Essay

Je nach Schmerz

Von Thierry Chervel
24.05.2020. Die Mbembe-Debatte ist ein Historikerstreit mit umgekehrten Vorzeichen: Heute sind es Linke, die den Blick auf den Holocaust abschwächen wollen. Achille Mbembe findet für die Neuformulierung der Geschichte viele Bündnispartner und -partnerinnen in den Universitäten.
Die Mbembe-Debatte ist ein Historikerstreit mit umgekehrten Vorzeichen. Erinnern wir uns: Seinerzeit waren es Ernst Nolte und mit ihm eine Reihe konservativer Professoren, die den Holocaust in die Geschichte stellen wollten, ihm die Singularität absprachen. Für Ernst Nolte war der Holocaust eine "asiatische Tat". Die FAZ machte sich, damals unter Herausgeber Joachim Fest, zum Megaphon dieser Fraktion. Jürgen Habermas hatte in der Zeit in einem fulminanten Artikel den Streit über diese Relativierung eröffnet. Seitdem schien die "Singularität" des Holocaust im deutschen Geschichtsbewusstsein festgeschrieben. Immer wieder flammten Debatten über Vergleichbarkeit und Gleichsetzungen auf, aber letztlich entstand ein Konsens, den fast alle politischen Fraktionen von der CDU bis zur heutigen Linkspartei zu teilen schienen.

Man muss sich den Moment des Historikerstreits vergegenwärtigen. Auch wenn schon seit den fünfziger Jahren ein "Schlussstrich" gefordert wurde, hatte 1986/87, als der Streit anfing, die Aufarbeitung kaum angefangen. Claude Lanzmanns Film "Shoah" war gerade mal ein Jahr zuvor in die Kinos gekommen (bis dahin war der Begriff Schoa in Deutschland fast unbekannt). Richard von Weizsäcker hatte seine berühmte Rede über die "Befreiung" im Jahr 1985 gehalten. Die Mauer stand, so schien es, so unverrückbar in der Landschaft wie die Alpen. Dass die Welt in zwei Blöcke geteilt war, schien allen eine Selbstverständlichkeit.

Der Historikerstreit und die von Habermas festgeschriebene Position hatten übrigens durchaus ihre problematische Seite: Sie begruben die Idee des Antitotalitarismus. Die Verbrechen des Stalinismus schienen zumindest der westlichen Linken nicht annähernd so relevant wie die der Nationalsozialisten, ja, durch die ursprünglich angeblich menschenfreundlichere Gesinnung des Sozialismus sogar abgemildert. Durch den Historikerstreit wurde im Grunde nochmals, wie schon nach dem Kriegsende, die historische Erfahrung einer ganzen europäischen Region - nämlich Mittel- und Osteuropas - beerdigt. Dieses Gebiet wurde in der Wohlfühlzone der westlichen Linken immer schon gern ausgeblendet.

Die Debatte um Achille Mbembe findet in einem komplett anderen Kontext statt. Aber der Impuls der postkolonialen Ideologie ist vergleichbar mit dem, der einst Ernst Nolte trieb: Der Holocaust ist ein Störfaktor in der Geschichte, nicht nur aus Opferkonkurrenz. Wer aus einem eigenen partikularen Anliegen eine bestimmte Tendenz der Geschichte konstruiert, dem stellt sich der Holocaust in seiner Bodenlosigkeit als das schlicht nicht Einzuordnende entgegen. Gerade darum gibt es aber das Bedürfnis, ihn in Kontinuitäten zu stellen. Für Mbembe ist der Holocaust Extremfall einer Geschichte der "Separation", die im Kolonialismus eingeübt wurde. Nein, Geschichte erschöpft sich auch nicht im Kolonialismus, so wenig wie im preußischen Staat, in der Französischen Revolution oder im Klassengegensatz.

Natürlich ist das Anliegen Mbembes und anderer postkolonialer Denker und Historikerinnen, den einstigen Kolonialmächten ihre Verbrechen in Erinnerung zu rufen, absolut legitim. Und sie haben recht: Die Verbrechen des Kolonialismus sind bei weitem nicht präsent genug, auch nicht die Kontinuitätslinien zwischen Kolonialismus und Holocaust, auf die Claus Leggewie im Freitag hinweist (unser Resümee). Aber eine Verabsolutierung der eigenen Erfahrung führt immer zur Relativierung der Erfahrung der anderen.

Und diese Verabsolutierung kann dann auch zur Geschichtsfälschung werden, wie sich bei Mbembes Passagen zu Israel deutlich sehen lässt: Mbembe konstruiert eine Geschichtsversion, in der Israel das Apartheid-Regime noch toppen soll. Israel entscheidet als Kolonialmacht ganz allein, eine Mauer hochzuziehen. So wird Israel zum Skandalfall einer Politik des "Einzäunens". Es gibt in dieser Vision der Dinge im Grunde nur einen Handelnden und einen, der erleidet. Dass Israel eine aktive Kriegspartei gegenüber steht, die sich nicht scheute, verheerende Selbstmordattentate in israelischen Städten zu verüben, ist für Mbembe schon aus der Geschichte gekürzt. Eine extreme polemische Verknappung, die zugleich zeigt, wie gewalttätig Theorie ist, wenn sie sich entscheidet, die Realität zu ignorieren.

Bei diesem "Historikerstreit" haben sich überraschender Weise die Fronten vertauscht: Die westliche Linke, die gegenüber Ernst Nolte mit fast schon religiöser, manchmal verdächtiger Inbrunst die Singularität des Holocaust verfocht, steht nun auf der Seite der Relativierung. Stefanie Carp, die Achille Mbembe zur Keynote bei der Ruhrtriennale einlud, hat das in einem Text bei Nachtkritik in entwaffnender Offenheit formuliert: "Wir Deutschen nehmen Israel als Staat der Opfer wahr, der gegründet wurde, um den von uns Verfolgten Schutz zu gewähren. Für Menschen aus dem globalen Süden ist Israel ein Staat des Westens." Also der Täter?, möchte man dazwischen fragen. Und Carp schließt die Frage an: "Dürfen wir Menschen mit kolonialen Erfahrungen und Wahrnehmungen aus anderen Teilen der Welt Antisemitismus vorwerfen, wenn sie Israels Regierung kritisieren?"

Ähnlich Aleida Assmann beim NDR: Es gehe hier "nicht um Fragen des Vergleichs, der Bewertung und andere Diskursregeln der Wissenschaft, gegen die er möglicherweise verstoßen hat, sondern um das Band der Empathie und Einfühlung von einer Gewaltgeschichte in eine andere", schreibt sie etwas wolkig.

Ich fürchte, hier regt sich eine seltsame Hoffnung: Der Blick aus dem Süden soll Israel in ein neues Licht stellen und auf eine paradoxe Art die dunkelsten Momente der eigenen Geschichte relativieren: Es gab nicht nur den Holocaust, es gab den Kolonialismus, und Israel ist eine Kolonialmacht. Es entsteht hier ein neues, nicht wirklich klar benanntes Kontinuum, in dem sich die Verantwortung von den Deutschen auf den "Westen" und die "Weißen" verlagert.

Dass die Linke den Holocaust relativiert, ist eigentlich nicht neu. Im Gegenteil: Dass sie zur Partei der Singularität wurde, war gerade das Neue am Historikerstreit. Gerade die verknöcherte traditionelle Linke vor ihrer Modernisierung in der 68er-Zeit und danach interessierte sich nicht für den Holocaust. Eine Linke, die nur "antifaschistisch" dachte, konnte den Holocaust gar nicht in seiner Einzigartigkeit wahrnehmen. Denn der "Faschismus" war nach dieser Ideologie nur das letzte Stadium des Kapitalismus oder genauer, nach der neulich hier von Richard Herzinger zitierten offiziellen Definition von 1935, "das Instrument 'der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals'". Auch hier störte die Dimension des Judenmords nur, der sich aus keinerlei Logik des Kapitalismus erklären ließ. Darum ließ gerade die kommunistische und die ihr nahestehende Linke den Holocaust in ein schwarzes Loch der Geschichte fallen.

Stalin selbst war es, der Ilja Ehrenburgs und Wassili Grossmans Schwarzbuch über den Holocaust in die Tonne trat. Die in den "Bloodlands" ermordeten Juden waren fortan an nur Tote unter anderen. Die eigentliche Erzählung war der opferreiche Sieg im Großen Vaterländischen Krieg. Jahrzehntelang wurden die Juden bei den Mahnmalen in der ehemaligen Sowjetunion nicht als Opfergruppe genannt, obwohl sie doch die eigentlich Gemeinten waren. Grossman, der den Holocaust nochmal in "Leben und Schicksal" thematisierte, starb 1964 in dem Glauben, dass sein Roman niemals das Licht der Öffentlichkeit erblicken würde. Während sich im Westen mit der Zeit die Erinnerung zu regen begann, herrschte im Osten kompaktes Schweigen über den Holocaust. Aber auch im Westen gehörten Linke wie Roger Garaudy zu den ersten Holocaust-Leugnern.

Und auch die durch 1968 modernisierte deutsche Linke brauchte ziemlich lange, bis sie die Ungeheuerlichkeit, die ihre Eltern da angestellt hatten, ohne vorgefertigte Raster in den Blick nehmen konnte. Vorher spielte man die Geschichte nach, erklärte die junge Demokratie zum neuen Faschismus und warf sich in die Joppe der Résistants. Dass der Holocaust nach und nach wahrgenommen wurde, ist der unermüdlichen Arbeit fast immer jüdischer Außenseiter zu verdanken. In Deutschland ist der Staatsanwalt Fritz Bauer zu nennen. Andere Namen sind Raul Hilberg, Primo Levi, Ruth Klüger. Und für die breite deutsche Öffentlichkeit kam der Anstoß ebenfalls von außen: durch die amerikanische Serie "Holocaust", die den Begriff in Deutschland überhaupt erst bekannt machte. Immerhin nahm die westliche Öffentlichkeit diesen Impuls mit der Zeit auch auf.

Der Streit um Achille Mbembe tobt wie gesagt in völlig veränderter historischer Konstellation. Kenner seines Werks behaupten, dass die Passagen über Israel in seinem Werk nur nebensächlich seien, aber der Verdacht besteht, dass sie nicht nur für Mbembe - der auch 1992 schon ähnlich argumentierte, unser Resümee - sondern für die postcolonial studies insgesamt konstitutiv sind. Das Problem der postcolonial studies mit dem Holocaust begann gewissermaßen mit Satz ihres Gründers Edward Saids: "Wir (Palästinenser) haben keinen Holocaust, der uns durch das Mitleid der Welt beschützt".

Was das Mitleid angeht, irrte Said. Wie im Kindergarten, wo immer das Kind den Kuchen bekommt, das am lautesten jammert, flossen der von Said begründeten Denkschule seit den achtziger Jahren die Gelder nur so zu. In verschiedenen Spielarten erobern die postcolonial studies und verwandte Schulen wie die Gender Studies, die Migrationsforschung und weitere Kulturwissenschaften heute die geisteswissenschaftlichen Institute. Ministerien lassen sich von diesen Instituten beraten, Stiftungen fördern die von ihnen gelieferten Versprechen der "Versöhnung", Kirchen laden zum "Dialog".

Nach Felix Kleins Kritik an Mbembes Unterstützung für BDS und seiner Erinnerung daran, dass mit öffentlichen Geldern keine Israelboykotteure unterstützt werden sollen, meldeten sich gleich Dutzende Universitätsleute - und zwar höchst prominente - aus dem In- und Ausland und forderten eine Absetzung Kleins (unser Resümee). Das zeigt, wie institutionell, gut vernetzt und machtbewusst diese akademische Linke agiert. Mbembe will außerdem eine Entschuldigung von Klein, die dieser jüngst in der Zeit ablehnte: "BDS genießt auch in Deutschland Meinungsfreiheit - solange nicht strafrechtlich Relevantes wie Volksverhetzung betrieben wird. Aber der deutsche Staat sollte keine Steuergelder für diese Bewegung aufwenden."

Mir selbst ist übrigens nicht wohl, wenn sich die Regierung in das Spiel der Ideen einmischt. Stefanie Carp, die Leiterin der Ruhrtriennale, die von Mbembe eröffnet werden sollte, behauptet (Resümee), dass sie "Naomi Klein nicht nur nicht einladen, sondern noch nicht einmal zitieren darf". Aleida Assmann beklagt eine "Hermeneutik des Verdachts", deren Folgen "für Menschen in leitenden Stellungen happig" seien, "sie müssen mit Entlassung und bleibender Stigmatisierung rechnen". Zwar fürchte ich im Gegenteil, dass in den Instituten dieser Denkschulen niemand eine Stellung bekommt, der nicht so denkt wie Mbembe oder Aleida Assmann, aber allein dass der Verdacht einer Gesinnungsprüfung entsteht, sollte einer demokratischen Öffentlichkeit nicht behagen.

Aber macht die Bundesregierung nun "eine intellektuelle Abschottung Deutschlands zum politischen Programm", wie Stephan Detjen im Deutschlandradio behauptet? Ist Klein ein "diskursiver Schrankenwärter", der "ein in Deutschland gewachsenes Geschichtsbild gegen Irritationen von außen zu immunisieren"?

Mbembe muss nicht um seine Stelle fürchten. Es geht nur darum, einen Autor, der die Ächtung Israels forderte, nicht eine gut dotierte Rede über Versöhnung halten zu lassen. Zum Boykott eines  Autors aufzurufen, der selbst Autoren boykottiert, nur weil sie Israelis sind, halte ich nicht für ein Verbrechen gegen die Meinungsfreiheit. Mbembe hat seine Position zum Israelboykott im Lauf der Debatte immerhin revidiert - ein Fortschritt, den erst diese Debatte brachte.

Bedenklicher ist der Paradigmenwechsel im Blick auf den Holocaust, den auch diese Debatte manifestiert - und hier ist nicht der verhinderte Mbembe der Verlierer. Offenbar setzen sich hier neue Kriterien durch. Die Autorin Charlotte Wiedemann konzediert in der taz zwar noch, dass es "gute Gründe (gibt), die Schoah wegen des Ausmaßes und des Charakters der Vernichtung als einzigartig zu betrachten. Aber die Singularität taugt nicht als Waffe, um anders gelagerten Schmerz in die zweite Reihe zu verweisen - und schon gar nicht darf sie Waffe in der Hand von Deutschen sein. Warum fällt es so schwer zu dulden, dass Menschen, die nicht unsere Tätergeschichte teilen, einen anderen Blick auf Israel haben? "

Daran verstört zweierlei: Dass die Geschichte je nach Schmerz anders aussehen soll, und überhaupt und grundsätzlicher, dass die Geschichte aus dem Schmerz konstruiert wird.

Dass der Schmerz in Geschichte pocht, ist wahrlich nicht abzuweisen, aber gerade dieser Schmerz macht es nötig, ihn nicht zum Kriterium von wahr und falsch und Schuld und Unschuld zu machen. So macht der eigene Schmerz blind für den der anderen. Der Holocaust schrumpft dann leicht zum Spezialfall einer Universalgeschichte, die für Mbembe die Geschichte des Kolonialismus ist. Vielleicht ist eine Theorie von Geschichte immer schon Gewalt, denn sie lässt einzelne Ereignisse nur als Belege ihrer Tendenz zu und sortiert andere aus. Die postcolonial studies wirken heute so doktrinär wie in den Sechzigern der Marxismus. Jene Außenseiterinnen und Außenseiter, die der Welt den Holocaust zu Bewusstsein brachten, haben gezeigt, dass Geschichte im Gegenteil immer nur begriffen werden kann, wenn sie erzählt wird.

Thierry Chervel