Magazinrundschau

Ich konnte mit Frauen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
16.12.2008. In Outlook India analysiert Arundhati Roy das Wesen des Terrorismus. In der London Review schildert Tariq Ali einen Ehrenmord in seiner Familie. Im Observator Cultural erklärt der Schriftsteller Mircea Horia Simionescu, wie nützlich die Erfahrung ist, betrogen zu werden. Elet es Irodalom untersucht den verderblichen Einfluss des primitiven Janos Kadar. In der Gazeta Wyborcza hofft Viktor Jerofejew: Wenn die Finanzkrise noch etwas größer wird, könnte es Veränderungen sogar in Russland geben. In der Lettre beschreibt Peter Nadas die Erbschaft der im Ostblock so wichtigen Simulation.

Outlook India (Indien), 21.12.2008

Schaut nicht nach Pakistan oder auf die Muslime, schaut in den Spiegel, empfiehlt Arundhati Roy ihren Landsleuten. Für den islamischen Terror gibt es keine Entschuldigung. Aber in ihrem faktengesättigten und detaillierten Abriss der - nicht immer muslimischen - Anschläge und der Reaktion der Politiker und der Justiz darauf, hält sie fest, dass Krieg oder Hindu-Terrorismus keine Antwort sein können. Denn Terroristen, egal woher sie kommen, haben eines gemeinsam: Sie brauchen Opfer in den eigenen Reihen. Das beweisen auch die Attentäter von Mumbai. "Wenn diese Männer tatsächlich Mitglieder von Lashkar-e-Toiba waren, warum hat es sie dann nicht gekümmert, dass eine große Anzahl ihrer Opfer Muslime waren oder dass ihre Aktion voraussichtlich zu einem harten Gegenschlag gegen die muslimische Gemeinschaft in Indien führen würde, für deren Rechte sie angeblich kämpfen? Terrorismus ist eine herzlose Ideologie und wie die meisten Ideologien sieht er nur das große Bild, Individuen zählen nicht in seiner Kalkulation, sie sind nur Kollateralschaden. Es war immer Teil - und oft sogar Ziel - der terroristischen Strategie, eine schlimme Situation zu verschärfen, um versteckte Störungszonen bloßzulegen. Das Blut der 'Märtyrer' bewässert den Terrorismus. Hindu-Terroristen brauchen tote Hindus, kommunistische Terroristen brauchen tote Proletarier, muslimische Terroristen brauchen tote Muslime."

Außerdem: Der Schriftsteller Amitav Ghosh singt ein Liebeslied auf Ägypten, wo er eine Zeitlang gelebt hat. Außerdem untersucht er in einem langen Essay den Einfluss von Schriften (etwa Jacques-Henri Bernardin de Saint-Pierres und Edward Blyths) und Legenden auf den Umgang mit der Natur. Pushpa Iyengar beschreibt den Aufstieg einer neuen Riege von Schauspielerinnen aus Kerala - die ganz eigene Probleme haben: "Wie ich nur erwähne, dass ich abnehmen will, gibt es sofort einen Chor von Missbilligungen", zitiert er die Schauspielerin Megha Nair (hier ein Video).

London Review of Books (UK), 18.12.2008

In der "Tagebuch"-Rubrik schildert der Schriftsteller Tariq Ali nüchtern empörende Fälle von "Ehrenmorden" in Pakistan. Am Ende des Textes erfährt man, wie nahe ihn das angeht: "In der letzten Oktoberwoche wurde die Enkelin meines Onkels, Zainab, von ihren beiden Brüdern Inam und Hamza Ahmed erschossen. Sie war gerade achtzehn Jahre alt. Offenbar hatte Zainab einen Liebhaber und weigerte sich trotz mehrerer Warnungen, die Beziehung zu beenden. Sie telefonierte gerade im Haus ihres Großvaters, als ihre Brüder ihr sieben Kugeln in den Leib jagten. Ich weiß nicht, ob ihre Mutter, die ich zuletzt sah, als sie zehn Jahre alt war, an dem Mord beteiligt war. Ich finde es aber auf jeden Fall schockierend, dass mein Onkel die Beerdigung der Leiche am selben Tag zuließ, ohne wenigstens darauf zu bestehen, dass ein 'First Information Report' [die Voraussetzung für die Einleitung einer Untersuchung, PT] an die örtliche Polizeistation übermittelt wurde - von einer Autopsie ganz zu schweigen."

Weitere Artikel: Unter der Überschrift "Amerika gesteht die Niederlage ein" informiert Patrick Cockburn über einen Ende November vom irakischen Parlament verabschiedeten Beschluss : Er sieht vor, dass die "USA ihre 150.000 Soldaten bis Ende Juni nächsten Jahres aus irakischen Städten und Dörfern abziehen und sich bis Ende 2011 völlig aus dem Irak zurückziehen." Daniel Soar kommentiert englischsprachige Jahresend-Bücherbestenlisten. Besprochen werden die große "Babylon"-Ausstellung im British Museum und eine Biografie der Tänzerin und John-Maynard-Keynes-Gattin Lydia Lopokova.

Observator Cultural (Rumänien), 15.12.2008

Ovidiu Simonca unterhält sich mit dem Schriftsteller Mircea Horia Simionescu, der in diesem Jahr achtzig Jahre alt geworden ist. Den Vorwurf, misogyn zu sein, entkräftet er fröhlich: "Ich war nicht gerade ein Schürzenjäger, aber ich konnte mit Frauen. Ich war ständig verliebt." Aber besser fürs Geschäft waren die schlechte Erfahrungen: "Ich will nicht nochmal erzählen, wie nützlich die Erfahrung, betrogen zu werden, für das Schreiben ist. Ich wollte immer wissen: Weiblichkeit und Frauen waren Studienobjekte für mich. Man ist nicht ganz vollständig, wenn man durch diese Dinge nicht durchgegangen ist. Ich habe auch ein Zugunglück erlebt. Einmal war ich auch in den Bergen mit zwei Mädchen. Ich war für sie verantwortlich, und während wir zum Piatra Arsa wanderten, gerieten wir in einen Schneesturm. Wir sahen in den Abgrund hinunter, Wir hätten alle drei sterben können. Alles, was passierte, war gut fürs Schreiben. Alle Abenteuer, alle Unfälle, der Selbstmordversuch. Alles. Ich frage Sie: Ist das nicht verrückt?" (Auszüge aus seiner "Bibliografia generala" kann man hier auf Deutsch lesen.)
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HVG (Ungarn), 13.12.2008

Angesichts jüngster Korruptionsfälle hat Ungarns Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany "brutalstmögliche" Maßnahmen angekündigt. Gute Idee, findet der Rechtsanwalt Andras Schiffer, zumal Ungarn auf der Korruptionsrangliste von Transparency International von Platz 39 auf Platz 47 abgerutscht ist. Schade sei nur, dass die angekündigte "Brutalität" nichts mit der Klärung aktueller und chronischer Korruptionsfälle zu tun habe: "Was es hingegen geben wird, ist ein Antikorruptionskolleg der Regierung - das vierte seit 2003 - sowie eine Hotline für Anzeigen. Und der 'brutalstmögliche' Vorschlag ist, dass am Ertrag, der durch die Aufdeckung des Korruptionsfalls erzielt wird, auch der Denunziant beteiligt wird. Diese aus der amerikanischen Regulierungskultur einzeln herausgegriffene Idee deutet darauf hin, dass die Regierung eine seltsame Vorstellung von ihren Bürgern hat: Demnach ist der Bürger kein moralisches Wesen, den die Angst, die Undurchsichtigkeit und die Hoffnungslosigkeit davon abhalten könnte, korrupte Politiker anzuzeigen, sondern ist ein habgieriger Profitgeier, dem der Reibach bislang verwehrt blieb. Einiges über diese Sichtweise verrät die Einleitung des Regierungsvorschlags: Der Kampf gegen die Korruption sei 'aus der Perspektive der Wettbewerbsfähigkeit und der internationalen Beurteilung der Republik Ungarn von herausragender Bedeutung' steht da. Über die Qualität der Demokratie wird kein einziges Wort verloren."
Archiv: HVG

Elet es Irodalom (Ungarn), 05.12.2008

Rückblickend wundert sich Janos Szeky darüber, dass Janos Kadar, der "legendäre" Generalsekretär der ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei, bis zum Ende seiner Macht nicht nur im Westen stets gelobt wurde (ohne seinen Rachefeldzug gegen die Aufständischen von 1956 zu erwähnen) sondern auch in der Heimat als vollwertiger Politiker angesehen wurde - als hätte man nie bemerkt, was für ein geistiges Leichtgewicht er war. Dabei hatte er selbst von sich gesagt, er sei "ein primitiver Mensch". Dazu meint Szeky: "Die Massen waren froh darüber, dass einer die ungarische Sprache genausowenig beherrschte wie sie, dass er die selben Binsenwahrheiten als Lebens- und politische Weisheiten verkaufte wie sie. Dies alles war kein Nachteil, vielmehr hat es der unbestreitbaren Popularität des Diktators (in ziemlich breiten Kreisen) geradezu genützt. Es ist wohl eine goldene Regel, dass die Menschen die offensichtlich intelligenten Politiker nicht mögen. Bedenklich ist aber, welche Wirkung die Primitivität und der mentalen Zerfall des einstigen Generalsekretärs auf die politischen Verhaltensmuster in Ungarn nach der Wende hatten - ein zusammengesetzter und teilweise ironischer Satz gilt bereits als Beweis der Sünde und des Hochmuts. Dies verbindet sich mit dem erschreckenden Antiintellektualismus der meisten Medien, der in einem nicht geringen Maße den Gesetzgebern zu verdanken ist, die wiederum mit dem Kadar-Modell aufgewachsen sind."
Stichwörter: Janos Kadar

New Yorker (USA), 29.12.2008

James Surowiecki wirft einen Blick in die Zukunft der amerikanischen Zeitungsbranche, die in den letzten vier Jahrzehnten prozentual rund die Hälfte ihrer Abonnenten eingebüßt hat. Es ergehe ihr durchaus wie den Eisenbahnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als "ein einst bedeutsamer Geschäftszweig von einer neuen Technologie in den Hintergrund gedrängt wurde. In einem berühmten Artikel aus dem Jahr 1960 mit dem Titel 'Kurzsichtigkeit im Marketing' führte Theodore Levitt die Eisenbahnen als exemplarisches Beispiel für die Unfähigkeit von Unternehmen an, sich wandelnden Verhältnissen anzupassen. Demnach hätte die zunehmende Konzentration auf Produkte statt auf Kunden die Eisenbahngesellschaften zu einer Verkennung ihres Kerngeschäfts geführt. Hätten sie realisiert, dass sie in der Transportbranche statt im Bahngeschäft sind, hätten sie sich auf Lastwagen- und Flugtransport verlegen können, statt dieses Feld anderen Unternehmen zu überlassen. Entsprechend argumentieren viele, dass wenn Zeitungen begriffen hätten, dass sie in der Informationsbranche und nicht im Druckgeschäft tätig sind, sie sich schneller und mit mehr Erfolg ans Internet angepasst hätten."

Weiteres: In einem denkbar unkomischen, autobiografischen Text erzählt die britische Schriftstellerin Zadie Smith, worüber bei ihr zu Hause gelacht wurde. Darryl Pickney bespricht eine Ausgabe der frühen Tagebücher von Susan Sontag "Reborn: Journals and Notebooks 1947-1963" (Farrar, Straus &Giroux). Peter Schjeldahl führt durch eine Ausstellung der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas im MoMA. Und David Denby sah im Kino das Liebesdrama "Revolutionary Road" von Sam Mendes, den Thriller "Gran Torino" von Clint Eastwood und den diesjährigen Cannes-Gewinner "The Class" ("Entre les murs") von Laurent Cantet und Francois Begaudeau.

Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Meeting with Enrique Lihn" von Roberto Bolano und Lyrik von Dan Chiasson, Arthur Vogelsang und Roger Angell.
Archiv: New Yorker

Gazeta Wyborcza (Polen), 13.12.2008

Zig oder hundert Milliarden von Dollar hat Russland durch die aktuelle Finanzkrise verloren, doch Viktor Jerofiejew geht das nicht weit genug! "Die Angst, dass etwas passieren könnte, liegt in der Luft. Man weiß nur nicht, was kommen mag und wie stark es sein wird. Es kann zu sozialen Unruhen kommen, denn die Unternehmen entlassen Mitarbeiter, aber ob die kritische Masse erreicht wird, um Veränderungen herbeizuführen, ist unklar. Bisher haben unsere Eliten nur erkannt, dass es besser ist, das Kapital außer Landes zu bringen. Man kann sagen, Russland wartet auf seinen Tsunami", sagt der russische Schriftsteller im Interview.

Polityka (Polen), 11.12.2008

Die ganzen neunziger Jahre hindurch, bedauert Kazimiera Szczuka (hier auf Deutsch), wurde die Literatur von Frauen in Polen entweder verlacht, in Buchreihen wie "für die Handtasche" und "mit dem Besen" abgeschoben oder - wie von Przemyslaw Czaplinski - als kleinbürgerlich kritisiert. Aber das hat sich geändert, meint Szczuka: "Ähnlich wie Izabela Filipiak in ihrem Roman "Absolutna Amnezja" (Vollkommenes Vergessen), der seinerzeit so viel von sich reden machte, versucht heute Bozena Keff, neben anderen Autorinnen der jüngsten Generation, die Bedeutungen des nationalen Paradigmas zu erneuern. Die Sprache ist eine andere, die Epoche, die Institutionen des literarischen Lebens, aber die Grundfrage bleibt höchst aktuell: Wo ist ein Platz für Frauen in der Geschichte? Wer hat das Recht, eine Gemeinschaftsnarration zu konstruieren? Dorota Maslowskas Theaterstück "Miedzy nami dobrze jest? (Unter uns ist es gut), Keffs Utwor o Matce i Ojczyznie (Ein Stück über Mutter und Heimat), ein Oratorium oder Poem, das diesmal von Maria Janion und Przemysław Czaplinski übereinstimmend als ein Meisterwerk anerkannt wird, und schließlich der glänzende Debütband mit Warschauer Erzählungen der bekannten Anarchofeministin Sylwia "Derwisch" Chutnik, "Kieszonkowy atlas kobiet? (Taschenatlas der Frauen)."
Archiv: Polityka
Stichwörter: Mutter

Lettre International (Deutschland), 16.12.2008

Wenn man im Ostblock "junge Zwiebeln, frische Almbutter, wenn möglich Radieschen, außerdem zwei weiche Eier" bestellte, brachte der Kellner "auf einem schönen alten Tablett" drei alte Zwiebeln, von denen er die äußeren Schalen abgezogen hatte, und einen alten gesalzenen und gekümmelten schwarzen Rettich. Für Peter Nadas verkörpert sich hier das Wesen der Simulation: "In jenen Jahren war das die große Idee dieser Gesellschaften zu ihrem Selbsterhalt: der Erfindungsreichtum, das Improvisieren, die Mimikry, die Simulation. Was konnte wodurch ersetzt, was konnte womit ausgetauscht werden, was konnte womit verborgen, bemäntelt werden, wie konnte man etwas umbenennen, verdecken, und vor allem: Was konnte man sich heimlich aneignen? Und da die Dinge auch von den dazu gerufenen nicht benannt beziehungsweise ständig und unberechenbar mit anderen Namen versehen wurden, als ihnen natürlicherweise zustanden, funktionierten die Worte im Gespräch nur noch als vorsichtige Anspielung, nicht als Benennung. Es kam so weit, dass im wesentlichen der Unterschied zwischen Ja und Nein verschwand."

Die Lettre hat einen Auszug des Nadas-Textes ins Netz gestellt. Auszüge lesen darf man außerdem unter anderem aus Dimitris Dimitriadis Erzählung "Transport" und aus Amitav Ghoshs "Wildnisfiktionen".
Stichwörter: Peter Nadas, Ostblock