Zwei Seiten widmet die
SZ dem eskalierenden
Streit um die Documenta, die in zwei Wochen eröffnen soll. Der
Historiker Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems,
wirft Zeit und
FAZ vor, ungeprüft Behauptungen eines "obskuren Blogs" übernommen zu haben, womit er das Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus meint. Dabei seien dessen Vorwürfe gegen das palästinensische Kollektiv
Questing of Finding unhaltbar, meint Loewy, der palästinensische Reformpädagoge Khalil Sakakini, nach dem ihr Zentrum benannt sei, sei alles andere als ein Nazi-Freund gewesen. Loewy schließt: "Es muss darüber geredet werden, wo postkoloniale Bewegungen
legitime Perspektivenwechsel einfordern, und wo sie selbst in die Falle kulturalistischer, verschwörungstheoretischer und auch
antisemitischer Muster treten. Und es muss darüber geredet werden, wo der 'Kampf gegen Antisemitismus' nur die Abwehr von legitimen Ansprüchen auf Anerkennung munitionieren soll. So wie der pauschale Rassismusvorwurf gegen Israel und alle Israelis oft genug eine Deckadresse für antisemitische Ressentiments ist, so ist auch der
pauschale Antisemitismusvorwurf gegen jeden, der auch Zweifel daran hat, dass Israel als ethnisch exklusiv-jüdischer Staat eine gute Zukunft hat."
Der deutsch-israelische Künstler
Leon Kahane will in einem zweiten Text in der
SZ diese Verschiebung im Diskurs
nicht mitmachen. Der Antisemitismus sei das Problem, nicht eine vermeintliche Gefährdung der Kunstfreiheit: "Als
ungerechtfertigt wahrgenommene Antisemitismusvorwürfe scheinen im heutigen Deutschland schwerer zu wiegen,
als Antisemitismus selbst. Wer würde sich nach der Shoah überhaupt noch selbst zum Antisemitismus bekennen? Kaum jemand - aber das deckt sich nicht mit den statistischen Erhebungen zu antisemitischen Einstellungen in Deutschland."
SZ-Kunstkritikerin Catrin Lorch
beklagt den neuen
Rigorismus in der Debatte, an dem die Kunst und auch die Documenta selbst allerdings nicht ganz unschuldig seien: "Die aktuelle Documenta versucht sich erneut an einer Verschiebung der Grenzen der Ästhetik:
hin zum Aktivismus. Deswegen hat man vor allem NGOs, Kollektive und Gruppierungen eingeladen, die sich als politisch und aktivistisch verstehen. Doch die gegenwärtige Skandalisierung hat weniger mit einer Debatte zu tun, denn mit einer
öffentlichen Gesinnungsprüfung. Man fühlt sich erinnert an die nach Joseph McCarthy benannte Ära in den USA. Da genügte es, in den Verdacht zu geraten, mit dem Kommunismus zu sympathisieren, um geächtet zu werden - mit heftigen Folgen vor allem für Kulturschaffende. Berichten aus Kunstvereinen und Museen zufolge verbringen Praktikanten dort ihre Zeit heute zu einem guten Teil damit, die
Social-Media-Accounts der geladenen Künstler oder Theoretiker rückwirkend zu durchforsten. Nach Likes an falschen Stellen und nach potenziell belastenden Aussagen." Die
Berliner Zeitung meldet, dass die Räume der Documenta erneut mit
rechtsradikalen Graffitis beschmiert wurden.
Außerdem: Im Standard
begutachtet Wojciech Czaja das neue "vanillesaucengelbe" Museum in Wien, in dem Milliardärin
Heidi Horten ihre Kunstsammlung zeigt. In der
NZZ weiß Philipp Meier zu schätzen, dass sie das opportunistische Geschäftsgebaren ihres Mannes aufarbeiten ließ, der unter den Nazis sein Kaufhausimperien aufbauen konnte.