Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.10.2023 - Film

Christiane Peitz empfiehlt im Tagesspiegel das vierte Ukrainische Filmfestival in Berlin. Matthias Lerf spricht für den Tages-Anzeiger mit Vicky Krieps über ihre Darstellung der Ingeborg Bachmann in Margarethe von Trottas (in der taz besprochenem) Film "Reise in die Wüste". Bei der TV- und Streamingmesse MIPCOM in Cannes ging es unter anderem auch um die Ökobilanz von Streaming, berichtet Wilfried Urbe in der taz. Oliver Jungen berichtet in der FAZ vom Filmfestival Cologne. Jan Küveler gratuliert in der Welt Catherine Deneuve zum 80. Geburtstag. Peter Kremski schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Filmemacher Christoph Böll.

Besprochen werden Timm Krögers bereits in Venedig gefeiertes Spielfilmdebüt "Die Theorie von Allem" (Tsp), Peter Zimmermanns bei der Bundeszentrale für politische Bildung erschienenes Buch "Dokumentarfilm in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart" (FD), Rebecca Zlotowskis Emanzipationsdrama "Les enfants des autres" (Standard) und Ronja von Rönnes Arte-Dokuserie "Unhappy" (TA).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.10.2023 - Film

In stiller Verzweiflung: "Eureka" von Lisandro Alonso

Die Viennale zeigt Lisandro Alonsos neuen Film "Eureka", der sich ausgehend von einem Western-Pastiche munter durch die Genres und Stile mixt. Zu erleben ist "ein Triptychon aus lose miteinander verwobenen Geschichten über Existenzweisen und Repräsentationsformen indigenen Lebens", erklärt Esther Buss im Standard. "Auf den Western folgt ein hypnotisches Sozialdrama oder auch ein Cop-Film im Pine-Ridge-Reservat der Gegenwart, der fließend - oder vielmehr fliegend - in eine im brasilianischen Urwald der 1970er-Jahre spielende mythische Erzählung übergeht. Ein Vogel, der von Film zu Film wandert, fungiert als reinkarnative Instanz. Das Herz von Eureka schlägt im mittleren und längsten Teil, in ihm zeigen sich die Zerstörungen durch gewaltsame Landnahme, Rassismus und Entwurzelung in stiller Verzweiflung."

Catherine Deneuve in Roman Polanskis "Ekel"

Catherine Deneuve wird 80 Jahre alt. "Sie ist die Magie des Bildlichen, der Bild gewordenen Schönheit schlechthin, das Glücksversprechen einer Erscheinung, die sich hingibt, indem sie sich entzieht", schwärmt Andreas Kilb in der FAZ, "und vielleicht liegt darin das Geheimnis ihrer einmaligen Karriere: dass sie nie aufgehört hat, an das Kino zu glauben, als Kunst und als Lebensform. Als Kind bewunderte sie Marilyn Monroe, als Teenager wandelte sie auf den Spuren von Brigitte Bardot. Beide hat sie weit hinter sich gelassen, mit Disziplin, Überlebenswillen, Klasse und Charme." Sie ist nicht von dieser Welt, schwelgt auch Willi Winkler in der SZ: "Sie wurde im Kino geboren und lebt nur dort" und ist daselbst ohnehin "die einzige Göttin. ... Der Zuschauer darf dabei sein, wenn sie jedes Mal nicht in der Rolle aufgeht, sondern Catherine Deneuve erscheint, die er nur vage wiedererkennt. Keine Rolle ist ihr, wie es so merkwürdig heißt, auf den Leib geschrieben, sie entdeckt sie erst beim Spielen. Großen Regisseuren hat sie erlaubt, ihr zuzuschauen, wie sie dabei immer fremder und ferner wird, aber sie waren bei diesem Spiel nichts weiter als bessere Gehilfen, unerlässlich zwar, aber letztlich auch nur staunende Zuschauer." Hier ein Videoessay von Arte über Deneuve:



Besprochen werden Balojis in "fulminanten Bildern" erzähltes, auf der Viennale gezeigtes Regiedebüt "Augure" (Standard), die Apple-Serie "Eine Frage der Chemie" (Zeit), die Disney-Serie "The Other Black Girl" (Presse) und Horst Peter Kolls in seinem Buch "Drachen reiten. Freunde finden. Älter werden" (Filmdienst).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.10.2023 - Film

Wer war John le Carré? "The Pigeon Tunnel" gibt (keinen) Aufschluss.

Für seinen neuen, für Apple+ produzierten Film "The Pigeon Tunnel" hat sich Errol Morris 2019 vier Tage mit dem 2020 verstorbenen Thrillerautor John le Carré getroffen. Entstanden ist dabei "ein Film über einen begnadeten Geschichtenerzähler, der versucht, sich selbst zu ergründen", schreibt Nina Rehfeld in der FAZ. "Oder so will er es uns zumindest weismachen." Denn zu sehen "ist eine Spurensuche unter der Führung des Erzählers le Carré, der kein Hehl daraus macht, dass er Versionen von Szenen seines Lebens entwirft, von deren 'Wahrheit' er mitunter selbst nicht überzeugt ist. ... Immer wieder im Verlauf dieser eloquent erzählten Geschichte steht der menschliche Hang im Vordergrund, aus Versatzstücken eine sinnstiftende Geschichte zusammenzufügen. Morris sagt, er teile Cornwalls Irritation über das Wesen der Wahrheit: 'Sie wird einem nicht gereicht. Sie ist eine Art Gralssuche, getrieben von dem Gefühl, dass da etwas im Verborgenen liegt' - und von der Furcht, dass es eine tiefere Erkenntnis gar nicht gebe."

Außerdem: Axel Timo Purr empfiehlt auf Artechock Filme der 13. Afrikanischen Filmtage in München. Valerie Dirk spricht im Standard mit Festivalleiterin Eva Sangiorgi über deren Viennale-Programm. Susanne Gottlieb führt im Standard durch das Kurzfilmprogramm der Viennale. Andreas Scheiner beleuchtet für die NZZ die Karriere von Leonardo DiCaprio.

Besprochen werden Martin Scorseses "Killers of the Flower Moon" (Standard, Artechock, Zeit, SZ, unsere Kritik), Margarethe von Trottas "Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste" (Artechock), Richard Hubers "Ein Fest fürs Leben" (Artechock), Fiona Tans auf der Viennale gezeigter Essayfilm "Dearest Fiona" (Standard), Franzis Kabischs beim Festival DOK.Leipzig gezeigter, experimenteller Dokumentarfilm "getty abortions" (Perlentaucher), Pablo Bergers bei der Viennale gezeigter Animationsfilm "Robot Dreams" (Standard), Bjarne Mädels TV-Krimi "Sörensen fängt Feuer" (FAZ), das Comeback der Comedyserie "Frasier" (FAZ), die Netflixserie "Bodies" (FAZ), die ZDF-Serie "Aufgestaut" über Klimaaktivisten (FAZ) und Hape Kerkelings Serienfortsetzung seiner Komödie "Club Las Piranjas" (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.10.2023 - Film

Rassismus, kolonialistische Ausbeutung, Kapitalismus und Genozid: "Killers of the Flower Moon" greift nach großen Themen

Mit "Killers of the Flower Moon", einem im frühen 20. Jahrhundert angesiedelten Film über die historischen Osage-Morde in der indigenen Bevölkerung der USA, kehrt Martin Scorsese zurück zu "jenen düsteren Sagen über Geld, Gier, Macht und Mord in verschiedenen Epochen des zwanzigsten Jahrhundert, die Scorsese in den letzten drei Jahrzehnten immer wieder erzählt hat", schreibt ein begeisterter Nicolai Bühnemann im Perlentaucher. "Mal waren diese Epen im Milieu des organisierten Verbrechens angesiedelt, mal anderswo, etwa in der New Yorker Finanzwelt. In den gut geölten Bildermaschinen wie 'Casino' oder 'The Wolf of Wall Street' hatte der stilistische Exzess seinen Ort allerdings in erster Linie in der Montage; in 'Killers of the Flower Moon' hingegen beeindrucken vor allem die Opulenz und Bildgewalt der zumeist langen und statischen, genau komponierten Einstellungen. Was hier Ausdruck findet, ist die Gewalt der Landnahme."

Großes Schauspieler-, großes Regiekino sah FR-Kritiker Daniel Kothenschulte: Newcomerin Lily Gladstone brilliert durch ihre "feinste Darstellung" und erstmals treffen die beiden Scorsese-Standards Robert de Niro und Leonardo DiCaprio bei ihrem Hauptregisseur vor der Kamera aufeinander. Goldstone und DiCaprio geben derweil ein unwahrscheinliches Paar: "Man hat ihn noch nie so unaufdringlich spielen sehen. Mit heruntergezogenen Mundwinkeln verkörpert er das verbissene Bemühen, das Falsche richtig zu machen. Es ist eine der ungewöhnlichsten Paarbeziehungen der Filmgeschichte - doch die feine Ironie, die sie verströmt, passt nicht unbedingt zur Schwere der Ereignisse um sie herum, dem Sterben all der Unschuldigen. Scorsese inszeniert es mitunter verstörend-teilnahmslos. Wie kann es sein, dass die Menschen so viele Tote betrauern, aber nichts unternehmen, die Morde aufzuklären? Doch gerade damit entwickelt der Film erst seine ganze Perspektive, die diese lange unerzählte Tragödie in der Geschichte von Rassismus und kolonialistischer Ausbeutung verortet."

Enttäuscht zeigt sich Andreas Busche im Tagesspiegel: "Irgendwo in 'Killers of the Flower Moon' steckt ein düsterer Kommentar zum amerikanischen Kapitalismus. Scorsese verliert sich in dreieinhalb Stunden aber in vielen Nebensträngen". Auch verliere der Regisseur im Laufe seiner dreieinhalb Stunden Spielzeit "zunehmend das Interesse an der Perspektive der Osage. ... Nie scheint Scorsese zu realisieren, dass er in 'Killers of the Flower Moon' den Inbegriff von weißer Suprematie beschreibt." Denn "Würde Scorsese verstehen, worum es bei den 'Osage-Morden' tatsächlich ging, würde er sich mehr auf den Zusammenhang von Genozid und Kapitalismus konzentrieren. Dieses Versäumnis ist besonders ärgerlich, da in Amerika seit einigen Jahren ein erbitterter Streit um das Thema 'Critical Race Theory', die historische Schuld des weißen Amerikas, entbrannt ist." Weitere Kritiken in Welt und SZ.

Besprochen werden Margarethe von Trottas "Ingeborg Bachmann - Die Reise in die Wüste" (FR), Richard Hubers "Ein Fest fürs Leben" (SZ) und Wim Wenders' 3D-Porträtfilm "Anselm - Das Rauschen der Zeit" über Anselm Kiefer (NZZ, mehr dazu bereits hier). Außerdem bietet der Filmdienst einen Überblick mit seinen Kritiken zur aktuellen Kinowoche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.10.2023 - Film

Wer erzählt hier über wen was? "Killers of the Flower Moon"

Diese Woche startet Martin Scorseses neues Epos in den Kinos: "Killers of the Flower Moon" mit annähernd vier Stunden Spielzeit, drunter macht's der Meister nicht mehr. Beim Filmfestival in Cannes wurde der Film über eine Mordserie an amerikanischen Ureinwohnern in den 1920er-Jahren sehr gefeiert (unser Resümee). Die ersten Feuilletonkritiken zum Kinostart fallen gemischt aus. Tazlerin Arabella Wintermayr muss sich zweimal wundern: Erstmals begibt sich Scorsese auf filmisches Terrain, das man auf den ersten Blick für einen Western halten könnte. Und dann wundert sie sich, aus welcher Perspektive Scorsese den Stoff über Gewalt von Weißen an Nicht-Weißen erzählt: "Scorsese inszeniert den historischen Stoff zunehmend als eine giganteske Gangstergeschichte um Geld, Gier und Gewalt. Und die wird, wie schon in 'GoodFellas', 'Gangs of New York' oder zuletzt 'The Irishman' vor allem aus Sicht derer erzählt, die wahlweise danach trachten, sie in sich tragen oder sie ausüben und in Auftrag geben." Gewalt, schreibt Andreas Kilb in der FAZ, "war immer ein zentrales Element von Scorseses Kino. Aber sie war nie illustrativ, sie gehörte zum Drama, nicht zum Dekor." Hier nun "ist sie es. Man sieht dutzendweise Menschen sterben, aber jeder Tod wirkt wie nachgereicht, eine Fußnote zum Text der Anklage gegen Hale und Konsorten." Doch "jeder große Regisseur scheitert auf seinem Niveau. Deshalb gibt es auch in den dreieinhalb Stunden von 'Killers of the Flower' genügend visuelle Wunder, um diesen Film weit über den Durchschnitt Hollywoods hinauszuheben."

Weitere Artikel: Aurelie von Blazekovic und David Steinitz berichten in der SZ aus Berlin, wo die Constantin den Untersuchungsbericht zu den Dreharbeiten von "Manta, Manta Zwoter Teil" präsentierte, bei denen sich Til Schweiger angeblich und wohl auch tatsächlich rabiat benommen hat. Christiane Peitz (Tsp) und Michael Hanfeld (FAZ) fassen das "gemischte" Ergebnis zusammen - einige bestätigten die Vorwürfe, andere machten andere Erfahrungen, die Constantin reagiert auf jeden Fall mit einem Maßnahmenkatalog, um Entgleisungen am Set künftig zu verhindern. Besprochen wird Bjarne Mädels neuer TV-Krimi "Sörensen fängt Feuer" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.10.2023 - Film

Omid Rezaee schreibt in der taz zum Tod des iranischen Filmemachers Dariusch Mehrdschui, der am vergangenen Samstag mit seiner Ehefrau Wahideh Mohammadifar ermordet aufgefunden worden war. Mehrdschuis Leben stand unter dem Eindruck mehrfacher Exilbewegungen. Als er von seinem Studium aus den USA zurückkehrte, "schuf er den Film 'Die Kuh', basierend auf einer Kurzgeschichte des Autors Gholam Hossein Saedi. Obwohl die Zensurbehörde des Schah-Regimes dem Film zunächst die Genehmigung verweigerte, wurde 'Die Kuh' zu einem bahnbrechenden Erfolg für Mehrdschui und etablierte ihn als Pionier, der (...) die Neue Welle des iranischen Kinos prägte. ...  Im März 2022, als sein letzter Film, 'La Minor', keine Genehmigung erhielt, richtete Mehrdschui in einer Videobotschaft an den Kulturminister die Worte: 'Kommt und tötet mich.' ... Einen Tag vor dem Mord veröffentlichte die Tageszeitung Etemad ein Interview mit Mohammadifar, in dem sie von Bedrohungen und einem Einbruch in ihr Haus sprach."

Die Ermittlungen in dem Mord laufen, entnimmt Maria Wiesner von der FAZ dem Branchenblatt Variety. "Politische Motive und Umstände sind nicht unwahrscheinlich, politisch-kulturelle Wirkungen des Verbrechens auf die von Unterdrückung und Gewalt geprägte iranische Gesellschaft sind sogar unvermeidlich."

Weitere Artikel: Der israelische Filmemacher Yahav Winner wurde bei den Angriffen der Hamas auf Israel getötet, meldet der Tagesspiegel. Fabian Tietke resümiert in der taz das Festival DOK.Leipzig. Bert Rebhandl empfiehlt im Standard die dem Regisseur Raúl Ruiz gewidmete Viennale-Retrospektive: "Man sollte ihr bis in die hintersten Winkel des Labyrinthischen folgen." Jürgen Kaube gratuliert in der FAZ dem Synchronsprecher Christian Brückner (die deutsche Stimme von Robert de Niro) zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden die Ausstellung zum Deutschen Film in der Völklinger Hütte (Filmdienst, mehr dazu hier), Margarete von Trottas Film "Reise in die Wüste" über Ingeborg Bachmann (Tsp), eine Doku über David Beckham (ZeitOnline), Denis Côtés auf der Viennale gezeigter Film "Mademoiselle Kenopsia" (Standard) und die Netflix-Serie "Infamia" über eine Roma-Familie in Polen (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2023 - Film

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Annähernd 130 Jahre deutsche Filmgeschichte stellt die das Industriedenkmal Völklinger Hütte in einer monumentalen Schau aus. Zu erleben ist ein gewisser Genius loci, der aber fast schon naturgemäß nicht jede Facette der deutschen Filmgeschichte in sich aufnehmen kann, schreibt FAZ-Kritiker Bert Rebhandl: "Dass das Kino hier Einzug hält, um zwischen riesigen Schwungrädern und Röhren seine flackernden Bilder auszustellen, wirkt nun wie ein Abschied von mindestens zwei Zeitaltern. 'Der deutsche Film' blickt auf bald 130 Jahre Filmgeschichte in verschiedenen Deutschlands zurück, aber eben auch auf ein einst rohstoffintensives Medium, das nun in digitalen Projektionen in einem Industriedenkmal, das Museum geworden ist, eine Höhle für ein neues Höhlengleichnis gefunden hat." Zwar ist die Ausstellung "keine unkritische Trophäenschau", aber "für eine stärkere Berücksichtigung marginaler Positionen war wiederum kein Platz, dazu war das Kanoninteresse dann doch zu stark."

Julian Sadeghi bespricht für die taz den Film "White Torture" der diesjährigen Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi. Der eben auf dem Human Rights Film Festival in Berlin gezeigte Dokumentarfilm schildert die Verhältnisse im berüchtigen Teheraner Evin-Gefängnis, in dem Regimegegner psychisch gebrochen werden. "Sie bekennen sich Taten schuldig, die sie nie begangen haben. Im Moment des Geständnisses, so schildert es einer der Protagonist*innen, spüre man nichts als Selbsthass." Der Film heißt so "wie die Foltermethode der Isolationshaft. Gedreht wurde er 2021 im Iran unter denkbar widrigen Bedingungen. Denn Mohammadi ist dort selbst in Haft. Zusammen mit den Filmemachern Vahid Zarezadeh und Gelareh Kakavand interviewte sie in einer Haftpause ehemalige Gefangene und ließ sie von ihrer Zeit hinter Gittern erzählen. Von den Demütigungen, der Gewalt und der Einsamkeit."

Weitere Artikel: Die Agenturen melden, dass der iranische Regisseur Dariusch Mehrdschui und seine Ehefrau ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden wurden. Gunda Bartels resümiert im Tagesspiegel das Festival DOK.Leipzig, dessen internationalen Wettbewerb Peter Mettler für "While the Green Gras grows" gewann. Zum 100-jährigen Bestehen der Disney Company (hier dazu mehr) lässt Standard-Kritikerin Valerie Dirk noch einmal die Zeichentrickheldinnen des Konzerns Revue passieren, ihr Kollege Michael Wurmitzer wirft einen schnellen Blick auf Walt Disneys Leben. In der SZ schreibt David Steinitz einen Nachruf auf die Schauspielerin Piper Laurie.

Besprochen werden Luc Bessons "Dogman" (Jungle World, unsere Kritik) und Britt Beyers Dokumentarfilm "Auf der Kippe" über das Ende des Braunkohleabbaus in der Lausitz (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2023 - Film

Vor hundert Jahren gründete Walt Disney sein eigenes Studio. Zuvor hatte er seine ersten Cartoons anderen zugeliefert und sich im Zuge nach allerlei Urheberrechts-Scharmützel geschworen, nie wieder die Rechte einer seiner Kreationen aus der Hand zu geben. Dies bestimmt "die Firmengeschichte weit über den Tod ihres Gründers 1966 hinaus: Bis heute bewahrte das Unternehmen als einziges der alten Hollywoodstudios seine Unabhängigkeit", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. Wie kaum ein zweites Studio wird Disney bis heute für seine Geschichte gefeiert. "Wer würde Universal, Paramount, Sony Pictures (ehemals Columbia) oder Warner heute an ihrer Produktion aus den Zwanziger- bis Sechzigerjahren messen? Oder sie mit problematischen Inhalten aus dieser Vergangenheit konfrontieren?" Den Anfang machte 1923 übrigens nicht Micky Maus, wie man vielleicht denken könnte, sondern Disneys Alice-Cartoons, die schon damals Trick- und Realfilm vermengten.



Außerdem: Rochus Wolff befasst sich für den Filmdienst mit den Verfilmungen von Erich Kästners "Das fliegendee Klassenzimmer" im Wandel der Zeit. Valerie Dirk führt im Standard durchs Programm der Viennale. Besprochen werden Wes Andersons für Netflix gedrehte Roald-Dahl-Kurzfilme (FD), Mike Flanagans Netflix-Serie "Der Untergang des Hauses Usher" nach der gleichnamigen Poe-Vorlage (Zeit, Welt), die dritte Staffel der Netflix-Serie "Lupin" (Welt) und die Apple-Serie "Lessons in Chemistry" (TA).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2023 - Film

Sinnliche Qualitäten: "La Chimera" von Alice Rohrwacher

Das italienische Gegenwartskino sucht um Anschluss an die Glanzzeiten seiner Autorenfilm-Tradition, beobachtet der begeisterte NZZ-Kritiker Andreas Scheiner anlässlich von Alice Rohrwachers neuem Film "La Chimera" über Grabräuber, die mit Artefakten der Etrusker handeln: "Von verschiedenen Filmformaten über unterschiedliche Genres bis zu geradezu atemberaubenden Rhythmuswechseln beschwört dieser Film mitreißend die sinnlichen Qualitäten des Kinos". Aber Rohrwacher ist nicht alleine: "Filmemacher wie Michelangelo Frammartino ('Il buco', 'Le quattro volte') oder Pietro Marcello ('Martin Eden', 'L'envol') stellen wie Rohrwacher mit ihren Filmen einen Kontakt zur Natur her, der gleichermaßen romantisch wie politisch ist. So gibt es in ihren Filmen keine Hierarchie zwischen den Lebewesen, der Mensch wird als Teil größerer Systeme verstanden, die er zerstört. In ihren Filmen gibt es folglich eine zyklische Zeitwahrnehmung, in der Traditionen und Wunder eine Rolle spielen. Damit treten diese Filmschaffenden in die Fussstapfen von Kinovisionären wie Pier Paolo Pasolini oder Ermanno Olmi. Diese neue Generation italienischer Filmemacher wagt die Überwältigung. Sie nutzt dafür keine Spezialeffekte oder Sci-Fi-Tropen, sondern die Kraft der Wirklichkeit." In Deutschland läuft "La Chimera" allerdings erst Ende November an.

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek plaudert in der Welt mit Wim Wenders über Anselm Kiefer, über den der Filmemacher mit "Anselm - Das Rauschen der Zeit" gerade einen (in Zeit und Welt besprochenen) 3D-Porträtfilm in die Kinos bringt (hier unser erstes Resümee). Andreas Platthaus berichtet derweil in der FAZ von der Premiere des Films. In der Politik und bei den Sendern stoßen Claudia Roths Reformpläne für die Filmförderung derzeit noch auf Skepsis, berichtet Helmut Hartung in der FAZ. Marian Wilhelm gibt im Standard eine Wasserstandsmeldung von den anhaltenden Streiks der Hollywood-Schauspieler durch: Die Studios haben soeben die Verhandlungen abgebrochen. Marc Hairapetian spricht für die FR mit dem Tierfilmer Matto Barfuss. Lukas Foerster schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Filmemacher Terence Davies.

Besprochen werden Luc Bessons "Dogman" (BLZ, unsere Kritik hier), Margarethe von Trottas Ingeborg-Bachmann-Biopic "Reise in die Wüste" (Standard), Julius Schultheiß' Berliner Mysteryfilm "Monolith" (FAZ), Chie Hayakawas "Plan 75" über die Überalterung in Japan (Tsp), Caroline Hellsgårds Neuverfilmung von Erich Kästners "Das fliegende Klassenzimmer" (Welt, SZ), Mike Flanagans Netflix-Serie "Der Untergang des Hauses Usher", die die Poe-Vorlage in die Gegenwart verlegt und mit der Opioidkrise in den USA verbindet (Presse), und und eine vierteilige BBC-Serie über den Moderator Jimmy Savile (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2023 - Film

In seinem Blog denkt der Regisseur Christoph Hochhäusler darüber nach, mit welchen Strategien sich Filmemacher in Deutschland gegen den Rechtsruck in der Politik stellen könnten: "Vielleicht muss man die Eintrübung des politischen Klimas, die Verschiebung des Meinungskorridors nach rechts, zuerst als Imperativ verstehen, die Freiheit der Kunst auszureizen. Als Aufforderung, Filme zu machen, die so unbequem und unverschämt sind, dass eine Auseinandersetzung unausweichlich ist. ... Aber kann man hoffen zu wirken, wenn man kein breites Publikum erreicht? Ein 'engagiertes' Kino zu machen, das sich in einem konkreten Sinne als politisch versteht, aber in seinen Mitteln populär ist, wäre eine andere Möglichkeit. ... Welchen Weg man auch immer einschlägt: Ich glaube, wir sind gefordert, uns einzumischen. Mit allem, was wir haben."

Auf Artechock vermisst Rüdiger Suchsland derweil die Stimmen der Solidarität mit Israel aus der deutschen Filmszene: Hören möchte er "keine wohlfeile Empörung, aber erkennbare, glaubhafte Erschütterung und unzweideutige Solidarität." Auch auf Hochhäuslers Blog-Eintrag kommt er zu sprechen, dem er rein der Sache nach zwar Recht gibt: "Wir müssen vielleicht aber, bevor irgendeiner einen guten Film 'für die Demokratie' und 'gegen die neuen Nazis' macht, gegen den schwindenden finanziellen und gesellschaftlichen Spielraum für die Kultur kämpfen und agitieren. ... Noch wichtiger aber ist die deutliche Solidarität mit Israel und ein Ende aller BDS-Flirts, wie sie in und um Berlin so beliebt sind."

Stylish, persönlich und hoffentlich ein Kassenerfolg: Luc Bessons "Dogman"

Perlentaucher Jochen Werner hat viel Freude an Luc Bessons "Dogman", der alles mögliche sein will, vor allem ein Kino-Spielplatz zum Experimentieren, aber bitte kein Franchise. Es geht darum, wie die Finanzierung eines Hundeheims sich zu einem waschechten Thriller auswächst - und das mitunter auch mit Motiven aus dem Queer Cinema. "Gerade dieser mitunter etwas bizarre Mix aus Stimmungslagen und Handlungssträngen sorgt dafür, dass 'Dogman' auf schöne Weise aus der Zeit gefallen wirkt. Man ist es nicht mehr gewohnt, dass Genrefilme sich mit derart idiosynkratischer Spielfreude, einem durchaus düster-zynischen Grundtonfall zum Trotz, ausgiebige Exkursionen in queere Melancholie oder freudvollen Unfug erlauben. ... Umso schöner wäre es, wenn einem lustvoll angeschrägten, so persönlichen wie stylishen Eurogenrethrillerdrama wie diesem einmal wieder ein Erfolg an der Kinokasse beschert wäre." Weitere Besprechungen in Artechock, FAZ, FR und Tagesspiegel.

Weitere Artikel: Die "Free Palestine"-Rufe, die in Hollywood in den letzten Jahren vereinzelt zu hören waren, sind angesichts der aktuellen Lage in Israel verstummt, beobachtet Andreas Busche im Tagesspiegel. In der FR spricht Jan Opielka mit Agnieszka Holland über ihr in Polens schwer angefeindetes Flüchtlingsdrama "Grüne Grenze". Axel Timo Purr stellt für Artechock Filme und Serien jüngerer Zeit aus Israel und Palästina zusammen. Eckhard Haschen wirft für Artechock einen Blick auf die spanisch- und portugiesischsprachigen Filme beim Filmfest Hamburg. Luca Schepers resümiert auf critic.de eine Frankfurter Filmreihe über Musicals aus Hollywods Pre-Code-Zeit. Bidhan Rebeiro fasst auf Artechock das Filmfestival in Toronto zusammen. Andrey Arnold gibt in der Presse Viennale-Tipps. Joachim Hentschel porträtiert in der SZ den Schauspieler Tom Schilling. Matthias Lerf wiederum porträtiert im Tages-Anzeiger die Schauspielerin Isabella Rosselini.

Besprochen werden eine Ausstellung über Spike Lee in New York (ZeitOnline), Wang Bings Dokumentarfilm "Youth (Spring)" über Arbeitsverhältnisse in China, der bislang allerdings nur in Frankreich einen Kinostart hat (Perlentaucher), Wim Wenders' 3D-Porträtfilm "Anselm - Das Rauschen der Zeit" (FR, Artechock, mehr dazu hier), Margarethe von Trottas "Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste" (Presse), Axel Ranischs Amazonserie "Nackt über Berlin" (taz), Carolina Hellsgårds Neuverfilmung von Erich Kästners "Das fliegende Klassenzimmer" (Standard, Artechock) und Sven Halfars "Heaven Can Wait" (Artechock). Außerdem hier der Überblick zu allen Filmdienst-Kritiken der laufenden Woche.