Schnee, der auf Bretter fällt: Bill Lynch, Ohne Titel. Bild: Brighton CCA Überwältigt von bescheidener Schönheitblickt Laura Cumming im Observer auf die Bilder des amerikanischen Malers Bill Lynch, der 2013 mit 53 jahren starb und zeit seines Lebens keine einzige Ausstellung bekam. Jetzt zeigt das Brighton Centre for Contemporary Art seine Werke. Geborgenes Holz ist das entscheidende Medium seiner Kunst, erklärt Cumming: "Altes Sperrholz, gebrauchte Bretter, die Platte eines vom Holzwurm befallenen Tisches: Er hat einen Weg gefunden, auf diesem harten und widerstandsfähigen Untergrund zu malen, als wäre er so leicht wie Pergament. Reine Pinselführung kann nur als kalligraphisch bezeichnet werden. Eulen, Falken, verschlungene Blüten, die blassen Scheiben des Silberblatt, die wie Monde von skelettartigen schwarzen Ästen hängen: Seine Kunst hat die ganze Zartheit der Natur, kombiniert mit einer wirbelnden, stotternden, manchmal eigenwilligen Schroffheit."
Weiteres: In der tazwill Jakob Baier weitere antisemitische Werke auf der Documenta entdeckt haben: In der Reihe "Tokyo Reels" werden historische pro-palästinensische Propagandafilme gezeigt, die laut Baier nur unkritisch kommentiert werden, obwohl sie vor Israelhass und Lügen nur so strotzten.
Besprochen werden eine Ausstellung des Fotografenkollektivs "Document Scotland" im Museum Europäischer Kulturen in Berlin (Tsp), der Bildhauer Gerold Miller im Mies van der Rohe Haus (Tsp) und die Schau "Ancient Sculpture in Color" im Metropolitan Museum in New York (die FAZ-Kritikerin Frauke Steffens zufolge den Amerikaner erstmals die Antike in Farbe, statt in reinweißem Marmor präsentiert).
Joanna Piotrowska: Sleeping Throat, Bitter Thirst, Ausstellungsansicht, Foto: Raimund Zakowski / Kestner Gesellschaft In der FAZ freut sich Freddy Langer sehr, dass die Kestner Gesellschaft in Hannover der von ihm offenbar sehr geschätzten Fotokünstlerin Joanna Piotrowska eine Ausstellung widmet: "Genau darum geht es im Werk von Piotrowska: um Selbstverteidigung, um Befreiung, um Schutz, vielleicht auch um Möglichkeiten der Flucht. Aber so deutlich wie mit den Aufnahmen von Menschen, die in Häuschen kauern, die sie sich in ihren Wohnungen aus Decken, Matratzen und Möbelteilen zusammengebastelt haben, formuliert sie es nur selten. Vielmehr lässt sie das meiste in der Schwebe, am offensichtlichsten dort, wo sie Frauen bisweilen sehr unbequeme und fast immer übertrieben umständliche Stellungen aus den Anleitungen eines Handbuchs für Kampfsport nachahmen lässt, die Gegner in ihren Bildern jedoch konsequent fehlen... An der Dramatik ändert es nichts. Die angespannten Muskeln, der Schmerz im Gesicht, der unterdrückte Schrei - diese 'entstellende Heftigkeit', wie Lessing sie nannte, würde nichts von ihrer Wirkung auf den Betrachter verlieren."
Weiteres: Im Tagesspiegelerklärt Nicola Kuhn, dass es zumindest auf Taring Padis im Hallenbad Ost gezeigtem Documenta-Bild "All Mining is Dangerous" keine weitere antisemitische Karikatur zu sehen sei: Bei der inkriminierten Figur handele es sich um eine Figur aus dem indonesischen Puppentheater Wayang: "Sie trage die typische indonesische Kopfbedeckung 'Kopiah', auch 'Songkok' oder 'Peci' genannt, die anders als die Kippa bis zu den Ohren reicht." In seiner Zeit-Kolumne lernt Maxim Biller von seinen alten Kindheitsfreund Michael Bielicky bei Senfbrot und Bier, wie Medienkunst mit Oligarchen funktioniert.
Jenseits der Antisemitismus-Debatte macht die Documenta 15 für den KunstwissenschaftlerWolfgang Ullrich in ZeitOnline vor allem eine in westlichen Gesellschaften längst vollzogene "tiefe Spaltung" der Kunstwelt in Autonomisten und Kulturalisten deutlich. Und das birgt einiges an Konfliktpotenzial, so Ullrich, der die "Pluralisierung" durch kulturalisierte Kunst aber durchaus begrüßt: "Momentan mag es noch als schrille Spekulation erscheinen, wenn man prophezeit, dass es neben Kunstvereinen, die wie NGOs organisiert sind, andere Kunstvereine geben wird, deren Strukturen eher an alte Studentenverbindungen erinnern. Oder dass größere Ausstellungshäuser nicht länger den Anspruch haben werden, das Kunstgeschehen in seiner ganzen Breite zu repräsentieren, sondern ausdrücklich jeweils bestimmte Formen von Kunst nicht mehr zeigen - vielleicht weil sie bestimmten ökologischen Standards nicht genügt oder weil sie zu klassistisch ist. Wurden Differenzen wie die zwischen reich und arm, alternativ und liberal, alt und jung in der Kunstwelt bisher sowohl individuell als auch institutionell gut und gerne überspielt, weil über allem die Kunst in ihrer Autonomie stand, so kann jede prononcierte Eigenheit in Weltanschauung und Habitus fortan zu einem Konflikt führen. Nach und nach könnten sich so alle Polaritäten, die in der Gesellschaft existieren, auch in der Kunstwelt abbilden."
Wie eine Antwort auf den Text erscheint Jakob Hayers heutige Welt-Online-Kritik von Ullrichs aktuellem Buch "Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie". Hayer wirft Ullrich vor, Kunstfreiheit zur "Verschwörung alter weißer Männer" zu reduzieren, die es zu demontieren gelte: "Für Ullrich soll damit der letzte Rest an Kunstreligiosität endlich entsorgt werden. Umgekehrt könnte man aber gerade in der postautonomen Kunst mit ihren Reliquien der Alltagsreligion, dem Versammlungswahn und den Strategien der Reauratisierung und Romantisierung ein Wiederaufleben des Kultischen sehen."
Im taz-Gespräch mit Thomas Winkler erklärt die Magnum-Fotografin Nanna Heitmann, weshalb sie in Moskau bleibt und warum es in Russland so wenig Widerstand gibt: "Ich glaube, das erklärt sich vor allem mit der Psyche des 'Homo Sovieticus', wie ihn Alexander Sinowjew beschrieb. Der Zerfall der Sowjetunion war quasi eine Revolution, die von selbst kam, für die der Bürger nicht kämpfen musste. So blieben auch alte Gewohnheiten: Anpassung anstatt Widerstand. Der sowjetische Bürger baute sich seine kleine private Welt, in der er nach Möglichkeit nichts mit der Politik zu tun hat, weil er der Überzeugung ist, dass er sowieso nichts ändern kann und nur ein Dummkopf sich in Politik einmische. Die Opposition hat auch den Eindruck, dass sie sowieso viel zu wenige sind, um etwas bewegen zu können. Wie schon gesagt: Es ist fast unmöglich zu wissen, was die Menschen wirklich denken."
Außerdem: Mit Blick auf das zweite antisemitische Wandbild der Gruppe Taring Padi (Unser Resümee), das erst kürzlich entdeckt und von Ruangrupa inzwischen kontextualisiert wurde, fragt sich Frederic Schindler in der Welt, "warum die Kommunikation der Documenta immer erst einsetzt, wenn etwas skandalisiert worden ist. Warum hat das Kuratorenkollektiv nicht selbst mit den betreffenden Stellen und Verbänden kommuniziert, wenn tatsächlich eine mögliche Fehlinterpretation befürchtet wurde?" In der tazstellt Fabian Lehmann die, ob die in den 1950er Jahren in einer psychiatrischen Einrichtung im nigerianischen Abeokuta entstandenen Zeichnungen, die der Sammler Ulli Beyer ins Iwalewahaus der Universität Bayreuth brachte, ebenfalls restituiert werden müssen. In der FAS stellt Laura Helena Wurth die Initiative Communal Artist Sharing Economy (CASE) vor, die eine faire Bezahlung für Künstler fordert: "Neben dem Vorschlag, einen gewissen Teil der Einnahmen von Gruppenausstellungen fair aufzuteilen, arbeiten sie auch an einer Open-Source-Plattform, an der sich jeder beteiligen kann, um neue Systeme zu erfinden, die die klassische Ordnung des Kunstmarktes umgehen."
Udo Kittelmann hat im Baden-Badener Museum Frieder Burda eine Schau mit Werken des Zollbeamten Henri Rousseau, des Gärtners André Bauchant, des Straßenarbeiters Camille Bombois, der Haushälterin Séraphine Louis und des Postboten Louis Vivin kuratiert - fünf "Maler des heiligen Herzens", so der Ausstellungstitel, die vor allem eins verbindet: ihre proletarische oder kleinbürgerliche Herkunft. Die Klassenfrage wird in der Ausstellung leider nicht thematisiert, bedauert Kito Nedo in der SZ. Aber die Kunst ist "überwältigend großartig", schwärmt er. "Da sind zum Beispiel die unglaublichen Gemälde von André Bauchant, der der Sohn eines Gärtners und einer Schneiderin war und später selbst die Familiengärtnerei vom Vater übernahm. Als Soldat der französischen Armee verschlug es ihn 1914 nach Griechenland. Von dort kam er mit einem Interesse an antiken Sagen zurück, dass sich auch in seinen fantastischen Ereignisbildern niederschlägt. 'Ihr Werk ist voll von Göttinnen, von Helden und Sirenen, und auch von Gott' schwärmte der Architekt Le Corbusier 1949 anlässlich einer Pariser Bauchant-Ausstellung in einem Brief an den Maler, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband."
Weiteres: Die Kippa in einem der Documenta-Bilder sei gar keine Kippa, sondern eine Hajj-Mütze, und darum sei die Figur auch nicht antisemitisch, hat Ruangrupa Elke Buhr erklärt, die darum jetzt bei Monopol dem Jungen Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, die die Figur entdeckt hatten, "peinliche Ignoranz" vorwirft.
Ob Ursula Scheer (FAZ) eine Reinkarnation in der Retrospektive des amerikanischen Videokünstlers John Sanborn erlebt hat, die das ZKM Karlsruhe ausgerichtet hat, wissen wir nicht. Doch beeindruckt haben sie die Videos schon: "Schlag um Schlag geht ein Musiker auf New York City los. Mit seinen Drumsticks entlockt er Asphalt und Mauern, Telefonzellen und Jalousien, Laternenpfählen und Mülltonnen einen Beat, den er im Alleingang durch Manhattan improvisiert. Schläft ein Lied in allen Dingen: Es hat etwas taugenichtshaft Romantisches, was der amerikanische Videokünstler John Sanborn 1982 in 'Ear to the Ground' mit dem Percussionisten und Komponisten David Van Tieghem vor der Kamera inszeniert hat. Am Ende des von Kit Fitzgerald mitproduzierten Kurzfilms hüpft der Klangkünstler durch eine menschenleere Straße in den Sonnenuntergang. Heiter und im besten Sinne simpel wirkt diese Street-Art-Performance im Rückblick, eine tänzerische Epiphanie im Vertrauen darauf, dem eigenen Rhythmus folgen zu können."
Documenta und kein Ende. Es wurde noch ein antisemitisches Plakat entdeckt - "All Mining is Dangerous" von Taring Padi - bei dem die Künstler offenbar selbst schon dem raffgierigen Juden mit langer Nase und Geldsack die Kippa abgeklebt hatten, berichtet Jan Alexander Casper in der Welt. Und der britische Künstler Hamja Ahsan inszeniert sich auf Twitter als Widerstandskämpfer, wo er Deutschland als die rassistischste und bedrohlichste Nation beschimpft, in der er jemals gearbeitet habe, weshalb die Bild Zeitung ihn gerade am Ohr hat. In der FAZ versucht Claudius Seidl die Tweets als Kunst zu lesen - "und schafft es leider nicht. Dass der BDS, die Boykottbewegung, deren lauteste Vertreter dem Staat Israel jedes Existenzrecht absprechen, den Friedensnobelpreis bekommen solle, ist schon deshalb nicht als Ironie zu verstehen, weil Ahsan auch die Original-Tweets des BDS, in ihrer ganzen grausamen Wortwörtlichkeit, retweetet. Er beschimpft den hessischen FDP-Politiker Stefan Naas, der sich über die Schmähung des Bundeskanzlers empörte, als Kryptonazi. Wie er überhaupt jeden, der ihn kritisiert, zum 'German Nazi SPD 'centrist'' erklärt."
Weiteres: Stephan Hilpold berichtet im Standard über die Kunstszene in Bahrain. Besprochen werden die Ausstellung "Grenzüberschreitungen" im Schloss Sacrow bei Potsdam (taz), die Ottilie-Roederstein-Retrospektive im Frankfurter Städel (Welt) sowie Bildband und Ausstellung zu den Fotos von LaToya Ruby Frazier im Hamburger Kunstverein (SZ).
Der Himmel über Pristina: Petrit Halilajs Instaalation auf dem Grand Hotel. Foto: Manifesta 14 Für die taz lassen sich Stephan Becker und Gregor Harbusch von der Manifesta durch die historischen und politischen Schichten des kosovarischen Pristina leiten und möchten die Schau keinesfalls dem internationalen Zirkus zurechnen: Hauptspielort der Manifesta ist das Grand Hotel. Einst erlebte der in Titos Auftrag errichtete Prestigebau mit seinen über 350 Zimmern pompöse Zeiten, heute ist der Charme des poppigen Yugo-Interieurs aus den 1970er Jahren verblichen. Ein entkernter Betontrakt hängt an dem Gebäude wie ein lahmer Arm, als sei das Grand Hotel nicht einer unvollendeten Sanierung, sondern einem Schlaganfall zum Opfer gefallen. Vom Dach des Hotels kündet nun eine pulsierend in die Nacht leuchtende Botschaft von Petrit Halilaj poetische Zeiten an: 'Wenn die Sonne verschwindet, bemalen wir den Himmel' steht in großen Lettern auf Albanisch, darum tänzeln Leuchtsterne. Halilajs optimistisch-verträumte Installation ist beispielhaft dafür, wie die Kunstschau in dieser schillernden Stadt geografische und zeitliche Ebenen verbindet."
Jordan Wolfson: Female Figure, 2014. Kunsthaus BregenzDas Kunsthaus Bregenz widmet dem amerikanischen Provokateur Jordan Wolfson eine Ausstellung, der mit seinen Tarantino-haften Arbeiten das Publikum zum Voyeur der multimedialen Gegenwart macht. FAZ-Kritikerin Alexandra Wach hat sich dort nicht wohlgefühlt: "Der summende Bilderexzess wird flankiert von 'Wall Objects', auf denen religiöse Symbole mit Akteuren der Pop-Industrie wie Groucho Marx, Vampiren oder dem weißen Hai ins Gespräch kommen. Exorzismen eines von der multimedialen Collage hoffnungslos faszinierten Stadtneurotikers? Will man den diagnostischen Verdienst von Wolfsons Entwurf eines polarisierten Amerikas erfassen, muss man ihm bei aller Neigung zum Event zugestehen, dass er das Hässliche der herabgesetzten Standards in Politik, Journalismus oder Social Media auf den Punkt gebracht hat."
Weiteres: In der FAZ erzählt Hannes Hintermeier, wie der Bildhauer Bernd Stöcker in der Marktgemeinde Triftern im niederbayerischen Rottal ein altes Wirtshaus in ein Kulturzentrum umwandelt. Besprochen werden eine Ausstellung der Künstlerin Elina Brotherus im Fotografie Forum Frankfurt (FR).
Natalia LL: "Sztuka Postkonsumpcyjna" (Postkonsumistische Kunst), 1975 Auf Monopolschreibt die Kuratorin Joanna Warsza zum Tod der polnischen Fotografin Natalia Lach-Lachowicz, die als Natalia LL zur Ikone der feministischen Kunst in Osteuropa wurde. Obwohl ihre Arbeiten durchaus doppeldeutig waren, wie etwa ihre bekannteste Serie "Consumer Art", die zwischen 1972 und 1975 entstand und auf deren Bildern Frauen übertrieben erotisch Bananen verputzen oder Eiscreme schlecken: "'Consumer Art' wurde zum ersten Mal 1973 in der Galerie Permafo gezeigt. Und wie viele der Werke von Natalia LL, die Nacktheit, Weiblichkeit und Sexualität zeigen, wurde es heftig kritisiert und musste schließlich aus der Ausstellung entfernt werden. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass die Künstlerin politischer und moralischer Zensur unterworfen wurde. Im kapitalistischen Westen wurde 'Consumer Art' hingegen sehr begeistert aufgenommen und landete 1976 auf dem Cover des Magazins Flash Art. Das lag auch daran, dass der westliche Liberalismus die Objektivierung und den Tokenismus von Frauen im sozialen Bereich förderte, wo Kapitalismus und erotische Motive häufig miteinander einhergingen. Daher kann 'Consumer Art' heute sowohl als eine Mischung aus Sehnsucht nach Konsum und der Freiheit des sexuellen Ausdrucks als auch als Kritik am westlichen Patriarchat, der Werbekultur und der Fetischisierung gelesen werden.
In der Berliner Zeitungmeldet Ingeborg Ruthe den Tod des Malers Dmitry Wrubel, dem die East Side Gallery den Bruderkuss von Breschnew und Honecker verdankt.
Besprochen werden die Retrospektive "Les pieds dans l'eau" über den frühen französischen Naturfilmer Jean Painlevé im Pariser Jeu de Paume (FAZ), die Ausstellung der Künstlerin Wenke Seemann über die Plattenbau-Siedlungen der DDR in der Kunsthalle Rostock (taz) und die Ausstellung "Der Schlüssel zum Leben" zu 500 Jahren mechanische Figuren und Automaten im Lipsiusbau Dresden (taz)
Luis Gordillo: Raton: No gravity, 2021/22. Bild: Carlier Gebauer. Völlig eingenommen ist Christian Meixner im Tagesspiegel von den überbordenden Leinwänden des spanischen Malers Luis Gordillo, dessen Werke die Galerie Carlier Gebauer in Berlin zeigt und der ihr eher wie ein junger Wilder erscheint denn als ein versierter Malerstar: "Den Begriff 'Mixed Media' nimmt er wörtlich, arbeitet Fotografien und Versatzstücke populärer Comics mit ein, verfremdet die Motive und schneidet anschließend Löcher in das Gewebe, unter dem noch andere Strukturen sichtbar werden. Malend habe er das 'Gefühl zu perforieren, Löcher zu machen', verriet der Künstler vor längerem in einem Interview. Dieser Zustand sucht nach einem realen Äquivalent und mündet in den Schnitten durch die Leinwand: 'Ich frage mich, was sich dahinter verbirgt.'"
Außerdem: In der FAZ schildert Andreas Kilb die schwierige Arbeit des Wörlitzer Gartenreichs unter den Bedingungen der Dürre - viele Bäume mussten gefällt werden, und auch personalpolitisch kommt die Instituion nicht zur Ruhe.
Jean-Jacques Sempé 2016 beim Signieren. Foto: Olivier Meyer, CC BY-SA 4.0
Die Zeitungen sind voll mit Nachrufen auf Sempé. Man kann sich keinen anderen Künstlern vorstellen, dem so viel Liebe entgegengebracht wird - in Frankreich natürlich: "Beim Trauern um seine 'Grands Hommes' und längst auch Frauen ist Frankreich unübertroffen", schreibt ein bewundernder Jürg Altwegg in der FAZ. "Es weiß, was es ihnen verdankt, und ist fähig, die Trauer in Worte zu fassen" - aber auch in Deutschland. Von Sempé konnte man lernen, die Widrigkeiten des Lebens und seine Widersprüche mit Humor zu begegnen - oder mit "zarter Menschlichkeit", wie Arno Widmann in der FRvorschlägt: "Meine Lieblingszeichnung von ihm zeigt eine Bibliothek, die fast an einen Dom erinnert. Bücher, Bücher, Bücher, Bücher, Tausende, Zehntausende, ach was unzählig viele Bücher. Unten stehen zwei Herren: 'Warum willst Du ein Buch schreiben?' 'Ich möchte mich aus der Menge hervorheben'. Das macht Sempé aus: Der heiter-spöttische Blick auf die eigene Lage."
"Bei Pfützen habe ich oft an ihn gedacht", bekennt Katrin Bettina Müller in der taz. "Denn schon als Ballettschülerin hatte es mir eine Zeichnung von Sempé angetan, in der vier kleine Ballettratten mit großem Vergnügen vom Bordstein in eine Pfütze hüpfen."
Harry Nutt (BlZ) hatte es besonders ein Salatkopf angetan: "Nichts ist einfach. 'Nothing is simple', heißt ein kleiner Band des französischen Zeichners Jean-Jacques Sempé, auf dessen Cover ein kleines Landhaus abgebildet ist. Ein überdachter Schuppen, Holz vor der Hütte. Gestört ist die Idylle jedoch durch ein geradezu zwanghaftes Bedürfnis, sich abzugrenzen. Vom Nachbargrundstück trennt das kleine Anwesen ein langer, gerader Zaun. Gerade? Nicht ganz. Die Bestellung der Grundstücke unterscheiden sich durch zwei öde Monokulturen, in denen sich ein Salatkopf als derart störrisch erwiesen hat, dass der geradlinige Zaun einen Winkel schlagen muss."
Und Einsamkeit und Liebe konnte er wie kein anderer. Matthias Heine erinnert sich in der Welt an "eine Zeichenfolge, in der man zunächst ein küssendes Paar vor einem abfahrbereiten Zug im Bahnhof sieht. Um es herum stehen lauter Männer in Sechzigerjahre-Angestelltenkluft, die sehnsüchtig zu ihnen hinüberschauen. Als der Zug abfährt, winken aus jedem Fenster Hände der einzigen Frau auf dem Bahnhof zu."
Weitere Nachrufe von Claudia Mäder in der NZZ, von Gerrit Bartels im Tagesspiegel und von Andreas Platthaus in der FAZ.
Eine Lektion in feministischer Fotografie bekommt FAZ-Kritiker Freddy Langer von der Künstlerin Elina Brotherus im Fotografie Forum Frankfurt erteilt: "Über ihre gesamte Karriere hinweg fotografiert Elina Brotherus vor allem sich selbst. Doch während es sich anfangs um klar autobiografisch begründete Selbstporträts handelte, beschloss sie 2004, sich nur noch als Modell für ihre und andere künstlerische Ideen zu betrachten. Während sie also hier in intimen Selbstbefragungen Einblicke in ihren Gefühlshaushalt zulässt, schlüpft sie dort in fremde Rollen und beruft sich auf Ideen der Kunst und der Kunstgeschichte. In einem Bild allerdings finden die Ansätze zusammen: im Motiv 'Disobedience', einem Doppelporträt, für das sie gemeinsam mit der österreichischen Aktionskünstlerin Valie Export im Studio posiert und deren Arbeit 'Stand Up, Sit Down' paraphrasiert."
Jörg Häntzschel hat sich für die SZdrei Videotelefonate lang mit zwei Mitgliedern von Ruangrupa über die Antisemitismusvorwürfe unterhalten: Reza Afisina bedauert, nicht genug hingeguckt zu haben bei einigen Kunstwerken, während Farid Rakun die Vorwürfe einfach rassistisch findet und jammert: "Wenn es nicht der Antisemitismus wäre, dann wäre es etwas anderes, das ist seit Januar klar und wird täglich klarer. ... Es ist egal, was wir tun. Im Januar wurden wir schuldig gesprochen, seitdem müssen wir ständig beweisen, dass wir es nicht sind."
Besprochen werden zwei Liebermann-Ausstellungen in Berlin: in der Alten Nationalgalerie und in der Liebermann-Villa am Wannsee (NZZ)
"Und denk dran, mich nicht zu vergessen." Sempés letzte Zeichnung erschien letzte Woche in Paris Match. Sempé, der Erfinder des "kleinen Nick", ein Zeichner, der Melancholie und Pracht verbinden konnte, ist im Alter von 89 Jahren gestorben.
"Pense à ne pas m'oublier." Le dernier dessin de Sempé paru dans "Paris Match" la semaine dernière. pic.twitter.com/VvYQgiDr9P
Sempé ist tot! "Das schreibt sich leicht, aber es ist unbegreiflich, denn seine Zeichnungen sind das Lebendigste, was Cartoons überhaupt bieten können", schreibt ein trauernder Andreas Platthaus in der FAZ. "Die Federleichtigkeit seines Tuschestrichs scheint doch alle Schwermut auszuschließen. Aber ganz Frankreich trägt nun Trauer; der Tod von Jean-Jacques Sempé ist in der kollektiven Verlusterfahrung der Nation in diesem Jahrhundert nur mit dem Hinscheiden der beiden Sänger Charles Trenet und Johnnie Hallyday zu vergleichen."
In der SZ empfiehlt Till Briegleb wärmstens die große Retrospektive des Schweizer Künstlers Ugo Rondinone in der Frankfurter Schirn. Hier werden die "verschlossenen Pforten der Unlogik" geöffnet, "um Geister und Wesen herein zu lassen - und verwandelt auch wieder heraus. Denn die Kreisläufe des Lebens bergen noch immer Rätsel, die den Verstand verspotten. Die menschliche Sehnsucht nach Sicherheit führt da die Erkenntnis nur in die Irre, wenn sie Antworten von Eindeutigkeit verlangt. Deshalb schläft ein bunter Clown mit stolz präsentiertem Rundbauch und Blackfacing in einer Umgebung von sieben großformatigen Fakebildern des nächtlichen Sternenhimmels neben einer düsteren massiven Tür zum Unbekannten. ... Die Übergänge, wo der Sinn noch unklar ist, sind Rondinones Lieblingszonen." Im Interview mit der SZ spricht Rondinone über seine Inspirationen, vor allem aus der Natur.
Wandbild von Taring Padi im Hallenbad-Ost, einem Spielort der Documenta. Ausschnitt. Auf der Documenta hängt ein weiteres antisemitisches Wandbild der Gruppe Taring Padi, schrieb Volker Breidecker schon in der gestrigen Welt. Der Antisemitismus ist hier nur wenig verklausulierter als in dem abgehängten Bild "People's Justice". Die zentrale Figur des Bilds ist ein Anzugträger mit Dollarzeichen auf dem Jackett und entblößten Beinen: "Über ihrer Schulter trägt die Figur einen Wanderstab, an dem ein gut gefüllter, ebenfalls mit Dollarzeichen versehener und so zum Geldsack mutierter Reisebeutel hängt. Wanderstab wie Reisesack sind unverzichtbare Attribute des 'Ewigen Juden'. Was haben sie ausgerechnet hier zu suchen, auf einer Darstellung sozialer Kämpfe in Indonesien, wo so gut wie keine Juden leben? Offenbar sind der oder die Urheber mit der europäischen Bildtradition bestens vertraut, denn sie setzen sie gezielt ein."
In den Documenta-Lumbungs wird über alles diskutiert, nur nicht über Antisemitismus. Ist diese Debatte denn "nicht Lumbung-kompatibel? Was sagt das über die tatsächliche Zukunftsfähigkeit des Konzepts aus?", fragt sich in der FR Lisa Berins. "Das defensive, introvertierte Verhalten von Ruangrupa ist rätselhaft, und es wirkt, als wolle das Kollektiv den Diskurs um Antisemitismus als Unterbrechung der kuratorischen Praxis ausblenden."
Johannes Schneider blickt in Zeit online ratlos auf die "Kontextualisierungen" antisemitischer Bildmotive durch die Documenta-Leitung. "Mit Eigenheiten der indonesischen Volkskunst und der Unterdrückungserfahrung unter der Herrschaft des einstigen Diktators Haji Mohamed Suharto, auf die nun die Kontextualisierung vergleichsweise ausführlich eingeht, lassen sich allgemein Derbheit und Respektlosigkeit, aber recht schwer explizite visuelle Bezugnahmen auf zum Beispiel die deutsche SS erklären, die wiederum explizit mit hasserfüllten Stereotypen über jüdische Menschen in Verbindung gebracht wird. Das spricht vielmehr für eine gewisse, aber mit zu wenig Wissen unterfütterte Kenntnis des Holocausts. Es wäre nun Zeit zur Offenlegung gewesen: was man weiß, was man nicht weiß, was man zu wissen glaubt, welche Fragen man vielleicht auch hat an die andere Seite der Kritik an diesen Darstellungen, mit der man seit einigen Monaten sehr engagiert nicht kommuniziert."
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