Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.04.2024 - Kunst

Bild:Billie Zangewa, Midnight Aura, 2012. Courtesy the artist, Lehmann Maupin and Stedelijk Museum Amsterdam. Photo by John Hodgkiss.

In der SZ seufzt Till Briegleb: Wollte die Schau "Unravel. The Power of Politics of Textiles in Art" in der Londoner Barbican Art Gallery doch gerade zeigen, dass Textilkunst eben keine reine Frauenkunst ist. Und dann werden laut Briegleb ausschließlich Arbeiten von Frauen und einigen schwulen Männern gezeigt, textile Werke von weißen, heterosexuellen Künstlern wie Joseph Beuys oder Michelangelo Pistoletto fehlen gänzlich. Davon abgesehen aber lernt Briegleb hier die subversive Kraft der Textilkunst kennen, in den Werken, die "Geschichten von politischem Widerstand oder erlittenen Traumata" erzählen: "Das reicht von prominenten Arbeiten wie Tracey Emins Patchwork-Decken von 1999, auf denen sie ihre Vergewaltigung als 13-Jährige thematisiert, oder Louise Bourgeois' visualisierten Körperängsten aus deformierten rosa Stoffpuppen bis hin zu Voodoo-Tapisserien aus Haiti mit weißen Reitern, die schwarze Zombies aus dem Friedhof zur Arbeit holen, oder Stickereien, die den spanischen Kolonialismus oder die wirtschaftliche Ausbeutung indigener Lebensräume behandeln."

Bild: Louise Rösler: Tivolivariation, 1967. Museum Atelierhaus Rösler-Kröhnke, Foto: MGGU / Uwe Dettmar © Anka Kröhnke

Als Frauenkunst dürfen auch die Werke der Berliner Malerin Louise Rösler, der das Frankfurter Museum Giersch derzeit eine große Retrospektive widmet, nicht verstanden werden, hält Judith von Sternburg in der FR fest. Das sahen die Zeitgenossen noch anders, erinnert Sternburg, die zunächst aus Kritiken der Fünfziger- und Sechzigerjahre zitiert, in denen die Arbeiten der Malerin auf ihr "reizvolles Frauentum" reduziert wurden. "Das hatte alles nicht viel mit Louise Röslers Bildern zu tun", erkennt Sternburg in der aktuellen Schau: "Zunächst expressionistisch farbigen, aber nicht dramatischen, sogar eher kühlen Großstadtansichten - Straßen und Plätze in Berlin und Paris, wo sie ebenfalls einige gute Jahre lebte und die Perspektive einer Flaneurin einnahm -, später zunehmend ins Abstrakte gehenden, quirlig kleinteiligen Stücken. Experimentierfreudige, kraftvolle Bilder für Menschen, die Details entdecken und komplexe Kompositionen bestaunen wollen."

Der Neue Berliner Kunstverein hatte kürzlich zwei Künstlerinnen achselzuckend ziehen lassen, die drohten, ihre Ausstellungen abzusagen, weil das Haus ihre Meinung zum Gaza-Krieg nicht teilt. (Unser Resümee) "Streikaufrufe führen zu Spaltung und Positionierungszwang", betont im Gespräch mit der Berliner Zeitung nochmal Marius Babias, Direktor des n.b.k.: "Der n.b.k. hat in der Vergangenheit mit palästinensischen und israelischen Künstler:innen und Kurator:innen zusammengearbeitet, die sich in diesem Konflikt ganz explizit verortet haben, aber sie haben der Institution nicht ihre jeweiligen politischen Positionen aufzwingen wollen. Der n.b.k. stellt weltbekannte Künstler:innen aus, die zu den ersten gehören, die ihre Stimme erheben. Was ich sagen will: Wir räumen sehr viel Sprechmacht ein. Aber als Institution möchte sich der n.b.k. politisch nicht instrumentalisieren lassen. Wir wollen die Integrität, den Schutzraum, die Autonomie und die Unabhängigkeit der Institution weiter aufrechterhalten."

Besprochen werden die Ausstellung "Kotti-Shop/SuperFuture - Formen der Verhandlung" in der Berlinischen Galerie (taz), die Ausstellung "Frieda Angenehm: Solo Art Show, Frieda im All" in der Berliner Sustainable Clubwear Galerie (taz) und die Ausstellung "Comfort Zone" mit Arbeiten von Miriam Jonas in der Berliner Galerie Russi Klenner (Tsp)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.04.2024 - Kunst

Sonic Youth - Dirty, Plattencover mit Stofffigur von Mike Kelley

Mit einem ingeniösen Monstrum von einem Text würdigt Dietmar Dath in der FAZ eine große Mike-Kelley-Schau (siehe auch hier) im K21-Gebäude der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Dath schreibt über die Nähe Kelleys zur Rockmusik und seine für die Kunstszene ungewöhnliche Herkunft aus kleinen Verhältnissen. Vor allem jedoch lässt er sich von den Exponaten selbst anregen: "Man muss, wenn man Kelley kennenlernen will, bereit sein, allerlei Spuk zuzulassen, wie er zum Beispiel als Watterauch-Gespensterplasma auf einem bekannten Kelley-Bildmotiv in den Nasen- und Ohröffnungen des Künstlers herumbohrt, leiblich allemal lästiger als die Tapetenmuster-Esoterik des Frühmodernismus. Urteile wie 'kindisch' oder 'pubertär' kratzen oft und mit Eifer an Kelleys Welt der rituellen Affenarsch-Untersuchungen und Porno-Pannen-Performances. Seine Entgegnung auf diese Art Anfechtung ist wohl das Plakative optischer Zumutungen als solcher, wie auf den textilgewordenen Alkoholfahnen, die in Düsseldorf einen Durchgang schmücken - ein Königspenis mit Auge in der Eichel, ein wächsern zerschmolzenes Leidensgesicht, das sichtlich mehr Drogen kennt als die Apotheke."

Weitere Artikel: Transportprobleme im Zuge des Konflikts im Roten Meer machen Ausstellungen zu schaffen, informiert Olga Kronsteiger im Standard.

Besprochen werden Kerstin Honeits Videoinstallation "This Is Poor! Patterns of Poverty", die im M1 VideoSpace der Berliner Galerie KINDL-Zentrum für zeitgenössische Kunst zu sehen ist (taz Berlin) und die Ausstellung "Was ist Wiener Aktionismus", die das neugegründete Wiener Aktionismus Museum eröffnet (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.04.2024 - Kunst

Sofonisba Anguissola, Selbstporträt, 1556
© Fondation Custodia, Collection Frits Lugt, Paris | Foto: Mick Vincenz

Viele Werke von Künstlerinnen verstauben immer noch in den Depots der Museen, beklagt Lisa Berins in der FR. Um so froher ist sie, dass das Arp Museum Rolandseck einige prächtige Werke der "Maestras" zeigt. Hier werden einundfünfzig Malerinnen aus dem 15. bis 19. Jahrhundert vorgestellt und Berins kann sich gar nicht satt sehen: "Sofonisba Anguissola (1532-1625) ist eine der frühesten berühmten Maestras überhaupt. In der Ausstellung ist ein kleines, exquisites Selbstporträt von ihr zu sehen: Auf dem Bild ist sie gerade einmal Mitte zwanzig, aber sie fixiert die Betrachtenden mit einem forschen, selbstsicheren Blick. Man will sich gerade abwenden, da zieht einen ein störendes Detail in den Bann: eine feine, weiße Schnüre der Bluse fällt ungeordnet über die schwarze Jacke - ein wirkungsvoller Hingucker! Ihr Selbstporträt von 1556 gab die aus Cremona stammende Anguissola als Visitenkarte heraus."

Ausgehend von einem Foto am Strand, dass den Künstler Franz Radziwill mit den Kunsthistorikern Hanna Stirnemann und Walter Müller-Wulckow im Jahr 1928 zeigt, skizziert Rainer Stamm in der FAZ die Verstrickungen Radziwills mit den Nationalsozialisten. Radziwill gilt als wichtigster Vertreter des "Magischen Realismus" in Norddeutschland - bekannte sich allerdings 1932 zum Nationalsozialismus und passte sich künstlerisch an, so Stamm: Werner Meinhof, nationalsozialistischer Kunsthistoriker und Vater von Ulrike Meinhof, "lobte Radziwills Werk als vorbildliches Beispiel einer neuen, bodenständigen Kunst, die er der mit 'Krankheitszeichen' versehenen abstrakten Kunst gegenüberstellte."

Außerdem: Birgit Rieger hat sich für den Tagesspiegel Ólafur Elíassons Fenster im Greifswalder Dom angesehen, das dieser zu Ehren Caspar David Friedrichs neu gestaltet hat.

Besprochen werden die Ausstellung "La vie des blocs" mit Fotografien von Jean-Michel Landon aus den Pariser Banlieues im Reiss-Engelhorn-Museum in Mannheim (FAZ) und die Ausstellung "Der Blaue Reiter. Eine neue Sprache" in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München (FAZ), die Ausstellung "Hanna Bekker vom Rath. Eine Aufständische für die Moderne" im Brücke-Museum in Berlin (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.03.2024 - Kunst

Miya Masaoka im Savvy Contemporary. Bild: Instagram


Schwer ins Denken kommt Niklas Maak in der Ausstellung "Refuge in the Vegetal World" der amerikanischen Klangkünstlerin Miya Masaoka, zu sehen derzeit im Berliner Savvy Contemporary. Ihr Thema ist die Koexistenz des Menschen mit anderen Lebewesen, eine "Poetik der Beziehung", wie es Maak mit dem aus Martinique stammenden Philosophen Edouard Glissant beschreibt. Glissant hielt nichts von einer Trennung der Kulturen nach Herkunft. "Kreolisierung", also Mischung, war für ihn das Grundrezept jeder Kultur. Das galt ihm auch für das Verhältnis des Menschen zur Natur, und damit versucht Maak Masaoka auf die Spur zu kommen: Sie "interessiert sich in ihren Werken für die Wege, die Informationen in der nichtmenschlichen Welt nehmen, für die Frage etwa, wie Pflanzen 'Entscheidungen' treffen, wohin sie wachsen, wie sie an Licht und Nährstoffe kommen. So finden sich Pflanzen mit Sensoren in der Ausstellung und verkabelte Erdteppiche, die nach dem Muster der Fibonacci-Reihe im Goldenen Schnitt angeordnet sind."

Radikale Kunst, wie es der Surrealismus war, versteht heute niemand mehr, klagt in der NZZ der Übersetzer und Kurator Stefan Zweifel. Surrealismus werde heute meist nur noch verniedlicht dargeboten. "Dabei haben die Surrealisten unter der bunten Oberfläche die brennenden Fragen unserer Zeit vorweggenommen: Die Frage nach Kunst und Krieg, die Rolle der Revolte und des Aufruhrs gegen alle bestehenden Tabus, die Entgrenzung der Erotik ins nonbinäre Imaginäre, die Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten der 'écriture automatique' und dem Umgang mit neuen Medien wie damals dem Film."

Jenny Schlenzka, neue Leiterin des Gropius Bau in Berlin, erklärt im Interview mit Zeit online, wie sie an ihrem neuen Haus mit Nahostkonflikt und BDS umgehen will. "Wir versuchen, mit unserem Ausstellungshaus konstruktiv zu agieren. Der Gropius Bau soll ein offener Raum für Gespräche sein, in dem Meinungen, die sich widersprechen, nebeneinander existieren können." Das dürfte nicht einfach werden, denn "sehr viele verstehen nicht, warum jüdische Künstler*innen in Deutschland von Veranstaltungen oder Ausstellungen mit der Begründung ausgeladen werden, sie seien antisemitisch. ... Viele Künstler*innen kamen nach Berlin, weil sie anderswo nicht so frei arbeiten konnten wie in Deutschland. Jetzt befürchten sie hier Zensur."

In "Bilder und Zeiten" (FAZ) antwortet Tobias Schäfer, Propst am Dom zu Worms, auf Vorwürfe der Historikerin Gundula Werger, die - ebenfalls in "Bilder und Zeiten", zahlbar - antisemitische Muster im 1987 von Heinz Hindorf gemalten Marienfenster des Doms verortet hatte. Er kann keine "gekrümmte Nase" erkennen, gibt aber zu: "Wir müssen reden. Über den jahrhundertelangen offenen und den noch längeren latenten Antisemitismus im Christentum und in der Kirche. ... Und vielleicht müssen wir auch darüber reden, ob vielleicht doch etwas dran sein könnte an der Sichtweise der Autorin und ob ich zu naiv auf Hindorf und seine Fenster schaue."

Weitere Artikel: "Zensur", ruft der Künstler Gottfried Helnwein laut Standard, weil das Wiener Domkapitel von St. Stephan nach seinem "Fastentuch", auf ein Oster- und Pfingsttuch Helnweins verzichten will. Das Ostertuch zeigt ein Kind mit den Wundmalen Christi, die Kirchenoberen fürchten, das Bild könnte "Menschen verstören". Eva Karcher stellt im Tagesspiegel die südafrikanische Künstlerin Esther Mahlangu vor und ihre "Art Cars". Sebastian Moll resümiert in der taz die New Yorker Whitney-Biennale. In der Welt unterhält sich Gunnar Meinhardt mit Erika Schirmer, Scherenschnittkünstlerin und Komponistin des Kinderlied-Klassikers "Kleine weiße Friedenstaube" über Krieg, Flucht und Pablo Picasso. Jean-Pierre De Rycke betrachtet in "Bilder und Zeiten" (FAZ) aus österlichem Anlass Piero della Francescas "Geißelung Christi"

Besprochen werden die Schau "Harlem Renaissance and Transatlantic Modernism" im Metropolitan Museum in New York (FAS), die Ausstellung "Hanna Bekker vom Rath. Eine Aufständische für die Moderne" im Berliner Brücke-Museum (Welt), das Projekt "Klingende Bilder", für das der RIAS Kammerchor die passende Musik zu zwölf Gemälden von Abendmahl, Kreuzigung und Grablegung aus der Berliner Gemäldegalerie eingesungen hat (FAZ) und die Ausstellung "Suburbia" im CCCB Barcelona (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2024 - Kunst

Richard Serra. Berlin Curves, 1986. Denkmal für die Opfer der Aktion T4. Foto: Hans Bug / Wikipedia CC-BY-SA 3.0

Im Alter von 85 Jahren ist der amerikanische Bildhauer Richard Serra gestorben. Berühmt wurde er für seine stählernen Großskulpturen, die sich vor allem im Westen Deutschlands großer Beliebtheit erfreuen, erinnert Peter Richter in der SZ. Auch die Idee des Berliner Holocaust-Mahnmals geht auf Serra zurück, aus der Arbeitsgemeinschaft stieg er aber nach einem Streit mit Architekt Peter Eisenmann - und offenbar auch mit dem Bund - aus: "Zwei Dinge waren daran typisch. Seine Arbeiten, so erklärte Serra das gern selbst, erforderten eine 'peripatetische' Wahrnehmung, was nicht einfach nur bedeutet, dass man sie begehen, umrunden, durchwandern soll. Da der Begriff auf Aristoteles und seine Philosophenschule zurückgeht, steckt in diesem Modus des Wandelns immer auch der Anspruch einer Erkenntnistechnik. Nicht nur der Wind sollte durch diese Schluchten zwischen gebogenen Stahlplatten hindurchgehen. Sondern Menschen sollten in Relation zu dieser bestürzenden, oft scheinbar auf sie einstürzenden Monumentalität mit sich selber zu tun bekommen. Andererseits war da Serras notorische Streitbarkeit. In New York war er berühmt, aber auch berüchtigt für seine Kampflust, für wütende Kontaktabbrüche, trotzige Einsilbigkeit."

Serras monumentale urbane Skulpturen hatten nicht nur Freunde, die Skulptur "Titled Arc" etwa wurde nach Protesten in New York wieder abgeräumt, erinnert in der Welt Marcus Woeller, der das beim besten Willen nicht verstehen kann - erlebt er doch in Serras Berliner Stahltunnel "Berlin Junction" einen "Kunstgenuss sondergleichen": "Wer sich in die Krümmung des Raums zwischen den Stahlplatten begibt, verlässt den Alltag. Sofort verändert sich die sinnliche Wahrnehmung. Man hört gedämpfter. Die Augen stellen sich langsam auf Licht und Schatten ein. Man sieht zunächst nichts als korrodierten Stahl, aber wenn man nach oben schaut, einen kühnen Bogenausschnitt des Himmels. Man ertastet die Oberfläche der einander zugeneigten Wände. Die Dichte und Festigkeit des Metalls ist direkt zu fühlen, dafür muss man die Platten nicht einmal berühren." Weitere Nachrufe in Tagesspiegel, Zeit Online, FR, FAZ und taz.

Sehr zeitgemäß sind Otto Pienes Vorstellungen einer besseren Welt, die auf die Verbindung von Kunst und Technologie setzen, nicht mehr, erkennt Maria Becker in der NZZ. So wollte der Mitbegründer der Gruppe "Zero" beispielsweise "Abluft aus Fabrikschloten mit riesigen Filterbeuteln einsammeln und reinigen lassen, um sie schließlich als farbige Ströme ins Meer zu leiten." Und doch erkennt Becker das Visionäre in Pienes Arbeiten in der Ausstellung "Wege zum Paradies" im Basler Museum Tinguely, die sich vor allem auf das Frühwerk des Pioniers der Sky Art konzentriert: "Es war die Zeit von Pienes Experimenten: Er ließ rotierendes Licht durch Raster fließen und setzte damit den Raum in Schwingung. Er schuf Zeichnungen mit Rauch und Feuer und formte aus Beleuchtungskörpern skulpturale Installationen. Was sich in diesen Werken manifestiert, ist die Freude an der Beweglichkeit der Kunst, ein Spiel mit den Möglichkeiten ihrer Entgrenzung."

Besprochen werden die Retrospektive "Katalin Ladik. Ooooooooo-pus" im Ludwig Forum Aachen (taz), die Ausstellung "Kunst und Fälschung" im Kurpfälzisches Museum Heidelberg, die Werke aus den Asservatenkammern der Polizei zeigt (Tsp) und die Sonderausstellung "Paris und Köln um 1300" im Schnütgen Museum für mittelalterliche Kunst in Köln (FAZ) und die Ausstellung "Was ist Wiener Aktionismus" im neu eröffneten Wiener Aktionismus Museum (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.03.2024 - Kunst

Die Venedig-Biennale steht vor der Tür und Russland wird wieder nicht mit einem Pavillon vertreten sein. Dieses Jahr gibt es jedoch einen Twist: das Land leiht seinen Ausstellungsraum an Bolivien aus. Wie es dazu gekommen ist? Stefan Trinks hat in der FAZ eine Idee: "Bolivien besitzt mit geschätzten 23 Millionen Tonnen mit Abstand das meiste Lithium weltweit, ein Viertel der insgesamt vermuteten Vorkommen, die wiederum für die Produktion von Mobiltelefonen und Batterien unverzichtbar sind. Voriges Jahr buhlten deshalb Russland und China in La Paz gleichermaßen um weitreichende Lieferverträge für das kostbare Metall, Putin erhielt den Zuschlag und investiert über eine staatlich-russische Firma umgerechnet mehr als 400 Millionen Euro in die Lithium-Förderung. Eine politisch-wirtschaftliche Umarmung mit Kunst-Überzuckerung (...)." 

Auch Geertjan de Vugt ist sich in der SZ sicher, dass es um "Kunst gegen Lithium" geht, eingefädelt hat den Deal wohl unter anderem der russische Außenminister Sergej Lawrow. "Die Biennale dient also nicht nur als Podium der Kriegsverleugnung, sondern auch als schöne Kulisse für den geopolitischen Kampf um Ressourcen. Die Biennale lässt Anfragen hierzu unbeantwortet. (...) Es passt auch alles wunderbar zum Thema dieser Biennale. 'Stranieri Ovunque', Foreigners Everywhere, heißt das von Adriano Pedroso, dem aus Brasilien stammenden künstlerischen Leiter der Biennale, gewählte Motto der diesjährigen Ausgabe. In der Welt erklärte er: 'Der globale Süden ist das allumfassende Thema der gesamten Ausstellung.' Dass der sogenannte globale Süden versucht, sich ein Podium zu schaffen, ist verständlich. Dass er das tut mithilfe von Sergej Lawrow, gibt jedoch zu denken."

Trevor Paglen, Because Physcial Wounds Heal…, 2023. Courtesy des Künstlers, Altman Siegel, San Francisco und Pace Gallery © der Künstler



"Poetics of Encryption: Art and the Technoscene" heißt eine Ausstellung zur Kunst des Datenzeitalters in den Berliner Kunst-Werken. Georg Imdahl schaut sie sich für die FAZ an, und ist ziemlich angetan. Klar, flauschigem Aktivismus-Kitsch entkommt man hier ebenso wenig wie schnell veraltenden Softwareexperimenten. Aber es gibt auch Aufregendes zu bewundern, zum Beispiel Charles Stankievechs Videoinstallation "Eye of Silence": "Der kanadische Künstler lässt Drohnen die Badlands in Alberta, die Salzwüste Utahs, isländische und japanische Vulkanlandschaften sowie einen Meteoritenkrater in der namibischen Wüste filmen und präsentiert die Aufnahmen spiegelsymmetrisch - daraus ergibt sich beim Blick auf die Mittelachse eine fortwährende Suggestion von Figuren, Gesichtern, Fratzen, unterlegt mit einem wummernden Sound von rauschendem Wasser. Ob okkult oder nicht, Stankievechs Stereo-Video wirkt wie eine Droge, die sofort süchtig macht."

Außerdem: Theresa Schouwink unterhält sich auf monopol mit der Künstlerin Virgile Novarina über deren Schlafperformances.

Besprochen werden James Krones Schau "Emergency of Pattern" in der Berliner Galerie (Repertoire) (taz Berlin), die Ausstellung "Photography Noir" in der Bremer Galerie K'-Strich (taz Nord), die Ausstellung "Noa Eshkol. No Time to Dance" im Berliner Georg Kolbe Museum (FR), eine Valie-Export-Retrospektive im C/O Berlin (monopol), eine Roy-Lichtenstein-Ausstellung in der Wiener Albertina (NZZ) und die Schau "20 Jahre Sammlung Verbund" zu feministischer Kunst in der Wiener Albertina (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.03.2024 - Kunst

Félix Vallotton: "La Blanche et la Noire", 1913, Öl auf Leinwand. (Bild: Villa Flora, Winterthur (Hahnloser/Jäggi-Stiftuung))

Winterthur hat sein "Juwel" zurück, jubelt Philipp Meier in der NZZ: die Villa Flora ist saniert und das ist gelungen, einen "luftigen Pavillon" hat das Basler Architekturbüro Jessen Vollenweider dem Haus und Garten hinzugefügt, in dem nun wieder die Sammlung von Hedy und Arthur Hahnloser zu sehen ist. Und dann entdeckt Meier hier auch noch ein Highlight nach dem anderen, neben Bonnard, Vuillard, Matisse, Manguin auch ein besonderes Werk von Félix Valloton: "Die verglaste Front gibt den Blick auf den Garten frei mit den weiblichen Akt-Skulpturen von Maillol. Ein Frauenakt dominiert den mit historischen Stofftapeten verkleideten Galerieraum selber: das großformatige Meisterwerk 'La Blanche et la Noire' (1913) des Hausfreundes der Hahnlosers, Félix Vallotton. Das Motiv der liegenden Nackten und ihrer bekleideten, schwarzen Bediensteten am Fußende des Betts geht auf Manets Skandalbild 'Olympia' zurück. Skandalös war für die Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts auch Vallottons brutal nüchterne und fast schon neusachliche Umsetzung. Das ambivalente Verhältnis zwischen Rassen und Kulturen wird hier auf die Spitze getrieben. Das auch heute noch spektakuläre Bild war damals nicht bloß auf der Höhe der Zeit, sondern seiner Zeit weit voraus."

Besprochen werden die Ausstellung "Sieh dir die Menschen an" im Kunstmuseum Stuttgart (NZZ), die Ausstellung "Verzweigt. Bäume in Fotografien der Sammlung SpallArt" im Depot SpallArt (FAZ), die Ausstellung "feelings" mit Werken von Cosima von Bonin in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt (taz) und die Ausstellung "Unter Druck - e.o.plauen, der Ullstein Verlag und das Presseviertel in Berlin" in der Galerie e.o. Plauen in Berlin (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2024 - Kunst

Ignacio Zuloaga: Meine Cousinen auf dem Balkon, 1906, Privatsammlung

"Trotzigen Nationalismus, gepaart mit fast wilder Theatralität" findet Welt-Kritiker Manuel Brug in den Werken von Ignacio Zuloaga, die das Bucerius Kunstforum in Hamburg zeigt. Zuloaga versuchte zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, das "typische Spanien" einzufangen, so Brug: "Doch anders als bei den vielen, früheren Genremalern der Stillleben, Torreadores und Landschaften des 19. Jahrhunderts bis hin zum Ibero-Impressionismus atmen seine Bilder Energie, Aufbegehren, Trotz: Da ist der unbedingte Wille, als der visuelle Hüter des authentischen Spanischseins zu gelten, das man nicht als beginnende Touristenklischees zwischen Carmen, Sangria und Flamenco zur Ausbeutung Fremden überlassen wollte." Das ist auf der einen Seite "krass übersteigerter Nationalismus" (Franco verehrte Zuloaga zutiefst, erzählt Brug), faszinierend sind die farbenprächtigen Darstellungen trotzdem: "ein Spanien, spanischer als es je war. Eine Fantasie, ein Traum."

Weiteres: Gabi Czöppan hat für den Tagesspiegel die ersten Schauen der Venedig-Biennale im Palazzo Grassi besucht: Julie Mehretus Ausstellung "Ensemble" und Pierre Huyghes große Werkschau "Liminal". Besprochen werden die Ausstellungen "Doug Aitken. Return to the Real" im Schauwerk Sindelfingen (taz) und "Kunst als Beute. 10 Geschichten" im Humboldt-Forum Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.03.2024 - Kunst

Bild: Broncia Koller-Pinell: "Silvia Koller mit Vogelkäfig". 1907/08- Sammlung Eisenberger, Wien.

Wer zu Roy Lichtenstein nach Wien reist, sollte dringend im Wiener Belvedere vorbeischauen, rät Stefan Trinks in der FAZ. Denn dort ist mit der jüdischen Malerin Broncia Koller-Pinell eine Künstlerin zu entdecken, die zwar in Österreich "weltberühmt" wurde, aber aufgrund ihrer "stilistischen Heterogenität" zu Unrecht nach dem Zweiten Weltkrieg vergessen wurde. Dabei besticht ihr Werk durch Modernität, wie etwa das 1907/08 entstandene Werk "Die Tochter Silvia mit Vogelkäfig" zeigt, "auf dem das Mädchen im leuchtend roten Kleid sich über eine weiß lackierte Voliere beugt - natürlich aufs Edelste von den Wiener Werkstätten gestaltet und mit einer Karoverschlussplatte von Josef Hoffmann auf der uns zugewandten Vorderseite versehen -, um ihre sechs bunt gefiederten Vögel darin zu bewundern. Während das Motiv mindestens seit Goya altbekannt ist, ist doch die Umsetzung erfrischend avantgardistisch - Silvias kirschrotes Kleid bleibt absolut flächig und hebt sich kontrastiv vom schwarz gefliesten Boden mit seinen weißen Mörtelfugen ab, die in Fluchtpunktperspektive nach hinten ziehen und konterkariert werden von den wesentlich enger getakteten Gitterstäben des Vogelkäfigs."

Bild: Frédéric Bazille, Fischer mit Netz, 1868. Arp Museum Bahnhof Rolandseck / Sammlung Rau für UNICEF, © Foto: Arp Museum Bahnhof Rolandseck / Sammlung Rau für UNICEF. Fotograf: Mick Vincenz, Essen.

"1863 - Paris - 1874. Revolution in der Kunst" lautet der Titel der aktuellen Ausstellung über den Salon de Paris im Kölner Wallraff-Richartz-Museum - und tatsächlich konnte man im Jahr 1874 dank der "Première exposition" von einer Revolution sprechen, die den Beginn der modernen Avantgarden markierte, erinnert Oliver Tepel in der taz. Der aktuellen Ausstellung geht es aber eher darum, den Mythos der Salonkunst zu hinterfragen, indem sie "statt der auf den Salons vielzählig gezeigten standesgemäßen Portraits, statt der Historienmalerei und des Neoklassizismus" das "keinesfalls Konservative" zeigt, das die Salons zu bieten hatten, so Tepel: "Die Zartheit Maria Magdalenas, die Pierre Puvis de Chavannes 1870 zeigte, kontrastiert mit der schroffen und bei längerer Betrachtung völlig abstrakt wirkenden Felswüste, die sie umgibt. Sein Werk sowie jene von Gustave Moreau und auch Corots düsteres 'Fest des Bacchus' weisen bereits auf den dem Impressionismus folgenden Symbolismus. Laurent Bouviers 'Ägypter' erscheint als Inspiration für die neue Sachlichkeit der 1920er Jahre, ja für die Pop-Art David Hockneys. Und Joséphine Bowes Gischt der einsetzenden Flut bei Boulogne-sur-Mer weist über ihre Nähe zum Realisten Gustave Courbet hinaus zur aufkommenden Freilicht-Avantgarde."

Eine Künstlerin auszustellen, die derart ortsgebunden arbeitet, wie die Amerikanerin Nancy Holt, ist gar nicht einfach, stellt Thomas Wochnik im Tagesspiegel fest. Und doch gelingt es der Schau "Circles of Light" im Berliner Gropius Bau vorbildlich, Holts Wahrnehmunsgkunst erfahrbar zu machen, etwa mit der Installation "Electrical System" von 1982 im historischen Lichthof: "Eine Form aus Metallrohren, die fast nur Kontur andeuten, ohne Substanz zu sein, wie die begehbare Skizze einer regelmäßigen Hügellandschaft, mit Glühbirnen an allen Knotenpunkten und Enden. Schwummrig kann einem beim Durchwandern werden, wenn die leicht blendenden Lichtquellen vor den Augen zu einem Durcheinander der Referenzpunkte verschmelzen. Was will die Künstlerin damit sagen? Nichts weiter als die Technik des Gebäudes will sie zu Wort kommen lassen."

Weitere Artikel: Helmut Mauró fasst sich in der SZ an den Kopf: Luke Syson, Leiter der britischen Fitzwilliam Museums, hat veranlasst, dass Landschaftsgemälde, etwa von John Constable, mit einer Beschilderung versehen werden, "dass Bilder von 'sanften englischen Hügeln' Gefühle von 'Stolz auf das Heimatland' wecken können. Und - das ist die dunkle Seite - dieser Stolz impliziere, dass nur Menschen mit historischer Bindung an ein Land auch das Recht auf den Besitz dieses Landes hätten. Landschaftsbilder seien grundsätzlich mit nationaler Identität verknüpft." Ebenfalls in der SZ gratuliert Till Briegleb Rebecca Horn zum Achtzigsten, in der FAZ Stefan Trinks.

Besprochen werden die Messe "Salon du Dessin" im Pariser Palais Brongiart (Tsp), die Ausstellung "Wälder - von der Romantik in die Zukunft" im Deutsches Romantik-Museum in Frankfurt, Senckenberg Naturmuseum und im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg (FAS), die Ausstellung "Joan Jonas: Good Night Good Morning" im New Yorker Museum of Art (FAS), die Ausstellung "Starcatcher" mit Arbeiten von Sebastian Hosu im Duve Berlin (Berliner Zeitung) und die Ausstellung "Banksy - A Vandal Turned Idol" im Berliner Kleisteck ("Das Präsentieren seiner Kunst im White-Cube-Käfig raubt seinen Werken ihr anarchisches Wesen, das sie haben, wenn man in zerstörten Städten oder gentrifizierten Nachbarschaften an ihnen vorbeiläuft - und stehen bleibt", winkt Mia Hennig von Lange in der FAS ab).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.03.2024 - Kunst

Les Très Riches Heures du Duc de Berry, Paris/Bourges, 1410-1485, Faksimile. Bild: Bibliothèque et Archives du Château de Chantilly.

Ein Körper ist nie einfach nur ein Körper, lernt Stephanie Caminada für die NZZ in der Ausstellung "begehrt. umsorgt. gemartert" des Zürcher Landesmuseums, er wird bewertet, sexualisiert, beschämt, erotisch aufgeladen, zwischen normal und nicht normal, schamhaft und nicht schamhaft eingeteilt. Die Schau zeigt Gemälde des Mittelalters vom 10. bis zum 15. Jahrhundert: Der Körper gilt in dieser Zeit als "Wohnort der Sünde, die sexuelle Lust gefährdet die göttliche Ordnung. Sexualität wurde von der Kirche nur in der Ehe geduldet, nur in einer bestimmten Stellung und nur zur Fortpflanzung. Sexuelle Praktiken außerhalb der Ehe und 'widernatürliche' Handlungen wie gleichgeschlechtliche Akte, Masturbation oder oraler Verkehr wurden im Kirchenrecht ab dem 12. Jahrhundert unter Strafe gestellt." Das verhindert aber nicht die aufwendige künstlerische Auseinandersetzung damit, betont Caminada: "Eines der Motive könnte als Sinnbild der sexuellen Abhängigkeit von Männern gegenüber Frauen gedeutet werden: Drei Phalli mit langen Beinen tragen eine gekrönte Vulva wie bei einer Prozession auf einer Bahre. Es könnte aber auch die Prozessionen der katholischen Kirche verspotten."

Ob die Idee vom Centre Pompidou in Metz gutgehen konnte, hatte sich einst auch Peter Iden in der FR gefragt, schließlich ist Metz eine ziemlich kleine Großstadt und das Museum hat keine eigene Sammlung, sondern wird von der großen Pariser Schwester versorgt. Die aktuellen Ausstellungen zeigen Iden aber: Das funktioniert sogar sehr gut. Das Haus kann eine enorme Bandbreite abdecken, zum Beispiel in der aktuellen Schau "Wenn Kunst auf Psychoanalyse trifft", laut Iden "der gewagte Versuch, dem Analytiker Jacques Lacan (1901-1981), der ein leidenschaftlicher Liebhaber und Kenner der Malerei war, in seiner zunächst an Freud orientierten Vorstellung zu folgen, Kunstwerke nicht als Herausforderung zu ihrer Deutung zu verstehen, vielmehr als Antrieb, mit dem man 'die Welt zu sehen und neu zu denken vermag'. Die Übergänge in der Philosophie Lacans sind fließend. Man erkennt an den schriftlich fixierten, mitunter einander widersprechenden Ergebnissen seiner immer wieder durch Werke der Kunst, von denen einige ausgestellt sind, provozierten Überlegungen ein Denken, das in seinen Schwankungen aktuell ist und durchaus auch auf Irrwege geraten kann (wie 'Es gibt kein Verhältnis der Geschlechter' oder die These 'Die Frau' gebe es nicht)."

Besprochen werden: Die Ausstellung "Die Reise der Bilder" im Lentos Kunstmuseum Linz (FAZ), "Jupiter im Oktogon" von Rebecca Horst im Museum Wiesbaden (FR) und Daniel Canogars "At Any Given Hour" in der Frankfurter Galerie Anita Beckers (FAZ).