Joseph O'Neill

Niederland

Roman
Cover: Niederland
Rowohlt Verlag, Reinbek 2009
ISBN 9783498050412
Gebunden, 314 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. New York im Jahre 2002: Ein holländischer Bankier namens Hans van den Broek lebt allein unter den exzentrischen Gestalten im legendären Chelsea Hotel. Als Kind fuhr Hans perfekte, sichere Bahnen auf dem Eis der Grachten; heute spekuliert er erfolgreich auf Rohstoffpreise, aber wie die Stadt selbst nach dem 11. September ist auch er in seinen Grundfesten erschüttert. Nachts spricht er mit Engeln, oder er sucht verzweifelt bei Google Earth nach Lebenszeichen im Haus seines kleinen Sohnes, der mit seiner Mutter nach London zurückgezogen ist.
Doch dann trifft Hans die Gestalt, die sein Leben verändern wird: einen dunkelhäutigen Westinder namens Chuck Ramkissoon. Chuck gehört zu denen, die den großen amerikanischen Traum noch zu träumen wagen und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Zusammen mit ihm macht Hans sich auf, ein aktives, brodelndes, ihm gänzlich unbekanntes New York zu entdecken, und eine ungewöhnliche Freundschaft entsteht ...

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.07.2009

Als "ebenso zeitgenössisch wie poetisch" feiert Rezensent Ijoma Mangold diesen Roman, der in der Welt nach dem 11. September in einer "postnationalen Weltgesellschaft" spielt und Mangold zufolge von den Herausforderungen erzählt, "Halt zu finden in einer Welt, die immer in Bewegung ist". Joseph O?Neill bringe zwei unterschiedliche Milieus zusammen, die jeweils auf ihre eigene Weise frei von ihrer Herkunft den Strömen des Geldes und der Wohlstandsverteilung folgten: Broker und Migranten. Besonders der "tiefsinnige und vielschichtige" Protagonist - ein holländischer Analyst in New York, dessen Ehe nach den Anschlägen zerbricht - hat es dem Rezensenten angetan, der nach dem Scheitern seiner Ehe Bekanntschaft mit einem Cricketfanatiker aus Trinidad schließt. Dieser Chuck hält, wie man liest, den Sport der britischen Upperclass für ideal, um den Clash of Civilisations zu entschärfen. Und in der Zusammenführung der beiden Milieus vermesse dieser Autor geschickt zwei Perspektiven auf Postkolonialismus und Globalisierung. Wer außerdem die "manisch-depressive Stimmung" der Jahre nach dem 11. September verstehen wolle, dem legt Mangold diesen klugen und eindringlichen Roman ebenfalls sehr ans Herz.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.06.2009

Christoph Schröder gibt sich Mühe, das in diesem Roman verhandelte Nichts mit Bedeutung aufzuladen. Der Autor ist ihm dabei keine große Stütze. Der sich offensichtlich auf den Leser übertragenden Orientierungslosigkeit seines Durchschnittshelden im traumatisierten New York nach dem 11. September kann er laut Schröder mittels seitenlangen Erörterungen des Cricketspiels jedenfalls keinen Sinn verleihen. Dabei vergisst Joseph O'Neill kein Epochenmerkmal (Geldglobalisierung, Multikulturalismus, Terror und Krieg). Für Schröder ein Zeichen dafür, dass Zeitgeist allein keinen guten Roman macht. Eine ausgewogene Sprache und Anlage des Textes dagegen und ein konsequent durchgehaltener erzählerischer Ansatz, meint er, hätten helfen können.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.05.2009

Rezensentin Andrea Köhler kann das Lob, das Joseph O'Neills Roman in den USA erhalten hat, nachvollziehen. Die von O'Neill geschilderte "seelische Agonie" des holländischen Investmentbankers Hans im New York des Jahres 2002 ruft ihr die Atmosphäre nach dem 11. September 2001 eindringlich in Erinnerung. Allerdings erkennt Köhler auch die aus heutiger Sicht für einen Banker eher untypisch erscheinenden Eigenschaften der Figur: Melancholisch, reflexiv, eloquent, "alteuropäisch" tritt ihr diese Figur entgegen. Wenn Hans in einen Erinnerungsstrom eintaucht, der ihn zurück in seine Kindheit spült, fühlt sich Köhler an die "Psychologie des Abendlandes" angeschlossen und im poetischen Realismus des Buches durchaus gut aufgehoben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.05.2009

Der in den USA preisgekrönte Roman "Niederland" von Joseph O'Neill hat Christoph Schröder nicht vom Hocker gerissen. Der in Irland geborene und in den Niederlanden aufgewachsene Autor erzählt darin vom Analysten Hans van Broek, der nach den Anschlägen vom 11. September in New York aus Sicherheitsgründen ins Hotel zieht, während seine Frau aus Angst mit dem gemeinsamen Sohn die Stadt verlässt. "Zeitgeistiges" wie Globalisierung, Multikulturalismus und der politische Umschwung der USA unter Georg W. Bush geben dem Roman einen ausgesprochen gegenwärtigen Anstrich, und das alles wird in recht pathetisch gestimmtem, hohem Ton dargeboten, der leider öfters in Schieflage gerät, wie Schröder bemerkt. Eigentlich aber werde von einem ziemlich "langweiligen" Menschen erzählt, bei dem nur selten die existentielle Orientierungslosigkeit durchscheint, die der Anschlag ausgelöst hat.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.03.2009

Joseph O'Neills Roman "Niederland", der in den USA von der Kritik gefeiert wurde, hat Rezensent Georg Diez tief beeindruckt. In seiner Huldigung des Buchs berichtet Diez von seinem Gespräch mit dem in Irland geborenen, in Holland aufgewachsenen, in London lebenden Autor, den er in New York getroffen hat. Er beschreibt das Werk um den etwas passiven holländischen Börsenanalysten Hans van den Broek, der nach dem 11. September aus seinem Loft ins Chelsea Hotel umziehen muss, als einen 9/11-Roman, "der kein 9/11-Roman ist". Vielmehr sieht er darin eine "fast essayistische Erzählung davon, wie sich der Blick auf die Welt durch dieses Ereignis verändert hat". Besonders fasziniert ihn die Figur des westindischen Selfmademans Chuck Ramkissoon, der sich mit Hans anfreundet, ihm Cricket beibringt und ein fremdes New York zeigt. Ramkissoon verkörpert für ihn auch die Stimme einer postkolonialen, postnationalen, globalisierten Welt. Mit großem Lob bedenkt Diez die sprachliche Meisterschaft des Autors, der souverän, assoziativ und detailfreudig eine komplexe Romanwelt schafft. Sein Fazit: O'Neills Roman ist "europäisch und altmodisch, aber auch globalisiert und voller verwirrender, widersprüchlicher Energie".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.03.2009

Keinen Zweifel hat Rezensentin Felicitas von Lovenberg daran, dass dies ein Roman von beträchtlichen Dimensionen ist. Mit seiner Hauptfigur, dem kurz vor dem elften September 2001 in die USA gelangten Niederländer Hans van den Broek, zielt der Autor aufs Zentrum der US-Gegenwart: die Folgen des Terroranschlags, aber auch das Finanzsystem, denn van den Broek ist erfolgreicher Investmentbanker. Mit dem Anschlag aber zerfällt nicht nur seine Familie, sondern seine ganze Welt. Frau und Kind kehren in die Alte Welt zurück, er quartiert sich im Chelsea Hotel ein und gelangt nicht wieder heraus in die Normalität. Die Grenzen, in denen sich die Bewunderung der Rezensentin für diesen Roman hält, sind ihrer Besprechung anzumerken. Sie weiß die Ambition und auch das Können des Autors, der mit dem Roman in den USA großen Erfolg hatte, zu würdigen. Allerdings findet sie, dass die Sprache, die O?Neill findet, vom Verfall, von dem er erzählt, nichts spüren lässt. Der "Sockel", auf den er seine Geschichte damit hebt, ist ein Problem, von dem Lovenberg selbst nicht genau zu wissen scheint, für wie groß sie es hält.
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