Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

3770 Presseschau-Absätze - Seite 126 von 377

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.05.2022 - Kunst

Supernova aus Lila und Pink beim Unboxed-Festival. Foto: Dreamachine 

Einen fantastischen Vormittag verbrachte Guardian-Kritiker Jonathan Jones auf dem Unboxed-Festival in Woolwich, wo ihm die das Künstlerkollektiv Assemble und der Musiker Jon Hopkins mit Dreamachine wahrhaft psychedelische Momente bescherten. Nicht durch Drogen induziert, sondern durch Lichttechnik, aber immerhin auf Staatskosten! "Zu Beginn füllt man ein medizinisches Formular ausfüllen, verstaut seine Sachen in einem Schließfach und zieht die Schuhe aus, bevor man in  einer Gruppe sanft in eine kreisrunde Kammer geführt wird, in der man sich in eine bequeme Liege zurücklehnt, mit Lautsprechern an beiden Seiten des Kopfes. Die Einführung verheißt Spannung und Gefahr. Kann sie dem Drama gerecht werden? Ja, sie kann. Der pulsierende Soundtrack wird lauter, während man sich mit geschlossenen Augen zurücklehnt und der Raum sich verdunkelt, was man durch die Augenlider wahrnimmt. Dann fängt es an, und ich sehe, wie sich eine große Wolke warmes Lila vor mir ausbreitet, pinker Nebel erfüllt den Raum. Die Geschwindigkeit und Helligkeit des aufblitzenden weißen Lichts wechselt (glaube ich), und ich werde von einem Himmel leuchtenden Oranges geblendet - einem Orangenmarmeladenhimmel. Aber es ist doch weniger ein Himmel als eine Farbwand, funkelnd und elektrisierend. Und in mir drin."
 
In der Welt ärgert sich Swantje Karich über den Brief der Documenta-Macher, mit dem diese die Absage ihrer angekündigten Gesprächsreihe zum Antisemitismus begründeten. "Die Absender: das Künstlerkollektiv 'Ruangrupa, das Artistic Team der documenta fifteen und einige Kurator*innen des gescheiterten Gesprächsforums'. Sie rechnen mit dem antideutschen Blog, der die Vorwürfe losgetreten hat (rassistische Motive) ab, bezichtigen den Zentralrat der Falschaussage (er war informiert), kritisieren die deutschen Feuilletons (Arbeiten mit Gerüchten) und geben ihre Einschätzung zum Widerstands gegen den Staat Israel (muss man aushalten) ab." Und dem Zentralrat der Juden? "Dem bleibt nach Lektüre nur eine ungeheuerliche Botschaft: Eure Worte zählen nicht."

Weiteres: In der NZZ stellt Philipp Meier klar, dass die nun für 195 Millionen Dollar verkaufte Warhol-Madonna "Shot Sage Blue Marilyn" von 1964 den Rekord für ein Werk des 20. Jahrhunderts bei Versteigerungen hält, im privaten Handel wurden schon weit höhere Preise erzielt. In der NYTimes hätte Warhol-Biograf Blake Gopnik einen Marilyn-Druck aus dem Jahr 1962 bevorzugt, der viel stärker Warhols Trauer zum Ausdruck bringe als die nun versteigerte strahlende Pop-Ikone. In der FAZ empfiehlt Ursula Scheer fürs gute Investment Werke von Künstlerinnen, die noch allesamt unterbewertet seien.

Besprochen werden die Gego-Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart (SZ), die Gastausstellung "Opera Opera. Allegro man non troppo" des römischen Kunstmuseums Maxxi im Berliner Palais Populaire (BlZ) und die Kunstsammlung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands in St.Pölten (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.05.2022 - Kunst

In der vorigen Woche hat das Kuratorenkollektiv der Documenta 15, Ruangrupa, eine Gesprächsreihe abgesagt, in der die Vorwürfe der BDS-Nähe und des Antisemitismus behandelt werden sollten (unser Resümee). In einem Offenen Brief nimmt das Kuratorenteam Ruangrupa Stellung, vor allem auch zu der Beschwerde des Jüdischen Zentralrats, nicht eingeladen und nicht gehört worden zu sein: "Offizielle Repräsentant*innen von Glaubensgemeinschaften, Parteien und Verbänden wurden jedoch bewusst nicht eingeladen. Eine solche Repräsentation ist auch nicht die Aufgabe einer Kunstinstitution." Es sei jedoch darauf geachtet worden, "unterschiedliche Perspektiven einzuladen - darunter auch solche, die der offiziellen Position des Zentralrats im Kern entsprechen und teilweise im Zentralrat auch institutionell eingebunden sind ... Wer diese politische Debatte vorab ausschlägt, verlässt das Gespräch, bevor es begonnen hat. Wer aber dieses Gespräch gar nicht zulassen will, sondern bestimmen möchte, wer und was in diesem Widerstreit als diskutabel gilt, sollte dies auch öffentlich kund tun, anstatt Kritik an organisatorischen und kuratorischen Details der geplanten Panels vorzuschieben."

In der FAZ freut sich Ursula Scheer, dass die fantastische Paula-Rego-Retrospektive nach ihren Stationen in London und Den Haag nun in Malaga ganz ohne Corona-bedingte Restriktionen zu sehen ist (unsere Resümees hier und hier), betont aber: "Ihre Schaffenskraft scheint unerschöpflich - eine Retrospektive allein wird ihr nicht gerecht."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.05.2022 - Kunst

Franz Gertsch: "Gräser IX", 2020. Bild: Museum Franz Gertsch

NZZ
-Kritiker Philipp Meier versinkt in den Tiefen des Blaus, das in den Bildern des Schweizer Malers Franz Gertsch seine eigene Magie entfaltet, wie das Museum Gertsch jetzt zeigt: "Gertsch kommt einem vor wie einer jener fernöstlichen Eremiten, die sich vom Klamauk der Welt zurückziehen, um in meditativer Versunkenheit der Natur zu lauschen. Seinen Bezug zur fernöstlichen Philosophie verhehlt Gertsch nicht. Mit Zen, auch mit Tai-Chi hat er sich auseinandergesetzt. Das schwingt mit in diesen vergeistigten blauen Naturmeditationen. Warum aber diese Filterwirkung in Blau? Gertsch will nicht einfach das Sichtbare der Natur wiedergeben, sondern etwas sichtbar machen. Die Menschen sollen selber sehen. Und tatsächlich setzt sich vor dem inneren Auge alles stimmig zu einer real farbigen Landschaft zusammen. Es ist wie mit der ostasiatischen Tuschmalerei, die alle Farben enthält. "

Im SZ-Interview mit Catrin Lorch pocht die Konzeptkünstlerin Barbara Kruger, deren Plakat- und Wortinstallationen gerade in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gezeigt werden, auf die Kraft von Slogans und Rhetorik: "Joe Biden kann kaum einen Satz rausbringen, ich kann dabei kaum zuschauen. Und bei Kamala Harris ist es genauso. Nancy Pelosi ist eine mutige und bewundernswerte Figur, eine geschickte Verhandlerin, die Macht versteht. Aber es ist befremdlich, jemanden 'Speaker' zu nennen, dessen öffentliche Rede so ineffektiv ist. Viele stellen fest, dass sie nicht für die Demokraten stimmen können, weil die nicht ideologisch stark oder mutig auftreten. Sie haben das Gefühl, dass sie ihrem Gewissen folgen müssen, wenn sie wählen. Aber die Welt ist größer als ihr narzisstisches Gewissen. Bis wir nicht auch auf der Linken mächtige, verführerische Polemiker haben, wird sich das nicht aufhalten lassen. Wir werden in Schwierigkeiten geraten, auch in Europa."

Weiteres: In der SZ berichtet Mette Mølgaard, dass sich Dänemarkt noch immer keinen Reim auf die Aktion der Performance-Künstlerin Ibi-Pippi Orup Hedegaard machen kann, die ein Werk des Situationisten Asger Jorn signierte (unser Resümee).

Besprochen werden die große Marcel-Duchamp-Retrospektive im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt (taz), die Angela-Merkel-Porträts der Fotografin Herlinde Koelbl im Deutschen Historischen Museum (FAZ) sowie die Parallelausstellungen von Georg Baselitz, Ugo Rondinone oder Anish Kapoor zur Biennale in Venedig (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.05.2022 - Kunst

Cecilia Reynoso, "Gaviota serving desert",aus der Serie "The Flowers Family", 2014. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin


Im Interview mit Monopol erklären Koyo Kouoh und Rasha Salti, künstlerische Leiterinnen der der 8. Triennale der Fotografie in Hamburg, wo die Fotografie heute steht und warum ihnen der "Black Gaze" wichtig ist: "Wir interessierten uns bei dieser Triennale für Porträtfotografen, die sich selbst eben nicht als Außenseiter oder als Porträtisten verstehen, sondern die aus dem Inneren einer Community kommen. Man denke nur an Claudia Andujar, die schweizerisch-brasilianische Fotografin. Sie fing in den 1960er-Jahren mit einer Reportage über einen indigenen Stamm im Amazonas-Regenwald an. Langsam aber sicher veränderte sich ihre Position, je mehr Zeit sie mit ihnen verbrachte: weg von der anfänglichen Empathie hin zu einer Identifikation mit den Indigenen. Nur zehn Jahre später war Andujar bei ihren experimentellen Montagen angelangt, die die Welt durch die Augen dieses Stammes und mit deren Interpretationen sehen wollen."

Utagawa Hirokage, Große Schlacht zwischen den Truppen der Fische und des Gemüses, 1859. © Samurai Museum Berlin. Foto: Norbert Artner


Die Samurai waren nicht nur eine Kriegerkaste, sie waren auch eine Kulturkaste, die die Basis für das legten, was wir heute unter japanischer Kunst verstehen, lernt Andreas Platthaus (FAZ) im Samurai-Museum Berlin, das am Sonntag mit 1000 Exponaten aus der Sammlung von Peter Janssen eröffnet. Die Kunst ist toll, aber wie sie dargeboten wird, beeindruckt den Kritiker fast noch mehr: "Was Ars Electronica sich alles hat einfallen lassen, ist bemerkenswert. Klassische Beschilderungen der Objekte gibt es gar nicht, alle Erläuterungen erfolgen über Bildschirme neben den Vitrinen. Bewegungsmelder aktivieren die Beleuchtungen oder auch kurze Begleitfilme, und am Ende des großen Saals im Erdgeschoss steht eine aus Japan nach Berlin verpflanzte -Theaterbühne, für die im Herkunftsland zentrale Szenen berühmter Stücke mit echten Darstellern vor Greenscreen aufgenommen wurden, um hier auf Gazeflächen projiziert zu werden - ein unglaublich lebensechter Effekt. ... Was hier vorgeführt wird, ist Museumspädagogik in derzeit möglicher Vollendung."

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Chaekgeori" über koreanische Bücherwandkunst im Wiener Weltmuseum (Standard) und die Gauguin-Ausstellung in der Alten Nationalgalerie in Berlin (die die Kuratorin Lynhan Balatbat-Helbock in der FAS verreißt. Sie hofft möglichst bald auf "die konsequente Ablehnung von frauenverachtenden Bildnissen und Werken".)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.05.2022 - Kunst

Jan Matejko, Stańczyk, 1862, Nationalmuseum in Warschau


Im Tagesspiegel empfiehlt Katrin Hillgruber wärmstens die "Stillen Rebellen" in der Münchner Hypo-Kunsthalle: eine Schau mit polnischen Künstlern, die Polens kulturelle Identität prägten. "130 der bedeutendsten Gemälde Polens sind in dieser Dichte erstmals in Deutschland zu sehen, viele wurden noch nie im Ausland gezeigt. Darunter befindet sich der zum Briefmarken-Motiv geadelte 'Polnische Hamlet' des Matejko-Schülers Jacek Malczewski von 1903: Es zeigt den Regierungschef Kongresspolens Wielopolski Blütenblätter zupfend zwischen einer gefesselten alten und einer befreiten jungen Polonia. Mit 'Stille Rebellen' dokumentiert die Kunsthalle einen blinden Fleck in der westlichen Wahrnehmung - von einem 'peinlichen Manko' spricht Kuratorin Nerina Santorius. ... Durch den russischen Überfall auf die Ukraine haben die 'Stillen Rebellen' eine traurige Aktualität erlangt. Denn auch dem besetzten Polen sprach Russland wie jetzt der Ukraine eine eigene kulturelle Identität ab; ab 1880 war in Verwaltungsdokumenten nur vom 'Weichselland' die Rede."

Khalil Zgaib, Untitled, 1958. Courtesy: Saleh Barkat Collection / Agial Art Gallery


Nicht weniger interessant findet FAZ-Kritiker Georg Imdahl die Ausstellung "Beirut and the Golden Sixties" im Berliner Gropius-Bau, die die Vorgeschichte der libanesischen Kunst, die heute in allen Großausstellungen zu sehen ist, vorstellt: "In der Ausstellung im Gropiusbau ist durchgehend der Wille unterschiedlichster Künstler spürbar, die Spannungen der Zeit zu erfassen. ... So wähnt man sich in der Schau mit ihren zweihundert Gemälden, Skulpturen, Grafiken und zahlreichen Archivalien vom ersten Werk an am gesellschaftlichen und politischen Pulsschlag der arabischen Metropole, dies selbst bei einer naiven Malerei wie einer Hafenszene des Autodidakten Khalil Zgaib aus dem Jahr 1958. Der gelernte Friseur schildert die Invasion der amerikanischen Marines an der Südküste von Khaldeh und damit ein dramatisches Kapitel der Zeitgeschichte, als die Vereinigten Staaten unter Präsident Eisenhower einen libanesischen Regierungswechsel betrieben. Auf U-Booten und Kriegsschiffen reihen sich die Invasoren wie Zinnsoldaten auf, Strand, Meer und Himmel sind als Bildgründe akkurat gestapelt. Zgaib sollte später dann, 1975, im libanesischen Bürgerkrieg umkommen."

Weiteres: In der FAZ blickt Stefan Trinks kritisch auf die Documenta, die nach Vorwürfen des Antisemitismus eine angekündigte Gesprächsreihe (unser Resümee) "ohne wirkliche inhaltliche Begründung" einfach wieder abgesagt hat. "Das Kuratorenkollektiv Ruangrupa wolle 'zunächst die Ausstellung beginnen und für sich sprechen lassen'. Abermals hat sich die Documenta XV somit für eine Umkehrung des üblichen Verfahrens entschieden: Man lässt das Kind erst in den Brunnen fallen und fragt es dann, wie tief das Wasser sei." Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Varlin/Moser: Exzessiv!" im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.05.2022 - Kunst

Die Documenta hat ihre Gesprächsreihe abgesetzt, die sie nach Antisemitismusvorwürfen angeboten hatte (unser Resümee), berichtet Swantje Karich in der Welt. "'Zum jetzigen Zeitpunkt scheint das Ziel, mit der Gesprächsreihe einen offenen, multiperspektivischen Dialog zu eröffnen, nur schwer realisierbar.' Das ist eine Ansage, die viel erzählt über das krachende Scheitern des Kassler Krisenmanagments", meint Karich, die über die patzige Art der Absage staunt. "Der Oberbürgermeister der Stadt Kassel und Aufsichtsratsvorsitzende der Documenta, Christian Geselle, hat sich mit seinem immer gleichen Kunstfreiheits-Lamento zu Wort gemeldet, keine Zeile zur Frage des Antisemitismus: 'Es ist die künstlerische Freiheit der Documenta, die geplante Veranstaltungsreihe We need to talk. Art - Freedom - Solidarity vorerst auszusetzen und ein verändertes Format für Gespräche zu entwickeln.'"

Soeren Baptism Yawei Chen Mona Nguyen Minju Oh, Bottom Recreation Center, 2022, VR installation, Courtesy: the artists


Sandra Danicke hat sich für die FR beim Festival der jungen Talente im Frankfurter Kunstverein umgesehen und bleibt an einem Pilz hängen: Man bekommt "eine Ahnung von dem, was in Pflanzen und Pilzen vor sich geht", mit dem Projekt "Transitions of Transmissions", schwärmt sie: "Man sieht und hört Pflanzen atmen oder vernimmt ihren Herzschlag. Genau genommen ist es natürlich kein Herzschlag, es handelt sich um bio-elektrische Felder, die mithilfe von elektronischen Geräten hörbar gemacht werden und mit menschlichen Performerinnen und Performern eine Art Dialog führen. Eine Jam-Session zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren also, bei der die Pflanzen und Pilze den Ton angeben. Zum Einsatz kommen unter anderem ein Klavier und eine Paella-Pfanne. Wer hätte gedacht, dass ein Baumpilz aus dem Frankfurter Stadtwald zu hektischem Geblubber imstande ist? Bloß: Was will er uns sagen? Der Pilz reagiere auf Berührung, erzählt Sarah Melz, eine der Performerinnen. 'Er braucht etwa zehn Minuten, bis er sich eingegroovt hat. Dann singt er mit.' Was für ein Erlebnis."

Weiteres: Gunda Bartels unterhält sich für den Tagesspiegel mit Anna Havemann, die das "Haus Kunst Mitte" in Berlin wiedereröffnet hat. Natalie Mayroth berichtet in der taz von der Kunstmesse in Neu Delhi. Besprochen wird eine Ausstellung der Graphic Novel "treiben" von Bernadette Schweihoff in der Kommunalen Galerie Wilmersdorf (taz)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.05.2022 - Kunst

Walter Scikert: L'Affair de Camden Town, 1909. Bild: Tate Britain

Hervorragend kuratiert findet Laura Cummings im Observer die große Walter-Sickert-Ausstellung in der Tate Britain, die den britischen Maler als Meister des Bösen zeigt, besonders verstörend in seiner Serie "The Camden Town Murder": "Sickert hat die menschliche Anatomie so oft verzerrt (oder einfach verfälscht), dass sich die Frage stellt, wie hart er an dieser dunklen Zweideutigkeit gearbeitet hat. Der Titel dieses Werks bezieht sich auf den Mord an einer Frau namens Emily Dimmock in Camden Town im Jahr 1907. Sickerts Gemälde verbinden beunruhigend Tatort, Ateliereinrichtung und Sozialgeschichte, er liebte es, die Dinge mit ablenkenden Titeln weiter zu verwirren. Ein Bild heißt 'What Shall We Do for the Rent?' Der letzte Essay im ausgezeichneten Katalog der Ausstellung präsentiert einige forensische Beweise über Sickert selbst. Es stellt sich heraus, dass er einer von jenen war, die sich in Briefen an die Polizei als Jack the Ripper ausgaben. Was diesen abscheulichen Akt mit seinen Gemälden verbindet, scheint (zumindest mir) in den emotionalen Grenzen von Sickerts Kunst zu liegen. Was auch immer seinen Sujets widerfährt, es erscheint zunächst - und manchmal auch zuletzt - immer nur als Vorwand für Formen, für Formgebung und Gestaltung, für eine aufsehenerregende, von glühend bis graubraun reichende Palette, letztlich für die Faszination des Pinselstrichs. Die Stimmung ist wichtiger als die Bedeutung, die tonalen Harmonien wichtiger als der Mensch." (Hier der Katalog zur Ausstellung)

Barbara Kruger: Bitte lachen / Please cry, 2022. Ausstellungsansicht. Foto: Timo Ohler / Neue Nationalgalerie

Als eine der schärfsten Kritikerinnen unserer Medienwelt schätzt Ingeborg Ruthe in der FR die amerikanische Künstlerin Barbara Kruger, die in der Neuen Nationalgalerie in Berlin die den gesamten Boden der oberen Halle mit ihren Textbotschaften ausgelegt hat: "Algorithmen werten nicht und haben keine Gefühle. Als geistiges und emotionales Gegenmittel setzt Barbara Kruger in ihre Schriftbilder auf Vinyl nachdenkliche Äußerungen von Schriftstellern: Zitate von George Orwell, Walter Benjamin und James Baldwin, auch nachlesbar in einer Zeitung zur Ausstellung in Berlins Nationalgalerie . 'Wenn Sie sich ein Bild von der Zukunft machen wollen'", zitiert sie Orwells '1984' so sarkastisch wie wenig tröstlich, 'dann stellen Sie sich einen Stiefel vor, der auf einem menschlichen Gesicht herumtrampelt. Unaufhörlich…" Und dazu ein greinendes Emoji." (Mehr von Barbara Kruger: hier)

Weiteres: In der NZZ freut sich Philipp Meier, dass Skulpturen von Sol LeWitt und Walter De Maria im schweizerischen Uster ein neues Zuhause gefunden haben.

Besprochen werden die große Raffael-Schau in der National Gallery in London (der SZ-Kritikerin Kia Vahaland auch die Einsicht entnimmt, dass Menschen einander braucehn: "Raffael ist ein Beziehungsmaler") und die Schau "Arte e sensualità nelle case di Pompei" im Archäologischen Park von Pompeji (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.05.2022 - Kunst

Von der Biennale in Venedig aus ruft Philipp Meier in der NZZ dazu auf, die Kunst mit ihrem vorbewussten Sensorium als Seismograf für den Wandel der Zeit ernstzunehmen. Dem Menschen werden Grenzen aufgezeigt, bemerkt der Kritiker, während sich andere Gewissheiten auflösen: "Kunst von heute mutet oft wie ein Surrealismus des digitalen Zeitalters an. Hybride und Cyborgs als Erscheinungen der Spekulationen über Fortpflanzungstechnik, Transplantationsmedizin, Robotik und künstliche Intelligenz bevölkern die Phantasien und Visionen der zeitgenössischen Kunstproduktion. Darin spiegelt sich die Euphorie über Metamorphosen ebenso wie die Angst vor unheimlichen Mutationen. Und während sich die einen Kunstschaffenden ergreifen lassen vom Optimismus, den die Möglichkeiten der endlosen Optimierung und Perfektionierung von Leben und Körpern befördern, verfallen die anderen der dystopischen Vorstellung eines völligen Verlusts der Kontrolle an Maschinen, die die Macht über die Welt übernehmen."

Besprochen werden die große Lygia-Pape-Retrospektive in der Kunstsammlung NRW (FAZ), die Gauguin-Ausstellung "Why Are You Angry?" in der Alten Nationalgalerie in Berlin (SZ) und die bahnbrechende Ausstellung über Künstlerateliers "A Century of The Artist's Studio" in der Whitechapel Gallery in London (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.05.2022 - Kunst

Asger Jorns "Das verstörende Entlein", jetzt signiert von Ibi Pippi. 

Dadaismus oder Rechtsradikalismus? Bisher nur in dänischen Medien finden sich Berichte über einen Akt der Zerstörung im Museum Jorn in Silkeborg: Die Aktionskünstlerin Ibi-Pippi Orup Hedegaar hat das Bild "Das verstörende Entlein" des Situationisten Asger Jorn übermalt und mit ihrer eigenen Signatur versehen, berichtet Politiken: "Asger Jorn schuf das Werk 1959, indem er ein Gemälde übermalte, das er auf einem Flohmarkt gekauft hatte. Jorns Entenküken funktioniert nur wegen des Hintergrunds, sagt Ibi-Pippi Orup Hedegaard, die mit ihrem Vandalismus eine Diskussion über die Rechte an Kunstwerken anstoßen will. 'Viele Leute denken, dass Jorn der Eigentümer ist, aber ich bin da ganz anderer Meinung', sagt sie und fügt hinzu: 'Es geht nicht um das rechtliche, sondern um das künstlerische Eigentum. Jorn hatte das Werk gekauft und damit das rechtliche Recht an dem Bild, aber er hatte nicht das künstlerische Recht, das Werk eines anderen Künstlers zu löschen. Genauso wenig wie ich das Recht habe, sein Werk auszulöschen.' Ibi-Pippi Orup Hedegaard wurde landesweit bekannt, als sie sich 2015 einer legalen Geschlechtsumwandlung von einem Mann zu einer Frau unterzog, ohne sich körperlich verändern zu wollen."

Der Politologe Lukas Slothuus sieht den Anschlag auf Jorns Werk in einem  Twitter-Thread als eine rechtsextreme Tat. "Der vandalistische Tat wurde per Livestream von der Organisation 'Patrioterne Går Live' ('Patrioten gehen live') übertragen, einer Abspaltung der offen rassistischen Partei Stram Kurs I."

Thomas Wessel kann es bei den Ruhrbaronen nicht fassen: Die bevorstehende Documenta 15, die wegen BDS-Nähe einiger Akteure seit Monaten in der Kritik steht, kündigt zu diesem Thema drei Diskussionen an. Aber den Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hat sie selbst auf sein Drängen nicht anhören mögen. Bei den nun geplanten Diskussionen der Documenta sind gut und gerne 50 Prozent der Teilnehmer entweder BDS-nah oder BDS-Verteidiger hat Wessel hier nachgezählt. Wessel wundert sich über Claudia Roth, die eine klare Auseinandersetzung angekündigt hatte: "Keine Rückfrage an eine Documenta-Leitung, die den Zentralrat der Juden monatelang abserviert wie eine lästige Junkmail? Sollte es für Claudia Roth tatsächlich denkbar sein: dass die Bundesrepublik einen Talk finanziert über Judenhass in Deutschland, ohne dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland beteiligt wäre? Stattdessen 50 Prozent BDS? Der über 'anti-palästinensischen Rassismus' informiert?"

In der Welt staunt Marcus Woeller über die "Kaltschnäuzigkeit", mit der die Documenta "Kritik abblockt und dem eigenen Weltbild hinderliche Anschauungen nicht anhört. Warum etwa wird der Vorwurf, antisemitische oder antiisraelische Positionen zu befördern, nicht endlich faktisch ausgeräumt? Stattdessen wird die Kritik egalisierend gekontert, auch 'pauschalisierenden Aussagen über Menschen muslimischen oder sonstigen Hintergrundes' wolle die Documenta 'keine Bühne' geben. Zudem irritiert, wie reflexhaft die politisch Verantwortlichen die unwürdige Kommunikation der Documenta in Schutz nehmen."

Hier der Link der Documenta zu den geplanten Diskussionen "We Need to Talk": "Das Gespräch geht der Frage nach, inwiefern deutsches und internationales Antisemitismus- und Rassismus-Verständnis divergieren. In Deutschland hat sich im Bewusstsein seiner historischen Verantwortung eine besonders sensibilisierte diskursive Kultur entwickelt..."  Allerdings berühren nur zwei der drei geplanten Diskussionen das Thema Antisemitismus. Die dritte Diskussion stellt die Frage: "Was ist anti-muslimischer und anti-palästinensischer Rassismus?" In seinem Brief an Claudia Roth hatte Schuster laut dpa geschrieben: "Mehrfach haben wir darum gebeten, hier als Dachverband der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland mit unserer Expertise eingebunden zu werden... Auch aus Ihrem Haus wurden wir bedauerlicherweise nicht über den weiteren Fortgang informiert."

Weiteres: In der SZ berichtet Joseph Hanimann, dass sich der Louvre nach einer kritischen Revision von der Illusion verabschiedet, den größten Schatz an Zeichnungen von Giorgio Vasari zu besitzen: "Einwandfrei als aus Vasaris Sammlung kommend können heute weltweit kaum mehr als 30 Blätter angesehen werden. Die Beweislast hat sich umgedreht."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.04.2022 - Kunst

Bild: El Hadji Sy. Untitled (2021). Acrylic on wood. Two parts. Galerie Barbara Thumm.

Ein klares Highlight des Berliner Gallery Weekends ist für Nicola Kuhn die Ausstellung "Silhouettes Critiques" des senegalesischen Künstlers El Hadj Sy, genannt Elsy, in der Galerie Barbara Thumm. Elsy, laut Kuhn der "Vater der senegalesischen Moderne", lässt seine Bilder zu Türen und Aufstellern werden, oder bemalt sie auch mal mit den Füßen: "Die Fußabdrücke auf dem Gemälde 'C14 C29 C19' repräsentieren für ihn die drei großen Katastrophen der vergangenen Jahre, die letzte ist Covid. Gemalt sind sie mit Acryl und Teer auf Blech, ein typisches Material für Elsy, der sich nimmt, was er als Unterlage kriegt: Jutesäcke, in denen Reis transportiert wurde, Metzgerpapier oder Backbleche, die er in seinem gerade bezogenen Atelier vorfand, einer ehemaligen Bäckerei. Daraus sind für Berlin drei freistehende Bilder geworden, die auf Krähenfüßen stehen: lang und schlank wie jene Bleche, die tief in den Backofen gehen. Das eine zeigt den Finger eines Pianisten, das andere einen Akt, dessen Po sich in eine herausragende Ecke des Blechs fügt, das dritte ein Pferd."

Für die SZ nutzt Peter Richter das Gallery Weekend um quer durch Berlin zu ziehen, bei Goya, Dürer und Nauman ebenso verweilend wie beim Drogenstrich auf der Kurfürstenstraße, in Charlottenburger Altbauwohnungen oder in der Galerie Chertlüdde, die in die leerstehenden Räume von "Deko Behrendt" gezogen ist: "In dem überfüllten Labyrinth war ganzjährig Fasching und Halloween gleichzeitig, man fand dort selbst Gummimasken mit den Antlitz von Kim Jong-un. Dann nutzten die Betreiber die Pandemie für die Flucht in den verdienten Ruhestand, und jetzt zeigt die Galerie Chertlüdde in den ausgekehrten Räumen zumindest Reminiszenzen an die Vormieter: Petrit Halilaj und Alvaro Urbano präsentieren Dekollagen aus dem vorgefundenen Dekomaterial, und Annette Frick zeigt Fotos aus der Schöneberger Transen-Szene, die sich in den Neunzigern auch mit Vorliebe bei Deko-Behrendt ausstaffierte."

Außerdem: Im Tagesspiegel-Interview mit Felix Lenk spricht der Berliner Koch und Galerist Ulrich Krauss über künstlerische Menüs und die Folgen von Corona. Ebenfalls im Tagesspiegel berichtet Michaela Nolte von den Initiativen und Spendenaufrufen, die Künstler und Galeristinnen während des Berliner Gallery-Weekends für die Ukraine veranstalten. In der taz begrüßt Sophie Jung die Goldenen Löwen, die vergangene Woche auf der Biennale in Venedig an die schwarzen feministischen Künstlerinnen Sonia Boyce und Simone Leigh verliehen wurden.

Besprochen werden die Ausstellung "True Pictures" zur nordamerikanischen Fotografie der vergangenen vierzig Jahre im Salzburger Museum der Moderne (Standard) und die Ausstellung "Klaus Stuttmann - Statements" im Caricatura-Museum Frankfurt am Main (FAZ).