Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.06.2022 - Kunst

Im Interview mit monopol erklären die Künstlerinnen Sung Tieu, Marianna Simnett und Verena Issel ihre Vorstellungen von fairen Strukturen in der Kunstwelt angesichts immer knapperer öffentlicher Mittel. Ein Weg ist die von ihnen initiierte Open-Source-Plattform Case, die Tieu vorstellt: "Case möchte vorerst kleine Veränderungen umsetzen und sich in kleinen Schritten hin zu etwas Größerem vorarbeiten. Ganz konkret schlagen wir vor, dass fünf oder zehn Prozent jedes Verkaufs in kommerziellen Gruppenausstellungen von Künstler:innen- und Galerieseite in einen gemeinsamen Topf fließen. Und dieser Topf wird unter allen, die an der Ausstellung teilnehmen, neu verteilt." Außerdem sollen Fragen offengelegt werden, die jeder Künstler kennt. "Die Geschäfte sind oft eine Mischung aus privaten Interaktionen, die zu geschäftlichen Interaktionen werden und umgekehrt", erklärt Issel. "Es existieren keine Verträge, und Deals werden per Handschlag abgewickelt. Man erklärt sich einfach so bereit, 30 Gemälde zu übergeben, oder etliche Arbeitsstunden für ein Proposal zu einer Ausstellungsbeteiligung zu investieren. Für konservative Dinge wie ein Lieferangebot muss ich oft kämpfen. Ich denke, viele Akteur:innen vermischen einfach absichtlich die beiden Sphären, weil es sich als vorteilhaft für sie erweist."

Lena Schneider besucht für den Tagesspiegel den ukrainischen Künstler Artem Volokitin in seinem Atelier im Potsdamer Rechenzentrum. Volokitin war mit seiner Familie im März aus Charkiw nach Deutschland geflohen. Im Atelier hängt auch das Bild, an dem er gerade arbeitet: "Zu sehen sind feine schwarze Linien auf weißer Leinwand, ein Kampf zwischen Farbfeldern aus Gelb und Schwarz. Es ist die Variation eines Themas, das ihn seit zwei Jahren beschäftigt und den Zyklus 'Irreversible Beauty' nun abgelöst hat. Es geht um das Paradoxon, dass es dort, wo es am hellsten ist, auch am dunkelsten ist. Wer direkt in die Sonne schaut, sieht einen schwarzen Fleck. Und wer die Augen fest zusammenpresst, sieht wiederum bunte Farben. 'After Image' heißt der Zyklus. Es geht darum, die Sonne einzufangen."

Weiteres: In monopol berichtet Alia Lübben über die Düsseldorf Photo+. Besprochen werden außerdem die große Bellotto-Ausstellung in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden (Tsp) und eine Ausstellung der frühen Informel-Arbeiten der argentinischen Künstlerin Marta Minujín in New York (hyperallergic).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.06.2022 - Kunst

Einnickender Mann mit Pfeife und Humpen, Paul Heermann, Dresden?, 1. Drittel 18. Jahrhundert. Liebieghaus Skulpturensammlung - Sammlung Reiner Winkler


"Wenn man sich ein wenig einsieht in die hauchzarte Haut, die filigran gearbeiteten Locken, das feinziselierte Ornat, stellt man fest, dass man sich daran kaum sattsehen kann", versichert FR-Kritikerin Sandra Danicke, die im Frankfurter Liebieghaus entzückt die prächtig weiße Elfenbeinkunst aus der nun vollständigen Sammlung Reiner Winklers betrachtet, darunter auch einige Porträtmedaillons. "Wer beim Anblick der weißen Porträts ins Schwärmen gerät, wird bei zwei religiösen Relieftafeln, die der Franzose Jean-Antoine Belleteste im 18. Jahrhundert in Dieppe angefertigt hat, erst recht hin und weg sein. Nicht nur von Maria, die aus Anlass der Verkündigung durch den Engel Gabriel vom Stuhl auf die Knie gesunken ist, sondern auch von den zahlreichen Detaildarstellungen im Hintergrund: dem gemusterten Lehnstuhl, den Butzenscheiben, dem Bücherregal und dem Korb, aus dem ein Stoffknäuel so üppig quillt, als feiere es die frohe Botschaft auf seine Weise."

Einer der Austragungsorte der Documenta wurde mit Parolen beschmiert, die als rechtsextrem gelesen werden können (Peralta steht dort, möglicherweise eine Anspielung auf den Namen der Leiterin einer rechtsextremen Jugendorganisation in Spanien). Das Documenta-Kollektiv Ruangrupa hat jetzt Strafanzeige gestellt und der Bürgermeister von Kassel, Christian Geselle, nutzte die Gelegenheit anzudeuten, die Kritiker von Ruangrupa könnten eine Mitschuld an dem Vorfall haben. "Will Geselle tatsächlich bedrohliche Schmierer mit jenen in einen Topf werfen, die an einer Debatte interessiert sind?", fragt empört Stefan Trinks in der FAZ. "Sind die aus begründetem Anlass Diskutierenden der meisten deutschen Zeitungen demnach als geistige Brandstifter direkt mitschuldig an den Schmierereien? ... Durch den Relativismus, mit dem unter anderem Ruangrupa auch BDS-nahe Positionen auf der Documenta dulde, werde 'der Antisemitismus auf ziemlich selbstgerechte Weise gleich mit relativiert', schrieb der deutsch-jüdische Künstler Leon Kahane. Diese Selbstgerechtigkeit setzt sich in der Reaktion auf die Schmierereien fort."

Weitere Artikel: In der Zeit amüsiert sich Hanno Rauterberg über die Tortenschlacht im Louvre, die die Mona Lisa ewig lächelnd überstand. In der SZ berichtet Andrian Kreye über eine Podiumsdiskussion auf der Digitalkonferenz DLD zum Thema NFTs und Kunstbegriff.

Besprochen werden die Oskar-Zwintscher-Ausstellung im Dresdner Albertinum (SZ), die Ausstellung zur "Nouvelle Objectivité" im Pariser Centre Pompidou (Tsp), eine Berliner Doppelausstellung des ökologischen Aktionskünstlers Klaus Rinke in der Foundation Haubrok und der Kicken-Fotogalerie (Berliner Zeitung), eine Ausstellung mit Zeichnungen und Installationen von Harriet Groß in der Guardini Galerie in Berlin (taz), die Ausstellung "In the Company of" mit elf feministischen Künstlerinnen der letzten 50 Jahre im Eden Eden in Berlin (taz), eine Gaming-Ausstellung in der Julia Stoschek Collection in Düsseldorf (Zeit), die Ausstellung "Macht. Mittel. Geld" im Museum für Hamburgische Geschichte (taz), die Ausstellung "Kurfürst mit Weitblick" im Schloss Augustusburg bei Chemnitz (FAZ) und ein Bildband über die deutsche Autobahn des Fotografen Michael Tewes (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.06.2022 - Kunst

Zwei Seiten widmet die SZ dem eskalierenden Streit um die Documenta, die in zwei Wochen eröffnen soll. Der Historiker Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, wirft Zeit und FAZ vor, ungeprüft Behauptungen eines "obskuren Blogs" übernommen zu haben, womit er das Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus meint. Dabei seien dessen Vorwürfe gegen das palästinensische Kollektiv Questing of Finding unhaltbar, meint Loewy, der palästinensische Reformpädagoge Khalil Sakakini, nach dem ihr Zentrum benannt sei, sei alles andere als ein Nazi-Freund gewesen. Loewy schließt: "Es muss darüber geredet werden, wo postkoloniale Bewegungen legitime Perspektivenwechsel einfordern, und wo sie selbst in die Falle kulturalistischer, verschwörungstheoretischer und auch antisemitischer Muster treten. Und es muss darüber geredet werden, wo der 'Kampf gegen Antisemitismus' nur die Abwehr von legitimen Ansprüchen auf Anerkennung munitionieren soll. So wie der pauschale Rassismusvorwurf gegen Israel und alle Israelis oft genug eine Deckadresse für antisemitische Ressentiments ist, so ist auch der pauschale Antisemitismusvorwurf gegen jeden, der auch Zweifel daran hat, dass Israel als ethnisch exklusiv-jüdischer Staat eine gute Zukunft hat."

Der deutsch-israelische Künstler Leon Kahane will in einem zweiten Text in der SZ diese Verschiebung im Diskurs nicht mitmachen. Der Antisemitismus sei das Problem, nicht eine vermeintliche Gefährdung der Kunstfreiheit: "Als ungerechtfertigt wahrgenommene Antisemitismusvorwürfe scheinen im heutigen Deutschland schwerer zu wiegen, als Antisemitismus selbst. Wer würde sich nach der Shoah überhaupt noch selbst zum Antisemitismus bekennen? Kaum jemand - aber das deckt sich nicht mit den statistischen Erhebungen zu antisemitischen Einstellungen in Deutschland."

SZ-Kunstkritikerin Catrin Lorch beklagt den neuen Rigorismus in der Debatte, an dem die Kunst und auch die Documenta selbst allerdings nicht ganz unschuldig seien: "Die aktuelle Documenta versucht sich erneut an einer Verschiebung der Grenzen der Ästhetik: hin zum Aktivismus. Deswegen hat man vor allem NGOs, Kollektive und Gruppierungen eingeladen, die sich als politisch und aktivistisch verstehen. Doch die gegenwärtige Skandalisierung hat weniger mit einer Debatte zu tun, denn mit einer öffentlichen Gesinnungsprüfung. Man fühlt sich erinnert an die nach Joseph McCarthy benannte Ära in den USA. Da genügte es, in den Verdacht zu geraten, mit dem Kommunismus zu sympathisieren, um geächtet zu werden - mit heftigen Folgen vor allem für Kulturschaffende. Berichten aus Kunstvereinen und Museen zufolge verbringen Praktikanten dort ihre Zeit heute zu einem guten Teil damit, die Social-Media-Accounts der geladenen Künstler oder Theoretiker rückwirkend zu durchforsten. Nach Likes an falschen Stellen und nach potenziell belastenden Aussagen." Die Berliner Zeitung meldet, dass die Räume der Documenta erneut mit rechtsradikalen Graffitis beschmiert wurden.

Außerdem: Im Standard begutachtet Wojciech Czaja das neue "vanillesaucengelbe" Museum in Wien, in dem Milliardärin Heidi Horten ihre Kunstsammlung zeigt. In der NZZ weiß Philipp Meier zu schätzen, dass sie das opportunistische Geschäftsgebaren ihres Mannes aufarbeiten ließ, der unter den Nazis sein Kaufhausimperien aufbauen konnte.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.05.2022 - Kunst

Carrie Mae Weems: Woman playing solitaire / kitchen table. Bild: Württembergischer Kunstverein Stuttgart

Völlig umgehauen ist Welt-Kritiker Hans-Joachim Müller im Kunstverein Stuttgart vom Werk der amerikanischen Künstlerin Carrie Mae Weems, die mit ihren konzentrierten Bildarrangements über schwarze Identität nachdenkt und dabei beharrlich unterhalb des Kanzeltons der Anklage bleibt, wie Müller meint: "Nichts ist spontan, nichts, was nicht genau überlegt, präzise arrangiert, nach minutiösem Skript Bild geworden ist. Das Wort 'Haltung' gewinnt hier noch einmal den alten Mitsinn einer Gefasstheit, die die Wut und Empörung über das rassistische Unrecht nicht anders als mit Bedachtheit begleitet. Dokumentation ist nicht versprochen. Wer sich nicht auf die inszenierende Argumentationsweise der Künstlerin einlassen mag, ist möglicherweise für Carrie Mae West verloren. Ihr ganzes Werk ist zugleich strikte Form, die die Dinge auf nachdenklichem Abstand hält. Es liegt im Aufbegehren eine Vornehmheit und Eleganz, die fast ebenso erschreckt wie das terroristische Thema, das in der ganz ohne Führungslinie eingerichteten Ausstellung immer neu angestimmt wird. So fehlt den Arbeiten auch die Unerbittlichkeit der 'cancel culture', die Gnadenlosigkeit, mit der die Kulturgeschichte als weiße Triumphspur umgeschrieben werden soll. Es ist gar nicht so sicher, ob die radikalen Eliten eines 'schwarzen visuellen Denkens' im nachdenklichen Design dieser Arbeiten nicht schon wieder Verrat an der eigenen Sache entdecken."

Oskar Zwintscher: Bildnis einer Dame mit Zigarette, 1904. Bild: Albertinum Dresden

Als Entdeckung feiert Stefan Trinks in der FAZ den Fin-de-siècle-Maler Oskar Zwintscher, dem das Dresdner Albertinum eine große Ausstellung widmet: "Malerisch kann Zwintscher allemal mit den Symbolisten Böcklin, Hodler und Klimt mithalten. Sein Dresdner 'Bildnis einer Dame mit Zigarette' von 1904 ist eine Ikone der selbstbewussten Frau, die in der Lebensreformbewegung und im Jugendstil eine völlig neue Wahrnehmung erfuhr. Die frontal uns gegenübersitzende Rothaarige mit den großen grünen Augen lässt sich vom Betrachter nicht begaffen, sie hält dem Blick mühelos stand - dem Gesichtsausdruck nach zu schließen auch intellektuell." Und so lässig!

Weiteres: In der Ausstellung "1929/1955", mit der das Zentrum für verfolgte Künste in Solingen die erste Documenta von 1955 mit der Vierten Großen Kunstausstellung von 1929 verknüpft, erkennt taz-Kritikerin Julia Hubernagel, wie verkorkst die Aufarbeitung bleibt. In der SZ meldet Alexander Menden, dass Lovis Corinths Gemälde "Blumenstillleben mit Flieder und Anemonen" in den Düsseldorfer Kunstpalast zurückkehrt. In der NZZ beschwert sich Philipp Meier, dass ihm bisher niemand klar machte, wie lange die Kunstgeschichte Gewalt an Frauen ästhetisierte, etwa mit dem Raub der Sabinerinnen: "Wir bewundern die Virtuosität solcher Kompositionen, hinterfragen aber kaum je, was sie zum Gegenstand haben. Diese Gleichgültigkeit muss mit dem blinden Fleck im Auge ihrer Urheber zusammenhängen." (Wir empfehlen den Blick auf andere Disziplinen und Ruth Klügers "Frauen lesen anders").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.05.2022 - Kunst

Grasen in Essen: Folke Köbberlings Schafe. Foto: Folkwang Museum

Sehr gelungen findet Alexander Menden in der SZ die Ausstellung "Folkwang und die Stadt", die mit zahlreichen Interventionen das Folkwang Museum zum hundertsten Geburtstag direkt in die Essener City Nord bringt: "Weiter östlich, in der sogenannten 'Grünen Mitte', grasen Schafe auf einer Weide - umgeben von einem Neubaugebiet, angrenzend an einen Spielplatz. Es ist ein Projekt der Künstlerin Folke Köbberling: Der mit Schafswolle überzogene Stall ist nicht nur ein aus der Zeit gefallener Fremdkörper, er soll auch auf den Verfall des Wertes dieser natürlichen Ressource hinweisen: Zwölf Cent pro Kilogramm bekommt man gerade noch für Rohwolle. Dass zwanzig Anwohner dafür gewonnen wurden, sich mit um die Schafe zu kümmern, lässt die Idee, ein wirkliches Gemeinschaftsprojekt zu erarbeiten, glaubwürdiger erscheinen, als es eine in sich abgeschlossene Installation wäre."

Weiteres: Sabina Paries fordert in der FAZ, an den Schulen mehr visuelle Kompetenz zu lehren, um Kinder gegen Instagram und TikTok zu feien. Im Guardian feiert Jonatha Jones eine große Edvard-Munch-Schau in der Courtauld Gallery in London.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.05.2022 - Kunst

Wie die "Besichtigung einer ehemaligen Front" erscheint Hans-Joachim Müller (Welt) der Besuch der Ausstellung "Die Form der Freiheit" im Museum Barberini in Potsdam, die ihm zeigt, wie sich die Künstler der deutschen Abstrakten unter "Supervision" der amerikanischen abstrakten Expressionisten "utopischen Autonomievorstellungen" hingaben: "Wenn die deutschen 'Abstrakten' im Kreis der europäischen und amerikanischen bella figura machen, so, als seien die freien Formen, weltlosen Zeichen, selbstgenügsamen Farben, unzugänglichen Gesten nicht eben noch in Hitler-Deutschland verächtlich gemacht und verboten worden. Die Lerngeschwindigkeit jedenfalls kann immer noch erstaunen. Und wenn man Winfred Gaul, Rupprecht Geiger neben Arshile Gorky und Adolf Gottlieb sieht, Karl Otto Götz, Gerhard Hoehme zusammen mit Lee Krasner oder Willem de Kooning, wenn es von George Mathieu, Alberto Burri, Jean Dubuffet oder Jean Paul Riopelle immer nur ein paar Schritte zu Mark Rothko und Ad Reinhardt sind, wenn man neu entdeckt, wie souverän sich Bernard Schultze neben den auftrumpfenden Bildern des Sam Francis und den lyrisch zarten der Helen Frankenthaler ausnimmt, dann ist das Bild der Phalanx wirklich zwingend."

Bild: Anna Uddenberg. FOCUS #2 (pussy padding) 2018. Foto: Boros Collection, Berlin © NOSHE

Gleichermaßen geschockt und beglückt kommt Nicola Kuhn im Tagesspiegel aus der Berliner Boros Collection, wo das Sammlerpaar zum dritten Mal Werke aus seiner Sammlung zeigt. "Diesmal geht es um den Körper, was wir ihm zumuten, welche Spuren Corona hinterlassen hat. Olmedos Orthesen-Marionettentheater passt zu den gewaltsamen Optimierungen an Leib und Seele, die schon Kinder erfahren. Gleichzeitig lassen ihre Puppen ahnen, dass der Ukraine-Krieg das Thema Versehrtheiten sehr viel drastischer in die Mitte unserer Gesellschaft katapultieren wird. Die eisigen, todtraurigen Selbstporträts von Bunny Rogers, in denen sie sich zur Kunstfigur morpht, wirken ebenfalls wie eine Vorausschau auf die mentalen Folgen aktueller Ereignisse."

Außerdem: Für die taz berichtet Anna Helfer von der Art Dakar, die sich unter dem Titel "ī Ndaffa" zwar als panafrikanisches Projekt gibt, aber doch auffallend von China beeinflusst ist: "Eine der drei großen Spielstätten, das Musée des Civilisations Noires, wird von China finanziert und wurde von dem chinesischem Architekturbüro Beijing Institute entworfen. In dem mächtigen Rundbau präsentiert sich das expansive Weltreich also in einem eigenen nationalen Pavillon. Ein seltsames Setting inmitten einer Kunstschau, die sonst vor allem die Frage nach afrikanischen Identitäten stellt. Chinas Künstler:innen wie Tan Xun oder Liu Shangying machen mit kitschig-düsteren Malereien von Kaninchen oder Mustern aus gestretchter Kuhhaut einen ungelenk wirkenden Brückenschlag zu den sonstigen Themen von Handwerklichkeit und Materialtraditionen der übrigen Schau." FAZ-Kritiker Kevin Hanschke lernt in Weimar, Sprache zu sehen, wo die Klassikstiftung ihr Themenjahr "Sprache" im Schiller-Museum mit der Ausstellung "Neusprech: Kunst widerspricht" eröffnet.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.05.2022 - Kunst

Bild: Eva Hesse: No title, 1964, collage, gouache, ink, and graphite on paper. Gift of Helen Hesse Charash


Nur zwei Tage war Eva Hesse im Jahr 1968 Gastkünstlerin am Allen Memorial Art Museum des Oberlin College, aber die Begegnung war so bedeutend, dass das Haus neben zahlreichen Arbeiten aus Hesses Nachlass auch 300 Arbeiten auf Papier erhielt, weiß Sarah Rosa Sharp bei Hyperallergic. Jenen ist derzeit die Ausstellung "Forms Larger and Bolder: Eva Hesse Drawings" gewidmet. "Hesse und ihr damaliger Ehemann, der Bildhauer Tom Doyle, wurden vom deutschen Industriellen Arnhard Scheidt zu einem längeren Aufenthalt auf dem Gelände seiner stillgelegten Textilfabrik in der Kleinstadt Kettwig eingeladen. Das postindustrielle Umfeld hinterließ einen tiefen Eindruck bei Hesse, die begann, expressionistische Collagen zu schaffen, die sie 'Wild Space' nannte, sowie ihre sogenannten 'mechanischen Zeichnungen'. Am aufschlussreichsten ist vielleicht eine Auswahl von Arbeitsskizzen und Diagrammen von 1967 bis 1970, von denen einige direkt mit realisierten Skulpturen in Verbindung stehen; andere haben sich nie über das schematische Stadium hinaus entwickelt, entweder absichtlich aufgegeben oder vom Schicksal vereitelt."

Bild: Ruslan-Hrushchak: "The Road Beyond" Grossraum Lwiw 2013 Ukraine

Wehmütig blickt Rolf Brockschmidt im Tagesspiegel auf die stillen, mitunter "intimen" Fotografien des in Leipzig lebenden ukrainischen Fotografen Ruslan Hrushchak, dessen Aufnahmen aus den Jahren 2010 bis 2020 derzeit in der Berliner Galerie Buchkunst zu sehen sind: "Zwei Frauen schlafen im Zug, das Fenster gibt den Blick auf eine malerisch weite Landschaft frei. Kinder spielen auf einer Straße, die nach Transkarpatien führt, eine friedlich Szene. Allerdings kommen einem die Mietskasernen in Hrushchaks Heimatdorf Drohobytsch seltsam vertraut vor. Ähnliche Häuser sind jetzt tagtäglich in den Nachrichten zu sehen, sie haben leere schwarze Fensterhöhlen und zerbombte Fassaden. Hrushchaks unspektakuläre Alltagsszenen gleichen einer Zeitkapsel. Sie konservieren eine Ukraine, die es so nicht mehr gibt, und zeigen Menschen, die Hoffnungen auf ein besseres Leben hatten."

Außerdem: 23 Objekte aus dem Ethnologischen Museum gehen endgültig nach Namibia zurück, darunter Puppen, ein Schildkrötengehäuse und ein Trinkgefäß aus verziertem Straußenei, meldet Nicola Kuhn im Tagesspiegel.

Besprochen werden die Ausstellung "Annette Kelm - Die Bücher" in der Kieler Kunsthalle (taz) und die Ausstellung "Typisch Franken?" in der Orangerie in Ansbach (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.05.2022 - Kunst

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In der Zeit sieht der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich eine neue Kunst der Maskerade entstehen. Auf Instagram weisen KünstlerInnen, Cyberpunks und Dragqueens - Cindy Sherman, Carina Shoshtary Sasha Velour, Cho Gi-Seok, Johanna Jaskowska oder Eszter Magyar - den Weg in eine neue Utopie der Selbstgestaltung, meint Ullrich: "Wer sich hier nicht um ein starkes, markantes Bild von sich bemüht oder es an Vorsicht gegenüber ungeschützter Sichtbarkeit fehlen lässt, macht schnell negative Erfahrungen. So verliert man mit einer zu unspezifischen Selbstgestaltung in der Konkurrenz um Aufmerksamkeit und wird von den Algorithmen der Plattformen benachteiligt, ja marginalisiert. Und wer unbedarft zu viel oder das Falsche von sich preisgibt, droht zum Opfer von Gesichtserkennungssoftware und Datenhandel, von Bodyshaming oder Stalking zu werden, büßt also gerade die Hoheit über das eigene Bild ein. Daher dürften die engagierten Formen des Sichmaskierens auch mehr als nur eine kurzzeitige Mode sein. Innerhalb der langen Geschichte der Masken hat im Netz vielmehr gerade erst ein großes neues Kapitel begonnen."

Das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum wird seine Benin-Bronzen zurückgeben. Zur Zeit werden sie zum Abschied präsentiert, aber seltsam kontextlos, schreibt Patrick Bahners in der FAZ. Man hat die Etiketten abgenommen und verzichtet auf jede textuelle Einordnung. Damit, so Bahners, soll ein "Unlearning" demonstriert werden, wie die modische postkoloniale Vokabel lautet. Nur eine Schrifttafel im Vorraum weise den Objekte eine bis heute absolute Macht zu. Und da platzt Bahners die Hutschnur: "Faktische Grundlage der absoluten Königsmacht war die Sklaverei. In der kurzen Kölner Geschichte des Oba-Regimes kommen 'Sklav*innen' einmal vor - als Gegenstand des Handels mit Europäern. Das Manifest des Kölner Ausstellungsprojekts fragt: 'Was könnte es für Museen bedeuten, aktive Akteure in der 'globalen Reparatur' von transgenerationell weitergegebenen kolonialen Traumata zu werden?' Politisch bedeutet es, so ist in Köln zu besichtigen, dass Gewalt nur zur Sprache gebracht werden darf, wenn sie den Kolonialherren zugerechnet werden kann."

Weiteres: In der Welt weist Ulf Poschardt darauf hin, dass zur Documenta 15 kein einziger israelischer Künstler eingeladen wurde, was für eine Reihe internationaler jüdischer Organisationen Beleg ist, dass "der Boykott Israels in dem fast ausschließlich aus Steuergeldern finanzierten Kunst- und Kulturbetrieb weitgehend Konsens" ist, so das von Poschardt zitierte American Jewish Committee (AJC). Besprochen werden eine Ausstellung aktueller Kriegsbilder des ukrainischen Fotografen Mykhaylo Palinchak neben Radierung von Goya in der Wiener Albertina (die Katharina Rustler im Standard als Geste der Solidarität würdigt), die kunsthistorische Schau "Espressioni Con Frazioni" der Kuratotin Carolyn Christov-Bakargiev im Kunstmuseum Castello di Rivoli bei Turin (SZ) und die Ausstellung "Fake. Die ganze Wahrheit" im Deutschen Hygiene-Museum (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.05.2022 - Kunst

Marlene Dumas: The Origin of Paintin", "Time and Chimera" und "The Making of". Ausstellungansicht. Foto: Marco Cappelletti / Palazzo Grassi

Als eine der größten Künstlerinnen unserer Tage feiert Philipp Meier in der NZZ die südafrikanische Malerin Marlene Dumas, die sich so gut aufs Trinken, Rauchen und Tabubrechen versteht. Der Palazzo Grassi widmet ihr eine große Ausstellung: "Sie hat eines der amoralischsten Werke geschaffen, die man sich in unserer politisch überkorrekten Zeit vorstellen kann. So schonungslos, wie sie sich in ihrem Selbstporträt zeigt, das jetzt im Palazzo Grassi in Venedig ausgestellt ist, so sehr nimmt sie das Ganze aber auch mit Humor. Hätte sie keinen, wäre ihre Kunst pathetisch, wie sie selber sagt.... Man ist etwas irritiert im ersten Ausstellungsraum, dass Marlene Dumas ihre Schau mit dem Bild einer männlichen Erektion beginnen lässt. Ihre erotischen Phantasien haben zahllose Künstler in Form von weiblicher Nacktheit auf die Leinwand gebracht. Ganz dasselbe ist das indes nicht, wenn es eine Künstlerin tut und einen Jüngling so zeigt. Oder eben doch?"

Hamburg widmet dem vergessenen Komiker und Künstler Heino Jaeger ein Festival. In der taz stellt Alexander Diehl den Mann vor, auf den sich heute der Rocko Schamoni, Heinz Strunk oder Olli Dittrich berufen: "Wie viel bewusstes Spiel das war, absichtsvoller Tabubruch - und wie viel schlicht Überbleibsel einer Kindheit zwischen Trümmerbergen? 'Ein Maler des Deutschen Reiches stellt in der ehemaligen Reichshauptstadt aus!', so war eine Galerie-Schau Jaegers in Berlin überschrieben, und das schon 1972, also ein paar Jahre vor Punk. Dessen Umgang gerade auch mit den bösesten Zeichen ist Jaegers Schaffen aber durchaus verwandt, an sein Nichteinstimmen in die allgemeine Verdrängung, zugleich auch an sein hart am Zynischen kratzenden Nein zum (allzu) guten Geschmack. Dass Jaeger und einige Künstlerfreunde sich betont nicht gegenwärtig fühlten, gerne behaupteten, alles relevante Kulturschaffen sei mit dem Ersten Weltkrieg beendet gewesen, stellt weniger einen Widerspruch dar als eine Facette."

Besprochen werden eine Schau der südkoreanischen Künstlerin Mire Lee im Zollamt des Frankfurter MMK (FR), eine Ausstellung Wiener Staßenfotografie von 1960 bis heute im Musa (Standard) und die Ernst-Wilhelm-Nay-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle (in der SZ stellt Till Briegleb Nay als angepassten Expressionisten dar, der weder gegen den Zweiten Weltkrieg noch gegen den Holocaust opponierte).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.05.2022 - Kunst

Graciela Iturbide: Jardín Botánico, Oaxaca, México. Bild: Museum of Fine Arts, Boston

Im Tagesspiegel fragt sich Brigitte Werneburg, warum sie eigentlich immer nach Paris reisen muss, um die Bilder der mexikanischen Fotografin Graciela Iturbide sehen zu können. Hier zeigt die Fondation Cartier eine Retrospektive "Heliotropo 37", beid er vor allem auch das Spätwerk die Kritikerin beeindruckte: "Faszinierend die Aufnahmen von Kakteen, die so mächtig sind, dass sie gestützt werden müssen. Heftig bandagiert, mit dicken Lagen Zeitungspapier umwickelt und schweren Hanfseilen an Holzlatten gebunden, erzählen die kapriziösen Pflanzen-Architekturen und Skulpturen von naturgegebener Hinfälligkeit und menschlichem Bemühen. Die Aufnahmen entstanden im 1993 eröffneten Botanischen Garten von Oaxaca de Juárez, der vor allem die Pflanzen der Region sammelt und dokumentiert.

In der FAZ schreibt Freddy Langer zum siebzigsten Geburtstag des britischen Fotografen Martin Parr und er ahnt, warum Parrs grelle Fotografie so unangenehm auf den Betrachter wirkt: "Parrs Kritik an den unerträglichen Zuständen der Welt ist schrill formuliert und beruft sich auf die Annahme, wonach die Satire alles dürfe. Dabei ist es am wenigsten all der Müll und Plunder oder auch der protzende Reichtum, dem er beim Pferderennen in Ascot oder auf Luxusmessen in Dubai begegnet, über den man staunt und der zugleich die Bilder oft schwer erträglich macht - es sind vielmehr die Menschen, die darauf den Eindruck vollkommener Zufriedenheit vermitteln und nicht eine Sekunde lang zu glauben scheinen, es stimme mit ihrer Situation etwas nicht. Und so wird all der Hohn und Spott am Ende von einem Moment von Traurigkeit überlagert, geradeso wie bei fast jeder Clowneske." in der SZ gratuliert Alexander Menden.