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Im Kino

Zittriges Eigenleben

Die Filmkolumne. Von Thomas Groh, Nikolaus Perneczky
23.01.2013. Tim Burtons Horrorfilm-Hommage "Frankenweenie" begeistert durch charmante und romantische Verstöße gegen das Dogma des geglättet perfektionistischen Bilds. Ruben Östlund ist zwar nicht der Sarrazin des schwedischen Kinos, sein neuer Film "Play" hat trotzdem wenig Interesse daran, die Welt besser zu verstehen.


Nahtlos reiht sich dieser kindliche Victor Frankenstein in die lange Kette autobiografisch geprägter Sonderlingen ein, die Tim Burtons Filme seit jeher bevölkern: Verunsichert und etwas phlegmatisch im Auftreten, hager in der Erscheinung, den Eltern oft ein Rätsel (zumal, was die Monomanie seiner Interessen betrifft: wissenschaftliche Forschung und das Erstellen ruckeliger Super8-Filme, die dem Horrorkino ihren Tribut zollen), in körperlichen Dingen herausgefordert (Sport - ein Graus!) und mit auffälligen, wenngleich als Schrulle noch erträglichen Defiziten, was die soziale Kompetenz betrifft. Was in Burton County, wo auch dieser Film angesiedelt ist, ohnehin nicht allzu schwer ist: Seit jeher ließen sich Burtons Kringel und Kreise als Gegenentwurf zu einer aufgeräumten Welt der rechten Winkeln und geraden Linien lesen.

Victor also ist ein Freak unter Freaks, die für sich den Status einer monströsen Normalität beanspruchen, und damit natürlich - insofern sind Burtons Filme hinter ihrem eskapistisch schönen Schein immer auch politisch - der eigentliche Träger einer, wenn auch märchenhaft romantischen, Vernunft. Archetypisch wurde diese Burtonfigur spätestens in "Edward mit den Scherenhänden", Burtons erster Frankenstein-Hommage in Spielfilmlänge, was insofern auch einen schönen Bogen zu "Frankenweenie" schlägt, da Frankensteins Monster und dessen Schöpfer in Burtons Umschreibeprozess nun endgültig zu ein und derselben Figur verschmelzen. Im Grunde steht dahinter immer eine Variation und Selbstinterpretation des Schöpfers seiner selbst: Im Schuljungen Victor Frankenstein, der auf dem Dachboden seinen Hund in ruckeligen Stopmotion-Super8-Filmen gegen Plastik-Godzilla antreten lässt, ist Tim Burton, der sich oft tagelang vor dem Alltag in Suburbia ins in sich versunkene Nachzeichnen von Horrorlieblingen rettete, nun am offenkundigsten bei sich selbst angekommen.

Dass in der Figur eines verschrobenen Physiklehrers auch vor Horror-Maestro Vincent Price respektvoll der Hut gezogen wird, ist eine weitere Spur ins Biografische: Burtons Held aus Kindertagen sprach nicht nur den Voiceover für Burtons ersten Animationsfilm "Vincent", er spielte auch in "Edward mit den Scherenhänden" einen schrulligen, alten Wiedergänger der klassischen Frankenstein-Figur. Für "Frankenweenie" ist dieser Price nachempfundene Physiklehrer insofern von Belang, als er den jungen Victor nach dem traurigen Ableben dessen Hundes darauf bringt, dass man die Lebensgeister im Tierleichnam wieder wecken könnte - genügend Strom vorausgesetzt. Das Ergebnis ist bizarr anzuschauen, wackelt aber lieb mit dem angeschraubten Schwanz: Anders als in der berühmten Vorlage führt die Wiederbelebung der Toten zunächst nicht in Sphären hochheiligen moralischen Schlamassels, sondern zu jener Form einer Utopie auf Zeit, die die progressiven von den konservativen Untoten-Filmen zuweilen unterscheidet: Wie wunderbar wäre es doch, könnte man die Toten, die einem am nächsten am Herz liegen, noch einmal in die Arme schließen - Fortschritt durch Wissenschaft.

Freilich steht der restlos glückenden Umsetzung dieses Gedankens die Hässlichkeit der Menschen im Wege: Victors Entdeckung zieht die eitlen Gekränktheiten seiner Mitschüler auf sich, die für einen schulischen Wissenschaftswettbewerb einen ähnlichen Erfolg vorweisen wollen - nicht zuletzt haben auch sie auf dem lokalen Tierfriedhof manchen Liebling in der Erde liegen. Das Unheil nimmt schließlich seinen Lauf - und wie bei James Whales ikonischer Frankenstein-Adaption aus den Dreißigern wartet am Ende eine brennende Windmühle als Kulisse für den Showdown.



Schön, dass Tim Burtons lange Durststrecke mit so überkandidelten, wie missratenen Filmen, deren ästhetischer Digital-Gloss nichts mehr von der materiellen Widerständigkeit früherer Burtonfilme aufwies und stattdessen in jedem verplombten Bild bloß von technischer Machbarkeit erzählte, nach dem ersten Hoffnungsschimmer "Dark Shadowns" nun endgültig als beendet angesehen werden kann und Burton augenscheinlich wieder ganz bei sich angekommen ist. Schon die Tatsache, dass Burton mit "Frankenweenie" seinen (damals noch als Realfilm mit Tricktechnik konzipierten) Kurzfilm von 1984 im Stopmotion-Verfahren zum Feature Film ausgebaut hat, unterstreicht dies eindrücklich. Zurück zu den Wurzeln also - zum klassischen Horrorkino, zu Vincent Price und Frankenstein, zu schönem Schwarzweiß statt grellbuntem LSD-Rausch digitaler Kinomanufaktur.

"Frankenweenie" beginnt mit einem Super8-Kurzfilm aus Victors Dachboden-Produktion, zu dessen schönen handwerklichen Defiziten der rahmende Film selbst zwar spürbar auf Distanz geht, ohne sich jedoch völlig in schalen Perfektionismus zu flüchten: Wie Wes Anderson in "Der fantastische Mr. Fox", so legt auch Burton diesmal (anders noch als etwa in seinem letzten Stopmotion-Film "Corpse Bride") Wert darauf, dass Stopmotion-Bilder immer auch von ihrem handgemachten, gegenständlichen Charakter erzählen sollten: Fast schon liebevoll platziert, zeichnen sich in den Vorstadtrasenflächen kleine "Fehler" ab, wenn im nervösen "Rascheln" des Grases die Eingriffe der Animatoren zwischen zwei Frames kenntlich werden oder die Textilien der (wie stets unendlich behutsam und schön gestalteten) Figuren im Detail ein zittriges Eigenleben entwickeln. Um wieviel charmanter und romantischer doch solche kleinen Verstöße gegen das Dogma des geglättet perfektionistischen Bilds sind!

Und auch aus motivischen Gründen ist es naheliegend, das buchstäbliche Material auf diese Weise "leben" zu lassen: So zeigt sich gerade darin der Unterschied zwischen Animation - schon begrifflich eine "Belebung" - und CGI, wo nichts lebendig/animiert wird, sondern lediglich Variablen ihren Informationswert wechseln. Gerade im Zusammenhang mit dem Frankenstein-Motiv fallen Narration und Technik damit in eins: Beide handeln davon, Leben in unbelebte Masse zu zaubern - und ganz nebenbei (schön auch, dass Burton dies explizit im Film anspricht) finden auch Magie und Wissenschaft zueinander, wie sie das kulturgeschichtlich, allen Trennungen zum Trotz, zumindest in ihren Effekten schon immer taten.

Damit gelingt Burton nicht nur eine der schönsten Hommagen ans klassische Horrorkino, sondern auch an die vor einigen Jahren noch vom Aussterben bedrohte Kunst des handgemachten Films. Die Zeichen häufen sich, dass der Stopmotion-Film doch noch kein Fall für den Friedhof der Filmgeschichte ist. In den Jubel stimmt man gern mit ein: "It's Alive!"

Thomas Groh

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"Play", der dritte Langfilm des schwedischen Regisseurs Ruben Östlund (nach "Gitarrmongot" und "De ofrivilliga"), schreibt sich ein in ein noch kleines Werk, das die breit aufgetragene Misanthropie eines Roy Andersson mit der Form freier Beobachtung zu verbinden trachtet: Episoden aus der Hölle des Zwischenmenschlichen. Aber während Andersson es nicht unter der conditio humana macht, interessiert sich Östlund, ausgehend von der mittelgroßen Stadt Göteborg, für kleinteiligere Zusammenhänge des sozialen Elends.

In "Play" geht es um fünf schwarze und, ihren Namen nach, muslimische Jungs, die drei in etwa gleichaltrige Nerds abziehen - vor allem aber um das quälend lange Vorspiel, das für die Aggressoren, daran lässt der Film keinen Zweifel, den eigentlichen Reiz der Unternehmung ausmacht. Mehr als um die Mobiltelefone und iPods als Beute geht es um die Lust an Macht und Manipulation, und um die totale Ergebenheit, mit der die drei Opfer sich in ihr Schicksal fügen. Immer weiter weg vom Stadtzentrum lassen sie sich erst locken, dann drängen und schließlich stoßen, jeder Ausbruchsversuch bleibt, zu unentschlossen, auf halbem Weg stecken. Für den Zuschauer eine einzige, nicht enden wollende Frustration, die sich, so könnte man denken, an jene gesamtgesellschaftliche Frustration mimetisch anschmiegen soll, die von der Wahrnehmung eines Mangels an "Integrationsbereitschaft" der Zugewanderten ausgeht.

Aber "Play" will keine schwedische Adaption von "Deutschland schafft sich ab" sein, sondern fragt, mindestens einen Dreh klüger: Spiegelt das Verhalten der fünf nicht die Vorurteile zurück, die ihnen auf Schritt und Tritt begegnen? Hinweise dafür finden sich genug, man muss sie nur auflesen. Ein wenig spielt "Play" auch mit dem Zuschauer, mit mir: Habe ich mir nicht dadurch bereits eine Blöße gegeben, dass ich darauf bestand, die fünf Jungs als schwarze Moslems einzuführen? (Wobei, so holzhammerpädagogisch fühlt sich der Film zum Glück selten an.) Dennoch: Ist klüger als Sarrazin schon klug genug?



Östlund heftet sich mit Absicht an die Außenseite der Vorgänge, zeigt sie uns in lange gehaltenen Totalen, welche die Qual der Schikanierten ebenso wie die Teilnahmslosigkeit des Zuschauers herauspräparieren: Wenn einer der Nerds knapp daran scheitert, sich mit hundert Liegestützen aus der Geiselhaft freizukaufen, dann mutet uns "Play" diesen ermbärmlichen Anblick aus voyeuristischer Distanz und in integraler Dauer zu. "Nicht wegschauen", redet Östlund uns ins liberale Gewissen, aber auch: "Warum schreitet niemand ein?" Manchmal hat man den Eindruck, "Play" sei der Fehdehandschuh, den Östlund einer bestimmten Sorte linker Repräsentationskritik entgegenschleudert: "Aber wenn es doch wahr ist!" Oder in der hierzulande zuletzt sehr beliebten Variante: "Man wird doch noch sagen dürfen!"

Selten hat dieser Affekt dazu geführt, dass sich irgendetwas klärt, und "Play" ist da leider keine Ausnahme. Zudem verstößt Östlund gegen seine eigenen Regeln und bringt sein ethisches Projekt in eine Schieflage. Wo es vorgeblich um die Äußerlichkeit des Sozialen geht - um das, was sich der Kamera ohne Rücksichten und Zusatzannahmen offenbart - versagt der Film (mit Ausnahme einer einzigen, viel zu kurzen Szene) an der eigentlich einfachen Aufgabe, einfach ein bisschen, meinetwegen auch ganz leere Zeit mit seinen Bösewichten zu verbringen. Nur den Opfern gesteht "Play" dieses Privileg zu, nur sie werden zu - wenngleich völlig passiven, leidenden - Subjekten. Kein Wunder, dass Yannick, einer der Täter, nach seinem Namen gefragt, "Muhammad" (in den Untertiteln in Anführungsstrichen) antwortet. Was wiederum deutlich macht, dass "Play" seinen Kritikern immer einen Schritt voraus sein möchte. Dies führt jedoch nicht, wie es Östlunds Absicht gewesen sein mochte, zu einer vollständigeren, von den Scheuklappen der Political Correctness entbundenen Auffassung. Ist, was mich am meisten - und vom ersten, unangenehmen Moment an - verzweifeln ließ, doch gerade der stiere Blick, mit dem "Play" das ganze Treiben ansieht. Da helfen all die gegenläufigen Indizien und doppelten Böden nichts: Wer die Welt so sieht, hat kein Interesse daran, sie besser zu verstehen.

Nikolaus Perneczky

Frankenweenie - USA 2012 - Regie: Tim Burton - Stimmen: Catherine O'Hara, Martin Short, Winona Ryder, Martin Landau, Charlie Tahan, Atticus Schaffer - Laufzeit: 87 min.

Play - Schweden 2011 - Regie: Ruben Östlund - Darsteller: Kevin Vaz, Yannick Diakité, Abdiaziz Hilolwe, Johan Jonason, Anas Abdirahman, Nana Manu, Sebastian Blyckert, Sebastian Hegmar - Laufzeit: 118 min.

Archiv: Im Kino

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30.12.2015. Nicht im Kino 2015: Ein im besten Sinne sentimentales Selbstporträt, gspinnertes Autorenkino mit Genremotiven, Laurent/Berger auf dem Sofa, nicht-kindgerechte Animationsfilme, intime popmusikalische Zwiegespräche, postkoloniale Blechbüchsenmänner, nachtschwarz-blutrote Substanzen. Mehr lesen