Shirley Jaffe, All Together, 1995. Bild: Centre Pompidou
In der FAZ empfiehlt Ulf Erdmann Ziegler wärmstens einen Besuch im Centre Pompidou, das "die letzte amerikanische Nachkriegskünstlerin in Paris", Shirley Jaffe, kanonisiert, wie er schreibt. Bis zu ihrem Tod 2016 harrte sie in ihrer kleinen Pariser Wohnung aus, unverkaufte Bilder in einer Kammer stapelnd: "Die Ausstellung zeichnet dieses Künstlerleben in Formen nach. Erst die frühen Bilder, changierende Felder leibhaftig applizierter Farben. Hier als Buschfeuer, dort als Inseln im Eis. Klar, es sollte 'Abstrakter Expressionismus' sein, der Stil der Zeit, die Währung der Stunde, aber tatsächlich war sie eklektisch unterwegs zwischen Claude Monet und Willem de Kooning, in einem buchstäblichen Sinne suchend. Dann vereinfachte sie die Farben, gab ihnen Gestalt. Zwischen 1970 und 1972 stapelte sie rein monochrome Felder zu geradezu unverschämt anmutenden vertikalen Bildern, ein minimalistischer Exzess. Die Paradoxie klopft an. Einige Jahre später zeigt sich ein Weiß, auf dem die Formen zu schwimmen scheinen. Je leichter das Gerüst, desto ernster das Unterfangen."
Ach, die Documenta. In der Berliner Zeitungholt Hanno Hauenstein den ganz großen Knüppel hervor und bescheinigt allen, die BDS-nahe Positionen kritisieren, Rassisten zu sein. Darum sind auch Ruangrupa nicht schuld an ihrer Absage der versprochenen Diskussionsveranstaltungen. Hätte man dort doch diskutieren können, inwiefern die von EU-Staaten, den USA, Kanada und Britannien anerkannte Antisemitismus-Definition des IHRA "sich in der Praxis in Teilen zu einem politischen Instrument entwickelt hat, das im deutschen Kontext auffällig oft gegen Vertreter:innen nicht-weißer oder linker Gruppen in Anschlag gebracht wurde. Und das somit auch eine urdeutsche Sehnsucht zu befriedigen scheint, die von Jonas Dörge bis in den journalistischen Mainstream reicht: Eine Sehnsucht, xenophoben Impulsen Luft zu machen, indem man eine auswendig gelernt wirkende Deutungshoheit über Antisemitismus gegen Minderheiten oder israelischer Politik kritisch gegenüberstehender Gruppen ausspielt. Ob letztere palästinensisch, indonesisch oder jüdisch sind, scheint dabei kaum mehr eine Rolle zu spielen."
Das stimmt nicht ganz. Marco Stahlhut interessiert sich sehr dafür, dass Ruangrupa aus Indonesien kommt. Warum, fragt er in der FAZ, streitet die Künstlergruppe über Antisemitismus, was in Indonesien niemanden interessiert, statt über die Behandlung der indigenen Völker im eigenen Land. "Trotz aller Verstiegenheit im Vokabular über Israel und die Palästinenser haben Ruangrupa bisher kein einziges kritisches Wort über Papua verloren". Dabei hätten die Papuas wirklich mit Rassismus zu kämpfen: "überall in Indonesien, selbst auf der eigenen Heimatinsel. In den Schulen werden sie von Lehrern als Primitive abgetan, die es nie zu etwas bringen würden. In den Universitäten, auf die sowieso nur die allerwenigsten gelangen, werden sie ausgegrenzt. Indonesier halten sich in Sammeltaxis und Bussen demonstrativ die Nase zu, wenn sie Papuas begegnen - als würden diese bestialisch stinken. Erst im März warnten UN-Vertreter in eindringlichen Worten vor 'schockierenden' Verstößen gegen die Menschenrechte in Papua, einschließlich Tötung von Kindern, Folter, verschwundener Menschen und Massenvertreibungen. ... Kein Wort zu alldem von Ruangrupa, kein kritisches Wort generell zum beschämenden Umgang mit dunkelhäutigen Menschen in Indonesien, und dies trotz aller von der Gruppe zur Schau getragenen Sensibilität für Rassismus."
Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich verabschiedet in seinem jüngsten Buch "Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie" die Idee der autonomen Kunst und die autonomen Künstler gleich mit, die "mit aggressiv-selbstherrlichen Parolen gegen ihren Statusverlust protestieren". Perlentaucher-Autor Peter Truschner ist nicht einverstanden und sieht in seinem "Fotolot" die Probleme der Kunstwelt ganz woanders - im sozialen Elend vieler Künstler in einem zugleich großzügigst subventionierten Betrieb: "Man kann sich vorstellen, zu welch egoistischen und aggressiv-selbstherrlichen Exzessen derart 'privilegierte' Einkommensverhältnisse verführen! Zum Vergleich: Die Direktorin des Kunsthistorischen Museums Wien, Sabine Haag, verdiente 311.900 Euro, der Direktor der Wiener Albertina, Karl Albrecht Schröder, 310.700 Euro. Verhältnisse, die 1:1 auf Deutschland übertragbar sind und Ullrichs Bild autonomer Kunstschaffender im Jahr 2022 als an den Haaren herbeigezogene Absurdität erscheinen lassen."
Außerdem: Im Berliner Haus der Kulturen der Welt suchen Mitglieder der Anthropocene Working Group den "Golden Spike", den Ort, an dem sich der Übergang ins Anthropozän (eine Idee, die viele Geologen offenbar ablehnen) stratigraphisch ablesen lässt, berichtet Petra Ahne in der FAZ.
458 Kulturstätten sind bislang in der Ukraine seit Beginn des Kriegs von russischen Truppen systematisch beschädigt oder zerstört worden, entnimmt Jörg Häntzschel (SZ) einem am Dienstag veröffentlichten Bericht des Conflict Culture Research Network, das von dem amerikanischen Anthropologen Brian Daniels mitgegründet wurde, um Kulturzerstörung in Kriegen via Satellit zu dokumentieren. Ihor Poschywajlo, Direktor des Kiewer Maidan-Museums, berichtet vom "Denkmal eines Soldaten in Gostomel, dem die Russen in die Brust schossen. Vom plattgewalzten Denkmal für den 1974 geborenen Opernstar Wassyl Slipak, der 2016 im Osten der Ukraine von einem Scharfschützen getötet wurde. Von einer Kollegin, die mit einem bekannten Künstler verheiratet ist. Die Russen verbrannten sämtliche seiner Werke im Garten ihres Hauses. 'Putin hat klar gesagt, war er vorhat: Er will alles zerstören, was mit ukrainischer Identität zu tun hat.' Daniels, der den Krieg vom Satelliten aus beobachtet, ist überzeugt, dass Putins Truppen genau das tun: 'Es ist eine Taktik der verbrannten Erde. Es geht darum, die historische Präsenz der Ukraine zu entfernen.'"
Wer wissen will, wie nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland Kunstgeschichte geschrieben und ein neuer Kanon etabliert wurde, sollte nach Wuppertal-Vohwinkel reisen, ins Rathaus. Dort findet er das "Zentrum für verfolgte Künste", dass in einer Lese-Ausstellung die "Vierte Große Kunstausstellung Kassel" des Jahres 1929 mit der ersten Kasseler Documenta 1955 vergleicht, erzählt ein höchst interessierter Hans-Joachim Müller in der Welt. Das verbindende Element ist Documenta-Erfinder Arnold Bode, der an beiden Veranstaltungen beteiligt war. Doch 1955 interessierte er sich nicht mehr für die Künstler von 1929, stellt Müller fest. "Kaum zu erwarten, dass sich die welt- und zukunftsoffenen Documenta-Erfinder kritisch mit der Geschichtslast abmühen und vor europäischem Publikum die eigenen Verfehlungen korrigieren. Zumal im Team Überlebende aus den alten Nazi-Kadern wie Kurt Martin und Werner Haftmann das große Wort führen. Gerade die Entstehung der ersten Documenta zeigt, wie der 'Neubeginn' nicht anders als verbogen und verlogen ausfallen konnte. Das Team Bode wählt den sicheren Weg. Es schließt nicht an 1929 an, sondern geht zurück auf die Zehnerjahre, auf die frühe Moderne, die überall, nur eben nicht mehr in Deutschland, zu den gesicherten Museumsbeständen gehört hat. Und mit dem Rückgriff auf Traditionen vor dem Ersten Weltkrieg wird gleichsam das ganze peinliche Nazi-Kapitel mitsamt der politisch schwankenden und kulturell hochexplosiven Epoche der Weimarer Zeit überblendet."
In der tazberichtet Katrin Gänsler aus Cotonou in Benin, wo 26 Künstler*innen derzeit gemeinsam die 660 Meter lange Hafenmauer bemalen: "Zu den Zielen gehört, die Hafenmauer zum Freiluftmuseum zu verwandeln und Kunst allen zugänglich zu machen. Die Neugierde ist tatsächlich groß, und immer wieder bleiben Fußgänger*innen stehen. Wer im Hafen arbeitet, kann seit Wochen beobachten, wie sich die riesige weiße Mauer langsam verändert. ... 'Das Festival macht sichtbar, dass beninische Künstler Talent haben', sagt Drusille Fagnibo. Gespräche mit Passant*innen seien sehr motivierend. Daraus können spätere Kooperationen entstehen, etwa mit Unternehmen, die eine Wandmalerei oder ein Graffito für ihr Betriebsgelände möchten. Eltern würde das wiederum zeigen, dass sich Kunst zu einem Berufszweig entwickelt. Mittlerweile gibt es mehrere Schulen, die eine Ausbildung anbieten."
Malerei von Verena Loewensberg. Austellungsansicht. Foto: Annik Wetter
Verena Loewensberg gilt neben Max Bill, Richard Paul Lohse und Camille Graeser als Hauptvertreterin der Konkreten Kunst in der Schweiz. Aber zugleich unterscheidet sie sich deutlich von ihren Kollegen, meint in der NZZ Angelika Affentranger-Kirchrath, die im Genfer Museum für moderne und zeitgenössische Kunst vor allem das Rhythmische von Loewensbergs Kunst bewundert: "Die großzügigen Hallen des Museums erlauben es, ganze Serien aus dem Schaffen von Loewensberg panoramaartig zu präsentieren. So entfaltet sich ihr musikalisches Empfinden nochmals anders. Sie spielt ein motivisches Thema in Variationen durch, sie dekliniert, konjugiert und moduliert ihren Formenschatz in je anderen Farbkonstellationen. Jedes Bild ist eine Einheit für sich und leitet doch zum nächsten der Reihe über. Im Raum mit den lichten Streifenbildern aus den siebziger Jahren möchte man gerne lange verweilen, so wohltuend für Geist und Auge ist seine Ausstrahlung."
Weitere Artikel: Michael Bienert besucht für den Tagesspiegel das neue George-Grosz-Museum in Berlin. Susanna Petrin berichtet in der NZZ von ihrem Versuch mit NFT "endlich Millionärin" zu werden.
Besprochen werden eine Schau von Guðný Guðmundsdóttir im Pavillon der Lübecker Overbeck-Gesellschaft (taz), eine Ausstellung zum Werk des Performance-Künstlers Klaus Rinke in der Berliner Haubrok Foundation (taz), Installationen der afroamerikanischen Künstlerin Carrie Mae Weems im Württembergischen Kunstverein Stuttgart (die "seit Jahrzehnten ungelöste Fragen von Diskriminierung, Identität, Gender" verhandelt, so Georg Imdahl in der FAZ) und Grafiken von Edvard Munch im Kunstforum Ingelheim (FAZ)
Glyn Philpot: Portrait of Tom Whiskey (M Julien Zaïre), 1931-32. Bild: Richard Osborn Fine Art Als tolle Wiederentdeckung feiert Hettie Judah im Guardian den britischen Maler Glyn Philpot, dem das Pallant House in Chichester eine Ausstellung widmet: "Philpot erscheint als ein Künstler - als ein Mann -, den es in verschiedene Richtungen zog. Er war praktizierender Katholik und schwul, fasziniert von Schauspiel und Maskeraden. Sein Interesse am männlichen Körper setzte er in (manchmal seltsamen) symbolistischen Arbeiten zu klassischen Themen um. Von den Entwicklungen in Paris und Berlin beeinflusst, experimentierte er in den dreißiger Jahren mit dem Modernismus und malte das Chrom und Glas der nun funkelnden Städte. Angelehnt an Picasso, Cocteau und Matisse wurde Philpots neuer Stil nicht sonderlich geschätzt. Sein Faible für Schwarze war zu jener Zeit ungewöhnlich. Einige waren Schauspieler: Das Porträt von Paul Robeson als Othello (1939) wurde erst bei Nachforschungen für diese Ausstellung entdeckt. In Paris malte er Julien Zaïre, einem Künstler aus Martinique, der im Kabarett als Tom Whiskey auftrat. An die Stahlrohrmöbel eines schicken Interieurs gelehnt, ist Zaïre der Inbegriff gutaussehenderKultiviertheit im Smoking." (Mehr über Glyn Philpot: hier)
Heute will das Auktionshaus Christie's eine Zeichnung versteigern lassen, die neuerdings und mit schwachen Argumenten Michelangelo zugeschrieben wird, wie Kia Vahland in der SZschreibt. Sie sieht in der Zunahme fragwürdiger Zuschreibungen eine Folge schwindender Kennerschaft: "Nur noch wenige Kunsthistoriker sind bereit, ihr Forscherleben einer einzigen Künstlerin oder einer einzigen Technik zu widmen. Das hat viele Gründe: Wer zu spezialisiert ist, hat kaum Jobs zur Auswahl. Kennerschaft erfordert mehr Geduld, als ein auf Output ausgerichteter Wissenschaftsbetrieb erlaubt. Nicht mehr an jeder Universität werden Stil-, Motiv- und Materialanalyse überhaupt noch ausführlich gelehrt; ausgedient hat vielerorts auch der Postkartentest: 'Wie datieren Sie diese Madonnenskulptur?'"
Besprochen werden die Ausstellung "Radical Landscapes" in der Tate Liverpool (Obrserver) und die von der Familie kuratierte Basquiat-Ausstellung "King Pleasure" im New Yorker Starrett-Lehigh Building (SZ).
Brice Marden: Muses Drwaing, 1989/91. Bild: Kunstmuseum Basel NZZ-Kritiker Philipp Meier hört die Zen-Poesie erklingen aus den Bildern des Amerikaners Brice Marden, dem das Kunstmuseum Basel eine Ausstellung widmet: "Zwar hat Marden wie seine Künstlerkollegen der Minimal Art mit kühler Reduktion, monochromen Paneelen und gedämpften Farbtönen auf die emotionsgeladene Malerei der Meister des abstrakten Expressionismus reagiert. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Seine Arbeiten basieren auf Erlebnissen und Sinneseindrücken, auf Gefühl also und nichts anderem: 'I think of myself as a romantic artist', hat Brice Marden einmal gesagt. Was allerdings diese Gefühle betrifft, so ist Marden ein Meister der Regie. Er versteht sich auf die Kunst, nur das Wesentliche zu offenbaren. Er hat seine Gefühle unter Kontrolle wie der Jazzmusiker sein Instrument, der Dichter seine Worte, der Kalligraf seinen Stift oder Pinsel. Marden setzt das Emotionale sparsam ein, in kleinen Dosen mischt er es unter seine Farben. Kostbare Destillate sind seine Zeichnungen. Und so verstärkt er die Wirkung."
Besprochen werden die David-Hockney-Schau in der Berliner Gemäldegalerie (die FR-Kritikerin Ingeborg Ruthe als Geschenk für alle bezeichnet, "die nie an den Tod der Malerei glaubten", Monopol), Gustav Klimts Zeichnungen in der Wiener Albertina modern (FAZ).
Im Tagesspiegelbemerkt Birgit Rieger, dass sich Kulturstaatsministerin Claudia Roth in der Auseinandersetzung um die Documenta-Kuratoren von Ruangrupa an die Seite des jüdischen Zentralrats gestellt hat. In einer gemeinsamen Erklärung erklären Roth und Josef Schuster, Boykotten gegen israelische Künstler entgegentreten zu wollen: "Bleibt die Frage, wie, wo und mit wem diese Dinge im Rahmen der Documenta erörtert werden? Was heißt, den Boykotten entgegentreten? Und wer holt Ruangrupa wieder ins Boot?"
Anetta Kahane kritisiert in der FR mit Blick auf die Debatte um die Gruppe Ruangrupa und ihren Text, dass beim Antisemitismus mit zweierlei Maß gemessen wird. "Man stelle sich dieses Geschehen mit schwarzen Künstlern vor, denen bei Kritik gesagt wird, wo man Rassismus sehe und wo nicht und wann sie mitreden dürften, wenn sie nicht einverstanden sind."
Bild: Hanna Nagel. Traum. 1931. Kunsthalle Mannheim Wie konnte diese Künstlerin nur in Vergessenheit geraten, fragt Sandra Danicke in der FR nach dem Besuch in der Kunsthalle Mannheim, die Hanna Nagel, der "Pionierin feministischer Kunst" nun eine Ausstellung widmet. In den etwa 190 Papier-Arbeiten ist das eindringliche Werk der Künstlerin zu sehen, die sich mit Themen wie Selbstmord, Scheitern, Träumen und dem Geschlechterverhältnis beschäftigte: "Nagel geht es stets um den Menschen in seiner Zeit, häufig mit wenigen Strichen auf den Punkt gebracht. Darunter Caféhausszenen, wie man sie aus dieser Zeit auch von Kolleginnen und Kollegen wie Jeanne Mammen oder Christian Schad kennt. ... Immer wieder spielt sie das Rollenverhältnis zwischen Mann und Frau - ihrem Mann und ihr selbst - durch. Mal ist er dominanter Unterdrücker, mal Gedemütigter. Mal zeigt sie ihn als König, mal als Marionette in ihren Händen. Sie führt ihn an der Leine, er küsst ihr die Füße, sie erschießt ihn. Er zertritt sie und trägt dabei ein Priestergewand. Er operiert Geldstücke aus ihrer Brust, steckt sie ins Portemonnaie."
Gut die Hälfte des Werkes von George Grosz ist verschollen, bis heute zeigen ihn nur wenige deutsche Museen, weißtaz-Kritikerin Renata Stih, die sich umso mehr freut, dass in Berlin-Schöneberg nun das Kleine Grosz Museum eröffnet hat. Die Auftaktausstellung "Gross vor Grosz" zeigt frühe Arbeiten des 1893 als Georg Ehrenfried Gross geborenen Künstlers: "Fliegende Soldaten kann man auf den Skizzen eines Neunjährigen sehen, Ritterburgen auf den präzisen Zeichnungen eines Jugendlichen, und auf den Feder- und Aquarellarbeiten eines Studierenden in Berlin lässt sich ein späteres Sujet ausmachen: die Realität der Großstadt. Schon in den 1910er Jahren zeichnet sich auf diesen veristischen Bildern von Schlägern und Gaunern zwischen Berliner Baracken jener scharfe Grosz'sche Stil ab, für den er heute so weltbekannt ist."
Mit dem Erstarken des BDS wächst die Ausgrenzung israelischer Künstler, hält Boris Pofalla in der Welt fest, der mit Künstlern, Kuratoren und Kulturschaffenden aus Israel gesprochen hat. Eine Kuratorin erzählt: "'Menschen in der Kunstwelt … üben Druck aus, damit Institutionen sich mehr in Richtung BDS orientieren.' Nicht alle seien überzeugt, dass dieser Boykott richtig sei, aber sie machten mit, um Ärger zu vermeiden. Und Ärger gibt es immer wieder. (…) Dieser Opportunismus ist eine Erfolgsstrategie von BDSAnhängern: Preise und Stipendien in der staatlichen Förderlandschaft mitnehmen und zugleich alles mit Israel Assoziierte von kulturellen Plattformen fernhalten."
Außerdem: Stephanie Rosenthal, Direktorin des Berliner Gropius Baus, wechselt zum Guggenheim Abu Dhabi Project, meldet der Tagesspiegel. Für die NZZporträtiert Marion Löhndorf Steve McQueen, dessen aktuelle Videoinstallation "Sunshine State" derzeit in der Industriehalle des Hangar Bicocca in Mailand gezeigt wird.
In Geschichte der Gegenwartdenkt der Historiker Philipp Sarasin über die Wirkung von Bildern aus dem Krieg nach. Seit Susan Sontags Essays zu dem Thema hat sich einiges geändert: Vor allem durch die sozialen Medien. Dass sie emotionalisieren, ist nicht neu, so Sarasin. "Die Frage lautet heute nur, ob diese Emotionalisierung - dieses Schockieren, Aufrütteln, etc. - als irgendwie begründet und berechtigt empfunden wird, oder eben nicht. Wenn Habermas die Emotionalisierung zurückweist, dann entweder, weil sie ihm politisch als unbegründet erscheint - oder weil sie eine bisher eher verschwiegene Regel seiner Diskursethik verletzt: Schreie niemals um Hilfe, wenn mündige Bürger:innen gerade dabei sind, das beste Argument zu ermitteln. (Und natürlich: Verwende dazu niemals Bilder!)"
In der SZ warnt Catrin Lorch: Ruangrupa könnte die Documenta absagen, wenn sie weiter wegen ihrer positiven Einstellung zur Israel-Boykott-Organisation BDS kritisiert werden. Schließlich könne man das auch als Rassismus verstehen: "Die Bio-Reisbauern, die asiatischen Feministinnen und indischen Lehrer, die in den bisherigen Künstlergesprächen zu Wort kamen, sollte man nicht unterschätzen: Sie alle reklamieren in der Auseinandersetzung, die sich jetzt abzeichnet, die Position des globalen Südens, in der Sprache der internationalen Szene als 'The South' apostrophiert. In ihrem Brief betonen sie, dass Antisemitismusvorwürfe vor allem schnell gegen Menschen aus dem Süden und aus dem Nahen Osten erhoben werden."
Für Marcus Woeller (Welt) zeigt der Brief Ruangrupas vor allem, "das Unvermögen wie den Unwillen der Documenta-Leitung, sich überhaupt mit Kritik auseinanderzusetzen. Stattdessen propagiert sie die Schuldumkehr, unterstellt ihren Kritikern Rassismus." Woeller weist auch darauf hin, dass der Brief "auf Englisch bei eflux erschienen ist. Das OnlineKunstmagazin darf spätestens seit der Veröffentlichung eines 'Letter Against Apartheid' im Mai 2021 - er wirft Israel 'Massaker' an Palästinensern vor und wurde auch von Ruangrupa-Mitglied Farid Rakun unterstützt - als Unterstützer der Kampagne 'Boycott, Divestment and Sanctions' (BDS) gelten." Alles in allem zeigt ihm die abgelehnte Debatte, dass die Organisatoren der Documenta vor allem "wollen, dass der BDS in Deutschland nicht nur nicht als antisemitisch definiert, sondern vielmehr salonfähig gemacht wird."
Weitere Artikel: Für die Zeit besucht Tobias Timm in einem struppigen Teil Berlin-Schönebergs das neue George-Grosz-Museum.
Besprochen werden die große Renoir-Ausstellung im Frankfurter Städel Museum (NZZ), Marie Noëlles Dokudrama "Heinrich Vogeler - Aus dem Leben eines Träumers" (taz), die Ausstellung "Erfolgsprogramm Künstlerbücher - Der Verlag der Buchhandlung Walther König" im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst (FR, FAZ), die Ausstellung "Architectures of Cohabitation" über Architektur und Artenschutz im Berliner Schau Fenster (SZ).
Supernova aus Lila und Pink beim Unboxed-Festival. Foto: Dreamachine Einen fantastischen Vormittag verbrachteGuardian-Kritiker Jonathan Jones auf dem Unboxed-Festival in Woolwich, wo ihm die das Künstlerkollektiv Assemble und der Musiker Jon Hopkins mit Dreamachinewahrhaftpsychedelische Momente bescherten. Nicht durch Drogen induziert, sondern durch Lichttechnik, aber immerhin auf Staatskosten! "Zu Beginn füllt man ein medizinisches Formular ausfüllen, verstaut seine Sachen in einem Schließfach und zieht die Schuhe aus, bevor man in einer Gruppe sanft in eine kreisrunde Kammer geführt wird, in der man sich in eine bequeme Liege zurücklehnt, mit Lautsprechern an beiden Seiten des Kopfes. Die Einführung verheißt Spannung und Gefahr. Kann sie dem Drama gerecht werden? Ja, sie kann. Der pulsierende Soundtrack wird lauter, während man sich mit geschlossenen Augen zurücklehnt und der Raum sich verdunkelt, was man durch die Augenlider wahrnimmt. Dann fängt es an, und ich sehe, wie sich eine große Wolke warmes Lila vor mir ausbreitet, pinker Nebel erfüllt den Raum. Die Geschwindigkeit und Helligkeit des aufblitzenden weißen Lichts wechselt (glaube ich), und ich werde von einem Himmel leuchtenden Oranges geblendet - einem Orangenmarmeladenhimmel. Aber es ist doch weniger ein Himmel als eine Farbwand, funkelnd und elektrisierend. Und in mir drin."
In der Weltärgert sich Swantje Karich über den Brief der Documenta-Macher, mit dem diese die Absage ihrer angekündigten Gesprächsreihe zum Antisemitismus begründeten. "Die Absender: das Künstlerkollektiv 'Ruangrupa, das Artistic Team der documenta fifteen und einige Kurator*innen des gescheiterten Gesprächsforums'. Sie rechnen mit dem antideutschen Blog, der die Vorwürfe losgetreten hat (rassistische Motive) ab, bezichtigen den Zentralrat der Falschaussage (er war informiert), kritisieren die deutschen Feuilletons (Arbeiten mit Gerüchten) und geben ihre Einschätzung zum Widerstands gegen den Staat Israel (muss man aushalten) ab." Und dem Zentralrat der Juden? "Dem bleibt nach Lektüre nur eine ungeheuerliche Botschaft: Eure Worte zählen nicht."
Weiteres: In der NZZ stellt Philipp Meier klar, dass die nun für 195 Millionen Dollar verkaufte Warhol-Madonna "Shot Sage Blue Marilyn" von 1964 den Rekord für ein Werk des 20. Jahrhunderts bei Versteigerungen hält, im privaten Handel wurden schon weit höhere Preise erzielt. In der NYTimes hätte Warhol-Biograf Blake Gopnik einen Marilyn-Druck aus dem Jahr 1962 bevorzugt, der viel stärker Warhols Trauer zum Ausdruck bringe als die nun versteigerte strahlende Pop-Ikone. In der FAZ empfiehlt Ursula Scheer fürs gute Investment Werke von Künstlerinnen, die noch allesamt unterbewertet seien.