Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.11.2022 - Kunst

Peter Richter amüsiert sich in der SZ mit dem "neuen, sehr schönen" Buch "Künstler, Leib und Eigensinn. Die vergessene Signatur des Lebens in der Kunst" des Kunsthistorikers Andreas Beyer, der die Imagebildung von Künstlern in der Renaissance mit der Gegenwart kurzschließt. Raffael zum Beispiel war bekannt dafür, sehr viel Sex zu haben, Michelangelo dagegen brüstete sich mit seiner Askese, lesen wir. Auch was sie aßen und ausschieden, teilten die Renaissancemaler der Welt in Briefen und Tagebüchern ausführlich mit, so Richter: "Die inhaltliche Nähe von Nahrung und Kunstproduktion war also schon auffällig, lange bevor das Gastronomische in die Museen, Galerien und Instagram-Reels der Gegenwart einzog. Auch in der Renaissance gab es schon Künstler, die irgendwann auf ein Dasein als Gastwirt umsattelten und Fleisch lieber servierten, als es zu malen. Und Dürer wäre nicht der bedeutendste deutsche Künstler dieser Zeit, wenn er nicht auch all das beflissen überliefert hätte: was er malte, was er aß, wie viel Wein er bekam, und vor allem - was er dabei trug. Es gibt viel zu lernen über Dürers exaltiertes Outfit, den Jesus-Effekt seiner ungewöhnlichen Langhaarfrisur, die Aussagekraft sogenannter Kuhmaulschuhe."

In der Zeit zeigt sich Peter Neumann enttäuscht von einem Kongress in Bonn zur "Zukunft der Kritik" der ihm zu viel "Harmonieseligkeit" verbreitete: "Während die klassische Literatur-, Kunst- und Musikkritik noch mit einem starken Subjektdenken verbunden war, mit dem Anspruch auf Unabhängigkeit, Freiheit und individuelle Selbstbehauptung, soll sich die Kritik jetzt auch für andere Tonlagen öffnen. Die amerikanische Künstlerin und Aktivistin Cassie Thornton hatte deshalb den japanischen Performancekünstler Michiyasu Furutani in die Bundeskunsthalle eingeladen, der im Saal zwischen dem Publikum sitzen und leise vor sich hin weinen sollte. Muss Kritik wehtun? Für Thornton ging es darum, den strengen Raum der Kritik für andere emotionale Seelenlagen zu sensibilisieren. Nicht das starke Subjekt, sondern das verletzliche Subjekt sollte dabei in den Vordergrund treten. Hört hin: So weich und hochempfindsam kann Kritik sein, wollte sie sagen."

Paul Cezanne, Sugar Bowl, Pears and Blue Cup 1865-70


Sechzehn verschiedene Blautöne und experimentelle Bildarchitekturen sah eine hingerissene Marion Löhndorf (NZZ) in der Cezanne-Ausstellung der Tate Modern. Und mehr: "Die Schönheit der Londoner Werkschau liegt darin, dass sie den Prozess der künstlerischen Aneignung nachvollziehbar macht. Wir haben hier nicht ein Stillleben mit Äpfeln vor uns, sondern viele, scheinbar ähnliche; gezeigt wird nicht nur ein Bild von Badenden oder seines Lieblingsbergs, sondern eine ganze Reihe von Formulierungen und Überlegungen zu Raum, Form und Farbe. Wir sehen Cézanne bei der Arbeit und beim Experimentieren zu, beim visuellen Zerlegen und Wiederzusammensetzen der Welt. Die Dynamik des Gestaltungsprozesses wird spürbar. Das verleiht der Ausstellung große Unmittelbarkeit: Sie hebt den oft so genannten Vater der Moderne nicht noch einmal auf seinen unangefochtenen Thron, sondern macht ihn lebendig."

Weitere Artikel: Harriet Sherwood erzählt im Guardian, wie eine große Ausstellung avantgardistischer Kunst aus der Ukraine im Madrider Museo Nacional Thyssen-Bornemisza zustande kam: "Diese Kunstwerke in Sicherheit zu bringen, war nicht ohne Risiko, aber die Priorität, dies zu tun, lag vor allem darin, dass das russische Militär die Vereinbarungen der Haager Konvention konsequent missachtet hat. Sie haben in allen besetzten Gebieten massive Plünderungen veranlasst, und mehr als 500 Gebäude des kulturellen Erbes wurden zerstört", erklärt ihr die Kunstsammlerin Francesca Thyssen-Bornemisza. Die Ausstellung soll im kommenden Frühjahr in Köln zu sehen sein. Thomas Avenarius besuchte für die SZ den ukrainischen Bildhauer Mikhail Reva in Odessa. 2002 hatte Reva eine Art goldenen Kompass für Putin zum Geburtstag gefertigt (es war eine Auftragsarbeit der ukrainischen Regierung), heute verarbeitet er Kriegs- und Gefechtsschrott: "Der Bildhauer Reva sieht darin mehr als die russische Konkursmasse aus zerschossenen und ausgeglühten Militärgerätschaften: 'Das sind die Formen, die aus der geballten Energie des Tötens entstehen.'"

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.11.2022 - Kunst

Im Goldregen: Guido Renis "Himmelfahrt Mariens", 1599. Bild: Städel Museum


Im 17. Jahrhundert galt Guido Reni als göttlich, im 19. Jahrhundert krähte kein Hahn mehr nach dem Barockmaler aus Bologna, erzählt FAZ-Kritiker Stefan Trinks, der im Frankfurter Städel ein Spektakel aus Farben, Licht und Tränen erlebt. Etwa bei dem Auftaktbild der Schau, der "Himmelfahrt Mariens": "Auf eine Kupferplatte gemalt, strahlen die Farben metallisch klar, das Blau des aufflatternden Marienmantels unterseeisch azurblau, die durch dunkle Wolken brechenden goldenen Strahlen überirdisch stark, als prassle wie in der Mythologie bei Danaë eine Wand unausgesetzten Goldregens auf die Muttergottes herab - tatsächlich verzichtet Reni völlig auf die Heiliggeisttaube, Gottvater in Menschengestalt sowie Christus -, allein sein Goldlicht vermag die Maria im Himmel aufnehmende Trinität zu verkörpern. Noch vor der Jahrhundertwende 1599 gemalt, sind solche Farbfeuerwerke ohne wirkliche Konkurrenz und prägten nordalpine Italienreisende wie Rubens massiv."

Weiteres: Der Tagesspiegel meldet, dass die Fotografin und Aktivistin gegen die Pharma-Machenschaften der Familie Sackler Nan Goldin im Ranking der Zeitschrift Monopol die Top 100 der Kunstwelt anführt. Im Guardian meldet Benn Quinn, dass zwei Klimaaktivisten, die sich in der Courtauld Gallery an Vincent van Goghs "Pfirsichbäume in Blüte" festgeklebt hatten, von einem Londoner Gericht verurteilt wurden. Der Schaden, den sie mit ihrem Protest verursachten, lag unter 2.000 Pfund, doch der alte Rahmen sei dauerhaft beschädigt, befand die Richterin. In der taz freut sich Susanne Messmer über Sanierung und Ausbau des Zentrum für Kunst und Urbanistik, kurz ZK/U, das sie als eine der spannendsten Adressen Berlins preist, "wo sich zeitgenössische Kunst und stadtpolitische Diskurse auf eine angenehm unabgehobene Art treffen".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.11.2022 - Kunst

Überwältigt ist Andreas Rossmann in der FAZ von den Funden, die die Ausgrabungen eines antiken Thermalbads in San Casciano dei Bagni in der Toskana erbracht haben. Archäologisch bedeutend und im Schlamm bestens konserviert, zeugen die Hygieia- und Apollon-Figuren auch davon, wie Etrusker und Römer zusammenfanden, wie Rossmann schreibt: "Die Anlage mit ihren sprudelnden Becken, gestuften Terrassen, Brunnen und Altären wurde spätestens im dritten vorchristlichen Jahrhundert von den Etruskern errichtet, von den Römern erweitert und erst im fünften Jahrhundert nach Christus aufgegeben. 'Die Zeit vergeht, die Sprache ändert sich, auch die Namen der Gottheiten ändern sich', sagt (Grabungsleiter Jacopo) Tabolli, 'aber die Art des Kultes und die therapeutische Anwendung bleiben dieselben'. Die Schließung in der christlichen Ära sicherte den Schatz, ohne ihn zu beschädigen. Die Becken wurden mit schweren Steinsäulen versiegelt und die Götter respektvoll dem Wasser anvertraut, das erneut seine heilende Wirkung bewies: Luftdicht eingeschlossen, blieben die Statuen unversehrt."

Weiteres: Ingeborg Ruthe schüttelt in der FR den Kopf über die Entscheidung der Unesco, dass aus dem Naumburger Dom das moderne Altarbild entfernt werden müsse. Der Erfurter Maler Michael Triegel hatte mit einem Mittelbild in Lucas Cranachs dreiflügeligem Altar jenen Teil ersetzt, der einst von Bilderstürmern zerstört worden war.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.11.2022 - Kunst

Fragen zu Mensch, Gott und Kunst begegnet Stefan Trinks im neu eröffneten Diözesanmuseum Freising, durch das ihm Lichtinstallationen von James Turrell oder Berlinde de Bruyckere den Weg weisen: "Wie Turrells Licht-Katharsis weisen alle Kunstwerke in diesem fast anachronistisch auf Transzendenz ausgelegten Haus über sich hinaus; man fühlt sich mit manch einem Werk im besten Sinn wie in der Kirche, aber freier. Es ist eine Kunstreligion, die hier gefeiert wird." In der SZ ist Reinhard Brembeck überwältigt von der vor dreißig Jahren neu aufgetauchten "Medusa" Caravaggios, die als echt bewertet wurde und das im Diözesanmuseum ebenfalls zu sehen ist.

Die internationalen Stars der Kunst und Architekturszene, die sich von Katars Scheicha Al Mayassa bint Hamad Al Thani nach Doha haben locken lassen, interessieren FAZ-Autorin Lena Bopp weniger als die unabhängigen Künstler aus dem Land selbst. Bei der Suche nach Subversivem ist sie allerdings nicht wirklich fündig geworden: Vielleicht die "Doha Fashion Fridays" - "ein Instagram-Account mit 1663 Followern, auf dem Khalid Albaih die Geschichten der Gastarbeiter erzählt, die ihre freien Freitage an der Corniche von Doha verbringen. Nicht in Bauarbeiter-Overalls oder Dienstmädchen-Uniformen. Sondern in der Mode, die sie selbst zum Ausgehen gewählt haben und die der Binse von den Kleidern, die Leute machen, Dringlichkeit verleiht."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.11.2022 - Kunst

Das sind alles Menschen. Ha Chong-Hyun, "Work 72-5 (A+B)" (1972, recreated 2010), Foto: Chunho An, courtesy the artist and Kukje Gallery


Jon Yau hat für Hyperallergic den Maler Ha Chong-Hyun in Südkorea besucht. Ha, geboren 1935, ist eine "zentrale Figur der südkoreanischen Tansaekhwa-Bewegung (monochromatische Malerei)", erklärt Yau, denen in den sechziger, siebziger Jahren der Durchbruch gelang, als Südkorea eine Diktatur unter Kriegsrecht war. "Die Minimalisten, deren Zentrum in New York lag, behaupteten, dass Kunst und Leben getrennt seien. Die Tansaekhwa-Künstler sahen das anders, denn Frieden und freie Meinungsäußerung waren Möglichkeiten, die sie in ihrem Land nie erlebt hatten. Im Gegensatz zum Minimalismus ... begann Ha Chong-Hyun 1974 eine Serie mit dem Titel 'Conjunctions', die aus 'Malerei mit Dreck' bestand. Dazu gehörte auch die Verwendung von Heftklammern und Stacheldraht", so Yau. "'Work 72-5 (A+B)' ist ein hohes Gemälde, das aus zwei aneinanderstoßenden Tafeln besteht, wobei die linke Tafel weiß und die rechte schwarz ist. Ich schaute immer wieder hin und war neugierig auf das, was sich gleichmäßig über die beiden Flächen verteilte. Es sah aus wie kleine getrocknete Blumen mit Wurzeln, aber ich wusste, dass es etwas anderes war. Ich stand auf und ging darauf zu, kam näher und näher. Ich hielt inne, als ich erkannte, dass ich Hunderte von Stacheldrahtstücken vor mir hatte, die vom Kabel abgewickelt, sorgfältig flachgedrückt und an die Oberfläche des Bildes genagelt worden waren. Auch die Metallblumen sahen aus wie laufende Strichmännchen. Ich wandte mich an Ha und sagte: 'Stacheldraht'. Er nickte, und als ich zu dem Tisch zurückging, an dem wir gesessen und Tee getrunken hatten, sagte er: 'Das sind alles Menschen.'"

Weitere Artikel: Silke Hohmann unterhält sich für monopol mit der Hongkonger Galeristin Pearl Lam über in Deutschland lebende chinesische Künstler, abstrakte Malerei und die Covid-Strategie Chinas. In einem langen Interview mit der taz spricht die an der Hamburger Kunsthalle arbeitende Provenienzforscherin Ute Haug über ihre Arbeit. Michael Wurmitzer annonciert im Standard den Beginn der Vienna Art Week. Einige iranische Künstlerinnen haben die Neue Nationalgalerie und Shirin Neshat für ihr Banner dort kritisiert, berichtet Elaine Velie bei Hyperallergic. In der FAZ schreibt Wolfgang Sandner zum Achtzigsten von Meredith Monk.

Besprochen werden die Ausstellung "Mondrian. Evolution" im K20 in Düsseldorf (SZ) und die Tischbein-Ausstellung "Der Maler als Zeichner - der Zeichner als Maler" auf Schloss Wilhelmshöhe in Kassel (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.11.2022 - Kunst

Das anonyme Kollektiv "Soup du Jour" hat versucht Monica Bonvicini, die von dem Galeristen Johann König vertreten wird, mit einem Facebook-Post unter Druck zu setzen, sich von König, dem - bisher gerichtlich nicht aktenkundige - sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde, endgültig zu trennen, berichtet Marcus Woeller in der Welt. Sie hatte die Zusammenarbeit mit König schon vor Wochen ausgesetzt, bis die Vorwürfe gegen ihn geklärt seien (mehr dazu hier). Bonvicini war auch angreifbar, weil am 25. November ihre Ausstellung "I do You" in der Neuen Nationalgalerie in Berlin eröffnet wird. Sie dürfte den Post richtig verstanden haben, meint Woeller: "als kaum verhohlene Drohung, an den sozialen Medienpranger gestellt zu werden. Die Schauprozessordnung wird von 'Soup du Jour' festgelegt: Man sei schon ganz 'aufgeregt' wegen Bonvicinis bevorstehender Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie, wo noch nie zuvor eine in Deutschland lebende feministische Künstlerin derart geehrt worden sei. Aber es würden 'Gerüchte brodeln', dass ihre inkriminierte Galerie die Ausstellung 'großzügig unterstützt'. Bonvicini dürfe daher nicht glauben, ihren 'Moment der Karrieresichtbarkeit kritiklos zu genießen' und gleichzeitig eine 'lukrative Beziehung mit der König Galerie fortführen zu können'." König hat sich inzwischen von Bonvicini getrennt, um sie "vor 'erheblichen Anfeindungen' zu schützen", so Woeller.

Albert Venus, Campagnalandschaft, 1866/1869, Kupferstich-Kabinett

Im Kupferstichkabinett Dresden kann man eine echte Entdeckung machen: dort hat man das Werk des "letzten Romantikers", Albert Venus, nach über 100 Jahren endlich aus dem Depot befreit, schwärmt in der SZ Peter Richter. Venus, Sohn eines Kammerdieners, "kam jung in die Lehre des bekannten Spätromantikers und Märchenbuchillustrators [Ludwig Richter], der ihm auch künstlerisch zur Vaterfigur wurde." Bei einer Fahrt ins Böhmische kam es dann "zu einem sagenhaften Emanzipationsprozess, fast einem Vatermord: Venus tilgt nach und nach alles, was ihm an Hilfsmitteln und Gerüsten mitgegeben wurde, die Hänsels, die Gretels, die Brückerl, die Hirten und endlich, endlich auch die grasenden Kühe. Venus malt wie ein berauschtes Kind, dem die Stützräder abfallen und das deshalb sicherheitshalber schneller in die Pedale tritt. Flach und weit und flimmernd werden die Landschaften dadurch, und als alle Menschen endlich getilgt sind, werden Licht und Schatten zu dramatischen Akteuren."

Weiteres: Maxi Broecking besucht für die taz in New York die nicht-binäre südafrikanische Fotografin Zanele Muholi, die mit dem diesjährigen ICP Spotlights Award ausgezeichnet wurde.

Besprochen werden die Ausstellung "Susanna - Bilder einer Frau vom Mittelalter bis MeToo" im Wallraf-Richartz-Museum in Köln (NZZ), eine Ausstellung des Illustrators Henning Wagenbreth im Innsbrucker Weissraum (Standard), Ausstellungen anlässlich des 20. Todestages von Michel Majerus in Berlin, Hamburg und Hannover (BlZ), die Schau "In Between" in der Potsdamer Villa Schöningen (Tsp), eine Ausstellung der Baumhaus-Bildern der Leipziger Malerin Mirjam Völker in der Galerie Eigen + Art in Berlin (FR), die Ausstellung "Empowerment" im Kunstmuseum Wolfsburg (SZ) und die Ausstellung "100 Prozent Baumwolle" im Überseemuseum Bremen (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.11.2022 - Kunst

Zwei Schönheiten im Diözesanmuseum Freising


Weniger Gott als Hippies denkt taz-Kritikerin Doris Akrap, als sie das Freisinger Diözesanmuseum besucht und in die Lichter von James Turrell blickt. "Oder ob hier gleich ein Männerballett bras bas zu Tanzmetall von Rammstein tanzt? Oder ob das hier die Pyroshow von Gott selbst ist, der da hinten in der Ecke sitzt und zündelt." Die neue Dauerausstellung "zielt nicht auf Ehrfurcht oder heiliges Staunen, sondern auf erhellende Unterhaltung" und, wie es aussieht, Verführung. Das ist soweit es Akrap angeht bestens gelungen: "Hat sich der eigene Geist halbwegs wieder sortiert, schreitet man durch den von weißen, hohen Arkadengängen umgebenen und durch eine milchige Glasdecke erhellten Lichthof in die Richtung des bunten Lichtbündels. Es kommt aus einer Nische, zu der Treppenstufen führen. Man sieht helloranges, wie dichter Nebel strömendes Licht, das einen ovalen Rahmen um einen dunkelroten Kreis bildet. Fast unmerklich färbt sich der Kreis hellgrün, und das Oval lila. In Dutzenden Schattierungen und Größen wechseln Kreis und Ovalschichten von blau bis pink die Farben. Wo Wand ist, wo Grenze, ob der Kreis der Einstieg in die Ewigkeit, das Zentrum einer ayurvedischen Lichtzeremonie oder einfach eine überdimensionierte Lavalampe - egal. Was da strömt, betört die Sinne, man will da hin, da rein, ob man das geräuschlose Rauschen des Lichts, das man zu hören meint, für göttliches oder psychedelisches Rauschen hält."

In der taz stellt Ronald Berg die Bildgießerei Noack vor, die in diesem Jahr 125-jähriges Jubiläum feiert. Aus diesem Anlass gibt es eine Retrospektive mit 50 Bronzewerken am Firmensitz neben dem alten Kraftwerk Charlottenburg: "An einer der Wände des 5.000 Quadratmeter großen Werkstadtkomplexes bei Noack hängen dazu rund hundert Materialproben, die zeigen, wie verschieden die Oberfläche der Bronze aussehen kann, wenn sie mit Säure und Hitze behandelt wird. Vom blitzenden Goldton bis Tiefschwarz reicht die Skala, aber auch Grün- und Rottöne sind möglich. In der Jubiläumsausstellung kann man die Wirkung der Patinierung anhand zweier kauernder Frauenfiguren in eher kleinem Format vergleichen. Die weiblichen Gestalten - von Georg Kolbe und Richard Scheibe - changieren von rotschimmernd bei Kolbe bis eher gelblich und im Ausdruck zurückhaltender bei Scheibe."

Außerdem: Michael Wurmitzer unterhält sich für den Standard mit dem Direktor des Wiener Leopold Museums Hans-Peter Wipplinger über die Attacke auf Klimts "Tod und Leben". Weder das Klima noch die Kritik am Sponsor OMV, einen Minerallölkonzern will er als Begründung gelten lassen: "Die OMV hat uns heute etwa den Leopolditag gesponsert, sodass wir Gratiseintritt anbieten können - und dazu zwölf Kunstvermittler. Kinderbetreuung, die Vermittlung an Schulklassen, Zeichenklassen - das könnten wir ohne Sponsoren nicht machen. Wir zahlen eine Million im Jahr nur für Saalaufsichten. Da bin ich dankbar, dass uns Unternehmen unter die Arme greifen. Ich stehe zur OMV, diese Partnerschaft ist sehr produktiv." In der Zeit fordert Tobias Timm, den geplanten Bau des Berliner Museums für Kunst des 20. Jahrhunderts auszusetzen, um dessen klimatechnisch "unfassbar gestrige" Pläne zu überarbeiten.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.11.2022 - Kunst

Nase oder Hoden: Magdalena Abakanowicz' "Abakan Vert", 1967. © Fundacja Marty Magdaleny Abakanowicz Kosmowskiej i Jana 

Ziemlich klasse und vor allem auch witzig findet Adrian Searle im Guardian die textilen Skulpturen der polnischen Künstlerin Magdalena Abakanowicz, der die Tate Modern eine große Ausstellung widmet: "Es gibt hier großartige Dinge, verrückte Strudel aus Rosshaar und ungezupften Sisalseilen, sorgfältige Schnitte und unerwartete Schatten, verschlossenen Innenräumen, Faltungen und Ausbuchtungen, schalldämpfendes Gewicht und organischen Duft. Unweigerlich werden wir eingenommen von den immer offenkundigeren Darstellungen des weiblichen Körpers, den geöffneten Schamlippen, den Körperöffnungen und -vorwölbungen. Es gibt Brüste und schwangere Bäuche, Falten und Tunnels. Wie nah sie auch an Kleidung sein mögen, diese hängenden Formen sind zu Phantomkörpern geworden. In 'Abakan Red' ragt ein schrumpeliger Bugspriet oder eine ausgestülpte Nase in den Raum, die durch ein cartoonhaftes Missgeschick leicht verbogen ist (vielleicht wurde sie in etwas hineingesteckt, wo sie nichts zu suchen hatte). Je mehr ich hinschaue, desto anzüglicher und lustiger wird diese Form. Sind das Hoden, die in der Falte neben der Nase baumeln, wenn es denn eine Nase ist? In der Nähe baumelt ein großes, angenehm unförmiges Sisalknäuel, das wie eine schwarze Wolke oder ein Felsen aussieht, von der Decke. Als ich darunter stand, dachte ich an eine Denkblase, eine sichtbar gemachte schreckliche Melancholie, die für alle sichtbar über meinem Kopf schwebte."

Im Observer bespricht Laura Cumming die Schau "Making Modernism" in der Royal Academy in London deutlich wohlwollender als Jonathan Jones im Guardian (unser Resümee). Sie ist besonders berührt von der Vertrautheit und Intimität, die in den Bildern Paula Modersohn-Becker, Käthe Kollwitz, Gabriele Münter und Marianne Werefkin zu spüren seien.

Weiteres: Der Standard meldet, dass nun auch in Wien Gustav Klimts "Tod und Leben" zum Ziel von Klimaaktivisten wurde. Sie bespritzten das glasgeschützte Gemälde mit Öl. Reinhart Bürger informiert im Tagesspiegel en detail über den Kauf von Hamburger Bahnhof und Rieckhallen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.11.2022 - Kunst

Modern oder zeitlos? Käthe Kollwitz: Selbstportät, 1934 © Käthe Kollwitz Museum Köln


Unter dem Titel "Making Modernisms" versammelt die Royal Academy in London deutsche Malerinnen vom Beginn des 20. Jahrhunderts, von Käthe Kollwitz über Paula Modersohn-Becker bis zu Gabriele Münter. Im Guardian geht dieses Label Jonathan Jones total gegen den Strich. Die einen findet er zweitklassig, die anderen eigentlich nicht modern, sondern zeitlos: "Ich wäre weniger enttäuscht von dieser Schau, wenn sie einen passenderen Titel hätte. 'Making Modernism' verweist auf ein ehrgeizigeres Projekt, als diese Werke tatsächlich leisten. Da die Schau nur Künstlerinnen versammelt suggeriert er sogar eine revolutionär-feministische Neuschreibung der Kunstgeschichte. Tatsächlich versammelt sie einige mehr oder weniger interessante Figuren aus Deutschland von vor dem Ersten Weltkrieg, plus ein Genie, Kollwitz, die herausragt wie eine offene Wunde."




In der NZZ weiß Philipp Meier die poetischen Graffiti zu schätzen, mit denen Banksy seine Solidarität mit der Ukraine bekundet. Zu dem Mädchen im Handstand hat sich der Street-Art-Star bekannt, aber auch andere Bilder tragen seine Handschrift: "Eine Kiewerin, die sich als Fan von Banksy bezeichnet, bringt auf seinem Instagram-Kanal ihre Begeisterung über das Werk in Borodjanka zum Ausdruck: 'Kunst ist Power. Hier in der Ukraine haben wir Schwierigkeiten mit Strom nach den russischen Bomben. Aber nicht mit Power.'"

Weiteres: Im Tagesspiegel stellt Rolf Brockschmidt das Online-Portal "Islamic Art" des Museums für Islamische Kunst in Berlin vor.

Besprochen werden die Ausstellung "Teuflische Jahre" zur Satirezeitschrift Pardon im Caricatura Museum in Frankfurt (taz) und eine Ausstellung über den Bildchronisten Carl Theodor Reiffenstein im Historischen Museum Frankfurt (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.11.2022 - Kunst

Jean-Michel Basquiat: Untiteld, 1982. Bild: Albertina

Die Wiener Albertina prunkt mit einer Retrospektive des gerade wieder sehr angesagten Jean-Michel Basquiat. In der FR erinnert Ingeborg Ruthe daran, dass Basquiat in den achtziger Jahren zur Galionsfigur der Black Art avancieren konnte, zu einer Zeit, in er ohne Begleitung von weißen Freunden in kaum ein Restaurant gekommen wäre: "Oft wird Basquiat als 'Neoexpressionist' bezeichnet, wegen des Schichtenaufbaus der Gemälde und deren Oberflächen. Er erfand Gestalten, Chiffren zwischen androgynen und deutlich zweigeschlechtlichen Körpern, zwischen Gegenständen, Gedicht- und Wortfetzen; der einstige Schüler einer katholischen Privatschule zeichnete bisweilen sogar Epiphanien (Christuserscheinungen). Er liebte den spielerischen Umgang mit Figuren und Sprache, den Rhythmus und die Wiederholung von Wörtern, das Sampeln und Scratchen als künstlerische Methode. Diese Bildwelt entspringt auch der Belesenheit des Autodidakten, die sich in Textfragmenten durch sein gesamtes Werk zieht. Obsessiv, roh und rätselhaft wie Basquiats kurzes Leben zwischen den Extremen."

Hamburger Bahnhof und Rieckhallen sind gerettet, weiß Swantje Karich bereits vorab in der Welt zu melden, der Bund zahlt für den Hamburger Bahnhof etwa 66 Millionen, das Land Berlin für die Rieckhallen 70 Millionen Euro zusammen mit einem weiteren Grundstück am Humboldthafen für 30 Millionen Euro. Erleichtert ist Karich aber nicht: "Eine unglaubliche Zahl von Versäumnissen reihte sich in den Jahren danach aneinander. Unter anderem wurde ein Vorkaufsrecht für einen Bruchteil dessen, was jetzt bezahlt werden muss, schlicht verpennt. Aber auch die Mitarbeiter des Museums nahmen ihr Schicksal achselzuckend hin. Die CA Immo aber hatte immer mit einem Abriss der Rieckhallen geplant, als Eigentümer stand es ihr zu, einen Neubau zu planen. Er war von Anfang an im Bebauungsplan der Europacity hinter dem Hamburger Bahnhof markiert. Interessierte aber niemanden. Man wurde erst darauf aufmerksam, als sich das Ende des Mietvertrags näherte: 2021."

Besprochen werden eine Ausstellung des in die USA emigrierten jüdischen Fotografen Julius Frank im Bremer Fokke-Museum (taz) und die Schau "Paint it all" in der Berlinischen Galerie (Tsp).