Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.09.2022 - Kunst

Die Berliner Zeitung veröffentlicht eine Stellungnahme des Galeristen Johann König zu den Missbrauchsanschuldigungen der Zeit. (Unsere Resümees) Ein Gespräch mit ihm sei von den AutorInnen abrupt beendet worden, zur Freigabe der Zitate sei ihm nur eine Stunde eingeräumt worden, schreibt er. Eine Strafanzeige gegen ihn habe es entgegen der Behauptung nie gegeben. Seine "ausschweifende und impulsive Art zu feiern, zu tanzen und zu sprechen", hätte dazu führen können, "dass sich Frauen oder auch Männer von mir bedrängt gefühlt" hätten. "Was ich jedoch sicher weiß, ist, dass ich in diesen Momenten niemals absichtsvoll handelte (...)." In der FAZ gratuliert Stefan Trinks dem Berliner Extremkünstler Wolfgang Flatz zum Siebzigsten.

Besprochen werden Julian Rosefeldt Filminstallation "Euphoria" auf der Ruhrtriennale (FAZ) und
 die Donatello-Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie (FAS).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.09.2022 - Kunst

Fedir Tetyanych, Ausstellungsansicht


Das Center for Contemporary Arts in Berlin zeigt derzeit eine Ausstellung des 2007 verstorbenen ukrainischen Künstlers Fedir Tetyanych, der viele Zutaten für seine Werke auf dem Müll fand. Ob er von den kommenden Umbrüchen schon etwas ahnte, fragt sich im Tagesspiegel Christiane Meixner. "Der Künstler, den hierzulande nur wenige kennen, scheint sich über die Zeit zu wandeln. Nach seiner Zeit an der Staatlichen Kunstschule in Kiew widmete sich der 1942 Geborene der monumentalen, dekorativen Wandgestaltung öffentlicher Orte. Doch schon im Studium ödete ihn jede Form von Realismus an. Seine Motive entwickelte Tetyanych aus der informellen Malerei, die Bilder balancieren zwischen Figuration und einer abstrakten Kosmologie. Im CCA hängt nur ein großes Gemälde, doch 'Universe - Infinity' aus den siebziger Jahren vermittelt mit zarten Kreisformen, die sich um ein dunkles Nichts in der Bildmitte organisieren, wie sich Unendlichkeit für Tetyanych angefühlt haben mag: organisch, zärtlich und untrennbar mit dem eigenen Bewusstsein verwoben."

Der Fotograf Wolfgang Tillmans arbeitet gerade an einer großen Einzelausstellung - auf 1800 Quadratmetern! - im New Yorker Moma, die am 12. September eröffnet wird. Catrin Lorch hat ihn für die SZ in seinem Kreuzberger Atelier besucht, wo er an der Hängung bastelt. "Die Hängung für das MoMA, die reflektiert nicht einfach retrospektiv, was da ist. Sondern denkt auch mit, wie alt die Besucher sein werden. 'Viele, die das jetzt sehen, waren in den Neunzigerjahren noch gar nicht geboren', sagt er vor einem Motiv, das ein gewaltiges Banner zeigt, es stammt aus den frühen Neunzigern und dokumentiert den Kampf ums Abtreibungsrecht in den USA. Dass solche historischen Motive unmittelbar wirken, hat auch mit der Präsentation zu tun, Tillmans besteht darauf, seine - inzwischen kostbar gewordenen - Abzüge mit Klebeband und Klammern direkt auf die Wand zu hängen, ohne Rahmen, ohne Schutzglas. ... Er wollte versichern: 'Dem Fragilen kannst du trauen.'"

Viel Tinte wird vergossen über die #metoo-Vorwürfe gegen den Galeristen Johann König. Bewiesen werden kann nichts, konstatiert Ursula Scheer in der FAZ. Zufrieden kann sie das nicht stellen: "Die gleichfalls in der Zeit lancierten, viel schwereren Anschuldigungen gegen Dieter Wedel haben gezeigt, dass alles, was nicht abschließend rechtsfest geklärt ist, im Raum bleibt als anhaltendes Raunen. Die Geschicke der Galerie König könnten sich daran entscheiden, wie das Hörensagen wirkt: abseits der Justiz, als Macht auf einem Markt, der nicht alles allein regeln sollte." Im Standard erinnert Katharina Rustler: "Es gilt die Unschuldsvermutung." Außerdem schreiben dazu Philipp Meier in der NZZ, Christian Gehrke in der Berliner Zeitung und Christiane Meixner im Tagesspiegel.

Weiteres: Wanda Wolf annonciert in der Berliner Zeitung die Berlin Photo Week, die heute beginnt. Besprochen werden die Ausstellung "Kunst nach der Shoah" mit Werken von Wolf Vostell und Boris Lurie im Kunsthaus Berlin-Dahlem (FR), Julian Rosefeldt Filminstallation "Euphoria" auf der Ruhrtriennale (taz) und die Donatello-Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie (FAZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.09.2022 - Kunst


Donatello, Amor-Attiis, Vorder- und Rückansicht, um 1435-40, Bronze, teilweise vergoldet, © Museo Nazionale del Bargello, Firenze, mit Genehmigung des Ministeriums für Kultur / Bruno Bruchi

Morgen eröffnet in Berlin die große Donatello-Schau, die die Gemäldegalerie aus Florenz übernommen hat. Hanno Rauterberg (Zeit) erlebt dort einen großen Künstler der Uneindeutigkeit, der Sanftheit und Zärtlichkeit. "Bis auf ein paar Anekdoten ist so gut wie nichts über den Sohn eines Wollkämmers bekannt; nur seine Kunst kann für ihn sprechen. Und sie spricht mit Nachhall. Sie erzählt von einem, der es ungestüm mag, unabsehbar, unabgeschlossen. Einem, der spielerisch auf das zurückgreift, was war, und dabei die alten, erstarrten Formen für das öffnet, was kommen mag. Seine Kunst lebt aus einem Was-nun-Gefühl: Sie hält Ausschau nach dem, was sein könnte. Kein anderer Künstler setzt seine Figuren so beweglich, so gelöst von didaktischen Zwängen in Szene wie Donatello, er lässt sie tanzen, turnen, wirbeln. Spiritelli heißen sie in der Fachliteratur, kleine Lebensgeister, die nichts zu halten scheint."

Becher mit Teller. Qing-Dynastie, Jiaqing-Periode (1796-1820). Museum Rietberg, Zürich; Geschenk Emma Streicher. Fotografie © Felix Streuli

Fest ein Kunstwerk von Katalog an die Brust drückend, kommt ein beglückter Philipp Meier (NZZ) aus einer Ausstellung chinesischer Jadekunst im Museum Rietberg: Kleine Glücksbringer in Tier und Pflanzenform sah er, wunderbar glatt (dabei ist Jade härter als Stahl, lesen wir) und in den schönsten Farben schimmernd: "Jade ist im Grunde kein mineralogisch definierter Begriff, sondern steht für Nephrit und Jadeit. Sind sie erst einmal poliert, zeichnen sich diese Gesteine durch matten, milchigen Glanz aus. Sie fühlen sich warm und geschmeidig an. Reiner Nephrit ist weiß, wie jetzt ein opaker Teebecher mit Untertasse in der Ausstellung vor Augen führt. Beimengungen anderer Stoffe ergeben aber auch Farben von Rosa über Grün bis Braun, Grau und Schwarz. Insbesondere unregelmäßige Verfärbungen haben die Phantasie der Kunsthandwerker immer wieder angeregt, das Spiel der Tonalitäten in die Gestaltung eines Objekts mit einzubeziehen."

Elke Buhr unterhält sich für monopol mit dem Kurator Nicola Trezzi über die Documenta. Für Trezzi wurde "die wichtigste Frage noch nicht gestellt: Wie ist die Documenta als Institution an diesen Punkt gekommen? Wie hat die künstlerische Leitung gearbeitet, wie ist ihr Verhältnis zur Institution und ihren Gesellschaftern, welchen Auftrag hatte sie? Es werden zwei Debatten vermischt, die man trennen soll. In Deutschland ist die Debatte um Antisemitismus sehr aufgeheizt, aber man sollte zuerst auf die Strukturen der Ausstellung schauen. Was bedeutet es, wenn eine künstlerische Leitung eine Situation schafft, in der Dinge aus dem Ruder laufen? In so einer Situation hätte es jede Art von problematischem Inhalt geben können. ... Es ist durchaus möglich, eine offene Struktur zu haben, und trotzdem die Kontrolle darüber zu behalten, was in der Ausstellung passiert."

Weiteres: Luisa Hommerich, Anne Kunze und Carolin Würfel gehen in der Zeit Vorwürfen aus einem anonymen Brief nach, der den Berliner Galeristen Johann König beschuldigt, Frauen belästigt zu haben. Strafrechtlich Relevantes und mehr als "sie sagt, er sagt" kommt dabei nicht heraus. Besprochen wird eine Ausstellung in der Galerie Neurotitan mit den Fotografien Lucian Perkins von der frühen afroamerikanischen Punkszene in Washington (taz)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.08.2022 - Kunst

In der SZ porträtiert Martina Scherf die kubanische Künstlerin Tania Bruguera, die auf der Documenta mit dem Kollektiv Instar vertreten ist: "Sie will die 100 Tage in Kassel nutzen, so viele kubanische Kollegen wie möglich nach Deutschland zu bringen. Sie will, dass sie gehört, gesehen werden. Bevor die Welt Kuba wieder vergisst. Vier Räume bespielt Instar in der Halle. Instar steht für Instituto de Artivismo Hannah Arendt. Bruguera hat es 2015 in Havanna gegründet, da stand sie wieder einmal unter Hausarrest. Artivismo ist eine Wortschöpfung aus Kunst und Aktivismus. 'In einer Diktatur kann es keine unpolitische Kunst geben', sagt Bruguera. Die Isolation im Hausarrest nutzte sie damals, um 100 Stunden lang aus ihrem Wohnzimmer in Havanna Hannah Arendts Buch 'Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft' vorzulesen. Mit Lautsprecher nach draußen übertragen. Die Behörden reagierten mit einer Baubrigade und Presslufthämmern vor ihrem Haus."

Im Interview mit der FAZ berichten Julia Alfandari und Meron Mendel von Befragungen unter Documenta-Besuchern und müssen feststellen, dass etliche Besucher hanebüchenen Theorien anhingen, als wäre alles eine Inszenierung des Mossad gewesen. Da kann Mendel nur Scheitern festellen: "Wir halten diese Documenta für exemplarisch, gerade auch im Scheitern der Diskussion. Das wollen wir untersuchen. Wie da zwei Lager aufeinandertrafen und sich gegenseitig hochschaukelten. Das erste meldete sich bereits im Vorfeld zu Wort und warnte - wie man heute weiß, berechtigterweise - vor möglichem Antisemitismus in Kassel. Zugleich war da auch viel Pauschalisierung im Spiel, denn es war die Prämisse, dass bei Künstlern aus dem globalen Süden davon auszugehen sei, sie seien Antisemiten. Das andere Lager arbeitete ebenso mit Pauschalisierung insofern, als der Antisemitismus für sie nur einen Vorwand darstellte, um gegen die Documenta 15 vorzugehen. Während also die eine Seite jegliches Anzeichen von Antisemitismus in Kassel pauschal leugnete, sah die andere die ganze Zeit überall nur Antisemitismus."

Grazie, Sanftheit, Zugewandtheit: Die Dame mit dem Einhorn.

Welt
-Kritiker Tilman Krause versinkt in der Schönheit des sanierten Pariser Musée de Cluny, dem prächtigen Pariser "Schatzhaus des Mittelalters", in dem er bewundern kann, wie Frankreich um 1500 Italien als "ästhetische Supermacht" in Europa ablöste. Über den Wandteppich "Die Dame mit dem Einhorn" schwärmt er hingebungsvoll, wenn etwas aus der Zeit gefallen: "Über das spätere Leben seiner weiblichen Protagonistin legt der nach wie vor unbekannte Schöpfer dieser Tapisserien aus der Zeit um 1500 einen diskreten Schleier. Nur eines überlässt er keinem Zweifel: Grazie, Sanftheit, Zugewandtheit seiner so liebevoll gestalteten Dame mit dem Einhorn stellen eine einzige Apotheose der Feminität dar - gemäß den damaligen Vorstellungen von Weiblichkeit, wie sich versteht. Das war wohl dergestalt nur um 1500 möglich: als sich Frauenverehrung von Marien und Märtyrinnen löste, um ins Weltliche hinüberzuwechseln. Und das Weltliche in einem zum Humanismus erwachenden neuen Zeitalter: dies ist es, was den unendlichen Charme des Musée de Cluny ausmacht."

Weiteres: In der NZZ berichtet Thomas Ribi, dass die Stadt Zürich die Provenienz der Sammlung Bührle jetzt unabhängig überprüfen lassen wird. Besprochen werden die Ausstellung "Dissonance. Platform Germany" im Berliner Bethanien (die FR-Kritikerin Ingeborg Ruthe einen großartigen Überblick über aktuelle Positionen in der Malerei gibt) und eine Ausstellung zur Kunst des Flechtens im Berliner Museum Europäischer Kulturen (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.08.2022 - Kunst

Sebald Beham; Der Tod und das unzüchtige Paar, 1529. Bild: Kunsthalle Bremen

Berauscht wandelt FAZ-Kritiker Stefan Trinks durch die Ausstellung "Manns-Bilder", mit der die Bremer Kunsthalle den männlichen Akt auf Papier feiert. Hier ist alles Körper, Linie, Spannung, Licht: "Es ist aber beileibe nicht nur der makellos schöne und dadurch oft auch langweilige Körper, der von den Künstlern verewigt wurde; gerade die griechische Skulptur legte enormen Wert auf Schultern, Knie und Füße, weit weniger auf primäre Geschlechtsmerkmale der Männerakte, die in der griechisch-römischen Antike ohnehin größenmäßig unterdurchschnittlich gezeigt wurden. Wohldurchgeformte Körperlandschaften im Bereich der Schultern, der Kniezone um die Patella oder eben der Waden und Füße erlaubten den Künstlern, das Spiel des Lichts auf den zahlreichen Höhen und Tiefen dieser Körperlandschaften tanzen und den Marmorstein leicht werden zu lassen."

Bereist gestern sprach das Kuratorenkollektiv Ruangrupa im Tagesspiegel-Interview mit Nicola Kuhn über die Antisemitismus-Vorwürfe, ihre Unterstützung für BDS ("friedlich, aber hörbar") und die Debatte, die sie losgetreten haben, ohne zu ahnen, was für ein Tusunami auf sie zukommt: "Als sich Politik und Medien einschalteten, entstand eine neue Dynamik. Daraus lernten wir, dass wir besser erklären müssen, was wir machen. In Indonesien schert sich niemand groß um uns. Die Documenta ist dagegen fast eine Staatsangelegenheit. Diese Größenordnung hätte uns früher klar sein müssen."

In der FR springt der belgische Kunstkritiker und Kurator Philippe Pirotte dem angegriffenen Kollektiv zur Seite: "Ich denke, dass mögliche Missverständnisse vor allem damit zu tun haben, dass eine Organisationsart angewendet wurde, die eigentlich in Deutschland nicht akzeptiert ist. Man kann sich hier kaum ein anderes gesellschaftliches Modell vorstellen als das eigene. Diese lockere Organisation, stark basierend auf gegenseitigem Vertrauen, wird als skandalös erfahren... In vielen Artikeln in der Presse wurde über Kontrollverlust, Aufarbeitung, usw. geschrieben; das sind Termini einer typischen deutschen Verwaltungskultur."

Im taz-Interview mit Bostjan Bugaric spricht die slowenische Kuratorin Alenka Gregorič über ihre Pläne für die Cukrarna, Ljubljanas neue Kunsthalle in einer alten Zuckerfabrik: "Ich sage immer, dass Kunst mich nicht schlagen soll. Manchmal braucht es nur eine freundliche Geste, eine wirklich sanfte, die dein Verständnis der Dinge durcheinanderwirbelt."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.08.2022 - Kunst

Richard Gerstl: Selbstbildnis, lachend, 1908, Belvedere, Wien
"Müsste einer, der keine Schönheit findet für seine Leinwände, nicht eher Musiker werden - blind für die weltliche Anmut vielleicht, aber mit einem Gehör ausgestattet für das Leid, das sich darunter verbirgt?" NZZ-Kritiker Philipp Meier denkt über das Leben und Schaffen des österreichischen Malers Richard Gerstl nach, der sich so gar nicht mit dem Leben versöhnen wollte - anders als sein Freund Arnold Schönberg, dessen Ehe er allerdings zerstörte. Das Kunsthaus Zug widmet ihm eine Ausstellung: "Als einer der Allerersten führte Gerstl gleichsam das Prinzip des Hässlichen in die Kunst ein, ohne das die Moderne nicht zu denken wäre. Darin war Gerstl seiner Zeit voraus. Ungewohnt frei ging er mit Farbe um. So hatte er das Bild der Familie Schönberg 'bereits um die Jahrhundertwende im Stil von de Kooning gemalt', bemerkte der österreichische Maler Herbert Brandl zu Recht. Solch bildwütige Ausfälle auf den Leinwänden, die manchmal fast an Jackson Pollock erinnern, hätte man einem Wiener um 1900 nicht zugetraut - zu einer Zeit, als Klimt den Jugendstil zelebrierte und Schiele sich gerade im Expressiven zu üben begann."

Die Zeit, in der KI humoristische, aber untaugliche Bilder generierte, ist vorbei, fürchtet Hans Christoph Böhringer in der FAZ. Seit ein Journalist des Atlantic-Magazins eine künstlich erzeugte Illustration für seinen Newsletter benutzte, weil es schneller und billiger ging als ein Pressefoto, ist klar, was DALL-E 2 bedeutet: "Diese neuen, mächtigen Generatoren sind die surrealistische Schlagseite ihrer Vorgänger fast gänzlich losgeworden. Sie können Bilder erzeugen, die aussehen wie hochauflösende Porträtfotos von Menschen. Sie können Albumcover oder ganze Comics in Sekunden zeichnen. Sie können Geld machen. Geld, das dann auch an die Tech-Start-ups geht, die sie produziert haben. Damit haben die träumenden Maschinen ihre Unschuld schneller verloren, als der Schriftsteller Clemens J. Setz vor ein paar Monaten in der Süddeutschen Zeitung vermutete (unser Resümee). Nicht durch Erkenntnis, sondern durch Business."

Besprochen wird außerdem die an die Utopien der Sci-Fi-Schriftstellerin Ursula Le Guin anknüpfende Ausstellung "Nature and State" in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.08.2022 - Kunst

Vera Molnar, Interruptions. Plotter drawing. 1968-69. Foto: DAM


FAZ-Kritiker Georg Imdahl entdeckt in einer Ausstellung im Leopold-Hoesch-Museum in Düren die Künstlerin Vera Molnar, eine frühe Pionierin der Computerkunst. "Mit ihrem Mann hatte Molnar 1974 ein Programm in 'Fortran', einer Programmiersprache der Gründerzeit, geschrieben, um die Redundanz und Monotonie eines Rasters aus kleinen Quadraten 'zu brechen' - dies ohne jede persönliche, 'romantische' Handschrift. Berechnet wurden in ihren Programmen die Abweichung, der Zufall, das Unberechenbare. Dem Auge hat es in Blättern mit Titeln wie 'Sehr kleine Unordnung' und '2500 Trapeze A' einiges zu bieten. Die Vierecke drehen sich leicht aus dem Raster, scheinen aufs Blatt gesprenkelt, ein 'leichtes Zittern', so Molnar, ergreife Besitz von ihnen durch die 'Simulation von menschlicher Ungeschicklichkeit', die sie in das Programm injiziert habe. In der Sprache der Kybernetik bestand die Aufgabe darin, den Quadraten 'nicht die gleiche Erscheinungswahrscheinlichkeit zuzuweisen'. All diese Blätter sind in ihrem reduzierten Formenangebot überraschend vital, von einem anonymen Geist animiert, ausgesprochen schön." Acht Jahre später sollte die japanische Designerin Rei Kawakubo diesen anonymen Geist erneut loslassen, indem sie einige Schrauben ihrer Strickmaschinen löste, so dass das Strickmuster ihrer Pullover Unregelmäßigkeiten oder sogar Löcher aufwiesen.

Ernst Ludwig Kirchner, Doris mit Halskrause, um 1906. © Foto: Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid. Ausschnitt


Was für ein wagemutiger Visionär Karl Ernst Osthaus war, der Gründer des Folkwang Museums, erkennt Alexander Menden in der Ausstellung "Expressionisten am Folkwang: Entdeckt - verfemt - gefeiert" zum hundertsten Geburtstag des Museums. Osthaus sammelte früh expressionistische Werke, die dann bald als "entartet" galten: Zwischenzeitlich war die Sammlung "aufgrund der Beschlagnahme von rund 1400 als 'entartet' eingestuften Werken durch das NS-Regime - das größte Einzelkonvolut dieses Kahlschlags überhaupt - in alle Winde verstreut. Manche konnten zurückerworben werden, viele landeten in Privat- oder anderen Museumssammlungen. Der Nachvollzug der komplizierten Provenienz der gezeigten Arbeiten ist spannend."

In der Welt berichtet Gesine Borcherdt von drei irakischen Künstlern, die ihre Werke aus der Berlin Biennale abgezogen haben: aus Protest gegen das Werk des französischen Künstlers Jean-Jacques Lebel, der dort Bilder von Gefangenen in Abu Ghraib zeigt und sich so angeblich deren Traumata aneignet. Sprecherin der drei ist die Kuratorin Rijin Sahakian, die im Artforum die "tiefe Verstörung" beklagt, die Lebels Werk ausgelöst hat. Kurator Kader Attia ließ sich von dem Protest nicht beeindrucken und erinnerte daran, dass Lebel "das Thema Trauma durch Kolonisierung ein persönliches Anliegen ist. Er teilt Erfahrungen von Mord, Folter und Vergewaltigung in seiner eigenen Familiengeschichte in Algerien. ... Um Wandel zu erzeugen, braucht man Diversität und Dialog statt Abgrenzung und Beschuldigung. Weil Attia das weiß, zeigt er das Werk von Lebel und lässt sich nicht beirren. Und so geht es jetzt wie so häufig in den Debatten dieser Jahre um viel mehr als nur um Abu Ghraib - nämlich um die zunehmende Unfähigkeit, über Konflikte zu sprechen und die Haltung der Gegenseite zu akzeptieren."

Weiteres: In der Berliner Zeitung plädiert Ingeborg Ruthe für den Erhalt der Rieckhallen und damit des Hamburger Bahnhofs in Berlin, über deren Schicksal das Berliner Abgeordnetenhaus am Montag entscheiden soll. Besprochen werden die Ausstellungen "Zeichnen im Zeitalter Goethes" im Deutschen Romantik-Museum Frankfurt (FR) und "Aufbrüche. Abbrüche. Umbrüche. Kunst in Ost-Berlin 1985-1995" in der Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank (BlZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.08.2022 - Kunst

Der internationale Museumsrat ICOM hat eine neue Definition von Museum verabschiedet, berichtet Jasmine Liu bei Hyperallergic. "Mit der neuen Definition werden Begriffe wie 'Zugänglichkeit', 'Inklusivität', 'Vielfalt' und 'Gemeinschaft' eingeführt, die eine horizontalere und demokratischere Konzeption des modernen Museums darstellen. ... Die vollständige neue Definition lautet nun wie folgt: 'Ein Museum ist eine gemeinnützige, dauerhafte Einrichtung im Dienste der Gesellschaft, die materielles und immaterielles Erbe erforscht, sammelt, bewahrt, interpretiert und ausstellt. Museen sind für die Öffentlichkeit offen, zugänglich und integrativ und fördern Vielfalt und Nachhaltigkeit. Sie arbeiten und kommunizieren ethisch, professionell und unter Beteiligung von Gemeinschaften und bieten vielfältige Erfahrungen für Bildung, Vergnügen, Reflexion und Wissensaustausch.'"

Noch ein antisemitisches Kunstwerk auf der Documenta entdeckt? Diesmal in Form pro-palästinensischer Agit-Prop-Filme aus den Siebzigern und Achtzigern? Auf Spon rollt Sascha Lobo mit den Augen und verweist auf Jakob Baiers Artikel in der taz vom Dienstag: "Natürlich könnte man solche Filme, führt Jakob Baier aus, mit Fug und Recht zeigen, wenn man sie einordnete. Tatsächlich geschieht fast das exakte Gegenteil. Denn es gibt kommentierende Stimmen aus dem Off zwischen den Filmen. Die aber schwärmen laut Baier regelrecht von der antisemitischen Terrorpropaganda. Die Stimmen der beiden Sprecher erklären, welche Clips ihre Lieblingsfilme seien, sie loben einen Film, der den Märtyrertod kleiner Kinder feiert, als 'sehr literarisch' und deuten so erschütternd wie absurd die geopferten Kinder zu 'Freiheitskämpfern' um. Uff. Uff. Superuff. Das ist israelbezogener Antisemitismus allerreinsten Wassers und kindermissbrauchend obendrein. ... BDS-Künstler machen antisemitische Kunst. Megaüberraschung."

Die systematische Prüfung aller Exponate auf der Documenta auf Antisemitismus gehörte nie zu den Aufgaben der in Kassel eingesetzten Expertenkommission, erklärt im Interview mit der SZ die Leiterin der Kommission, Nicole Deitelhoff: "Wir sind als fachwissenschaftliches Gremium einberufen mit dem Ziel, herauszuarbeiten, wie es zu den antisemitischen Vorfällen auf der Documenta kommen konnte und wie dies zukünftig zu verhindern ist. In diesem Zuge sollen wir auch vertiefende Analysen zu antisemitischer Bildsprache umstrittener Werke und zu den Organisationsstrukturen der Documenta anstoßen beziehungsweise durchführen. ... Wichtig ist, sich in öffentlichen Auseinandersetzungen darüber klar zu werden, was man in einer freiheitlichen Gesellschaft auch ertragen können muss."

Besprochen werden eine Ausstellung von Bill Viola im Museum der Moderne in Salzburg (FAZ), die Ausstellung "Zeichnen im Zeitalter Goethes" im Deutschen Romantik-Museum Frankfurt (FAZ) und die Ausstellung "Sand !Hū Sand" im Kunsthaus Hamburg (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.08.2022 - Kunst

Peter Gauditz, spectrum Photogalerie Hannover, Straßenansicht, 1972, © Peter Gauditz


Vor fünfzig Jahren gründete sich in Hannover die Spectrum Photogalerie, seit 1979 im Sprengel Museum untergebracht, die bald international bekannt wurde. Freddy Langer hat für die FAZ die Jubiläumsausstellung besucht und ist beeindruckt: "Wer sich mit der Fotografie der Nachkriegszeit beschäftigt, kann sie nicht anders als ehrfürchtig betrachten. Dabei überrascht die Vielfalt der Ansätze, die von Einzelpräsentationen aus der ersten Fotografenriege der Zeit bis zu thematischen Ausstellungen etwa zur 'Generativen Fotografie' oder solch Meilensteinen wie 'Aspekte amerikanischer Farbfotografie' im Jahr 1980 reichen. Mit historischen Abzügen aus der Sammlung Lebeck wurde auch einem Überblick aus der Frühzeit des Mediums Raum gegeben."

Weitere Artikel: Seit der zweiten Machtübernahme der Taliban lebt in Afghanistan kein einziger Jude mehr. "Es ist ein Bild, das sich in der ganzen arabischen Welt abzeichnet: Von den schätzungsweise neunhunderttausend Juden, die vor der Staatsgründung Israels in der Levante und Nordafrika lebten, sind heute nur noch wenige Tausend geblieben", schreibt Quynh Tran in der FAZ: Eine Ausstellung im Israel Museum in Jerusalem dokumentiert jetzt die zerstörte Zentralsynagoge in Aleppo als virtuelle Rekonstruktion. Ingeborg Ruthe besucht für die Berliner Zeitung die Sommerschau "Rohkunstbau" auf Schloss Altdöbern im Spreewald. Annegret Erhard schlendert für die FAZ über die Kunstbiennale in Pristina.

Besprochen werden Arnold Stadlers Erinnerungen an den Maler Mark Tobey (Tsp) und eine Ausstellung von Bruce Nauman in der Konrad Fischer Galerie in Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.08.2022 - Kunst

Silberbarren im Tresor von Kodak, 1945. Bild: Eastman Kodak Company


Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zeigt die Materialgeschichte der Fotografie, um einmal den eigenen ökologischen Fußbdruck zu untersuchen, wie Kuratorin Esther Ruelfs im Monopol-Interview am Beispiel der Fotofirma Kodak erklärt, die enorme Mengen an Rohstoffen brauchte: "Kodak ist in dieser Zeit nach dem amerikanischen Staat der größte Abnehmer von Silber. Das Bild verdeutlicht eine Eskalation: Anfang des 20. Jahrhunderts ist es noch ein Schrank, in dem das Silber gelagert wird, um 1945 benötigt man dann schon einen Tresorraum. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts stammt die größte Menge des Silbers aus den Amerikas. Die Geschichte ist verknüpft mit dem globalen Handel und der Logik der Ausbeutung ... Heute denken wir, mit der digitalen Fotografie sind wir weg von der bösen Chemie und diesem ganzen schmutzigen und giftigen Kram. Es verschiebt sich jedoch nur. Die Cloud klingt vom Wort her zwar erstmal fluffig, aber wenn man sich mal anschaut, was heute in unseren Mobiltelefonen und Digitalkameras verbaut ist, dann spielen da die Seltenen Erden und metallische Rohstoffe eine große Rolle."

Im Tagesspiegel-Interview spricht die Sammlerin Francesca Thyssen-Bornemisza über ihr großes Erbe, die Kunst und die Welt und säuselt: "Philanthropie ist eine Reise zu mir selbst auf den Spuren der Empathie."

Besprochen werden die Ausstellung "Textiler Garten" im Zürcher Museum für Gestaltung (in der sich NZZ-Kritikerin Maria Becker von Kaskaden aus Garn, Wolle und Seide berauschen ließ), eine Dürer-Schau im Musée Condé bei Paris (FAZ), die Kunstschau Rohkunstbau in Altdöbern im Spreewald mit Cindy Sherman (FR) und eine Ausstellung der Künstlerin Manon Awst in der Galerie PMS in Berlin (Tsp).