Zumindest das, was in UlrichSeidls "Sparta" auf der Leinwand zu sehen ist, trägt keinen Skandal, berichtet Thomas Abeltshauser in der taz vom Filmfestival San Sebastián, wo das Pädophilie-Drama nach Vorwürfen, man habe am Set zu wenig auf das Wohlergehen der Kinder geachtet und auch die Eltern nicht hinreichend über das Sujet des Films aufgeklärt, nun erstmals der Öffentlichkeit gezeigt wurde (unser Resümee). Der Film "spielt mit den Erwartungen des Publikums", das weiß, dass die Hauptfigur pädophil ist. "Dieses Wissen lässt manche Momente so schwer erträglich erscheinen - nicht so sehr das, was tatsächlich passiert." Doch "was auf der Leinwand zu sehen ist, kann freilich nur bedingt über einen Dreh und seine Umstände Auskunft geben." Der Regisseur selbst ist derweil nach Rumänien gereist, um den Film den Eltern und den Kinderdarsteller zu zeigen, erfahren wir weiter. Ob der Filmemacher damit "alle Zweifel ausräumen kann, ist fraglich. Die Causa hat auch etwas Gutes: Sie hat in der Branche eine Debatte über Sicherheit an Filmsets angestoßen."
Und: Die gestern Abend etwas voreilig in die Welt gesetzte Neuigkeit, dass WoodyAllen sich nach seinem nächsten Film vom Filmemachen zurückziehen werde, ist nicht ganz so eindeutig, wie nun eine Korrektur von Varietyverdeutlicht: Vielmehr habe der Regisseur gegenüber einer spanischen Zeitung lediglich seine Unlust geäußert, Filme zu drehen, die dann ruckzuck in den Archiven der Streamer versanden.
Besprochen wird Brett Morgans Essayfilm "Moonage Daydream" über DavidBowie (SZ, NZZ).
Kein Täter werden: "Sparta" von Ulrich Seidl Das Filmfestival San Sebastián hat am Sonntag UlrichSeidls Film "Sparta" vorgeführt. Der Spiegel hatte ihm im Vorfeld Missbrauch der rumänischen Kinderdarsteller vorgeworfen (unser Resümee). Zumindest das Publikum der Pressevorführung war begeistert, berichtet Rüdiger Suchsland im Standard. Wer auf einen Skandal gierte, weil der Film das heikle Thema "Pädophilie" verhandelt, wurde enttäuscht, stattdessen war ein tief humanistischer, von Provokationen freier Film über einen pädophilen Mann zu sehen, der Jungs in Judo trainiert. Seidl "zeigt keinerleiMissbrauchshandlung, eine solche wird auch nicht darin angedeutet. Die Figur des Ewald ist vielmehr einer jener Pädophilen, die ihren Trieb gegen alle Widerstände mit eigener Willensstärke im Zaum halten und eben nicht ausleben. Zugleich ist offenkundig, dass Pädophilie gar nicht im Zentrum des Films steht. 'Sparta' handelt vielmehr von der Gewalt der Väter. Das gilt für die rumänischen Väter der Buben, und Ewald ist hier der Einzige, der versucht, den zum Teil zu Hause misshandelten Kindern gegen ihre Familien zu helfen." Ein hervorragendes, Empathie schaffendes Radiofeature über die Lage pädophiler Menschen, die die Angst umtreibt, Täter zu werden, steht im übrigen beim Dlf bereit.
Weiteres: Für die NZZkonnte Andreas Scheiner erste Filmszenen aus dem nach 13 Jahren und vielen verschobenen Ankündigungen wohl wirklich diesen Dezember startenden "Avatar"-Sequel sehen, mit dem der Regisseur JamesCameron mal wieder Blockbuster-Maßstäbe zu setzen verspricht: Doch "wenn aber alles täuschend echt simuliert werden kann, wen kümmert die Simulation dann noch?" Trotz Hollywood-Boykott kann das russischePublikum die neuesten Blockbuster aus den USA dank illegal synchronisierter Raubkopien dennoch im Kino sehen, berichtet Olga Lizunkova in der taz: Die Filme werden als Gratis-Dreingabe nach russischen Filmen gezeigt, die "so dank des 'Hollywood-Bonus' zu Kassenschlagern werden". Im Tagesspiegelgratuliert Christiane Peitz dem Filmhistoriker UlrichGregor zum 90. Geburtstag.
Besprochen werden die Werner-Herzog-Ausstellung im Berliner Filmmuseum (Filmdienst), der Dokumentarfilm "Moonage Daydream" über David Bowie (online nachgereicht von der FAZ), der japanische Animationsfilm "The Deer King" von MasashiAndo und MasayukiMiyaji (taz), die RTL-Serie "Haus der Träume" (FAZ) und LeniLauritschs österreichischer SF-Film "Rubikon" (Standard).
Auf Artechockbeklagt Rüdiger Suchsland, dass immer weniger Filmkritiker tatsächlich Filme besprechen, sondern lieber "der allgemeinen Neigung nachgehen, überall Skandale zu finden und Filme, besser noch ihre Macher zu skandalisieren. Diese Skandalinflation führt vor allem dazu, dass man sich für die tatsächlichen Skandale nicht mehr interessiert. ... Wie fehlgeleitet und verquer unsere augenblicklichen Diskurse sind, beweist gerade wieder die sogenannte 'Affäre' um den österreichischen Filmregisseur UlrichSeidl: Diffuse Vorwürfe, die falls sie überhaupt zutreffen, größtenteils nicht strafrechtlich relevant sind, die außerdem komplett unbewiesen sind und aus diffusen Quellen und von zweifelhaften Autoren stammen, genügen, um einen Filmemacher öffentlich fertigzumachen."
Nachdem das Filmfestival Toronto Seidls Film "Sparta" ausgeladen hatte, freut sich José Luis Rebordinos, Leiter des Filmfestivals San Sebastian umso mehr auf die Premiere am kommenden Sonntag, melden die Agenturen: "Es ist ein herausragender, sehr eleganter Film und alles, was den Betrachter verstören oder schockieren könnte, ist im Off." Die österreichische Filmszene gleiche einem "Hofstaat", kommentiert derweil Valerie Dirk im Standard. Gerüchte gebe es allenthalben, aber niemand werde konkret: "Vielleicht halten sich manche, die um ihre Arbeit fürchten müssen, mit belastenden Aussagen zurück."
Außerdem: In der SZ würdigt der SchriftstellerDursGrünbein Jean-Luc Godard als "klügsten Filmhistoriker unserer in Bildern ertrinkenden Epoche", für Ulf Poschardt morgen in der WamS war Godard "der letzte linke Künstler und Intellektuelle, der Avantgarde war und zugleich Kunst- beziehungsweise Denkhandwerker". Artechocksammelt zahlreiche Stimmen zum Tod Godars (mehr dazu hier und dort). Dunja Bialas liefert auf Artechock Einblicke ins Programm des Randfilm-Festivals in Kassel. Rüdiger Suchsland sichtet für Artechock Filme über die Queen. Axel Timo Purr schreibt auf Artechock einen Nachruf auf den Schweizer Filmemacher AlainTanner. In der FAZgratuliert Claudius Seidl dem Filmhistoriker UlrichGregor zum 90. Geburtstag.
Besprochen werden Annika Pinskes Debütfilm "Alle reden übers Wetter" (Standard, Tsp, Artechock), OlivierAssayas' HBO-Serie "Irma Vep" (FAZ), BrettMorgans Dokumentarfilm "Moonage Daydream" über David Bowie (Artechock, mehr dazu bereits hier), WernerHerzogs Memoiren (Jungle World), LavDiaz' "When the Waves Are Gone" (Artechock), Louis-JulienPetits "Die Küchenbrigade" (Artechock), TillSchweigers "Lieber Kurt" (Artechock), die Liebeskomödie "Ticket ins Paradies" mit JuliaRoberts und GeorgeClooney (FAZ, NZZ) und EdgarReitz' Memoiren "Filmzeit, Lebenszeit - Erinnerungen" (SZ).
Besprochen werden Sabine Derflingers Alice-Schwarzer-Doku (Zeit online, Tsp, SZ), Lars Jessens Verfilmung von Dörte Hansens Roman "Mittagsstunde" (FR), Brett Morgens David-Bowie-Doku (Zeit online) und Ol Parkers Filmkomödie "Ticket ins Paradies" (FAZ).
Neu in die Kinos kommt in dieser Woche Brett Morgens Dokumentarfilm über David Bowie, "Moonage Daydream". Zwar geht Morgen dem Musiker komplett auf den Leim, aber das ist "schon okay so. Es gibt Schlimmeres", meint Stefan Hochgesand in der Berliner Zeitung. "Wir sehen Bowie in Giftgrün und Barbiepink. Wir sehen ihn im Rotlicht anstatt auf dem roten Teppich. Wir sehen ihn mit so viel Glitter und Make-up garniert, dass er seinem Androiden gleicht. Wir sehen ihn mit soviel Kajal im Gesicht, dass noch Bill Kaulitz' Urenkel davon zehren könnten. Wir sehen einen, dessen Blick im Sekundenbruchteil von Schelm-Modus auf Gruselclown umschalten kann. Wir sehen den Rockstar-Messias, der das Alte Testament des Rock'n'Roll samt Mackergehabe hinter sich ließ. Aber sehen wir ihn wirklich, Bowie? Und wenn ja, wie viele? ... er liebt es, verbale Nebelkerzen zu werfen, die mehr zusätzliche Verwirrung stiften, anstatt irgendetwas aufzuklären."
"Fans werden das alles natürlich trotzdem nicht missen wollen", ist sich Daniel Kothenschulte in der FRsicher, "dafür ist das Filmmaterial einfach zum Teil zu spektakulär: Zu makellosem Zustand restauriert, füllen sattfarbige 16mm-Bilder der 'Ziggy Stardust and the Spiders from Mars'-Auftritte der frühen 70er Jahre nun mühelos die größten Leinwände (in den USA läuft der Film auch in Imax-Kinos). Auch spätere Tourneen sind großzügig repräsentiert." Im Tagesspiegelwird Christian Schröder hingegen "klar, wer Bowie war: ein Außerirdischer". In der tazschreibt Jenni Zylka. Volker Schlöndorff erinnert sich in der FAZ an seine Begegnung mit Jean-Luc Godard, den er als Zwanzigjähriger in Paris immer nur kühl und abweisend mit Sonnenbrille sah. Bis zu diesem Tag: "Als Assistent von Melville arbeitete ich mit ihm im berühmten Hotel Raphaël, als Godard eines Tages mit einem erschütternden Bekenntnis bei dem 'Vater der Nouvelle Vague' auftauchte: er müsse das Filmemachen aufgeben! Ich verließ den Raum, und es begann ein hochnotpeinliches Gespräch zwischen den beiden. Anna Karina, die wunderbare dänische Muse und große Liebe Godards, hatte ihn bei Dreharbeiten für einen anderen Film auf Korsika betrogen oder sogar verlassen. Der geniale Revolutionär des Kinos dachte ernsthaft an Selbstmord, auf jeden Fall könne und wolle er nie wieder einen Film machen. Stunden später erzählte Melville mir, noch immer fassungslos, wie weit es mit Jean-Luc gekommen sei. 'Stell dir vor, er hat mich allen Ernstes gefragt, was wichtiger sei, Anna oder das Kino?'"
Wenn wundert das, bei dieser Frau? Anna Karina in Godards "Une Femme est une femme":
Außerdem erinnert sich in der FAZAlexander Kluge. In der Zeit schreibt Katja Nicodemus den Nachruf auf Godard. Und Hanns Zischler erinnert sich an die Dreharbeiten in der Lausitz zu Godards "Deutschland Neu(n) Null".
Godard ist übrigens nicht der einzige Schweizer Filmregisseur, der gestorben ist, der andere ist Alain Tanner, dessen Name heute in Deutschland kaum mehr geläufig ist. Er war einer der Protagonisten der großen Phase des frankophonen Schweizer Kinos in den Siebzigern. Einer seiner Filme ist der legendäre "Jonas, der im Jahre 2000 25 Jahre alt sein wird" von 1976. Axel Timo Purr schreibt den Nachruf bei artechock: "In seinen Filmen setzt sich Tanner leidenschaftlich mit der 'Krankheit' Schweiz auseinander und den Utopien der 1968er und was davon übrigblieb. Seine Kunst bestand dabei vor allem mit konkreter Bildpoesie und einer leidenschaftlicher Empathie gegenüber seinen Hauptdarstellern, den schwierigen Weg aus ihrem Befremden zu begleiten und nach konkreten Hilfsmitteln, einer 'realen' Utopie zu suchen."
Hier die Blutwurstszene aus "Jonas":
Und die Schauspielerin Irene Papas, bekannt aus der "Alexis Sorbas"-Verfilmung ist im Alter von 93 Jahren ebenfalls gestorben, meldet etwa Zeit online.
Besprochen werden Annika Pinskes Gesellschaftsporträt "Alle reden übers Wetter" (taz, SZ), Masashi Andos und Masayuki Miyajis Anime "The Deer King" (FR), die DVD "Love, Spells and All That" von Ümit Ünal (taz), Lars Henrik Ostenfelds Gletscher-Doku "Into the Ice" (SZ), Ol Parkers Filmkomödie "Ticket ins Paradies" mit Julia Roberts und George Clooney (SZ), Florian Heinzen-Ziobs Doku "Dancing Pina" (FAZ), Sabine Derflingers Alice-Schwarzer-Doku und Brian Goodmans "Chase" (beide Perlentaucher).
Jean-Luc Godard ist tot, der große Revolutionär des Kinos, der Intellektuelle, die Zentralgestalt der Nouvelle Vague. Wie Libérationmeldete, hat er, der Schweizer, im Alter von 91 Jahren Sterbehilfe in Anspruch genommen: "Er war nicht krank, er war erschöpft."
Comme une triste et poétique addition, Jean-Luc Godard et William Klein nous ont quittés. Ici, une photo de Godard, par Klein à la sortie de "A bout de souffle" en 1960. Ils avaient en commun la puissance dans l'image, la liberté et l'interview rebelle. pic.twitter.com/MeovAwA30e
In der SZschreibt Fritz Göttler voller Liebe über den Regisseur, der Selbstreflexion, Konfusion und Inspiration ins moderne Kino brachte: "Das Meer ist so omnipräsent in diesem Werk, das Schweigen, die Erschöpfung gehört dazu am Ende eines Godard-Films, alles ist infrage gestellt, nichts gehört mehr zusammen. Man kann alles in einem Film unterbringen, man muss alles in einem Film unterbringen, das war sein Schlachtruf. Filme, so hat er mal gesagt, gefunden auf dem Müllhaufen der Geschichte. Das Glück des Ikonoklasmus. Mit dem Schweigen endet der Kampf ums Kino, der Kampf, der jeder Film ist."
Regisseur Dominik Graferinnert in der SZ an die wunderbaren Schauspielerinnen, die bei Godard Intellektualität, Gefühl und Sinnlichkeit zusammenbrachten, Anna Karina, Brigitte Bardot, Marina Vlady, Jane Fonda, Anne Wiazemsky, Maruschka Detmers: "Liebe ist bei Godard eben immer eher eine Skizze, aber immerhin eine Möglichkeit, das schon." Graf erwähnt auch den harten Briefwechsel zweiten Godard und Truffaut, mit dem es nach Truffauts "Amerikanischer Nacht" zum Bruch zwischen den beiden Filmemachern kam.
Jean-Paul Bemondo und Jean Seberg in "Außer Atem" Le Monde bringt acht Sonderseiten. Jacques Mandelbaum erinnert daran, mit welcher Leidenschaft, Schönheit und auch Brutalität sein Film "Außer Atem" 1960 mit der Filmgeschichte brach, obwohl er eigentlich nur eine Gangsterballade war: "Das Wesentliche liegt anderswo: in der erschütterten Kunst der Montage, in der wiedergewonnenen Freiheit der Körper, der Sprache und des Geistes, im stolzen Auftreten eines selbstgebastelten und inspirierten Kinos, das an einem Tag um hundert Jahre jünger zu sein scheint. Nicht weniger als in dieser Verfeinerung des cinephilen Materials, das aus den vermischten Einflüssen von Nicholas Ray, Roberto Rossellini, Jean Rouch oder Ingmar Bergman einen so einzigartigen Saft extrahiert. 'Außer Atem' ist mehr als der Vorgängerfilm, Truffauts 'Sie küssten und sie schlugen ihn', der Eröffnungsfilm der Nouvelle Vague, weil er die Form erfindet, die dem innovativen Geist der Bewegung am besten entspricht, und weil er den Aufstieg einer Jugend feiert, die zur gleichen Zeit ihre Werte entdeckt und in der französischen Gesellschaft durchsetzt."
Im Standardschreibt Bert Rebhandl, Verfasser einer Godard-Biografie: "Mit Jean-Luc Godard verliert nicht einfach das Kino, sondern verliert die abendländische Zivilisation einen oft mieselsüchtigen, eigensinnigen, auch unvernünftigen Intellektuellen, der in Bildern und Tönen auf eine Weise aufs Ganze ging, die wohl nie mehr einzuholen ist." In der tazweiß Ekkehard Knörer auch den späten Godard zu schätzen, dem das Publikum fern blieb: "Godard ist der Name für ein filmisches Verfahren, das die Bilder und Töne nicht hierarchisiert, sondern Zuschauer*innen in maßloser Überforderung als dialektischen Strom überfällt. Alles ist immer Analyse und Synthese zugleich." In der FAZ nimmt Dietmar Dath Godard gegen den Vorwurf in Schutz, er habe Kritikerfilme gedreht: "Godard hat Filme ganz und gar nicht 'erst verstanden, dann gemacht', wie selbst einige Fans ihm unterstellen. Gerade seine späten Filme verraten das Gegenteil." In der FRbetont Daniel Kothenschulte, dass Godard durch und durch ein politischer Filmemacher war: "Korruption, Nahostkonflikt, Vietnamkrieg: Godard war in seinen Filmen schon immer politisch. In 'Die Chinesin' outete er sich als Maoist, und 'Der kleine Soldat' ruft die Schrecken des Algerienkriegs wach, den die französische Armee gegen die Unabhängigkeitsbewegung in Algerien führte. Der Film wurde in Frankreich zunächst verboten." (Den Antisemitismus, den er in seiner maoistischen Phase zeigte, warf ihm vor zehn Jahren schon und gestern auf Twitter Perlentaucher Thierry Chervel vor.) Weitere Nachrufe in Tsp, ZeitOnline und NZZ.
Besprochen werden Sabine Derflingers Alice-Schwarzer-Porträt (taz), Edward Bergers Remarque-Verfilmung "Im Westen nichts Neues", die in Deutschland fürs Oscar-Rennen nomoniert wurde (SZ).
Die Ahnung von Gefahr: "No Bears" von Jafar Panahi Peter Beddies spricht in der Welt mit RezaHeydari und MinaKavani, den beiden Hauptdarstellern aus JafarPanahis neuem Film "No Bears", den der iranische Regisseur noch vor seiner Verhaftung unter klandestinen Bedingungen gedreht und außer Landes gebracht hat und der nun beim Filmfestival in Venedig mit einem Spezialpreis ausgezeichnet wurde. Der Film spielt im Grenzgebiet zwischen der Türkei und Iran: "Wir wussten immer, dass die Behörden kommen könnten und uns von dort verjagen", erzählt Heydari - tatsächlich kam nach wenigen Tagen die Polizei. Überhaupt gab es ständig die Ahnung von Gefahr: "Im Film gibt es Szenen, die wir genau auf der Grenze zwischen der Türkei und Iran gedreht haben. Die spielen mitten in der Nacht. Wir sind zu dieser Stelle mit dem Auto gefahren. Die Beleuchtung hatten wir ausgeschaltet, um nicht entdeckt zu werden. Beim Drehen haben wir nur das Mondlicht benutzt. Auf einmal blitzte es von irgendwo her. Wir hatten keine Ahnung, was das war und sind sofort in Deckung gegangen."
Der Wettbewerb von Venedig wirkte mit seinem Fokus aufs englischsprachige Kino "monolithisch-einseitiger denn je", stellt Olaf Möller in seinem Festival-Fazit für den Filmdienst fest (weitere Festivaleinschätzungen hier) und tröstete sich darüber bei den Filmen "außer Konkurrenz" hinweg: Bei denen "ist alles möglich" und diese zu sehen, "fühlte sich ein wenig so an, als würde man das Kino noch einmal wiederentdecken. War der Wettbewerb voller Filme, die wie Ich-AGs dauernd ihre eigene "Bedeutung" und "Originalität" zur Schau stellen und ihre "Relevanz" behaupten mussten, die sich also zum "Ereignis" stilisierten, wirkte "Außer Konkurrenz" als Ganzes wie ein Kosmos, der sich niemandem beweisen muss und wo die mit der heißen Nadel gestrickte Propaganda ähnlich bescheiden daherkam wie die geduldig über die Jahre als Vermächtnis geschaffene Avantgarde. Das Kino war bei sich und mit dem Publikum." Außerdem blickt Thomas Abeltshauser im Freitag auf das FilmfestivalVenedig zurück.
Weiteres: Jürg Zbinden resümiert in der NZZ die Verleihung der EmmyAwards. In der NZZinteressiert sich Nadine A. Brügger dafür, wie sich alle Welt für das Baby der Schauspielerin JenniferLawrence interessiert.
Politische und künstlerische Ethik nahe beisammen: "All the Beauty and the Bloodshed" von Laura Poitras Die FilmfestspieleVenedig enden mit einem Goldenen Löwen für LauraPoitras Dokumentarfilm "All the Beauty and the Bloodshed" über den Kampf der US-Künstlerin NanGoldin gegen den Pharmahersteller Sackler, der mit seinem Oxycontin-Schmerzmittel Millionen Menschen süchtig gemacht und etwa eine halbe Million auf dem Gewissen hat. Damit hatte niemand gerechnet, schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt - auch damit nicht, dass der Kritikerfavorit "Love Life" von Koji Fukada komplett leer ausgehen würde. Auch Rüdiger Suchsland staunt auf Artechock über diesen Löwen, wo doch sämtliche Kritiker andere Filme auf der Liste hatten. Aber "keine Überraschung war dieser Preis auf der anderen Seite, weil er sich allzu sehr in den engen Bahnen politischer Korrektheit bewegt." Patrick Wellinski vom Dlf Kultursieht ebenfalls vor allem eine politische Würdigung - bei einem Kunstfestival komme die Kunst zu kurz, wenn sie einen Dokumentarfilm auszeichnet, findet er. Auch die übrigen Juryentscheidungen hält er für populär, abermutlos - und vor allem sehr am englischsprachigen Kino entlang gedacht.
In der FRwiderspricht ein alles in allem sehr zufriedener Daniel Kothenschulte: "Seine künstlerische Qualität offenbart dieser formal unauffällige Dokumentarfilm dabei auf den zweiten Blick - in einer Montage, die Kunst und Politik bruchlos in einem erzählt. Politische und künstlerische Ethik sind für Poitras nicht zu trennen." Auch freut er sich über eine Auszeichnung für LucaGuadagninos Kannibalenromanze "Bones and All": "Filme, die auf kunstvolle Weise Genrekonventionen weiterschreiben, sind selten und werden häufig übersehen. Es spricht für das Festival und seine Jury, dass Extreme gefunden und belohnt wurden - genau die braucht das Kino mehr denn je." Auch tazler Tim Caspar Boehme hält den Goldenen Löwen für Poitras für "eine gute Wahl bei ansonsten überschaubarer ernstzunehmender Konkurrenz". SZ-Kritiker Tobias Kniebe freut sich, dass bei all dem Elend, das der Wettbewerb in diesem Jahr umkreiste, mit Poitras' Film eine Erfolgsstory ausgezeichnet wird - dies erscheine "am Ende wie ein Aufbäumen, ein Gegenprogramm".
Im Wettbewerb gab es "Endzeit und Angstpotenzial allenthalben" zu erleben, berichtet Hans-Jürg Zinsli im Tagesanzeiger. Anke Leweke bespricht auf ZeitOnline JafarPanahis mit einem Spezialpreis ausgezeichneten Film "No Bears" (mehr dazu hier), den der Regisseur noch vor seiner Verhaftung und erneut unter Umgehung seines Berufsverbotes gedreht und außer Landes gebracht hat. Weitere Resümees vom Festival schreiben Maria Wiesner (FAZ), Andreas Scheiner (NZZ) und Dominik Kamalzadeh (Standard).
Außerdem: Christoph Egger schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den Regisseur AlainTanner. Besprochen werden RyūsukeHamaguchis "Das Glücksrad" (Jungle World), die Netflix-Comicadaption "The Sandman" (Jungle World) und die Historienserie "The Serpent Queen" (FAZ).
Angst vor dem freien Geist: Jafar Panahi in "No Bears" Jafar Panahi ist es erneut gelungen, trotz Arbeitsverbot einen Film im Iran zu drehen und außer Landes zu schmuggeln, schreibtFR-Kritiker Daniel Kothenschulte voller Bewunderung für den Mut des Regisseurs. Dessen Film "No Bears" habe beim FilmfestivalVenedig erhebliche Chancen auf einen Goldenen Löwen: "Wieder gelingt es Panahi, gleichzeitig den Blick auf die Fesseln der Diktatur zu lenken und dem für ihn so typischen humanistischenOptimismus treu zu bleiben. In der komplexen, aber leichthändig arrangierten Filmerzählung übernimmt er selbst die Rolle des Regisseurs Jafar Panahi, der sich in einem Dorf an der Grenze zur Türkei eingemietet hat. Über eine wacklige Internetverbindung leitet er eine Filmcrew, die auf der anderen Seite ein Flüchtlingsdrama dreht. Doch die Wirklichkeit will sich aus dem Film nicht aussperren lassen. ... Der Titel verweist auf eine Beschwichtigungsfloskel gegenüber unsichtbaren Gefahren. Welche Angst muss die iranische Regierung vor seinem freienGeist haben und sicher auch vor einem Löwen, den er nun in Abwesenheit gewinnen könnte." Ana de Armas ist Norma Jean Baker ist Marilyon Monroe ist Projektionsfläche: "Blonde"
In Venedig gezeigt wurde auch AndrewDominiks auf JoyceCarolOates' gleichnamigem Roman beruhendes Biopic "Blonde" über MarilynMonroe - oder doch über Norma Jean Baker, die Frau, die Monroe war? Dem Regisseur gelingt es jedenfalls, mit seinem hochgradig stilisierten Vexierspiel über Identität die Filmkritik ziemlich zu beschäftigen, etwa wenn es die Kamera selbst ist, die in MonroesVagina eindringt. Hier "manifestiert sich besonders krass, um was es Andrew Dominik geht: die Degradierung und den Missbrauch von Marilyn Monroe durch den 'male gaze'", schreibt Felicitas Kleiner im Filmdienst. SZ-Kritiker Tobias Kniebe fühlt sich durchgeschüttelt, verweist aber auch darauf, dass der Film zuweilen ziemlich spekulativ ist: "Man muss sich dann aber auch wieder losreissen und daran erinnern, dass nun wirklich niemand dabei war, wenn Marilyn Monroe etwa mit Präsident Kennedy allein war." Der Film folgt der "Kolportage", hält auch Andreas Busche vom Tagesspiegel fest. Soghaft ist der Film zweifellos, "aber dieser vorgeschobeneFeminismus ist noch sichtlich ein Produkt der Vor-MeToo-Ära, selbst in Dominiks Interpretation. Eine Regisseurin hätte eine andere Erzählung für Norma Jeane gefunden, die sich nicht wie ein Käfig aus sensationsheischenden Drehbuch- undRegieeinfällen anfühlt." Für Perlentaucher Lutz Meier zeigt sich in dem Film eher die schlechte Seite der Netflixisierung des Kinos: "Der Film gibt vor sich der Introspektion der Hollywood-Schauspielerin zu widmen. In Wahrheit aber wirkt er bei allem, was Innensicht sein soll, heillos spekulativ, weidet sich an der Selbstzerstörung anstatt sie zu erklären. So tut er seiner Figur noch einmal all das an, wovor er sie zu schützen vorgibt." Maria Wiesner feiert in der FAZ derweil AnadeArmas, die für ihre Darstellung lange, sehr lange recherchiert habe.
Nach Vorwürfen des Spiegel, UlrichSeidl habe sich bei den Dreharbeiten zu seinem neuen Film, dem Pädophilendrama "Sparta", gegenüber den Kinderdarstellern und deren Eltern nicht umsichtig genug verhalten, hat das Filmfestival Toronto die Weltpremiere des Films abgesagt, melden die Agenturen. Im Standardgeht Bert Rebhandl auf problematische Aspekte der Seidl'schen Filme ein, die ihrem Publikum - aber auch den porträtierten Menschen darin - mitunter einiges abverlangen. Da es rumänischeFamilien sind, die erhebliche Vorwürfe erheben, komme noch ein weiterer Aspekt hinzu: Seidl verschwieg offenbar, dass seine Hauptfigur ein Pädophiler ist. "Wenn es Seidl tatsächlich, wie er selber schreibt, darum ging, einen Mann in dem Zwiespalt zu zeigen, ob er seiner unzulässigen Neigung nachgeben soll, dann mussten die Buben in Rumänien eine Verführung spielen, bei der es sehr darauf ankommt, dass sie unbewusst ist. Das Machtverhältnis zwischen Erwachsenem und Kind, das in der Pädophilie sexuell aufgeladen ist, wiederholt sich also in der Konstellation zwischen dem Regisseur und den Darstellern."
Außerdem: Für epdFilmerzählt Silvia Hallensleben die Geschichte der kommunalen Kinos in Deutschland. In der Langen Nacht im Dlf Kulturwidmen sich Georg Metz und Markus Metz dem Leben und Werk IngmarBergmans. Besprochen werden MaxLinz' "L'état et moi" mit SophieRois (Jungle World) und die deutsche Erstveröffentlichung der gesammelten Filmgespräche zwischen GideonBachmann und PierPaoloPasolini (taz).
Erzählt im Querschnitt: "Atlantide" Auf "Atlantide" des italienischen Regisseurs und Videokünstlers YuriAncarani hatten wir gestern schon verwiesen, im Perlentaucherbespricht nun Sebastian Markt den Film, der sich mit hochschießenden Stilisierungen dem Treiben junger Leute in den Lagunen um Venedig widmet: "Die meiste Zeit nimmt sich der Film, um von nichts zu handeln und stattdessen unter einem hypnotischen, Hip-Hop, Techno und Symphonischeres amalgamierenden Soundtrack Momente auszubreiten, die im Querschnitt erzählen. Gegen Ende spitzt 'Atlantide' sich zu einer Art Geschichte zu, die ein tragisches Ausrufezeichen unter ein schillerndes Bild setzt, das halb aus der Zeit gehoben scheint. 'Atlantide' ist ein hybrides Werk: ohne Drehbuch, und ohne echten Plot, über lange Zeit hinweg gemeinsam mit den Laiendarstellern entwickelt, aus deren Leben schöpfend, und zugleich von einer ausgestellten Künstlichkeit, die dem Ansinnen, aus einer Lebenswelt zu berichten weniger entgegensteht, als sie dessen Mittel der Wahl ist: ein fantasierendes Durchdringen einer spezifischenJugendlichkeit." Auch Rüdiger Suchsland jubelt auf Artechock: "Schillernde Unsicherheit, aufregendes Kino."
Die Wahrheit des Kriegsalltags: "Freedom on Fire" In Venedig selbst gehen derweil die Filmfestspiele weiter: Mit einem Panel "Filmmakers under attack" und zahlreichen Premieren hat das Festival einen ukrainischen Tag eingelegt. Gezeigt wurde etwa JewgeniAfinejewskis "Freedom on Fire", der die Aufnahmen von 43 Kameraleuten, die das Kriegsgeschehen dokumentieren, zusammenstellt, berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel. "Der Krieg ist ein großer Gleichmacher. Die verwackelten Aufnahmen von bombardierten Wohnblocks und erschöpften, verzweifelten Menschen, ähneln einander, in welcher Stadt sie auch immer entstanden. Die Kinder, die seit Wochen in Bunkern und Kellern leben und kein Tageslicht gesehen haben, malen Ostereier-BilderfürdieukrainischenSoldaten. ... Während Yaroslav Melnyk, der ukrainische Botschafter in Italien, auf dem Podium darauf hinweist, dass Russland auch gegen die Kultur seines Lands Krieg führt, spricht Regisseur Afinejewski über die moralische Verpflichtung, die Wahrheit des Kriegsalltags zu zeigen. Die Ignoranzwiebeider Krim-Annexion 2014 dürfe sich nicht wiederholen, auch deshalb hatte er es eilig mit 'Freedom on Fire'."
Das Festivalprogramm wirkt wie ein für die Nachwelt zusammengestellter Katalog der globalen und gesellschaftlichen Problemstellungen des Jahres 2022, resümiert Hanns-Georg Rodek in der Welt. Aus dem Programm am Lido werden außerdem LucaGuadagninos Kannibalen-Romanze "Bones and All" (Artechock), AndrewDominiksMarilyn-Monroe-Biopic "Blonde" (FR, FAZ), Florian Zellers "The Son" mit Vanessa Kirby (Tsp, SZ) und Alice Diops "Saint Omer" (taz) besprochen.
Weitere Artikel: Der Münchner Kinobetreiber Thomas Kuchenreuther ärgert sich auf Artechock unter anderem über das "obsolete, völlig veralteteFilmförderungsgesetz von 1976, das den veränderten jetzigen Gegebenheiten überhaupt nicht mehr entspricht". Im Berliner Kino Arsenal beginnt heute Abend eine Filmreihe zum Thema "Women Make Film", deren Eröffnungsfilm - TangShuShuens Debütfilm "Dong Fu Ren" von 1970 - uns Nikolaus Perneczky im Perlentaucherbesonders ans Herz legt: In diesem historischen Melodram aus dem China des 17. Jahrhunderts geht es um die "Witwe eines Lehrers im ländlichen China des 17. Jahrhunderts, in deren Herzen ein stiller Kampf mit den herrschenden Sitten tobt".
Besprochen werden CédricKlapischs Ballettfilm "Das Leben ein Tanz" (Artechock, FAZ), Blerta Bashollis Kosovokriegsdrama "Hive" (critic.de, ZeitOnline), der auf Arte gezeigte Brandenburg-Krimi "Lauchhammer" (FAZ) und Teresa Fritzi Hoerls Teeniefilm "Alle für Ella" (Artechock, Welt).