Bert Rebhandl
blickt in der
FAZ auf die Auseinandersetzungen um
Lars Henrik Gass, der nach einer Solidaritätsadresse mit
Israel als Leiter der
Oberhausener Kurzfilmtage nach dem Willen eines
Aufrufs der "internationalen Filmcommunity" abgesetzt werden soll. "Bei den Oberhausener Kurzfilmtagen sind nun also unter umgekehrten Vorzeichen Konstellationen zu erkennen, die im Vorjahr auch die
Documenta geprägt haben. Gass spricht von einem '
Fantasma des Globalen Südens', die Liste der Unterzeichnenden der gegen ihn gerichteten 'Botschaft' lässt diesen Süden hingegen konkret werden. In Oberhausen waren nicht erst unter Gass immer schon auch viele Filme zu sehen, die wie politische Flugschriften funktionieren - die Form des nicht abendfüllenden, nicht unbedingt strikt erzählerischen, sondern tendenziell auch experimentellen Films hat schon produktionsökonomisch eine Affinität zu jenem globalen Süden, der sich seit dem Ende des Kalten Krieges aber zunehmend auch mit eigenen Bemühungen um Medienhegemonien bemerkbar macht. All das sind Aspekte, über die es sich unbedingt lohnen würde, eine
Debatte zu führen. Eine Expertise zur sozialen Lage in Neukölln hingegen ist weder von den Kurzfilmtagen noch von ihrem Leiter vonnöten."
"Warum gab es bislang
keine öffentliche Unterstützung seitens einzelner Filmfestivals für die Kurzfilmtage",
fragt sich Rüdiger Suchsland auf
Artechock. Das wäre wohl auch im eigenen Interesse, denn Boykotaufruffe vergiften das Klima und "jenseits der aktuellen Streitfragen um Antisemitismus und die Haltung gegenüber Israel können auch diverse andere politische, gesellschaftliche oder kulturelle Positionierungen oder die Auswahl bestimmter Filme und Programmpunkte die
selbsternannten neuen Sittenwächter der internationalen Kulturcommunity triggern. ... Es liegt nahe, von den Filmfestivals zu erwarten, dass sie dafür Sorge tragen, dass solche haltlosen Boykott-Aufrufe nicht nur für die Betroffenen Folgen haben, sondern auch für die Initiatoren und Unterzeichner. Es liegt also nahe, jene, die sie durch Boykottaufrufe bedrohen, wiederum selbst auch die Konsequenzen ihrer Handlungen spüren zu lassen."
Auch bei Festivals etwa in den Niederlanden wurden Podien von Palästina-Aktivisten gestürmt und dabei mit "From the River to the Sea"-Slogans unter dem Deckmantel des Befreiungskampfs implizit vom Genozid geträumt. Filmkritikerin Dunja Bialas von
Artechock beobachtet diese Entwicklung im Festivalbetrieb mit Sorge: "Es scheint sich ein
Befindlichkeitsspektrum im Westen ergeben zu haben, das sich aus der Gemengelage von Post-Kolonialismus, Siebzigerjahre-Solidarität mit der säkularen PLO, der 'cause paléstinienne', wie sie Godard in seinen Filmen immer wieder mit knarzender Stimme beschwor, zusammensetzt. Die islamistische Hamas wird da nur ungern in den Blick genommen, weil sie einen
Störfaktor im Weltbild darstellt - steht sie doch für ein anderes, homophobes und misogynes Narrativ, das zur westlichen Idee von einem freien Palästina kaum noch passen kann. Jetzt ist, fast vier Wochen nach dem Berliner Aufruf zur Solidarität mit Israel, der Krieg gegen die Hamas auf einer dramatischen Eskalationsstufe angekommen, vor der niemand die Augen verschließt, auch nicht jene, die Solidarität mit Israel wollen. Aber ist das ein Grund,
Kampagnen,
die über jede Verhältnismäßigkeit hinausschießen, gegen Leiter von Festivals zu fahren, deren erklärtes Ziel der
demokratische Austausch und die Meinungsvielfalt ist?"
Außerdem
veröffentlicht Artechock ein Statement einiger
dffb-
Studenten, die "zutiefst erschüttert" sind über eine Pro-Palästina-Stellungnahme einiger ihrer Kommilitonen, welche sich darin zwar vordergründig für Meinungsfreiheit und gegen Rassismus aussprechen, dabei aber "einen
antisemitischen,
ungenauen Text" fabriziert hätten.
Weiter Artikel: Für den
Freitag spricht Thomas Abeltshauser mit dem Regisseur
Colm Bairéad über dessen aktuellen (in
Filmdienst,
FR und
taz besprochenen) Film "The Quiet Girl".
Filmdienst-Kritiker Wilfried Reichart
legt dem Berliner Publikum eine Hommage
im Kino Klick an den Kameramann
Jörg Jeshel ans Herz. In der
FAZ schreibt Andreas Kilb einen Nachruf auf den französischen Filmkritiker
Michel Ciment.
Besprochen werden
Marco Bellocchios "Die Bologna-Entführung" über die von Papst Piux IX angeordnete Entführung eines jüdischen Kindes im 19. Jahrhundert (
Perlentaucher,
Artechock,
FAZ),
Eli Roths Slasherfilm "Thanksgiving" (
Perlentaucher),
Susann Fogels Adaption von
Kristen Roupenians im
New Yorker veröffentlichter Kurzgeschichte "Cat Person" (
FR,
FAZ,
Tsp),
Hans Steinbichlers Verfilmung von
Robert Seethalers Roman "Ein ganzes Leben" (
Welt),
David Finchers Netflix-Thriller "The Killer" (
Standard), die
Disney-Serie "Deutsches Haus" (
Welt, mehr dazu
hier),
Karim Ouelhajs "Megalomaniac" (
Artechock),
Christina Ebelts "Monster im Kopf" (
Artechock),
Philipp Jedickes "Vienna Calling" (
Artechock),
Francis Lawrences "Tribute von Panem: The Ballad of Songbirds and Snakes" (
Artechock),
Timm Krögers "Die Theorie von Allem" (
Presse), eine DVD-Ausgabe von
Wolfgang Staudtes "Rose Bernd" von 1957 (
taz), die
Marvel-Serie "Loki" (
FAZ), die Serie "Spy/Master" (
taz). Außerdem
hier der Überblick beim
Filmdienst zu den Kinostarts dieser Woche.