Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.11.2022 - Kunst

Zum ersten Mal fand in einer ehemaligen Coca-Cola-Fabrik die Kulturwoche Tiflis statt, mit dem Ziel georgische und ukrainische Künstler zusammenzubringen, und um neben Solidarität und Gemeinschaft auch Widerstand gegen den gemeinsamen Unterdrücker zu demonstrieren, berichtet Alex Needham, der im Guardian eine vom Festival bezahlte Reise nach Georgien unternommen hat: "Viele Georgier haben das Gefühl, unter ähnlicher Unterdrückung gelitten zu haben wie die Ukrainer: zum Beispiel der Künstler Simon Machabeli, der aus der georgischen Aristokratie stammt, die die Sowjets ausgerottet haben. Er hat in der Fabrik eine wunderschöne Installation geschaffen, die anhand von Collagen, Filmen und Gemälden zeigt, wie die Kultur seines Landes von der jeweils herrschenden Macht, von den Russen bis zu den Persern, unterdrückt wurde. Tchkonia sagt, dass Georgien immer noch unter russischer Besatzung sei: durch die Annexion von Abchasien und Südossetien etwa zwanzig Prozent des Landes. Und obwohl die georgische Regierung ihre Unterstützung für die Ukraine zum Ausdruck gebracht hat, lässt sie weiterhin für Russland bestimmte Waren durch Georgien passieren und schwächt damit die Sanktionen gegen Putin."

Außerdem: Die Findungskommission der Documenta 16 wird zum ersten Mal von ehemaligen Leitern der Ausstellung besetzt, meldet die SZ: "Dies sind Rudi Fuchs (Documenta 7, 1982), Catherine David (10, 1997), Roger Buergel (12, 2007), Carolyn Christov-Bakargiev (13, 2012) und Adam Szymczyk (14, 2017). Die Mitglieder von Ruangrupa, künstlerische Leiter der diesjährigen Documenta, seien gefragt worden, hätten aber abgelehnt, so von Saint-André. Zudem stehen sie formal noch bei der Documenta 15 unter Vertrag." Das Deutsche Fotoinstitut geht nach Düsseldorf, meldet ebenfalls die SZ. In der FR erinnert Arno Widmann an die "Geburtsstunde des Impressionismus" vor 150 Jahren, als Claude Monet sein Bild "Impression, Sonnenaufgang" malte. Im Standard berichtet Katharina Rustler, wie sich österreichische Museen gegen die Attacken von Klimaaktivisten rüsten. In der FAS stellt Laura Helena Wurth den Podcast "Death of an Artist" über den mysteriösen Tod der Künstlerin Ana Mendieta vor. In der FAZ gratuliert Stefan Trinks Rosemarie Trockel zum Siebzigsten.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.11.2022 - Kunst

Judith Leister unterhält sich für die NZZ mit Julia Waganowa, der Direktorin des durch russische Bomben schwer beschädigten Chanenko-Kunstmuseums in Kiew. Die Kunstwerke, erzählt sie, sind inzwischen "an einem geheimen Ort. Aber Sie können sich vorstellen, dass man nicht alle Objekte außer Landes bringen kann. Da die Russen gerade unsere Energieversorgung zerstören, kann es Sekundärschäden geben, wenn der Strom ausfällt und die Werke der Feuchte und bestimmten Temperaturen ausgesetzt sind. Zudem besteht unser Museum aus zwei denkmalgeschützten Gebäuden. Im ehemaligen Wohnhaus der Familie Chanenko aus der Zeit des Eklektizismus ist fast jeder Raum individuell gestaltet." Während also ukrainische Museen beschossen werden, zeigt das Siegesmuseum in Moskau gerade die Ausstellung "Gewöhnlicher NATOzismus", "in Anspielung auf den Nationalsozialismus", so Waganowa. "Darin wird die übliche russische Propaganda über die Ukraine wiederholt und - in aggressiver Verdrehung der Fakten - der angebliche 'Nazismus' Europas und der USA präsentiert. Manche Kulturstätten wurden zu Rekrutierungsbüros, so das Museum der Stadt Moskau, das Staatliche Darwin-Museum, das Museum der russischen und Sowjethelden und das Roman-Witjuk-Theater. Das sagt viel über die Funktion und den Stellenwert der Kultur in Russland aus."

Fritz Erler: Schwarzer Pierrot, 1908. Akademie der Künste, Berlin. Foto: Oliver Ziebe


"Wo immer man hinschaut in den Ausstellungssälen, stößt man auf Geschichten von Verlust, Raub, Beschlagnahme, Vergessen und Wiederkehr", schreibt ein nachdenklicher Andreas Kilb in der FAZ über die Ausstellung "Spurensicherung", mit der die Akademie der Künste in Berlin ihre Provenienzforschungen der letzten zwanzig Jahre dokumentiert. "Vor vier Jahren wurden in einem Berliner Auktionshaus zwei Ölskizzen von Carl Blechen mit dem Eigentümerstempel der Akademie der Künste eingeliefert. Die Bilder waren 1945 aus einem Auslagerungsraum in der Neuen Reichsmünze gestohlen worden; jetzt hängen sie wieder in der Akademie. Eine Munitionskiste mit Lebenszeugnissen der jüdischen Pianistin Ella Jonas-Stockhausen, die ihr Überleben im 'Dritten Reich' der Übereignung ihrer Kunstsammlung an Hermann Göring verdankte, wurde auf einer Papiermülldeponie gefunden; ein Bild des als 'entartet' verfemten Malers Max Kaus überlebte nach seiner Entfernung aus der Münchner Pinakothek im Privatbesitz. Alfred Kerrs Bibliothek wurde bei seiner Flucht vor den Nazis in alle Winde zerstreut; heute verwahrt die Akademie achtundachtzig von ehemals gut fünftausend Bänden."

Museen in Europa und den USA haben die Klimaaktivisten aufgefordert, die Kunst zu respektieren, meldet unter anderen monopol: Die für die Festklebeaktionen "'verantwortlichen Aktivisten unterschätzen die Fragilität dieser unersetzlichen Arbeiten, die es als Weltkulturerbe zu bewahren gilt', hieß es am Mittwoch in einer Erklärung des Icom Deutschland, dem deutschen Nationalkomitee des Internationalen Museumsrats. Museen seien Orte, an denen Menschen unterschiedlichster Hintergründe in einen Dialog treten könnten und die gesellschaftliche Diskurse ermöglichten, betonten Museumsdirektorinnen und -direktoren von rund 90 Häusern."

Weiteres: Bernhard Schulz berichtet im Tagesspiegel von der Messe "Paris Photo". Besprochen werden eine Ausstellung im Lütticher Museum La Boverie über neun Frauen aus dem französischen Zweig der Rothschilds, die sich als Spenderinnen, Mäzeninnen und Sammlerinnen hervorgetan haben (monopol), die Ausstellung zum 25-jährigen Jubiläum der Fondation Beyeler mit dem amerikanischen Pop-Art-Künstlers Duane Hanson als special guest (NZZ) und die Schau "Das Fahrrad: Kultobjekt - Designobjekt" in der Münchner Pinakothek der Moderne (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.11.2022 - Kunst

"Das Verbot der 9. Moskauer Biennale ist ein neuer qualitativer Schritt in der Entwicklung der russischen Zensur", schreibt in der FAZ Konstantin Akinscha, und das, obwohl die Tretjakow-Galerie laut Akinscha durchaus versucht hatte, zeitgenössische Kunst für Putins Propaganda einzuspannen. "Die Absage der Moskauer Biennale war kein Einzelfall. Die Behörden verboten Dutzende von Ausstellungen zeitgenössischer Kunst nach dem Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine. Außerdem führten sie ein neues Zensursystem ein. Früher beruhte die Ausstellungserlaubnis auf der Beurteilung der für diese ausgewählten Werke. Heute müssen die Organisatoren die schwarzen Listen mit unerwünschten Künstlern konsultieren, deren Werke unabhängig von ihrem Inhalt der Öffentlichkeit nicht vorgeführt werden dürfen."

Die Attacken von Klimaaktivisten auf Kunstwerke sind auch ein Ausdruck für eine sich verändernde Einstellung zur Kunst, meint im Interview mit der SZ Boris Groys: "Ich glaube, vielen Leuten sind die Museen und der elitäre Kunstbetrieb nicht sehr sympathisch. Die Akzeptanz für diesen Betrieb sinkt mit jedem Jahr. Das nutzen die Aktivisten mit ihren Aktionen. In den USA ist die Kritik sehr stark, dass Museen nur Tempel des Warenfetischismus sind. Deshalb ist es auch so wichtig, dass die ausgestellten Kunstwerke obszön teuer sind. Man bewundert nicht ein Kunstwerk, sondern einen toten Gegenstand, der einen hohen Preis erzielt hat. Monets Gemälde zum Beispiel hat der SAP-Gründer Hasso Plattner für 110 Millionen Euro für seine Sammlung gekauft. Museen sind Orte, an denen die Geldaristokratie ihren Besitz ausstellt. Die Zurschaustellung ihrer wertvollen Kunstsammlung ist ein Akt der Demütigung der Leute, die sich solche Werte nicht leisten können." Aber die Aktivisten sollen sich keine Hoffnung machen: "Wie alle historischen Avantgardebilderstürmer" landen auch sie mit ihren Aktionen am Ende im Museum, ist sich Groys sicher.

Hrair Sarkissian. Final Flight, 2018-2019. Co-produced by Sharjah Art Foundation. © Sharjah Art Foundation Collection. Photo courtesy of the Artist.


SZ-Kritiker Till Briegleb blickt mit einiger Skepsis auf die Ausstellung der Sharjah Art Foundation aus den Vereinigten Arabischen Emiraten in den Hamburger Deichtorhallen. Ist so eine Ausstellung, "in der Darstellungen von fluiden Geschlechtergrenzen ebenso gezeigt werden wie die Gewalt arabischer Diktaturen, wo der Kurator der Ausstellung, der Direktor der Foundation Omar Kholeif, im Katalog offen seine Homosexualität thematisiert, dann doch eher ein Beleg für die Ambivalenz autokratischer Regime am Golf oder klassisches Artwashing?" Es ist irgendwie beides, lernt er beim Gang durch die Halle: "Omar Kholeifs Thema 'Diaspora' bietet in diesem Zusammenhang tatsächlich einen gewissen Schutz vor Verfolgung. Denn indem die 150 Kunstwerke von insgesamt 60 Künstlerinnen und Künstlern entweder die Vertreibungen und Verfehlungen anderer Staaten des islamischen Kulturzusammenhangs ansprechen, oder über die erlebte Diskriminierung in westlichen Ländern erzählen, besteht kaum die Gefahr einer strafbaren Beleidigung von Sultan bin Muhammad Al-Qasimi, der Sharjah seit dem Jahr 1972 regiert. Vielmehr steht sein Regime dadurch eher vorbildlich da."

Weitere Artikel: Die 500 von den Briten geraubten Benin-Bronzen können jetzt zumindest digital wieder in ihrer Gesamtheit betrachtet werden, meldet der Tagesspiegel.

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung von Marlene Dumas im Palazzo Grassi in Venedig (Tsp), eine Ausstellung der Berliner Künstlerin Farkondeh Shahroudi, die in diesem Jahr mit dem Hannah-Höch-Förderpreis ausgezeichnet wird, im Berliner Kupferstichkabinett (taz), Filme des Medienkünstlers Jon Rafman im Schinkel Pavillon und in der Galerie Sprüth Magers, beide in Berlin (Tsp), eine Ausstellung rund um den Erwerb 1933 der Sammlung Curt Glaser durch das Kunstmuseum Basel (NZZ), die Etel-Adnan-Retrospektive im Lenbachhaus München (taz) und "Alpine Seilschaften", eine Ausstellung mit Bergmalerei in der niederösterreichischen Landesgalerie (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.11.2022 - Kunst

Felix Nussbaum: Trostlose Straße, 1938/1939. Unten rechts erkennt man die Spuren des übermalten Gemälde. Bild: Zentrum für verfolgte Künste


Das Zentrum für verfolgte Künste hat Felix Nussbaums berühmtes Bild "Rue triste" untersucht und bei Röntgenanalysen herausgefunden, dass ihm ein Bild zur Pogromnacht von November 1938 zugrunde liegt, wie Stefan Trinks betroffen in der FAZ berichtet: "'Rue triste' ist nur die erkaltete und ausgeglühte Lava eines apokalyptischen Vulkanausbruchs der Gewalt in dem weiter auseinandergezogenen Straßenzug der ursprünglichen Fassung. Das heute noch zu erkennende Augenpaar gehört zu zwei unten links aus dem Bild fliehenden Männern, deren einer die Hand mit einer Geste so abgrundtiefen Entsetzens vor das Gesicht nimmt, als werde er den durch die Straße tobenden Sturm der Vernichtung niemals begreifen können: Auf und vor den Trümmerhaufen teilzerstörter Häuser und zerborstener Glasscheiben vor den nun offenen Fensterhöhlen liegen Leichen, ein Toter in hellerer Kleidung und einer pietà-artigen Mutter-Kind-Gruppe hinter sich wirkt in der Mitte der platzartigen Weitung der Ruinenstraße wie aufgebahrt, während rings umher Menschen in nackter Angst um ihr Leben rennen und sich aus dem Fenster stürzen."

Weiteres: Im Standard geht Herwig G. Höller der Absage der Moskau-Biennale nach, die einen Tag vor der geplanten Eröffnung verkündet wurde: "Die gesamte Ausstellung war aus unerfindlichen Gründen unter strenger Geheimhaltung vorbereitet worden: Eine Liste mit 27 russischen Teilnehmern wurde erst nach der Verkündung der Absage bekannt, die Kuratoren blieben anonym." Olga Kronsteiner meldet im Standard, dass in Wien ein Bild versteigert wurde, das unter dem Verdacht steht, Raubkunst zu sein. Besprochen wird Sabine Moritz' "Lobeda"-Zyklus in der Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.11.2022 - Kunst

Im Interview mit Ronja Merkel bei Tagesspiegel+ erklärt Max Hollein, Leiter des New Yorker Metropolitan Museums, die Digitalstrategie des Hauses: "Unsere Open-Access-Policy ist sicherlich eine unserer wichtigsten Einführungen: Sämtliches Bildmaterial zu den Objekten unserer Sammlung, sofern es nicht Copyright geschützt ist, wird durch uns kostenfrei zugänglich gemacht. Das gesamte Bildmaterial kann heruntergeladen und genutzt werden - und das wird es durchaus. Gleiches gilt für unsere Publikationen. Ausnahme sind auch hier bloß die zeitgenössischen Werke, die gesonderten Urheberrechtsregeln unterliegen. Aber auch so ist es ein riesiges Konvolut an Informationen, die wir zur Verfügung stellen und die weltweit online abrufbar sind. Nicht nur zum Anschauen, sondern wirklich zum Verwenden."

Besprochen werden die Doppelschau "Imi Knoebel. Barbara Kasten", mit der die mittlerweile dem Freitsaat Bayern gehörende Sammlung Goetz nach dreißig Jahren Schließung in München wieder öffnet (FAZ), Ausstellung zu den Gewinnern des Sony World Photography Awards im Berliner Willy-Brandt-Haus (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.11.2022 - Kunst

Ruth Wolf-Rehfeldt: Ohne Titel, Detail, Mitte der 1970er-Jahre. Bild: Kupferstichkabinett

Allerhöchste Zeit wurde es in den Augen von FR-Kritikerin Ingeborg Ruthe, die 90-jährige Ost-Berliner Künstlerin Ruth Wolf-Rehfeldt mit dem Hannah-Höch-Preis auszuzeichnen: "Spät, zum Glück nicht zu spät, kommt die Ehrung für das Lebenswerk. Die Künstlerin steckt den Rummel jedoch bescheiden weg. Ach ja, Ruhm, was ist das? Ein wenig Schaum auf ihren poetischen Buchstabenwellen von A-Z, den hüpfenden und fliegenden Sprachketten, der rhythmischen Schwarmintelligenz von Pfeilen, Ornamenten, Architekturen, Schmetterlingen, Kegeln, Kuben, Käfigen, Kästen und Bäumchen-Symbolen. All die ungewöhnlichen Schreibmaschinengrafiken machte Ruth Wolf-Rehfeldt seit den 70er Jahren. Aufgehört hat sie damit abrupt 1990. Die Erika verstummte. "Weil im Zeitalter des Mailsystems die getippte Mail-Art obsolet war", wie die Künstlerin es unsentimental sagt. Weil Computer die Schreibmaschinen arbeitslos gemacht haben. Und weil ihrer Kunst mit dem Ende der DDR das Utopische, aber auch das Subversive abhandengekommen sei."

Peter Paul Rubens: Anbetung der Könige. Bild: KMSKA

SZ
-Autor Josef Kelnberger hätte sich im neu gestalteten Königlichen Museum der Schönen Künste in Antwerpen gern von Größe und Pracht überwältigen lassen, stattdessen muss er sich über gewagte Profanisierungen freuen: "In der Mitte des Rubens-Saales mit seinen gewaltigen Altarbildern lümmeln auf einem Sofa zwei Plüschdromedare. Es sind die Tiere, die auf Rubens' Werk im Hintergrund ihr Haupt erheben. Solche Details aus den alten Werken führen an vielen Stellen des neuen Museums ein Eigenleben als Skulpturen, hier ein Tierschädel, dort eine Hand, die aus der Wand herausragt. Dem Menschen kann nichts Schöneres passieren, als dass die Kunst seine Welt zertrümmert und ihn zwingt, sie neu zusammenzubauen. Beim Umbau des KMSKA hat man diesen Ansatz mit großer Konsequenz und Raffinesse verfolgt, bis in die Architektur hinein."

Weiteres: Kerstin Holm spricht in der FAZ mit der russischen Fotografin Victoria Iwlewa über ihre Solidarität mit der Ukraine, Kriegsverbrechen, Hirnwäsche und gute Russen. In der taz schreibt Katrin Bettina Müller zum Tod des Berliner Künstlers Martin Kaltwasser.

Besprochen werden eine Schau des Barockmalers Wolfgang Heimbach im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster (FAZ) und die Ausstellung "Magyar Modern" zu ungarischer Kunst in Berlin von 1910 bis 1933 in der Berlinischen Galerie (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.11.2022 - Kunst

Hugó Scheiber: "Auf der Straßenbahn", Berlin, 1926. Ernst Galerie, Budapest

Ungarische Künstler haben ab 1910 immer wieder in Berlin ausgestellt und gehörten von Anfang an zur Avantgarde, lernt eine hingerissene Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung) in der Ausstellung "Magyar Modern" in der Berlinischen Galerie. "Wir begegnen Mitgliedern der revolutionären, nach neuem Ausdruck suchenden Malergruppe Die Acht. Unübersehbar ist deren Affinität zu Fauvismus und Postimpressionismus, zur Malerei Cézannes wie auch zu Expressionismus, Kubismus und der antiakademischen Bildsprache der Berliner Sezessionisten. Lajos Kassáks lyrischer Konstruktivismus verrät auf seinen farbstarken Motiven das Naturell des Dichters, der sich mit Kandinskys 'Das Geistige in der Kunst' auseinandergesetzt haben muss. Die Tuschebilder des Melancholikers József Nemes Lampérth wirken wie düstere Fieberträume in Kriegsnächten. Tihanyis scharfkantige, farbleuchtende Kompositionen scheinen die Dynamik, das zentrifugale Tempo Berlins in den 20er-Jahren, den 'Tanz auf dem Vulkan' aufgesogen zu haben. Geradezu entschleunigend, fast meditativ, nehmen sich im Kontrast dazu die handgewebten, der ungarischen Folklore nahen Webteppiche und Bilder Noémi Ferenczys aus."

Nach den Attacken von Klimaaktivisten (die zuletzt Erbsensuppe auf einen van Gogh gekippt haben) suchen Museen die unmögliche Balance von Offenheit und Schutz ihrer Kunstwerke zu halten, berichten in der SZ Peter Richter und Carlotta Wald. Aber auf Dauer werden sie wohl an diesem Widerspruch scheitern: "Dass es in Museen nicht zugehen dürfe wie auf Flughäfen, ist eine Formulierung, die aus vielen Häusern jetzt zu hören ist. Allerdings konnte sich das auch auf Flughäfen mal keiner vorstellen. Dann jedoch kamen die Highjacker der Siebziger, die Bombenanschläge der Achtziger und der 11. September 2001, und jetzt stehen wir da in unseren Socken und halten in Durchleuchtungsröhren die Arme hoch." Bis es soweit ist, wäre es allerdings hilfreich, würden die Medien "nicht jedes Mal Verlautbarungen von Gruppen wie 'Letzte Generation' so ergeben referieren würden, als wären sie deren Sprecher".

Weiteres: Dass das Werk eines berühmten Malers sich nach genauerer Untersuchung als unecht entpuppt, kommt vor. Der umgekehrte Fall ist sehr viel seltener: Das Bredius Museum in Den Haag kann sich freuen, meldet die Welt, ein Rembrandt, den Kunstexperten als Kopie abgetan hatten, scheint nun doch echt zu sein. Paris wird wieder zur Welthauptstadt der Kunst, berichtet Philipp Meier in der NZZ. Besprochen wird die Ausstellung "Empowerment" im Kunstmuseum Wolfsburg (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.11.2022 - Kunst

Marc Chagalls "Engelsturz" (1923 - 1947). Kunstmuseum Basel


So unpolitisch, wie man immer denkt, war Marc Chagall gar nicht, lernt FAZ-Kritiker Stefan Trinks in einer neuen Ausstellung der Frankfurter Schirn, die vor allem Chagalls Werk aus den dreißiger und vierziger Jahren gewidmet ist. Als Leihgabe ist auch Chagalls "Engelssturz" zu sehen, das der Maler zwischen dem Novemberputsch 1923 und 1947, in der Emigration in den USA, dreimal "grundlegend überarbeitete". In der Schirn kommt das Bild besser zur Geltung als neben den Franz Marcs in Basel, meint Trinks, während er auf die gelbe Kuh blickt: "Im selben Zitronengelb leuchtet der Mond mit seinem Hof darüber in die nachtschwarze Finsternis des surrealen Geschehens, bei dem ein grüngesichtiger Mann ... seinen Spazierstock in der Rechten zum Ohr eines violett gekleideten Rabbi mit blauem Gesicht und aufgerollter Thora-Schrift richtet. Leicht rechts aus der Mittelachse gerückt aber steigt feuerrot ein geflügelter Engel mit in Flammenzungen endenden Gewändern und Flügeln vom unteren Ende des Bildes bis nach oben auf, nur das nicht die positive Assoziation eines Phoenix vorherrscht, vielmehr durch die verquält in den Rücken geworfene, offenbar abstürzende Figur mit dem schreckensgeweiteten linken Auge und dem vollständig verdunkelten rechten die eines Ikarus."

Installationsansicht Grüne Moderne. Die neue Sicht auf Pflanzen Museum Ludwig, Köln 2022, Foto: Leonie Braun


Regine Müller wandert für die taz lustlos durch die Ausstellung "Die Grüne Moderne" im Kölner Museum Ludwig, die von Deutschlands erster Museumskuratorin für Ökologie, Miriam Szwast, politisch superkorrekt ausgerichtet wurde: "In der aktuellen Schau schlägt sich das unter anderem nieder in handgemalten Wandtexten (um Plastik zu sparen), der Übernahme der Architektur von früheren Ausstellungen, der Entscheidung, keine Originale auszuleihen und den Katalog nicht zu drucken, sondern kostenlos zum Download im Netz anzubieten. Die eigentliche Ausstellung über jene Zeit der ersten grünen Moderne im frühen 20. Jahrhundert zeigt dann überwiegend Fotografien. Zu sehen sind Kakteen-Arrangements als Clou modernistischer Wohnungseinrichtungen, man sieht Aufnahmen von Werner Mantz und Anne Biermann oder Nahaufnahmen verschnörkelt wirkender Pflanzen, in denen Karl Blossfeldt die 'Urformen der Kunst' erblickte." Doch leider, so Müller, "wirken die Fotos verloren und die mittels grober Klebestreifen befestigten Fotokopien aller nicht entliehenen Originale rustikal improvisiert. Das ökologische und das ästhetische Ausstellungmachen finden hier zu keiner überzeugenden Versöhnung."

Weiteres: Nach dem Documenta-Debakel plädieren Jana Talke und Alexander Estis in der NZZ für eine jüdische Weltkunstschau angesichts des Antisemitismus, der viele alte und neue Kunstwerke prägt. Paul Ingendaay besucht für die FAZ Goyas Geburtsort, das Dörfchen Fuendetodos im spanischen Aragonien, das zusammen mit anliegenden Dörfern "eine Art Goya-Kulturzone" errichten will, um Besucher anzulocken. Besprochen wird die Ausstellung der indischen Fotografin Gauri Gill in der Frankfurter Schirn (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.11.2022 - Kunst

Foto aus der Doku "Rebellinnen - Fotografie. Underground. DDR."


Die Regisseurin Pamela Meyer-Arndt porträtiert in ihrer Filmdoku "Rebellinnen" drei Künstlerinnen aus der DDR, Tina Bara, Cornelia Schleime und Gabriele Stötzer. In der taz ist Sabina Zollner ziemlich beeindruckt, nicht nur vom Mut der drei, sondern auch den Momenten der Solidarität: "In den 80er Jahren herrscht in der DDR ein künstlerischer Schaffensdrang, der aber durch repressive Maßnahmen des Staats gebremst wurde. Tina Bara etwa wird die Kamera weggenommen, weil ihre Fotografien nicht der Staatsdoktrin entsprechen, die Stasi hat Stötzer als Oppositionelle auf dem Kieker und versucht ihr eine Straftat anzuhängen, und Schleime darf ihre 'unkonventionelle' Kunst nicht mehr ausstellen." Besonders hart traf es Stötzer, die wegen einer Unterschriftensammlung gegen die Ausbürgerung des Sängers Wolf Biermann zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde. "In ihrer Gefängniszelle hörte sie auf zu reden und zu essen. Irgendwann lag sie kotzend, schreiend und mit Schmerzen auf dem Gefängnisboden. Plötzlich fingen die anderen weiblichen Gefangenen an zu schreien und mit Hockern gegen die Wände zu poltern. Dieser Moment der weiblichen Solidarität präge sie bis heute."

Jana Demnitz hat sich für den Tagesspiegel mit Pamela Meyer-Arndt und Tina Bara über den Film unterhalten. "Gabriele Stötzer wollte von Anfang an dabei sein", erzählt Meyer-Arndt. "Die Dreharbeiten waren wegen der vielen sehr persönlichen und auch schmerzhaften Erinnerungen manchmal nicht ganz einfach für sie. Aber nach all den Jahrzehnten ist sie jetzt glücklich, mit ihrer Geschichte rausgehen zu können. Sie ist schon zu lange als Künstlerin zu wenig beachtet worden. Cornelia Schleime hatte wiederum im Westen ja schon Karriere gemacht. Ihr Impuls war zunächst einmal: Ach, lasst mich doch mit dem ganzen Ost-Quatsch in Ruhe. Das ist doch alles schon so lange her. Sie hatte erst Nein gesagt, dann aber ihre Meinung geändert." Und auch Bara war erst skeptisch erzählt sie, weil sie sich nie als "Rebellin" gesehen habe: "Dagegen habe ich mich am Anfang gewehrt. Es klingt ja etwas reißerisch. Dieser Begriff erzeugt bei vielen sicher erst einmal ein gewisses Bild: die kämpfende Frau. Ich war Pazifistin, bin es von der Idee her immer noch. Aber mittlerweile kann ich damit leben."

Weiteres: Katharina Rustler bestaunt im Standard den monumentalen virtuellen Schutzengel, den die chinesische Medienkünstlerin Cao Fei auf den eisernen Vorhang der Wiener Staatsoper projiziert. In der NZZ berichtet Philipp Meier von einem Zürcher Startup, das nach algorithmischer Analyse die Echtheit eines Tizians des Kunsthauses Zürich anzweifelt. Viel Lärm gibt es um einen "Kunstskandal", den der Falter aufgedeckt hat: André Heller hatte einen 2017 auf der Kunstmesse TEFAF in New York einen Rahmen zum Verkauf angeboten, der angeblich von Basquiat geschaffen worden war, den Heller aber selbst angefertigt hatte. Der Rahmen umfasste allerdings einen echten Basquiat, eine authentische Grafik aus Hellers Besitz. Angeblich wollte Heller die Kunstwelt nur foppen, aber verkauft hat er den Rahmen tatsächlich (mittlerweile aber zurückgekauft): Standard, FAZ, taz und SZ berichten. Besprochen wird die Ausstellung "BestOff 22" der Kunst-Uni Linz (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.11.2022 - Kunst

Samuel Fosso: The Liberated American Woman Of the 1970s. Aus der Serie Tati, 1997. Bild: Museum der Moderne

Ein fantastische Entdeckung macht Standard-Kritikerin Katharina Rustler im Salzburger Museum der Moderne: Die Fotografien des französisch-westafrikanischen Künstlers Samuel Fosso. Für seine Bilder posiert Fosso in verschiedenen Rollen, wie etwa in der Serie Tati von 1997: "Dabei stellte er keine realen Personen dar, sondern inszenierte oft in witzig-überzeichneter Manier diverse Archetypen afrikanischer und westlicher Gesellschaften: Der Geschäftsmann in Oversize-Anzug telefoniert mit seinem XXL-Handy, der Golfer stützt sich mit behandschuhten Händen auf seinen Schläger, und die bürgerliche Frau präsentiert Pelz und Schmuck. Mit dem bekanntesten Porträt aus der Serie, The Chief [Who Sold Africa to the Colonists], wirft er einen selbstkritischen Blick auf die Geschichte Afrikas: Fosso thront als Stammesführer in einem bunten Setting samt Goldketten und Leopardenfell und verkörpert die Verlockungen der Macht im Zeitalter des europäischen Kolonialismus."

Apropos Farben und Quadrat: Im Josef Albers Museum in Bottrop lernt Julia Hubernagel mit der "Huldigung an das Quadrat", dass geometrische Formen vor allem dazu dienen, Farben zu sehen: "Gewissenhaft untersucht Albers die Beziehungen zwischen den dicht nebeneinander verlaufenden Farben, beginnend mit Schwarz, Grau und Weiß, die im Wettstreit um Perspektiven von Helligkeit und Lichtverhältnis stehen. Langsam kommen Buntfarben hinzu; und spätestens hier grenzen sich Albers' Experimente deutlich von einem anderen bekannten Viereck der Kunstgeschichte ab, das einem im ersten Raum der Ausstellung unweigerlich in den Kopf kommt. Während Kasimir Malewitsch mit seinem Schwarzen Quadrat 1915 einen absoluten Schlusspunkt setzt, öffnen sich Albers' Quadrate hin zur kombinatorischen Unendlichkeit."

Besprochen wird die Schau "Der letzte Romantiker" des Malers Albert Venus im Residenzschloss Dresden (FAZ).