Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.08.2022 - Film

Zwischen erhellender Erfahrung und Kitsch: "Evolution"

Kata Wébers und Kornél Mundruczós "Evolution", ein Episodenfilm über das Nachwirken der Shoah in den nachfolgenden Generationen der Überlebenden, irritiert Bert Rebhandl in seiner online nachgereichten FAZ-Kritik eher etwas: "Mit dem problematischen Begriff der 'Evolution' soll es vielleicht darauf hinauslaufen, dass sich ein allgemeinerer Humanismus gegenüber dem identifizierenden Rassismus durchsetzen könnte", dass etwa "die kulturelle Evolution endlich die Differenzen überwinden könnte, die in fanatischer Verblendung bis zu den Gaskammern führten. Ein positives jüdisches Selbstverständnis wäre in dieser Evolution aber auch nur mehr kombinatorisches Material. Insgesamt ein reichlich merkwürdiger Film, eher ein stark thesenhaft durchsetztes Konstrukt als eine nachvollziehbare Menschenbeobachtung." Perlentaucher-Kritiker Sebastian Markt sah "Bilder, die zwischen erhellender Erfahrung und deren Festschreibung im Kitsch changieren".

In der längst in den Niederungen der Vertrottelung dümpelnden Winnetou-Kontroverse ruft Bert Rebhandl im Standard als Stimme der Vernunft in Erinnerung, dass Karl Mays romantische Fantasien und mehr noch dessen schwülstigen Verfilmungen schon vor zwanzig Jahren in Bully Herbigs "Schuh des Manitou" deftig, aber immens erfolgreich durch den Kakao gezogen wurden - wenn auch in einer Geste der nostalgischen Umarmung. Auch in anderer Hinsicht sieht Rebhandl "genügend Ansatzpunkte für eine postkoloniale Lektüre nicht nur von Winnetou, sondern auch seiner großen Kolportage-Reißer wie 'Das Waldröschen'. Dafür fehlen letztlich doch die Voraussetzungen. Das hat mit dem falscheren Bewusstsein zu tun, dem das deutsche Kino im Unterschied zum amerikanischen immer noch oft unterliegt: Das Fake-Hollywood der Nazis hat über die Heimatfilme (zu denen auch die blockfreien Western mit Pierre Brice und Lex Barker zählen) Nachwirkungen bis in eine Gegenwart, die kulturelle Räume gar nicht anders als in Form von Besitzständen sehen kann."

Außerdem: Der Schauspieler Claude-Oliver Rudolph spricht in der NZZ über seine Zeit bei Russia Today. Claus Löser schreibt in der Berliner Zeitung einen Nachruf auf den Filmhistoriker Ralf Schenk (mehr dazu bereits hier).

Besprochen werden die Werner-Herzog-Ausstellung im Filmmuseum Berlin (taz, online nachgereicht von der FAZ), Amjad Abu Alalas Regiedebüt "Mit 20 wirst du sterben" (Tsp, unsere Kritik), Carla Simóns Berlinale-Gewinner "Alcarràs" (Standard, unsere Kritik) und eine Berliner Aufführung von Arnold Fancks Stummfilm "Berg des Schicksals" (FAS).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.08.2022 - Film

Filmische Archäologie: "1972" von Sarah Morris

Rüdiger Suchsland erinnert im Filmdienst an die Filme, die 1972 zu den Olympischen Spielen in München entstanden sind - und wie der antisemitische Terrorakt, der die Spiele überschattete, im Kino Nachhall fand. Neben Genrefilmen findet sich auch der Film "1972" "der britischen Videokünstlerin Sarah Morris aus dem Jahr 2008, der wohl am ehesten als archäologisch zu bezeichnen ist. Morris lässt darin ausführlich Georg Sieber zu Wort kommen, den Polizeipsychologen der Münchner Polizei. Er war vom IOC und der Münchner Polizei angestellt worden, um Gefährdungsszenarien zu entwerfen und die Sicherheitsdienste vorzubereiten. Eines seiner Szenarien war eine nahezu exakte Vorhersage: Sieber warnte schon lange vor der Eröffnung der Olympischen Spiele am 26. August 1972 genau vor dem, was dann tatsächlich passierte. Er wurde nicht gehört."

Außerdem resümiert Rüdiger Suchsland auf Artechock das Filmfestival von Locarno. Besprochen werden Amjad Abu Alalas Regiedebüt "Mit 20 wirst du sterben" (SZ, unsere Kritik hier), Adrian Goigingers Bergdrama "Märzengrund" (SZ), Pan Nalins "Last Film Show" (Standard) und die zweite Staffel von "Raised by Wolves" (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.08.2022 - Film

Heftiger Publikumsschwund, steigende Energiekosten und Ende des Jahres zur besten Saison auch noch eine Fußball-WM: Dem Kino steht ein "harter Herbst" bevor, warnt Andreas Busche im Tagesspiegel. Vor allem im Arthouse-Segment bleibt die Zielgruppe immer häufiger lieber zuhause. "Die Signale aus der Politik" sind auch "nicht sehr ermutigend. Der Ruf nach einer grundlegenden Überarbeitung des Filmfördergesetzes zur nächsten Novelle 2024 wird immer lauter - in der dann die wichtige Funktion der Sparten Verleih und Kino endlich monetär gewürdigt wird. Stattdessen stockte Claudia Roth im Mai noch einmal den 2015 eingeführten German Motion Picture Fund auf neunzig Millionen Euro auf. Geld, das - so der Vorwurf des Hauptverbands Deutscher Filmtheater (HDF) - fast ausschließlich in die Serien-Produktion fließt. Auch so kann Politik Fakten schaffen. Der Pandemiesieger Streaming bindet immer mehr Kapital aus der sogenannten Filmförderung, die auch im Kulturstaatsministerium unter 'Wirtschaftsförderung' firmiert."

Weitere Artikel: Der Branchenverband German Films schickt Edward Bergers Ende des Monats in den Kinos startende Netflix-Produktion "Im Westen nicht Neues" ins Oscar-Rennen, meldet Christian Schröder im Tagesspiegel. In der Welt erinnert Hanns-Georg Rodek aus diesem Anlass an die Randale, mit der die Nationalsozialisten 1930 in Berlin auf Lewis Milestones Verfilmung des Remarque-Romans reagierten. In der FAZ sprechen die beiden Produzenten Ryan Condal und Miguel Sapochnik über ihre Arbeit am "Game of Thrones"-Ableger "House of the Dragon".

Besprochen werden die Werner-Herzog-Ausstellung im Filmmuseum Berlin (FR, Tsp), Kornél Mundruczós "Evolution" (Tsp, Perlentaucher, ZeitOnline, mehr dazu hier), Amjad Abu Alalas "Du wirst mit 20 Jahren sterben" (Perlentaucher), Louis C. K.s Komödie "Fourth of July" (NZZ, unsere Kritik), Baltasar Kormákurs Tierhorrorfilm "Beast" mit Idris Elba (FAZ) und die Pornobranchen-Seifenoper "Nur für Erwachsene" (FAZ). Außerdem erklärt uns die SZ, welche Filme sich diese Woche wirklich lohnen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.08.2022 - Film

Das Mosaik brüchiger Erinnerung: "Evolution"

Vom Horrorfilm zur Romanze wandelt sich Kornél Mundruczós "Evolution", der darin das Leben dreier jüdischer Generationen erzählt. Tazlerin Barbara Schweizerhof war der Film in seinem Kunstwollen - weite Strecken des Films werden virtuos in einer einzigen Einstellung gedreht - dann aber doch zu kunstfertig, insbesondere gegen Schluss: "Anders als in den Teilen zuvor drängt sich die Dramaturgie des 'Alles in einer Einstellung drehen' nun in den Vordergrund und zerstört das Atmosphärisch-Suggestive. Plötzlich wird schwerfällig und pädagogisch, wo zuvor disparate Elemente das Mosaik brüchiger Erinnerung und Identifikation formten."

Abendgarderobe und Moderation, höhere Ticketpreise, mehr Einkaufsmöglichkeiten in der Lobby, Freundeskreis-Initiativen, bessere Filmförderung für intellektuelles Kino, Kooperationen mit Streamingdiensten und mehr Klassiker im Programm - das sind die sieben sehr erwartbaren und alles andere als Zuversicht schaffenden Ideen, die die SZ im Betrieb aufgeschnappt hat, um die aktuelle Kinomisere - im Vergleich zum letzten Vorpandemie-Jahr sind die Zahlen um 30 Prozent eingebrochen - zu überwinden.

Besprochen werden Joanna Hoggs "The Souvenir - Part II" mit Tilda Swinton (taz), Amjad Abu Alalas sudanesischer Debütfilm "Mit 20 wirst Du sterben" (FR, taz), die Amazon-Serie "Schickeria" über das Münchner Nachtleben der Siebziger und Achtziger (FAZ), Baltasar Kormákurs Tierhorrorfilm "Beast - Jäger ohne Gnade" mit Idris Elba (Tsp, Freitag), Adrian Goigingers Heimatfilm "Märzengrund" (FR), Marc-Uwe Klings neuer "Känguru"-Film (taz, Standard, SZ) und die auf Sky gezeigte Comicverfilmung "DMZ" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.08.2022 - Film



In der Haut des Ravensburger Verlages möchte man nicht stecken: Wegen zweier Merchandise-Produkte zum Kinoflop "Der junge Häuptling Winnetou" (hier unsere Kritik) wurde der Puzzle- und Gesellschaftsspieleverlag auf Social Media zunächst von Linken verbal vermöbelt und nun von Rechten, weil der Verlag die Produkte aus Gründen der Imagepolitur vom Markt genommen hat - und "diese zweite Kritikwelle ist um einiges brachialer", schreibt Kathleen Hildebrand in der SZ. "Die zu erwartenden Schlagwörter von 'Cancel Culture' bis 'Kulturmarxismus' werden dem Verlag nun auf Instagram um die Ohren gehauen. Natürlich steht da auch, dass es bis zu Bücherverbrennungen ja nun auch nicht mehr weit sei."

Dass Karl Mays Vorstellungen vom indigenen Leben in der Prärie gelinde gesagt nicht auf Kenntnissen aus erster Hand basieren, unterstreicht auch der FR-Filmkritiker Daniel Kothenschulte und fragt sich verwundert, wie so eine filmische Fantasie vom "edlen Wilden" im Jahr 2022 überhaupt noch durch die Fördergremien kommt. Claudia Roth verweist auf seine Anfrage auf Diversityprogramme der Kulturförderung. "Was bedeutet das aber für die Verwendung rassistischer Stereotype? Wie weit ist das Bewusstsein für Diversität in der deutschen Kulturpolitik entwickelt, wenn sie durch alle Raster fallen? Wäre es nicht sinnvoller, die Filmförderung wieder als das anzusehen, als das sie einmal gegründet wurde, als ein Instrument, die Qualität deutscher Filme zu verbessern?"

Ronald Pohl und Christian Schachinger vom Standard haben sich den Spaß gegönnt und das vom Markt genommene, dank großzügiger Bebilderung leicht in 20 Minuten bewältigbare Kinderbuch zum Film durchgearbeitet und dabei bemerkt, dass "weder das böse Wort 'Indianer' vorkommt noch irgendwelche 'Rothäute' herumtapsen. Möglicherweise wurden die das Volk der Apachen gebenden Weißbrote allerdings vor den Dreharbeiten ins Sonnenstudio geschickt. ... Wirklich übel kommen im Film wie im Buch die eindimensionalen weißen Schurken weg." Den Vorwurf, May blende in seinem literarischen Kosmos den Kolonialgenozid der Weißen aus, können wirklich nur Unkundige in die Welt setzen, ärgert sich Velten Schäfer im Freitag: "Die ganze Winnetou-Saga ist ja um das wortbrüchige, rücksichtslose und gewaltsame Eindringen einer Eisenbahngesellschaft in das Apachengebiet gestrickt. Dabei beschreibt er die weißen Landvermesser als unzivilisierte, gierige, meist betrunkene Wüteriche, vor deren tumben Rothautfresser-Sprüchen sich das Publikum ekeln soll. Im ausfransenden Kontext des originalen Winnetou-Plots lernt man zudem, den Ku-Klux-Klan zu verabscheuen. "

Außerdem: In der Berliner Zeitung spricht Franka Klaproth mit dem Schauspieler Christoph Maria Herbst, der gestern Abend mit dem Ernst-Lubitsch-Preis geehrt wurde. In der SZ erinnert Peter Richter an den DEFA-Klassiker "Die Legende von Paul und Paula" und kommt beim Wiedersehen aus dem Staunen nicht heraus: "Es ist wirklich irre, wie hier dauernd Privates und Politisches, Poetisches und Parteitagsbeschlusslagen dermaßen eng verleimt werden, dass man diesen Film genauso gut auch in einem zeithistorischen Seminar einsetzen könnte." Fritz Göttler empfiehlt in der SZ eine Online-Retrospektive zum Kino der Weimarer Republik. Für ZeitOnline plaudert Dirk Peitz mit dem Bestsellerautor Marc-Uwe Kling, der für die neueste (hier besprochene) Verfilmung aus seinem "Känguru"-Kosmos nun auch selbst Regie geführt hat. Besprochen wird der "Game of Thrones"-Nachfolger "House of the Dragon" (Freitag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.08.2022 - Film

Wann ist endlich Aschermittwoch? Still aus "Der junge Häuptling Winnetou"

Nach energischen Protesten hat der Ravensburg Verlag die Kinderbücher vom Markt genommen, die den Kinostart des Kinderfilms "Der junge Häuptling Winnetou" (unsere auch nicht gerade begeisterte Kritik) eigentlich profitabel flankieren sollten. Wird nun Karl May - und damit "urdeutsches Kulturgut" - der politischen Korrektheit geopfert, fragt sich Claudius Seidl in der FAZ. Er kann berichten, dass der Film "sich seiner Harmlosigkeit bewusst, seiner Sympathie für die Indianer sicher ist; und dass er eine ganz schöne Geschichte über die Freundschaft zweier Jungs erzählt. Was der Film halt leider nicht verstanden hat, ist, dass es auf Absichten allein nicht ankommt: Die Menschen von Winnetous Stamm sind so gekleidet, wie man sich früher im Fasching als Indianer verkleidet hat. Sie sprechen das metaphernselige Indianerdeutsch, das doch Bully Herbig längst zerstört hat. Und sie benehmen sich genau so, wie man das als Deutscher von edlen Wilden erwartet. Das ist vielleicht kein böser Rassismus. Es ist aber dumm, provinziell, ignorant und arrogant gegenüber beiden: der Geschichte und Realität der indigenen Amerikaner. Und gegenüber der Filmgeschichte, die schon mal weiter war."

Außerdem: Josef Lederle schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Filmhistoriker Ralf Schenk (weitere Nachrufe bereits hier). Besprochen wird das "Game of Thrones"-Prequel "House of the Dragon" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.08.2022 - Film

Jan Brachmann schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Filmhistoriker Ralf Schenk, der sich seit dem Ende der DDR vor allem als Bewahrer und Aufarbeiter des DEFA-Films einen Namen gemacht hat, unter anderem als Leiter der DEFA-Stiftung von 2012 bis 2020. Er "war ein Mann von leiser Souveränität. Wichtigtun musste er sich nicht, weil wichtig war, was er wusste. Sein Gewicht als Filmhistoriker und Journalist erwuchs aus einer immensen Kenntnis nicht nur der Kinogeschichte, sondern ebenso der Zeitumstände, der Literaturtheorie, auch der Musik." Er "nahm das Erbe der DEFA ernst: die komplex-verschachtelten Erzählungen Günthers, die kühn-modernen Frauenfilme, das politisch subversive Kino für Kinder und Jugendliche." Neben zahlreichen Publikationen zum DDR-Film war er auch "an der Rekonstruktion mehrerer von der SED-Parteiführung aus dem Verkehr gezogener Filme beteiligt". Auch Grusel-Episoden von hinter den Kulissen der DEFA wären ohne seine Arbeit heute vielleicht vergessen, hält Regine Sylvester in der Berliner Zeitung, für die Ralf Schenk viele Jahre schrieb, fest: In seinem Buch "Eine kleine Geschichte der DEFA" finden sich zahlreiche "Stasiberichte, Anschwärzungen von Kollegen, Unterwerfungen. Ohne Ralf Schenks Arbeit wären viele Hintergründe unbekannt."

Weitere Artikel: Nadine Lange resümiert im Tagesspiegel das Filmfestival Sarajevo. Tazler Michael Meyns empfiehlt eine Retrospektive des Streamers La Cinetek zum Kino der Weimarer Republik. Matthias Alexander schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den "Tatort"-Drehbuchautor Felix Huby.

Besprochen werden Stanislaw Muchas Dokumentarfilm "Wettermacher" (FAZ, unsere Kritik hier), der "Game of Thrones"-Ableger "House of Dragons" (ZeitOnline), Fulvio Risuleos "Der ganz große Coup" (FAZ) und die Netflix-Serie "Kleo" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.08.2022 - Film

Beim von der Stadt finanziell unterstützten Leipziger Festival "globaLE" ist es zu tumultartigen Szenen gekommen, als Aktivisten die Vorführung von Oliver Stones ausgesucht putinfreundlichem Dokumentarfilm "Ukraine on Fire" aus dem Jahr 2016 störten. Ulrike Nimz liefert in der SZ Hintergründe: "Flankiert werden sollte die Vorführung von 'Ukraine on fire' laut Programm durch das Gespräch mit einer Vertreterin des 'Aktionsbündnisses Zukunft Donbass', das humanitäre Hilfe in den Separatistengebieten im Osten der Ukraine leistet. Auf den Social-Media-Kanälen des Vereins findet sich russische Kriegspropaganda. ... Mike Nagler, Organisator und Sprecher der 'GlobaLE', sieht kein Problem darin, in Zeiten, in denen Tausende geflüchtete Ukrainerinnen Schutz in Deutschland und Leipzig suchen, einen Film zu zeigen, der größtenteils die Weltsicht des Kreml übernimmt. Man wolle vielmehr 'einen Raum für kritischen Diskurs bieten'." Wie die Stadt auf die Vorführung reagierte, weiß Othmara Glas in der FAZ: Sie "distanzierte sich am Donnerstagnachmittag von der Filmvorführung. 'Wir unterstützen die Ukraine und unsere Partnerstadt Kiew nach Kräften gegen die brutale russische Aggression', erklärte man über Twitter, schränkte aber ein: 'Gleichwohl achten wir die Freiheit der Kunst und fördern diese. Im Unterschied zu einem autoritären Regime hält eine Demokratie das Zeigen eines Films zweifelhaften Inhalts aus.'"

Am 5. September wird Werner Herzog 80 Jahre alt, am Montag erscheinen seine Memoiren, in den Audiotheken findet sich bereits ein aktuelles Radioporträt des BR und ein vom Dlf erneut online gestelltes Feature über ihn von 2012: Die Herzog-Festspiele sind eröffnet, nicht zuletzt durch Peters Kortes großes Gespräch mit dem Filmemacher, das morgen in der FAS erscheint. Unter anderem geht es um Herzogs Nichtangespasstsein - kann man einen Film wie "Lektionen in Finsternis" heute noch drehen? "Natürlich soll und kann man heute noch so einen Film machen. Kontrovers war damals, dass ich die brennenden Ölquellen in Kuwait, unterlegt mit Wagner-Musik, nicht als politisches Verbrechen dargestellt habe, sondern, fast wie Science-Fiction, als ein Verbrechen gegen die Schöpfung, als eine Welt, die wir nicht mehr als unsere erkennen können, als wäre da ein fremder Planet. Darum ging es. Der Aufschrei auf der Berlinale war riesig. 'Ästhetisierung des Grauens' wurde gebrüllt. Ich sagte damals, das hat Dante auch gemacht und Goya und Hieronymus Bosch. Dann wurde es nur umso wilder. Aber ich wusste, sie haben alle unrecht. Die Vorwürfe lagen im Klima der Zeit, im Trend, und mit dem war ich nie in Einklang, das war öfter ein Problem. Aber das hat mich unbeirrt gelassen."

Daniele Dell'Agli empfiehlt im Perlentaucher Denis Newiaks Studie "Blackout", die sich ganz pragmatisch mit den Katastrophenbeschreibungen dystopischer Filme und Serien befasst. Die meisten von ihnen überspitzen ihr Thema allerdings sosehr, dass Dell'Agli eine Plausibilität vermisst, die Identifikatioen ermöglicht. Denkbar findet er aber, "dass dank zunehmender ökologischer (und energietechnischer) Alphabetisierung und unter dem Druck sich real verdichtender Krisen samt näherrückender tipping points ein gesunder Alarmismus die Lust an der Weltuntergangsfolklore ablöst."

Besprochen werden der "Game of Thrones"-Ableger "House of the Dragon" (Presse, Welt, FAZ), die deutsche Netflix-Serie "Kleo" (Welt) und die Disney-Serie "She-Hulk" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.08.2022 - Film

In der toxischen Familienhölle: Louis C.K.s "Fourth of July"

Eigentlich war der Komiker Louis C.K. nach von ihm eingeräumten MeToo-Vorwürfen - er hatte Frauen dazu genötigt, ihm beim Masturbieren zuzusehen - ziemlich abgemeldet. Mit seinem im Selbstvertrieb veröffentlichten Film "Fourth of July" versucht er nun, seine Karriere als Komödienregisseur wieder anzukurbeln. Es geht um verzwickte Familiendynamiken, schreibt Jochen Werner im Perlentaucher, dem das Ende des Films allerdings nach einer Aussicht auf ein reinigendes Gewitter allzu versöhnlich vorkommt. "All hugging, no learning, um die Maxime eines anderen großen New-York-Komikers zu variieren. Im Grunde geht 'Fourth of July' in seinen unerwartet harschen emotionalen Ausbrüchen und Verletzungen gar noch einen Schritt weiter - und folgt darin Louis C.K.s vielleicht wirklich wegweisendem Vorbild Woody Allen. Denn in der Art und Weise, wie er eine durch und durch toxische Familienhölle porträtiert, aus der sich zu lösen der Protagonist wohl auf ewig unfähig bleiben wird, ist 'Fourth of July' Louis C.K.s Bergman-Film. Da hilft alles Lachen und Umarmen nichts."

Weitere Artikel: Sarah Pines verabschiedet sich in der NZZ von der Netflix-Serie "Better Call Saul". Michael Ranze schreibt im Filmdienst zum Tod von Wolfgang Petersen (weitere Nachrufe hier).

Besprochen werden Aron Lehmanns Komödie "Jagdsaison" (FAZ), das Drama "The Souvenir: Part II" mit Tilda Swinton und deren Tochter Honor Swinton Byrne (Tsp), Olivia Newmans Verfilmung des Bestsellers "Der Gesang der Flusskrebse" (SZ), die erste Folge des "Game of Thrones"-Nachfolgers "House of the Dragon" (NZZ), Adrian Goigingers Alpendrama "Märzengrund" (Standard), die Disney-Serie "She-Hulk" (FAZ, Tsp), die Netflix-Serie "Kleo" (Freitag, Presse) und die Apple-Serie "Five Days at Memorial" (Freitag).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.08.2022 - Film

Strahlende Schönheit: Stanislaw Muchas "Die Wettermacher"

Deutschland leidet unter der Hitzewelle, im Kino verspricht der neue Dokumentarfilm von Stanislaw Mucha Abkühlung. In "Wettermacher" beobachtet er eine Wetterstation am russischen Polarmeer. Zu sehen ist ein Leben in Einsamkeit, erklärt Karsten Munt im Perlentaucher: "Ex-Militär Alex zündet seine Zigarette mit der Bengalfackel an, Sascha tänzelt bei der Probeentnahme vor der Gischt zurück wie ein übermütiges Kind und der Nachbar vom Leuchtturm macht eine lauwarme Show um einen Vogel, der in seinem Fischernetz verendet ist. Der für einen Leuchtturmwärter am Ende der Welt angemessen kauzige Mann ist der einzige, der fähig scheint, die Abgeschiedenheit zu genießen." Am besten ist der Film immer "dort, wo sich Land und Leute scheinbar standhaft weigern, sich der ästhetischen Vereinnahmung oder Charakterisierung zu beugen." Eher unter Vorbehalt lässt sich Freitag-Kritiker Ralf Krämer von dem Film, der um ein dunkles Geheimnis kreist, mitreißen: "Im Laufe der Zeit entwickelt Wettermacher in seiner Mischung aus unprätentiösen Alltagsbeobachtungen und Muchas ahnungsvoller Erzählung jenen Sog, der seit einiger Zeit auch alle möglichen True-Crime-Formate so erfolgreich werden lässt."

Weitere Artikel: Der insbesondere im Netz seit einigen Monaten erheblich gefeierte pakistanische Actionfilm "RRR" bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen antikolonialem Protest und Hindu-Nationalismus, schreibt Sebastian Seidler auf ZeitOnline. In der SZ spricht Doris Dörrie über ihren neue Komödie "Freibad". Daniel Kothenschulte (FR), Jenni Zylka (taz), Katrin Nussmayr (Presse) und Andreas Kilb (FAZ) schreiben Nachrufe auf Wolfgang Petersen (weitere Nachrufe bereits hier). Außerdem erinnert sich Jürgen Prochnow im Tagesspiegel an Petersen.

Besprochen werden Isabelle Stevers Inzestdrama "Grand Jeté" (Zeit), Monia Chokris Verfilmung ihres Theaterstücks "Babysitter" (taz), Michele Pennettas "Il mio corpo" (critic.de), Dan Trachtenbergs Actionfilm "Prey" aus dem "Predator"-Universum (critic.de), Aron Lehmanns "Jagsaison" (Artechock), Fulvio Risuleos "Der ganz große Coup" (SZ), Olivia Newmans Buchverfilmung "Der Gesang der Flusskrebse" (taz, Tsp) und die DVD-Ausgabe von Graham Moores Mafiafilm "The Outfilm" (taz). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich diese Woche wirklich lohnen und welche nicht.