Eine Reihe im Filmmuseum Wien rückt PierPaoloPasolini, den etwas weniger bekannten MauroBolognini und den heute vor allem unter Genre-Spezialisten gehandelten Regisseur CarloLizzani zusammen. Diese Trias "wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich", räumt Dominik Kamalzadeh im Standard ein, als kuratorische Entscheidung ist sie aber lohnenswert, "weil sie Pasolini um ein kulturelles Umfeld ergänzt, in dem er sich später nochmals neu erfinden konnte. In Lizzanis 'Ilgobbo' (1960) übernahm er den Part eines Widerstandskämpfers, der nach der Folter der Faschisten seine Hand und Würde verliert und sich in einen kaltherzigen Zuhälter verwandelt. Der Film ist kein ungebrochenes Heldenlied auf den Widerstand, im Gegenteil: Lizzani zeichnet das Porträt einer Gesellschaft, in der es keine dauerhaften Allianzen gibt. ... Ästhetisch trennt Lizzani und Pasolini einiges, doch in beiden Werken herrscht derselbe Druck. Die Erfahrungen des Krieges müssen mit der überstürzten Verwandlung Italiens in eine Industrienation abgeglichen werden."
Außerdem: Auf Artechockempfiehlt Dunja Bialas die Carte Blanche für ClemensKlopfenstein im Münchner Werkstattkino. Für die Seite Drei der SZ porträtiert Holger Gertz den Schauspieler JörgHartmann, der seit zehn Jahren mit seiner Rolle als "Tatort"-Ermittler verwachsen ist. Hanns-Georg Rodek schlendert für die WamS mit dem Schauspieler KidaRamadan durch Kreuzberg. In der FAS empfiehlt Bert Rebhandl eine Werkschau JonasMekasim Berliner Kino Arsenal.
Besprochen werden die Serie "Das lügenhafte Leben der Erwachsenen" nach dem gleichnamigen Roman von ElenaFerrante (NZZ), AliAbbasis Thriller "Holy Spider" (Artechock, Filmdienst, unsere Kritik), DominikMolls Thriller "In der Nacht des 12." (Artechock, Filmdienst), Felix VanGroeningens und CharlotteVandermeerschs "Acht Berge" (Artechock, Filmdienst), ChristofferSandlers "So Damn Going" (Artechock), Gerard Johnstones Horrorfilm "M3gan" (critic.de, SZ, FAZ), Barbara Kronenbergs "Mission Ulja Funk" (Artechock) und die HBO-Serie "The Last of Us" nach dem gleichnamigen Videospiel (Freitag).
Schaut mit Marx und Engels aufs Humboldt Forum: "Schlachthäuser der Moderne" Ekkehard Knörer ist in der taz von HeinzEmigholz' neuestem Architektur-Essayfilm "Schlachthäuser der Moderne" sehr enttäuscht: Die kühl distanzierte Haltung der vorangegangenen Filme weicht hier dem Wille zur Kommentierung im Stil grobschlächtiger Kapitalismuskritik. Die Reise führt von Buenos Aires über El Alto zurück nach Berlin, zum HumboldtForum. Als "Vorschlag zur Güte" plädiere der Filmemacher "für den Abriss der Stadtschloss-Replik und an ihrer Stelle die Errichtung eines Prachtbaus in der Architektur FreddyMamanis. Das ist als witzige Idee, der die Bedeutung und Rolle Mamanis egal ist, so wohlfeil, wenn nicht töricht, wie die windschiefe Konstruktion des ganzen Films, der sich an der Differenz von Genitivus obiectivus und Genitivus subiectivus seines Titels um Differenzierung herum assoziiert."
Weiteres: Fabian Tietke empfiehlt im Tagesspiegel die Filmreihe "Überblendung - Vergessene Bilder von Ost und West" im Berliner Brotfabrik-Kino.
Die Verleihung der Golden Globes strahlte in diesem Jahr die zuversichtliche Rückkehr zu Glam und Relevanz aus. Auch gab man sich geläutert: Die die Verleihung ausrichtende (und nicht eben als seriös geltende) Hollywood Foreign Press Association (HFPA) hatte in den letzten Jahren mit einigen Skandalen und Defiziten zu kämpfen, Vorwürfe von Korruption und mangelnder Diversität standen im Raum. Ein neuer Investor hat das Rad nun - zumindest an der Oberfläche - herumgerissen und etwa die Bestechlichkeit eingedämmt. Auch "waren nun die Stimmberechtigten offenbar diverser, was jedoch bei den Nominierungen kaum ins Gewicht fiel", schreibt Valerie Dirk im Standard. "Dass er das eigentliche Diversity-Aushängeschild war, war dem afroamerikanischen Moderator JerrodCarmichael mehr als bewusst. Ich bin hier, weil ich schwarz bin, waren die ersten Worte seiner Eröffnungsrede. Darin nahm er sich Gastgeber HFPA vor: 'Ich würde nicht sagen, dass sie rassistisch sind, aber sie hatten kein einziges schwarzes Mitglied, seitdem George Floyd gestorben war. Tun sie mit dieser Information, was immer sie wollen. In einer Minute macht man sich Minztee zu Hause, in der nächsten wird man gefragt, ob man das schwarze Gesicht einer angeschlagenen weißen Organisation sein möchte.'"
the golden globes coming back like nothing ever really happened and then hiring jerrod carmichael who - not even for a second - gave them or the celebs an easy ride. stunnin pic.twitter.com/7oRcXdRcTs
In den letzten Jahren ging Hollywood auf Abstand zu den Globes, jetzt stand der Kurs erneut auf großes Kuscheln. Alles nur wegen der neuen Regeln gegen Korruption und für Diversität? "Die Wahrheit ist wohl eher, dass Hollywood nach einem Jahr der Abstinenz gemerkt hat, wie faustisch dieser uralte Pakt mit diesen ausländischenWichtigtuern doch ist und wie wenig es daraus ein Entkommen gibt", kommentiert Tobias Kniebe in der SZ. "NBC zum Beispiel musste feststellen, dass langjährige Verträge leider auch inmitten von Shitstürmen gelten und dass man der HFPA Jahr für Jahr 62,5MillionenDollar rüberschieben muss, ob man nun etwas sendet oder nicht. Und die Stars der Stunde, besonders jene des Fernsehens, vermissten dann doch bitter das Rampenlicht, die öffentliche Wiedergutmachung, die atemloseStinkefinger-Dankesrede an alle Zweifler und hochnäsigen Nachbarn und überhaupt."
Der zwischen Arthaus und Blockbuster changierende Abend hatte "viel von bewährter Manier", kommentiert Christiane Peitz im Tagesspiegel. Und das auch durchaus im Schlechten: Die Preise gingen in erster Linie an Männer. "Durften sie mal ran in den mit Blockbustern dünn gesäten Pandemiejahren, so wie die Frauen in den Kriegs- und Krisenzeiten des 20. Jahrhunderts den Laden am Laufen hielten? Und jetzt, wo wieder die unbarmherzigeProfitorientierung dominiert, stehen wie gehabt die Männer vorne, außer natürlich bei den Darstellerinnenpreisen für Blanchett und Michelle Yeoh? Die Branche behauptet Diversität, löst sie hier und da auch ein, und geht gleichzeitig auf Nummer Sicher." Julia Lorenz von ZeitOnlinefand den Abend immerhin ganz manierlich: "Für ein paar Momente ist alles, wie es sein sollte bei dieser Show in Beverly Hills: leicht und doof und glitzernd unterhaltsam."
Sehnsucht nach janz weit draußen: "Berlin JWD" Themenwechsel: Fährt der Berliner nach JWD, dann geht es nach "janz weit draußen", also fast schon bis nach Brandenburg - für die notorisch am eigenen Kiez klebenden Berliner also fast eine Weltreise. "Berlin JWD" heißt auch BernhardSallmanns Essayfilm über in ihrer Tristesse wieder sehr reizvolle Orte in den BerlinerAußenbezirken. Zu sehen gibt es mitunter "allerlei Gebilde aus Stahl und Beton, oft malerisch am Berliner Gewässer gelegen", schreibt Olga Baruk im Perlentaucher, "ein Zeugnis Berliner Vielfalt, eine Bild gewordene Schichtung der Zeit. Die kommentarlosen Aufnahmen sind ein Angebot, eine Auswahl realer Zeiträume, die je nach Lust betreten werden können. Bilder, die weniger geformte Gedanken oder Statements sind, als Blicke eines Zeitgenossen, der das Naheliegende meidet und Erholung jenseits ausgetretener Pfade sucht. Das Glück unfreiwilliger Entdeckungen."
Weiteres: In der tazempfiehlt Fabian Tietke eine im Berliner Zeughauskino gezeigte Retrospektive mit den Filmen des Dokumentarfilmers BernhardSallmann. Jürgen Moises legt den Münchner SZ-Lesern eine "Carte Blanche" im Münchner Werkstattkino für den Schweizer Filmemacher ClemensKlopfenstein ans Herz.
Besprochen werden AliAbbasis "Holy Spider" (Perlentaucher, FR, critic.de, mehr dazu bereits hier), BernhardSallmanns Essayfilm "Berlin JWD" über Orte abseits des Hauptstadtglamours in den BerlinerAußenbezirken (Perlentaucher), Felix VanGroeningens und CharlotteVandermeerschs "Acht Berge" (taz), DominikMolls Thriller "In der Nacht des 12." (taz, Tsp), EmmanuelGras' Dokumentarfilm "Revolution - Aufstand der Gelbwesten" (SZ), und GerardJohnstones Horrorfilm "M3gan" (ZeitOnline). Außerdem weiß die SZ, welche Filme sich lohnen und welche nicht.
Zar Amir Ebrahimi in "Holy Spider" In "Holy Spider" erzählt der in Dänemark lebende, iranische Regisseur Ali Abbasi von einem Serienmörder, der in Iran vor zwanzig Jahren im Namen Allahs 16 Frauen umgebracht hat - allesamt Prostituierte. Doch in seinem Thriller "geht es weniger um einen einzelnen Mörder als um die Gesellschaft, in der er zum Mörder wurde", schreibt Johanna Adorján in der SZ, und damit um eine "patriarchale Gesellschaft, die in ihrem Innersten zusammengehalten wird von Misogynie und Religion. Man kann gar nicht anders, als diesen Film in Bezug dazu zu sehen, was seit dem 16. September im Iran geschieht."
Der Film wurde in Cannes ausgezeichnet - sah sich dort aber auch Vorwürfen teils exzessiverGewaltdarstellung ausgesetzt. "Tatsächlich ist die Gewalt in dieser Geschichte allgegenwärtig", schreibt Andreas Kilb in der FAZ, "in den Beziehungen zwischen den Prostituierten und ihren Kunden, in den Blicken der Männer auf Arezu, in den von Drogensucht geprägten Armenvierteln von Maschhad. Der Mörder selbst ist durch jahrelangen Fronteinsatz im Krieg zwischen Iran und Irak traumatisiert." Von daher wäre "den Anblick seiner Taten auszublenden ästhetisch inkonsequent. Die Frage ist, was das für einen Film bedeutet, der nicht nur ein Krimi sein will, sondern auch ein Gesellschaftsporträt. ... 'Holy Spider' bemüht sich sehr darum, kein Genrefilm zu sein. Abbasi will vielmehr die Wirklichkeit Irans aus einem Abstand von zwanzig Jahren rekonstruieren und zugleich heutigen Erzählweisen gefügig machen, und es ist diese doppelte Anstrengung, an der er sich am Ende verhebt."
Außerdem: In der Nacht hat Steven Spielbergs "The Fabelmans" bei den GoldenGlobes abgeräumt - hier alle Preisvergaben im Überblick. Im Vorfeld der Verleihung hatte Valerie Dirk gestern im Standard darüber geschrieben, was sich bei den zuletzt sehr skandalgeschüttelten Globes alles geändert hat. Fabian Tietke empfiehlt in der taz die Reihe "Roads not Taken" im Berliner Zeughauskino.
Besprochen werden NicolasWindingRefnsNetflix-Serie "Copenhagen Cowboys" (ZeitOnline) und AdrianGoigingers surrealer Kriegsfilm "Der Fuchs" (Standard).
Filmstill aus Ali Asgaris "Ta Farda". taz-Kritiker Robert Mießner hat sich in der Berliner Volksbühne Ali Asgaris Film "Ta Farda" angesehen, der von einer ledigen Mutter in Teheran erzählt. Interessant fand er vor allem die anschließende Diskussion: "Dabei war auf dem Podium eine Menge zu erfahren und zu lernen, nicht nur über das mehrstufige Zensursystem im Iran mit seinen immer wieder zu erfragenden Proben-, Dreh- und Aufführungserlaubnissen und behördlichen Interventionen. Man sprach auch über Aspekte der iranischen Revolution, die in der Berichterstattung eher stiefmütterlich behandelt werden. Seit Jahren schon kommt es zu Streiks und Protesten. Es ist auch ein Klassenkampf, der da stattfindet. 'Wer inhaftiert und gehängt wird, das sind die Armen', hieß es auf dem Podium. Es tut dem sehenswerten Film " 'Ta Farda' keinen ästhetischen Abbruch, wenn man diesen Aspekt mit im Auge behält."
Morgen werden die Golden Globes vergeben, in der Welt bezweifelt Hanns-Georg Rodek, dass sie nach all den Skandalen und dem Verkauf an einen privaten Investor jemals wieder Bedeutung erlangen können. Herr des Schauspiels ist jetzt Todd Boehly, Chef des Vermögenverwaltungskonglomerats Eldridge Industries, wie Rodek erklärt: "Die zweitmeisten Nominierungen für die Golden Globes gingen dieses Jahr an Filme einer Firma namens A24 (Eldridge hält Anteile an A24). Und die Feier soll - wie in jedem Jahr - im Beverly Hilton Hotel stattfinden (das, wen wundert's noch, teilweise Eldridge Industries gehört). Interessenskonflikten sind Tür und Tor geöffnet, aber in der HFPA, die an der Wand stand, gab es wenig Opposition gegen den Verkauf."
Besprochen wird Claudia Lenssens und Maike Mia Höhnes Buch über Ulrich und Erika Gregor, denen die Filmwelt das Kino Arsenal, das Forum der Berlinale und das Living Archive zu verdanken hat (Tsp).
Wer im ersten Monat des Jahres einem aktuellen Trend folgend abstinent lebt ("Dry January"), sollte sich vielleicht mal BillyWilders "Das verlorene Wochenende" ansehen, rät Jan Küveler in der Welt. In seiner Serienkolumne für die Zeiterinnert Matthias Kalle an "24". Besprochen wird GuyRitchies "Operation Fortune" (SZ).
Persian Noir: "Holy Spider" von Ali Abbasi (Alamode) In seinem neuen Film "Holy Spider" widmet sich der iranisch-dänische Regisseur AliAbbasi dem realen Fall eines religiös-fanatischenSerienmörders, der im iranischen Maschhad vor etwa 20 Jahren 16 Frauen ermordete. "Ich wollte vor allem die iranische Gesellschaft allgemein und einige Menschen im Besonderen zur Verantwortung ziehen", erzählt der Regisseur im taz-Gespräch mit Thomas Abeltshauser. "Was diesen jungen Frauen angetan wurde, machte mich wütend, und ich wollte ihre Geschichte einer breiten Öffentlichkeit erzählen. Diese Wut ist kein nobles Gefühl, aber sehr effektiv." Sehr finster geraten ist sein Werk, "weil es ein Film Noir ist! Es liegt in der Natur des Genres. Das ist weder unfair noch antiiranisch, wie mir vorgeworfen wird. Es ist ein düsterer Thriller mit iranischen Besonderheiten. PersianNoir. Die Cops sind korrupt, viele Szenen spielen nachts in trostlosen Ecken, die Straßen sind nicht hell erleuchtet. Ich sage nicht: So und nicht anders ist es dort. Iran ist ein großes Land mit fast 100 Millionen Einwohnern, vielen Widersprüchen und komplexen Strukturen. Ich maße mir nicht an, dem auch nur annähernd gerecht zu werden."
Weiteres: Bert Rebhandl berichtet im TipBerlin von seinem Gespräch mit dem Regisseur CyrilSchäublin, dessen Debüt "Unruh" gerade im Kino zu sehen ist, und ist sicher: Dieser Regisseur "hat ohne Zweifel das Zeug, einer der ganz großen Filmemacher zu werden". Auf ZeitOnlinedenkt Kristoffer Cornils in einem Essay über den Vampirmythosin TV-Serien nach.
Besprochen werden MartinMcDonaghs "The Banshees of the Inisherin" (NZZ), FelixVanGroeningens und CharlotteVandermeerschs Bergwanderfilm "Acht Berge" (Welt) und der Kostümfilm "Der denkwürdige Fall des Mr Poe" mit ChristianBale (Tsp).
Dass die iranische Schauspielerin TaranehAlidoosti gegen Kaution aus ihrer Haft in Iran entlassen wurde, meldeten wir bereits gestern kurz. Das Regime hatte sie hinter Gitter gebracht, weil sie es gewagt hatte, sich auf Instagram ohne Kopftuch auf einer iranischen Straße zu zeigen. Auf ihren Entlassungsfotos zeigt sie erneut kein Kopftuch - oder nur ein loses. "Vor der Macht der Bilder hat das Regime offenbar Angst", kommentiert Christiane Peitz im Tagesspiegel. "Das zeigt sich etwa daran, dass Alidoostis jüngster, in Cannes uraufgeführter Film, 'Leila's Brothers' von SaeedRoustayi, im Iran nicht gezeigt werden darf. ... Klassenfragen, soziale Spannungen, das Patriarchat, Gleichstellung und öffentliche Präsenz der Frauen: Die Filme der jetzt 38-jährigen Schauspielerin verhandeln genau diese, im Iran zunehmend brisanten Themen. ... Den RegimeChange dort braucht es nicht zuletzt deshalb, damit sie weiter und wieder drehen können, so wie sie wollen: Alidoosti und Haghighi genauso wie die Goldbären-Gewinner Jafar Panahi und Mohammed Rasoulof, die seit Juli unschuldigimEwin-Gefängnis sitzen."
Weitere Artikel: Schauspieler wie TomCruise, die ihre Stunts selbst umsetzen, wirken auf das Publikum faszinierend und dies umso mehr da heute "ganze Kinogenres von digitalen Spezialeffekten leben", erklärt uns Marion Löhndorf in der NZZ. Besprochen werden CyrilSchäublins "Unruh" (Perlentaucher, mehr dazu bereits hier), MikhäelHers' "Passagiere der Nacht" mit CharlotteGainsbourg (Tsp, mehr dazu hier), MartinMcDonaghs als Oscarfavorit gehandelter Film "The Banshees of Inisherin" (Welt, mehr dazu hier), RianJohnsonsNetflix-Krimi "Glass Onion" (NZZ, unsere Kritik) und die auf Sky gezeigte Serie "Interview with the Vampire" (taz).
Verschwörung der Sanftmut: "Passagiere der Nacht" von Mikhaël Hers In MikhaëlHers' Film "Passagiere der Nacht" spielt CharlotteGainsbourg eine geschiedene Frau in den Pariser Banlieues der Achtzigerjahre, die eine Streunerin bei sich aufnimmt. "Ein Gefühl der Ernüchterung, der Ohnmacht, der tiefenMelancholie", zieht sich durch diesen Film, schreibt Jonas Nestroy im Perlentaucher. Es geht um "zwischenmenschlicheSolidarität. Hers entwirft einen Film der heilenden Fürsorge: Nicht nur im Bild zwischen den Figuren, sondern auch zwischen Kino und der französischen Gesellschaft nach Mitterand. Zu diesem Gestus will Hers, wenn die Krisen zwar permanent an der Tür klopfen, aber konsequent von der Erzählung ausgeschlossen bleiben. ... Dass das alles nicht so naiv wirkt, wie es klingt, liegt daran, wie bewusst Hers ein Kino aus der Vergangenheit, eine filmische Fiktion heraufbeschwört." Einen Rückzug ins Private beobachtet auch Valerie Dirk vom Standard: "Das politische Außen ist vor allem bläulich-kühle Kulisse: Hers arbeitet mit zahlreichen Archivaufnahmen, filmische Formate wechseln, und die Körnung, die Farben des Bildes bleiben dem Gefühl der Ära treu. Halt finden die Protagonisten nicht im meist nächtlichen Außen, sondern in Élisabeths warmer Plattenbauwohnung. Die ist zwar in einer Banlieue gelegen, aber in einer, die lebenswert und architektonisch inspirierend wirkt, und der Blick aus den großen Fenstern ist niemals trist, sondern ungemein poetisch."
Auf FR-Kritiker Daniel Kothenschulte "wirkt der Film wie eine Art gegenläufiges Melodram, das sich langsam zum Guten wendet. Die Traurigkeit ist nicht mehr als ein leiser, tiefer Grundton in dieser ungewöhnlichenEmanzipationsgeschichte einer nicht mehr ganz jungen Mutter." Und vor diesem "Hintergrund unterschwelliger Melancholie entwickelt dieser auf den ersten Blick unscheinbare Film ein geradezu unverschämtes Glück." Freitag-Kritiker Gerhard Midding bezeugt in diesem Film "eine Verschwörung der Sanftmut. ... Das Einverständnis mit dem Leben lässt der Film in einem Tanz zu viert kulminieren, in dem Innigkeit und Abschied verschlungen sind." Diese "nostalgische Reise in die Achtzigerjahre tastet sich an das Zeitkolorit heran, nicht als verlorenes Paradies, sondern als Epoche der Umbrüche, die Anker wirft in die Zukunft. Es ist eine Nostalgie im eigenen Namen - nach den Wurzeln der eigenen Cinephilie -, die sich aber nie vor die Figuren drängt." Zeit und Raum in der kapitalistischen Moderne: "Unruh" CyrilSchäublin erzählt in seinem Film "Unruh" davon, wie in den 1870er-Jahren der Anarchismus in einer SchweizerUhrenmacherstadt Einzug hielt. Der Film handelt "von Fabrikation und Vermessung, von Zeit und Raum in der kapitalistischen Moderne", schreibt Philipp Stadelmaier in der SZ. Doch "insgesamt ist Schäublins Film zu kalkuliert, kontrolliert und beherrscht, um einen revolutionären Elan freizusetzen. Die Beziehungen zwischen Anarchie und Ordnung bleiben dank der Präzision, mit der der Filmemacher vorgeht, dann doch allzu geordnet. Und letztlich ist diese Art von Geschichts-Reenactment und Vergangenheitstheater immer auch eine Praxis, um nicht über die Gegenwart sprechen zu müssen." Hingegen "herausragend" findetFAZ-Kritiker Bert Rebhandl den Film. "Liebe und Anarchie fallen hier vielleicht für einen Moment zusammen, wie auch Politik und Kunst". Zu sehen "ist ein Revolutionsfilm, der sein Interesse dadurch deklariert, dass er einen historischen Moment aufsucht, in dem konkurrierende Regimes (Vaterlandsdemokratie und Internationalismus) und konkurrierende Agenden (bürgerliche Ordnung und deren proletarische Subversion) so aufeinandertreffen, dass man von einem Schlüsselmoment für die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit seinen gesellschaftsverändernden, totalitären Projekten sprechen kann." In der tazspricht der Regisseur über die Hintergründe seines Films.
Außerdem: Die Agenturen melden, dass die iranische Schauspielerin TaranehAlidoosti gegen eine Kaution aus dem Ewin-Gefängnis entlassen wurde (unser Resümee). Der Tagesspiegelplaudert mit der Schauspielerin Anna MariaMühe über ihre auf Netflix gezeigte (und in der FAZbesprochene) Thrillerserie "Totenfrau". Die Schauspielerin OliviaHussey und ihr Kollege LeonardWhiting verklagen die Paramount-Studios auf 500 Millionen Dollar Schadensersatz, weil sie als damals Minderjährige in FrancoZeffirellis "Romeo und Julia" von 1968 eine (äußerst zahme) Szenen ohne Kleidung spielen mussten, meldet Claudia Reinhard in der Berliner Zeitung. In der FAZgratuliert Claudius Seidl dem Schauspieler GüntherMariaHalmer zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden MartinMcDonaghs "The Banshees of Inisherin" (FR, Freitag, Standard, ZeitOnline, taz, mehr dazu bereits hier) und die DVD-Ausgabe von EricBrehmers "Wer wir gewesen sein werden" ("Leben und Tod, PräsenzundFür-immer-Vorbeisein sind hier auf eine Weise ineinander verschlungen, wie sie es nur im Kino sein können", schreibt Ekkehard Knörer in der taz). Außerdem weiß die SZ, welche Filme sich lohnen und welche nicht.
Daniel Kothenschulte setzt im Filmdienst seine Essay-Reihe zur Geschichte der deutschen Filmförderung fort. Diese fährt zweigleisig, führt er aus: Sie versteht sich als Wirtschafts- und Kulturförderung - wobei sich der Fokus in den letzten Jahrzehnten vor allem auf die Wirtschaftsförderung verlegte, um dem deutschen Film zu mehr kommerziellenErfolg zu verhelfen - zumeist ergebnislos. . Darunter leidet insbesondere auch der künstlerische Film, der international viel größere Chancen hätte, wenn er denn nur gepflegt würde: "Warum, muss man sich fragen, verzichtet die deutsche Filmförderung, international repräsentiert durch die Exportunion 'German Films', auf eine Etablierung einer solchen Marke? Liegt es daran, dass künstlerische Filme in einer Filmbranche schlechter angesehen sind, weil Produzenten und Produzentinnen defizitärer Unterhaltungsfilme auf Filme mit geringeren Budgets herabblicken? Je kleiner die Kalkulation, desto geringer ist auch die 'Producer'sFee'." Anders als in Dänemark "verfolgen deutsche Förderinstitutionen kein ästhetisches Programm. ... Aber könnte eine Filmförderung nicht dezidiert die ästhetischen Schulen des deutschen Films unterstützen, ohne dabei andere Positionen zu vernachlässigen?" Stoik (Brendan Gleeson, li.) und Begriffsstutzigkeit (Colin Farrell, re.) in "The Banshees of Inisherin" MartinMcDonaghs irisches, im Jahr 1920 angesiedeltes Drama "The Banshees of Inisherin" über eine Freundschaft, die mit einem Mal auseinander bracht, bietet oscarverdächtiges Schauspielerkino: Insbesondere ColinFarrell wird von der Kritik bejubelt. Anders als Sandra Kegel in der FAZ behauptet, war Farrell zuletzt zwar nicht als Batman zu sehen (sondern als Batmans Gegenspieler Pinguin), dennoch staunt sie, "was für ein Charakterdarsteller in ihm steckt, wenn er verzweifelt über die Zurückweisung bei seinen Tieren Trost sucht oder mit seinen buschigen Augenbrauen immer neue Ausdrücke auf sein Gesicht zu zaubern vermag. Was seine Mimik da Stück für Stück freigelegt, ist das Erschrecken über eine Bedürftigkeit, die dem jungen Mann bislang fremd war: die Scham, womöglich etwas falsch gemacht zu haben, weil er nie etwas anderes mit seinem Leben anzufangen mochte, als im Pub zu sitzen und es nett zu haben. ... Dass dieser zarte und sprunghafte, mitunter rätselhafte Film als Ganzes funktioniert, ist dem virtuosen Spiel seiner beiden Hauptdarsteller Colin Farrell und BrendanGleeson zu verdanken."
Ähnliches schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel: "Der Begriffsstutzigkeit des Einen, versinnbildlicht in Farrells konzentrierter Monobraue, und der essentialistischenStoik des Anderen, vom Buddha-haften Gleeson buchstäblich ausgesessen, verleihen die stumpfen Kadenzen in McDonaghs Dialogen (ungläubige Wiederholungen, Lakonie, verräterische Auslassungen) eine Eigendynamik. 'The Banshees of Inisherin' dreht sich im Grunde um eine moralische Frage, die gerade auch den Kulturbetrieb beschäftigt: Wie wägen wir menschliche Qualitäten gegenüber dem künstlerischen Schöpfungsakt ab?
Weitere Artikel: Andreas Hartmann berichtet in der taz von Tarifkonflikten bei der BerlinerYorck-Kinogruppe - was insofern pikant ist, da die betroffenen Kinos auch mit der Berlinale zusammenarbeiten und es nun zu Belegschaftsstreiks kommen könnte. Tobias Mayer sorgt sich im Tagesspiegel nach dem vorzeitigen Aus für die deutsche Netflixserie "1899" um den Fortbestand seiner Lieblingsserien.
Besprochen werden KasparKasics' Schweizer Portätfilm über die Feministin EricaJong (NZZ), die britische Agentenserie "A Spy Among Friends" (taz) und die "Star Wars"-Animationsserie "The Bad Batch" (Welt).
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