinedschad, den Marx Brothers, dem Animationsfilm Kung Fu Panda, Niels Bohr, einem Kastrationswitz von Putin und dem "vernünftigen Antisemitismus" des Robert Brasillach auch auf Silvio Berlusconi als Menetekel zu sprechen. Adam Shatz denkt über "laute Musik" als Folter und Waffe nach. Peter Campbell fragt sich, was es bedeutet, dass der Codex Sinaiticus jetzt teilweise im Netz lesbar ist. Mary Beard bespricht auf sehr aufschlussreiche Weise eine Biografie des denkenden Kaisers Marc Aurel, die sie unbefriedigend findet.

Magazinrundschau vom 07.07.2009 - London Review of Books

Christopher Caldwell stellt ein Buch vor, das das politische Frankreich in Aufruhr versetzt hat. In "Die Welt, wie K. sie sieht" präsentiert der angesehene investigative Journalist Pierre Pean Rechercheergebnisse vor, die diverse auch finanzielle Verfehlungen des Menschenrechts-Vorkämpfers und französischen Außenministers Bernard Kouchner aufführen. "Das Buch schlug in Paris wie eine Bombe ein", schildert Caldwell die Reaktionen. "Kouchner bezichtigte Pean des Antisemitismus und versammelte berühmte Freunde hinter sich, von Bernard-Henri Levy in der Heimat bis Hillary Clinton und Kofi Annan in der Ferne. Linke Zeitungen - Liberation etwa - gaben Pean Raum für seine Vorwürfe, während Le Monde das Buch attackierte. Das Wochenmagazin Le Point hat eigene Recherchen angestellt und bestätigte die wesentlichen Vorwürfe Peans. 'Die Welt, wie K. sie sieht' ist ein mutiges und wichtiges Buch: gewiss leidenschaftlich, oft unfair und manchmal auch schludrig; in jedem Fall aber verlangen die Vorwürfe gegen Kouchners militarisierten Humanitarismus eine Antwort - und weder Kouchner noch seine Verteidiger haben bislang eine gegeben."

Magazinrundschau vom 23.06.2009 - London Review of Books

Als "bisher bestes Buch" zur Finanzkrise lobt Donald MacKenzie den Band "Fool's Gold" mit dem schönen Untertitel "Wie ungebremste Gier einen Traum zerstörte, die globalenen Märkte erschütterte und eine Katastrophe heraufbeschwor". Geschrieben hat ihn die Financial-Times-Redakteurin Gillian Tett. Sie gehörte zu den wenigen, die schon lange vor der Krise auf die Probleme mit Derivaten hingewiesen hatten. In ihrem Buch erklärt sie auch, was ihr zur Scharfsicht verholfen hat: "Das Buch beginnt in einem Konferenzzimmer in Nizza im Frühjahr 2005. Tett gesteht, dass sie zu dem Zeitpunkt vom technischen Vokabular der Teilhnehmer - 'Gauß-Kopula', 'Eigenbehalt', 'Delta Hedging' - völlig verwirrt war. Nun hatte sie jedoch, bevor sie zur Financial Times kam, für ihre Dissertation in Sozialanthropologie Feldforschung im sowjetischen Tadschikistan durchgeführt. Sofort erwachte jetzt die Ethnografin in ihr. Die Konferenz erinnerte sie an eine tadschikische Hochzeit. Die Teilnehmer schmiedeten soziale Bande und feierten eine implizit vorausgesetzte Weltsicht - in diesem Fall eine, in der 'es komplett in Ordnung war, Geld in abstrakten, mathematischen, ultra-komplexen Termini zu diskutieren, ohne dass von menschlichen Wesen mit einem Wort die Rede wäre'."

Weitere Artikel: Iain Sinclair nimmt sich Peter Ackroyds Versuch vor, die Geschichte Londons aus Perspektive der Themse zu schreiben - und diese dabei, "gegen allen Anschein" (so Sinclair) als heiligen Fluss a la Ganges oder Jordan zu begreifen. Chris Mullin, Labour-Abgeordneter im Britischen Unterhaus, schreibt ein Tagebuch des Spesenskandals. Peter Campbell macht sich Gedanken zur Futurismus-Ausstellung in der Londoner Tate Modern.

Magazinrundschau vom 09.06.2009 - London Review of Books

Michael Wood hat im Kino "Synecdoche, New York", das Regiedebüt des Drehbuchautors Charlie Kaufman ("Being John Malkovich", "Vergiss mein nicht") gesehen und kratzt sich nun eine Kritik lang den Kopf: "Kann man in einer Synekdoche sterben, und wenn ja, wäre das gut für einen? Wäre es, wie in einer Klammer zu sterben, so wie es Mrs Ramsay in Virginia Woolfs 'Der Leuchtturm' tut - oder wäre es komplett anders? Am Ende von Synecdoche, New York scheint Caden Cotard als Theater-Version seiner selbst zu sterben, und zwar in einer Replik Manhattans in einer Lagerhalle in Manhattan. Eine Stimme, die ihn über Draht und Mikrofon erreicht, hat ihm eine ganze Weile schon gesagt, was er tun soll. Nun sagt sie, ganz sanft: 'Stirb!'. Und er stirbt. Oder doch nicht?"

In weiteren Artikeln geht es um die Auto-Industrie und den Freiheits-Fetisch Auto, britische Spesen- und Korruptions-Skandale (ganz besonders einen, der mit Berlusconi zu tun hat) und um Innenansichten aus Sozial- und Pflegeberufen

Magazinrundschau vom 26.05.2009 - London Review of Books

David Runciman bespricht eigentlich nur Andrew Lihs Buch "The Wikipedia Revolution", erzählt bei der Gelegenheit aber die Geschichte der Online-Enzyklopädie nach und denkt über die Gründe für ihren Erfolg nach. Im kleinen finden sie sich offenbar in der Form des Buchs selbst, dessen Nachwort durch die Beiträge vieler in einem Wiki zustande kam: "Es ist erfreulich, dass Lih das Nachwort mit ins Buch aufgenommen hat, denn es ist besser geschrieben als der Rest, präziser im Stil und mit einem genaueren Fokus. Die von ihm selbst allein geschriebenen Kapitel sind voller interessanter Informationen, enthalten aber zu viele unwichtige Einzelheiten über Leute, denen Lih einen Gefallen erweisen möchte. Nichts davon im Nachwort - es kommt auf den Punkt, ohne Rücksicht auf Verluste. Allerdings hilft es auch, dass der Platz, weil dies ein Buch ist, begrenzt bleibt, so dass der häufigste Wikipedia-Fehler automatisch vermieden wird: Nicht zu wissen, wann man aufhören soll."

Weitere Artikel: Die Autorin Anne Enright kennt, will ihr scheinen, alle Hotels der Welt und staunt vor allem über den Mangel an Eigenarten. John Lanchester schildert die Absurditäten und Ironien des Finanzmarkts am Beispiel der in jeder Hinsicht unterschätzten Royal Bank of Scotland. Daniel Soar geht der Geschichte des @-Zeichens nach. Peter Campbell schreibt über die Ausstellung "Sickert in Venice", zu sehen in der Dulwich Picture Gallery.

Magazinrundschau vom 12.05.2009 - London Review of Books

Der Schriftsteller Colm Toibin liest den Briefwechsel zwischen der Dichterin Elizabeth Bishop und dem Dichter Robert Lowell, der ein Zeugnis ihrer engen Freundschaft ist, und stellt fest: "Die Briefe zeigen, dass Lowell eine Kreuzung aus einem Fuchs und einem Welpen war. Er kannte viele kleine Dinge und war oft voller Hoffnung für seine Gedichte, seine Theaterstücke, seine Freunde, seine Ehefrauen und seine Kinder. Er trieb sich sehr viel herum, körperlich und geistig. Bishop dagegen war eine Kreuzung aus Igel und Schnecke. Sie kannte ein großes Ding, oder wollte es kennen; sie hinterließ silberne und schwer lesbare Spuren."

Andrew O'Hagan denkt über Susan Boyle (hier) und verwandte YouTube-Phänomene nach: "Ihr Erfolg ist nicht schwer zu verstehen: Wir lieben die Idee, dass Talent im Verborgenen blüht, und es gehört zu unseren am tiefsten verwurzelten Phantasien, dass die Bescheidensten unter uns, die Unschuldigsten, die, die am wenigsten hermachen, die Fähigkeit haben, die Welt in Erstaunen zu versetzen. Diese Vorstellung ist das sentimentale Geheimnis des ganzen Showbusiness."

Weitere Artikel: Gareth Peirce, die als Rechtsanwältin des islamistischen und des IRA-Terrors Angeklagte verteidigt hat, schreibt über Folter und die gefährliche Staatsgeheimnisskrämerei Großbritanniens. Jenny Turner bespricht Ratgeber-Bücher, die erklären, wie man aus finanziell schlechten Zeiten das beste macht. Michael Wood hat im Kino den schwedischen Adoleszenz-Vampir-Film "So finster die Nacht" (Webseite) gesehen.

Magazinrundschau vom 28.04.2009 - London Review of Books

Der Anteil Sharia-kompatibler und damit spekulationsarmer islamischer Banken am Weltfinanzsystem ist gering - aber er wächst rapide. Jeremy Harding erklärt ihren Reiz für gläubige Muslime: "Sie bewundern daran, was sie als die Fähigkeit der Banken zu Stabilität und Transparenz betrachten, und einen Sinn für Verhältnismäßigkeit im Umgang mit Geld: Sieh ihm ins Auge, sag ihm, dass du es magst, aber gib zu, dass du leise Zweifel am transzendenten Wert von Papier hast. Das ist keine sehr raffinierte Haltung, aber seit der Kreditkrise gibt es nicht mehr viele, die den raffinierten Verwaltern der modernen Geldkultur noch trauen; in diesem Sinn ist der Aufstieg der Sharia-kompatiblen Produkte auch eine Herausforderung an den inoffiziellen, polytheistischen Glauben Britanniens, die Verehrung von Märkten im allgemeinen und von Finanzmärkten im besonderen."

Weitere Artikel: Der Literaturkritiker des New Yorker, James Wood, analysiert die Romane von Ian McEwan und kommt zum Ergebnis, dass der britische Autor da am besten ist, wo er seine eigene Lust an der Manipulation auch auf der Erzählebene untersucht, nämlich in seinem Roman "Abbitte". Daniel Finn denkt über irischen Republikanismus bzw. den Mangel daran nach. Thomas Jones schreibt über das Erdbeben in den Abruzzen, seinen Weinkeller und Plato Höhle. Peter Campbell sieht sich die Isa-Genzken-Ausstellung in der Londoner Whitechapel Gallery an.

Magazinrundschau vom 07.04.2009 - London Review of Books

John Lanchester ist am 19. März 2009, nach fast zweihundert Jahren Theoriebildung zum realistischen Roman, ein Licht aufgegangen: "Stendhal sagte, der Roman sei 'ein Spiegel, den man eine Straße hinunterträgt'. Obwohl dieser Vergleich allgemein als meisterhafte Zusammenfassung des Realismus-Projekts in der Literatur gilt, habe ich immer dazu tendiert, ihn arg buchstäblich zu nehmen. Wieviel würde der Spiegel eigentlich zeigen? Käme es nicht sehr darauf an, wie groß er ist? Wer sieht hinein in den Spiegel? Und würde derjenige nicht eher recht wenig sehen? Ist die Romanautorin die Person, die den Spiegel trägt - oder steht sie am Straßenrand und blickt in den Spiegel? Aber wäre sie da nicht etwas sehr passiv, schließlich soll es doch ihr Roman sein? Würde der Winkel des Spiegels sich ändern, so dass man mehr sehen kann von dem, was passiert? Wir können uns jetzt alle beruhigen. Es ist endlich klar, dass Stendhal eigentlich sagen wollte: Der Roman ist sowas ähnliches wie Google Street View."

Außerdem in einer sehr interessanten Ausgabe: Der Pakistan-Korrespondent Graham Usher berichtet über den wachsenden Einfluss Indiens in den USA - und die hoch problematischen Auswirkungen auf die Entwicklung in Afghanistan. Michael Wood hat im Kino Tom Tykwers Film "The International" gesehen und mag als einer der ganz wenigen Kritiker die Schießerei im Guggenheim-Museum gar nicht - deutlich besser gefällt ihm Tony Gilroys "Duplicity". Der Historiker Christopher Clark bespricht Fabrice d'Almeidas Buch über "Die High Society im Dritten Reich".