Efeu - Die Kulturrundschau

Tendenz zum Tunnelblick

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11.05.2022. Die SZ macht für den Publikumsschwund im Theater auch ein zunehmendes Dramaturgenstrebertum verantwortlich. Außerdem porträtiert sie das jüdisch-äthiopische HipHop-Trio Fo Sho aus Charkiw. Die Welt beklagt das dürftige Ergebnis nach zehn Jahren Internationaler Bauausstellung in Heidelberg. Im Perlentaucher porträtiert Angela Schader die nordirische Autorin Anna Burns. FAZ und taz freuen sich, dass Julian Radlmaier mit seinem "Blutsauger" dem linken Kino neues Leben einhaucht. Der Guardian schwebt mit Dreamachine im Orangenmarmeladenhimmel.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2022 finden Sie hier

Musik

In der SZ porträtiert Timo Posselt das aus Charkiw stammende Hip-Hop-Trio Fo Sho, das nun in einem schwäbischen Dorf untergekommen ist. In den Familiengeschichten der drei verschwisterten Musikerinnen, deren jüdische Eltern aus Äthiopien stammen, sich in der Sowjetunion kennenlernten und in die Ukraine zogen, spiegelt sich auch die wechselhafte Geschichte der letzten 70 Jahre. Und die Weltumspannung geht noch weiter: "Die Liebe zum westlichen Pop dringt bei Fo Sho durch jeden ihrer wenigen veröffentlichten Songs: 'Xtra' feiert zu schweren Trap-Beats die selbstbewusste Andersartigkeit. Im Video dazu posieren die drei Schwestern in den Outfits ihrer Alltagsberufe: Betty als Zahnärztin, Miriam als Hotelmanagerin und Siona als Journalismus-Studentin. Karrieren, die ihre Eltern ihnen entgegen ihrer Musikträume ans Herz legten. Die bürgerlichen Karrieren hat der Krieg vorerst zunichte gemacht. Als Musikerinnen werden sie seinetwegen im Westen aber gerade sichtbarer. Nur ein weiterer Aspekt ihrer komplizierten Biografie."



Außerdem: Katharina Rustler spricht im Standard mit Dalia Ahmed, die das Mitte Mai eröffnende "Österreichische Museum für Schwarze Unterhaltung und Black Music" kuratiert. Für den Tagesspiegel plaudert Jana Weiss mit Roy Bianco & den Abbrunzati Boys, die zwar aus Bayern kommen, aber Italo-Pop machen.

Besprochen werden das neue Album von Ibeyi (Pitchfork), der Deutschlandtour-Auftakt von Dua Lipa (taz, Tsp), das neue Album von Arcade Fire (Standard), ein Berliner Gastspiel des HR-Sinfonieorchesters mit Pierre-Laurent Aimard und David Rothenberg (Tsp) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine Aufnahme des Amatis Trios von Olivier Messiaens "Quatour pour la fin du temps" (SZ).

Außerdem bringt das Logbuch Suhrkamp eine neue Folge aus Thomas Meineckes "Clip//Schule ohne Worte":

Archiv: Musik
Stichwörter: Fo Sho, Hiphop, Charkiw

Literatur

Die irische Autorin Anna Burns. Foto: Eleni Stefanou
Im Perlentaucher hat Angela Schader ein Vorwort zu Anna Burns' Debütroman "Amelia" geschrieben, der am 14. August 1969 beginnt, mit der "Battle of the Bogside", die die "Troubles" in Nordirland einleitete: "Burns zählt zu den Autorinnen, die sich nicht schon mit einem fixen Thema und entsprechendem Konzept an den Schreibtisch setzen, sondern die geduldig auf ihre Bücher, ihre Figuren warten müssen. Oft würden die Charaktere dann auftauchen, während sie sich bei einem Spaziergang entspanne, verrät die Schriftstellerin; sie flüsterten ihr Informationen ein und hätten ihr so schon öfters den Weg aus einer erzählerischen Sackgasse gewiesen. So eigenartig schildert Burns diesen Vorgang, dass er gerade dadurch glaubwürdig wird: Sie müsse extrem alert sein, sagt sie, denn die Figuren redeten schnell und würden nichts wiederholen, zudem sprächen sie von hinten nach vorn. Insbesondere den Schluss des Satzes müsse sie sich deshalb einprägen, denn wenn sie versuche, ihn vom Anfang her zu rekonstruieren, käme sie nie bis zum Ende."

Im Standard-Gespräch erklärt Sibylle Berg, warum sie - wie gerade in ihrem neuen Roman "RCE" - seit einiger Zeit nur noch Romane über Kapitalismuskritik schreibt: Sie "versuche, größenwahnsinnig und unter vollem Respekt vor allen Erkenntnissen der Komplexitätsforschung, einige konkrete Ursachen für das immer schnellere Aufeinanderfolgen von Katastrophen auf der Welt zu benennen. Zwischen 9/11, Überwachungsgesetzen, dem Erstarken autokratischer Regierungen und Digitalisierung ist eine traumatisierte Gesellschaft entstanden, die nicht in der Lage war, allen Randnotizen wie Finanzskandalen und Verbrechen an den Ökosystemen Aufmerksamkeit zu schenken. Ich setze dieser Ohnmacht reizende Weltretter:innen entgegen, die in einer Utopie denken. Etwas, das uns allen fehlt." Und fügt hinzu: "Hoffnung war noch nie meine Kernkompetenz."

Weitere Artikel: In der NZZ setzt Sergei Gerasimow sein Kriegstagebuch aus Charkiw fort. In der Welt rät uns Richard Kämmerlings gerade in diesen Kriegszeiten zum Griff zu John le Carrés Spionageroman-Klassiker "Dame, König, As, Spion".

Besprochen werden unter anderem Delphine de Vigans "Die Kinder sind Könige" (SZ), Brandon Taylors Kurzgeschichtenband "Vor dem Sprung" (ZeitOnline), Heike Geisslers "Die Woche" (NZZ), Andreas Montags Erzählung "Glückliche Menschen" (BLZ), eine Neuauflage von Peter Milligans und Duncan Fegredos Comicklasiker "Enigma" (Tsp), Ute Scheubs Jugendbuch "Der große Streik der Pflanzen" (Tsp) und Amir Hassan Cheheltans "Eine Liebe in Kairo" (FAZ).
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Bühne

"Stell Dir vor, das Theater löst alle Probleme und keiner geht hin", ruft Christine Dössel aus der SZ der Bühnen-Bubble zu, der sie einen Großteil der Schuld gibt am derzeit zu verzeichnenden Publikumsschwund selbst beim Berliner Theatertreffen gibt. Statt Kunst und Schauspiel liefere das Theater nur noch Debatten um Intersektionalität, marginalisierte Perspektiven, Nachhaltigkeit: "Ein theaterentwöhntes Netflix-Publikum, das gute Geschichten und vielschichtige Charaktere liebt, ist auf diese Weise eher nicht aus dem Home-Modus zu locken. Es schlägt sich da in der Auswahl eine generelle Entwicklung im Theater nieder: die zum Dramaturgenstrebertum und zur Blasenbildung im Namen des Korrekten, Woken und Guten. Sie geht einher mit einer Tendenz zum Tunnelblick und oft auf Kosten des Spielerischen, Freien, Verrücktschönen. Das Theater hat ja richtige und wichtige Themen, es spricht die Zuschauer damit aber oft nicht an. Weil es viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist."

Weiteres: Im FR-Interview mit Judth von Sternburg spricht die Sängerin und Regisseurin Brigitte Fassbaender über ihre Liebe zu Benjamin Britten und ihre Inszeneirung seines "Sommernachtstraums" an der Oper Frankfurt.

Besprochen werden Andrea Moses' "Lohengrin"-Inszenierung am Staatstheater Darmstadt (FR), Choreografien in Freiburg und Stuttgart (SZ), Hector Berlioz' Kriegsoper "Les Troyens" an der Münchner Staatsoper (SZ, FAZ) und Stephan Kimmigs Inszenierung von Knut Hamsuns "Kareno"-Trilogie (FAZ).
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Architektur

So ein klägliches Ende hat das Format IBA nicht verdient, seufzt Danwart Guratzsch in der Welt nach zehn Jahren Internationaler Bauausstellung in Heidleberg. Kein einziges Bauprojekt sei fertig geworden, die wichtigsten seien nicht einmal angefangen, weder Stadt noch Universität hätten sich wirklich engagiert: "Dass das Land Baden-Württemberg nicht die Chance gesehen hat, mit einer beispielhaften Städtebauinitiative in Heidelberg das Gesicht der oft beschworenen neuen Wissensgesellschaft mitzuformen, zeugt über den unmittelbaren Anlass hinaus noch von etwas anderem: vom gänzlichen Verlust der Zuversicht, dass Architektur und Städtebau heute überhaupt noch einen wesentlichen Beitrag zur Gesellschaftsgestaltung leisten könnten. Das ist jedoch kein Heidelberger und kein badenwürttembergisches Problem, sondern fast schon ein globales, zumindest aber ein deutsches."
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Film

Auf der Suche nach einer Formensprache des politischen Kinos: "Blutsauger" von Julian Radlmaier

Mit "Blutsauger" greift der Berliner Filmemacher Julian Radlmaier die Vampir-Allegorie in Marx' "Kapital" auf und schließt mit seiner im Jahr 1928 spielenden, sehr artifziellen Komödie an die große Tradition des politischen Filmemachens an, schreiben die Kritiker. Im Verbund mit Radlmaiers vorangegangenen Filmen zeichnet sich hier "ein sehr origineller Neuansatz im Ausgang von klassischen Formeln eines linken, agitatorischen Kinos ab, das sich im 20. Jahrhundert noch sehr darum bemüht hatte, selbst revolutionäre Avantgarde zu sein und mit intellektueller Montage die Erkenntnisprozesse des Proletariats gleich vorwegzunehmen", schreibt dazu Bert Rebhandl in der FAZ. "Man würde allerdings fehlgehen, wenn man 'Blutsauger' einfach als einen leicht frivolen Abgesang auf alle Versuche sehen wollte, politisch etwas festzumachen." Daniel Moersener führt in der taz durch die Begriffs- und Allegoriegeschichte des Vampirs. Radlmaiers Film stellt vor diesem Hintergrund "einen sehnsüchtigen Versuch dar. Den, im deutschen Film eine eigenwillige Formsprache, eine politische Haltung und ein Bekenntnis zum Kino zusammenzudenken, keines der drei Elemente die anderen verstellen zu lassen."

Kein Plot, aber jede Menge Heimsuchung: "Weathering Heights" von Hannah Wiker Wikström

Die Kurzfilmtage Oberhausen sind nach zwei rein digitalen Jahrgängen wieder mit Publikum vor Ort tätig, nicht ohne dabei auch den digitalen Arm des Festivals zu vernachlässigen, berichtet Silvia Hallensleben in der taz, die sich vor allem die Retrospektiven im Programm angesehen hat. Bert Rebhandl zeigt sich in der FAZ angenehm verwirrt von Hannah Wiker Wikströms Experimentalfilm "Weathering Heights", der mit dem Großen Preis der Stadt Oberhausen ausgezeichnet wurde (hier alle Auszeichnungen des Festivals). Wer auf einen Plot hofft, "geht mit Erwartungen an eine Arbeit heran, in deren Enttäuschung ein Gutteil der Magie dieses rätselhaften Meisterwerks liegt. Eine Viertelstunde lang könnte man den Eindruck bekommen, in ein 'haunted house' versetzt worden zu sein. ... Da versucht anscheinend jemand eine Heimsuchung abzuwehren, die aus der Freiheit des filmischen Erzählens selbst zu kommen scheint, ein lastender Druck aus Unbestimmtheit." Einen zweiminütigen Ausschnitt aus Film gibt es auf Vimeo.

Gut findet FR-Kritiker Daniel Kothenschulte die Entscheidung der Kurzfilmtage, russische Filme nicht wieder auszuladen. So "trafen im Wettbewerb ein russischer und ein ukrainischer Beitrag aufeinander. Ob es ein Zufall ist, es sich bei beiden Beiträgen um dystopische Visionen handelt, wenn auch wenn die Beklemmung, die sie vermitteln, auf einer metaphorischen Ebene spielt? 'The Wind Probably' des Ukrainers Yuri Yefanov lässt in matten Neonfarben einen Mann auf seine Heimatstadt am Rande einer Apokalypse blicken. Das russische Regieduo Alexandra Karelina und Ivan Yakushev hält sich dagegen in seiner semiabstrakten Arbeit an Dostojewskis fantastisch-philosophische Erzählung 'Bobok', deren Ich-Erzähler auf einem Friedhof die Toten belauscht."

Außerdem: Der für 2023 angekündigte "Barbie"-Film mit Margot Robbie könnte ein feministisches Statement werden, mutmaßt Johanna Montanari im Freitag. Alexander Lindh blickt in der taz zurück auf 30 Jahre "GZSZ". Besprochen werden David Tebouls Dokumentarfilm "Freud über Freud" (Jungle World), die auf Disney+ gezeigte Serie "Oussekine" (taz) und die Apple-Serie "Shining Girls" mit Elizabeth Moss (Freitag).
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Kunst

Supernova aus Lila und Pink beim Unboxed-Festival. Foto: Dreamachine 

Einen fantastischen Vormittag verbrachte Guardian-Kritiker Jonathan Jones auf dem Unboxed-Festival in Woolwich, wo ihm die das Künstlerkollektiv Assemble und der Musiker Jon Hopkins mit Dreamachine wahrhaft psychedelische Momente bescherten. Nicht durch Drogen induziert, sondern durch Lichttechnik, aber immerhin auf Staatskosten! "Zu Beginn füllt man ein medizinisches Formular ausfüllen, verstaut seine Sachen in einem Schließfach und zieht die Schuhe aus, bevor man in  einer Gruppe sanft in eine kreisrunde Kammer geführt wird, in der man sich in eine bequeme Liege zurücklehnt, mit Lautsprechern an beiden Seiten des Kopfes. Die Einführung verheißt Spannung und Gefahr. Kann sie dem Drama gerecht werden? Ja, sie kann. Der pulsierende Soundtrack wird lauter, während man sich mit geschlossenen Augen zurücklehnt und der Raum sich verdunkelt, was man durch die Augenlider wahrnimmt. Dann fängt es an, und ich sehe, wie sich eine große Wolke warmes Lila vor mir ausbreitet, pinker Nebel erfüllt den Raum. Die Geschwindigkeit und Helligkeit des aufblitzenden weißen Lichts wechselt (glaube ich), und ich werde von einem Himmel leuchtenden Oranges geblendet - einem Orangenmarmeladenhimmel. Aber es ist doch weniger ein Himmel als eine Farbwand, funkelnd und elektrisierend. Und in mir drin."
 
In der Welt ärgert sich Swantje Karich über den Brief der Documenta-Macher, mit dem diese die Absage ihrer angekündigten Gesprächsreihe zum Antisemitismus begründeten. "Die Absender: das Künstlerkollektiv 'Ruangrupa, das Artistic Team der documenta fifteen und einige Kurator*innen des gescheiterten Gesprächsforums'. Sie rechnen mit dem antideutschen Blog, der die Vorwürfe losgetreten hat (rassistische Motive) ab, bezichtigen den Zentralrat der Falschaussage (er war informiert), kritisieren die deutschen Feuilletons (Arbeiten mit Gerüchten) und geben ihre Einschätzung zum Widerstands gegen den Staat Israel (muss man aushalten) ab." Und dem Zentralrat der Juden? "Dem bleibt nach Lektüre nur eine ungeheuerliche Botschaft: Eure Worte zählen nicht."

Weiteres: In der NZZ stellt Philipp Meier klar, dass die nun für 195 Millionen Dollar verkaufte Warhol-Madonna "Shot Sage Blue Marilyn" von 1964 den Rekord für ein Werk des 20. Jahrhunderts bei Versteigerungen hält, im privaten Handel wurden schon weit höhere Preise erzielt. In der NYTimes hätte Warhol-Biograf Blake Gopnik einen Marilyn-Druck aus dem Jahr 1962 bevorzugt, der viel stärker Warhols Trauer zum Ausdruck bringe als die nun versteigerte strahlende Pop-Ikone. In der FAZ empfiehlt Ursula Scheer fürs gute Investment Werke von Künstlerinnen, die noch allesamt unterbewertet seien.

Besprochen werden die Gego-Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart (SZ), die Gastausstellung "Opera Opera. Allegro man non troppo" des römischen Kunstmuseums Maxxi im Berliner Palais Populaire (BlZ) und die Kunstsammlung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands in St.Pölten (ZeitOnline).
Archiv: Kunst