Äußerst schmallippig beantwortet Adriano Pedrosa, Kurator der kommenden Kunstbiennale Venedig, die sich unter dem Titel "Foreigners Everywhere" auf queere und indigene Volkskünstler und Outsider des Kunstbetriebs aus dem Globalen Süden konzentriert, die Fragen von Gesine Borcherdt (Welt). Einen Zusammenhang zwischen antisemitischen und postkolonialen Themen im Globalen Süden will er auch nach der documenta 15 nicht erkennen - und gefragt, weshalb er zwar viele Künstler aus dem Nahen Osten, aber keinen einzigen aus Israel eingeladen hat, antwortet er: "Es gibt in meiner Ausstellung auch keine Künstler, die aus Spanien, Belgien oder Deutschland stammen. Das Hauptaugenmerk der Ausstellung liegt auf dem Globalen Süden. Israel liegt im Globalen Norden. Israel ist ein wohlhabendesErste-Welt-Land, wie Japan oder Südkorea. Wissen Sie, was der Globale Süden ist? Sie können das bei Wikipedia nachschauen."
Weitere Artikel: Gustav Klimts lange verschollenes Frauenporträt mit dem Titel "Bildnis Fräulein Lieser", das sich über viele Jahrzehnte in einer österreichischen Privatsammlung befand, wird beim Wiener Auktionshaus Im Kinsky zu einem Schätzwert zwischen 30 und 50 Millionen Euro versteigert - und zwar gemäß der Washingtoner Prinzipien, berichtet Philipp Meier in der NZZ: "Zwischen den gegenwärtigen Eigentümern und den Rechtsnachfolgern der Familie Lieser wurde eine Einigung erzielt. Der Erlös der Versteigerung soll aufgeteilt werden." In der Berliner Zeitungfreut sich Ingeborg Ruthe, dass die 1964 entstandene Grafikserie "Jugend und Sport" des Berliner Künstlers Jürgen Wittdorf nach einem Überraschungsfund wieder komplett ist und nun in der Studio-Galerie Berlin gezeigt wird.
Besprochen werden die große Käthe-Kollwitz-Ausstellung im Frankfurter Städel (Zeit, mehr hier), die Ausstellung "Below Ground Level" der ukrainischen Künstlerin Lada Nakonechna in der Berliner Galerie Eigen&Art (taz) und die große Valie-Export-Retrospektive im C/O Berlin (FAZ, mehr hier)
Käthe Kollwitz, Selbstbildnis mit aufgestütztem Kopf, 1889/91, Foto: Käthe Kollwitz Museum Köln Das Franfurter Städel zeigt eine umfassende Käthe-Kollwitz-Ausstellung, größtenteils aus eigenen Beständen, ergänzt um Leihgaben. Die schlicht "Kollwitz" betitelte Schau umfasst über 100 Arbeiten aus diversen Werkphasen. Judith von Sternberg betrachtet für die FR in den Kollwitz-Bildern vor allem "die Gesichter der Menschen. Sie sind nicht schön oder ihre Schönheit liegt in ihrem ernsten Blick, viele von ihnen haben viel und hart gearbeitet, sie sehen müde, grimmig aus, manche lakonisch, manche aufsässig. Es kommt ihnen nicht darauf an, das zu verbergen. Sie haben andere Probleme. Kollwitz fand viele von ihnen im Umfeld der Berliner Praxis ihres Mannes, der Arzt war und Arbeiterinnen und Arbeiter behandelte. Man würde sie auf der Straße wiedererkennen. Ihre Porträts, so kann man es vielleicht sagen, zeigen Menschen, von denen man sich vorstellen kann, dass es sie gegeben hat. Das ist das Ergebnis langwieriger Arbeit und Bearbeitung." Für die FAZbesucht Ursula Scheer die Schau.
Ähnlich geht es Johanna Adorján, die für die SZ die Pariser Ausstellung "Extérieurs. Annie Ernaux & la Photographie" im Maison Européenne de la Photographie (MEP) besucht. Konzipiert hat sie die Kuratorin Lou Stoppard, die, inspiriert von Ernaux' Buch "Journal du dehors" das Archiv des MEP nach passendem Bildmaterial durchsuchte. Entstanden ist ein inspirierender Dialog zwischen Literatur und Fotografie, findet Adorjan. "Vielleicht könnte man in jedes Foto auf der Welt irgendeinen Aspekt hineindichten, der mit dem Werk von Annie Ernaux in Resonanz tritt. Fast jeder Fotograf hat ja schon mal Menschen auf der Straße fotografiert, die zufällig vorbeikamen, in ihren eigenen Gedanken versunken, die einen vielleicht kurz ansahen, vielleicht nicht, und dann war der Moment vorüber. Oder eine U-Bahn, einen Bus. Oder Frauen, die etwas Alltägliches tun, sagen wir, im Supermarkt prüfend eine Orange in Händen wiegen. Wahrscheinlich könnte man sogar Hochglanz-Modefotos nehmen. Es hat ja alles in irgendeiner Form mit dem Leben von Frauen zu tun oder mit sozialen Aspekten. Und doch fühlt sich diese Ausstellung nicht willkürlich an."
Das Recherchekollektiv "Forensic Architecture" (FA) verteidigt sich gegen die unter anderem in einem taz-Artikel vorgebrachten Vorwürfe (unser Resümee) der Parteilichkeit und Voreingenommenheit. Es geht, natürlich, wieder um Israel, konkret um ein FA-Gutachten zur Explosion am Al-Ahli-Krankenhaus in Gaza am 17. Oktober 2023, berichtet Pitt von Berenburg in der FR. Da die taz seine Entgegnung nicht publizieren wollte, "machte 'Forensic Architecture' seine Position vor wenigen Tagen selbst öffentlich, indem es Weizmans Schreiben aus dem Januar online stellte. Naß erwähne nicht, dass die Behauptungen des israelischen Militärs nicht nur von 'Forensic Architecture' widerlegt seien, 'sondern auch in separaten Recherchen von der New York Times, Le Monde und der Washington Post', heißt es darin." Die taz sieht laut Bebenburg keine Veranlassung, an ihrer Darstellung etwas zu ändern: "Nach aktuellem Stand scheine es so zu sein, 'dass es eine palästinensische Rakete war, die auf dem Parkplatz einschlug und so viele Todesfälle verursacht' habe, bekundet [taz-Co-Chefredakteurin Ulrike] Winkelmann."
Weitere Artikel: Alexander Menden berichtet in der SZ darüber, dass einige Arbeiten Damien Hirsts möglicherweise ein falsches, älteres Datum zugeschrieben wurde.
In der FAZ berichtet Frauke Steffens von zunehmenden Protestaktionen propalästinensischer Aktivisten in New Yorker Museen und Galerien: "Es wurden Gebäude mit Slogans und roter Farbe besprüht, etwa die Neue Galerie. Der Präsident und Stifter des Privatmuseums ist der Vorsitzende des Jüdischen Weltkongresses Ronald S. Lauder. Ihn griffen Aktivisten wegen seiner Unterstützung Israels verbal an - teils mit antisemitischen Slogans. Organisationen wie Writers Against the War on Gaza oder Within Our Lifetime veranstalteten Sit-ins etwa im Museum of Modern Art oder dem Brooklyn Museum. Angestellte großer Museen forderten, dass ihre Institutionen sich für einen Waffenstillstand in Gaza aussprechen. Einzelne Aktivistengruppen griffen Juden antisemitisch an: Im Januar und Februar klebten Unbekannte Plakate mit der Aufschrift 'Verkauft nicht an Zionisten, arbeitet nicht mit Zionisten zusammen' an Galerien und sprühten "Intifada" an andere."
Weitere Artikel: Kurz wurde über die Urheberschaft des großen, knallgrünen Graffitis gerätselt, das plötzlich im Londoner Stadtbezirk Islington aufgetaucht war, inzwischen ist klar: Das Werk stammt von Banksy, berichtet unter anderem der Standard mit APA. Im Tagesspiegelspricht Masha Slawinski mit der Fotografin Ceren Saner, die gerade den Neuköllner Kunstpreis gewonnen hat, über deren Fotoserie "Inside The Ring", die aktuell in der Berliner Galerie im Saalbau zu sehen ist.
Besprochen werden die Ausstellung "Hilma af Klint und Wassily Kandinsky: Träume von der Zukunft" in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW (SZ, mehr hier), die Ausstellung "Was ist Wiener Aktionismus" im neu eröffneten Wiener Aktionismus Museum (der es an Kontextualisierung fehlt, wie Hannes Hintermeier in der FAZ einräumt) und eine Ausstellung mit Bildern der Malerin Kaj Osteroth in der Berliner no gallery (taz).
Warum sind die Aufseher in einer Ausstellung, die sich der Verwicklung von Kunst in Kolonialismus und Sklavenhandel widmet, alle schwarz? Till Briegleb (SZ) ist erst mal unangenehm berührt in der Londoner Royal Academy, die dem hauptsächlich weißen Publikum "Entangled Pasts" vorführt. Die Ausstellung lohnt aber dennoch, meint er. "Das Einladende" daran sei "ihre Zurückhaltung in der Deutung. In einem Diskurs, der überall in der Welt schnell von den lauten Stimmen gekapert wird, die genau wissen, wie alles war und wie es zu beurteilen ist, sucht 'Entangled Pasts' nach dem Verwobenen in der Geschichte von Herrentum und Sklaverei." So gebe es "kaum ein Kunstwerk in dieser üppigen Auswahl, das eindeutig zu lesen wäre. Und manche Arbeiten sind definitiv nichts mehr für den heutigen, eher humorlosen postkolonialen Diskurs. Etwa der 'Schminkkasten' von Keith Piper, der in der Erscheinung eines historischen Artefakts die 'Systematik' Carl von Linnés für Hautfarben hierarchisch sortiert. Die rassistische Unterteilung der Weltbevölkerung nach Hautfarbe und damit angeblich verbundenen Eigenschaften, die der schwedische Naturforscher vornahm (Schwarz: phlegmatisch, Weiß: sanguinisch und Rot: cholerisch) wird hier als Kosmetikset von 'Weißer Adel' bis 'Kongo' präsentiert."
Weitere Artikel: Verena Harzer resümiert in der taz die "Kyiv Perenniale" in Berlin. Ueli Bernays unterhält sich für die NZZ mit dem georgischen Künstler Künstler Hitori Ni über die Lage in seinem Land. Hans-Joachim Müller berichtet in der Welt von der Versteigerung eines jahrzehntelang verschollenes Gemäldes von Ernst Ludwig Kirchner.
Besprochen werden die Ausstellungen "Holbein Burgkmair Dürer" im KHM Wien (Standard), "Impossible" im Museum Frieder Burda in Baden-Baden (Tsp) und "Träume von der Zukunft" mit Werken von Hilma af Klint und Wassily Kandinsky in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf (FAZ).
Amazonen-Denkmal in Cotonou. Foto: Eolefr, unter CC-Lizenz
Martina Meister ist für die Welt nach Benin gereist, wo Präsident Patrice Talon sehr viel Geld für Kultur locker gemacht hat: "Zwei Milliarden Euro sollen bis 2026 investiert werden. Auf einem stillgelegten Bahnhofsgelände in Cotonou, 16 Hektar groß, soll im nächsten Jahr ein Kultur-Quartier mit einem Museum für Gegenwartskunst eröffnet werden. Drei weitere Museen sind in Abomey, Ouidah und in der Hauptstadt Porto Novo geplant." Zu diesem Schwung hat auch die Rückgabe von Raubkunst aus Frankreich und Deutschland beigetragen. Und jetzt nimmt Benin erstmals an der Kunstbiennale von Venedig teil. Kurator Azu Nwagbogu "will den 'erstickten Stimmen der Frauen' Gehör verschaffen, sagt er. 'Eine Bibliothek des Widerstands' soll den 'immensen Beitrag der Frauen zu Themen wie Verlust der Biodiversität, Identität, Ökologie, Wissenschaft, Geschichte der Schwarzen und Repräsentation' beleuchten. Frauen, immer wieder Frauen." Zu den bemerkenswerten Frauen Benins gehören auch die Amazonen, die mit einer riesigen Statue auf dem Boulevard de la Marina von Cotonou verewigt wurden, wie Meister erzählt. "Der Bau des martialischen, dreißg Meter hohen Monuments ist kurz nach der Wahl von Präsident Patrice Talon 2016 beschlossen worden. Die Amazone als Erinnerung an die Agjie, das brutale Heer von Frauen im Dienst des Königreichs Dahomey, die ihre Opfer mit Vorliebe köpften und auch in der Sklavenjagd im Einsatz waren, sollte das neue Wahrzeichen des westafrikanischen Staates sein und Symbol für Benins neues Selbstverständnis, Zeichen der Rückbesinnung auf die verschüttete religiöse und kulturelle Identität."
Kostas Tsioukas performing "Collective exhibition for a Single Body" by Pierre Bal Blanc. Aus "exergue - on documenta 14" von Dimitris Athiridis
In der FAZ erinnert sich Stefanie Diekmann mit Dimitris Athiridis' jetzt fertiggestellter vierzehnstündiger Filmdoku "exergue" daran, wie umstritten schon die von Adam Szymczyk kuratierte vorletzte, 14. Documenta war, mit ihrer das Budget sprengenden Doppelung in Griechenland. Was man vor allem sieht? Sitzungen. Was man dabei lernt? Arbeitsformen und -konzepte, Verfahren, Kommunikationsabläufe Spielregeln. "Dass dies die letzte Documenta, 'the last Documenta', sein könnte, wird von Teilen des Teams immer wieder formuliert. Damit meinen sie nicht unbedingt, dass nach der Documenta 14 keine mehr kommt. Sondern eher, dass die Ausgabe von 2017 diejenige sein sollte, mit der eine grundlegende Änderung der Perspektiven, Konzepte, Arbeitsweisen eingeleitet würde." Das stimmt, meint Diekmann, "auch, weil jedem Betrachter von 'exergue' klar sein wird, dass ein Documenta-Team und dessen Arbeitsalltag wahrscheinlich nie wieder so aussehen werden wie in diesem Film. Es ist eine sehr weiße Community, die sich da vor der Kamera über Kontexte der Migration und über die Probleme globaler Ungleichheit austauscht. ... Sie wenden sich gegen die Zerstörung der Welt und sind ständig mit dem Flugzeug unterwegs. Sie sprechen über die Macht des Westens und produzieren bei Ortsterminen in Beirut, Lagos, Tirana, New Delhi ständig neue Asymmetrien."
Der in der DDR geborene jüdische Künstler Leon Kahane diagnostiziert im Interview mit der FR einen "antisemitischen Klimawandel" in Deutschland, und das nicht erst seit der Documenta 15. Die brachte diesen Wandel allerdings besonders deutlich auf den Punkt. Und das war nicht alles, so Kahane, der Antisemitismus verband sich dort - in einer Bildsprache, die der "Weltkunstelite" vertraut sein musste - aufs trefflichste mit der Sehnsucht nach einer sozialistischen Utopie. "Ehrlich gesagt, ich war erschüttert. Die Schlüsse, die aus einer Utopie wie auf der documenta fifteen gezogen werden, um sie auch für zukünftige Gesellschaftmodelle anwendbar zu machen, und die Schlüsse, die aus der Aufarbeitung des Holocaust gezogen werden, stehen sich diametral entgegen... Die großen Ideale - Solidarität und Kollektivismus - sind zwar erst mal positiv konnotiert, aber sie negieren auch das Individuum: Wir sind alle eine große Familie - aber wehe, jemand bricht aus. Das haben wir in der Geschichte immer wieder erlebt, und das spielt für die Kulturgeschichte der Juden eine große Rolle... Für widerspruchsfreie Utopien muss es jemanden geben, der dafür verantwortlich ist, dass man sich in einem Dilemma befindet, das den utopischen Umbruch legitimiert. Ganze Länder stabilisieren sich innenpolitisch, indem sie ihre Konflikte auf Israel externalisieren."
Weitere Artikel: In der tazwünschte sich Sophie Jung mehr antisemitismuskritisches Urteilsvermögen im Kulturbetrieb. Philipp Meier stellt uns in der NZZ die drei Musen in Giacomettis Leben vor. Mandoline Rutkowski besucht für die Welt das British Museum, das gerade "in einem Akt der Selbstkasteiung" zehn Objekte zeigt, die ein betrügerischer Kurator aus dem Museum entwendet und verkauft hatte, die aber zurückgekauft werden konnten. In der Berliner Zeitungannonciert Susanne Lenz das Forecast Festival im Berliner Radialsystem und Marc Hoch in der SZ die Präsentation einer "wrapped Leica" von Wolfgang Volz, dem Cristo-Fotografen, heute in der Galerie am Dom in Wetzlar.
In der SZ rollt Marlene Knobloch auf einer ganzen Seite, seltsamerweise offenbar auf Bitten von Johann König, den Fall des Galeristen nochmal auf, der vor zwei Jahren der sexuellen Belästigung beschuldigt wurde und seitdem persona non grata im Kunstbetrieb ist. Angeklagt wurde er nie, und der Artikel mit den Beschuldigungen, den die Zeit damals veröffentlichte, musste zum Teil qua Gerichtsbeschluss um ein gutes Viertel gekürzt werden. Knobloch gibt noch mal alle Gerüchte wieder, hört sich Königs Verteidigung an und weiß am Ende auch nicht mehr. Nur dass ihr die Sache irgendwie unangenehm ist. Muss er sich denn so laut verteidigen? So bitter sein? "König hat eine neue Galerie in Mexico City eröffnet mit Mezcal-Cocktails, blauem Himmel, neuen Leuten. Zwei Wochen nach der Eröffnung schickt er einen Screenshot einer mexikanischen Künstlerin, 'Bitte folgen Sie mir nicht, ich will keine Kommentare von Sexualstraftätern'. Hoffnungslos sei alles, man habe ihn kaputt gemacht, schreibt König. Aber als wer man weiterexistiert, entscheidet man auch selbst. Es ist wie bei einem Bild, es kommt auf die Details an, worauf man sich konzentriert, ob man Fehler zugibt, ob man laut oder leise auftritt, geläutert oder wütend."
Weiteres: Patrick Bahners erkundet für die FAZ die neue Hängung im Düsseldorfer Kunstpalast. Stefan Trinks gratuliert in der FAZ dem Maler Werner Büttner zum Siebzigsten.
Bild: Rudolf Schwarzkogler: "Gekreuzigter". 1962. Wiener Aktionismus Museum Kurz nach dem Tod von Günter Brus gibt es kaum einen besseren Zeitpunkt für die Eröffnung des Wiener Aktionismus Museums, meint Stefan Weiss, der das seit heute eröffnete Haus für den Standardbereits besucht hat: "In sieben Stationen verfolgt das auf das Erd- und das Kellergeschoß angelegte Museum den Werdegang der vier Künstler anhand ihrer Arbeitsweise: Alle begannen sie zunächst mit dem brav akademischen Tafelbild, und alle lösten sich davon bis hin zu Aktionen, die Body- und Performance-Art mitbegründeten. Deutlich wird, wie sehr die Protagonisten sich als Fortführer der Wiener Moderne um 1900 verstanden: Der Expressionismus von Kokoschka, Schiele und Gerstl findet sich bei Brus, Muehl und Nitsch wieder, mystischer Symbolismus und die stetige Suche nach Reinigung bis hin zu obskuren Diätritualen haben Schwarzkogler beschäftigt. Die Kritik am Wiener Aktionismus - Machismus, martialischer Gestus, Frauen nur als passive Akteurinnen - will das WAM offen diskutieren, aber schon auch widerlegen: Man habe zum Beispiel mit allen lebenden abgebildeten Akteurinnen und Akteuren gesprochen und die Rückmeldung erhalten, dass sie ihre Teilnahme an den Aktionen als befreienden Moment erlebt hätten."
Weitere Artikel: In der Berliner Zeitungspricht Sophie-Marie Schulz mit dem Ostkreuz-Fotografen Sebastian Wells, dessen Projekt "Typ/Traube/Tross" über Identitätskonstruktionen nationalistischer Bewegungen ab heute im Berliner Haus am Kleistpark zu sehen ist. Besprochen wird die Retrospektive zum 100. Geburtstag von Roy Lichtenstein in der Wiener Albertina (FAZ, mehr hier).
Giovanni Battista Moroni, Porträt eines Schneiders, 1565-1570
Karen Krüger besucht währenddessen für die FAZ eine Ausstellung, die die Gallerie d'Italia in Mailand dem Porträtmaler Giovanni Battista Moroni widmet. Lange Zeit galt dieser als bloßer Provinzmaler, lesen wir, und stand im Schatten berühmter Zeitgenossen wie Tizian. Inzwischen jedoch wird die besonders lebensnahe Kunst Moronis wiederentdeckt. Was sie auszeichnet, stellt Krüger unter anderem mit Blick auf dessen bekanntestes Bild "Porträt eines Schneiders" dar: "Der Schneider steht in seiner Werkstatt, die Schere in der Hand, und ist im Begriff, den schwarzen Stoff vor sich zu zerteilen. Er schaut auf, seinem Betrachter in einer Mischung aus Neugier, Konzentration und Stolz direkt in die Augen. Genauso war er, so hat er die Jahrhunderte überdauert. Einem Maler wie Tizian wäre ein Alltagswerkzeug wie eine Schere wahrscheinlich zu profan für ein Gemälde gewesen. Statt des kahlen, weitgehend im Dunkeln liegenden Hintergrunds, der nach muffiger Feuchtigkeit zu riechen scheint und auf den nur etwas Licht von oben fällt, vermutlich aus einem Kellerfenster, hätte er sicherlich einen Vorhang oder einen Ausblick auf die Landschaft gemalt."
Darauf hat die Welt gewartet: Ex-Finanzminister Hans Eichelmacht in der FR "einige Anmerkungen zum Abschlussbericht des Gremiums zur fachwissenschaftlichen Begleitung der documenta fifteen". Vier eindeutig antisemitische Werke sind in dem Dokument gelistet. Eichels Reaktion: "Das war's?! Fünfzehnhundert Künstlerinnen und Künstler, fünf- bis siebenmal so viele wie bei jeder documenta zuvor, oft in Kollektiven verbunden, nahmen an der documenta fifteen teil. 'Antisemita', 'documenta der Schande', 'Feuerwerk des Antisemitismus'? Keine Frage: Jedes antisemitische Kunstwerk ist eines zu viel. Hat aber nicht angesichts des Gremiumbefundes der Hessische Ministerpräsident Boris Rhein recht: 'Schätzungsweise 99 Prozent derer, die dort ihre Kunst ausstellen, sind keine Antisemiten und zeigen auch keine antisemitische Bildsprache' (HNA vom 11.8.2022). Wie genau auch immer: Wir könnten uns glücklich schätzen, wenn es in Deutschland so wenig Antisemitismus gäbe wie auf der documenta fifteen."
Weitere Artikel: Eva Murašov und Adrian Schulz unterhalten sich im Tagesspiegel mit dem Juristen Benjamin Lahusen darüber, warum die Rückgabe von NS-Raubkunst weiterhin so langsam vonstatten geht. Ebenfalls für den Tagesspiegelbesucht Nikolaus Bernau eine Münchner Tagung, die sich mit dem Thema Raubkunst aus China beschäftigt. In der FR spricht Joachim Frank mit dem Theologen Manfred Lütz über die Bedeutung antiker Bildnisse. Jörg Häntzschel beschäftigt sich in der SZ mit Donald Trumps fehlendem Sinn für Kunst.
Besprochen werden zwei Surrealismusausstellungen in Brüssel (siehe auch hier), "Imagine! 100 Jahre internationaler Surrealismus" im Königliche Museen der Schönen Künste Belgiens und "Histoire de ne pas rire. Surrealismus in Belgien" im Bozar (NZZ), Marcel van Eedens Ausstellung "Der heimliche Kaiser" im Museum für Photographie Braunschweig und Mönchehaus Museum Goslar (taz Nord), "Kryptomania. Die Verheißungen der Blockchain" im Zeppelin Museum Friedrichshafen (taz), Sofie Dawos Schau "Vom Faden zur Form" im Kunsthaus Dahlem, Berlin (Tagesspiegel) und die Angelika Loderer gewidmete Ausstellung "Soil Fictions" im Wiener Belvedere 21 (Standard).
Bild: Oleksandr Muraschko: Terrasse. Verkündigung, 1907-08. Nationales Kunstmuseum der Ukraine, Kiew. Zunächst war die Ausstellung "In the Eye of the Storm" mit ukrainischer Kunst aus der Zeit zwischen 1900 und der Russifizierung im Stalinismus im Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid zu sehen, erweitert um die "Modernismen in der Ukraine" zeigt nun das Wiener Belvedere die Schau, freut sich Bernhard Schulz auf Monopol, denn die aktuelle Ausstellung konzentriert sich vor allem auf die Eigenarten ukrainischer Kunst, die oft verallgemeinernd der "russische Avantgarde" zugerechnet wird: "Der starke Bezug auf die Volkskunst und damit auf das 'Eigene' begleitet die ganze Epoche der ukrainischen Kunst bis zu ihrer gewaltsamen Unterdrückung nach 1930. Damit gleicht die Ukraine anderen Nationen aus dem vormaligen russischen Zarenreich, die ihre Eigenart suchten, wie Finnland oder die baltischen Länder. Umgekehrt öffneten sich die ukrainischen Künstler bereitwillig den Einflüssen aus Paris oder München, wohin es vor 1914 zahlreiche Künstler zum Studium zog. Sehr eigenständig sind etwa die Großformate des frühvollendeten Wsewolod Maksymowytsch, der seinem Leben mit nur 19 Jahren ein Ende setzte, oder die floralen Bildtafeln von Mychajlo Schuk, wie auch die lyrischen Landschaften von Abram Manewytsch."
In der FAZ schäumt Andreas Platthaus nach dem Besuch der Ausstellung "Galka Scheyer und die Blaue Vier" im Städtischen Museum in Brauschweig, die ein paar Werke des Modells von Alexej von Jawlensky zeigt: "Der Scheyer-Nachlass liegt in Pasadena, und von dort bekam das Städtische Museum zwar fünf Originalwerke ausgeliehen, aber dabei handelt es sich um Kinderbilder aus den Malklassen, mit denen die zunehmend verarmende Scheyer sich ein Zubrot verdient hat. Kein einziges ihrer mehr als fünfhundert Bilder umfassenden Privatsammlung oder auch nur etwas Originales aus dem reichen Korrespondenzbestand ist zu sehen."
Bei den Ruhrbaronenfürchtet Stefan Laurin, der von der Kunstsammlung NRW verliehene Kunstpreis "K21 Global Art Award" könnte in diesem Jahr an die kanadische Künstlerin Hajra Waheed gehen. Deren "große Leidenschaft jenseits der Kunst scheint der Kampf gegen Israel zu sein". Sie gehörte zu den Unterzeichnern des Aufrufs, der den Ausschluss Israels von der diesjährigen Biennale in Venedig fordert. Waheed unterzeichnete "schon im Oktober 2023, nur wenige Tage nach dem Abschlachten von Juden, einen 'Offenen Brief der Kunstszene an Kulturorganisationen', in dem es heißt, es gäbe 'zahlreiche Beweise dafür, dass wir Zeugen eines Völkermords sind, bei dem das ohnehin prekäre Leben der Palästinenser als unwürdig erachtet wird.' Damit waren natürlich nicht die ermordeten Israelis und die Bürger anderer Staaten gemeint, die von den islamischen Banden umgebracht wurden."
Besprochen wird die Ausstellung "Apropos Hodler - Aktuelle Blicke auf eine Ikone" im Kunsthaus Zürich, die den Schweizer Nationalmaler mit 30 zeitgenösschen Werken rund um Hodlers Gemälde "ausgeklopft wie einen alten Teppich", notiert ein zufriedener Philipp Meier in der NZZ.