Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.01.2023 - Film

Daniel Haas hat in der NZZ durchaus Probleme damit, wie insbesondere das Gegenwartskino den Journalismus zu einer heroischen Sache verklärt - früher gab es deutlich mehr Zwischentöne, gar Kritik an dem Metier. "Filme wie 'Spotlight' (2016) und 'The Post' (2017) erzählen von der Glanzzeit des Journalismus, mit Akteuren, die gegen größte Widerstände die Wahrheit ans Licht bringen. Jetzt, da soziale Plattformen das öffentliche Bewusstsein kapern und Journalismus mehr und mehr zur Billigware in schnell servierten Feeds verkommt, verklärt das Kino bis auf ein paar Ausnahmen die Presse zur Supermacht der Aufklärung. Das ist ein so nostalgischer wie dramaturgisch nachvollziehbarer Impuls. Aber ob er dem Journalismus selber einen Dienst erweist, ist fraglich. Berichterstattung kann nicht nur aus Scoops bestehen. Journalisten müssen ihren Job gerade dann gewissenhaft ausüben, wenn es nichts Aufregendes zu berichten gibt. Ihr Ehrgeiz sollte auch jenen Themen gelten, die erst einmal nur kompliziert, spröde und wenig unterhaltsam sind. Kinotauglich ist diese trockene Fußarbeit des Journalisten nicht. Einem Faktenchecker oder Investigativ-Redaktor beim Sichten von Aktenbergen zuzusehen, hat einen sehr geringen Unterhaltungswert."

Außerdem: In der Zeit erinnert Ronald Düker an die Errichtung des Hollywood-Schriftzugs vor 100 Jahren. Besprochen wird die Netflix-Serie "Kaleidoskop", die damit auf sich aufmerksam macht, dass ihre Episoden angeblich in beliebiger Reihenfolge gesehen werden können (Tsp).
Stichwörter: Journalismus im Film, Netflix

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.01.2023 - Film

"Unruh" von Cyril Schäublin

Cyril Schäublin spricht im Interview mit dem Standard über seinen Film "Unruh", der von anarchistischen Revolten in der Schweizer Uhrenstadt Saint-Imier im 19. Jahrhundert erzählt. Zeit - historische Zeit wie skalierte Zeit - spielt eine zentrale Rolle in dem Film. "Die ersten Uhren wurden durch Sprache geschaffen, durch Abkommen wie die Definition von heute und morgen. Das übersetzt die mechanische Uhr in Tick und Tack. Und das ist auch nah am Geschichtenerzählen - was mich zu der Überlegung brachte, dass alle diese Ordnungen keine abgeschlossenen Wirklichkeiten sind. ... Für mich wird an dieser Epoche im 19. Jahrhundert sehr gut deutlich, was an der Geschichtsschreibung alles unzulänglich ist. Die Idee der Nation oder der kapitalistischen Organisation wurde so einzementiert, dass sie alternativlos erscheint - daher ist es wichtig zu erinnern, dass beides auf Imaginärem aufbaut."

Außerdem: In seiner Serien-Kolumne für die Zeit erinnert Matthias Kalle daran, wie die Sitcom "Friends" einmal Silvester aufgriff. Besprochen wird die Netflix-Serie "Kaleidoskop" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.12.2022 - Film

Zurück zum Fernsehen! "Weißes Rauschen" von Noah Baumbach

Noah Baumbachs Verfilmung von Don DeLillos Katastrophenroman "Weißes Rauschen" ist nach einer kurzen Kinoauswertung nun auch auf Netflix gelandet. SZ-Kritiker Fritz Göttler sieht hier keinen mit Bewegtbildern illustrierten Roman vor sich, sondern genuines Kino. "Der Film ist wie eine amerikanische Paraphrase von Godards 'Weekend'. Doch "in Baumbachs Dylarama finden - so artifiziell wie bei Godard - Action und Intellekt zusammen. Der Film löst sich von komplizierten menschlichen Passionen, um uns etwas Elementares, Lautes und Feuriges zu zeigen. Einen wundervoll überbordenden Geist der Unschuld." Aus diversen Ehedramen stolpert der Film in eine Giftgas-Apokalypse: "Das Chaos produziert jedoch keine Helden, nur Leute, die nach Hause wollen, zurück vor ihre Fernseher", schreibt Daniel Gerhardt auf ZeitOnline. Alles in allem bleibt er allerdings eher unterwältigt - trotz einer "Wahnsinnsszene", in der ein Hitler-Forscher und ein Elvis-Forscher "die Scheinverbindungen ihrer Forschungsgegenstände buchstäblich durchtanzen".

Weitere Artikel: Der Standard spricht mit Léa Seydoux über ihre Rolle in Mia Hansen-Løves Kinodrama "An einem schönen Morgen" (unsere Kritik). In der taz erinnert Tim Caspar Boehme an Robin Hardys heute eher von Spezialisten in guter Erinnerung gehaltenen Horrorfilm "The Wicker Man", der vor 50 Jahren in die Kinos kam und mit dem sich buchstäblich ein Heidenspaß haben lässt. Susan Vahabzadeh fragt sich in der SZ anlässlich von Rian Johnsons Whodunnit "Glass Onion" (unsere Kritik), warum Agatha-Christie-Plots im Kino gerade wieder so populär sind. Hanns-Georg Rodek (Welt) und Joachim Huber (Tagesspiegel) schreiben Nachrufeauf den vor allem aus TV-Krimis bekannten Schauspieler Hans Peter Hallwachs. In den Neunzigern sprach er den Aragorn in der großen Hörspieladaption von Tolkiens "Herr der Ringe", die derzeit in der ARD-Audiothek online steht. Außerdem blickt das critic.de-Team auf die schönsten Film- und Kinomomente 2022 zurück.

Besprochen werden Aron Lehmanns Verfilmung von Mariana Lekys Bestseller "Was man von hier aus sehen kann" (FAZ-Kritiker Bert Rebhandl nimmt sich daraus Anregungen mit, wie man sich den Alltag "mit allerhand exotischen Ideen behübscht") und eine Berliner Ausstellung zu "100 Jahre Nosferatu" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.12.2022 - Film

Unversöhnt: "Nothing But A Man" von Michael Roemer

Eine Wiederentdeckung gibt es unmittelbar nach dem Jahreswechsel bei der neuen Ausgabe des Berliner Filmfestivals "Unknown Pleasures" zu machen, schreibt Perlentaucher Nikolaus Perneczky: Zu sehen sind unter anderem Filme von Michael Roemer, darunter sein in den Sechzigern unter den Eindrücken der schwarzen Bürgerrechtsbewegung entstandenes Debüt "Nothing But a Man", das den Alltag eines schwarzen Eisenbahnarbeiters schildert. "Ivan Dixon spielt ihn mit sengender Intensität als einen Rastlosen, dem es schlicht unmöglich ist, sich mit den herrschenden Zuständen zu arrangieren. ... Als Film über race relations ist 'Nothing but a Man' von seltener Kompromisslosigkeit. Es gibt keine 'gute' weiße Figur, die als Sympathieträger*in oder Identifikationsangebot fungiert. Die weißen Menschen, die Duffs Fluchtlinie durchkreuzen, sind keine ihrer selbst bewusste Individuen, sondern erscheinen als wandelnde Symptomatologien einer kranken Gesellschaftsordnung."

James Camerons zweiter "Avatar"-Blockbuster (unsere Besprechung) steht in der Kritik, indigene Kulturen zu exotisieren, sie zu fetischisieren und dabei auch das Motiv vom "weißen Retter" zu strapazieren, berichtet Daniel Kothenschulte in der FR. Die Kritik findet er ziemlich plausibel: "Es ist wie es ist: Cameron verwendet sorglos die alten, für ein westliches Publikum identifikationsstiftenden Narrative über wohlmeinende weiße Siedler oder Trapper, wie sie etwa James Stewart im alten Hollywood verkörperte. Wie Old Shatterhand kämpfen sie für die Unterdrückten - und bestätigen doch in ihrer Überlegenheit eine koloniale Hierarchie." In diesem Sinne allerdings unproblematisch ist es offenbar, wenn die mehrheitlich weiße Filmkritik den Unterdrückten zur Seite steht.

Weitere Artikel: Im Standard spricht der Schauspieler Karl Markovics über seine Rolle in Aron Lehmanns Verfilmung von Mariana Lekys Okapi-Bestseller "Was man von hier aus sehen kann". Elmar Krekeler porträtiert in der Welt Natalie Scharf, "eine der am meisten beschäftigten deutschen Drehbuchschreiberinnen", deren neue Mini-Serie "Gestern waren wir noch Kinder" heute ab 10 Uhr beim ZDF online geht.

Besprochen werden Kristina Lindströms und Kristian Petris Dokumentarfilm "Der schönste Junge der Welt" über Björn Andrésen (Tsp, mehr dazu hier), Scott Coopers "Der denkwürdige Fall des Mr. Poe" mit Christian Bale (SZ) und die dritte Staffel von "Emily in Paris" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.12.2022 - Film

Freie, undefinierte Erotik: "Piaffe" von Ann Oren

Daniel Kothenschulte offenbart in der FR seinen guten Vorsatz fürs Jahr 2023 und hofft, dass sich die Filmförderung dem anschließt: mal eben das Kino, vor allem aber die Kunst im Kino retten. Denn um die steht es in Deutschland gar nicht gut: Das Außergewöhnliche und Besondere wird vom Filmförder-Mittelmaß grauer Einheitsware zerrieben. Alternativen? "Helena Wittmanns schwelgerische und doch stilsichere Reiseerzählung 'Human Flowers of Flesh' handelt von der rätselhaften Mission einer Gruppe Suchender auf einer Segelyacht im Mittelmeer. Es ist eine Metapher für ein Kunstideal, das nicht Konzepte abarbeitet, sondern Freiheit schenkt, im Suchen und im Finden. Wie auch der zweite deutsche Festivalerfolg im Ausland, der im eigenen Land nicht mal einen Filmverleih gefunden hat. Die aus Tel Aviv stammende Videokünstlerin Ann Oren erntete für ihren Film 'Piaffe' auf den brach liegenden Äckern des filmischen Surrealismus. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, gespielt von der Mexikanerin Simone Bucio, die sich als Geräuschemacherin für einen Pferdefilm versucht. Dabei wächst ihr selbst ein Pferdeschwanz am Steißbein, begleitet von einer neuen sexuellen Empfindsamkeit. Selten hat man im Kino eine so freie, undefinierte Erotik gesehen. Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass uns diese beiden Filme bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises begegnen werden."

Tobias Obermeier befasst sich in der Jungle World mit den Diversitätsstrategien bei Disney. An sich sind die ja eine gute Sache, findet er. Doch "dieser Akzent auf Repräsentation ist eher ökonomischen als gesellschaftspolitischen Gründen geschuldet. Disney hat es jahrzehntelang vermieden, auch nur den Hauch einer Kontroverse zu riskieren." Unter anderem wirft das Disney-Studio Pixar der Konzernleitung vor, "bei so gut wie jeder Szene, in der 'offenkundig homosexuelle Zuneigung' zu sehen sei, Schnittänderungen zu fordern." Diese Haltung "könnte auch damit zusammenhängen, dass man es sich mit China, einem der wichtigsten Kinomärkte der Welt, nicht verscherzen möchte. Ohne die über 82.000 Kinoleinwände in dem Land könnte der Konzern mit seinen sündhaft teuren Blockbuster-Produktionen, die oft mehrere Hundert Millionen US-Dollar verschlingen, nicht die notwendigen Profitmargen erzielen. Da ist es nur folgerichtig, dass man sich den kulturpolitischen Vorgaben der chinesischen Regierung fügt - nicht nur bei Disney."

Jobst Oetzmann aus dem Beirat des Bundesverbandes Regie treiben derweil ganz andere Sorgen um: Netflix zahle Regisseuren zu wenig Honorar, finden er und seine Kollegen und liegen daher seit geraumer Zeit mit dem Streamer im Clinch. Sie fordern eine Gewinnbeteiligung. "Die Verdi-Vereinbarungen mit Netflix liegen aktuell kaum über denen mit deutschen Sendern, und dann auch noch mit nur bescheidenen Folgevergütungen", sagt er im SZ-Gespräch. "Wir fordern eine Vergütungsregel für eine Erstvergütung, eine Vergütung für die Einstellung auf die Netflix-Plattform in allen Ländern, gegebenenfalls gestaffelt und nach Zeit und Territorien, und eine Regelung für den Erfolgsfall. Netflix ist ein Sonderfall: Sie stellen ihre Auftragsproduktionen ein, und die sind nicht nur in Deutschland oder Europa, sondern überall, auch in Patagonien und Taiwan, zugänglich. Andere Streaminganbieter haben unterschiedliche Angebote für unterschiedliche Territorien, Netflix nicht."

Außerdem: Damien Chazelles verruchtes, mit Brad Pitt und Margot Robbie zudem prominent besetztes Epos "Babylon" sollte eigentlich als heißer Oscar-Kandidat ins Rennen gehen, legte nun beim US-Filmstart allerdings eine sensationelle Bruchlandung an den Kassen hin, meldet Tobias Kniebe in der SZ. Jörg Taszman resümiert im Filmdienst das Kinojahr 2022. Im Filmdienst blickt Marius Nobach auf die gestorbenen Filmschaffenden der letzten zwölf Monate zurück.

Besprochen werden Rian Johnsons neuer "Knives Out"-Whodunnit "Glass Onion" ("Funktioniert die erste Hälfte zuvorderst als Satire über dumme, reiche Leute, kennt die zweite Hälfte nichts als Krimi und Erklärungen", schreibt Robert Wagner im Perlentaucher), Annie Ernaux' Essayfilm "Die Super-8-Jahre" (taz, ZeitOnline, mehr dazu hier), Xavier Giannolis Balzac-Verfilmung "Verlorene Illusionen" (Welt), Aron Lehmanns Verfilmung von Mariana Lekys Okapi-Bestseller "Was man von hier aus sehen kann" (Tsp, taz), Albert Serras "Pacifiction" (NZZ), und Matthew Warchus' für Netflix entstandene Musicalverfilmung von Roald Dahls "Matilda" (FR). Außerdem weiß die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.12.2022 - Film

Mit Sorge beobachtet Richard Brody, Chef-Filmkritiker beim New Yorker, wie das gediegene Oscar-Segment des Hollywoodkinos nach der Pandemie kein Publikum mehr findet. Der Abstand zwischen grellem Spektakelkino und künstlerisch ambitionierteren Filmen wird wirtschaftlich immer größer: Wer sich heute als Auteur etablieren will, dringt kaum mehr bis zu den Leinwänden durch - und auch kaum noch zu den Kritikern. "Viele Besprechungen zu 'Top Gun: Maverick' fühlen sich nach Stockholm-Syndrom an. ... Das Potenzial, richtig Kasse zu machen, wurde so behandelt, als wäre alleine das schon ein künstlerischer Wert. Ein Wert jener Sorte, der einem die Wertschätzung für weit kühnere Filme, die riskieren, wesentlich verstörender zu wirken, wahrscheinlich austreibt. ... Doch die Zukunft der Kunst wird zunehmend im wirtschaftlichen Tiefsegment zu finden sein. Dorthin wird sich der überwältigende Teil der kritischen Aufmerksamkeit hinrichten müssen - das heißt, falls Kritiker künftig noch den kreativen Fortschritt des Kinos reflektieren und sich nicht selbst dazu verdammen, einfach nur das impotente Echo dessen Geschäftspläne zu sein."

Außerdem: Dierk Saathoff erinnert in der Jungle World an Quentin Tarantinos Meisterwerk "Jackie Brown", das vor 25 Jahren in die Kinos kam, und die Fehde, die Spike Lee seitdem mit Tarantino pflegt. Auf ZeitOnline würdigt Daniel Gerhardt die Sitcom als Experimentierlabor des Serienfernsehens. Fritz Göttler meldet in der SZ, dass ein US-Gericht die Klage einiger Filmfans zugelassen hat, die die Universal Studios auf Schadensersatz verklagen wollen, weil in einem Filmtrailer zwar die Schauspielerin Ana De Armas zu sehen ist, aber nicht im dergestalt beworbenen Produkt.

Besprochen werden Rian Johnsons auf Netflix gezeigte Krimi-Knobelei "Knives Out 2: Glass Onion" mit Daniel Craig (Standard), Dani Levys auf Paramount+ gezeigte Serie "Der Scheich" (taz), das Biopic "I Wanna Dance With Somebody" über Whitney Houston (online nachgereicht von der FAZ), die Serie "Tulsa King" mit Sylvester Stallone (TA) und Scott Coopers Krimi "Der denkwürdige Fall des Mr Poe" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.12.2022 - Film

Ikone des Leidens: Björn Andrésen, für Visconti einst "der schönste Junge der Welt" (Missingfilms)

Mit zwiespältigen Gefühlen sieht SZ-Kritiker Philipp Stadelmaier Kristina Lindströms und Kristian Petris Dokumentarfilm "The Most Beautiful Boy in the World" über Björn Andrésen, der mit 15 für Visconti vor der Kamera stand, zur Ikone aufstieg und nach zahlreichen schweren Schicksalsschlägen heute im Alter völlig verarmt ist. "Bei all dem bleibt der Moment, in dem der junge Mann die Gemächer des weltberühmten Regisseurs in Stockholm betritt und damit sein Schicksal besiegelt, die Urszene des Films. Und genau das ist sein Problem. Lindström und Petri erliegen erneut dem Charme des blonden Engels, wie einst Visconti. Auch sie machen, ausgehend von diesem Moment, Andrésen zur Ikone - nicht der Schönheit, sondern des Leidens. Der Film ist durchaus rührend, aber oft auch rührselig, wenn Andrésen mit schweren Schritten als ausgezehrte Silhouette durch dunkle Korridore und über winterkalte Strände schlurft. So instrumentalisieren die wohlmeinenden Filmemacher den armen Mann mit den blassen Augen erneut. Während dieser erneut die Kontrolle über sein eigenes Bild verliert."

Für die Welt porträtiert Elmar Krekeler den Serienautor Orkun Ertener, der sich vor einigen Jahren eigentlich ins Romangeschäft verabschiedet hat, mit "Neuland" nun aber ein Serien-Comeback fürs ZDF hingelegt hat. Der Konkurrenz durch die Streamingdienste verdankt Ertener eine neue Stärkung seiner Position als Autor, erzählt er: Er ist nun "Creative Producer" und als solcher auf allen Ebenen der Produktion zur Mitsprache berechtigt. "Er habe, sagt Ertener das Gefühl, dass da eine neue, extrem hohe Offenheit ist. Ein Nachholbedarf auch. 'Weil es Material braucht für die Mediatheken.' ... Während sich die deutschen Streamer, inzwischen konsolidiert, eher in Richtung Entertainment und Mainstream entwickeln, so Ertener, und immer ZDFiger würden eigentlich, spüre er in den Redaktionen der Öffentlich-Rechtlichen eine große Risikobereitschaft. Für ein junges, für ein spitzes Publikum." Und wie ist "Neuland" nun geraten? Die Serie, die einen Blick auf die Abgründe hinter einem linksliberalem Biedermeier wirft, entpuppt sich nach einem etwas schwachen Beginn als "psychologisch sehr sorgfältig und plausibel entwickeltes Mehrfamiliendrama, das in der zweiten Hälfte immer packender wird", lobt Matthias Hannemann in der FAZ.

Außerdem: Im Standard spricht Bert Rebhandl mit Jerzy Skolimowski über dessen in der NZZ und bei uns besprochenen Eselfilm "EO". Katja Nicodemus nimmt den Film in der Zeit zum Anlass für Überlegungen zum Wandel, der sich im Verhältnis zwischen Tier und Mensch auf der Leinwand abzeichnet, denn "immer mehr Dokumentar- und Spielfilme versuchen die Eigenständigkeit ihrer animalischen Protagonisten ins Bild zu setzen, sie von Zuschreibungen und Projektionen zu befreien". Dlf Kultur sprach an den Feiertagen anderthalb Stunden mit Nina Hoss über Leben und Werk. Welt-Kritiker Harald Peters geht dem Erfolg von Steven Spielbergs vor 40 Jahren veröffentlichtem Klassiker "E.T." auf den Grund. Das Presse-Team kürt seine Lieblingsserien des Jahres.

Besprochen werden Giuseppe Tornatores Dokumentarfilm über Ennio Morricone (Welt, unsere Kritik), Tim Burtons "Addams Family"-Spinoff-Serie "Wednesday" (taz), Felix van Groeningens "Acht Berge" (Standard) und eine Harry-Potter-Ausstellung in Wien (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.12.2022 - Film

Rüdiger Suchsland ist auf Artechock weiterhin sehr unzufrieden mit dem Stand der Dinge in der deutschen Filmkultur: Ohne Rückhalt in der Bevölkerung, viel Ernstelei, Lebensferne, wenig Hunger auf den großen Wurf - oder wenigstens den Versuch eines solchen. "Die mangelnde gesellschaftliche und ästhetische Bedeutung des Kinos hierzulande zeigt sich auch daran, dass es - jedenfalls in Deutschland - keinerlei ästhetische Fantasien entfesselt. Wo gäbe es denn in den letzten 30, 40, 50 Jahren eine vernünftige ästhetische Theorie des Kinos?" Und "was hätten unsere Filmschaffenden über einige der Kunst-Themen des Jahres zu sagen gehabt, etwa über die 'documenta-Debatte', über BDS, über die Zukunft der Kritik? ... Viel und gern wird von unseren 'Filmschaffenden' gerade über 'Feminismus' und 'Diversität' geschwafelt, über 'Postkolonialismus' und 'Nachhaltigkeit', über 'Rassismus' und 'Ökologie'. Aber wo geht das über halbgelesene, viertelverdaute Leitartikel hinaus?"

Außerdem: Jochen Werner arbeitet sich fürs Weird Magazin durch sechs Weihnachtsfilme des ursprünglich mit Horrorfilmen bekannt gewordenen Regisseurs Tibor Takács. In den FR-Notizen zu Weihnachtsszenen erinnert Lisa Berins an Terry Gilliams Groteske "Brazil".

Besprochen werden Jerzy Skolimowskis "EO" (Artechock, critic.de, Filmdienst, mehr dazu hier), Xavier Giannolis Balzac-Verfilmung "Verlorene Illusionen" (critic.de, Filmdienst, Artechock), Florian David Fitz' "Oskars Kleid" (Filmdienst, Artechock), Kasi Lemmons' Biopic "I Wanna Dance With Somebody" über Whitney Houston (ZeitOnline, mehr dazu hier), die Disney-Serie "Mord im Auftrag Gottes" (Welt) und die Netflix-Serie "Ein Sturm zu Weihnachten" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.12.2022 - Film

Dass die Novellierung des Filmfördergesetzes erneut um ein Jahr verschoben wurde, kann der Filmemacher Daniel Sponsel, geschäftsführender Leiter des Internationalen Dokumentarfilmfestivals München, einfach nicht fassen. Herausforderungen gibt es zur Genüge - längst haben Heimkinoformen bis hin zum Streaming das Kino als vorrangigen Ort des Bewegtbilds abgelöst, schreibt er im Filmdienst. "Das Kino gilt zwar nach wie vor als gesellschaftlich relevante Kulturform und -praxis, doch die Kulturpolitik muss sich in einem weit höheren Maße dazu bekennen, um es nicht dem Spiel der Marktkräfte zu überlassen." Umso verbitterter beobachtet er, wie neben dem subventionierten Bühnen- und Museumsbetrieb landauf, landab kulturpolitische Prestigeprojekte aus dem Boden gestampft werden: "Warum erscheint der Gedanke so abwegig, analog dazu aufwändige Häuser für die Filmkunst zu initiieren, keine Paläste, sondern wahre Multiplex-Kinos? Das zielt nicht auf eine Musealisierung des Kinos, sondern formuliert das Gegenteil, den Anspruch auf eine kulturpolitische Strategie zur Umsetzung der kulturellen Praxis Kino in großer Breite."

Keine Traumata: "I Wanna Dance With Somebody"

Kasi Lemmons' Biopic "I Wanna Dance With Somebody" über das Leben und Sterben von Whitney Houston ist eine vergebene Chance, findet Christian Schachinger im Standard. Wie systematisch Houston ausgenutzt wurde, schildere der Film kaum. "Das mit 146 Minuten streng chronologisch und mit Dauerbeschallung ihrer seit 30 Jahren totgespielten größten Hits wie 'The Greatest Love of All' oder 'One Moment in Time' reichlich ermüdend gestaltete Drama hätte reichlich Stoff für ein Sittenbild des Showbusiness des späten 20. Jahrhunderts geben können. Das bigotte System unterzog damals zwecks Publikums- und Gewinnmaximierung neben Michael Jackson oder Mariah Carey auch sehr schnell die Afroamerikanerin Whitney Houston einer Wandlung zum 'Oreo"-Keks, wie es im Film heißt: außen schwarz, innen weiß."

Peter Praschl von der Welt kann dem Film hingegen keine "Schönfärberei" vorwerfen. Vor allem spricht der Film die Sängerin selbst nicht davon frei, an ihrem Absturz unschuldig zu sein. "Hier werden keine Kindheitstraumata, schlimme Umgebungen und ungünstige gesellschaftliche Bedingungen für einen Untergang verantwortlich gemacht. Wenn sich Whitney Houston, daran lässt der Film keinen Zweifel, mehr um sich und um ihr Talent gekümmert hätte, auf ihre Freunde gehört und ihr Geld in bessere Entziehungskuren gesteckt hätte, könnte sie immer noch ein prächtiges Leben führen." tazlerin Jenni Zylka hat die Muster der Regie schnell durchschaut und langweilt sich über weite Strecken.

Besprochen werden die Balzac-Verfilmung "Verlorene Illusionen" (SZ), Rian Johnsons auf Netflix gezeigter Whodunnit "Knives Out 2" (Presse) und Florian David Fitz' Komödie "Oskars Kleid" über einen Schuljungen, der lieber Mädchenklamotten tragen will (Welt, Tsp, ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.12.2022 - Film

Die Filmkritik liebt den Esel EO (Symbolbild)

Jerzy Skolimowskis Bresson-Update "EO" über einen vagabundierenden Esel geht der Filmkritik sehr nahe. "Wen der Anblick eines verlorenen Esels nicht zu Tränen rührt, der ist sowieso ganz falsch im Kino und wahrscheinlich auch in der Welt", schreibt Patrick Holzapfel im Perlentaucher. Doch Skolimowski und sein Kameramann Michał Dymek wagen auch den Sprung in die Perspektive des Esel, sie "nähern sich in surreal schwebenden, monochrom gefärbten Welten dessen Träumen und Erinnerungen." Solche Perspektivwechsel sind so "dämlich wie genial. Genial ist es, weil es Kamera und die gescholtene Seele des Protagonisten gleichermaßen befreit und so zu einer Art Hoffnungsschimmer wird, in dieser zwar niemals nur grausamen, aber doch unerträglichen und einschließenden Welt zwischen Zirkus, Fußballvereinen und Adeligen. Diese Bilder sind nur ein Aspekt der zahlreichen befreienden formalen Experimente, auf die sich der Filmemacher einlässt. Dämlich, weil es in einem aufrichtig an den Tieren interessierten Film nichts Unpassenderes gibt, als die zutiefst menschliche Fantasie, dass man deren innere Welt bebildern könnte."

Aus den Augen eines Esels betrachtet, "wirkt der Bereich des Menschlichen wie ein absurdes Theater", schreibt Philipp Stadelmaier in der SZ. Mit dieser Verschiebung "erforscht Skolimowski die Seele eines Esels, seine Spiritualität. Den Eseln dieser Welt mag das egal sein. Aber es macht uns Zuschauer, zumindest für die Dauer dieses Films, vielleicht zu etwas besseren Menschen." Für Welt-Kritikerin Marie-Luise Goldmann ist "EO" ein "Meisterwerk der Ambivalenz". Daniel Kothenschulte hat für die FR mit dem Regisseur gesprochen.

Gut inszeniert: "Harry & Meghan" 

In der SZ ärgert sich Susan Vahabzadeh, das die von Harry & Meghan produzierte Netflix-Porträtserie über sich selbst ernsthaft als dokumentarisches Format annonciert und von der Kritik auch noch so besprochen wird: "Das ist seit ein paar Jahren ein Unding: Selbstporträts - ein Film über eine Person, die gleichzeitig auch Produzent oder Produzentin des Film ist. 'Becoming', auch auf Netflix zu sehen, ein Film über Michelle Obama, hat einiges mit dem von ihr geschriebenen gleichnamigen Buch gemein, und das Bild, das sich der Film von Michelle Obama macht, hat Michelle Obama gemalt. ... All diese Selbstporträts gehören zu einer Zeit, in der Menschen davon leben, und mitunter nur davon, dass sie sich selbst zu Marken machen. Egal, ob man diese Filme dann gut findet oder sterbenslangweilig: 'Dokus' sind sie nicht. Ein Waschmittelwerbespot ist auch keine Dokumentation über Seifenpulver."

Weitere Artikel: taz-Mexiko-Korrespondent Wolf-Dieter Vogel wirft einen Blick auf Netflix' Blick auf Mexiko. Matthias Heine erzählt in der Welt die Geschichte, wie es dazu kam, dass David Lynch in Steven Spielbergs autobiografischem "The Fabelmans" Hollywood-Legende John Ford verkörperte. Hier ein Ausschnitt:



Besprochen werden Giuseppe Tornatores Dokumentarfilm "Ennio Morricone - der Maestro" (Perlentaucher, Standard, mehr dazu hier), Kasi Lemmons' Biopic "I Wanna Dance With Somebody" über Whitney Houston (Presse, NZZ), die DVD-Ausgabe von Takayuki Hiraos Animationsfilm "Pompo: The Cinephile" (taz), Xavier Giannolis Balzac-Verfilmung "Verlorene Illusionen" (taz, FAZ), Florian David Fitz' Transgender-Komödie "Oskars Kleid" (Standard, SZ) und die "Star Wars"-Serie "Andor" (Jungle World). Außerdem weiß die SZ, welche Filme sich in dieser Woche lohnen und welche nicht. Und: Die Filmdienst-Kritiker küren ihre besten Filme des Jahres.