Es ist vor allem die fast vollständige Abwesenheit von Kunst, weshalb diese Documenta als "Kampffeld der Geschichtspolitik" endet, schreibt Hanno Rauterberg in einem sehr lesenswerten Zeit-Essay, in dem er darlegt, weshalb gerade die Ablehnung des westlichen Kunstbegriffs zu "neo-reaktionärem, neo-essenzialistischem Denken" führt. "Eine Ausstellung, die auf der Seite der Gerechten stehen will, setzt alle, die sie kritisieren, ins Unrecht. Unweigerlich muss jede Debatte über die Angemessenheit bestimmter Motive oder Formen in den Strudel eines Gut-oder-böse-Konflikts geraten, aus dem es kein Entkommen gibt. Das Spielerische der Kunst, das Vorläufige und Absurde hat hier keinen Raum. Und auch Dialoge müssen unter der moralischen Last ersticken. Zumindest darin sind sich ja gerade alle einig: Reden geht nicht mehr. Ein weiterer Grund für die ungeheure Verbitterung auf allen Seiten dürfte die Entindividualisierung sein, wie sie diese Documenta so radikal wie nie zuvor praktiziert."
Unterdessen hat sich das Documenta-Debakel kurz vor Schluss nochmal zugespitzt (Unsere Resümees): Ruangrupa stellt sich gegen den Rat des Expertengremiums und die Gesellschafter - "Parteinahme ist wichtig und die Documenta als Institution muss die daraus entstehenden Debatten aushalten", verteidigt Geschäftsführer Alexander Farenholtz die Position des Kuratorenkollektivs in der 3sat-Sendung "Kulturzeit", schreibt Jörg Häntzschel, der für die SZ weitere Kommentare zusammengetragen hat, etwa von Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz-Komitee: "Die Reaktion Ruangrupas mache 'einmal mehr deutlich, dass diese Documenta als Documenta des Zynismus in die Geschichte eingehen wird'".
Am Wochenende hatten Ruangrupa im Museum Fridericianum zudem Plakate "mit Aufschriften wie 'BDS: Being in Documenta ist a Struggle' ('In der Documenta zu sein, ist ein Kampf') oder 'Free Palestine from German guilt' ('Befreit Palästina von deutscher Schuld') aufgehängt", notiert Ralf Balke in der Jüdischen Allgemeinen." Ruangrupa hat deutlich gemacht, dass sie kein Interesse an Beratung haben, meint Nicole Deitelhoff vom Documenta-Expertengremium im Tagesspiegel-Interview mit Birgit Rieger. Jetzt werde es "schwierig, noch eine vernünftige Debatte zu gestalten."
Ganz anders hatte das vor einigen Wochen der belgische Kunstkritiker und Kurator Philippe Pirotte in der FR gesehen (Unser Resümee), dem heute die Kunsthistorikerin Dorothee Richter im FR-Interview mit Tibor Pézsa widerspricht. Viel Hoffnung auf Lehren aus der Documenta 15 macht sie nicht: "Leider glaube ich, dass ein großer Teil der internationalen Kuratorinnen- und Kuratoren-Szene sich weiter und umso mehr in der pseudo-revolutionärenAttitüde gefällt, und sich in schöner Boy-Group-Formation gegenseitig auf die Schulter klopft."
Weitere Artikel: Als "didaktisch hervorragend gestaltete Wissenschaftsausstellung darüber, was Herkunftsforschung zu leisten vermag und wo ihre Grenzen sind", würdigt Philipp Meier in der NZZ die Ausstellung "Gurlitt. Eine Bilanz" im Kunstmuseum Bern: "Die systematische Dokumentation der materiellen Spuren der Gurlitt-Werke durch die Berner Provenienzforschung hat ergeben, dass von den über 500 Arbeiten 'entarteter' Kunst die Provenienz bei gut siebzig Prozent durch Manipulationen verschleiert wurde. Wahrscheinlich hatte sie Gurlitt selber vorgenommen, um den wenig rühmlichen Umstand ihrer Plünderung aus deutschen Museen zwecks ihrer besseren Vermarktung zu vertuschen." Für die SZ flaniert Christian Zaschke mit einem gut gelaunten Wolfgang Tillmans durch dessen monumentale Retrospektive "To look without fear" im New Yorker Museum of Modern Art. Besprochen wird eine Inszenierung des Künstlers Via Lewandowsky in der Berliner Kunstkirche St. Matthäus (Berliner Zeitung)
Ulf Erdmann Ziegler würdigt im PerlentaucherWilliam Klein, der im Alter von 96 Jahren gestorben ist (siehe Efeu von gestern): "Erstaunlich ist - und rar in irgendeinem künstlerischen Werk - wie William Kleins filmisches Werk eine solche Kraft entfaltete, nachdem er schon der schwarzweißen Fotografie wichtige Impulse gegeben hatte, und zwar bis nach Japan. Seinen (damals noch) kleinen, ingeniösen, gehässigen Bildband - er hieß "Life is Good & Good for You in New York" - bekam er 1956 beim Literaturverlag Seuil verlegt, wo ein gewisser Chris Marker damals das Segment Reisebuch leitete. In den sechziger Jahren folgten intensive, abenteuerliche, von ihm selbst gestaltete Städtebände über "Rom", "Moskau" und "Tokio" (so hießen die wirklich), die man auch in manchen deutschen Bibliotheken und Antiquariaten findet, weil Henri Nannen und Gerd Bucerius als Ko-Verleger deutscher Ausgaben einsprangen." Weitere Nachrufe schreiben in der SZ Till Briegleb und in der FAZ Freddy Langer.
Nach der Empfehlung des Expertengremiums, den Agitpropfilm "Tokyo Reels Film Festival" nicht mehr zu zeigen und Ruangrupas pampiger Antwort (Unsere Resümees), fordern nun auch die Gesellschafter den "sofortigen Stopp", der Filmvorführung - aber Ruangrupa weigert sich nach wie vor, berichtet unter anderem Judith von Sternburg in der FR: "Daraufhin - inzwischen war es Dienstag - äußerten die Gesellschafter, das Land Hessen und die Stadt Kassel, zumindest halbwegs direkt, sie votierten für einen zumindest vorläufigen Stopp der Filmvorführung. Bis zum Nachmittag war nichts weiter geschehen." Und auch Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, forderte laut dpa: "'Ich erwarte von den Verantwortlichen, dass sie Sorge dafür tragen, dass der hier zur Schau gestellte, staatlich alimentierte Antisemitismus unverzüglich, noch vor dem 25. September beendet wird.'" Claudia Roth schießt sich der Forderung ebenfalls an, wie unter anderem die Jüdische Allgemeine mit dpameldet: "'Auch für die Kunstfreiheit gibt es eine klare Grenze und das ist die Menschenwürde, das ist Antisemitismus, wie auch Rassismus und jede Form der Menschenfeindlichkeit.'" In der tazschreibt Julia Hubernagel zu den Hintergründen.
Wir schließen uns als Gesellschafter der @documenta__ dem Votum der Fachwissenschaftlichen Begleitung an und danken für die außerordentlich gute Arbeit. Die Angriffe von Ruangrupa sind inakzeptabel und das Handeln ist genau gegenteilig dazu. (1/2) @NDeitelhoff@RegHessenpic.twitter.com/f92JOcadRN
Als Kommentar zur "gespenstischen Nähe" des Krieges, aber auch zum baltischen Trauma erlebt Werner Bloch in der FAZ das Kulturfestival "Survival Kit" in Riga: "Höchst bemerkenswert zeigt die Schau das Zusammenspiel von Ökologie und politischem Widerstand in Riga. Die Umweltbewegung wurde in den Achtzigerjahren zum Schirm, unter dem sich der politische Widerstand gegen Moskau zusammenraufte. Die Sowjets planten damals eine U-Bahn durch Riga zu legen, was das historische Zentrum zerstört hätte, und wollten ihren Energiehunger durch ein Kraftwerk am Fluss Düna stillen. Daraus erwuchs von 1986 bis 1990 die Singende Revolution."
Bild: André des Gachons. Foto: Collection Météo-France; Courtesy J.-M. Peyrot des Gachons. Nicht weniger als eine neue Betrachtungsweise - "vom weitesten Universum bis zur dunklen Materie, vom Grund der Ozeane bis zum Ursprung unseres Bewusstseins", wünscht sich die Astrophysikerin Ersilia Vaudo, die die 23. Triennale in Mailand unter dem Titel "Unknown Unknowns" kuratiert hat, weiß Laura Weißmüller in der SZ - und fragt sich: Ist so viel Eskapismus passend angesichts der aktuellen Krisen? Ja, schon weil allein der Blick auf historische Werke Optimismus versprüht, meint sie. Etwa "die Aquarelle der Himmelvariationen von André des Gachons. Heute traut man sich ja kaum noch, sorgenfroh in einen strahlendblauen Himmel zu blicken - Stichwort: Hitzetage - oder Gewitterwolken zu bestaunen - Stichwort: Starkregen. Bei des Gachons werden die Wetteraufzeichnungen zu zauberhaften Kunstwerken, die an Goethes Wolkendiarien erinnern."
Besprochen werden außerdem die Donatello-Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie (Welt) und die Ausstellung "Jeffrey Lewis's Low-Budget Documentaries" im Bremer Raum404 (taz).
William Klein ist tot. Libération trauert um den französischsten aller amerikanischen Fotografen, der in den fünfziger Jahren in Paris den Faustschlag in die Kunst einführte und dort nun im Alter von 96 Jahren gestorben ist. Die Zeitung bringt auch eine eindrückliche Bilderstrecke. In Le Mondeerinnert Claire Guillot an Kleins legendären Band "Life is Good & Good for You in New York": "Das 1956, zwei Jahre vor Robert Franks 'The Americans' erschienene Buch wirkte wie der blanke Hohn auf die Tradition der Reportage, der Dokumentarfotografie und der klassischen Kunstfotografie: William Klein sammelte unscharfe, abgeschnittene Bilder, er zeigte Menschen, die aus dem Bild geschnitten oder gequetscht wurden, häufte auf den Seiten Wörter und Werbereklamen an und zeichnete das ätzende Porträt einer vom Konsumwahn ergriffenen Stadt. Kleins freier und rauer Stil erregte Aufsehen und wurde überall kopiert, doch der Fotograf ruhte sich nie auf seinen Lorbeeren aus: Er wechselte von der Straßenfotografie zur Mode und dann zum Kino mit offen politischen Filmen. Er zögerte nicht, sein Werk zu überarbeiten, zu übermalen, seine Bilder maßlos zu vergrößern oder spektakuläre Hängungen zu erfinden."
Sally Gabori: Dulka Warngiid, 2007. Bild: Fondation Cartier Zwei Schauen in Berlin und Paris befassen sich gerade mit der Kunst der australischen Aborigines: Das Humboldt-Forum folgt den berühmten "Songlines", den Traumpfaden, die Fondation Cartier stellt das Werk der Künstlerin Sally Gabori aus. In der FAZ ist Ursula Scheer von beiden Ausstellungen gleichermaßen überwältigt, die ihr eine Ahnung vermitteln, dass sich die Welt auch ganz anders deuten lässt: Zu Gabori schreibt sie: "Der Reiz ihrer Kunst wird im Kontext postkolonialer Debatten, durchaus auch der verklärenden Sehnsucht nach Ursprünglichkeit und Gegendiskursen, nur größer: In Gaboris Bildern entfaltet sich selbstbewusst die visuelle Erzählung einer zuvor als vermeintlich unzivilisiert Entrechteten und Marginalisierten... Ihre Bilder stehen für die Unterdrückungsgeschichte der australischen Ureinwohner, weisen aber nicht zuletzt durch ihre Rezeptionsgeschichte darüber hinaus Richtung Anerkennung und Versöhnung. Das Kolorit strahlt Optimismus aus. Doch die abstrakten, nass in nass mit groben Pinselstrichen angelegten, ineinandergreifenden Farbflächen fordern das westliche Verständnis von Bild, Darstellung und Repräsentation heraus. Gaboris Gemälde sind Vergegenwärtigung der verlorenen Heimat, mythischen Geschehens und Porträts geliebter Menschen zugleich."
In der SZliest Nils Minkmar fassungslos, mit welcher aggressiven Weinerlichkeit das Kuratorenkollektiv der Documenta auf die Befunde des Expertengremiums regaiert, das den problematischen Umgang der Kunstschau mit antisemitischen Werken und Stimmungen vorwirft (sie sehen sich als Opfer von Rassismus und Ignoranz, mehr hier): "Nicht die Juden, die in der wichtigsten deutschen Kunstschau monatelang als Aggressoren und Übeltäter dargestellt und diffamiert werden, sind also die Leidtragenden, sondern jene, denen man nahelegt, weniger zu hassen und zu diffamieren." Auch in der FAZ liest Claudius Seidl den Antwortbrief von Ruangrupa et al. wie eine Bestätigung der Vorwürfe, die das Expertengrium den Documenta-Kuratoren macht.
Weiteres: Juliane Liebert ist in der SZ zwar nicht überzeugt von der Kunst, mit der Pete Doherty in Berlin aufschlug und die sie an die Reimerei mit Kühlschrankmagneten erinnert, aber sein neuer Lebensstil geht für sie völlig in Ordnung: Lieber ein strahlender Dicker als schlecht gelaunter Heroin Chic. Nicola Kuhn blickt im Tagesspiegel auf die Berlin Art Week voraus, die mit gleich drei Ausstellungen die Londoner Bildhauerin Mona Hatoum würdigen wird. Dass die Schau auch den gefährdeten Uferhallten ihre Solidarität bekundet, freut Kuhn.
Besprochen werden die Retrospektive zu Niki den Saint Phalle im Kunsthaus Zürich (SZ) und die Ausstellung "Islam in Europa 1000-1250" im Dommuseum Hildesheim (taz).
"Und nun?" fragt Judith von Sternburg in der FR, nachdem das Expertengremium unter der Leitung von Nicole Deitelhoff der Documenta amtlich attestiert hat, nicht nur antisemitische oder antiisraelische Werke gezeigt, sondern auch keinen angemessenen Umgang mit problematischen Werken gefunden zu haben. Vor allem empfehlt die Kommission, den propalästinensischen Agitpropfilm "Tokyo Reels Film Festival" nicht mehr zu zeigen (ihre beiden Erklärungen hier und hier). Ruangrupa hat auch schon im Namen der Lumbung-Gemeinde geantwortet. In der FAZ weiß Stefan Trinks zu schätzen, dass die kolossalen Shoma-Skulpturen aus Simbabwe im Schlosspark von Schwetzingen keinen Dialog der Kulturen einfordern, sondern einfach fremd bleiben. In der SZ erzählt Michael Moorstedt, dass auf einer Kunstmesse in Colorado erstmals ein von KI erstelltes Bild einen Kunstwettbewerb gewonnen hat.
Abstrakt kann er auch. Wolfgang Tillmans, Icestorm, 2001, , via David Zwirner, New York/Hong Kong; Galerie Buchholz, Berlin/Cologne; Maureen Paley, London
Anlässlich seiner großen Ausstellung im Moma, die am 12. September offiziell eröffnet wird, liefert Matthew Anderson in der New York Times ein großes, wunderbar ausführliches Porträt des Künstlers Wolfgang Tillmans. Wie sehr sich die Bedeutung seiner Fotos in den letzten Jahren geändert hat, versteht Anderson bei der Betrachtung von "The Cock (Kiss)", "ein unbeschwerter Schnappschuss von zwei Männern aus dem Jahr 2002, die in einem Londoner Nachtclub rummachen: Im Jahr 2016 ging dieses Bild nach der homophoben Massenschießerei im Pulse-Nachtclub in Orlando, Florida, in den sozialen Medien viral. Der Bedeutungswandel des Bildes - von einer Feier des schwulen Begehrens zu einer trotzigen Behauptung der Bürgerrechte - spiegelt eine Veränderung in Tillmans' Werk wider. Während seine frühen Bilder den Betrachter in seine persönliche Welt der sexuellen Befreiung, des grenzenlosen Reisens und der fröhlichen Zweisamkeit einluden, hat er in jüngeren Arbeiten und in seinem zunehmenden Engagement als politischer Aktivist darauf hingewiesen, dass diese Freiheiten zerbrechlich sind und auf Errungenschaften beruhen, die, wenn sie nicht geschützt werden, verloren gehen können." Nebenbei erfährt man übrigens auch, dass Tillmans überlegt, in Deutschland für den Bundestag zu kandidieren.
In Vultureblickt Jerry Saltz geradezu mit Liebe auf das Werk von Tillmans, der für ihn viel mehr als nur ein Fotograf ist: "Im Laufe seiner 36-jährigen Karriere hat der Fotograf Wolfgang Tillmans das geschaffen, was ich als neue Erhabenheit bezeichne. Sein Werk vermittelt, dass die Größe des Ganzen nicht mehr in Gott, den Decken der Renaissance, der Erhabenheit der Natur oder den All-Over-Feldern der abstrakten Expressionisten liegt. Tillmans ahnt, dass sich das Erhabene verlagert hat, dass es auf uns herabgesunken ist. Man sieht es in einer Draufsicht auf Freunde in Tarn- und Militärkleidung, die sich am Strand in einer frühlingshaften Anordnung ausbreiten und sich gegenseitig umarmen - sie werden zu einem einzigen Organismus mit Tentakeln. Es ist ein Mann, der die Beine einer nackten Frau spreizt und unter ihren entblößten Busch auf die grasbewachsenen Dünen dahinter blickt. Die Menschen, die wir sehen, sind oft Tillmans' Freunde: Künstler, Musiker, Designer, Tänzer. Aber es sind nicht die üblichen Fotos von Clubkindern, Schwulenbars und Grunge-Leuten. Die rhapsodische Beziehung, die Tillmans zu seinen Motiven hat, verleiht seinen Arbeiten eine Zärtlichkeit, die fast heilig erscheint."
Weitere Artikel: In der tazberichtet Sophie Jung nochmal über die Vorwürfe gegen den Galeristen Johann König.
Besprochen werden die Donatello-Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie (BlZ), die Joan-Jonas-Ausstellung im Haus der Kunst (SZ) und zwei Berliner Ausstellung von Magnum-Fotografen: frühe Aufnahmen in der Newton-Stiftung, aktuelle in den Reinbeckhallen (BlZ).
Natürlich sieht SZ-Kritiker Alexander Menden in der ersten posthumen Christo und Jeanne-Claude-Retrospektive mit dem Untertitel "Paris. New York. Grenzenlos" im Düsseldorfer Museum Kunstpalast vor allem Fotografien der Werke der beiden Verpackungskünstler. Und doch erhält er auch einen überraschenden Einblick ins Pariser Frühwerk Christos: "Neben einem Drip-Painting, das offenkundig von Jackson Pollock beeinflusst ist, ist eine Art Kraterlandschaft auf Leinwand zu sehen. Die Gegenüberstellung mit Arbeiten von Yves Klein und Lucio Fontana mit ihrer Oberflächenmanipulation lässt Christo viel weniger als künstlerischen Solitär erscheinen." Und schon früh "beginnt Christo mit ersten Verpackungsobjekten. Der Akt der Verhüllung ist dabei entscheidender als der Gegenstand, sei es die Bild-Zeitung oder ein Fahrrad. 1968, nach dem Umzug des Paares nach New York, wickelte er für das Institute of Contemporary Art eine nackte Frau ein. Der fetischistische Aspekt dieser Praxis wurde wohl nirgends sonst so deutlich." Joanna Piotrowska: Sleeping Throat, Bitter Thirst, Ausstellungsansicht, Foto: Raimund Zakowski / Kestner Gesellschaft Ein Glück, dass die Arbeiten der polnischen Fotografin Joanna Piotrowska nun in der Ausstellung "Sleeping Throat, Bitter Thirst" in der Hannoveraner Kestnergesellschaft gezeigt werden, freut sich Till Briegleb ebenfalls in der SZ. Denn ihre "stillen Beobachtungen" zu "merkwürdiger Nähe und absonderlicher Intimität", derzeit auch auf der Biennale in Venedig zu sehen, gehen dort fast unter, meint er: "In den Räumen der Kestnergesellschaft wirken die gleichen Motive durch die Gefangenschaft in einer Zelle aus Haut plötzlich intensiv spukhaft und irritierend. Das Doppelporträt einer Frau mit einem Männerarm, der zur einen Seite mit einer merkwürdigen Fingerspreizung an ihren Busen greift, zur anderen Hälfte den Zeigefinger als Schweigegebot auf ihre Lippen legt, mag eine Geschichte des Missbrauchs erzählen, aber vielleicht auch ein Spiel der Verliebtheit darstellen, wofür die Entspanntheit der Frau spricht. (...) All diese Porträts bleiben in der Schwebe zwischen Spiel und Gewalt, Bedrohlichkeit und Einverständnis."
Lucian Freud hätte wohl wenig von dieser Ausstellung gehalten, glaubt Gina Thomas in der FAZ: Er mochte seinen Großvater Sigmund, hielt aber wenig von dessen Lehre. Und doch stellt das Londoner Freud-Museum Lucians Werk nun in den Kontext der Familie: "Es sagt viel aus über Lucian Freuds perfiden Humor, dass eines seiner weiblichen Modelle erzählte, welchen Spaß dem Maler die Vorstellung bereitete, dass Kritiker seine Gemälde auf freudsche Einflüsse untersuchten. Auf einem Aktbild, für das sie Modell saß, liegt sie wie Manets Olympia halb aufrecht auf einem Bett. Ihre Füße ruhen auf einem zerfetzten Kissen, während Kirschen sich an ihr Gesäß schmiegen. Freud habe ihr angekündigt, dass er das Kissen so durchstechen wolle, dass Federn in alle Richtungen gestreut würden. Dann sei er in Gelächter ausgebrochen bei dem Gedanken, was wohl sein Großvater von dem aufgespießten Kissen und den Kirschen gehalten hätte."
'An erotic rite' … Schneemann performing Meat Joy in 1964. Photograph: 2021 Estate of Robert R. McElroy/2021 Carolee Schneemann Foundation / Artists Rights Society (ARS), New York / DACS, London. Adrian Searle (Guardian) besucht die große Retrospektive der Künstlerin Carolee Schneemann in der Londoner Barbican Art Gallery. In den Gemälden, Performances, Filmen und Collagen erlebt Searle noch einmal das Zarte und Exzessive, Peinliche und Provokative, das ihr Werk ausmacht: "Es waren nicht nur männliche Kritiker, die zurückschreckten und sich beschwerten. Das bekannteste Werk der Künstlerin, das in fast allen Studien zur feministischen Kunstgeschichte anthologisiert wurde, ist Schneemanns 'Interior Scroll' von 1976, das als Live-Performance begann, bei der die nackte Künstlerin eine Schriftrolle aus ihrer Vagina entfernte und daraus einem überwiegend weiblichen Publikum vorlas. Der Text gibt vor, eine Art Erwiderung auf die Kritik eines männlichen Filmemachers an ihr zu sein, ist aber tatsächlich eine Antwort auf die Kritikerin und Kunsthistorikerin Annette Michelson, die gesagt hatte, sie könne sich Schneemanns Filme nicht ansehen. Die Fotografien, Collagen, Texte und Schriftrollen jetzt zu betrachten, ist, als würde man eine Art Relikt eines fast mythologischen, wundersamen Moments betrachten."
Die Zeit erscheint heute zur Vorschau auf die kommende Saison mit einer Museumsbeilage. Die Pandemie ist nicht vorbei, viele Künstler und Intellektuelle sitzen in der Türkei in Haft oder haben das Land verlassen - und doch spürt Carolin Würfel vor der Mitte September beginnenden 17. Istanbul Biennale einen Hauch Optimismus. Einer der wichtigsten Schwerpunkte ist das Thema Frauen und Frauenbewegung, erfährt Würfel: "So hat sich etwa die Kuratorin und Autorin Çağla Özbek auf Einladung der Biennale zusammen mit ihrer Kollegin Merve Elveren durch das Archiv der Istanbuler Women's Library gegraben. Die Bibliothek existiert seit über 30 Jahren, widmet sich der Geschichte der türkischen Frauenbewegung und versammelt Material, das zurückgeht bis aufs späte Osmanische Reich. Özbek und Elveren interessierte vor allem, wer und was in diesem Archiv fehlt, was es versteckt hält, und welche Bilder, Dokumente bisher nicht kategorisiert wurden."
Anlässlich der kommende Woche im Berliner Gropius Bau startenden Ausstellung "YOYI! Care, Repair, Heal" macht sich Wolfgang Ullrich Gedanken über Heilung und Reparatur in der Kunst: "Wie dominant das Ideal einer vollständigen Reparatur in der westlichen Moderne war, zeigt sich an vielen Phänomenen, sei es beim Wiederaufbau von Gebäuden oder bei Beschwörungen eines Naturzustands. Doch wird es wohl nirgendwo manifester als innerhalb der Ideologie des Antimodernismus, eines besonders eigentümlichen Produkts der Moderne. Dieser Ideologie zufolge ist das Leben durch Ereignisse wie die Industrialisierung oder den Rationalismus beschädigt worden, je nach Deutung gilt es als entfremdet oder entartet, korrumpiert, maßlos, wahnsinnig. Die Heilung der jeweils beklagten Zustände aber wird stets als exakte Wiederherstellung des Zustands vor der Störung, als Rückkehr zu einem Ursprung gedacht."
Weitere Artikel: In der Zeit berichtet Antonia Baum von ihrem desaströsen Atelier-Besuch bei einer ziemlich "bosshaften, unsympathischen und etwas kinski-artigen" Monica Bonvicini. Peter Neumann porträtiert den Bildhauer Johann Gottfried Schadow, dem die Berliner Alte Nationalgalerie unter dem Titel "Berührende Formen" eine große Retrospektive widmet. Christoph Twickel schreibt anlässlich der Ausstellung "Eine Stadt wird bunt. Hamburg Graffiti History 1980-1999" im Museum für Hamburgische Geschichte über Graffiti in der Stadt. Tobias Timm empfiehlt die große Wolfgang-Tillmans-Ausstellung im New Yorker MoMA. Im NZZ-Interview mit Philipp Meier spricht die Schweizer Kuratorin Bice Curiger über die Kommerzialisierung der Kunst, mangelnde Komplexität und die Debatte um kulturelle Aneignung: "Das ist gewissermaßen ein Dammbruch, der auch durch #MeToo und 'Black Lives Matter' bewirkt wurde. Plötzlich geraten nun bisher ausschließlich in der Kultur verhandelte Aspekte davon, wie wir leben wollen, in den Blick der Politik." In der FAZ berichtet Patrick Bahners von der Enthüllung von Erwin Wurms Skulptur "Walking Bag", die Walter Smerling, Vorsitzender der Bonner Stiftung für Kunst und Kultur, der Stadt Bonn geschenkt hat.
Besprochen wird die Ausstellung "The Woven Child" mit textilen Arbeiten von Louise Bourgeois im Berliner Gropiusbau (taz).
Leonardo Bezzola, Niki de Saint Phalle, Lucerna, 1969. Foto: Kunsthaus Zürich So berührt wie begeistert kommtNZZ-Kritiker Philipp Meyer aus der großen Retrospektive zu Niki de Saint Phalle im Kunsthaus Zürich, in dem sich ihre Nanas, die üppigen Frauengestalten und Riesenskulpturen der Weiblichkeit, nur so drängen: "Ihre Kunst mag poppig und humorvoll sein, weswegen sie sich in der breiten Öffentlichkeit anhaltender Beliebtheit erfreut. Unter dem oberflächlichen Charme ihres Werks verbirgt sich aber auch Abgründiges. Niki de Saint Phalle kam 1930 als Catherine Marie-Agnès Fal de Saint Phalle im vornehmen Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine zur Welt. Ihr Vater entstammte einer alten Adelsfamilie und war Bankier, verlor aber während der Weltwirtschaftskrise sein Vermögen. Ihre Mutter war Amerikanerin und nannte ihre Tochter Niki. Die Kindheit war geprägt von einem schwierigen Verhältnis zur Mutter und vom sexuellen Missbrauch durch ihren Vater - ein lebenslanges Trauma, das sich in ihrer Kunst niederschlug. Ähnlich wie Louise Bourgeois fand die Autodidaktin in ihrer künstlerischen Tätigkeit einen psychotherapeutischen Zufluchtsort. Kunst war ihr Schicksal, wie sie einmal selber sagte: 'Zu anderen Zeiten wäre ich für immer in eine Irrenanstalt eingesperrt worden - so aber befand ich mich nur kurze Zeit unter strenger psychiatrischer Aufsicht, mit zehn Elektroschocks usw. Ich umarmte die Kunst als Erlösung und Notwendigkeit.'"
Weiteres: In der FAZ berichtet Niklas Bender, dass Straßburgs Bürgermeisterin Jeanne Barseghian die Museen der Stadt künftig zwei Tage in der Woche schließen lassen möchte, statt wie bisher einen Tag. Sie begründet das mit den hohen Energiekosten, doch Bender meldet Zweifel an: "Die kulturelle Kälte, die schon bei der ersten Weichenstellung im Zeichen des Mangels Einzug hält, ist derzeit besorgniserregender als noch unkalkulierbare Probleme bei der Gasversorgung." In der SZzeigt Peter Richter, was für trübselige Schleifen die Documenta-Debatte dreht. Ein Kasseler Kunststudent beklagte sich, dass sein Werk nicht gezeigt werden sollte, mit dem er den Antisemitismus der Kunstschau anprangern wollte ("Neuer Eklat!" rief die WamS): Es zeigte im Triple einen Ausschnitt aus Taring Padis "People's Justice", Joseph Beuys und, naja, eben nicht den Altnazi Werner Haftmann, sondern den Sozialdemokraten Arnold Bode.
Die "Ästhetik der Administration" erkennt FAZ-Kritiker Georg Imdahl in der großen Retrospektive, die die Kunstsammlung NRW dem Bildhauer Reinhard Mucha widmet. Es ist die Ästhetik der alten Bundesrepublik: "Muchas Arbeiten heißen sinnfällig 'The German Leitz-Kultur' oder 'Vier-Mächte-Status' - mit vier gestapelten Transistorradios neben einer schweren Wandvitrine. 'Flak' von 1981 setzt sich aus vorgefundenen Stühlen und einer Leiter zusammen, die zu einem provisorischen Gebilde gleich einem Geschütz gen Himmel aufgetürmt sind. Die Farben Braun und Grau bleiben über Jahrzehnte hinweg dominant und setzen in den vielen gerahmten Ausstellungsplakaten von Anfang an den Ton. Der Werkstoff Filz, wie schon bei Beuys ein Erkennungszeichen Muchas, scheint selbst fabrikneu schon Patina angelegt zu haben. Der Ordnungssinn, die ganze Pedanterie: alles in diesem Werk ist obsessiv, in seiner kategorischen Präzision von - unbedingt produktivem - Größenwahn gestreift."
Weiteres: Im FR-Interview mit Lisa Berins sprichtFarid Rakun von Ruangrupa über den Kollektiv-Gedanken, die Vorwürfe gegen die Documenta und verpasste Gelegenheiten: "Wir wurden gesilenced. Es gab so viele Dinge und Aspekte, die aufgrund dieser Wolke an Vorwürfen nicht gehört und gesehen wurden: Marginalisierung, Gewalt, Kolonisation. Über all das wurde nicht geredet." In der taz hätte Ronald Berg sich gewünscht, dass die Berliner Tagung zu Georg Kolbe genauer auf das Werk des Bildhauers blickt und sich nicht mit der Anprangerung seines Opportunismus unter den Nazis begnügt: "Die Subtilität, Vergeistigung und das beständige Suchen nach formalen Lösungen entfernt Kolbes Plastik weit von den brutalen bis kitschigen Machwerken der seinerzeit gefeierten Staatsbildhauer wie Arno Breker oder Josef Thorak." Im Tagesspiegel ist sich Carlotta Wald sicher, dass sexuelle Belästigungen im Kunstbetrieb zum Alltag gegöre und erklärt sich etwas holzschnittartig "das System" mit der Kombination aus ökonomischer Prekarität und romantischer Verklärung.
Besprochen werden die Foto-Biennale "Images Vevey", die monumentale Bilder im öffentlichen Raum zeigt ("Niederschwelliger kann Kunst nicht sein", versichert Antonio Fumagalli in der NZZ), eine Ausstellung des Digital-Pop-Künstlers Brandon Lipchik im Kunstpalais Erlangen (Welt) und die Schau "The Woven Child" mit textilen Arbeiten von Louise Bourgeois im Berliner Gropiusbau (FAZ).
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