Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.11.2023 - Film

Bert Rebhandl blickt in der FAZ auf die Auseinandersetzungen um Lars Henrik Gass, der nach einer Solidaritätsadresse mit Israel als Leiter der Oberhausener Kurzfilmtage nach dem Willen eines Aufrufs der "internationalen Filmcommunity" abgesetzt werden soll. "Bei den Oberhausener Kurzfilmtagen sind nun also unter umgekehrten Vorzeichen Konstellationen zu erkennen, die im Vorjahr auch die Documenta geprägt haben. Gass spricht von einem 'Fantasma des Globalen Südens', die Liste der Unterzeichnenden der gegen ihn gerichteten 'Botschaft' lässt diesen Süden hingegen konkret werden. In Oberhausen waren nicht erst unter Gass immer schon auch viele Filme zu sehen, die wie politische Flugschriften funktionieren - die Form des nicht abendfüllenden, nicht unbedingt strikt erzählerischen, sondern tendenziell auch experimentellen Films hat schon produktionsökonomisch eine Affinität zu jenem globalen Süden, der sich seit dem Ende des Kalten Krieges aber zunehmend auch mit eigenen Bemühungen um Medienhegemonien bemerkbar macht. All das sind Aspekte, über die es sich unbedingt lohnen würde, eine Debatte zu führen. Eine Expertise zur sozialen Lage in Neukölln hingegen ist weder von den Kurzfilmtagen noch von ihrem Leiter vonnöten."

"Warum gab es bislang keine öffentliche Unterstützung seitens einzelner Filmfestivals für die Kurzfilmtage", fragt sich Rüdiger Suchsland auf Artechock. Das wäre wohl auch im eigenen Interesse, denn Boykotaufruffe vergiften das Klima und "jenseits der aktuellen Streitfragen um Antisemitismus und die Haltung gegenüber Israel können auch diverse andere politische, gesellschaftliche oder kulturelle Positionierungen oder die Auswahl bestimmter Filme und Programmpunkte die selbsternannten neuen Sittenwächter der internationalen Kulturcommunity triggern. ... Es liegt nahe, von den Filmfestivals zu erwarten, dass sie dafür Sorge tragen, dass solche haltlosen Boykott-Aufrufe nicht nur für die Betroffenen Folgen haben, sondern auch für die Initiatoren und Unterzeichner. Es liegt also nahe, jene, die sie durch Boykottaufrufe bedrohen, wiederum selbst auch die Konsequenzen ihrer Handlungen spüren zu lassen."

Auch bei Festivals etwa in den Niederlanden wurden Podien von Palästina-Aktivisten gestürmt und dabei mit "From the River to the Sea"-Slogans unter dem Deckmantel des Befreiungskampfs implizit vom Genozid geträumt. Filmkritikerin Dunja Bialas von Artechock beobachtet diese Entwicklung im Festivalbetrieb mit Sorge: "Es scheint sich ein Befindlichkeitsspektrum im Westen ergeben zu haben, das sich aus der Gemengelage von Post-Kolonialismus, Siebzigerjahre-Solidarität mit der säkularen PLO, der 'cause paléstinienne', wie sie Godard in seinen Filmen immer wieder mit knarzender Stimme beschwor, zusammensetzt. Die islamistische Hamas wird da nur ungern in den Blick genommen, weil sie einen Störfaktor im Weltbild darstellt - steht sie doch für ein anderes, homophobes und misogynes Narrativ, das zur westlichen Idee von einem freien Palästina kaum noch passen kann. Jetzt ist, fast vier Wochen nach dem Berliner Aufruf zur Solidarität mit Israel, der Krieg gegen die Hamas auf einer dramatischen Eskalationsstufe angekommen, vor der niemand die Augen verschließt, auch nicht jene, die Solidarität mit Israel wollen. Aber ist das ein Grund, Kampagnen, die über jede Verhältnismäßigkeit hinausschießen, gegen Leiter von Festivals zu fahren, deren erklärtes Ziel der demokratische Austausch und die Meinungsvielfalt ist?"

Außerdem veröffentlicht Artechock ein Statement einiger dffb-Studenten, die "zutiefst erschüttert" sind über eine Pro-Palästina-Stellungnahme einiger ihrer Kommilitonen, welche sich darin zwar vordergründig für Meinungsfreiheit und gegen Rassismus aussprechen, dabei aber "einen antisemitischen, ungenauen Text" fabriziert hätten.

Weiter Artikel: Für den Freitag spricht Thomas Abeltshauser mit dem Regisseur Colm Bairéad über dessen aktuellen (in Filmdienst, FR und taz besprochenen) Film "The Quiet Girl". Filmdienst-Kritiker Wilfried Reichart legt dem Berliner Publikum eine Hommage im Kino Klick an den Kameramann Jörg Jeshel ans Herz. In der FAZ schreibt Andreas Kilb einen Nachruf auf den französischen Filmkritiker Michel Ciment.

Besprochen werden Marco Bellocchios "Die Bologna-Entführung" über die von Papst Piux IX angeordnete Entführung eines jüdischen Kindes im 19. Jahrhundert (Perlentaucher, Artechock, FAZ), Eli Roths Slasherfilm "Thanksgiving" (Perlentaucher), Susann Fogels Adaption von Kristen Roupenians im New Yorker veröffentlichter Kurzgeschichte "Cat Person" (FR, FAZ, Tsp), Hans Steinbichlers Verfilmung von Robert Seethalers Roman "Ein ganzes Leben" (Welt), David Finchers Netflix-Thriller "The Killer" (Standard), die Disney-Serie "Deutsches Haus" (Welt, mehr dazu hier), Karim Ouelhajs "Megalomaniac" (Artechock), Christina Ebelts "Monster im Kopf" (Artechock), Philipp Jedickes "Vienna Calling" (Artechock), Francis Lawrences "Tribute von Panem: The Ballad of Songbirds and Snakes" (Artechock), Timm Krögers "Die Theorie von Allem" (Presse), eine DVD-Ausgabe von Wolfgang Staudtes "Rose Bernd" von 1957 (taz), die Marvel-Serie "Loki" (FAZ), die Serie "Spy/Master" (taz). Außerdem hier der Überblick beim Filmdienst zu den Kinostarts dieser Woche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.11.2023 - Film

Der Fünfteiler "Deutsches Haus"

Der auf Disney+ gezeigte Fünfteiler "Deutsches Haus" (geschrieben von Annette Hess nach ihrem gleichnamigen Roman) befasst sich mit den Folgen des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses für die Bundesrepublik - und das anhand einer bewusst naiv gehaltenen Gastwirtstochter (Katharina Stark), die unversehens als Übersetzerin in dem Prozess landet. Auf ZeitOnline ist Matthias Dell nicht nur über dieses Erzählmanöver sehr verärgert, sondern auch über die "bühnenhaft-künstliche" Produktion: "Museale Räume, in denen die aus dem Ei gepellten Leute vor Mustertapeten oder zweifarbig-stylishen Wänden sitzen. Keine Gebrauchsspur stört die aseptische Ordnung dieser Inszenierung. Diese keimfreie und lustlose Routine wäre leichter zu ertragen, wenn 'Deutsches Haus' nur von erfundenen und ausgedachten Geheimnissen handelte. Und nicht gesellschaftliche Relevanz durch die realen Auschwitz-Prozesse für sich beanspruchen würde. Dies führt etwa dazu, dass die herzensgute Übersetzerin Eva im Laufe des Prozesses so stark mit den aussagenden Überlebenden der Shoah fühlt, dass die Kamera auch auf ihr Gesicht hält, um Mitleid einzufangen. Es mag überflüssig wirken, das anzumerken. Aber vor 30 Jahren hätte 'Deutsches Haus' noch zu Debatten geführt über die Darstellbarkeit des Holocaust."

Gnädiger zeigt sich Bert Rebhandl in der FAZ, zumal ihm der Moment der Tatortbegehung im Vernichtungslager Auschwitz ziemlich imponiert, wo die filmische Inszenierung an einen Nullpunkt kommt: "Kein Gegenschnitt soll hier das Innehalten erträglicher machen. Das ist ein markanter Moment in einer Serie, der man einen gewissen ruhigeren Atem beim Erzählen jedenfalls zugutehalten kann: 'Deutsches Haus' hat seine Stärken vor allem in einer Dramaturgie, die ohne überdeutliche Didaktik dem Gegenstand mit möglichst vielen Facettierungen gerecht zu werden versucht. Auf einer globalen Plattform wie Disney+ wird die Serie nun auch eine aufschlussreiche Rezeptionsgeschichte bekommen. 'Deutsches Haus' ist deutlich eine Kompromissbildung zwischen der negativen Attraktion seines Themas (die NS-Zeit als der größte Stoff, den Deutschland als Erzählnation zu bieten hat) und den Befangenheiten, die daraus entstehen."

Weitere Artikel: Jörg Taszman (Filmdienst) und Patrick Heidmann (taz) sprechen mit Marco Bellocchio, dessen neuer, im Tagesspiegel besprochener Kinofilm "Die Bologna-Entführung" davon erzählt, wie Papst Piux IX im 19. Jahrhundert einen jüdischen Jungen entführen ließ. Valerie Dirk empfiehlt im Standard eine Werkschau im Österreichischen Filmmuseum zur Arbeit der feministischen Filmemacherin und -theoretikerin Laura Mulvey. In der taz plaudert der Hörspielsprecher Jens Wawrczeck ("Die Drei ???") über seine Hitchcock-Begeisterung.

Besprochen werden Susanna Fogels Verfilmung von Kirsten Roupenians im New Yorker veröffentlichter Kurzgeschichte "Cat Person" (FD, SZ), Jimmy Chins und Elizabeth Chai Vasarhelys Netflix-Film "Nyad" über die Marathonschwimmerin Diana Nyad (FD, Presse) und die auf Disney+ gezeigte Thrillerserie "A Murder at the End of the World" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.11.2023 - Film

Jan Küveler spricht für die Welt mit Lars Henrik Gass, dem Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, der seit seiner öffentlichen Solidarisierung mit Israel und der eindeutigen Verurteilung des Neuköllner Hamas-Jubels mit einer Hetzkampagne aus seiner Position gekegelt werden soll (hier und dort unsere ersten Resümees). Er sieht insbesondere in der Vehemenz dieses Angriffs einen "Stellvertreterkrieg, der auf die Meinungshoheit im Kultur- und Wissenschaftsbetrieb abzielt" - und eine Folge des Documenta-Skandals im letzten Jahr, den die BDS-Unterstützer noch nicht verkraftet hätten: "Dabei handelt es sich um eine Depression, eine Verwahrlosung eines bestimmten Teils der Linken in den letzten fünfzig Jahren, einer Gesinnungsgemeinschaft im Grunde, die nur noch um Macht kämpft, sich aber von universalistischen Ansprüchen und den sozialen Fragen, die den Marxismus noch bestimmt hatten, längst verabschiedet hat, die gesellschaftliche Spaltungsprozesse eher sogar noch beschleunigt; mit anderen Worten: Die Revolution findet nicht für alle statt, sondern nur für sie selbst, ihr Netzwerk."

Weitere Artikel: Fabian Tietke resümiert für die taz die Duisburger Filmwoche. Michaela Ott wirft für die taz einen Blick ins Programm des heute in Berlin startenden Festivals Afrikamera. Besprochen werden Hans Steinbichlers Verfilmung von Robert Seethalers Roman "Ein ganzes Leben" (online nachgereicht von der FAZ), Fancis Lawrences "Die Tribute von Panem - The Ballad of Songbirds & Snakes" (Tsp), Alejandro Monteverdes "Sound of Freedom" (Jungle World, unsere Kritik), Marco Bellocchios "Die Bologna-Entführung" (SZ) und die Berliner Ausstellung "Großes Kino. Filmplakate aller Zeiten" (ein "Kessel Buntes", seufzt Andreas Kilb in der FAZ).

Und ein kleiner Mediathekentipp: Bei Arte gibt es gerade zehn Filme des japanischen Meisterregisseurs Yasujiro Ozu online.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.11.2023 - Film

Weil er sich auf der Facebook-Seite der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen mit Israel solidarisiert hat und die Neuköllner Jubler über den Hamas-Angriff auf Israel als das bezeichnet hat, was sie sind - "Hamasfreunde und Judenhasser" -, wird Festivalleiter Lars Henrik Gass von der "internationalen Filmcommunity" mit einem Offenen Brief unter Druck gesetzt (unser Resümee). In einem zweiten Facebook-Posting hat Gass reagiert und erneut unmissverständlich klar gemacht, dass es ihm nicht um eine Verunglimpfung aller Palästinenser geht. Doch "so etwas interessiert den postmodernen Mob nicht, der auch in Deutschland dabei ist, immer weitere Teile der Kulturszene zu übernehmen", schreibt Stefan Laurin bei den Ruhrbaronen. Widerrufen werde er nicht, "sagt Gass im Gespräch mit diesem Blog, 'weil in der Sache nichts falsch ist und auch nichts missverständlich.' Teile der Filmszene haben mittlerweile damit begonnen, zum Boykott der Kurzfilmtage aufzurufen: 'Die Auswirkungen spüren wir heute schon: Filme werden für die Wettbewerbe und andere Programme zurückgezogen, eine Kooperation mit europäischen Partnern wurde bereits aufgekündigt, und eine Filmemacherin, der wir eine Werkschau widmen wollten, hat ihre Zusage zurückgezogen.' Durch den aktuellen Stand der Absagen sei das Festival jedoch nicht auf der Kippe: 'Aber es steht die Drohung von Personen und Institutionen wie Verleihern im Raum, sich zurückzuziehen. Selbst das aber wird die Durchführung des Festivals nicht gefährden.'"

Ein auf Artechock veröffentlichter Offener Brief jener deutschen Filmszene, die sich mit Israel solidarisiert, hat mittlerweile deutlich über 500 Unterzeichner. Einigkeit besteht in der hiesigen Filmszene allerdings nicht, wie Laurin in einem zweiten Ruhrbarone-Artikel schreibt. Auch durchaus namhafte Leute aus dem Betrieb haben den Aufruf gegen Gass unterschrieben, daneben gibt es eine Stellungnahme von Studierenden der Dffb, die das palästinensische Narrativ starkmachen. "Wer dazu gehören will, wer Jobs, Aufträge und Projektmittel haben möchte, tut gut daran, sich gegen Israel und die Juden zu stellen. Und genau diese Entwicklung muss mit allen Mitteln und mit Härte gestoppt und umgekehrt werden: Wer sich auf die Seite der Antisemiten stellt, muss zum Paria werden, egal welche akademischen Floskeln er benutzt."

Außerdem: Die FAZ meldet, dass Matan Meir, ein Crewmitglied der Netflix-Serie "Fauda", als Reservist bei einem Einsatz in Gaza ums Leben gekommen ist. Anke Leweke spricht für ZeitOnline mit Liv Ullmann, über die gerade ein Dokumentarfilm (allerdings noch ohne deutschen Starttermin) produziert wurde. Kathrin Hollmer porträtiert für ZeitOnline die auf extreme Rollen spezialisierte Schauspielerin Franziska Hartmann, die aktuell in Christina Ebelts Schwangerschaftsdrama "Monster im Kopf" zu sehen ist.

Besprochen werden Saim Sadiqs "Joyland" (Tsp), David Finchers Netflix-Thriller "Der Killer" (TA), die von Arte online gestellte Mystery-Serie "Schnee" (taz) und die Paramount-Serie "The Curse" (online nachgereicht von der FAS).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.11.2023 - Film

Weit über 300 Filmschaffende aus Deutschland solidarisieren sich in einem auf Artechock veröffentlichten Offenen Brief mit Israel und "verurteilen jede Form des Antisemitismus; auch dort, wo er sich hinter der Maske angeblich emanzipatorischer Diskurse versteckt oder bewusst vage als 'Antiimperialismus' und 'Antikapitalismus' auftritt". Derweil wird Lars Henrik Gass, Leiter der Kurzfilmtage Oberhausen, von der internationalen Film-Community für ein Posting auf dem Facebook-Profil des Festivals wüst angegriffen, in dem er dazu aufrief, der Welt zu zeigen, "dass die Neuköllner Hamasfreunde und Judenhasser in der Minderheit sind", wie Tim Caspar Boehme in der taz berichtet. "Die drastische Wortwahl des Briefs schießt deutlich übers Ziel hinaus. Denn Gass hat in seinem Aufruf weder Palästinenser pauschal stigmatisiert noch 'jede Person', die sich mit den Palästinensern solidarisch zeigt, dämonisiert."

Der Offene Brief der Filmschaffenden ist auch eine Reaktion darauf, wie "Filmfestivals und Hochschuldozenten von den woken Schwadronen persönlich bedroht werden", schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock. "Mitarbeiter, Studenten und Geldgeber werden gegen sie aufgehetzt, weil sie von ihrer Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht und das Selbstverständliche gesagt haben: 'I stand with Israel' ohne Wenn und Aber, ohne Relativierung. ... Der Kulturbetrieb, auch der des Films, wird seinem Auftrag nicht gerecht, wenn ihm die Worte fehlen, und er nicht fähig ist, Propaganda zu enttarnen, und pragmatische, freiheitliche Positionen zu formulieren."

Außerdem: Dunja Bialas empfiehlt auf Artechock hier das Rumänische Filmfestival München und dort das 42. Filmschoolfest Munich. Sebastian Seidler denkt im Filmdienst über die Mädchen-Bilder aktueller Kinderfilme nach.

Besprochen werden Lila Avilés' "Totem" (Artechock, mehr dazu bereits hier), Mathieu Vadepieds "Mein Sohn, der Soldat" (Standard), Christina Ebelts Schwangerendrama "Das Monster im Kopf" (online nachgereicht von der FAZ), Pia Lenz' Dokumentarfilm "Für immer" (Artechock), Hans Steinbichlers Verfilmung von Robert Seethalers Roman "Ein ganzes Leben" (Artechock), Saim Sadiqs "Joyland" (Artechock), das "Tribute von Panem"-Prequel "The Ballad of Songbirds & Snakes" (Welt), die Serie "Parlament" (Presse), die ARD-Serie "Wer wir sind" (FAZ) und Nia DaCostas neuer Superheldinnen-Blockbuster "The Marvels" (FD, SZ, NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.11.2023 - Film

Der Schauspieler-Streik in Hollywood ist nach einer Einigung der Gewerkschaft SAG-AFTRA mit den Studios beigelegt. Die genauen Details werden erst heute bekanntgegeben, doch "sicher ist: Der Streik geht in die Geschichte Hollywoods ein, und er wird von SAG-AFTRA als großer Erfolg verbucht", schreibt Valerie Dirk im Standard. Im Hinblick auf den Einsatz von KI biete der für drei Jahre gültige Vertrag wohl zunächst mal eine Verschnaufpause. "Anzunehmen ist jedenfalls, dass sich Studios nun nicht, wie geplant, die uneingeschränkten Rechte an einem digitalen Scan von Hintergrunddarstellern sichern können - zum geringen Preis von einem Tag Arbeit. ... Neben der KI-Regelung enthält diese auch eine historische Steigerung der Mindestlöhne um sieben Prozent - das entspricht zwei Prozent mehr als die Erhöhung, die die Drehbuchgewerkschaft erhalten hat. Des Weiteren können die Schauspieler und Schauspielerinnen mit einer 'Streaming-Beteiligungsprämie' rechnen, ebenso mit einer Erhöhung der Gesundheits- und Pensionsbeiträge."

Claudius Seidl ist im FAZ-Kommentar nicht zu feiern zumute: "Hollywoods Krise kommt eben erst richtig in Fahrt." Denn schon vor dem Streik zeigte sich die US-Filmbranche nach erheblichen Fehlinvestitionen ins Streaming im freien Fall: "Die Aktienkurse brachen ein, die Investoren zwangen die Studios zum Sparen." Der Streik tat sein übriges: "Noch hat niemand ausgerechnet, wie hoch der Schaden ist, den der Streik angerichtet hat; es wird aber eine furchterregende Summe sein, ein Verlust, von dem sich die Studios und Streamingdienste so schnell nicht erholen werden. Und jetzt kommen die Kosten jener Einigung hinzu. ... Die Studios und Streamer müssen ihre Produktion reduzieren - was zur Folge haben wird, dass die Kunden ihre Abos kündigen und weniger Kinokarten kaufen." Auch Leon Igel sieht in der NZZ Hollywood taumeln: "Die Filmstudios versuchen, an alte Erfolge anzuschließen. An frischen Ideen mangelt es. Dabei braucht Hollywood genau das: ein Modell für die Zukunft." Jan Küveler von der Welt glaubt nicht, dass die US-Filmindustrie einfach zum Tagesgeschäft zurückkehren kann: "Die gegenseitige Verbitterung war zuletzt erheblich, und eine so gigantische Industrie wie Hollywood mit Millionen an Zulieferern wieder zum Laufen zu bringen, dürfte Wochen bis Monate dauern."

Besprochen werden Pia Lenz' Dokumentarfilm "Für immer" über ein alterndes Liebespaar (FR), Hans Steinbichlers Verfilmung von Robert Seethalers Roman "Ein ganzes Leben" (Standard), die Netflix-Dokuserie "Beckham" (Freitag), die ARD-Serie "Wer wir sind" (ZOn), die Serie "Lawmen: Bass Reeves" (Zeit) und Marko Doringers Doku "Dein Leben - mein Leben" über Väter und Kinder (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.11.2023 - Film

Bleibt lakonisch in schönstem Jim-Jarmusch-Schwarzweiß: "Fremont" von Babak Jalali

Der iranisch-britische Regisseur Babak Jalali dreht Filme wie einst Jim Jarmusch in jungen Jahren, gerade so als hätte es die letzten 30 Jahre nicht gegeben, freut sich Benjamin Moldenhauer im Perlentaucher nach der Sichtung von "Fremont", einem Film über eine auf ihrer Flucht in der Bay Area gelandeten Afghanin. Die Stilmittel liegen offen zutage: "Jim-Jarmusch-Schwarzweiß, Fokus auf die Menschen, die er zeigt, und nicht auf etwaige Herausforderungen, die bestanden werden müssen, eine ausgeprägt lakonische Haltung zur Welt." Zwar kann einem der Film damit hier und da auch mal "potenziell auf den Glückskeks gehen", doch in seiner "erzählerischen Offenheit, die verstärkt wird durch das ersatzlose Streichen jeder schematischen Figurenpsychologie (die dann aber nicht durch eine komplexere ersetzt würde, sondern einfach Leerstelle bleibt), gelingen den durchkomponiert-spartanischen Bildern viele wunderschöne Momente."
 
Weitere Artikel: Birgit Roschy wirft für epdFilm einen Blick auf die Filme von Sandra Hüller, die aktuell in "Anatomie eines Falls" (unsere Kritik) zu sehen ist. Patrick Heidmann porträtiert für epdFilm die Schauspielerin America Ferrera. Und die Agenturen melden, dass der für seine Science-Fiction-Arbeiten bekannte Filmemacher Rainer Erler gestorben ist. Außerdem melden sie, dass sich die Schauspieler-Gewerkschaft SAG-AFTRA und die Hollywood-Studios nach vier Monaten Streik über neue Arbeitsbedingungen geeinigt haben.

Besprochen werden Saim Sadiqs "Joyland" über Transfeindlichkeit in Pakistan (taz, FD, epd), Suzanne Raes' "Vermeer - Reise ins Licht" (taz, FD), Hans Steinbichlers Verfilmung von Robert Seethalers Roman "Ein ganzes Leben" (FD, SZ), Carter Smiths auf DVD erschienener Film "Swallowed" (Perlentaucher) und Nia DaCostas neuer Blockbuster "The Marvels" (Standard, FR, Welt, Presse). Hier außerdem der Überblick beim Filmdienst über alle Filmstarts der Woche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.11.2023 - Film

Labyrinthisch und polyphon: "Tótem" von Lila Avilés

Lila Avilés Film "Tótem" hatte die Kritiker bereits bei der Berlinale bestrickt (unser Resümee), jetzt startet der für Mexiko ins Oscarrennen gehende Film auch bei uns in den Kinos. Avilés entwirft in diesem "polyphonen Kunstwerk" rund um ein Familienfest und ein kleines Mädchen eine ganze "Kosmologie", schreibt Bert Rebhandl online nachgereicht in der FAS. "Der intime Raum, ein labyrinthisches Haus mit Garten hinter Mauern, ist offen für die vielen Dimensionen, von denen Lila Avilés erzählt. Es sind die Dimensionen der mexikanischen Kultur, von indigener Mythologie bis zu moderner Kunst. ... Von den blutigen Ritualen der Azteken bis zu den genozidalen Konquistadoren ist die ganze mexikanische Geschichte latent gegenwärtig." Hier unsere Berlinale-Kritik zum Film. Thomas Abeltshauser hat für die taz mit der Regisseurin gesprochen.

Außerdem: Oskar Paul gibt im ZeitMagazin deutschen Firmen Tipps, welche Filme sie sponsern könnten. Besprochen werden Raymond Leys vom ZDF online gestelltes Doku-Drama "Ich bin! Margot Friedländer" (FAZ), Alejandro Monteverdes "Sound of Freedom" (Perlentaucher) und eine Filmplakate-Ausstellung im Kulturforum in Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.11.2023 - Film

Wir freuen uns und sind stolz: Rajko Burchardt wurde für seine im Perlentaucher veröffentlichte Filmkritik zu Steven Spielbergs "The Fabelmans" vom Verband der deutschen Filmkritik für den Siegfried-Kracauer-Preis für die beste Filmkritik des Jahres nominiert. Der Gewinner wird am 3. Dezember bekanntgegeben. Wir wünschen unserem Autor viel Erfolg!

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Der aus über 1.400 Firmen zusammengesetzte und entsprechend einflussreiche Dachverband "Spitzenorganisation der Filmwirtschaft", kurz Spio, feiert 2023 sein hundertjähriges Bestehen. Dass der Verband bei der Gleichschaltung der Filmindustrie in Nazi-Deutschland eine große Rolle spielte, ist zwar bekannt. Die persönlichen Verstrickungen während der NS-Zeit aber seien bislang kaum erforscht, merkt Valentin Herleth online nachgereicht in der Zeit an. Dabei gibt es "mindestens drei Fälle von Spio-Funktionären mit NS-Vergangenheit. Zwei von ihnen stehen auf der Liste der Ehrenmedaillen auf der Website des Verbandes": Der Jurist Horst von Hartlieb und der Produzent Alexander Grüter, der "mitverantwortlich war für einen Teil der vom Rüstungsministerium aufgeführten sieben Millionen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. ... Die seit 1961 verliehene Ehrenmedaille der Spio wurde höchstwahrscheinlich von Ernst Erich Strassl miterfunden", der seit 1933 NSDAP-Mitglied war, als Nazi-Propagandist arbeitete und aktiv an den Novemberpogromen 1938 beteiligt war: "Von 1960 bis 1966 war er zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes - und zuvor in den Fünfzigerjahren langjähriger Redaktionsleiter der Filmbranchenzeitschrift Der neue Film. Später arbeitete er in der Filmabteilung von BASF und war bis in die Achtzigerjahre als Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle tätig."

Weitere Artikel: Der Standard spricht mit Justine Triet über ihren in Cannes ausgezeichneten (und in der Jungle World besprochenen) Film "Anatomie eines Falls" (unsere Kritik). Philipp Krohn folgt dem deutschen Fernsehmacher Gert Müntefering für die FAZ auf dessen Reise nach Tschechien, wo er für seine Verdienste um die deutsch-tschechische Filmzusammenarbeit gewürdigt wurde. Pascal Blum fragt sich im Tages-Anzeiger, ob es in Orndung ist, wenn Naturfilmer immer häufiger in die Geschicke der von ihnen gezeigten Tiere eingreifen. Stefan Brändle wirft für den Standard einen Blick auf die aktuellen Skandale von Gérard Depardieu.

Besprochen werden Mathieu Vadepieds "Mein Sohn, der Soldat" (online nachgereicht von der FAZ), Craig Gillespies "Dumb Money" (online nachgereicht von der FAZ, mehr dazu hier) und die Serie "Parlament", die laut NZZ-Kritiker Andres Herzog "zum Pointiertesten gehört, was die europäische Fernsehförderung in den letzten Jahren hervorgebracht hat".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.11.2023 - Film

Für "Bilder und Zeiten" der FAZ schreibt die iranische Schriftstellerin Shiva Rahbaran über den kürzlich ermordet aufgefundenen, iranischen Autorenfilmer Dariush Mehrjui, der in der Diaspora durchaus umstritten war, wie wir erfahren: Die Herausforderung, sich zwischen Zensur und künstlerischer Freiheit zu verorten, "war und ist extrem schwierig in einem System, das die Kunst nicht nur einschränkt, sondern auch als Propagandainstrument einsetzt. Dadurch wurden Künstler wie Mehrjui zur Zielscheibe für Verfechter des islamischen Regimes wie auch für dessen Gegner. Beide Gruppen kritisierten ihn und seine Kollegen, weil sie weiterhin in Iran blieben und arbeiteten. Er wurde gleichermaßen beschuldigt, ein Nonkonformist und ein Relativierer zu sein. Mehrjui sagte mir, das sei eine der Taktiken des Regimes, nämlich beide Empfindungen zu nutzen, um eine 'doppelte' Spaltung herbeizuführen - zwischen den Künstlern und ihren Werken wie auch zwischen ihnen und dem Publikum. Diese Spaltung ist die größte Tragödie, von der die Filmindustrie in Iran nach der Islamischen Revolution getroffen wurde. Und im Kontext der Frau-Leben-Freiheit-Proteste ist diese tragische Spaltung nicht nur schädlich für die Filmindustrie, sondern auch für die Einheit der Opposition gegen das islamische Regime."

Weitere Artikel: Im Filmdienst spricht der Regisseur Hans Steinbichler über seine Verfilmung von Robert Seethalers Roman "Ein ganzes Leben". Der Tages-Anzeiger hat Tobias Kniebes SZ-Gespräch mit Martin Scorsese online nachgereicht. Valerie Dirk blickt für den Standard auf die Karriere von Sandra Hüller, die aktuell in "Anatomie eines Falls" (unsere Kritik und gleich drei auf einmal bei Artechock) im Kino zu sehen ist. Nora Moschuering wirft für Artechock einen Blick auf die Dokumentarfilme im November. Christel Strobel resümiert für Artechock die zweite Ausgabe des DOXS-Ruhr-Festivals. Und critic.de meldet, dass es ab morgen mit dem zweiwöchigen Filmpodcast Framing an den Start geht - wir wünschen gutes Gelingen.

Besprochen werden die große Ausstellung zur deutschen Filmgeschichte in der Völklinger Hütte (Artechock), Craig Gillespies "Dumb Money" (Artechock, Presse, Standard, mehr dazu bereits hier), Khavns "Love Is a Dog from Hell" mit Lilith Stangenberg (FD, Artechock, mehr dazu bereits hier), Mathieu Vadepieds "Mein Sohn, der Soldat" (Tsp, Artechock), Hannes Hirschs Debütfilm "Drifter" (FAZ), Christian Werners Satire "Kommt ein Vogel geflogen" (Welt), Elizabeth Chai Vasarhelyis und Jimmy Chins Netflix-Film "Nyad" (FAZ), die Netflix-Serie "Alles Licht, das wir nicht sehen" (Zeit, Welt) und die Amazon-Serie "Mandy" (Presse).