Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.09.2022 - Film

Erzählt im Querschnitt: "Atlantide"

Auf "Atlantide" des italienischen Regisseurs und Videokünstlers Yuri Ancarani hatten wir gestern schon verwiesen, im Perlentaucher bespricht nun Sebastian Markt den Film, der sich mit hochschießenden Stilisierungen dem Treiben junger Leute in den Lagunen um Venedig widmet: "Die meiste Zeit nimmt sich der Film, um von nichts zu handeln und stattdessen unter einem hypnotischen, Hip-Hop, Techno und Symphonischeres amalgamierenden Soundtrack Momente auszubreiten, die im Querschnitt erzählen. Gegen Ende spitzt 'Atlantide' sich zu einer Art Geschichte zu, die ein tragisches Ausrufezeichen unter ein schillerndes Bild setzt, das halb aus der Zeit gehoben scheint. 'Atlantide' ist ein hybrides Werk: ohne Drehbuch, und ohne echten Plot, über lange Zeit hinweg gemeinsam mit den Laiendarstellern entwickelt, aus deren Leben schöpfend, und zugleich von einer ausgestellten Künstlichkeit, die dem Ansinnen, aus einer Lebenswelt zu berichten weniger entgegensteht, als sie dessen Mittel der Wahl ist: ein fantasierendes Durchdringen einer spezifischen Jugendlichkeit." Auch Rüdiger Suchsland jubelt auf Artechock: "Schillernde Unsicherheit, aufregendes Kino."

Die Wahrheit des Kriegsalltags: "Freedom on Fire"

In Venedig selbst gehen derweil die Filmfestspiele weiter: Mit einem Panel "Filmmakers under attack" und zahlreichen Premieren hat das Festival einen ukrainischen Tag eingelegt. Gezeigt wurde etwa Jewgeni Afinejewskis "Freedom on Fire", der die Aufnahmen von 43 Kameraleuten, die das Kriegsgeschehen dokumentieren, zusammenstellt, berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel. "Der Krieg ist ein großer Gleichmacher. Die verwackelten Aufnahmen von bombardierten  Wohnblocks und erschöpften, verzweifelten Menschen, ähneln einander, in welcher Stadt sie auch immer entstanden. Die Kinder, die seit Wochen in Bunkern und Kellern leben und kein Tageslicht gesehen haben, malen Ostereier-Bilder für die ukrainischen Soldaten. ... Während Yaroslav Melnyk, der ukrainische Botschafter in Italien, auf dem Podium darauf hinweist, dass Russland auch gegen die Kultur seines Lands Krieg führt, spricht Regisseur Afinejewski über die moralische Verpflichtung, die Wahrheit des Kriegsalltags zu zeigen. Die Ignoranz wie bei der Krim-Annexion 2014 dürfe sich nicht wiederholen, auch deshalb hatte er es eilig mit 'Freedom on Fire'."

Das Festivalprogramm wirkt wie ein für die Nachwelt zusammengestellter Katalog der globalen und gesellschaftlichen Problemstellungen des Jahres 2022, resümiert Hanns-Georg Rodek in der Welt. Aus dem Programm am Lido werden außerdem Luca Guadagninos Kannibalen-Romanze "Bones and All" (Artechock), Andrew Dominiks Marilyn-Monroe-Biopic "Blonde" (FR, FAZ), Florian Zellers "The Son" mit Vanessa Kirby (Tsp, SZ) und Alice Diops "Saint Omer" (taz) besprochen.

Weitere Artikel: Der Münchner Kinobetreiber Thomas Kuchenreuther ärgert sich auf Artechock unter anderem über das "obsolete, völlig veraltete Filmförderungsgesetz von 1976, das den veränderten jetzigen Gegebenheiten überhaupt nicht mehr entspricht". Im Berliner Kino Arsenal beginnt heute Abend eine Filmreihe zum Thema "Women Make Film", deren Eröffnungsfilm - Tang Shu Shuens Debütfilm "Dong Fu Ren" von 1970 - uns Nikolaus Perneczky im Perlentaucher besonders ans Herz legt: In diesem historischen Melodram aus dem China des 17. Jahrhunderts geht es um die "Witwe eines Lehrers im ländlichen China des 17. Jahrhunderts, in deren Herzen ein stiller Kampf mit den herrschenden Sitten tobt".

Besprochen werden Cédric Klapischs Ballettfilm "Das Leben ein Tanz" (Artechock, FAZ), Blerta Bashollis Kosovokriegsdrama "Hive" (critic.de, ZeitOnline), der auf Arte gezeigte Brandenburg-Krimi "Lauchhammer" (FAZ) und Teresa Fritzi Hoerls Teeniefilm "Alle für Ella" (Artechock, Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.09.2022 - Film

In ihrem Zwischen-Resümee vom Filmfestival Venedig dankt Zeit-Kritikerin Katja Nicodemus "all den Verrückten, die das Kino lebendig halten. Den Berserkern, Suchern und Verstörern, die ihre Sehnsüchte und Ängste auf die Leinwand bringen. In ihren Bildern spürt man ein Ich, ohne es sehen zu müssen." Gemeint sind insbesondere Lars von Trier, Alejandro G. Iñárritu und Darren Aronofsky. Aus dem Programm in Venedig besprochen wird weiterhin Joanna Hoggs Horrorfilm "The Eternal Daughter" mit Tilda Swinton (taz, Standard),

Exzess unter der Sonne: "Atlantide"

Yuri Ancaranis "Atlantide" spielt zwar in den Lagunen vor Venedig, läuft aber diese Woche regulär im Kino an (wohl aber wurde uns der Film vergangenes Jahr von Venedig aus empfohlen). Sehr angetan berichtet taz-Kritikerin Caroline Weidner von dem Film, der das Treiben und Leben der jungen Leute mit viel Freude an der stilistischen Überhöhung beobachtet. Unter anderem geht es auch um waghalsige Motorradrennen, die mitunter tödlich enden. Dem Film "wohnt damit auch eine gleißende Morbidität inne, ein Exzess unter der Sonne. Nicht selten strahlen die Bilder des Films betonte Ruhe und Coolness aus. Die Gefahr wird aus der Langeweile geboren und dem Versuch, ihr zu entkommen. ... In 'Atlantide' gehen Stillstand und Bewegung eine sonderbare Beziehung ein, es prallen die Gegensätze Venedigs so verstörend wie betörend aufeinander. Immer wieder füllen gigantische Kreuzfahrtschiffe das Bild, ist der massentouristische Schwall zu erahnen, der ansonsten jedoch gesichtslos bleibt."

Weibliche Stars scheuen heutzutage zwar auch jenseits der 50 nicht mehr das Rampenlicht wie einst die Garbo und die Dietrich, stellt Silke Wichert in der NZZ zumindest fürs Erste darüber erfreut fest. Doch "die Crux an der Sache ist: Alt sein mag mittlerweile akzeptiert sein, alt aussehen dagegen ist so unerwünscht wie noch nie."

Weitere Artikel: Mirna Funk spricht für die Welt mit dem israelischen Regisseur Moshe Rosenthal, der beim Jerusalemer Filmfestival als bestes Debüt ausgezeichnet wurde. Besprochen werden Blerta Bashollis "Hive" (FAZ), Cédric Klapischs Tanzdrama "En corps" (SZ), William Brent Bells Psychothriller "Orphan: First Kill" (SZ) und Kurdwin Ayubs österreichischer Berlinale-Erfolg "Sonne", der in Deutschland allerdings erst im Dezember anläuft (Standard). Außerdem weiß die SZ, welche Filme im Kino sich diese Woche wirklich lohnen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.09.2022 - Film

Steht im Regen, läuft aber dennoch im Wettbewerb: "Love Life"

Mit Kōji Fukadas "Love Life" hat das Filmfestival Venedig "das erste makellose Meisterwerk" gezeigt, freut sich Daniel Kothenschulte in der FR. Ein Mann heiratet gegen den Willen seiner konservativen Eltern eine geschiedene Frau - tragisch wird es, als das Kind in der Badewanne ertrinkt. "Das japanische Kino hat eine besondere Tradition in der unsentimentalen Behandlung von Trauer und Tod, aber der produktive 42-Jährige geht in seinem neunten Film völlig überraschende Wege." Seine "Lieblingsregisseure sind Yasujiro Ozu und Eric Rohmer, und diese Einflüsse verschmelzen zu einer behutsamen Feinfühligkeit, leicht und dennoch von makelloser Stilsicherheit. Bereits mit Anfang 20 erfand Fukada diese einfache Geschichte, in jahrelanger Arbeit entwickelte er sie zu einem betörenden Drama über die Zerbrechlichkeit von Partnerschaften." Auch tazler Tim Caspar Boehme sah den Film sehr gern, der "die Kälte zeigt, die zwischen Paaren herrschen kann, wenn es zu viel an äußeren Erwartungen gibt, die an sie gestellt werden, und versinnbildlicht dies mit der schuhkartonartigen Wohnung, in der Taeko und Jirō wohnen, die mit ihren bodentiefen Fenstern völlig transparent wirkt, in der die Schwierigkeiten jedoch unsichtbar hinter den diskreten Schubladen an den Wänden lauern." Und "bei aller Klarheit der Inszenierung entpuppt sich das Liebesleben, das besichtigt wird, als nahezu heilloses Durcheinander."

Außerdem fragt sich Tobias Kniebe in der SZ, ob es am Lido wohl cinephile Carabinieri gibt. Besprochen wird fernerhin Martin McDonaghs irische Komödie "The Banshees of Inisherin", die ihren Landsleuten laut Andreas Busche im Tagesspiegel "ein rustikales Denkmal setzt" (mehr dazu auch in der FAZ).

Zum gestrigen 70. Geburtstag von Dominik Graf (unser Resümee) hat das Branchenblatt Blickpunkt Film ein großes Gespräch mit dem Regisseur über den Stand der Dinge im deutschen Filmemachen geführt. Seit den Neunzigern hat sich das Kino "gentrifiziert", sagt er - das Dunkle, moralisch Entlegene und Abseitige, "das musste alles verschwinden". Das Fernsehen bot hier eine Nische, weil das Kino mutlos geworden war: "Man muss sich vorstellen, 'Hotte im Paradies' wurde in Hof gefeiert. 'Wann startet der Film im Kino?', wollten alle wissen, aber er hat keine Verleihförderung bekommen. Drei Mal trotz Widerspruch abgelehnt. Wieder war das Kino kein Ort. Und "Hotte" im Fernsehen? Um Mitternacht, klar. Im SFB sagte man damals: Die Leute, die an diesem Film maßgeblich beteiligt waren, werden bei uns nie wieder beschäftigt. Aber was soll's, ich hatte ihn ja machen können, das war das Wichtigste. Diese Gemengelage um das Jahr 2000 herum hat das Fernsehen mit den seinen noch real existierenden abseitigeren Ecken, wo man unter Umständen nach Politiker-Entscheid erst nach 23 Uhr gespielt wurde, für mich viel interessanter erscheinen lassen als das immer einförmiger werdende Kino."

Weiteres: Valerie Dirk erkundigt sich im Standard nach den Vorwürfen, die der Spiegel gegen Ulrich Seidl erhoben hat, nach Kinderrechten bei österreichischen Drehs. In der taz empfiehlt Fabian Tietke eine der Filmemacherin Gisela Tuchtenhagen gewidmete Werkschau im Berliner Zeughauskino. Besprochen wird die Arte-Krimiserie "Lauchhammer" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.09.2022 - Film

Nicht allzu originell, aber schwelgerisch: "Don't Worry Darling"

Als Popstar erobert Harry Styles ringsum Herzen, nun schickt er sich an, das auch als Filmstar zu tun (bei seiner Regisseurin Olivia Wilde war er jedenfalls schon erfolgreich, wie alle Kritiker hervorkehren): Das Filmfestival Venedig zeigt "Don't Worry Darling", eine Art 50er-Jahre-Dystopie mit adretten Vorstädten und folgsamen Ehefrauen mit einem Science-Fiction-Twist. "Die wie immer fabelhafte Florence Pugh spielt seine Ehefrau, die den Verdacht hat, dass hinter der pastellfarbenen 1950er-Fassade etwas nicht mit rechten Dingen zugeht - beziehungsweise hinter den Absperrungen, die die kleine Gemeinde von der Außenwelt abschirmen, vielleicht doch die Freiheit wartet", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Wildes Film wird sicher keine Originalitätspreise gewinnen, dafür ist das 'Stepford Wives'-Motiv feministisch und als Sozialsatire nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Aber die Selbstverständlichkeit, mit der Wilde jetzt einen Film mit diesen Produktionswerten (in denen sie öfters auch zu ausgiebig schwelgt) inszeniert, verdient größten Respekt. Bisher ist in Venedig der Hang zur positiven Selbstüberschätzung ja eine rein männliche Tugend." Überzeugter ist Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek: Die Filmemacherin "hat etwas zu sagen, über die Gefahren eines 'America First'-Nationalismus und eines Emanzipations-Rollbacks und des Sich-Verlierens in einem Megaversum." Die Regisseurin "changiert mit einer visuell sicheren Inszenierung gelungen zwischen Paranoia-Thriller und Gender-Parabel", hält Dominik Kamalzadeh im Standard fest.

Mehr vom Lido: Anke Leweke berichtet auf ZeitOnline von ihrem Treffen in Venedig mit Nina Hoss, die an der Seite von Cate Blanchett im Wettbewerbsfilm "Tár" (unser Resümee) zu sehen ist. Aus dem Festivalprogramm besprochen werden außerdem Laura Poitras Dokumentarfilm "All the Beauty and the Bloodshed" über den Kampf der Künstlerin Nan Goldin gegen die Strippenzieher der Opioidkrise in den USA (NZZ) und Darren Aronofskys "The Whale" (taz). Außerdem sendet Rüdiger Suchsland auf Artechock zahlreiche Notizen vom Festival.

Zwar ist weiterhin unklar, ob Ulrich Seidl sich beim Dreh des Pädophilendramas "Sparta" tatsächlich strafrechtlich verhalten hat, schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. Der Spiegel-Recherche, die dem Regisseur erhebliche Vorwürfe macht (die englische Variante des Artikels ist frei zugänglich), lasse diesbezüglich jedenfalls keine eindeutigen Schlüsse zu. Auch mutmaßt Rebhandl, da der Regisseur in seiner Stellungnahme das Wort "Kontext" betont, dass der Film seinen wahren Gehalt wohl nicht so sehr vor Ort beim Dreh, sondern erst im Schnitt herstellt. "Ambivalenz ist sein künstlerisches Markenzeichen", seine "Filme funktionieren wie Kippbilder: Wenn man sie nach einer Ethik befragt, zeigen sie ihre Ästhetik; wenn man sie als zu ästhetisch wahrnimmt, wenn man also argwöhnisch wird wegen der deutlichen Arrangements, die Seidl oft mit einfachen Menschen vornimmt, dann antwortet er ethisch ... Wenn der Spiegel Seidl vorwirft, er würde mit unzulässigen Mitteln Gefühle bei den Laiendarstellern 'triggern', dann weist das aber in eine Richtung, der Seidls Werk gar nicht entspricht. Denn das hat als Fluchtpunkt nicht die entfesselte Emotion, sondern die eingefrorene Pose, den verstummten Dialog, die Hölle der Wiederholungszwänge."

Der deutsche Filmadel feiert weiter: Gestern wurde Werner Herzog 80 (unser Resümee), heute wird Dominik Graf 70. "Am Rand des hiesigen Mainstreams dreht er seit fast vierzig Jahren die aufregendsten und unberechenbarsten Filme, die es im deutschen Kino gibt", würdigt Andreas Kilb in der FAZ den "genialen Rebellen", in dessen Filmen insbesondere Schauspielerinnen "aufzuleuchten beginnen. ... Die alte Maxime von Truffaut, im Kino gehe es darum, mit schönen Frauen schöne Dinge zu machen, hat hierzulande niemand so konsequent umgesetzt wie sein skeptischer Verehrer Graf." Als "deutscher Stadtfilmer par excellence" feiere Graf "die Anarchie, die Spontaneität, die Lust auf den Augenblick und seine Unwiederbringlichkeit", schreibt Fritz Göttler in der SZ. "Graf hat von früh an für ein freies, anderes Kino gekämpft, auch gegen die Filmemacher der Generation vor ihm." Er "ist vom Filmemachen (und Filmesehen) besessen, aber nie geht's bei ihm um das singuläre Werk, das Meisterwerk, sondern auf ein Immer-weiter, das das 'Event-Gewese' meidet." Markus Ehrenberg staunt im Tagesspiegel "über die Kraft, die Dichte, die Vielfalt des Graf'schen Werkes." Und "was manche für manieriert halten mögen, ist für andere ein filmischer Zugang zur Welt, der dem Massenmedium immer neue Möglichkeiten abtrotzt. ... Es geht sehr körperlich bei ihm zu, gerne an dreckigen, verfallenen Orten. Moral ist nicht unbedingt das Kriterium, an dem sich seine Filme ausrichten." Der BR hat Moritz Holfelders Radioporträt über Dominik Graf wieder online gestellt. Die ARD-Mediathek hält derzeit Grafs "Polizeiruf"-Krimi "Der scharlachrote Engel" und seine Serie "Im Angesicht des Verbrechens" vorrätig. Seinen großartigen Essayfilm "Es werde Stadt" über 50 Jahre Grimme-Preis findet man auf Youtube.

Außerdem: Wolfram Schütte (Glanz und Elend) und Robert Wagner (critic.de) gratulieren Werner Herzog zum 80. Geburtstag. Besprochen werden George Millers "Three Thousand Years of Longing" (taz) und die ZDF-Serie "Liberame" (ZeitOnline, FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.09.2022 - Film

Werner Herzog wird 80 Jahre alt. Für FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist Herzog allein schon aufgrund der schieren Fülle seines Werks der "bekannteste Unbekannte des deutschen Kinos". Das Image vom großen, ernsten Rauner mag FAZ-Kritikerin Verena Lueken nicht unwidersprochen stehen lassen: Tatsächlich seien nahezu alle Herzog-Filme und -Bücher "selbst im Schrecklichen, von dem sie auch erzählen, unsagbar komisch - nicht denunziatorisch satirisch, sondern von tiefer kosmischer Ironie. Ein Orestie-Darsteller, der mit seinem Bühnenschwert seine Mutter umbringt - in Südkalifornien hinter einem Garten voller Plastikflamingos ('My Son, My Son, What Have You Done'). Ein Schlafender, der in einem längst evakuierten Gebiet auf einen Vulkanausbruch wartet, der kommen mag oder auch nicht ('La Soufrière'). Ein suizidaler Pinguin in der Antarktis ('Encounters at the End of the World'). Ein Bärenschützer, der von einem Grizzly gefressen wird ('Grizzly Man'). Hier scheinen seine Brüder im Geist auf, Herbert Achternbusch in Bayern und David Lynch im Süden Kaliforniens. Die Wahrheit über Werner Herzog? Soweit sie sich in seinem Werk offenbart, lautet sie vielleicht so: Er ist ein Humorist, der in der Komik des Lebens an den Rändern der Welt und der Geschichte sein eigenes, eigentümliches Pathos findet."



Dunja Bialas hat für Artechock bereits Thomas von Steinaeckers Porträtfilm über Herzog gesehen, der Ende Oktober in die Kinos kommt, für ihren Geschmack aber zu sehr an der Herzog-Kinski-Connection hängt. Philipp Bovermann staunt in der SZ, dass Piotr Winiewicz gerade einen Film auf Grundlage eines von einer K.I. erstellten Drehbuchs dreht, die mit Herzogs Drehbüchern und Interviews gefüttert wurde. Anke Sterneborg bespricht die Herzog-Ausstellung im Berliner Filmmuseum. In der Zeit bespricht Alexander Cammann Herzogs jüngst erschienene Memoiren (dieses und weitere Bücher von und über Herzog finden Sie auf unserem Herzog-Büchertisch auf Eichendorff21). BR und Dlf Kultur würdigen Herzog mit Radiofeatures. Dlf Kultur und Welt+ haben ausführlich mit Herzog gesprochen. Rüdiger Suchsland und Josef Schnelle sprechen im Artechock-Podcast über Herzogs Filme.

Nur die Harten kommen in den Garten: "Master Gardener" von Paul Schrader

Die Filmfestspiele Venedig ehren Paul Schrader für sein Lebenswerk - und zeigen seine neueste Arbeit, das Nazi-Botaniker-Drama "Master Gardener": Ein "besonders seltsamer Film", findet Andreas Busche im Tagesspiegel. Darin spielt Joel Edgerton "einen Neonazi im Zeugenschutzprogramm, der in seiner neuen Existenz die herrschaftlichen Gärten von Sigourney Weaver pflegt. Schraders Figuren waren schon immer eher Typen als Charaktere, doch in seinem mittlerweile dritten Karriereherbst werden seine Obsessionen zunehmend gewagter. 'Master Gardener' enthält einige hübsche Lektionen in Botanik. Sowie die beruhigende Erkenntnis, dass Gärtnern selbst Nazis zu besseren Menschen macht - und mit einem grünen Daumen Vergebung tatsächlich möglich ist." Für FAZ-Kritikerin Maria Wiesner bildet der Film mit den beiden vorangegangen Schrader-Filmen "First Reformed" und "The Card Counter" eine lose Motivtrilogie: Alle drei Filme zeigen einen "Männlichkeitstypus, an dem Schrader sich schon immer gern abgearbeitet hat: Einzelgänger am Rande der Gesellschaft, deren Vergangenheit schrecklichere Taten umfasst, als normale Bürger in ihren schlimmsten Albträumen erleben könnten - und die dennoch nicht unter der Last zusammenbrechen, sondern mit dem, was sie fortan machen, Buße tun."

Der Kampf um Gerechtigkeit erweist sich als das zentrale Thema dieses Festivals, stellt SZ-Kritiker Tobias Kniebe nach Filmen von unter anderem Romain Gavras, Laura Poitras und Sergei Loznitsa fest. Weiterhin aus Venedig besprochen werden Luca Guadagninos "Bones & All" (FAZ, taz) sowie Ti Wests Horrorfilm "Pearl" und Darren Aronofskys "The Whale" (Tsp).

Weitere Artikel: Andreas Scheiner von der NZZ kann sich zwar vorstellen, dass an den vom Spiegel laut gemachten Vorwürfen gegen Ulrich Seidl (unser Resümee) was dran ist, doch "der reißerische Ton" der Reportage "ist ihrer Glaubwürdigkeit nicht zuträglich". Auf ZeitOnline erklärt Matthias Kalle, warum die Serie "Breaking Bad" ungebrochen aktuell ist.

Besprochen werden Mantas Kvedaravičius' Dokumentarfilm "Mariupolis 2" (Tsp, unsere Kritik hier), der Dokumentarfilm "Komm mit mir in das Cinema" über die Berliner Filmhistoriker Erika und Ulrich Gregor (Tsp), eine DVD-Ausgabe von Jonas Mekas' "Reminiscences of a Journey to Lithuania" (Jungle World), Laurent Larivières Liebesfilm "Die Zeit, die wir teilen" mit Isabelle Huppert und Lars Eidinger (Standard), Doris Dörries "Freibad" (Standard), die Sky-Serie "Munich Games" (FAZ) und die neue Amazon-Fantasyserie "Die Ringe der Macht" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.09.2022 - Film

Frappierend zeitlos: Nathalie Boutefeu in Frederick Wisemans "A Couple"

Der große Dokumentarfilmer Frederick Wiseman ist auch im Alter von 92 Jahren noch für Überraschungen gut: Mit "A Couple" hat er erstmals einen Spielfilm gedreht, anders als seine oft ausufernden Dokumentarfilme ist er knackige 64 Minuten lang und zum ersten Mal hat er es damit auch in den Wettbewerb der Filmfestspiele in Venedig geschafft. Die Schauspielerin Nathalie Boutefeu liest darin an der bretonischen Küste aus den Tagebüchern von Sofia Tolstoi vor, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Sie schreibt über ihr Unglück, zur Rolle der Ehefrau des russischen Großschriftstellers und Mutter von dreizehn Kindern verdammt zu sein, seinen Unmut über ihre Versuche, Autonomie einzufordern, seine Eifersucht und ihre zunehmend schwankenden Gefühle. "A Couple" nimmt dabei konsequent die Perspektive einer Frau ein, die jung geheiratet hat und nun nach ihrer Stimme sucht. Der Films wirkt in seiner Konzentration auf Boutefeus Gesicht und dank Tolstois Text frappierend zeitlos. Es ist auch das erste Mal, dass Wiseman eine gesellschaftliche Institution, in diesem Fall die Ehe, von einer historischen Warte aus betrachtet - und dabei ein genauso präzises und emphatisches Bild entwirft wie in seinen mehrstündigen Dokumentarfilmen." Aus Venedig besprochen werden außerdem neue Filme von Bobi Wine und Alejandro González Iñárritu (Artechock) sowie von Luca Guadagnino (FAZ).

Der Spiegel berichtet (hinter einer Paywall) von seinen Recherchen, nach denen Ulrich Seidl beim Dreh in Rumänien seines neuen Films, des Pädophilendramas "Sparta", "Kinder ohne ausreichende Vorbereitung und Betreuung mit Szenen rund um Alkoholismus, Gewalt und Nacktheit konfrontiert" haben soll, wie die Agenturen zusammenfassen. "Außerdem sollen Regeln zur Arbeit mit Kindern nicht eingehalten worden sein" und den Laiendarstellern nicht transparent genug vermittelt worden sein, was die Thematik des Films ist. Auch die Polizei vor Ort soll wegen Gewalt gegen Kinder ermittelt haben. Weitere Hintergründe liefert Katharina Rustler im Standard. Der Regisseur selbst hat bereits eine Stellungnahme veröffentlicht: "Anders als im Spiegel behauptet, habe ich auch in vielen Einzelgesprächen gemeinsam mit einer Übersetzerin die Eltern vor den Dreharbeiten über alle wesentlichen Inhalte des Films unterrichtet. ... Es ist kein Kind nackt oder in einer sexualisierten Situation, Pose oder Kontext gedreht worden. Solche Szenen waren niemals meine Intention und wurden auch nicht gedreht."

Außerdem: Isabella Caldart untersucht für die taz die Gründe den Abo-Schwund, unter dem Netflix gerade leidet. Die Produzenten der neuen (in der Zeit besprochenen) Amazon-Fantasyserie "Die Ringe der Macht" plaudern in der FAZ darüber, wie sie Tolkiens Erzähluniversum erneut zum Leben erweckt haben. Nachdem das Copyright zu "Pu der Bär" ausgelaufen ist, erlebt der Knuffelbär ein Comeback in einem Horrorfilm, staunt Karl Fluch im Standard. In der morgen erscheinenden Literarischen Welt erinnert sich Georg Stefan Troller an seine Begegnung mit Roman Polanski.

Besprochen werden Werner Herzogs Memoiren "Jeder für sich und Gott gegen alle" (Tsp), Max Linz' "L'Etat et moi" mit Sophie Rois (Tsp), Laurent Larivières "Die Zeit, die wir teilen" mit Isabelle Huppert und Lars Eidinger (SZ), George Millers "Three Thousand Years of Longing" mit Tilda Swinton und Idris Elba (SZ), die dritte Staffel von Lars von Triers "Hospital der Geister" (NZZ, taz, mehr dazu hier) und Dan Trachtenbergs Horrorfilm "Prey" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.09.2022 - Film

Völlig losgelöst: Lars von Triers "Riget: Exodus"

25 Jahre nach dem Ende der zweiten Staffel hat Lars von Trier seiner TV-Serie "Riget" (hierzulande als "Hospital der Geister" bekannt geworden) endlich eine Fortsetzung gegönnt, die beim Filmfestival Venedig als fünfstündiger Film gezeigt wurde. "Ungeheuren Spaß" hatte Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek bei dem Spektakel und zwar vor allem wegen "der unerbittlichen Konsequenz, mit der Lars von Trier sämtliche Regeln der Logik (und des Serienmachens) souverän missachtet - je länger der Film dauert, desto mehr; irgendwann hebt er sogar für ein paar Minuten die Schwerkraft auf. Es gibt wieder Kräfte des Bösen und des Guten, und irgendwann taucht auch Willem Dafoe auf, von dem wir natürlich sofort vermuten, dass er der Satan persönlich ist."

Im Elfenbeinturm der Kultiviertheit: Cate Blanchett spielt Lydia Tár

Todd Fields Dirigentinnendrama "Tár", für das Cate Blanchett den Taktstock schwingt, wird in Venedig weit besprochen. Erst hat der Film die Presse "elektrisiert" und dann auch noch "gespalten", berichtet Daniel Kothenschulte in der FR - denn Field erzählt eine lesbischen MeToo-Geschichte, besetzt mit zwei heterosexuellen Darstellerinnen. Das "steht in Konflikt zu Diversitätsvorgaben - die selbst heftig umstritten sind. Ebenso zu erwarten sind Einwände gegen eine solche Handlungskonstruktion aus der Feder eines männlichen Filmemachers. Doch schon in der ersten Szene lässt Field keinen Zweifel daran, dass wir es eben mit nichts anderem als einer Konstruktion zu tun haben. Ähnlich Ruben Östlunds Satire 'The Square' zielt dieser Film auf einen elitären, scheinheiligen und von kommerziellen Interessen bestimmten Kulturbetrieb, der Verfehlungen begünstigt. ... Dieser verstörend-faszinierende Film gerät nie in Realismus-Verdacht. Und das sollte ihn vor schematischer Ablehnung schützen."

Für eine "scharfzüngigen Anti-Wokeness-Tirade" der Hauptfigur gab es gar Szenenapplaus in der Pressevorführung, erzählt Andreas Busche im Tagesspiegel. Doch "man tut Todd Field mit dem Applaus Unrecht (nicht hingegen Blanchett für ihre Szene), denn so eindeutig outet sich der Regisseur nicht als konservativer Kulturkämpfer, im Gegenteil. 'Tár' ist eine fast atemlose Studie von toxischen Machtverhältnissen, in einem Milieu, das sich viel auf seine Kultiviertheit einbildet. ... Wie Field dieses Leben im Elfenbeinturm in langen, unterkühlten Einstellung umzirkelt, hat eine geradezu hypnotisierende Wirkung." Weitere Besprechungen in taz und FAZ. Außerdem bespricht Rüdiger Suchsland auf Artechock den Eröffnungsfilm, Noah Baumbachs "White Noise" (mehr dazu hier).

Außerdem: Im Tagesspiegel empfiehlt Peter von Becker eine Marcello-Mastroianni-Reihe im Berliner Kino Arsenal. Auf Golem erinnert Peter Osteried an Luc Bessons SF-Film "Das fünfte Element", der vor 25 Jahren in die Kinos kam und einer der letzten Spektakelfilme war, der noch beinahe ohne CGI auskam.

Besprochen werden Ryusuke Hamaguchis "Das Glücksrad" (Zeit, Tsp), Philipp Kadelbachs für Sky entstandene Serie "Munich Games" (Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek lässt sich einfangen "von den schwarzen Wolken, die sich mit der Unausweichlichkeit einer griechischen Tragödie zusammenbrauen"), George Millers "Three Thousand Years of Longing" mit Idris Elba und Tilda Swinton (Standard, Artechock), Doris Dörries "Freibad" (ZeitOnline, Artechock), Travis Tautes "Indemnity" (Artechock) und die Amazon-Fantasyserie "Ringe der Macht" (FAZ, taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.09.2022 - Film

Dem Mörder eine Bühne: "Tod und Spiele" (ARD)

Mit der Dokuserie "Tod und Spiele" widmet sich die ARD dem antisemitischen Terroranschlag auf die israelische Delegation bei den Olympischen Spielen '72 in München. Auch einen der Mörder, Mohammed Safady, haben die Filmemacher Lucio Mollica und Bence Máté ausfindig gemacht und lassen ihn vollmundig von seinen Taten schwärmen. "Dass sie ihn wie einen Zeitzeugen unter anderen behandeln, ist schwer erträglich", kritisiert Harald Staun in der FAZ. Die Absicht, das Ereignis aus vielen Perspektiven zu beleuchten "ist kein Grund, Safadys Märtyrerpose unwidersprochen zu lassen". Und so sehr die Filmemacher "sich bemühen, den historischen Kontext, politische Hintergründe und die Folgen des Attentats zu beleuchten, so groß ist eine Lücke, die besonders auffällt: Es kommt kein einziger deutscher Jude zu Wort. ... Kaum ein Wort verliert ihre Dokumentation über die Vertuschungsversuche und politischen Ausweichmanöver" der Bundesregierung. So erzählt diese Reihe die Geschichte so, "wie sie seit 50 Jahren erzählt wird: Als Legende vom exotischen Terror, der die unschuldigen Deutschen und ihre bunten Spiele aus heiterem Himmel traf".

Auf der Suche nach Gott im Warensortiment: "White Noise" von Noah Baumbach

Noah Baumbachs "White Noise" eröffnet die Filmfestspiele Venedig. Seine mit Adam Driver und Greta Gerwig prominent besetzte Verfilmung von Don DeLillos gleichnamigem Roman aus den Achtzigern handelt von einem Unfall, der eine Giftwolke über einer Universitätsstadt im Mittleren Westen der USA freisetzt. Hierfür "nutzt Baumbach sein großzügiges Netflix-Budget, um ein wenig in diesen Bildern zu schwelgen", schreibt Tobias Kniebe in der SZ. "Metall kracht auf Metall, mit Wucht und Masse und Funkenflug und ohrenbetäubendem Knirschen. Das Gift, das dann ausbricht und erst langsam, dann immer schneller durch die Ritzen strömt, bevor alles explodiert und zu brennen anfängt, hat die Farbe und Konsistenz von Blut."

Zurückhaltender bespricht Tim Caspar Boehme von der taz den Film: Den Spektakelszenen zu folgen "ist mitunter lustig, hinterlässt aber einen Eindruck von eloquent ausgebreiteter Leere. Weniger als Ausdruck einer existenziellen Erfahrung denn als Ablenkungsmanöver davon, dass es hier nicht viel zu sagen gibt. Eine der schönsten Einsichten, die von Murray Siskind bei einem der vielen Besuche im farbenfroh inszenierten Supermarkt vorgetragen wird, während die Protagonisten ihre Einkaufswagen durch installationskunstwürdige Regale schieben, lässt sich auf die Formel bringen: Wenn Gott tot ist, findet man Spiritualität allein noch im Warensortiment. Keine ganz neue Einsicht, die Bilder dazu können sich zumindest sehen lassen." Außerdem besprechen Anke Leweke (ZeitOnline), Dominik Kamalzadeh (Standard) und Maria Wiesner (FAZ) den Film.

Weiteres: Marc Hairapetian spricht in der FR mit der Schauspielerin Judy Winter über deren Leben und Werk. Besprochen werden Ryusuke Hamaguchis "Das Glücksrad" (taz, SZ, Freitag, FAZ), Alice Agneskirchners Dokumentarfilm "Komm mit mir in das Cinema" über die beiden Filmhistoriker Ulrich und Erika Gregor (Perlentaucher, FR), Mantas Kvedaravičius' "Mariupolis 2" (Perlentaucher), Laurent Larivières "Die Zeit, die wir teilen" mit Isabelle Huppert und Lars Eidinger (ZeitOnline, taz) und die DVD-Ausgabe von Mo Hong-jins südkoreanischem Thriller "Missing You" (taz). Außerdem erklärt die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.08.2022 - Film

"Weißes Rauschen" in Venedig


Morgen beginnen die Filmfestspiele in Venedig. Anders als Cannes umarmt das Festival die Streamer regelrecht: Der Eröffnungsfilm, Noah Baumbachs Don-DeLillo-Verfilmung "Weißes Rauschen" mit Adam Driver und Greta Gerwig, ist eine Netflix-Produktion - der Anbieter hat gleich vier Filme im Rennen, schreibt Thomas Abeltshauser im Freitag: "So stark wie nun aber waren die Onliner noch auf keinem großen Festival vertreten und bedenklich ist es immer, wenn ein Anbieter derart dominant auftritt, egal ob klassisches Studio, Streamingdienst oder Weltvertrieb. Auch darauf wird zu achten sein. Aber der Untergang des Kinos ist es nicht." Die Festival- und Arthouse-Offensive des Streamers könnte auch mit der handfesten Krise zu tun haben, in der sich Netflix derzeit befindet, mutmaßt Dominik Kamalzadeh im Standard: "Dass man nun den Lido engagiert als Startrampe nutzt, zeigt, wie sehr man die PR im Qualitätssektor brauchen kann. ... Je energischer der Kampf im Streamingbereich geführt wird, desto stärker scheint die Rückbesinnung auf große Titel. Nicht nur die Kinos leiden darunter, dass immer mehr Anbieter um die Aufmerksamkeit des Publikums kämpfen. Auch bei den Studios scheint wieder stärker Fokussierung gefragt." Dass der Streamer um Renommee kämpft, ist auch Daniel Kothenschultes Fazit in der FR. Tim Caspar Boehme informiert uns in der taz derweil vor allem über die Tücken des Ticketbuchungssystem des Festivals.

Außerdem: Für die Welt sichtet Elmar Krekeler Sitcoms, die sich mit der Generation um die 30 beschäftigen und gelangt dabei zu dem Fazit: "Alles nicht so schlimm. Die Dreißiger werden durchkommen". In der taz plaudern Patrick Lohmeier und Daniel Gramsch über ihren Bahnhofskino-Podcast, in dem die beiden seit nunmehr zehn Jahren Randständiges, Blutiges und moralisch Verkommenes aus der Filmgeschichte besprechen.

Besprochen werden Laurent Larivières "Die Zeit, die wir teilen" mit Isabelle Huppert und Lars Eidinger (Tsp), George Millers "Three Years of Longing" mit Idris Elba und Tilda Swinton (Tsp, ZeitOnline), Doris Dörries "Freibad" (SZ, FAS, Welt) und die Serie "Uncoupled" mit Neil Patrick Harris (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.08.2022 - Film

Im zweiten Teil seiner Textreihe über die Geschichte der deutschen Filmförderung (hier unser Resümee zum ersten Teil) blickt Daniel Kothenschulte auf die Zeit von 1980 bis 2000 als die Filmförderung von Grund auf auf neue Füße in Richtung Wirtschaftsförderung gestellt wurde. Einer Person misst er hier eine zentrale Bedeutung zu: Dieter Kosslick, dem späteren Leiter der Berlinale. "Am 27. Februar 1991 gründete die nordrhein-westfälische Landesregierung gemeinsam mit dem WDR die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, ausgestattet mit einem damals unerhörten 50-Millionen-DM-Etat. Der SPD-Mann Kosslick war der ideale Kandidat für den Chefsessel", um das Kohleland NRW zu einem Medienland zu transformieren. Mit einem Mal drehte man hier international: "Wer sich an den Eindruck erinnert, den die internationalen Produktionen in der Region hinterließen, konnte Kosslicks Politik nur begrüßen. Sie beschleunigten die Professionalisierung der regionalen Filmindustrie und leisteten auch eine kulturelle Aufgabe. Leos Carax hätte seinen Film damals allein in Frankreich kaum realisieren können."

Außerdem: Jürg Zbinden sammelt in der NZZ filmhistorische Beispiele für Fake-Darstellungen von Native Americans. Besprochen werden Laurent Larivières "Die Zeit, die wir teilen" mit Isabelle Huppert (FAZ), Srđan Kečas "Museum of the Revolution" (Jungle World) und der auf Amazon Prime gezeigte Superheldenfilm "The Samaritan" mit Sylvester Stallone (Standard).