Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.03.2024 - Kunst

Bei den Ruhrbaronen fürchtet Stefan Laurin, der von der Kunstsammlung NRW verliehene Kunstpreis "K21 Global Art Award" könnte in diesem Jahr an die kanadische Künstlerin Hajra Waheed gehen. Deren "große Leidenschaft jenseits der Kunst scheint der Kampf gegen Israel zu sein". Sie gehörte zu den Unterzeichnern des Aufrufs, der den Ausschluss Israels von der diesjährigen Biennale in Venedig fordert. Waheed unterzeichnete "schon im Oktober 2023, nur wenige Tage nach dem Abschlachten von Juden, einen 'Offenen Brief der Kunstszene an Kulturorganisationen', in dem es heißt, es gäbe 'zahlreiche Beweise dafür, dass wir Zeugen eines Völkermords sind, bei dem das ohnehin prekäre Leben der Palästinenser als unwürdig erachtet wird.' Damit waren natürlich nicht die ermordeten Israelis und die Bürger anderer Staaten gemeint, die von den islamischen Banden umgebracht wurden."

Besprochen wird die Ausstellung "Apropos Hodler - Aktuelle Blicke auf eine Ikone" im Kunsthaus Zürich, die den Schweizer Nationalmaler mit 30 zeitgenösschen Werken rund um Hodlers Gemälde "ausgeklopft wie einen alten Teppich", notiert ein zufriedener Philipp Meier in der NZZ.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.03.2024 - Kunst

Roy Lichtenstein, Woman in Bath, 1963. Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid.


Katharina Rustler wird ganz wehmütig, wenn sie durch die große Roy-Lichtenstein-Retrospektive spaziert, die die Wiener Albertina dem amerikanischen Maler zum Hundertsten ausgerichtet hat. Soviel Leichtigkeit, so viel Selbstironie. Könnte man heute wieder brauchen, denkt sie sich. "Durch die übertrieben aufgeblasenen, klischeehaften Darstellungen von immer attraktiven Hausfrauen oder poppigen Alltagsprodukten aus der Werbewelt hielt er einer konsumgierigen Gesellschaft den Spiegel vor - ohne jemals moralisierend aufzutreten. Durchschaut man diese super makellose Oberfläche, muss man über die Absurdität der transportierten Schönheitsideale, der überdimensionalen Produkte sowie der kitschigen Landschaften schmunzeln. Eine Büste mit dem Titel 'Die Blondine'! Eine knallige Kristallschale in XXL! Der 1997 verstorbene Künstler fragte selbst: 'Was kann man schon malen, das nicht von vornherein lächerlich ist?'"

Lada Nakonechna, "Crutches" (Krücken), Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin


Die Zeiten sind andere geworden: "Brandgeruch, Feuer, Schwefel, Asche, Tod - diese krassen Assoziationen wecken bei mir Lada Nakonechnas Bilder. Sie hat sie im Rhythmus der Stufen, hinab in die kleine Ausstellungshalle von Eigen+Art in der Auguststraße, gehängt", erzählt in der Berliner Zeitung eine tief beeindruckte Ingeborg Ruthe, die die Künstlerin in der Galerie getroffen hat. "Sie weiß, dass sie mit ihren simplen symbolischen 'Krücken' aus den Ästen zerstörter Bäume, ihren Collagen aus Fotos, Grafitstrichen und Klebestreifen nur Herz und Geist berühren kann, derweil ihre Landsleute in den Ruinen, in den Luftschutzkellern von Awdijiwka und Odessa leiden, ukrainische Soldaten an der Front kämpfen und sterben. Kunst ist keine Waffe, die den Verbrecher Putin besiegt. Aber die Künstlerin zeigt die Fratze des Krieges in ihren harten Zeichnungen neben oder über den montieren Fotos, nicht in Aufnahmen der getöteten Soldaten und Zivilisten, sondern metaphorisch: die zerstörten ukrainischen Landschaften, die Felder und Wälder, in denen es keine Spur von Romantik oder Märchen mehr gibt."

Augusto Giacometti, Eine Besteigung des Piz Duan, 1912. Kunsthaus Zürich, 1958. Foto: SIK-ISEA, Zürich (Martin Stollenwerk)


Derweil schwelgt FAZ-Kritikerin Felicitas Witte im Kunsthaus Aargau in den Farben des Schweizers Augusto Giacomettis, einem der ersten abstrakten Maler: "Der Parcours beginnt mit dem 'freien Schaffen'. Zu sehen ist das für den Jugendstil typische langgestreckte Bild 'Die Nacht' von 1903 mit einer schwebenden grün-weißen Frau, für das der 27 Jahre alte Maler den Eidgenössischen Preis für Freie Kunst bekam. In der 'Landschaft' von 1911 ist der Baum im Stadtpark noch zu erkennen, scheint sich aber durch die mit Pinsel und Spachtel einzeln aufgetragenen Farbflecken schon aufzulösen." In seinen "Chromatischen Phantasien" wird's dann endgültig abstrakt. "In dem einen - 'Eine Besteigung des Piz Duan' - sind gelbe, grüne, ockerfarbene, hellgraue und weiße kugel- oder klecksförmige Farbflächen nebeneinander angeordnet. Ein Kritiker plädierte damals spöttisch dafür, das Bild 'Empfindungen nach einer kräftigen Ohrfeige' zu nennen.'"

Weitere Artikel: Birgit Rieger unterhält sich für den Tagesspiegel mit Jenny Schlenzka, der neuen Direktorin des Berliner Gropiusbaus, über deren Programm, das weniger elitär werden soll: "In New York im MoMA, im PS1 und im traditionsreichen von ihr umbenannten Performance Space New York hat sich Schlenzka zur Spezialistin für Performancekunst und interdisziplinäre Praktiken entwickelt. Neben Ausstellungen sollen im Gropiusbau 'performative und interdisziplinäre Formate' eine Rolle spielen: Konzerte, Soundinstallationen, Tanz-Events, Tischtennis oder Boxkämpfe." Eva-Lena Lörzer besucht für die taz die israelische Künstlerin Varda Getzow, die heute in Berlin lebt.

Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Auf den Schultern von Riesinnen" im Wiener Künstlerhaus (Standard), "Miranda July: New Society" im Osservatorio Fondazione Prada in Mailand (FAZ) und "Echos der Bruderländer" im Berliner Haus der Kulturen der Welt (FR)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.03.2024 - Kunst

Melanie Bonajo: TouchMETell, 2019. In Kollaboration mit Théo Demans. Bild: AKINCI.

In dieser "Schule der Liebenden" drückt FAZ-Kritikerin Katharina Deschka gerne die Schulbank: Die niederländische Künstlerin Melanie Bonajo hat in Zusammenarbeit mit dem Sexualpädagogen Daniel Crämer, der Kuratorin Yanna Rüger und dem inklusiven Zürcher Theater Hora in der Kunsthalle Mainz ein "genresprengendes Kunst- und Bühnenprojekt" geschaffen, so Deschka. "In einer bunten Landschaft mit schwebenden Blasen, glitzernden Seen, Liegeinseln und beweglichen Blüten belehrt eine Frau mit abstehenden Zöpfen, blau geschminktem Mund und wackelnden Drähten am Kopf als eine Art moderne Version von Pippi Langstrumpf ihre Zuschauer und das Ensemble darüber, was Liebe, Sexualität und Beziehung alles sein kann und darf. Und das ist vieles, eigentlich alles, 'was sich gut anfühlt', wie sie sagt, für 'dich und den Partner'. Denn natürlich soll darüber aufgeklärt werden, dass Menschen sich längst nicht nur in männliche und weibliche Personen einteilen lassen, es für Sex kein Rezeptbuch gibt und auch Geschlechtsorgane 'alle anders' aussehen. Ein Skulpturenpark der Organe, durch den die erstaunten Darsteller wandeln, demonstriert das auf komische Weise. Überhaupt sind die Schauspieler großartig".

Noch immer haben Frauen in der Kunst einen schweren Stand, so verdienen sie beispielsweise rund ein Viertel weniger als ihre männlichen Kollegen, ärgert sich Lisa Berins in der FR. Auch in den Museen sieht man sie zu wenig, aber Schritt für Schritt ändert sich das - sie werden "wiederentdeckt", wie es so schön heißt. "Aber was heißt Wiederentdeckungen? Wohin waren die Künstlerinnen denn verschwunden? Natürlich haben Frauen immer Kunst gemacht, nur hatten sie kaum eine Chance, sich damit zu profilieren. Und selbst wenn sie sehr erfolgreich waren, wurden sie mit der Zeit vergessen oder ignoriert", so Berins und verweist auf Sofonisba Anguissola (1531/32-1625), Artemisia Gentileschi (1593-1654) oder Angelika Kauffmann (1741-1807), Lavinia Fontana (1552-1614) oder Elisabetta Sirani (1638-1665). Auch heute noch kann frau sich diese Frauen gut zum Vorbild nehmen, findet Berins.

Alice Bailly: Der Tee, 1914. Bild: Diether von Goddenthow.

Auch im Arp-Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen kommen endlich Künstlerinnen zu ihrem Recht, freut sich Alexandra Wach in der FAZ. Neben Sofonisba Anguissola oder Artemisia Gentileschi kann in "Maestras. Malerinnen 1500-1900" auch die Genferin Alice Bailly entdeckt werden: "Unter dem Eindruck des Kubismus begann sie Alltagsszenen in geometrische Flächen aufzulösen. 1914 entsteht die grandios flirrende Arbeit 'Der Tee', die vier Frauen mit neun Händen vor starkfarbigem Hintergrund nach Teetassen greifen lässt und dabei am Vorabend des Ersten Weltkriegs eine bourgeoise Welt in Auflösung evoziert. 'Die Kunst ist keine Angelegenheit von Rock oder Hose', sagte Bailly einmal. Deshalb ist jeder ihrer dynamischen Pinselstriche mit einem unsichtbaren Fragezeichen versehen. Das Geschlecht gibt keine Antwort. Dem Arp-Museum kann man aber dankbar sein, dass es diesen mitunter beinahe erloschenen Sternen der Malerei Strich für Strich wieder zum Strahlen verhilft."

Weiteres: Die Künstlerin und Aktivistin Dafne B hat der Neuen Nationalgalerie eine tonnenschwere Stahlskulptur vor die Tür gesetzt, um für Frieden zu protestieren: Die Leitung will sich wehren und die Skulptur notfalls abreißen, meldet die Berliner Zeitung. Ingeborg Ruthe gratuliert Tina Schwichtenberg in der Berliner Zeitung zum 80. Geburtstag. Jens Hinrichsen schreibt in Monopol zum Tod des isländischen Künstlers Hreinn Fridfinnsson. Besprochen wird die Hip-Hop-Ausstellung "The Culture" in der Frankfurter Schirn (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.03.2024 - Kunst

Bild: Room Vénus Italica. Exhibition The Order of Things (2024) First "salle palatine" © Musée d'art et d'histoire de Genève, Foto: Stefan Altenburger

So kann Vandalismus im Museum auch Spaß machen, freut sich Lisa-Marie Berndt, die für Monopol die Ausstellung "Wim Delvoye: The Order of Things" im Genfer Musée d'Art et d'Histoire besucht hat. Delvoye ist jener belgische Konzeptkünstler, der bereits einen echten Kot produzierenden Verdauungstrakt baute oder Schweine tätowierte. Die aktuelle Ausstellung ist harmloser, atmet Berndt auf: "Der Belgier verdreht Nachbildungen antiker Skulpturen, verwandelt sie in Murmelbahnen, lässt faustgroße Metallkugeln eines an den Wänden angebrachten Systems unter metallischem Rattern durch durchlöcherte Werke der Kunstgeschichte schießen, sie fröhlich von Epoche zu Epoche hüpfen, von Rafael bis Warhol, von Cranach bis Picasso. Unter den durchlöcherten Werken ist auch ein sakrales Holzrelief aus dem 17. Jahrhundert, das aus Wim Delvoyes ziemlich beeindruckender Privatsammlung stammt. Dort, wo einst der Kopf des Christuskindes war, klafft jetzt ein Loch, durch das eine Kugel rast."

Textilkunst befreit sich derzeit aus dem Nischendasein - und mit der Ausstellung "Vom Faden zur Form - Sofie Dawos Textilkunst zwischen Zero und Konkretion" trägt auch das Kunsthaus Dahlem dazu bei. Großartig findet Tom Mustroph in der taz, wie die Ausstellung Werke Dawos mit jenen der Künstlerbewegung ZERO und zeitgenössischen Arbeiten von Haleh Redjaian verknüpft: "Bei Dawo kann man in späteren Jahren auch Ausflüge ins Dreidimensionale beobachten. Sie ließ in den 1970er Jahren lange Fäden aus ihren Wandbehängen heraushängen. Das führte nicht nur zu einer Art Schüttelfrisur dieser textilen Objekte. Weht etwas Luft durch den Raum, bewegen sich die Fäden sogar."

In der Zeit kürt Hanno Rauterberg den einstigen Bundesfinanzminister Hans Eichel, den Rauterberg offenbar besucht hat, zum Retter der Kunstfreiheit, ja zum "Dissidenten von Kassel". Denn Eichel setzt sich nicht nur für den Erhalt der Documenta, sondern auch gegen einen geplanten "Code of Conduct" ein. "'So weit sind wir also inzwischen', sagt Eichel, 'dass der Staat sagt, was ausgestellt werden soll.' Das sei ja wie zuletzt in Polen oder wie in Israel mit seiner rechtsradikalen Regierung: Zensur!" Die Kunstfreiheit dürfe nicht eingeschränkt werden, nur durch Aufklärung lasse sich Antisemitismus bekämpfen, so Eichel weiter. "Nicht Politiker, erst recht nicht Kulturbürokraten dürften entscheiden, ob ein Kunstwerk gegen geltendes Recht verstoße. 'Ausschließlich Gerichte treffen diese Entscheidung', sagt Eichel und hebt seinen berühmten Zeigefinger. Alles andere sei 'extrem schädlich und extrem verfassungsfeindlich'."

Besprochen werden die große Hip-Hop-Schau "Culture" in der Frankfurter Schirn (Zeit, mehr hier), die Ausstellung "Hanna Bekker vom Rath. Eine Aufständische für die Moderne" im Berliner Brücke-Museum (FAZ) und die Ausstellung "Please Touch" im Düsseldorfer Museum Kunstpalast, die die Besucher dazu auffordert, Skulpturen von Tony Cragg anzufassen (wovon Cragg weniger begeistert war, wie Lisa Berins in der FR weiß).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.03.2024 - Kunst

Carmela Thiele porträtiert auf Zeit Online Çağla Ilk, die Kuratorin des deutschen Pavillons der 60. Biennale von Venedig. Seit 2020 leitet sie mit Misal Adnan Yildiz die Kunsthalle Baden-Baden. Sie versteht sich als Grenzgängerin zwischen den Disziplinen: "Ihre Strategie erinnert an Spielarten kollektiven künstlerischen Arbeitens, wie sie 2022 auf der Documenta fifteen vorgestellt wurden. Çağla Ilk verschränkt die zeitlichen Strukturen des Theaters mit den Mitteln der Kunst. 'Wir müssen künstlerische Momente schaffen, die beeindrucken, vielleicht sogar beeinflussen, sinnlich berühren. Darin sehe ich unsere Aufgabe in Venedig.' Dabei hilft ihr, dass sie von der Architektur kommt, bei der ebenfalls viele Elemente im Blick zu haben sind. Große Bauvorhaben müssen soziologisch, stadtplanerisch durchdacht werden. 'Das hat mich geprägt. Ich merke aber jetzt erst, was meine Ausbildung mir gebracht hat,' sagt sie."

Außerdem: Hans-Joachim Müller widmet sich in der Welt dem Mythos Nofretete. Besprochen werden die Ausstellung "Felka Platek - Eine Künstlerin im Exil" im Museumsquartier Osnabrück (taz Nord) und eine Soufiane-Ababri-Soloshow in der Londoner Gallery The Curve (Guardian).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.03.2024 - Kunst

Mary Sibande. To everything there is a season, 2019. Foto: Kunstpalast Düsseldorf. 

FAZ-Kritiker Stefan Trinks begegnet in der Ausstellung "Tod und Teufel. Faszination des Horrors" im Kunstpalast Düsseldorf den finstersten Gestalten der Kunstgeschichte: Von Hans Baldung Griens "Hexensabbat" über die Schwarze Romantik zu Ende des 19. Jahrhunderts bis zum "Zombie Boy" Rick Genest, der mit seinen gruseligen Tattoos Lady Gaga begeisterte - die "Ikonographie des Bösen" wird hier in fast allen Facetten gezeigt, so Trinks. Neben Dämonen und Monstern gibt es aber auch subtilere Darstellungen des Horrors: "Für die fotografische Fuge der finalen 'Letzte(n) Mahlzeit im Todestrakt' wiederum lichtet der Brite Mat Collishaw sogenannte Omega Meals, letzte Essenswünsche zum Tode Verurteilter in den Vereinigten Staaten wie extradicke Burger oder auch nur ein anrührendes Glas wie von Muttern eingelegter Gurken, vor nachtschwarzem Hintergrund in der barocken Manier niederländischer Vanitas-Stillleben ab. Mit diesen Henkersmahlzeiten von als Mörder überführten Individuen führt Collishaw die Gattung auf einen unüberbietbaren Endpunkt des hochsymbolischen Exitus."

"Der Erinnerung an den Genozid wird man in Ruanda kaum entkommen", weiß Tom Mustroph, der für die taz die Kigali Triennale besucht hat. Natürlich ist die Erinnerung an die grausamen Verbrechen auch in der ausgestellten Kunst allgegenwärtig, hinzu kommen jedoch, so Mustroph, neue Perspektiven, Fragen und vor allem - Hoffnung: "Die ausgestellte Kunst selbst ist auffällig optimistisch. Manzi Jackson etwa schickt mit der zwischen Surrealismus und Technikfaszination changierenden Bildserie 'Take Me to Space' afrikanische Astronautinnen in eine extraterrestrische Wunderwelt mit üppiger Fauna. Ein großformatiges Foto von Gilles Dusabe fängt eine Frau im roten Kleid ein, die waagerecht über der Erde zu schweben scheint. Und auch die Fotoarbeit 'Kigali on the Horizon' von Abdul Mujyambere enthält eine der Zukunft zugewandte Note. Männer und Frauen stehen in einer Reihe hintereinander, sind durch ein Seil verbunden und bewegen sich vom Ufer eines Sees zu dessen Mitte hin. Alle drei Künstler kommen aus Kigali, Gilles Dusabe lebt zeitweise auch in Genf."

In der FR rollen der Kunsthistoriker Leonhard Emmerling und der Kulturmanager Wolf Iro den Documenta Skandal umd Ranjit Hoskoté (unser Resümee) noch einmal auf und fragen, welche Haltung für einen Neubeginn nötig wäre: "Der notwendige Neuanfang der Documenta muss darin liegen, sich von Antisemitismus klar zu distanzieren und ihm den Raum zu verwehren - angesichts der Vielzahl problematischer Haltungen in der Kunstszene keine geringe Aufgabe. Er muss aber auch darin bestehen, dem Anspruch einer Weltkunstschau gerecht zu werden. Die Welt mit ihrer Fülle von Perspektiven muss in einem direkten Sinne zur Sprache kommen, denn 'Sprechen begründet ein Subjekt' (L. Martín Alcoff). Man muss der Welt das Recht einräumen, die Documenta selbst zu perspektivieren. Perspektivieren, wohlgemerkt, heißt nicht Relativieren."

Weiteres: Im Tagesspiegel unterhalten sich Christiane Meixner Birgit Rieger Cristina Plett mit fünf Künstlern über ihre aktuellen Ausstellungen in Berlin, unter anderem mit dem Fotografen Yero Adugna Eticha und der iranischen Filmemacherin Shirin Neshat.

Besprochen werden zwei Ausstellungen zum Surrealismus in Brüssel: "Imagine! 100 Years of International Surrealism." in den Königlichen Museen der Schönen Künste und "Histoire de ne pas rire. Surrealism in Belgium" im Bozar (SZ) und die Ausstellung "Dan Flavin" im Kunstmuseum Basel (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.03.2024 - Kunst

Die originale Zeichnung von Lucas Cranach aus dem Louvre diente Christian Goller als Vorlage für ein gefälschtes Tafelgemälde (Abb. Original: bpk | RMN - Grand Palais | Jean Popovitch, Fälschung: HeFäStuS, Universität Heidelberg, Susann Henker)

"Aus dem Falschen das Richtige lernen": mit diesem "recht habermasianischen" Untertitel eröffnet eine Ausstellung zu "Kunst und Fälschung" im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg, bei der FAZ-Kritiker Thomas Thiel die "Aura des Kunstfälschers" genießt. Die Ausstellung will den Fälschern weder huldigen, noch sie verdammen, so Thiel, die Faszination für die talentierten Betrüger bleibt aber ungebrochen. "Heldengeschichten" werden hier allerdings nicht erzählt, meint der Kritiker, der zum Beispiel die Fälscherlaufbahn von Elmyr de Hory nachverfolgen kann, der seinen Besitz an die Nazis und seinen Vater in Auschwitz verlor und in seinem Pariser Atelier begann, berühmte Maler nachzuahmen. Die Ausstellung zeigt vor allem aber auch, wie man den Duplikaten eigentlich auf die Schliche kommen kann: "Der Kunstfälscher hat in der Regel vier Gegner. Der eine ist die Selbstüberschätzung, der zweite die Ruhmsucht, der dritte die Gewohnheit und der vierte der Anachronismus. An den Heidelberger Exponaten lässt sich das gut beobachten. Das Lovis Corinth zugeschriebene Porträt eines Frauenkopfs wirkt täuschend echt, nur leider kam die gewählte Frisur erst nach dem Tod des Künstlers in Mode. Die Farbgebung in der van Gogh zugeschriebenen Seenlandschaft ist von höchster Intensität. Derart flammend hat der Maler aber erst in einer späteren Phase gemalt. In anderen Fällen ist der Pinselduktus oder die Signatur verkehrt und manchmal auch das Bild auf den Kopf gestellt."

Weitere Artikel: Marcus Woeller meldet in der Welt, dass das "Porträt von Geneviève" von Françoise Gilot, der ersten Frau, die "Picasso den Laufpass gab", bei Sotheby's versteigern wird.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.03.2024 - Kunst

In der taz teilt der polnische Kunstkritiker Aleksander Hudzik seine Gedanken zur Ausstellung des Birkenau-Zyklus von Gerhard Richter im ehemaligen NS-Vernichtungslager Auschwitz. Hudzik, der im Ort Oświęcim, wie der polnische Name lautet, aufgewachsen ist, wie paradox dieser Alltag sein kann: "Das Vorhandensein eines ehemaligen NS-Vernichtungslagers in der unmittelbaren Nachbarschaft führt dazu, dass das Lager im Bewusstsein der Einwohner ständig da und auch nicht da ist. Auf der einen Seite weiß jeder, dass hier ein Ort war, an dem über eine Million Menschen ermordet wurde, auf der anderen Seite ist es unmöglich, sich dessen ununterbrochen bewusst zu sein." Richters Arbeiten wirken für ihn in ihrer Abstraktion und Unklarheit "wie aus einer anderen Ordnung. Der Birkenau-Zyklus stammt aus einer Zeit, in der nur Stille und Leere die angemessene Sprache für die Shoah war. Vielleicht ähnelt auch deshalb der Ausstellungspavillon auf dem Gelände des Internationalen Zentrums für Jugendbegegnungen einer Kapelle. In diesem Ort soll Platz sein für die Besinnung über die existenzielle Dimension nicht nur der Shoah, sondern auch dessen, was nach dem Großverbrechen blieb: Schuld, Scham und wütendes Leiden. Den vier 'Birkenau'-Bildern hängen vier dunkle Glasscheiben gegenüber, in denen sich nicht nur die Gemälde Richters spiegeln, sondern auch die Ausstellungsbesucher mit ihrem ganzen Gepäck an durchlebten Gefühlen. Dabei ist die Frage, wer sich eigentlich in diesen Spiegeln betrachtet. (...) "Die Kapelle mit dem 'Birkenau'-Zyklus bringt eine metaphysische Unruhe mit sich. Aber ich weiß nicht, in wessen Herzen sie wirken soll."

Unterschiedliche Perspektiven auf den Krieg in der Ukraine eröffnen sich für FAZ-Kritikerin Yelizaveta Landenberger bei der "Kyiv Perenniale", deren letzte Ausstellung als Fortführung der Kyiv-Biennale, unter anderem im nGbK am Alexanderplatz in Berlin stattfindet. Oft überschneiden sich in den Werken der Künstler die von Gewalt geprägte Vergangenheit der Ukraine mit der Gegenwart, etwa in der Installation 'Everybody Wants to Live by the Sea' aus dem Jahr 2014 von Nikita Kadan, die auf eine "Zeitreise durch die historischen Schichten der Krim" führt: "Eine gebogene Neonröhre in der charakteristischen Form der Halbinsel hängt in der Mitte des kleinen Raumes über den Köpfen der Besucher und hüllt sie in kaltes Licht, eine Palme erzeugt zugleich eine Art Urlaubsatmosphäre. In Vitrinen und an den Wänden sind verschiedene Fotografien und Dokumente ausgestellt, die teils futuristisch verwandelt sind: Typische Formen sowjetischer Architektur sind darauf von hüttenartigen Behausungen der Krimtataren ergänzt; historische Ebenen, aber auch Dokument und Fiktion überlagern sich. Auf Stalins Befehl hin wurden die Krimtataren 1944 deportiert, erst nach dem Zerfall der Sowjetunion konnten sie in ihre Heimat zurückkehren und leben nun unter russischer Besatzung. Die Krim ist ein imaginierter Sehnsuchtsort mit dunkler Geschichte und Gegenwart - und einer ungewissen Zukunft."

"Was soll das eigentlich?", fragt Ronya Othmann in der FAS angesichts des neuen offenen Briefs gegen eine Teilnahme Israels an der Biennale in Venedig (unsere Resümees). Angesichts so viel Ignoranz kann Othmann eigentlich nur den Kopf schütteln, fragt sich aber trotzdem, woher das alles kommt: "Will man sich Bedeutsamkeit verschaffen, angesichts drohenden Bedeutungsverlusts, sich den Anstrich des Politischen geben, ohne dabei selbst politisch zu werden? Schließlich ist das Politische doch etwas anderes, als Ästhetik durch Aktivismus zu ersetzen, Analyse durch Agitation. Oder handelt man im Glauben, auf der richtigen Seite zu stehen, auf der Seite des Guten, Wahren, Schönen, dort, wo doch die Künste immer stehen wollen? Und weil man sich nicht sicher ist, wo das sein soll, weil die Welt doch nicht nur schrecklich, sondern auch schrecklich unübersichtlich geworden ist (und es eigentlich auch immer war), greift man auf die einfachste aller Erzählungen zurück."

Besprochen wird die Ausstellung "You Me" im Schinkelpavillon in Berlin mit Werken von Jill Mulleady und Henry Taylor (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.03.2024 - Kunst

"Feste feiern!" Foto: Henning Rogge.
Wer die Ritual- und Feierkultur des antiken Griechenlands und ihre Auswirkungen bis in die heutige Zeit kennenlernen will, sollte sich ins Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe und die Ausstellung "Feste Feiern!" begeben, empfiehlt Tilman Spreckelsen in der FAZ. Anhand der Panathenäen, Feierlichkeiten zu Ehren der Göttin Athene, lernt Spreckelsen, wie diese aufgebaut sind: "Ein fester Bestandteil war die Übergabe eines neugewebten Gewandes an die Göttin, und um die Vermutung zu illustrieren, dass auf der Bordüre die Gigantomachie dargestellt war, der mythische Kampf der olympischen Götter gegen die Giganten, steht in einer Vitrine ein aus seinen Scherben teilrekonstruierter Volutenkrater aus dem vierten Jahrhundert vor Christus, auf dem dieser Kampf gegen die Kinder der Gaia zu sehen ist." Die Schau wird fast komplett aus dem Depot des Hauses bespielt, wenige Leihgaben aus Neapel sind besondere Highlights: "Teile gladiatorischer Prunkrüstungen - Beinschienen und ein Helm -, die ebenfalls aus Neapel entliehen wurden, erfüllen ihren Zweck vollständig. Sie wurden wahrscheinlich niemals im Kampf eingesetzt, verbinden aber das Martialische mit dem Eindruck gediegener Schönheit, wovon nicht zuletzt die Musen zeugen, die den Helm schmücken."

Bezüglich der Petition, die einen Ausschluss Israels von der Venedig Biennale fordert (unsere Resümees), ist Stefan Trinks in der FAZ froh über klare Worte des italienischen Kulturministers Gennaro Sangiuliano, auch wenn sie aus der politisch rechten Ecke kommen: "Er werde verteidigen, dass die Biennale 'ein Raum der Freiheit und des Dialogs' bleibe, nicht aber 'von Zensur und Intoleranz'. Solche ohne Zögern und ohne Zweideutigkeiten formulierten Worte hätte man sich von Sangiulianos deutschem Pendant Claudia Roth zur Documenta oder Berlinale gewünscht. Noch nach Bekanntwerden des ersten Antisemitismusskandals auf der Kasseler Weltkunstschau war da die Rede von 'spezifisch deutschen Fragen'; es gelte, auch 'entlegene Sichtweisen des globalen Südens' nachzuvollziehen. Nein, das muss man nicht - Antisemitismus ist, siehe oben, ein internationales Problem."

Weiteres: Die Künstlerin Ruth Wolf-Rehfeldt ist im Alter von 92 Jahren gestorben, melden Berliner Zeitung und FAZ.

Besprochen werden: Die Ausstellungen "Holbein at the Tudor Court" in der Londoner Queen's Gallery (FAZ), die Roberto-Matta-Retrospektive "Matta" im Kunstforum Wien (Standard) und Simone Haacks "Untangling the Strands" in der Abguss-Sammlung Antiker Plastik in Berlin (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.02.2024 - Kunst

Hank Willis Thomas, Black Power, 2006, Chromogener Druck, 40,6 x 50,8 cm, Barret Barrera Projects, © Hank Willis Thomas

In Amerika ist Hip-Hop längst im Museum angekommen, in Deutschland erst dank der Schau "The Culture" in der Frankfurter Schirn, die allerdings zuvor im Baltimore Museum of Art zu sehen war, weiß Elena Witzeck (FAZ). Der Gefahr des "voyeuristischen" europäischen Blicks entgeht die Schau durch Lässigkeit und Selbstreflexion, atmet die Kritikerin auf: "Was wir sehen, sind jede Menge Codes und Referenzen. Miguel Lucianos 2006 für 'Plátano Pride' mit Platin umhüllte Kochbanane: Aus dem Grundnahrungsmittel wird ein Objekt zum Protzen. Anthony Akinbolas schwarze Durags, die schon lange dem Schutz von Afrohaar dienen, zerschnitten und gedehnt und neu zusammengenäht, sodass sie eine schimmernde Oberfläche ergeben, die sich, je nach Betrachter, mit Rothkos und Rauschenbergs Nuancen von Schwarz messen will. Wir sehen 'Grillz', die goldenen Gebisse reicher Rapper samt Verweis auf das Gebiss George Washingtons, das, zur Erinnerung, aus Elfenbein, Golddraht und Zähnen versklavter Schwarzer gefertigt war. Wir sehen Robert Pruitts 'For Whom the Bell Curves', ein Sortiment von Goldketten, das die Routen des Sklavenhandels von der Westküste Afrikas bis zur Ostküste Amerikas beschreibt. 'Now you know', würde Notorious B.I.G. sagen."

"Und was ist mit der Kritik an dem aggressiven, zur Schau getragenen Mackertum, an Machismus, Homophobie und Antisemitismus in der Szene? An Sexismus, Misogynie und Gewaltverherrlichung in vielen Hip-Hop-Videos und -Texten?", fragt Lisa Berins in der FR: "Zum Glück erspart die Ausstellung den Besucherinnen und Besuchern Beispiele dafür (ist ja auch eine Geburtstagsausstellung!), stattdessen gibt sie künstlerischen Reflexionen darüber Raum: Die New Yorker Künstlerin Nina Chanel Abney gestaltete 2021 das Cover für das Album 'Expensive Pain' von Meek Mill. In ihrer illustrierten Collage schwirren Cash, Cars und Schwarze, nackte Girls um einen Rapper - das Cover löste eine öffentliche Diskussion darüber aus, ob es sich um Parodie und Kritik an sexistischen Stereotypen und binärgeschlechtlichen Klischees handelt."

Die Petition, die den Ausschluss Israels von der Venedig Biennale fordert, hat nach eigenen Angaben inzwischen 18.000 Unterzeichner. (Unser Resümee). Es droht die nächste "Kunstschau des Antisemitismus", wenn jetzt nicht klar "Position gegen jegliche Form von judenfeindlichem Aktivismus" bezogen wird, warnt Philipp Meier, der in der NZZ auf eine besondere Absurdität aufmerksam macht. Der in Rio de Janeiro geborene Kurator Adriano Pedrosa hat die Schau nämlich unter das Motto "Foreigners Everywhere" gestellt, mit dem Ziel, "vor allem Kunstschaffende einladen, die sich selber als Ausländer, Immigranten, Ausgewanderte, in der Diaspora Lebende, Emigrierte, Exilierte und Flüchtlinge verstehen. Umso befremdlicher wäre es, an dieser Biennale im Zeichen des Fremden ausgerechnet jenem Staat eine Teilnahme im Bereich der Länderpavillons zu verweigern, der nach dem Holocaust als Heimat für die seit je verfolgten Juden gegründet wurde. Auch heute noch gelten Juden in der Diaspora oft genug als die Fremden schlechthin." Auch Italiens Kulturminister Gennaro Sangiuliano ist entsetzt, ergänzt Birgit Rieger im Tagesspiegel: Er "nannte das Schreiben in einer Erklärung 'inakzeptabel' und 'schändlich'. Israel habe 'nicht nur das Recht, seine Kunst auszudrücken, sondern auch die Pflicht, seinem eigenen Volk Zeugnis abzulegen, zu einem Zeitpunkt, an dem es von skrupellosen Terroristen aus heiterem Himmel schwer getroffen wurde.'"

Besprochen werden die die Jeff-Wall-Ausstellung in der Fondation Beyerle bei Basel (SZ, mehr hier) und die Ausstellung "George Hoyningen-Huene: Glamour & Style" in der Berliner Galerie Jäger Art (taz)