Heute in den Feuilletons

Die Lage kann sich verbessern

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.06.2009. Die New York Times schildert, wie Twitter in den letzten Tagen die Medien auf Trab hielt. Und in der britischen Times schildert Blogger Andrew Sullivan sein durch Twitter vermitteltes Gefühl der Verbundenheit mit den Aufständischen von Teheran. Der Freitag erhebt Vorwürfe gegen den serbischen Dienst der Deutschen Welle, der mit Milosevic-Medien kooperiert haben soll. FAZ, Welt und SZ sind beeindruckt vom Akropolismuseum in Athen.

Weitere Medien, 22.06.2009

Twitter diente in den letzten Tagen der Demokratiebewegung im Iran sowohl zur Infornation als auch zur Desinformation, schreibt Noam Cohen in der New York Times. Aber auf alle Fälle hielt es die Medien auf Trab: "Just as Twitter can rally protesters against governments, its broadcast ability can rally them quickly and efficiently against news outlets. One such spontaneous protest was given the tag #CNNfail, using Internet slang to call out CNN last weekend for failing to have comprehensive coverage of the Iranian protests. This was quickly converted to an e-mail writing campaign. CNN was forced to defend its coverage in print and online."

Der serbische Dienst der Deutschen Welle gerät wegen Kooperation mit ehemaligen Milosevic-Medien ins Gerede, berichtet Sabine Pamperrien im Freitag: "Im Oktober 2007 hatte der deutsche Auslandssender eine Kooperation mit dem serbischen Sender Radio S begonnen. Vertragspartner wurde damit Zoran Andjelkovic, ehemals rechte Hand von Slobodan Milosevic und unter anderem zu Zeiten der schlimmsten Menschenrechtsverletzungen dessen Statthalter im Kosovo. Andjelkovic ist Präsidiumsmitglied der Sozialistischen Partei Serbiens (SPS), der einstigen Milosevic-Partei. Und Radio S gilt in Serbien als deren Parteisender."

Immer noch ganz überwältigt über das "Live-Tweeting the Revolution" in seinem Blog The Daily Dish schreibt Urblogger Andrew Sullivan in der britischen Times: "As I did so, it was impossible not to feel connected to the people on the streets, especially the younger generation, with their blogs and tweets and Facebook messages - all instantly familiar to westerners in a way that would have been unthinkable a decade or so ago. This new medium ripped the veil off 'the other' and we began to see them as ourselves."

NZZ, 22.06.2009

Doris Ruhe porträtiert Algeriens populärsten Comiczeichner Menouar Merabtene, genannt Slim: "Die Zeichnungen, die Mitte der neunziger Jahre im Exil entstanden sind, bieten keinen Anlass mehr zum Lachen. Das Messer oder die Bombe in der Hand bärtiger Gestalten, aber auch vermummte Polizisten mit Maschinengewehr verweisen auf die Gewalt, die sich in dieser Zeit in Algerien auch und vor allem gegen kritische Journalisten und Intellektuelle richtete. Eine scharfe Polemik trifft das herrschende Regime, wenn Slim einen in Übergröße dargestellten hochdekorierten Offizier zeigt, der angesichts von Demonstranten, die Schilder mit der Aufschrift 'Demokratie' und 'Pluralismus' schwenken, eine mit einem Aufziehmechanismus versehene, deutlich als Islamisten gekennzeichnete Puppe aufzieht, die auf seinem Schoß sitzt. "

Die neue Eremitage-Dependance in Amsterdam sieht Christian Schlösser als weiteren Schritt in Privatisierung der Kulturpolitik und der "Sezession der Erfolgreichen", bei der "private Rendite-Interessen von der Dignität des öffentlichen Gutes Museum profitieren, aber keinen Beitrag zur zivilgesellschaftlichen Integration mehr leisten".

Besprochen werden Peter Steins Inszenierung von Kleists "Zerbrochnem Krug" in Zürich, ein Mendelssohn-Konzert mit Dirigent Roger Norrington und dem Tonhalle-Orchester ebenda und zwei Ausstellungen in Ascona und Locarno, die sich dem genius loci widmen.

Welt, 22.06.2009

Im Interview mit Michael Loest erklärt Iggy Pop, warum er jetzt New-Orleans-Jazz macht: "Es traf sich gut, dass ich das Buch 'Die Möglichkeit einer Insel' von Houellebecq entdeckte, als ich gerade eine Aversion gegen Gitarre spielende Idioten entwickelte, die ewig die gleichen beknackten Akkorde raus hauen. New Orleans-Jazz ist weitaus radikaler als das Gitarrenschrammeln der meisten Jungrebellen, glauben Sie mir."

Berthold Seewald feiert das neue Akropolis-Museum als "kulturpolitisches Jahrhundertereignis": "Ästhetischer Schauder und künstlerische Klasse können das Faszinosum nur zum Teil erklären. Das Übrige machen der Ort und seine Geschichte. Weil es eine Allegorie auf die Demokratie sein sollte, vermochte der große Staatsmann Perikles einst seine Landsleute dazu zu bewegen, Tausende von Talenten zu bewilligen, um den Tempel in nur neun Jahren, von 447 bis 438, zu errichten. Der Schmuck war 432 vollendet. Vor allem der Fries an der Cella verkündete die Programmatik: Nicht Götter oder mythische Heroen werden dargestellt, sondern die Bürger der Stadt."

Weitere Artikel: Michael Pilz erzählt, warum der mit der Plattenindustrie im Clinch liegende HipHop-Produzent Danger Mouse nur noch hübsch verpackte Rohlinge verkauft: Die Musik müssen sich seine Fans selbst downloaden. Peter Dittmar besichtigt das in Amsterdam neu eröffnete Hermitage Museum, das sich offenbar der Huldigung der Zarenherrlichkeit verschrieben hat.

Besprochen werden Calixto Bieitos Inszenierung des "Don Karlos" für die Schillertage in Mannheim, Vladimir Malakhovs Shelley-Ballett in Berlin und Guy Delisles Comic über das Leben unter Birmas Militärdiktatur.
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FR, 22.06.2009

Christian Bröcking besuchte das jährliche New Yorker Festival der amerikanischen Jazzjournalisten-Vereinigung (JJA), wo auch die wichtigen Alpert Awards vergeben werden und es nach Einstellung der Zeitschrift JazzTimes eher traurig zuging. "Renommierte Journalisten wie Bill Milkowski verbinden ihre kurzen Preisreden nun mit flehentlichen Bitten um Jobangebote, und selbst der Musikproduzent Bruce Lundvall witzelt, dass er sich wohl schon bald bei den Musikern, die er einst für das von ihm geleitete Label Blue Note unter Vertrag nahm, als Roadie bewerben könne. Fakt ist, dass der Mainstream-Jazz von der Krise erfasst wurde und man hier zu ahnen scheint, dass die herkömmlichen Strukturen nicht mehr tragen werden."

Weitere Artikel: Der Autor und Schauspieler Jürgen Klauß bringt eine persönliche Hommage auf Jürgen Gosch dar, der heute auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt wird. Petra Kohse besuchte eine Konferenz der Grünen zum Thema Heimat.

Besprochen werden "Don Karlos" in der Regie Calixto Bieitos in Mannheim und Joseph O'Neills Roman "Niederland" (mehr hier).

TAZ, 22.06.2009

Für Bahman Nirumand hat das iranische Regime nach der Rede des Ayatollah Khamenei jegliche Legitimation verloren: "Die Führung der Islamischen Republik, die ursprünglich aus einer Revolution hervorgegangen ist und die sich auf den Glauben beruft, ist an den Punkt gekommen, wo sie sich nur noch auf Waffen und Gewalt stützen kann."

Auf den Kulturseiten porträtiert Elisabeth Raether die Politikerin Rachida Dati, "die von Nicolas Sarkozy zuerst gefördert und dann gefeuert wurde". Und Ulrich Gutmair berichtet von einer Konferenz der Grünen über Heimat.

Besprochen werden das vierte Album der französischen Band Phoenix und eine Ausstellung über Jürgen Habermas in Frankfurtund das von Rene Pollesch verantwortete Spektaktel "Cinecitta Aperta" bei den Ruhrfeststpielen Recklinghausen

Auf der Tagesthemenseite interviewen Sabine am Orde und Ulrich Schulte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble zur Islamkonferenz, die am Donnerstagzum letzten Mal tagt.

Und Tom.

nachtkritik, 22.06.2009

Die Bundeskulturstiftung hat entschieden, Christoph Schlingensiefs Traum von einem Opernhaus in Afrika in die Wirklichkeit zu helfen. Sie stellt dafür Förderungsmittel bereit. Esther Slevogt fiel auf einmal ihr Großonkel wieder ein, der einst Goethe zitierend im afrikanischen Urwald gesehen wurde: "Der Onkel, der ein gebildeter Mann war und die deutsche Klassik auswendig konnte, vertrieb sich, und wie er glaubte, auch die Zeit derer, die ihn trugen, damit, dass er oben auf seiner Sänfte Goethes 'Faust' oder anderes einschlägiges deutsches Bildungsgut rezitierte und den Eingeborenen kund und zu wissen gab."

Aus den Blogs, 22.06.2009

A propos Urheberrecht. Die Freischreiber zitieren aus einem Brief der Schwäbischen Zeitung an einen freien Autor, der den von der Zeitung gewünschten Total-Buy-Out-Vertrag noch nicht unterschrieben hat:

"Sehr geehrter Herr (?),

wie Sie wissen, will die 'Schwäbische Zeitung' die Zusammenarbeit mit ihren freien Mitarbeitern vertraglich regeln. Deshalb haben wir Ihnen vor einiger Zeit einen entsprechenden Vertrag zugeschickt.

Leider haben wir bis heute von Ihnen keine Antwort bekommen, bzw. der unterschriebene Vertrag ist nicht bei uns eingegangen. Deshalb noch einmal die Bitte, eine Version des beiliegenden Vertrags unterschrieben an uns zurückzusenden.

Die Honorarabteilung ist angewiesen, kein Honorar mehr an Mitarbeiter ohne Vertrag zu überweisen.

Mit freundlichen Grüßen
Schwäbische Zeitung"

Den aktuellsten Überblick über die Lage im Iran bietet zur Zeit die Huffington Post. Aus dem Teaser: "Nokia, Siemens Provided Regime's Censoring Technology... Video Of Mousavi At Rally: 'We Are Ready To Sacrifice Ourselves'... Protesters Trying To Organize General Strike... Neda's Memorial Service Canceled On Orders Of Authorities... Newsweek Reporter Arrested."

FAZ, 22.06.2009

Andreas Kilb durfte nach Athen reisen, um vor Ort das mit fünf Jahren Verspätung eröffnete Akropolis-Museum (Website) zu bestaunen. Er erkennt allerdings zunächst einen glasklaren Gegenwartsbezug: "Eigentlich hätten die griechischen Politiker, die am Samstagabend in Athen das neue Akropolis-Museum eröffneten, kein Wort mehr über den Anspruch Griechenlands auf die Londoner Elgin Marbles verlieren müssen. Denn der Bau ist ein einziges großes Restitutionsbegehren aus Stahl, Glas und Beton. Sein Baukörper, der die Gebäude der Stadt um fünf Meter überragt, verschafft dem Gegenstand des Rückgabestreits zwischen Griechen und Briten den spektakulärsten Auftritt, den man sich für ein einzelnes Kunstwerk überhaupt vorstellen kann."

Weitere Artikel: In der Glosse staunt Mark Siemons über den liebhaberinnenreichen und nicht erst nach seiner Inhaftierung wegen Korruption den Künsten sehr produktiv zugewandten chinesischen Ex-Parteisekretär Zhang Erjiang. Edo Reents war dabei, als in Frankfurt Louis Begley per Dreisatz von der Affäre Dreyfus nach Guantanamo gelangte. Im "Glossar der Krise" erklärt uns der Autor Ulf Erdmann Ziegler die "Schrumpfung". Hingewiesen wird auf eine Video-Erklärung der "Vereinigung iranischer Dokumentarfilmer", die das Staatsfernsehen zu wahrheitsgemäßer Berichterstattung auffordern (hier, keine Untertitel). Bewundernswert findet Wiebke Hüster die Arbeit des Leipziger Ballettdirektor Paul Chalmer - vielmehr des Ex-Direktors, denn der Kommissarische Intendant der Leizpiger Oper (Alexander von Maravic, im Text ungenannt), über den Hüster hörbar wutschnaubt, hat ihm gekündigt. In den Club geburtstagsgrußwürdiger Männer werden heute aufgenommen: der Wissenschaftsmanager Peter Gruss (60), der Medientheoretiker Michael Giesecke (60), der spanische Autor Rafael Chirbes (60), der Aktionskünstler HA Schult (70) und der Kinderbuch-Illustrator Eric Carle (80). Michael Althen gratuliert aber auch der Schauspielerin Meryl Streep zum Sechzigsten.

Besprochen werden Calixto Bieitos Schiller-Verfremdung "Don Schlappschwanzos, Infantilist von Spanien" (so Gerhard Stadelmaier) in Mannheim, die Uraufführung von Anne Habermehls Stück "Daddy" im Münchner Marstall und Bücher, darunter Mircea Cartarescus Erzählungsband "Nostalgia" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 22.06.2009

David Motadel, Doktorand an der Universität Cambridge, erzählt im Aufmacher von der Rolle der "Straße" im Iran und ihrer Mobilisierung durch politische Kräfte seit hundert Jahren. "Das Establishment in Iran weiß eben um die Gefahr des Massenprotests. Häufig war er ausschlaggebend für den Wandel im Land. Er war die bedeutendste Waffe gegen ausländische Wirtschaftsmonopole, führte zur ersten Verfassung und war entscheidend bei der Abschaffung der Monarchie, die der Führungselite des Landes noch allzu gegenwärtig ist."

Weitere Artikel: Gottfried Knapp ist tief beeindruckt von dem neuen Akropolismuseum in Athen: "Selten hat Griechenland in der Neuzeit überzeugender geleuchtet als am Abend dieser Museumseröffnung." In den "Nachrichten aus dem Netz" empfiehlt Helmut Mauro Freunden der klassischen Musik die Seite backtrack.com, auf der man viele Konzertmitschnitte und anderes findet. Tobias Kniebe unterhält sich mit Steven Spielberg über neue Technologien des Filmemachens und seine in 3D gedrehte Tim-und-Struppi-Verfilmung. Lino Wirag hat sich auf der Hmepage des ORF die Porträts der mehr oder weniger Jungautoren angesehen, die in den nächsten Tagen um den Bachmannpreis wettlesen werden. Und Johannes Willms fürchtet wegen eines geplanten Baus für ein Altenheim um die Ermitage-Parklandschaft von Montmorency, in der Jean-Jacques Rousseau immerhin sechs Jahre zubrachte.

Besprochen werden ein Album der schwergewichtigen Sängerin Beth Ditto, einer Entdeckung des Prodizenten Rick Rubin, auf deren breiten Schultern nun die Zukunft der Musindustrie lastet, Anne Habermehls neues Stück "Daddy" in der Regie Alexander Nerlichs im Marstall-Theaters des Bayerischen Staatsschauspiels in München und einige DVDs mit klassischer Musik.

Auf Seite 2 kommet Ex-Außenminister Joschka Fischer nach längeren Erwägungen über die Krise im Iran zu schwerwiegenden Erkenntnissen: "Die Lage kann sich verbessern, aber durchaus (und wahrscheinlicher sogar) auch verschlechtern."