Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.11.2022 - Kunst

Anne Schönharting: "Loretta Würtenberger und Daniel Tümpel mit Tochter" aus der Reihe Habitat 2012-2022 / Haus am Kleistpark

Die Ostkreuz-Fotografin Anne Schönharting arbeitete in Kirgisien, Indien und Nordirland. Für die Ausstellung Habitat im Berliner Haus am Kleitspark hat sie Künstler und Intellektuelle in ihrer Charlottenburger Lebenswelt porträtiert, in der Berliner Zeitung ist Ingeborg Ruthe umgehauen von diesen prunkvollen Kompositionen des gehobenen Kulturbürgertums: "Der Charlottenburger, die Charlottenburgerin an sich - das besagen Schönhartings subtil inszenierte und delikat wie in Altmeistergemälden komponierte Bilder - ist gutbürgerlich, bildungsbürgerlich, manchmal sogar großbürgerlich, angefüllt mit Großstadtbewusstsein. Weltbürgertum eben, ohne den Drang nach einer das Leben vor Lärm und Abgasen abschirmenden Villa in Zehlendorf oder im Grunewald. Charlottenburger Citoyens fahren im Urlaub und an Wochenenden raus in die Natur, ansonsten bevorzugen sie das Wohnen an befahrenen Geschäftsstraßen, über Restaurants, Cafés, Bars, Galerien in geräumigen Gründerzeitetagen mit hell erleuchteten großen Fenstern, luxuriösen Entrees aus Marmor, Spiegeln, von Kokosläufern bedeckten Treppen."

In der NZZ hält Beatrice Achterberg, wie unglücklich die Kunstwelt nach der Kartoffelbrei-Attacke auf Monets "Heuschober" im Postdamer Barberini-Museum ist. Bemerkenswert: In der Printausgabe wird die Direktorin des Hauses mit den verhaltenen Worten zitiert: "Es gibt schönere Sachen als Direktorin", während es online ungleich dramatischer klingt: "Es ist für uns der große Horror."

Besprochen werden die Jubiläumsschau der Fondation Beyeler zum 25-jährigen Bestehen mit Duane Hansons lebensnahen Skulpturen (FAZ), Retrospektive der libanesischen Künstlerin Etel Adnan im Münchner Lenbachhaus (Welt), die bereits mehrfach gefeierte Ausstellung des Fin-de-Siècle-Malers Oskar Zwintscher im Dresdner Albertinum (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.10.2022 - Kunst

Situation plastique: Soun-Gui Kims Spiel mit Luft und Wasser. Bild: ZKM  

"Ästhetische Grundlagenforschung" erlebt taz-Kritikerin Carmela Thiele im ZKM in Karlsruhe, das der französisch-koreanischen Künstlerin Soun-Gui Kim eine Retrospektive widmet. "Lazy Clouds" führt Thiele dabei auch in Soun-Gui Kims Konzept der tätigen Muße ein: "Jede ihrer künstlerischen Entscheidungen könnte als Akt des Bogenschießens verstanden werden, der eine entspannte Form der Konzentration erfordert. Wie etwa ihre Experimente mit einer einfachen Lochkamera, mit der sie ihre Küche oder den Waldboden aufnahm. Die Voraussetzungen waren denkbar einfach. Ihre Leistung lag im Verzicht auf die moderne Technik, um ein nicht kalkulierbares Ergebnis zu erreichen. Das Ergebnis sind unscharfe Aufnahmen, die ungemein malerisch wirken. Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy sagte über die Künstlerin: 'Soun-Gui Kim experimentiert mit der Materie der Zeit und der Zeit der Materie.'" 

Besprochen wird eine Schau der kroatischen Künstlerin Sanja Iveković in der Kunsthalle Wien (Standard).
Stichwörter: Soun-Gui Kim, Zkm Karlsruhe

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.10.2022 - Kunst

Die Frauen im Iran wurden immer unterdrückt, aber sie sind keine Opfer, sie haben immer schon gekämpft, sagt die iranische Künstlerin Shirin Neshat im FAS-Gespräch mit Mariam Schaghaghi, in dem sie alle Hoffnung auf die aktuellen Proteste setzt: "Ich glaube, dass diese Revolution von Bestand sein wird, gerade weil sie von Frauen ausgeht. In Iran gab es immer wieder Unruhen, aus den unterschiedlichsten Gründen: Arbeitslosigkeit, Wassermangel, wirtschaftliches Elend, Korruption, Misswirtschaft. Jetzt aber hat der Mord an einer Frau einen Nerv getroffen. Die Männer merken, dass es jederzeit auch ihre Töchter, Frauen und Schwestern treffen könnte. Der Tod von Mahsa Amini hat das Allerheiligste verletzt. Darum ist das Motto 'Frauen, Leben, Freiheit' so bedeutungsvoll, so tiefgehend und so zutreffend. Denn wer Frauen bedroht, bedroht das Leben, und wer unser Leben bedroht, raubt uns unsere Freiheit. Als Mahsa starb, war es, als wäre der Geist aus der Flasche befreit worden. Und nun ist der Protest nicht mehr aufzuhalten. Es geht um mehr als um den Hijab. Es geht um ein Leben in Freiheit."

Bild: Anna Boghiguian. The Chess Game, 2022. Ausstellungsansicht 1. Obergeschoss, Kunsthaus Bregenz, 2022. Foto: Markus Tretter. Courtesy of the artist

Politik und Poesie gehen im Werk der ägyptisch-armenischen Künstlerin Anna Boghiguian Hand in Hand, erkennt Ivona Jelčić im Standard in der Ausstellung "Period of Change" im Kunsthaus Bregenz. Im Werk der Künstlerin geht es immer auch um "globale Verbindungslinien zwischen historischen, ökonomischen und politischen Ereignissen", etwa in der Installation "The Chess Game": "Es besteht in erster Linie aus karikaturhaft dargestellten Personen der österreichischen Geschichte, Aribert Heim ist ebenso darunter wie Gavrilo Princip, Sigmund Freud, Berta von Suttner, Egon Schiele, Stefan Zweig oder Marie Antoinette. Wer ist Bauer, König, Läufer? Egal. Der Künstlerin geht es vielmehr darum, zum Nachdenken über globale Zusammenhänge anzuregen - und seien die Fäden, die sie da spinnt, auch noch so fein. Marie Antoinettes Faible für Baumwollstoffe könnte man zum Beispiel bis zur Haitianischen Revolution rückverfolgen und von dort schließlich weiter bis zur Französischen Revolution, die die Königin bekanntlich den Kopf gekostet hat."

Die NZZ lässt ihre Print-Ausgabe heute von der Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist gestalten. Philipp Meier porträtiert die Künstlerin. Im Gespräch mit Birgid Schmid erklärt Rist, weshalb sie die Seiten als Tischsets gestaltete: "Ich wollte der Zeitung zu einem Zweitleben verhelfen. Ich liebe Tischsets und bin gleichzeitig eine Wiederverwendungsfetischistin. Zudem sind Zeitungen sehr hygienisch. Unser Vater Walter half als Hausarzt auch bei Spontangeburten und verwendete mangels sauberer Tücher im Notfall eine frische Zeitung, weil sie sehr hygienisch sei, um ein Neugeborenes hinzulegen, bevor er die Nabelschnur durchschnitt."

Außerdem: In der SZ verurteilt auch Till Briegleb die Attacken von Klimaextremisten auf Kunstwerke scharf: "Sozialisiert durch eine Medienkultur, die ihnen eingeimpft hat, dass 'Aufmerksamkeit' die einzige Informationswährung ist, die zählt, interessiert sie nur der Skandalwert. Ihre Analogie, die Attacke auf das Bild symbolisiere die Zerstörung der schönen Welt durch die Ölverbrennung, wirkt geradezu albern." Und in der FAZ weiß Nina Bub: "Die akute Bedrohung der wertvollen Gemälde durch die Attacken der Klimaaktivisten verschärft die Problematik, dass zu wenig Geld für Sicherheitspersonal vorhanden ist. Viele Museen verfügen nicht mehr über eigene Sicherheitskräfte, sondern haben diese Dienste ausgelagert." Im Feuilleton-Aufmacher der SZ singt Peter Richter nach dem Tod von Pierre Soulages eine Ode auf die Farbe Schwarz: "Wer weiß schon noch, dass im Altertum viel eher Rot als die unheilbringende Farbe galt, denn schwarze Wolken brachten Regen, der schwarze Nil-Schlamm war fruchtbar, ungünstiger waren roter Wüstensand und Brände. Priester trugen Weiß, Werktätige Schwarz, und Rot stand für die Blutvergießer, die Krieger." Die Klimt-Foundation hat sich als Betreiberin des Klimt-Museums am Attersee zurückgezogen und den Mietvertrag gekündigt, meldet der Standard.

Besprochen werden die Ausstellung "Barbarossa. Die Kunst der Herrschaft im Schloss Cappenberg und LWL-Museum Münster (FAZ) und die Ausstellung "Paint it all!" mit fünfzehn Bildwerken von Berliner Malerinnen und Malern, die die Berlinische Galerie angekauft hat (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.10.2022 - Kunst

Bild: ©Thomas Hoepker | Magnum Photos, 1963, Detroit, Michigan, USA

"Amerikanischer als Uncle Sam" - "und zugleich vom skeptischen Staunen des europäisch geprägten Blicks geprägt", scheinen Juliane Liebert in der SZ die Aufnahmen des Magnum-Fotografen Thomas Hoepker, die derzeit in der kleinen Berliner Galerie Buchkunst zu sehen sind: "Neben sechs großen, farbigen Bildern aus den Achtzigern finden sich auch ausgewählte Schwarz-Weiß-Bilder Hoepkers an den Wänden, entstanden bei seinem USA-Roadtrip 1963. Hoepker hat oft nur zwei-, dreimal pro Motiv abgedrückt - man bildet sich beim Betrachten der Bilder ein, dass man das spüren kann: Ein Taxifahrer liest in seinem Wagen in Las Vegas von der Ermordung J. F. Kennedys, die Schriftart der Titelzeile der Zeitung doppelt sich in seinem Taxischild. In einem Ghetto hängt ein Truthahnwerbeplakat, darauf ein unendlich fetter Truthahn, der von einem Mädchen und einem Mann angebetet wird. Andy Warhol schaut durch eine grüne Folie. Zwei unfassbar cool gekleidete schwarze ältere Damen betrachten einen durch ihre dicken Brillen."

Bild: Sylvie Fleury. First Spaceship on Venus (Soft Rocket in Silver 1). 1999.  © bei der Künstlerin. Creditline: Privatsammlung Zürich. Photo Credit: Julian Salinas

"Runde Ärsche" und Kugelbäuche bei Tschabalala Self in der Ausstellung "Make Room" im Le Consortium Dijon, stereotype Schaufensterpuppenkörper bei Leila Hekmat in der Ausstellung "Female Remedy" im Berliner Haus am Waldsee Berlin - da fragt sich Sophie Jung in der taz: Kehrt die feministische Groteske in der jungen Kunst zurück? Dagegen hätte Jung offenbar nichts, vor allem, wenn sie so amüsant daherkommt wie in der Ausstellung "Fun Feminism" im Kunstmuseum Basel: Dort ist "auch das pastellfarbene, wunderbare, ikonografische Potpourri von Pauline Curnier Jardin zu sehen. Sie zeigt dort mit 'Q'un Sang Impur' die lose Neuverfilmung von Jean Genets 'Un Chant d'Amour' (1950). Curnier Jardin ersetzt aber Genets glänzende Männerkörper durch Frauen nach der Menopause. Im Schutz der bröckelnden Wände ihrer Gefängniszellen zelebrieren sie ihre neu gewonnene erotische Kraft. Und im Moment der Begehrens bluten sie wieder. Auch Pauline Curnier Jardin bettet ihre Filme häufig in theatrale Installationen."

Im Welt-Gespräch mit Dorothea Schupelius ärgert sich Hermann Parzinger nicht nur über die "Sachbeschädigung" durch die Klimaextremisten. Sie attackieren auch das Museum als offenen Ort, sagt er: "Wir vertrauen unseren Besucherinnen und Besuchern. So viele Werke, nicht nur in der Berliner Gemäldegalerie, auch auf der Museumsinsel sind ohne Schutz, ohne Panzerglas, so dass die Besucher wirklich die Aura des Originals wahrnehmen können. Wir wollen den Menschen Kunst und Kultur nahebringen. Aber wenn sich Museen zu Hochsicherheitstrakten entwickeln, dann werden sie genau das nicht mehr vermitteln können." Für die Seite 3 der SZ hat Renate Meinhof mit der Restauratorin des Bildes, Felictas Klein, gesprochen. Derweil haben drei Klimaaktivisten im Museum Mauritshuis in Den Haag Vermeers "Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge" attackiert, meldet unter anderem der Standard mit APA.

Außerdem: Nachrufe auf den im Alter von 102 Jahren gestorbenen französischen Maler Pierre Soulages schreiben in der Welt Hans-Joachim Müller, Bernhard Schulz im Tagesspiegel und Till Briegleb in der SZ. Die Gipsmodelle der Quadriga von Johann Gottfried Schadow sind nun fertig restauriert, meldet Rolf Brockschmidt im Tagesspiegel.

Gleich in zwei großen Ausstellung ist die "Lieblingskunst der Bundesdeutschen", der Expressionismus, derzeit zu bewundern, freut sich Bernhard Schulz im Tagesspiegel nach Besuchen in den Ausstellungen "Brücke und Blauer Reiter" im Buchheim Museum in Bernried und "Expressionisten. Entdeckt - Verfemt -Gefeiert" im Essener Folkwang Museum. Besprochen werden außerdem eine Ausstellung des fotografischen Werks von Lucia Moholy im Berliner Bröhan-Museum (Berliner Zeitung) und eine Ausstellung der indischen Fotografin Gauri Gill in der Frankfurter Schirn (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.10.2022 - Kunst

Bild: Etel Adnan, Untitled, 2010, Öl auf Leinwand, 20,1 cm x 25,2 cm x 2,3 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, © Rechtsnachfolge Etel Adnan

Es ist höchste Zeit, die libanesische Schriftstellerin Etel Adnan auch als Künstlerin zu entdecken, insistiert Kia Vahland in der SZ nach einem Besuch im Münchner Lenbachhaus, das den meist nur "handtaschengroßen" abstrakten Gemälden derzeit die erste Einzelschau in Deutschland widmet. Adnan litt "darunter, zwar mit dem Griechischen, Türkischen, Französischen und später dem Englischem bestens vertraut zu sein, es im Arabischen aber nicht bis zur anerkannten Dichterin gebracht zu haben. Also experimentierte sie visuell mit den Schriftzeichen, integrierte sie in Leporellos und Zeichnungen. Insbesondere während des Algerienkrieges fremdelte sie immer mehr mit der alten Kolonialmacht Frankreich und wollte seither dem Französischen entkommen. ... Erst vor der Staffelei gewann Etel Adnan Distanz zur Tagespolitik, wurde grundsätzlicher, suchte nach dem Wesen von Sonne, Mond und Bergen."

Die Anschläge der Klimaaktivisten auf Kunstwerke (Unsere Resümees) sind nicht nur "dumm", sondern auch teuer, ärgert sich Boris Pofalla in der Welt: "Man kann sich leicht ausrechnen, was eine Museumsschließung wie nun in Potsdam über längere Zeit kostet. Mit ein paar zehntausend Euro kann man ein Ausstellungsbudget oder ein Forschungsprojekt verlieren. Oder man muss auf einen Katalog verzichten. Anstatt einer Schau, die neues Wissen in die Welt bringt, macht man dann eben eine, die garantiert Umsatz bringt. Oder keine."

"Es ist der alte 'Irrtum des Aktivismus', den schon Walter Benjamin erkannte, dass er glaubt, mit wirrem Wahn die Menschheit zur Vernunft bringen zu können", kommentiert Florian Illies in der Zeit. "Die Wurfaktionen sind Akte der Beschmutzung und Demütigung, mit denen Künstler und ihre Werke auf massivste Weise entwürdigt werden, schreibt auch der Politologe Wolfgang Kraushaar im Tagesspiegel+: "Diese Angriffe, so bedenkenswert die Motive der Angreifer auch sein mögen, sind aber nicht nur kontraproduktiv, sie sind ihrer Grenzverschiebungen wegen für eine demokratische Gesellschaft gefährlicher als viele meinen mögen, und sie müssen deshalb auch einhellig verurteilt werden. Mit derartigen Angriffen auf Objekte der Kunst wird eine unsichtbare Linie überschritten. Die Angreifer verletzen einen schützenswerten Raum, letztlich den der künstlerischen Phantasie. Nicht nur die Würde des Menschen ist unantastbar, auch die eines Kunstwerks. Deshalb: Finger weg." 

Außerdem: In der FAZ schreibt Jürgen Kaube den Nachruf auf den französischen, nun im Alter von 102 Jahren gestorbenen Maler Pierre Soulages, der seit 1979 nur noch schwarze Bilder malte: "Für Soulages ging nicht nur die Finsternis dem Licht voraus, sondern ist die Unterscheidung von Schwarz und Licht eine zwischen dem Bild und dem Raum, der es umgibt. Diese Malweise stülpte die Eroberung der Bildtiefe um, an der die Kunst mehr als fünfhundert Jahre lang vorzugsweise gearbeitet hat." Besprochen wird eine Ausstellung des Bildhauers Thomas Rentmeister in der Berliner Schwartzschen Villa (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.10.2022 - Kunst

Mona Haotum: All of a quiver. Foto: KINDL

Einen "Minimalismus der Beklemmung" erlebt taz-Kritiker Tom Mustroph in den drei Ausstellungen, die in Berlin gerade das Werk der britisch-palästinensischen Künstlerin Mona Haotum zeigen. Zum Beispiel die neunstöckige Gitterkonstruktion "All of a quiver" im Kunstzentrum Kindl: "Mal steht das Metallgestänge aus einer Vielzahl schwarzer Quadrate aufrecht, als sei es eine Reminiszenz an die weißen Würfelkompositionen des Konzept- und Minimalkünstlers Sol LeWitt. Dann beginnen plötzlich die unteren Stangen nachzugeben. Sie knicken ein, rasselnd und quietschend, ein Gigant fällt in die Knie. Doch noch bevor der gesamte Koloss zusammenbricht wie ein mittelalterlichen Ritter unter der zu schweren Rüstung, richten Motoren das Gebilde wieder auf. Es war nur eine Erschütterung, noch nicht das Ende." Weiteres Werke sind im Neuen Berliner Kunstverein und im Georg-Kolbe-Museum zu sehen.

Lutz R. Ketscher: Seilfahrt, 1985. Die Kunstsammlung der Wismut. Bild: Neue Sächsische Galerie

In der Zeit porträtiert Carolin Würfel den ostdeutschen Künstler Lutz R. Ketscher, der zur zweiten Generation der Leipziger Schule gehörte, die nicht mehr für den Sozialismus brannte, aber auch nicht in Freiheit loslegen konnte. Sonder im Verband Bildender Künstler aufgenommen werden musste, um arbeiten zu können: "Eine Honorarverordnung lautete beispielsweise, dass man 1.200 Ostmark pro Quadratmeter Wandbild bekam. Ökonomisch gesehen seien das utopische Bedingungen gewesen. Fragt man Ketscher, wie es ihm in der DDR finanziell ging, bestätigt er das Bild, das Kaiser entwirft. Es habe Monate gegeben, in denen Ketscher mehr verdient habe als das Staatsoberhaupt Erich Honecker. Das ging natürlich nur mit Aufträgen. Eine private Kunstgalerie zu betreiben war verboten. Ketscher sagt: 'Die feudale Auftragskunst, die die DDR betrieben hat, davon haben wir natürlich gut gelebt, aber damit haben sie uns auch unter Kontrolle gehalten.' Er verdiente sein Geld vor allem mit Porträts und Wandbildern. Die freie Kunst blieb in der Schublade, auch wenn er versuchte, seinen eigenen Blick in die Aufträge einzuschreiben.

Weiteres: In der NZZ resümiert Marion Löhndorf britische Reaktionen auf die Attacken der Klimaaktivisten gegen van Gogh und Monet. In der FR stöhnt selbst Ingeborg Ruthe über die Aktionen, die stichflammenartige Erregung provozieren und dabei "den falschen Baum anpinkeln": "Mittlerweile wird der infantile ideologische Aktionismus immer aggressiver." Peter Richter schreibt in der SZ zum Tod des kanadischen Konzeptkünstlers Rodney Graham. Mehrere Medien, darunter der Tagesspiegel, bringen eine dpa-Meldungen, in der sich Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, der künftige Intendant des Hauses der Kulturen der Welt, gegen Vorwürfe wehrt, die ihn in BDS-Nähe rücken. Nicht klar wird, wer die Vorwürfe erhebt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.10.2022 - Kunst

Die Kartoffelbreiattacke auf das Potsdamer Monet-Gemälde inspiriert das SZ-Feuilleton zu gleich zwei Artikel. Gustav Seibt lässt die hundertjährige Geschichte des Aktivismus von Ossietzky bis Pussy Riot Revue passieren, der stets Avantgarde gewesen sei, in seinem Sofortismus aber immer etwas Zweideutiges hatte: "Parteipolitik, Kompromiss, Langsamkeit ist es, was der Aktivismus jeder Couleur seither bekämpft. 'Man kann Partei sein, ohne ihrer eine zu sein. Der Fall des Geistes!' (Kurt Hiller) Damit reiht sich der Aktivismus in die Dichotomien der deutschen Zwanzigerjahre ein: Expressionismus versus Neue Sachlichkeit, Menschheitspathos versus Verhaltenslehren der Kälte, Aktivismus versus Politik als Beruf und leider auch Diktatur versus Republik. Die diktatorischen Systeme der Epoche, der Bolschewismus, der Faschismus, der Nationalsozialismus waren Regierungsformen der Mobilisierung, bei denen der Avantgardist zum Führer und zum Parteikader wurde. Die ästhetische Überbietungsdynamik floss ein in die Überwältigung durch Propaganda."

In der Nachtkritik wertet Janis El-Bira die Aktionen der Letzten Generation als dreiste, aber ausgeklügelte Inszenierung: "Das verstörende Wesen der Besudelungen von Kunstwerken liegt gerade in der brutalen Übertretung ihrer auratischen Wirkung. Es tut fast körperlich weh, diese Bilder so behandelt zu sehen. Man schämt sich doch schon, wenn man im Museum einen Schritt zu nah an den Rahmen herantritt und so den Alarm auslöst. Die Kunst, so meint man, ist unberührbar und überzeitlich. Wer sie angreift, greife 'uns alle' an, denen sie ein zivilisatorisches Fundament bietet, Trost und Inspiration spendet. Das stimmt zwar, unterstellt aber, dass die Aktionen der Aktivist:innen kunstfeindlich seien oder die Kunst um der reinen Aufmerksamkeit willen missbrauchten. Das Gegenteil ist der Fall."

In einem zweiten SZ-Artikel kündigt Hilmar Klute den Aktivisten der Last Generation seine Sympathie. Er hält ihnen sinnlose Wüterei, reaktionäre Kunstfeindlichkeit und ein Bibi-Blocksberg-Gemüt vor ("Flieg los, Kartoffelbrei!"). Im Tagesspiegel zeigt Rüdiger Schaper mehr Verständnis für die Klimaschützer, kann der Aktion aber auch nicht viel abgewinnen: "Sie bedienen sich einer fatalen Symbolik. Sie stehen potenziell in einer Reihe mit Barbaren. Auch deshalb wird ihr Kartoffelbreimut keinen Erfolg haben." Ebenfalls im Tagesspiegel kündigt Barberini-Mäzen Hasso Plattner für die Zukunft Taschenkontrollen im Museum an. In der Berliner Zeitung erinnert Harry Nutt daran, dass auch Greenpeace mit spektakulären Aktionen begonnen hat, bevor es zu einer Instanz wertvoller Expertise wurde. Auf Zeit online tröstet Celina Plag: "Wer heute Kartoffelbrei wirft, leidet als Protestierender wenigstens nicht mehr Hunger. Und kann deshalb auch mal eine Mahlzeit im wahrsten Wortsinn wegschmeißen."

Besprochen wird eine Ausstellung zum Bildhauer Johann Gottfried Schadow als Neuerfinder der preußischen Kunst in der Alten Nationalgalerie (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.10.2022 - Kunst

Nur noch unaufgeregt meldet etwa die Berliner Zeitung, dass die Umweltruppe Last Generation ihren britischen Vorbildern nacheifert und im Potsdamer Museum Barberini Monets "Heuschober" mit Kartoffelbrei bekleckert hat. Das Gemälde ist hinter Glas gesichert.

Besprochen werden Anne Schönhartings Ausstellung "Habitat" im Haus am Kleistpark, die Menschen in ihren Charlottenburger Wohnungen porträtiert (taz), eine Schau des französisch-schweizerischen Künstlers Julian Charrière in der Langen Foundation in Neuss (bei allem Engagement für die Umwelt sieht FAZ-Kritiker Georg Imdahl hier einen "barocken Theatraliker" am Werk) und eine Ausstellung von Denkmalsentwürfen des Architekten Ludwig Mies van der Rohe im Haus Lemke in Berlin (Tsp)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.10.2022 - Kunst

Bild: Illustration von Herbert Holzing aus Otfried Preußler, "Die Abenteuer des starken Wanja" by Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart

Tilman Spreckelsen (FAZ) trifft in Oberhausen auf Helden der Kindheit. Dort widmet die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen Otfried Preußler und seinen Illustratoren die Ausstellung "Räuber Hotzenplotz, Krabat und Die kleine Hexe" und Spreckelsen schaut beinahe ein wenig wehmütig auf die Veränderung der Figuren im Laufe der Jahre: "An der Seite der Arbeiten Winnie Gebhardts für den Wassermann und 'Die kleine Hexe' stehen hier die modernen Bilderbuch-Adaptionen Daniel Napps, die mit den runderen Konturen und den größeren Augen ersichtlich auf ein jüngeres Publikum zielen als Gebhardts spitzige Illustrationen in den Fließtexten der Romane. Tatsächlich ist an die Stelle der zeichnerischen Reduktion, die Gebhardt und Tripp hochhalten, um zugleich mit ihren Bildern den Inhalt zu erweitern, in späteren Versionen anderer Illustratoren ein Zug ins Gefälligere nicht zu übersehen. Und wo Gebhardt die weitgehende Isolierung der im Niemandsland zwischen Kind und Erwachsenen angesiedelten Hexe in ihren Zeichnungen sehr anschaulich macht - wo wäre sie nur ohne den Raben Abraxas? -, da betonen andere die Momente der freundlichen Interaktion zwischen der Hexe und den Menschen umso mehr."

In der Welt sieht Boris Pofalla sein Verständnis des Surrealismus auf den Kopf gestellt dank der Ausstellung "Surrealismus und Magie - Verzauberte Moderne", die nach Station in der Peggy Guggenheim Collection in Venedig nun im Potsdamer Museum Barberini zu sehen ist. Die erstaunliche Bandbreite der Stile wird für ihn in der Schau sichtbar, etwa mit dem Werk der in Argentinien geborenen italienischen Malerin Leonor Fini: "Leonor Finis Amazonen mit den wallenden Mähnen und den nackten Brüsten könnten auch aus einem italienischen Trashfilm der 1960er Jahre stammen, gemalt wurden sie Anfang der 1940er. Demgegenüber wirken die Männer bei ihr oft wie Haremsdamen. Eine mit dem Bildgrund verschmelzende dunkle Sphinx wacht über den Schlaf eines Epheben, dessen Beine geöffnet sind, die Scham bedeckt von einem rosa Tuch - Gendertrouble im Zweiten Weltkrieg."

Für Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung) werden in der Ausstellung Alpträume wahr: "Gerade die Frauen des surrealistischen Stils, so auch Leonor Fini, deren beklemmendes Gemälde 'Das Ende der Welt' ein Meisterwerk ist, oder die rätselhaften Türme im Nebel des Bildes 'Morgen ist nie' von Kay Sage, der Frau Tanguys, erzählen vom magischen Diktat, der Allmacht des Traums, der Verehrung des Irrsinns. Und zugleich diente die Darstellung der Frau als magisches Wesen zur Distanzierung von der patriarchalischen Auffassung vom Weib als erotisches Objekt und in der Rolle als passive Muse."

Außerdem: In der NZZ erzählt der Historiker Bernd Roeck die Geschichte des britischen Malers William Hogarth und seines Mopses "Trump". Für die FAS besucht Malena Bullmann das Kunst Kollektiv Ukranian Cultural Community (UCC), das in einem ehemaligen Charlottenburger Bordell Zuflucht gefunden hat. Besprochen werden die Ausstellung "Kaiserin Friedrich und die Künste" im Museum Kronberger Malerkolonie im Taunus (FAS), die Ausstellung "BOEM! Paul van Ostaijen in Berlin" im Berliner Museum Ephraim-Palais (Tagesspiegel) und die Max-Beckmann-Ausstellung "Day and Dream in Modern Germany 1914-1945" im St. Louis Art Museum (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.10.2022 - Kunst

In dem jährlich von Capital erstellten Kunstkompass bleibt Gerhard Richter (90) der wichtigste Künstler der Welt, wie etwa der Tagesspiegel meldet, gefolgt von Bruce Nauman (80), Georg Baselitz (84), Rosemarie Trockel (69) und Cindy Sherman (68). In der Berliner Zeitung betont Harry Nutt zwar, dass in den Bewertung des Kunstkompass gerade nicht Verkaufspreise und Auktionserlöse einfließen, sondern Ausstellungen, Rezensionen und Museumsankäufe. Trotzdem rät er davon ab, immer nur nach Norden zu wollen: "Für Gerhard Richter gilt, was einst der Schriftsteller und Sänger Leonard Cohen über seinen Kollegen Bob Dylan sagte, als dieser 2016 den Nobelpreis für Literatur zugesprochen bekam. Das sei in etwa so, sagte Cohen, als würde man am Mount Everest eine Tafel mit der Aufschrift 'Höchster Berg der Welt' anbringen. Wer Kunst liebt und in sie investieren möchte, ist ohnehin gut beraten, sich dorthin zu orientieren, wohin die Kompassnadel gerade nicht zeigt."

Weiteres: In der taz schlendert Katharina J. Cichosch über die Paris Internationale, die sich als Independent-Messe gegen die ebenfalls an der Seine gastierenden Art Basel ziemlich gut behauptet. Als "maximal durchschnittlich" qualifiziert Nadine A. Brügger in der NZZ ein "Balmoral"-Aquarelle von König Charles, das gerade für 6.400 Franken versteigert wurde. Besprochen werden die Schau des preußischen Klassizisten Johann Gottfried Schadow "Berührende Formen" in der Alten Nationalgalerie (BlZ) und die Ausstellung des deutsch-britischen Künstlers Michael Müller im Frankfurter Städel (Monopol).