Magazinrundschau

Flieg erst mal los

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
05.01.2021. The Atlantic liest Yang Jishengs Geschichte der chinesischen Revolution. Grubstreet sucht vergeblich eine Bucatini-Nudel in den USA. Der New Yorker stellt die neue Newsletter-Abo-Plattform Substack vor. In der London Review klärt Perry Anderson über die faschistischen Ursprünge der ersten Mitglieder des EuGH auf. En attendant Nadeau bewundert den ungarischen Autor und investigativen Journalisten Arpád Soltész. Quillette studiert die Neue Rechte in den USA.

The Atlantic (USA), 01.02.2021

In der neuen Ausgabe des Magazins stellt Barbara Demick ein Buch des in seiner Heimat verfolgten chinesischen Historikers Yang Jisheng vor ("The World Turned Upside Down: A History of the Chinese Cultural Revolution"). Yang bietet darin einen von der Partei abweichenden Blick auf Maos Großen Sprung nach vorn: "Mao, so schreibt er, ist verantwortlich für den Machtkampf, der China ins Chaos stürzte, eine Ansicht, die von anderen Historikern wie Roderick MacFarquhar und Michael Schoenhals gestützt wird. In Yangs Buch gibt es keine Helden, nur Scharen von Kämpfern, involviert in einen sich wiederholenden Prozess, in dem die gegnerischen Seiten sich dabei abwechseln, 'die Macht zu haben, sie zu verlieren, geehrt und dann eingesperrt zu werden, auszulöschen und ausgelöscht zu werden'. Der Teufelskreis eines totalitären Systems, so Yang … Um mutmaßliche Verräter aus den oberen Schichten loszuwerden, umging Mao die Bürokratie der KP. Er machte Studenten zu seinen Kriegern, den Roten Garden, staffierte sie mit Kappen und weiten Uniformen aus, die sie um ihre dürren Leiber banden. Sommer 1966 wurden sie losgelassen, um Konterrevolutionäre und Reaktionäre auszumerzen ('Die Monster und Dämonen ausradieren', schrieb People's Daily). Ein Mandat, das erlaubte, echte und nur vorgestellte Feinde zu quälen. Die Roten Garden verfolgten ihre eigenen Lehrer, zerstörten Antiquitäten, verbrannten Bücher und plünderten Privathäuser (bevorzugt Klaviere und Nylonstrümpfe, schreibt Yang.) Um die übereifrige Jugend in den Griff zu kriegen, schickte Mao 16 Millionen von ihnen zu harter Arbeit aufs Land. Er setzte Militär ein, um die Gewalt einzudämmen, aber die Kulturelle Revolution war nicht mehr zu stoppen. Bei Yang erscheint Mao als wahnsinniger Herrscher, der mit sich selbst beschäftigt ist, während seine willigen Vollstrecker sich gegenseitig zerfleischen. 'Während Mao kühn aus der Ferne kommentierte, die Welt drehe sich auf den Kopf, wurden die Menschen mit jedem Kampf weiter ins Elend gestürzt. Aber sein Appetit auf das Chaos hatte Grenzen, wie Yang in einem dramatischen Kapitel über das 'Wuhan-Ereignis' festhält. Juli 1967 stieß eine Einheit des Kommandeurs der regionalen Volksbefreiungsarmee in Wuhan mit einer Einheit von Revolutionsführern aus Peking zusammen. Das Ereignis hätte zu einem Bürgerkrieg führen können. Mao selbst reiste in geheimer Mission an, um die Waffenruhe anzuleiten, doch endete er schutzsuchend vor der Gewalt in einem Gästehaus und wurde von der Regierung unter Zhou Enlai mit einem Militärjet ausgeflogen. 'Wohin fliegen wir?' fragte der Pilot Mao. 'Flieg erst mal los', erwiderte Mao panisch."

Weitere Artikel: Arun Venugopal erzählt, wie Inder in Amerika von einer Problemminderheit zu einer Vorbildminderheit wurden - und das nicht nur durch eigenes Zutun: "Einwanderer aus Indien, bewaffnet mit Hochschulabschlüssen, kamen nach dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung und profitierten von einem Kampf, an dem sie nicht teilgenommen oder ihn gar miterlebt hatten. Sie bahnten sich ihren Weg nicht nur in die Städte, sondern auch in die Vorstädte und wurden im Großen und Ganzen leichter akzeptiert als andere nicht-weiße Gruppen." Und Ed Yong schildert die Arbeit der Wissenschaft in der Coronakrise, die viele Missstände aufgedeckt hat.
Archiv: The Atlantic

En attendant Nadeau (Frankreich), 26.12.2020

Hier wäre vielleicht jemand, der auch von deutschen Verlagen entdeckt werden sollte. Arpád Soltészs Roman "Der Ball der Schweine" wurde ins Französische bereits übersetzt. Es ist ein Roman über den Mord an dem slowakischen Journalisten Jan Kuciak. Jean-Yves Potel bespricht ihn und stellt den Autor vor, der selbst ein investigativer Journalist ist: "Er ist für seine seriöse Arbeit über das organisierte Verbrechen bekannt. Mit dem Roman verfolgt er einen anderen Weg. Seine Ironie situiert ihn von vornherein in die mediale Atmosphäre seines Landes, er stellt sich als 'Strichjunge der Journaille' dar, der 'plaudert wie ein Ungläubiger'. Sein lebhafter Stil ohne unnütze Abschweifungen und voller sprechender Details setzt nicht eine Ermittlung in Szene, sondern eher Genrebilder. Mit erschreckendem Realismus rekonstruiert Soltész Machtverhältnisse, Sprechweisen und Motive der traurigen Individuen, die diese trübe Welt bewohnen."

Es gibt ein sehr lesenswertes Interview mit Soltész in Jadu, einem Online-Magazin des Goethe-Instituts. Soltesz erzählt da im Gespräch mit Nataša Holinová die tragische Geschichte seiner ungarisch-slowakisch-jüdischen Familie und, wie er kurz vorm Mauerfall Asyl in Deutschland bekam und einen recht positiven Eindruck hatte: "Nach ungefähr einem halben Jahr hat die Polizei meine Hauswirtin furchtbar erschreckt. Eines Abends standen sie vor der Tür und fragten nach mir. Ich sah schon vor meinem inneren Auge, wie sie mich abschieben, aber sie kamen, weil irgendein ungarischer Tourist einen Autounfall hatte und sie ihn befragen wollten. Sie hatten gehört, dass ich Ungarisch spreche und auch ganz gut Deutsch und baten mich höflich, ob ich nicht dolmetschen kommen könnte. Wunderlich war, dass sie mir nach dem Dolmetschen ein relativ hohes Honorar zahlten. Ich sagte, dass ich Asylbewerber sei und nicht arbeiten dürfe. Die Polizisten lachten und sagten: 'Für uns schon'."

London Review of Books (UK), 07.01.2021

Der Historiker und Altmarxist Perry Anderson führt seine recht giftige Geschichte der EU fort, diesmal knöpft er sich den Europäischen Gerichtshof vor, dessen Richter einfach per Deklaration ihre Entscheidungen über nationales Recht gesetzt hätten, unter anderem, um die Verstaatlichung der italienischen Stromkonzerne zu verhindern: "Dank der bahnbrechenden Arbeit der jungen Historikerin Vera Fritz aus Luxemburg kennen wir nun en détail die Zusammensetzung des Gerichtshofs in den ersten zwanzig Jahren seiner Existenz. Die Ergebnisse ihrer Studie sind wirklich erhellend. Es gab sieben Gründungsrichter und zwei Generalanwälte. Wer waren sie? Der italienische Gerichtspräsident Massimo Pilotti war in den dreißiger Jahren stellvertretender Generalsekretär des Völkerbunds. Dort agierte er als langer Arm des faschistischen Regimes in Rom und beriet Mussolini, welche Gegenmaßnahmen ergriffen werden mussten, um Italien vor einer Verurteilung durch den Bund wegen seiner Aktionen in Äthiopien zu bewahren. Als er 1937 von seinem Posten zurücktrat, nahm Pilotti an den Feiern zur Eroberung von Äthiopien teil. Und während des Zweiten Weltkriegs stand er nach der Annektierung Sloweniens dem Obersten Gericht im besetzten Ljubljana vor, wo jeglichem Widerstand mit Massendeportationen, Konzentrationslagern und polizeilicher wie militärischer Unterdrückung begegnet wurde. Der deutsche Richter Otto Riese was ein so ergebener Nazi, dass er ohne jeden Zwang - er verbrachte die Kriegszeit als Forscher in der Schweiz - bis 1945 Mitglied der NSDAP blieb. Sein Landsmann Karl Roemer, Generalanwalt am Gericht, verbrachte den Krieg im besetzten Paris, wo er französische Unternehmen und Banken für das Dritte Reiche leitete. Nach dem Krieg heiratete er Adenauers Nichte und verteidigte als Anwalt Mitglieder der Waffen-SS, die für das Massaker an den Bewohnern des französischen Ortes Oradour verantwortlich gemacht wurde. Der andere Generalanwalt, Maurice Lagrange, war eine hoher Funktionär der Vichy-Regierung und gänzlich der Ideologie der Nationalen Revolution verschrieben, um das Erbe der Dritten Republik zu hinwegzuwischen."

Meehan Crist erklärt, wie sich James Lovelock, der Begründer der Gaia-Hypothese, die Bewahrung der Welt vor der Klimakatastrophe vorstellt. Lovelock zufolge ist die Erde ein sich selbst regulierender Organismus und im "Novazän" wird Gaia, so seine neueste Theorie, einen dritten evolutionären Sprung vornehmen - nach der Entwicklung der Photosynthese und der Erfindung der Dampfmaschine: "Superintelligente Cyborgs werden die Kontrolle über den erhitzten Planeten übernehmen und ihn herunterkühlen, so dass Leben auf der Erde gesichert wird. Dafür muss Gaia eine weitere Wandlung erleben... Im Novazän wird Solarenergie in Information umgewandelt. Diese Konversion von Sonnenlicht in Bits wird von Cyborgs ausgeführt."
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168 ora (Ungarn), 26.12.2020

Die aus Siebenbürgen (heute Rumänien) stammende Lyrikerin Anna T. Szabó (mehr hier und hier) erklärt im Interview mit Éva Veronika Kalapos, warum sie es nie als Last empfunden hat, zu einer Minderheit zu gehören: "Ich gehöre zu einer Minderheit - als Siebenbürgerin und als Frau, so lernte ich aber nicht Repression, sondern Zusammenleben. (…) Um mich herum gab es nicht diese verwundete Erbostheit, Verletzung und Frustration, die ich jetzt spüre, dagegen herrschte in einem guten Sinne bürgerliche Akzeptanz. Dort lernte ich das Zusammenleben der Sprachen, dass nicht deine Sprache die Mitte der Welt ist, sondern dass es sehr viele wunderbare Sprachen gibt und das Ganze ist ein Zauber. (…) Wo ich aufwuchs, dort mussten wir lernen, den anderen zu verstehen. Ich glaube an die menschliche Güte, die Macht jedoch kennt keine Güte und ich bekam in meiner Kindheit die Lektion, nie der Macht und den Machthabern zu trauen."
Archiv: 168 ora

Merkur (Deutschland), 04.01.2021

Der deutsch-israelische Künstler Eran Schaerf reagiert im Merkur-Blog auf das Anti-Antisemitismus-Heft der Texte zur Kunst vom September und macht sich - mal polemisch, mal assoziativ - Gedanken über Fragen der Erinnerungskultur und des Israelboykotts: "Es ist Corona-Zeit. Der zivile Flugverkehr in Israel ist weitgehend lahmgelegt, aber in einem Flughafen herrscht reger Verkehr. Beladen mit militärischer Ausrüstung 'Made in Israel' fliegen Flugzeuge des Typs Iljuschin-76 der Cargo-Gesellschaft Silkway nach Aserbaidschan. Die Waffen werden von Aserbaidschan gegen die armenische Enklave Bergkarabach eingesetzt. Mit der Offensive Aserbaidschans - auch gegen zivile Ziele - ist der Bergkarabach-Konflikt erneut ausgebrochen. Corona sagte ich schon. Die israelische Wirtschaft ist im Tief, ein schlechter Zeitpunkt, um Geschäfte zu unterlassen. Aserbaidschan auf eine Unterlassung des Waffenhandels mit Israel anzusprechen, könnte jemand an Judenboykott erinnern. Tut auch niemand. Ich muss Franz anrufen, Franz Werfel, der 'Die vierzig Tage des Musa Dagh' über den Völkermord an den Armeniern geschrieben hat. Ich muss ihn erst einmal damit updaten, dass 'der Staat der Shoah-Überlebenden' den Völkermord an den Armeniern durch das Osmanische Reich nicht anerkennt. Dann würde ich ihn fragen, ob er… 'als Jude, oder was?', würde er mich unterbrechen …ob er denkt, dass die 'jüdische Erfahrung der Shoah' israelische Juden auf die Idee bringen sollte, dass ihre Waffenlieferungen die armenische Erfahrung des Genozid empathielos vernachlässigen. Aber ich rufe Franz nicht an. Womöglich würde er mir noch sagen, dass die Toten nur fiktive Geschichten erzählen können und Fiktion ist Kunst und als Künstler wäre ich der BDS-Nähe verdächtig und könnte meinen Job verlieren. Das wäre ja nicht so schlimm, doch Selbstboykott ist hier nicht das Thema." Mehr zu den Ruder- und Rückrudermeisterschaften der Texte zur Kunst in der Antisemitismusfrage hier.

Im Heft schreibt zudem Aleida Assmann einmal mehr über den Streit um Achille Mbembe und die BDS-Resolution des Bundestags, aber auch über die erweiterte Antisemitismus-Definition, die die Bundesregierung von der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen hat, und zwar in einer Fassung, die auch Kritik an Israel mit einschließen kann, wie Assmann moniert: "Insgesamt hat die Verlagerung des Schwerpunkts der Antisemitismus-Bekämpfung durch BDS und IHRA dazu geführt, dass das Bedrohungspotential inzwischen weniger im rechtsradikalen Spektrum als im Milieu von linken und liberalen Intellektuellen gesucht wird." Assmann antwortet in dem Artikel auch auf einen Essay von Perlentaucher Thierry Chervel zur Mbembe-Debatte.

Mit dem in jeder Hinsicht an Selbstbetrug grenzenden Humboldt-Forum wird der Historiker Jürgen Große nicht so bald seinen Frieden machen, wie er in einem Rückblick auf dreißig Jahre Rekonstruktionsdebatte deutlich werden lässt: "Nähert man sich dem Schlossbau von Osten, dann stößt man auf andere, wohl ähnlich ungewollte Macht-Kultur-Ambivalenzen. 'Humboldt Forum' ist dort in prekärer Orthografie zu lesen. Doch ausgerechnet die östliche, angeblich zu Stadt und Bürgerschaft 'geöffnete' Fassade huldigt mit ihren schießschartenartigen Fenstern dem italienischen razionalismo. Dieser typische Stil der faschistischen Epoche kontrastiert dem wilhelminischen Neubarock des Berliner Doms, der nördlich anschließt. Funktionalität moderner Machtstaatlichkeit neben flügelschlagendem Engelsvolk! Schweift der Blick weiter südwärts, ergibt sich baustilistisch ein harmonischer Effekt. Dort nämlich zeichnen sich die Umrisse des einheitsdeutschen Außenministeriums ab. Einer der Hausherren hatte die gewaltstaatliche Vergangenheit des Amts erforschen lassen. Dessen steinerne Hülle jedoch zeigt eines der klarsten Bekenntnisse zu Albert Speer, die im neuen Berlin entstanden sind."
Archiv: Merkur

Grubstreet (USA), 28.12.2020

Dass Nudeln ab März 2020 kaum mehr zu haben waren, ist weder eine neue Erkenntnis, noch sonderlich erstaunlich. Dass De Ceccos Bucatini-Nudeln - also die etwas dickere Spaghetti-Variante, die dank eines Lochs in der Mitte wahre Saucensauger sind - in den USA auch nach der triumphalen Rückkehr der Nudeln in die Supermarktregale weiterhin vermisst wurden, hat Rachel Handler dann aber doch aufmerken lassen. Ihre Recherchen waren hartnäckig, lesen sich äußerst kurzweilig und decken schließlich eine Posse aus der Nudelwelt auf: Wie sich zeigt, müssen Nudeln in den USA - anders als in der EU - mit zusätzlichen Nährstoffen angereichert werden und die importierten Bucatini reißen den geforderten Eisenwert mal geradeso um Haaresbreite, was die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel zum Äußersten trieb. Hat die mitten im Stress mit den Corona-Impftests denn nichts besseres zu tun als irgendwelche Nudeln zu testen und aus dem Verkehr zu ziehen? Eine Quelle namens Carl erklärt, dass Nudeln in den USA schon immer ein schwer umkämpftes Produkt waren: "Etwa zur Zeit des Zweiten Weltkriegs war die etablierte Nudelindustrie (im folgenden 'Big Pasta' genannt) 'besorgt' über die Martkeintritt von Nissins Ramen-Nudeln, die 'völlig jenseits der Spezifikationen' dessen liegen, was die USA als Nudeln anerkannte. ... Big Pasta drängte darauf, dass sämtliche Nudeln gewissen Spezifikationen entsprechen müssen, um als 'angereicherte Maccaroni-Produkte' und damit für den US-Handel anerkannt zu werden." Was De Cecco, die Behörden und die Bucatini-Nudeln betrifft, hat Carl "eine faszinierende Theorie: 'Das klingt alles so, als ob irgendwer unglücklich damit ist, dass De Ceccos Produkt auf dem Markt ist. Also hat er es sich genauer angesehen und bemerkt, dass es den Standards nicht entspricht. Die Behörden halten nach so etwas üblicherweise nicht Ausschau. Die haben besseres zu tun.' Aufgeregt von diesem ganzen 'There will be Blood'-Drama kontaktierte ich eine Quelle mit Einblick in die rechtlichen Abläufe und genauem Wissen, was sich hinter den Kulissen von Big Pasta abspielt. Die Quelle, die ich Luigi nennen will, aber völlig anders heißt, bekräftigte Carls Verdacht: 'Die Behörden sind ziemlich lahm, wenn es darum geht, gerissenen Standards nachzugehen. Ich vermute, dass ein Mitbewerber erheblichen Druck ausgeübt hat. Zwar kann so etwas auch auf andere Weise geschehen, aber damit die Behörden tatsächlich Ressourcen für so etwas aufwenden, muss schon jemand erheblichen Einfluss spielen lassen.'"

Archiv: Grubstreet
Stichwörter: Nudeln, Corona

La vie des idees (Frankreich), 04.01.2021

La Vie des Idées, dieses schöne Aushängeschild des Collège de France, gerät leider auch immer mehr in den Bann der Social Justice Theorien und ihrer Programmatik. Rückhaltlos begeistert vollzieht Naïma Hamrouni die Zirkelschlüsse Magali Bessones nach, die sich in ihrem Buch "Faire justice de l'irréparable" für postkoloniale Reparationszahlungen stark macht. Das Argument, dass heute weder die Opfer noch die Täter mehr leben, werde von der Philosophin entkräftet. Denn Sklaverei und Kolonialismus wirkten in der heutigen Republik ungemindert und unentrinnbar fort: "In der Tat zeigt sie in einem Kapitel, das die Zeit von der Abschaffung der Sklaverei bis zur Dekolonisierung im Detail untersucht, dass die juristische, ökonomische und soziale Struktur Frankreichs nicht nur durch die koloniale Expansion und die Versklavung von Millionen möglich gemacht wurde, sondern dass Frankreich auch heute noch rassistische Ungleichheiten produziert. Anders als in philosophischen Lehrbüchern, die die Apologie der Aufklärung betreiben, und von gewissen Intellektuellen und Politikern behauptet, waren Sklavenhandel und Sklaverei keine Anomalien oder Anachronismen, die den Werten und Idealen der Republik widersprachen, sondern diese ist aus ihnen entstanden, theoretisiert und gerechtfertigt von ihren größten Philosophen."

Quillette (USA), 03.01.2021

Trump ist demnächst eventuell weg. Der Trumpismus nicht. Und deshalb ist es gut, diesen ausführlichen Artikel über Intellektuelle der "New Right" zu lesen, die Trump mit zugehaltener Nase wählten, selbst oft aber eher Bewunderer von Viktor Orbans reaktionärer Agenda sind. Jordan Alexander Hill zitiert Autoren wie Patrick J. Deneen, Sohrab Ahmari, David Goodhart und Rusty Reno. Sie sind sich sämtlich einig, dass der reaganistische Dreiklang des Konservatismus, der als "Fusionismus" figuriert, obsolet ist. Er setzte sich zusammen aus klassischem Liberalismus, sozialem Traditionalismus und Interventionismus und wurde von Antikommunismus zusammengeleimt. Das Problem dabei, so Hill mit Deneen, ist der Liberalismus: "Der Liberalismus mag eine Weile die kollektivistischen Impulse abgewehrt haben, aber seine eigenen Ayn-Rand-inspirierten Exzesse - sein Materialismus und die Fetischisierung von Autonomie - haben genau die Strukturen untergraben, die Konservative schützen wollen: Familie, Religion, Community und begrenzte Regierung. 'Heute sehen unsere Probleme anders aus' schrieb Sohrab Ahmari im Oktober 2019… 'Unsere Gesellschaft ist fragmentiert, atomisiert und moralisch desorientiert. Der neue amerikanische Rechte sucht nach Antworten auf diese Krisen, und dafür brauchen wir eine Politik der Grenzen, nicht der Autonomie und Deregulierung.' Und so sind alle Arten von Grenzen und ein religiös neu geordneter öffentlicher Rum Schlüsselelemente der kulturellen Neubelebung, die die Neue Rechte sucht." Am Ende ist Hilil allerdings ziemlich skeptisch, ob all diese Autoren auch nur im Ansatz eine pragmatische politische Agenda formulieren können.
Archiv: Quillette

Cesky rozhlas (Tschechien), 03.01.2021

Im Tschechischen Rundfunk versucht der Ökonom Tomášek Sedláček im Gespräch mit Václav Pešička eine vorsichtige Einschätzung der Pandemiefolgen. Immerhin sei es der Gesellschaft völlig selbstverständlich erschienen, den wirtschaftlich Bedrohten unter die Arme zu greifen, anders als beim Versagen in der Flüchtlingskrise, "wegen der uns unsere Kinder noch fragen werden, wie es sein kann, dass wir als christliches Europa den Flüchtlingen unsere Hilfe verweigerten." In der Covidkrise zeige sich die tschechische Gesellschaft hingegen so solidarisch, dass nicht einmal die Neoliberalen Einwände bekundeten. Was die staatlich verordneten Schutzmaßnahmen betrifft, "denke ich, selbst wenn es diesen Staat nicht gäbe, der allerlei Aktivitäten verbietet, würde ganz Ähnliches passieren: Das Gesundheitswesen würde kollabieren und die sich unter den Menschen ausbreitende Panik letztlich einen spontanen Lockdown bewirken. Sobald die Menschen die vielen Särge und überfüllten Krankenhäuser sähen, würden sie von sich aus nicht mehr in Restaurants gehen und den öffentlichen Verkehr benutzen, sondern sich womöglich zu Hause verkriechen." Und Sedláček erkennt auch die positiven Impulse. "Paradoxerweise bremst dieses Virus Dinge nicht aus, die wir schon lange vorhatten. Wir wollten stärker auf die Umwelt achten - das ist ganz automatisch und unwillkürlich passiert. Wir wollten uns stärker digitalisieren. Lesen Sie den Jahresbericht jeder beliebigen Firma, politischen Partei oder Regierungsinstitution - überall ist da Digitalisierung. Und so furchtbar viel kostet es auch wieder nicht. (…) Es könnte also tatsächlich die Entwicklung bei uns beschleunigen."

New Yorker (USA), 11.01.2021

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe stellt Anna Wiener den die Newsletter-Abo-Plattform Substack vor und überlegt, ob das Geschäftsmodell, das auf Prämium-Newsletter setzt, uns schmeckt oder eher nicht: "Es ist eine interessante Zeit für so einen, auf den freien Markt zielenden Ansatz. Das Internet ist voll mit Desinformation und Verschwörungstheorien. Amazons Selbstverlag ist zu einem Eldorado für extremistische Inhalte geworden. Der Gleichmachereffekt digitaler Plattformen hat zu Verwirrung darüber geführt, was Bericht, was Meinung ist. Die Nachrichtenredaktionen der Times und des Wall Street Journal sind bemüht, ihre Arbeit von der ihrer Kolumnisten zu unterscheiden. Substack sieht sich als freundliches Zuhause für den Journalismus, aber nur wenige seiner Newsletter veröffentlichen Originalberichte. Die meisten offerieren Persönliches, Meinung, Recherche und Analysen. Ein Substack-Newsletter ist sowohl Produkt als auch Portfolio, eine Möglichkeit, Geld zu verdienen, aber auch ein Ort, um seine Persönlichkeit zu zeigen, Intelligenz und Geschmack. Liest man die Texte, tauchen irgendwann gewisse Muster auf. Newsletter der Kategorien Business und Tech verwenden oft Para-LinkedIn-Tics, sind voll mit Twitter-Screenshots und Linklisten. … Substack verfügt über soziale Funktionen wie eine Kommentarsektion und Diskussions-Threads, aber dem Newsletter-Ökosystem fehlt die Kameraderie der Blogosphere. Anders als Blogs, die sich gegenseitig verlinken, sind Newsletter ohne externe Referenz oder Empfehlung nicht zu finden. Nicht-Abonnenten können freie Newsletter lesen, aber es gibt kein Entdeckungsfeature, nur die Bestenlisten."

Ferner: Anthony Lane stellt uns Andrei Kontschalowskis Film "Liebe Genossen!" über das Massaker von Nowotscherkassk vor. Und Lawrence Wright untersucht die Versäumnisse im Umgang mit der Pandemie.
Archiv: New Yorker