Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.06.2023 - Bühne

Lemohang Jeremiah Mosese: Ancestral Visions of the Future / Pageantry of Wailing. Bild: Haus der Berliner Festspiele

Hin und weg ist SZ-Kritiker Peter Laudenbach vom Festival "Performing Exiles" im Haus der Berliner Festspiele, das mit einem krachenden Konzert des extra aus Charkiw angereisten ukrainischen Rockstarautors Serhij Zhadan begann: "Auch wer kein Wort ukrainisch versteht, ist umgehauen von der puren Wucht des Konzerts, bei dem Hunderte Ukrainer jede Zeile mitsingen und die 'Fuck Putin'-Parolen feiern... Das neue, von Matthias Lilienthal erfundene 'Performing Exiles'-Festival der Berliner Festspiele unternimmt eine ziemlich groß angelegte Vermessung einiger Frontverläufe und Konfliktlinien der zerrissenen Gegenwart. Vor dem Konzert der ukrainischen Band kann man in zwei Theaterstücken den Lebensgeschichten von Menschen in libanesischen Flüchtlingslagern oder einem iranischen Gefängnis begegnen. Nach dem Konzert geht es um Mitternacht in der Bar mit bestem afrikanischem Jazz weiter. Und am nächsten Tag erzählen nach Berlin emigrierte Künstlerinnen der russischen Opposition bei 'performativen Stadtspaziergängen' von den Orten des russischen Exils im Berlin des vergangenen Jahrhunderts und der Gegenwart. Dass russische und ukrainische Künstler bei einem Festival auftreten, ist derzeit fast ein Ding der Unmöglichkeit."

Auch in der Nachtkritik feiert Sophie Diesselhorst den gelungenen Brückenschlag zwischen den Communities, wovon auch die Wiederbelebung der einst legendären Schöneberger Pinguin Bar im Foyer des Festspielhauses zeuge, sie hat sich aber einen anderen Favoriten ausgesucht: "Der in Berlin lebende, aus Lesotho stammende Filmemacher Lemohang Jeremiah Mosese verarbeitet in 'Ancestral Visions of the Future / Pageantry of Wailing' Motive aus seinen international vielbeachteten Filmen 'Mother, I Am Suffocating. This Is My Last Film About You' und 'This Is Not a Burial, It's a Resurrection' (beide 2019 herausgekommen). Und macht ein genuines Stück Theater draus. Visuelle Poesie mit langsam fließenden lebenden Bildern, die immer wieder von Sarai Coles Sopran emotional verstärkt und von Live-Performance durchbrochen werden."

Eine neue Wertschätzung für den Text im Theater bemerkt Margarete Affenzeller vor der Verleihung des Retzhofer Dramapreis im Standard, ein neues Interesse an Sprache und Sprechweisen: "Dennoch stehen die Zeichen weiterhin auf Romandramatisierungen. Netflix heizt dem Theaterbetrieb gehörig ein und forciert eine Plotgetriebenheit, die die deutsche Autorin Ulrike Syha einmal zynisch kommentierte: 'Ich schreibe jetzt einen Roman, damit ich am Theater aufgeführt werde.'"

Besprochen werden Ewe Benbeneks Stück "Juices" am Nationaltheater Mannheim (zutiefst bewegend findet taz-Kritiker Björn Hayer diesen Text über Scham und Armut), Puccinis Oper "Turandot", die in Zürich als das Fragment gezeigt wird, das sie durch den Tod des Komponisten eigentlich geblieben ist (NZZ), Jules Massenets Salome-Vertonung "Hérodiade" an der Düsseldorfer Oper (bei der es Welt-Kritiker Manuel Brug aber deutlich sittsamer zugeht als in Richard Strauss' Version), das Stück "Now and Then" im English Theatre Frankfurt (das von einer Räumungsklage bedroht ist, wie Sylvia Staude in der FR hinzufügt) und der theatralische Musikabend  "Spatz und Engel" bei den Burgfestspiele Bad Vilbel (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.06.2023 - Bühne

Große Gesellschaft in Verona. Zur hundertsten Ausgabe des Opernfestivals wurde Verdis "Aida" gespielt, die Kunstfliegerstaffel der Frecce Tricolori sprühten im Tiefflug Grün, Weiß und Rot in den Himmel über das Amphitheater, und Anna Netrebko durfte singen. In der SZ bemerkt Michael Stallknecht, dass Netrebkos Ansehen schon wieder so weit hergestellt sei, dass sogar ihr Mann Yusif Eyvazov den Radamès geben durfte, findet die Inszenierung ansonsten aber solide: "Überhaupt wird trotz des Massenaufgebots bemerkenswert differenziert musiziert, klingt das Orchester der Fondazione Arena di Verona hochtransparent. Der italienische Dirigent Marco Armiliato verführt es immer wieder zu fast tänzerischer Eleganz, vermag aber bei Bedarf ebenso leichthin zuzuschlagen. In klaren Klanggesten tritt das Chiaroscuro der Partitur hervor." Im Standard erlebt Dominik Straub eher ein "mit großer Kelle" angerührtes, ganz und gar unpolitisches Spektakel.

Weiteres: Till Briegleb schreibt in der SZ zum Abschied des Intendanten Ulrich Khuon, der nach 14 Jahren das Deutsche Theater verlässt und interimsweise das Zürcher Schauspielhaus leiten wird. 

Besprochen werden Ewe Benbenek Stück "Juices" (das Nachtkritiker Steffen Becker als Sprachkunstwerk lobt), Holger Schultzes "Hamlet"-Inszenierung am Theater Heidelberg (Nachtkritik), Anne Leppers "Jugend ohne Chor" am Staatstheater Darmstadt (FR), eine halbszenische Aufführung von Beethovens "Fidelio" in der Tonhalle Zürich (NZZ) und Mozarts "Die Entführung aus dem Serail" an der Wiener Volksoper (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2023 - Bühne

Szene aus "Jugend ohne Chor" am Staatstheater Darmstadt. Foto © Fabian Stransky


Immerhin, zum Schluss schimmert etwas Optimismus auf in Eva Langes Inszenierung von Anne Leppers Text "Jugend ohne Chor", atmet Nachtkritikerin Shirin Sojitrawalla am Ende der Uraufführung im Staatstheater Darmstadt auf. Davor versuchte man in einer Backstube den Kapitalismus zu überwinden: "Um die Verkommenheit der Menschen geht es auch bei Lepper. Ihr titelgebender Chor ist dabei längst zur Massenware geworden, nichts Besonderes, man kann ihn im Internet bestellen und dann schon sehen, was man davon hat, im Kern tot, auf der Bühne in Darmstadt indes quicklebendig. Aus 60 spärlich bedruckten Seiten Text macht die Regisseurin und Co-Intendantin des Marburger Landestheaters, Eva Lange, 60 vielschichtige Minuten, die von krassen Licht- und lässigen Tonwechseln leben. Ihr Chor besteht aus sechs uniformen Menschen, die zu Anfang blonde Mireille-Mathieu-Perücken, später kahle Schädel tragen. Der Chor ist Volk, Gesellschaft, Publikum, kritisches Bewusstsein. Nichts Dramatisches mehr, sondern lediglich nice to have."

Weiteres: In der FAZ gratuliert Jürgen Kesting der ungarischen Sopranistin Éva Marton zum Achtzigsten. Besprochen werden Alexander Zeldins Stück "The Confessions" bei den Wiener Festwochen (bisschen viel Klischees, meint Martin Lhotzky in der FAZ) und eine konzertante Aufführung von Massenets Oper "Hérodiade" an der Deutschen Oper Berlin (BlZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.06.2023 - Bühne

Giselle in der Rhein-Oper: Doris Becker, Ensemble Ballett, © Bettina Stöß


Relektüren des eigentlich sehr klassisch-romantischen Balletts "Giselle" haben Konjunktur, stellt Dorion Weickmann (SZ) fest, so auch an der Düsseldorfer Rhein-Oper. In der Inszenierung von Demis Volpi soll es darum gehen, die eigentlich binären Geschlechteroppositionen im Stück "queer und polyamourös zurechtzubiegen und mit feministischen Applikationen - Anleihen bei Virginia Woolf und Ingeborg Bachmann - zu versehen." Das gelingt zwar nicht immer, findet Weickmann, dennoch sieht sie Potential: "Schicksalsmomente ziehen vorbei, Sternstunden und Niederlagen. Es sind die Schwarmgeister, die Wilis in weißen Tutus, die diesem biografischen Defilee ein beinahe liturgisches Gepräge geben. Bei Volpi sind es Frauen und Männer, die den Totentanz vollführen - intensiv und anrührend."

Szene aus "Song of the Shank" in Wien. Foto: Nurith Wagner-Strauss


Ganz glücklich ist Maxi Broecking in der taz nicht mit der Uraufführung von George E. Lewis' Oper "Song of the Shank" bei den Wiener Festwochen: Die Geschichte um den schwarzen Komponisten "Blind Tom", als Sklave geboren, "hätte subtiler umgesetzt werden können, selbst wenn - quasi mit dem Holzhammer - deutlich wird, dass sich der in seinem Monolog selbst ermächtigende Tom zum Afropessimisten entwickelt hat: Auch in Zukunft wird sich nichts ändern." Der Ansatz für mehr Diversität auf den deutschsprachigen Bühnen ist aber durchaus lobenswert, so der Kritiker: "Im Unterschied zur Figur des 'Blind Tom' bleibt Lewis selbst optimistisch. Eine Botschaft seiner Oper sei, westliche Kultur in ihrer Selbstwahrnehmung zu dekolonisieren und zu erkennen, dass es weitaus mehr Perspektiven auf Musik gibt als jene, die wir gewohnt sind. Auch die einzige Künstlerin im Ensemble, die Bratschistin Megumi Kasakawa, ist zuversichtlich, dass es auch dort im Sinne der angestrebten Diversität bald mehr Instrumentalistinnen geben wird."

Besprochen werden außerdem Alexander Zeldins "The Confessions" bei den Wiener Festwochen(Nachtkritik, Standard), Joel Pommerats "Contes et Légendes", ebenfalls bei den  Festwochen (Nachtkritik), Kathrin Kondaurows Inszenierung der "Fledermaus" an der Staatsoperette Dresden (nmz), Markus Öhrns Performance "Häusliche Gewalt" an der Volksbühne (BlZ) sowie Adam Ganz' Installation "Felix's Room" am Berliner Ensemble (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.06.2023 - Bühne

"Il teorema di Pasolini", Foto: Eike Walkenhorst.

NZZ
-Kritikerin Eleonore Büning hat sich die Giorgio Batistellis Opern-Adaption von Pier Paolo Pasolinis Film "Teorema" an der Deutschen Oper Berlin angesehen und ist begeistert. Fasziniert verfolgt sie, wie in "Il teorema die Paolini" die "Bilder laufen lernen" und ist vor allem beeindruckt von der musikalischen Gestaltung durch Daniel Cohen: "Sie beginnt mit einem krimireifen, zauberisch ins Glissando absinkenden Pistolenknall und entwickelt alsbald einen eigentümlichen Sog. Melodien sind rar. Doch betörend tonmalerische Orchesterzwischenspiele gliedern das Geschehen, auch der Warnschuss vom Anfang kehrt, wie ein Ausrufezeichen, von Zeit zu Zeit wieder. Effektvoll oszillieren die Sängerpartien, sie bewegen sich textnah, zwischen Sprechen, Sprechgesang und Rezitativischem, mit markanten Espressivo-Ausbrüchen."

Weitere Artikel: Antonia Munding besucht für das Van Magazin einen "Hidden Champion", nämlich das beherzte Theater Bielefeld. In der Zeit hat Peter Kümmel seine Freude daran, eine ganz spezielle Kulturtechnik genauer zu betrachten: den "Theaterhusten". Den gibt es nämlich in ganz verschiedenen Variationen, lesen wir. Die Palette reicht vom "feuchten Vorwurfs-" über den "Vertuschungshusten" (mit dem sich etwa Verpackungs-Knistern überdecken lässt), zum Echo-Husten (das dem Erst-Huster die Peinlichkeit ersparen soll). Im Tagesspiegel schreibt Peter von Becker einen Nachruf auf den Theaterproduzenten Jochen Hahn.

Besprochen werden Olivier Messiaens Oper "Saint François d'Assise" in der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler an der Stuttgarter Staatsoper (Zeit, tsp), Julien Gosslins Inszenierung von "Extinction" bei den Wiener Festwochen, für die er Texte von Arthur Schnitzler und Thomas Bernhard fusioniert hat (SZ, Standard), die Theater-Installation "Felix' Room" von Adam Ganz am Berliner Ensemble (BlZ), Christine Wipplingers Inszenierung von Heinrich von Kleists Lustspiel "Der zerbrochn'e Krug" am Theater Meggenhofen (Standard) und Doris Harders Inszenierung von Shakespears "Ein Sommernachtstraum" im Globe Berlin (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.06.2023 - Bühne

leicht bis in den Tod: Julien Gosselins "Extinction" bei den Wiener festwochen. Foto: Simon Gosselin

Size matters, ruft Standard-Kritikerin Margarete Affenzeller nach dem Fünfstünder "Extinction", mit dem der französische Regisseur Julien Gosselin seinen Einstand bei den Wiener Festwochen gab. Ein echter Galaabend mit Thomas Bernhard, Schnitzler und Apokalypse: "Gosselin lässt die Zeit filmrealistisch aufleben, verankert die Jahrhundertwende thematisch mittels Psychoanalyse, Expressionismus, Trends wie Hypnose oder Haschisch sowie Disputen über Mahlers Kindertotenlieder. Die Erde beginnt alsbald tatsächlich zu beben und die Kamera stellt in einem weiteren harten Schnitt auf Farbe um und filmt ein makaberes Volksmusikringelspiel in Tracht und mit Hackebeil. An dem Punkt wurde bereits so viel Albtraumhaftes spürbar, dass das Massaker nur logisch erscheint." Nachtkritikerin Gabi Hift versank beim Schnitzler-Part geradezu in ihrem Theatersessel: "Eine wahre Hochglanzpracht im Stil der fünfziger Jahre Filme, wie etwa von Max Ophüls, opulent, elegant, changierend zwischen Melodram und Burleske... Gesprochen wird mal deutsch, mal französisch, in selbstverständlichem, verspieltem Wechsel. Französische Frivolität und schlamperte Wiener Sentimentalität harmonieren wunderbar - beide ironisch, beide leicht bis in den Tod."

Besprochen werden Aufführungen beim NRW-Theaterfestival "Impulse" (bei dem SZ-Kritikerin Cornelia Fiedler der "Trend hin zu konkreten, oft politischen Erzählungen und weg vom formal-ästhetischen Experiment" auffält), die Wiederentdeckung von Andrea Bernasconis Barockoper "L'Huomo" bei den Potsdamer Musikfestspielen ("Ein Ereignis!", ruft Peter von Becker im Tsp), die "Pension SchöllerInn" am Münchner Volkstheater (taz), Olivier Messiaens Monumentaloper "Saint François d'Assise" in Stuttgart (FR, Tsp), die Uraufführung von Giorgio Battistellis Pasolini-Oper "Teorema" ("Ohne jeden Mehrwert gegenüber dem Film", schimpft Manuel Brug in der Welt), Mozart-Opern bei der Landlebengala in Glyndebourne (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.06.2023 - Bühne

Im Mai wurde die Theaterregisseurin Schenja Berkowitsch verhaftet, einige Stücke wurden bereinigt und etliche weitere Künstler haben das Land verlassen. Aber im Grunde floriert das kulturelle Leben, berichtet Kerstin Holm in der FAZ aus Moskau, allerdings mit einem Hauch von Schwefel: "Der lustvolle Zyniker des russischen Theaters, Konstantin Bogomolow, vergießt unterdessen Krokodilstränen über die europaaffine Elite, die sich vom westlichen Luxus verabschieden muss. An der von ihm geleiteten Bühne an der Malaja Bronnaja läuft seine Farce 'Hamlet in Moscow', worin der Titelheld, ein Oligarchensohn, der in London lebte und Russisch mit britischem Akzent spricht, aus Anhänglichkeit an seinen im Corona-Koma verblichenen Vater auf dem als groteskes Requisit erscheinenden Geschlechtsorgan von dessen Geist Flöte spielt. Überhaupt wird die Frage nach Sein oder Nichtsein hier von der nach (auch sexuell ausgedrückter) Subordination beiseitegedrängt. Flankierend veröffentlichte Bogomolow ein Manifest, worin er Russlands Bruch mit Europa begrüßt und seine verwestlichte Finanz- wie Geisteselite, die dadurch entmachtet oder vertrieben wurde, verhöhnt."

Messiaens "Saint François d'Assise". Martin Sigmund / Staatsoper Stuttgart

Anna-Sophia Mahler
hat in Stuttgart Olivier Messiaens' tiefreligiöse Monumentaloper "Saint François d'Assise", als achtstündiges Volksfest mit Naturerfahrung inszeniert. In der FAZ ist Jan Brachmann nicht unbedingt glücklich mit dieser "Resignation vor dem Totalverlust der Transzendenz", tröstet sich aber mit der ungebärdigen Musik. Ähnlich geht es Egbert Tholl in der SZ: "Das Staatsorchester sitzt auf der Bühne und vollbringt Wunder, der Chor füllt die Ränder des Zuschauerraums und tut es den Instrumentalisten gleich. Was musikalisch hier passiert, ist von allergrößter Großartigkeit, Titus Engel dirigiert dieses hochkomplexe Konstrukt mit stupender Selbstverständlichkeit. Und Michael Mayes ist ein Ereignis. Sein François glüht, betört, die Stimme ist wundervoll lyrisch, aufbrausend, gleichzeitig hell und baritonal zornig."

Weiteres: In der Welt erlebt Manuel Brug Barrie Koskys Inszenierung von Poulencs "Dialoge der Karmeliterinnen" in Glyndebourne als Triumph. In der SZ stellt Michael Stallknecht den Verein Förderband vor, der sich für die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am Kulturleben einsetzt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.06.2023 - Bühne

Giorgio Battistellis "Teorema". Foto: Eike Walkenhorst / Deutsche Oper Berlin

Der italienische Komponist Giorgio Battistelli hat zu Pier Paolo Pasolinis Film "Teorema" eine Oper geschaffen. In der FAZ ist Gerald Felber nicht unbedingt überzeugt von Battistellis routinierter Delikatesse und seinen den Raum "durchschlurfenden Klangbändern". Aber am Ende weiß er die Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin als Kontrapunkt zu unserer durchzappelten Welt zu schätzen: "Dass auch bourgeoise Clans so ihre Sorgen und leergelaufene Lebensentwürfe einen gewissen Ewigkeitswert haben - eigentlich geschenkt. Worüber man freilich nachdenken darf: ob sie damals, vor einem halben Jahrhundert, vielleicht doch ein anderes, existenzielleres Gewicht hatten als in unserer verzappelten, alle Tage neue Problemchen oder Sensatiönchen durch die Kanäle treibenden Gegenwart. Die bittere, selbst befragende Ernsthaftigkeit ins ganz Private hinein, wie sie Pasolini demonstrierte und schließlich auch selbst lebte: Sie kommt in dieser Opern-Umformung zwar einigermaßen aufgeweicht, aber immer noch deutlich genug herüber." Im Tagesspiegel schreibt Eleonore Büning.

Weiteres: Im Standard-Interview erzählt ein gut aufgelegter Klaus Maria Brandauer von den herrlichen alten Zeiten und erklärt, warum er nichts von Stundenplänen an Schauspielschulen hält und warum das Theater noch lange nicht am Ende sein wird: "Das Theater braucht nicht viel, ein Raum, ein paar Leute reichen. Wer je eine gelungene Theaterarbeit erlebt hat, vom Ich zum Du, vom Du zum Ich, der wird wieder versuchen, eine solche zu erleben."

in der taz unterhält sich Katrin Bettina Müller mit dem Intendanten des deutschen Theaters, Ulrich Khuon, der das Haus nach vierzehn Jahren verlässt, über seinen Lieblingsort, Diversität und die Notwendigkeit der Frauenquote: "Im Bühnenverein habe ich lange genug gedacht, das kommt so Schritt für Schritt. Am Anfang gab es eine Intendantin in unserer Männerrunde, 20 Jahre später waren 20 Prozent der Intendanten Frauen - aber 80 Prozent sind dann immer noch Männer, das geht zu langsam. Da muss man Druck aufbauen."

Besprochen werden die Diskursrevue "Shanzai Express" des Performancekollektivs andcompany&Co an der Berliner Volksbühne ("Die Kostüme sind der Hammer", versichert Nachtkritikerin Esther Slevogt), Jaz Woodcock-Stewarts "Jason Medea Medley" am Staatsschauspiel Dresden (Nachtkritik), Richard Strauss' "Salome" am Staatstheater Mainz (FR), Joël Pommerats Stück "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" vom Schauspiel Leipzig im Zoo der Stadt (FAZ) und Yael Ronens Weltuntergangskomödie "Planet B" am Berliner Gorki-Theater (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.06.2023 - Bühne

Szene aus "Planet B". Bild: Stefan Di Buduo

Lange hat Christine Wahl (Tsp) im Theater nicht mehr so gelacht wie bei "Planet B", dem neuen Stück von Yael Ronen und Itai Reicher am Berliner Maxim Gorki Theater, das sich nicht weniger als das Massenartensterben vorknöpft. Nur fünf Prozent aller Arten haben das Wüten des Homo Sapiens überlebt - und müssen sich nun gegen Aliens zur Wehr setzen, resümiert Wahl: "Auch diesmal gibt es, verpackt in hochtouriges Pointen-Pingpong, jede Menge Debattenstoff. Der Survival-Show-Cast gibt sich als Fabeltiergrüppchen mit Humanspiegelbildfunktion zu erkennen: Orit Nahmias brilliert als aktivistisches Huhn und Aysima Ergün als kollektivistische Ameise. Alexandra Sinelnikova lässt als sexpositive Influencer-Füchsin keinen Zweifel daran, dass sie den urbanen Raum längst unter Kontrolle hat. Maryam Abu Khaled verströmt als Panda aus jeder Fellfalte die Depression, die eine Dauerdegradierung zum Kuscheltier zeitigt."

Alles wirkt "frisch und originell, weil die Charakterzüge - eine Verneigung vor der Fabel - auf allen Ebenen fein auf die tierischen Eigenschaften abgestimmt sind. Amit Epstein hat ihnen hinreißende Kostüme auf den Leib geschneidert, mehr menschliche Charakterhüllen als Tierhäute", kommentiert Nachtkritiker Georg Kasch. Und in der Berliner Zeitung amüsiert sich Doris Meierhenrich über "eine hintersinnig witzige SciFi-Komödie".

Besprochen werden Roger Vontobels "Macbeth" in einer Fassung von Elisabeth Bronfen bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen (SZ, nachtkritik), Elfriede Jelineks "Ein Sportstück" in der Inszenierung von fünf Regiestudierenden der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" und RambaZamba-Intendant Jacob Höhne am Berliner RambaZamba Theater (nachtkritik) und das Musical "Bis keiner weint", eine der Neuköllner Oper mit dem Musical-Studiengang der UdK (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.06.2023 - Bühne

"Abteilung Leben" am Theater Basel. © Ingo Höhn.

Büromief auf der Bühne - was langweilig klingen mag, wird für Simon Strauß (FAZ) in Christoph Marthalers Inszenierung "Abteilung Leben" am Theater Basel trotz leichter Längen ein anregender und atmosphärisch dichter Abend, wie er es von dem Schweizer Regisseur gewohnt ist, nicht zuletzt dadurch, dass er die Aufführung in ein altes Birsfeldener Gemeindeamt verlegt: "Die ausgesonderte Amtsstube bietet an sich schon eine wehmütig-verblichene Atmosphäre, die von Bühnenbildner Duri Bischoff noch unterstrichen wird: In einem der Zimmer scheint eben erst eine Weihnachtsfeier zu Ende gegangen zu sein, Lampions, Girlanden, Sektflaschen zeugen als traurige Überreste von einer gezwungenen Gemütlichkeit. Andernorts reinigt sich eine Kaffeemaschine alle fünf Minuten selbst und unterbricht damit den gelangweilten Redefluss einer Vorzimmerdame. Über Lautsprecher wird die aktuelle Höhe der Bestechungssumme für Baugenehmigungen durchgegeben - ganz ohne sozialkritische Spitze soll auch diese Inspektion nicht vonstattengehen."

Außerdem: Dem Frankfurter English Theatre, das größte seiner Art im kontinentalen Europa, droht eine Räumungsklage der Commerzbank, meldet die FR. Besprochen werden: Die Inszenierungen "Onkel Wanja" von Tomi Janežič und "La Obra" von Mario Pensotti (FAZ), "Song of the Shank" von George Lewis, "Contes et légendes" von Joel Pommerat und "Extinction" von Julien Gosselin (alle drei Standard), die bei den Wiener Festwochen aufgeführt werden.