Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.11.2023 - Film

Der Filmemacher Ari Folman hat mit "Bring them Home" ein minimalistisch gestaltetes Interviewprojekt mit den Angehörigen der von der Hamas entführten Geiseln gedreht. Keine "Opfershow" ist so entstanden, schreibt Sandra Kegel in der FAZ, sondern es gelinge Folman, "vor den Augen der Zuschauer einen Raum nur aus Worten entstehen zu lassen, dessen schmerzliche Intensität die kurzen Sequenzen zusammenbinden zu einem großen Dokument der Trauer." Zu sehen ist etwa "wie die junge Lior Katz Natanzon mit ihren Worten die Präsenz ihrer abwesenden Familie geradezu herbeizubeschwören sucht, wenn sie über ihre Mutter spricht, die sich ebenso in der Hamas-Gewalt befindet wie deren Freund und wie Liors Schwester, der Bruder, die beiden Nichten. Es erfordert Liors ganze Kraft und Konzentration, den Faden nicht abreißen zu lassen, den sie selbst dann noch fortspinnt, als sie berichtet, wie sie von der Hamas eine Aufnahme zugeschickt bekommt, die die Mutter mit den Nichten zeigt. 'Ein Horrorfilm', sagt die junge Frau und wiederholt es noch einmal, dann bricht sie ab."

Aktionistische Sinnlichkeit: "Love is a Dog from Hell"

Wenn Lilith Stangenberg erneut vor der Kamera des philippinischen Punk-Auteurs Khavn als Orphea durch die Straßen Manilas irrlichtert (was sie mit "Orphea" 2020 schon einmal getan hat), dann geht FR-Kritiker Daniel Kothenschulte bei dieser Reise gerne mit: "Love Is a Dog From Hell" heißt dieser Film und "ist eine Ode an die Finsternis. Und eine One-Woman-Opera für eine der seltenen deutschen Doppelbegabungen in Gesang und Schauspiel seit Hildegard Knef. Und wenn man schon mit Vergleichen anfängt, dann ist der Filmemacher und Komponist Khavn ein philippinischer Christoph Schlingensief." Gedreht wurde auf zahlreichen Kameras und Formaten, "dazu gibt es Animationsszenen des Künstlers Rox Lee, die manchmal die Szenen selbst durch malerische Eingriffe in Bewegung setzen oder Found-Footage-Material aus einem medizinischen Lehrfilm über russische Operationstechniken. All das führt in aktionistischer Sinnlichkeit an die Grenzen von Leben und Tod - und weckt Erinnerungen an Experimentalfilmklassiker von Kenneth Angers 'Lucifer Rising' bis Kurt Krens Filmdokumenten von Hermann Nitsch."

Besprochen werden Justine Triets "Anatomie eines Falls" mit Sandra Hüller (Welt, FR, Perlentaucher), Hannes Hirschs Spielfilmdebüt "Drifter" (Tsp), die auf Paramount gezeigte Serie "Fellow Travellers" (Freitag) und die Netflix-Serie "Alles Licht, das wir nicht sehen" nach dem gleichnamigen Roman von Anthony Doerr (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.11.2023 - Film

Billige Schadenfreude: Paul Dano in "Dumb Money"

Craig Gillespies "Dumb Money" erinnert an eine der kurioseren Geschichten im ersten Coronjahr, als Trolle, Finanz-Idioten und sehr viele Naivlinge auf die Videos von "Roaring Kitty" abgingen, im Zuge die an sich völlig wertlose Gamestop-Aktie gigantisch nach oben ging und der Aktienmarkt für eine kurze Zeit völlig Kopf stand, Außenseiter die große Kohle machten und alteingesessene Aktienfuchse geradezu geplündert wurden. Mit Paul Dano, Seth Rogen und Nick Offerman ist der Film hochkarätig besetzt. Darin "werden die Finanz-Protagonisten kümmer- und lächerlicher, je näher die Kamera an sie herantritt", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Helden, wenn es sie denn in dieser Geschichte überhaupt gibt, sind neben Paul Danos naivem Aktien-Aktivisten Keith die vielen Privatanleger, die sich als Teil einer Revolution wähnen - und darum an ihren Gamestop-Anteilen festhalten, als der Kurs durch die Decke geht. Womit sie Leerverkäufer wie Plotkin und Griffin an den Rand des Ruins bringen. Die Schadenfreude ist in 'Dumb Money' billig zu haben." Für taz-Kritikerin Barbara Schweizerhof steht der Film in der Tradition der großen US-Filme übers große Geld und die große Gier. Toll findet Schweizerhof, wie genau die Kultur der Message Boards hier dargestellt wird - und "ganz nebenbei funktioniert 'Dumb Money' auch noch als eine der bislang besten Schilderungen der Corona-Epoche als solche. ... Der Film zeichnet ein erschreckend präzises Soziogramm davon nach, wer von Lockdown und Covid am stärksten betroffen war und wie sich die gesellschaftliche Ungleichheit währenddessen auf direkte Weise in die Gesichter schrieb."

Weitere Artikel: Thomas Abeltshauser spricht für den Freitag mit Justine Triet über deren in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnetes (und aktuell in der Zeit und bei uns besprochenes) Gerichtsdrama "Anatomie eines Falls" (mehr dazu bereits hier). Außerdem spricht Abeltshauser für die taz mit dem Regisseur Christos Nikou über dessen Science-Fiction-Liebeskomödie "Fingernails". Auf Zeit Online erinnert sich die Filmemacherin Doris Dörrie an ihre gemeinsame Arbeit mit dem verstorbenen Schauspieler Elmar Wepper (unser Resümee). Die Film-Community Letterboxd verkauft ihre Daten an die Filmindustrie, berichtet Mathis Raabe in der taz. Immer mehr Streamingdienste durchsetzen ihr Angebot mit Werbung und nähern sich damit dem (damals allerdings deutlich günstigeren...) Privatfernsehen der Neunziger an, berichtet Christian Meier in der Welt. Friedhöfe sind in Filmen selten friedlich, beobachtet Presse-Kritiker Andrey Arnold.

Besprochen werden Sudabeh Mortezais "Europa", der auf der Viennale den Spezialpreis der Jury gewonnen hat (Standard), die DVD-Ausgabe von Roman Nemecs "Die Höhle" (taz), die Netflix-Adaption von Anthony Doerrs Roman "Alles Licht, das wir nicht sehen" (Tsp) und die DVD-Ausgabe von Wolfgang Staudtes Hauptmann-Adaption "Rose Bernd" von 1957 ("In diesem unscheinbaren idyllischen Stück Deutschland wird ein solcher Grad von wunderschön gefilmter Unannehmlichkeit erreicht, der schon hier in Richtung des Kinos von Rainer Werner Fassbinder weist", staunt Robert Wagner auf critic.de).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.11.2023 - Film

Keine Verklärung der Revolution: "El Realismo socialista" von Raúl Ruiz

Philipp Stadelmaier widmet sich in der SZ dem chilenischen Schwerpunkt der soeben zu Ende gegangenen Viennale (hier Valerie Dirks Festival-Resümee im Standard). Gezeigt wurden dabei Filme, die im Vorfeld und nach dem Pinochet-Putsch entstanden sind oder sich mit den Langzeitfolgen des Putsches befassen. Auch Raúl Ruiz "El Realismo socialista" aus dem Jahr 1973 wurde gezeigt - das Rohmaterial des lange verschollen geglaubten Films wurde erst kürzlich wiederentdeckt und in Form gebracht. Er "behandelt auf kritisch-ironische Art innersozialistische Probleme. Eine Fabrik soll besetzt werden: Gehört sie nicht allen Arbeiterinnen und Arbeitern? Wer ist ein Kleinbürger, wer ein wahrer Revolutionär? Und ist die Position der Partei immer die richtige? Es wird, wie immer bei Ruiz, viel diskutiert, oft ohne konkretes Ergebnis. Jenseits jeder romantischen Verklärung der Revolution folgt die dynamische, zugleich nervig-beharrliche Kamera diesen Aushandlungsprozessen. ... Der Massensuizid der Genossinnen und Genossen am Ende des Films verheißt nichts Gutes. Ruiz will allegorisch das Scheitern der Revolution aufgrund von zu viel Streit vorwegnehmen. Doch im Nachhinein erscheinen die Bilder als düstere Vorahnung einer anderen Katastrophe." Dazu passend spricht der Filmdienst ausführlich mit Eva Sangiorgi und Paolo Calamita, dem Leitungs-Duo der Viennale.

Elmar Wepper ist tot. Er war ein "unterschätzter Schauspieler", schreibt Christoph Schröder auf Zeit Online. Im Kino kannte man Wepper als die deutsche Stimme von Mel Gibson, im Fernsehen hingegen war er vor allem auf den gemütlichen Vorabend bayerischer Prägart abonniert. Doch "immer, wenn Elmar Wepper zu sehen war, sah man ihn gerne. Er hatte Charme und Charisma" und spielte sich in Doris Dörries "Kirschblüten" im Jahr 2008 endgültig in die Kritikerherzen: "Wenn man Elmar Wepper dabei zuschaut, wie er gemeinsam mit einer jungen Japanerin seinem eigenen Schatten beim Tanzen zuschaut, wie er dem Schatten seiner verstorbenen Frau hinterhertanzt, dann hat das nichts Selbstparodistisches und schon gar nichts Lächerliches, selbst dann nicht, wenn herauskommt, dass er unter seinem langen Mantel die Kleidung seiner Frau trägt." Anders als sein Bruder Fritz Wepper, dessen Spezialität die Pointe ist, war "Elmar derjenige für die etwas leiseren Töne", schreibt Michael Hanfeld in der FAZ. "Er war, wie es in einer Kritik einmal hieß, dafür prädestiniert, den 'sentimentalen Bayern' zu spielen." Weitere Nachrufe schreiben Cosima Lutz (Welt) und Paul Jandl (NZZ). In den Feuilletons leider ungewürdigt bliebt Elmar Weppers großartiger Auftritt in Dominik Grafs Thriller "Das unsichtbare Mädchen".

Weitere Artikel: Ein "Geschenk" ist es, dass Justine Triets (heute auch in der taz besprochene) "Anatomie eines Falls" (unser Resümee) und Margarethe von Trottas "Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste" in zeitlicher Nähe in die Kinos kommen, findet Andreas Kilb in der FAZ: Letztgenannter Film mache mit seinen Defiziten noch einmal ganz besonders die Güte des ersten Films deutlich. Lukas Wilhelmi schreibt in der taz einen Nachruf auf den Schauspieler Matthew Perry.

Besprochen werden Hettie MacDonalds "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" (Welt), eine neue Folge "South Park", die Disneys Diversitätspolitik veräppelt (Welt), die Sky-Serie "The Lovers" (Tsp), die ARD-Serie "Parlament" (FAZ) und die ZDF-Serie "Füxe" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.10.2023 - Film

Schuldige und Unschuldige zugleich: Sandra Hüller in "Anatomie eines Falls"

In Cannes hat Justine Triet mit "Anatomie eines Falls" die Goldene Palme gewonnen, jetzt startet der Film in den Kinos. Die großartige Sandra Hüller spielt hier eine Frau, die wegen Mordes an ihrem Ehemann angeklagt wird, ohne dass dem Publikum klar wäre, ob sie die Tat auch wirklich begangen hat. "Von nun an analysieren wir jede noch so winzige Regung dieser Frau, jedes Zucken eines Mundwinkels, jeden müden Blick", schreibt Philipp Bovermann in der SZ. "Dass Sandra Hüller die Rolle übernommen hat, ist ein großes Glück für alle Beteiligten. Denn die Herausforderung ist schwindelerregend: eine Frau zu spielen, die sich verstellt, vielleicht aber auch nicht. Ein Vexierbild zu sein. Beide Frauen zugleich zu sein, die Schuldige und die Unschuldige. Die Täterin und das Opfer. Das Monster und die hilflos Entstellte. ... Hüller spielt herausragend, selbst für ihre Verhältnisse. In der nun anstehenden Awards Season ist mit ihr zu rechnen. Sie ist eine Naturgewalt, zart und verletzlich, berechnend und reserviert, irgendwie geht das bei ihr alles gleichzeitig."

Zu sehen "ist ein Film der Worte, der gesprochenen wie geschriebenen", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Doch die Sprache ist nicht das zentrale Medium, in dem sich bei Triet und ihrem Ko-Autor Arthur Harari ein Urteil (über eine Tat, einen Menschen) artikuliert. Die französische Regisseurin (...) stellt in der Konvention des Gerichtsdramas - darin weist ihr Film auf prozessualer Ebene große Ähnlichkeiten mit dem Spielfilmdebüt 'Saint Omer' ihrer Kollegin Alice Diop auf -, verschiedene Sprechakte einander gegenüber." Dieser Film ist "ebenso ein Meta-Krimi wie ungeschöntes Beziehungsdrama", beobachtet Michael Kienzl im Filmdienst.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.10.2023 - Film

Das Gesicht des Krieges: "20 Days in Mariupol"


Anke Leweke berichtet auf ZeitOnline vom vierten Ukrainian Film Festival in Berlin. Gezeigt wurde unter anderem "20 Days in Mariupol" des Associated-Press-Journalisten Mstyslaw Tschernow. "Auf dem Sundance-Festival ist der Dokumentarfilm zu Beginn des Jahres mit dem Publikumspreis ausgezeichnet worden, die Ukraine wird den Film ins Oscar-Rennen im kommenden Jahr schicken. Man sieht in dem Film Menschen, die sich während der unbeschreibbar brutalen Einnahme der Stadt durch die russische Armee in Straßen und Gebäuden auf den Boden werfen; wie sie die Sekunden zählen bis zum nächsten Granateinschlag. Hochschwangere Frauen und Verletzte fliehen aus einem bombardierten Krankenhaus. Massengräber werden angelegt. Durch die schiere Länge der Szenen findet eine Annäherung an Mariupol statt, man lernt die Topografie der Stadt kennen. Die Menschen hinter der Kamera sind keine Beobachter, sie sind ebenso Eingeschlossene wie die Bewohnerinnen und Bewohner Mariupols." Dazu passend bespricht Bert Rebhandl in der FAZ Arndt Ginzels Dokumentarfilm "White Angel - Das Ende von Marinka" über Sanitäter unweit des Kriegsgebiets in der Ukraine: "Von Marinka heute in der Gegenwartsform zu sprechen führt in die Irre. Die Stadt existiert physisch nur noch als Ansammlung von Ruinen."

Vernarbter Film: "El auge del humano 3" von Eduardo Williams

Standard-Kritiker Bert Rebhandl staunt auf der Viennale über die experimentellen Filme des Argentiniers Eduardo Williams: Dessen den halben Globus umspannender Film "El auge del humano 3" etwa "wechselt mit einer solchen Nonchalance die Schauplätze, dass man bald den Eindruck gewinnen könnte, es ginge darum, das Kino selbst als einen Ort über oder zwischen konkreten Orten zu etablieren. ... Wenn es einen Film auf dieser Viennale gibt, an dem sich die Gegenwart (oder sogar die Zukunft) des Kinos besonders spannend ermessen lässt, dann ist es vielleicht dieser". Er "wurde mit 360-Grad-Kameras gedreht, beruht also auf Bildern, die erst in einer App verarbeitbar werden, für das Auge wäre das zu viel. Das Filmbild zeigt nun, wie sich Williams innerhalb des virtuellen Raums bewegt und das Material erst erzählbar macht. An manchen Stellen wirken die Bilder, als hätten sie Nähte oder als trügen sie Narben von Eingriffen in die Ontologie des Filmischen. Im Verbund mit der jugendkulturellen, digitalglobalen Anmutung seiner Filme ergibt das höchst spannendes Experimentalkino für neue Generationen."

Silvia Palmigianos NDR-Doku "Deutsche Schuld" über die Folgen der deutschen Kolonialzeit in Namibia ruft einigen Protest hervor, berichtet Fabian Lehmann in der taz. "Für Zwischentöne ist kaum Platz", der Filme kratze "an der Oberfläche" und bekomme Ambivalenzen etwa im Verhalten der Kirche zugunsten einer Schwarzweiß-Darstellung nicht in den Griff. "Die Intendanz des NDR erhielt einen offenen Brief, welcher dem Film 'ideologische Scheuklappen' und eine 'völlig unreflektierte' Darstellung vorwirft. Unterzeichnet haben ihn rund 160 Personen", darunter "der ehemalige deutsche Botschafter in Namibia, Christian M. Schlaga, ehemalige Mitglieder der Nationalversammlung Namibias, verdiente Kolonialhistoriker:innen wie Ulrich van der Heyden und Wolfram Hartmann sowie zahlreiche Vertreter:innen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia. Der Großteil von ihnen gehört zu den rund 20.000 deutschsprachigen Namibier:innen. Dass Vertreter:innen dieser Minderheit in der NDR-Doku pauschal als 'Deutsche' bezeichnet werden, obgleich sie mehrheitlich in Namibia geboren und aufgewachsen sind, ignoriert ebenjene lange Geschichte deutscher Einwanderung, die der Film zu thematisieren vorgibt."

Außerdem: In einem Filmdienst-Essay meditiert Philipp Stadelmaier über Justine Triets Cannes-Gewinnerfilm "Anatomie eines Falls". Die Filmemacherin Alrun Goette erzählt in der Berliner Zeitung von ihrer Reise nach Hongkong, wo sie ihren Film "In einem Land, das es nicht mehr gibt" über die Modeszene der DDR-Szene präsentierte. David Pfeifer erzählt auf der Seite Drei der SZ die Geschichte eines Kinos in Mumbai, in dem seit 28 Jahren jeden Vormittag der Bollywoodfilm "Dilwale Dulhania Le Jayenge" mit Shah Rukh Khan aus dem Jahr 1995 läuft. Oğulcan Korkmaz schreibt in der taz einen Liebeslied an das Kino insbesondere nach der Pandemie: "Die Seherfahrung im Kino formt uns als soziale Wesen. Auf dem Sofa verformen wir nur." Nachrufe auf den Schauspieler Matthew Perry ("Friends") schreiben Andreay Arnold (Presse), Peter Praschl (Welt), Sophia Zessnik (taz), Kerstin Hasse (TA) und Jean-Martin Büttner (TA).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.10.2023 - Film

Albern sein beim Kampf zwischen Gut und Böse: "Geister - Exodus" von Lars von Trier

Tazler Tim Caspar Boehme hat sichtlich Freude an der von Lars von Trier nach über einem Vierteljahrhundert nachgereichten dritten Staffel der Serie "Geister", mit der der dänische Auteur in den Neunzigern eine Art europäische Antwort auf "Twin Peaks" schuf. Deren fünfstündiger Abschluss ist nun in den Kinos zu sehen und erneut feuert von Trier "jede Menge alberner Einfälle" ab, "die dem Finale kein bisschen schaden. "Selbst der infantilste Blödsinn führt dabei zwangsläufig irgendwann wieder zum Kern der Angelegenheit, der mit dem Kampf des Guten gegen das Böse zu tun hat."

Besprochen werden zwei neue, auf der Viennale gezeigte Filme von Quentin Dupieux (Standard), die auf Apple gezeigte Doku "Enfield Poltergeist" (Welt) und Franz Xaver Bogners BR-Serie "Himmel, Herrgott, Sakrament" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.10.2023 - Film

Der iranische Regisseur Ali Samadi Ahadi erinnert in der Welt an den iranischen Filmemacher Dariush Mehrjui, der vor wenigen Tagen in seinem Haus ermordet aufgefunden wurde (unser Resümee). Zuvor hatte Mehrjui, ein Pionier der iranischen Neuen Welle der Siebziger, in einem Video auf Social Media energisch gegen die Zensur seines neuen Films "La Minor" protestiert und dabei unter anderem "Kommt und schlagt mich tot" gerufen. Mehrjui und seine ebenfalls ermordete Ehefrau hatten sich im vergangenen Jahr der iranischen Protestbewegung "Frau, Leben, Freiheit" angeschlossen. Auch "La Minor" erzählt "von einer jungen Frau, die aus den Fängen der Regulierung und Einengung des Staates, der Familie und der Gesellschaft entkommen und ganz einfach ein 'normales' Leben einer jungen Erwachsenen führen möchte. Hier spiegelt sich in einem Familiendrama im Kleinen das wider, wofür die Gesellschaft seit einem Jahr kämpft. ... Ob nun der Mord an Mehrjui und seiner Ehefrau vom Regime befohlen wurde oder nicht, ist für die Menschen im Moment zweitrangig. Denn eines ist klar: Der islamische Willkürstaat würde sich nicht davor scheuen, solche Verbrechen zu begehen. Die Geschichte hat es uns gezeigt."

Weitere Artikel: "Vielleicht wird man einmal sagen: Wir hätten doch mehr 'Fauda' schauen sollen", mutmaßt Claudia Schwarz in der NZZ in der Überzeugung, dass die israelische Netflix-Serie "tatsächlich das filmische Werk ist, wenn es darum geht, deutlich zu machen, in welche Ausweglosigkeit und Desillusionierung der israelisch-palästinensische Konflikt im vergangenen Jahrzehnt führte". Zur Viennale blickt Valerie Dirk auf das Filmschaffen von Agnieszka Holland, deren aktuellen Film "Grüne Grenze" das Festival zeigt. Stefan Eichardt gibt auf Artechock Einblick in seine Arbeit als Kinomacher in Celle.

Besprochen werden Jean-Pierre und Luc Dardennes Migrationsdrama "Tori & Lokita" (Tsp, critic.de, Artechock), Timm Krögers "Die Theorie von Allem" (Artechock, critic.de), die dritte Staffel von Lars von Triers Serie "Geister" (Artechock), David Finchers "The Killer" (ZeitOnline, FAZ, Artechock), Mike Flanagans Netflix-Adaption von Edgar Allan Poes "Der Untergang des Hauses Usher" (Freitag, TA), neue, auf der Viennale gezeigte Filme von Hong Sangsoo (Standard, Perlentaucher), Chai Vasarhelyis und Jimmy Chins Dokumentarfilm "Nyad" über die Schwimmerin Diana Nyad, die mit 64 von Kuba nach Florida schwamm (Welt), Markus Gollers "One for the Road" (Artechock), Alice Troughtons "The Lesson" (Artechock) und Marcus H. Rosenmüllers "Neue Geschichten vom Pumuckl" (Artechock, Welt). Außerdem bietet der Filmdienst hier seinen Überblick zu allen seinen Filmkritiken zur aktuellen Kinowoche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.10.2023 - Film

Der Schauspieler Richard Roundtree ist gestorben. Als Privatdetektiv Shaft definierte er auf sagenhafte Weise das New Cool im Hollywoodkino der frühen Siebziger: "Langer brauner Ledermantel und Rollkragenpulli, schon im Gang der Schwung des freien Mannes, dazu die berühmtesten Wah-wah-Gitarren der Filmgeschichte", schreibt Tobias Kniebe in der SZ. "Der Mann marschierte an der Spitze einer Bewegung, die das Bild der People of Color im Kino von der Schmach ewiger Knechtschaft befreien sollte, er und seine Figur John Shaft wurden eins, Pioniere schwarzer Coolnees und Selbstermächtigung, keinem Weißen mehr untertan und geprägt von einem James-Bond-Machismo ('Who's the black private dick that's a sex machine to all the chicks?', sang Isaac Hayes auf dem oscargekrönten Soundtrack), der dann ebenfalls zu hinterfragen war, wenn auch erst Jahrzehnte später." In dieser Rolle prägte Roundtree das Kino bis heute, schreibt Maria Wiesner in der FAZ: Von diesem Film "führt der Weg über die direkte Hommage, die Wesley Snipes dem Vorbild als Vampirjäger in 'Blade' (1998) erwies, zum heutigen diversifizierten Blockbusterkino, in dem 'Black Panther' der Name eines Superhelden statt einer politischen Option ist. ... Welche Tragweite die Rolle hatte, wusste Roundtree: 'Die Kids sehen im Kino zum ersten Mal einen schwarzen Mann, der zur Abwechslung der Held, der Gewinner ist', sagte er 1972."



"Irgendwas zwischen Indiana Jones und Godard" wollte der Regisseur Timm Kröger schon seit seiner Kindheit drehen, verrät er Daniel Kothenschulte im FR-Gespräch, und mit seinem von weiten Teilen der Filmkritik gefeierten "Die Theorie von Allem" ist ihm das allem Anschein nach auch gelungen. Aber ist sein Schwarzweißfilm nun altmodisch oder supermodern? "Supermodern nur in dem Sinne, dass unsere aktuelle Kultur - auch wenn die Postmoderne längst vorbei ist - lauter alte Versatzstücke zusammenstellt", sagt der Regisseur. "Halb verdrängte Kino- und Kulturerinnerungen werden da zusammengezwängt zu einem picassoartigen Puzzlespiel, als ob man in alten Leichen herumsucht. Der Film ist so, als würden Hitchcock und Lynch auf dem Teppich einer alten Hotellobby Liebe machen, schummrig und etwas unzulässig. Es sollte auch diese Erich-Kästner-Bergwelt herein, Echos von Leni Riefenstahl, Helmut Käutner und Heinz Erhardt, aber auch Carol Reed und eben David Lynch, der ja an Abgründe führte, die sich bei Hitchcock nur andeuten." Auch Filmdienst-Kritiker Rüdiger Suchsland hat Kröger zum Gespräch getroffen, der den Eindruck hat, "'die Vergangenheit spricht bis heute mit uns.' Es gebe 'unverdaute Geister' der Historie zuhauf."

Zu den nicht sonderlich begeisterten Kritikern des Films zählt Philipp Stadelmaier. Die Dinge in dem Film werden "irgendwann so seltsam, dass man ihnen nicht mehr folgen mag", schreibt er in der SZ: "Ein guter Film braucht, bei aller Schönheit, doch einen kohärenten Inhalt. Aneinandergereihte Situationen, die von einer Patina mysteriöser Ahnungen überzogen sind, gelten nicht."

Trotz großer Investitionen und Modernisierungen wurde in diesem Jahr im Studio Babelsberg so gut wie nicht gedreht, schreibt Claudius Seidl in der FAZ. Der Investor "TPG hatte offensichtlich dem Studio kein Glück gebracht, und spätestens in diesem August, als offiziell vollzogen wurde, was seit Langem schon offensichtlich war: dass nämlich Babelsberg dem Cinespace-Konzern einverleibt wurde und dessen Leute das Kommando übernommen hatten - spätestens im August stellte sich die Frage, ob diese Leute, die man doch als Retter und Verbündete empfangen hatte, jetzt dabei waren, Babelsberg zu zerstören. ... Es gibt Leute im deutschen Filmgeschäft, die sich schon fragen, ob Ashley Rice und Andy Weltman, der Vorstandsvorsitzende, überhaupt jemanden kennen in Hollywood. Dass sie dorthin führen und wie Woebcken antichambrierten, ist jedenfalls nicht bekannt, und womöglich ist das auch ganz logisch. Cinespace, ihre Heimatfirma, ist in Toronto und Chicago zu Hause; es ist ein großes Studio, es ist aber auch Provinz, unendlich weit weg von Hollywood. Fast alles, was dort produziert wird, ist Fernsehen."

Weitere Artikel: Die Agenturen melden, dass mehrere iranische Schauspielerinnen - darunter die Filmstars Tareneh Alidoosti, Afsaneh Bayegan und Katayoun Riahi - wegen "Verstöße gegen die islamische Kleidungsregeln" mit einem Berufsverbot belegt wurden. In der Berliner Zeitung gratuliert Stefan Hochgesand den Berlinern Tamara Denić (Regie) und Sascha Blank (Komponist), die bei den Studenten-Oscars ausgezeichnet wurden. Morticia Zschiesche denkt in ihrer Filmdienst-Textreihe über Krieg und Kino über Anja Kofmels dokumenartischen Animationsfilm "Chris the Swiss" nach. Andreas Busche fasst für den Tagesspiegel ein (verpaywalltes) Stern-Interview zusammen, in dem sich Til Schweiger einigermaßen reuig zeigt, was die gegen ihn formulierten Vorwürfe betrifft. Schweiger zeige sich "erstaunlich offen", finden Aurelie von Blazekovic und David Steinitz in der SZ.

Besprochen werden Lars von Triers nach 25 Jahren nachgereichte dritte Staffel seiner legendären "Geister"-Serie aus den Neunzigern (Tsp), Jean-Pierre und Luc Dardennes "Tori und Lokita" (FAZ, FR), Hong Sang-soos "In Our Day" (Perlentaucher), David Finchers gleichnamige Verfilmung von Matz' Comicreihe "The Killer" (Filmdienst, taz, Welt), Diego Llorentes "Notes On a Summer" (Perlentaucher), Markus Gollers Alkoholkomödie "One for the Road" mit Frederick Lau (Tsp), Bas Devos' auf der Viennale gezeigter Film "Here" (Standard), die DVD-Ausgabe von Mikko Myllylahtis "Die Geschichte vom Holzfäller" (taz) und Marcus H. Rosenmüllers "Neue Geschichten vom Pumuckl", für den Hans Clarins Stimme per KI wiederbelebt wurde (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.10.2023 - Film

Die Filmemacherin Jutta Brückner beklagt in einem Einwurf im Filmdienst die Verengung von Möglichkeiten im Hinblick auf Filmförderung und Digitalisierung: Während der US-Blockbuster das Kino unter sich erdrückt, begünstigt die Filmförderung das Mittelmaß und die Fernsehsender bestellen ihrerseits am liebsten konfektionierte Ware. All dies "bestimmt die Formen unserer Fantasie". Doch "für die unterschiedlichen Filme, die wir brauchen, gibt es keine einheitlichen Qualitätskriterien. Qualität ist nicht die Erfüllung einer Summe von Regeln. Es ist die Erfüllung dessen, was eine Geschichte in ihrer Form leisten will. Die Kriterien für das, was ein guter Film ist oder sein soll, sind absolut vielfältig. Kriterien müssen sein, denn sie sind die Grundlagen für die Geldvergabe. Der europäische Film (...) hat große Erfahrung damit, Geschichten jenseits der bekannten Formate zu erzählen. Vieles von der Freiheit und Kühnheit, in der man in den 1970er- und 1980er-Jahren hier arbeiten konnte, ist verloren gegangen." Doch "zu glauben, dass das Neue immer bei der Jugend zu finden ist, verführt zu falschen Aktualitäten. Wenn es nur noch Forderungen nach 'Inklusion, Diversität und Queerness' gibt, wird das, was unsere Lebens- und Wahrnehmungsweisen bereichern sollte, wieder zur Verengung. ... Bevor wir uns also vollends in den Weltraum beamen, sollten wir einen Blick zurückwerfen und recyclen, was in der Geschichte des Films alles schon möglich war."

Neue Dimensionen: "Die Theorie von Allem"

Vielleicht ist es ja Timm Krögers Spielfilm "Die Theorie von Allem", der dem hiesigen Film einen Imaginationsschub verschafft? Laut FAZ-Kritiker Bert Rebhandl tun sich in diesem paranoisch erzähltem Schwarzweiß-Noir über skifahrende Physiker "für den deutschen Film (...) überraschende neue Dimensionen auf. So lustvoll hat schon lange niemand mit Genres gespielt, so offensiv wie bei Kröger wird auch nur noch selten das 'klassische' Kino der Vierziger- und Fünfzigerjahre aufgerufen." Kröger versteht das Kino "nicht als ein Medium, in dem man sich spielerisch verlieren möchte, sondern in dem man Tiefenbohrungen in die Geschichte vorantreiben kann. In 'Die Theorie von Allem' führt ein Schacht weit in das Innere der Schweizer Berge. Unter dem Schnee, unter den Felsen, wartet dann allerdings keine Lösung - einen Punkt Alpha oder Omega darf man nicht erwarten. Wohl aber höchst elegante Schwünge zwischen diesen Polen."

Weitere Artikel: Sight & Sound spricht episch (aber vielleicht auch ein bisschen uneditiert) mit Martin Scorsese über dessen neuen Film "Killers of the Flower Moon" (unsere Kritik). Christiane Peitz wirft für den Tagesspiegel einen Blick ins Programm des Berliner Festivals FrauenWelten. Standard-Kritiker Marian Wilhelm rät dem Wiener Kinopublikum zum Besuch der Filmreihe "Keine Angst" über österreichisches Paranoiakino aus den Achtzigern. Frédéric Jaeger berichtet auf critic.de vom Drehbuchworkshop "Less Is More" in der Bretagne.

Besprochen werden Jean-Pierre und Luc Dardennes Geflüchtetendrama "Tori & Lokita" (taz, SZ), Margarethe von Trottas "Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste" (FD, NZZ), Yvonne & Wolfgang Andräs Dokumentarfilm "Arena 196" über den Bundestagswahlkampf 2021 in Südthüringen (taz), Mike Flannagans Netflix-Serie "Der Untergang des Hauses Usher" (FR), Wim Wenders' Porträtfilm "Das Rauschen der Zeit" über Anselm Kiefer (Standard), die neue Staffel von David Attenboroughs "Planet Earth" (TA), David Finchers "The Killer" (SZ-Kritiker Tobias Kniebe gähnt trotz Finchers "elegantem Inszenierungsstil" angesichts "der Leere im Herzen des ganzen Unternehmens") und die ZDF-Serie "Füxe" über Studentenverbindungen (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.10.2023 - Film

Ralph Trommer führt in der taz durch 100 Jahre Disney Company. David Steinitz wirft für die SZ einen Blick auf aktuelle Gerüchte rund um die Besetzung des nächsten Bonds. In der FAZ gratuliert Maria Wiesner dem Regisseur Martin Campbell zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Richard Hubers Komödie "Ein Fest fürs Leben" mit Christoph Maria Herbst (Welt) und Klaus Scherers ARD-Doku "Inside Rheinmetall - Zwischen Krieg und Frieden" (ZeitOnline).
Stichwörter: ARD, Disney