Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.07.2023 - Bühne

Szene aus "Kranetude". Bild: Mayra Wallraff

Die Theaterkritikerinnen sind an den Müggelsee gereist, um zu erleben, wie Florentina Holzinger in "Kranetude" begleitet von vier nackten Drummerinnen ein "morbides Fleisch-Mobile" aus sieben nackten Frauenkörpern in den Himmel steigen lässt. So resümiert Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung das Saisonende der Sophiensäle, zu dem Holzinger "mit Kraft, Leidenschaft und Witz eine ganze Kulturgeschichte" umstülpt: "Die Geschichte romantisch umflorter Frauenbilder nämlich, die sich aus wasserweichen, floral umrankten Hübschgesichtern speist und hier in bildstarke Stunts und wassersportige Lebenslust umgeschmiedet wird." Auch Tagesspiegel-Kritikerin Christine Wahl ist hin und weg: "Der Abend sprudelt (...) nur so über vor spektakulären Ideen und luziden Bildern. (…) Jetskis cruisen auf dem See umher, Performerinnen schnellen delfinartig aus dem Wasser und tauchen wieder ab, und irgendwann hält unter dem Stahlkranz auch ein Boot, von dem aus eine weitere Performerin an einem Blechschild emporgezogen wird, mit dem sie in der Luft ausdauernd kämpft." "Sommermusiktheater der Extraklasse", jubelt auch Nachtkritikerin Esther Slevogt: "Mit wenigen, aber dafür rabiaten Mitteln produziert die Performance Bilder und Assoziationen zur apokalyptischen Krise, in die die natur- und klimazerstörende Lebensweise des Industriezeitalters geraten ist."

Die vom ARD-Mittagsmagazin in Auftrag gegebene Umfrage zu Machtmissbrauch am Theater (Unser Resümee) ist "von empirischer Evidenz ... weit entfernt. Es wirkt, als hätte sie schlicht die Funktion, den reflexhaft wiederholten Vorwurf des Machtmissbrauchs im Kulturbetrieb und das Märchen vom übermächtigen Intendanten möglichst schrill zu belegen", kommentiert Peter Laudenbach (SZ), der "Recherche" eher für "eine Online-Umfrage unter fragwürdigen Vorzeichen" hält: "Die Fragen wurden über die Adressenlisten der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger und die Schauspieler-Organisation Ensemblenetzwerk an die Theaterkünstler gemailt. Man könnte sagen: Die Umfrage war eine Kooperation zwischen den Journalisten und den Bühnen-Gewerkschaften. Ein Hinweis auf diese Zusammenarbeit wäre hilfreich gewesen, im ARD-Beitrag fehlt er. Die Antworten auf die Umfrage erfolgten anonym. Dass die Journalisten nicht wissen, ob besonders frustrierte Bühnenkünstler vielleicht mehrmals geantwortet und so das Ergebnis verzerrt haben, räumt Helena Daehler aus dem ARD-Rechercheteam auf SZ-Anfrage ein. Theoretisch könnte ein Dutzend arbeitsloser Schauspieler hunderte Fragebögen mit frei erfundenen Behauptungen ausfüllen."

Außerdem: Die FAZ bringt die Rede, die Ulrich Matthes zum Abschied von Ulrich Khuon als Intendant des Deutschen Theaters gehalten hat.

Besprochen werden Jan Langenheims Inszenierung von Christian Barons "Ein Mann seiner Klasse" am Pfalztheater in Kaiserslauter (nachtkritik), Satoko Ichiharas "Bakchen" (FR, FAZ) und Apichatpong Weerasethakuls "A Conversation With the Sun" (FR) beim Festival Theater der Welt in Offenbach.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.06.2023 - Bühne

Angesichts einer vom ARD-Mittagsmagazin in Auftrag gegebenen Umfrage zu Machtmissbrauch am Theater fragt Christiane Peitz für den Tagesspiegel noch einmal nach: Wie war das jetzt am Gorki-Theater? Von Seiten des RBB heißt es, es seien Mediationsgespräche mit der Vertrauensstelle Themis geführt worden - die aber führt gar keine solchen Verhandlungen durch. Eine Umfrage des RBB weise auf andauernde Probleme hin. Dazu äußert sich Indentantin Shermin Langhoff ausweichend: Sie könne dazu "nichts sagen, auch nicht zur Situation der Betreffenden, 'weil diese Mitarbeiter*innen sich nicht zu erkennen geben und nicht mitgeteilt wird, aufgrund welcher Ereignisse sie das 'Klima der Angst' empfinden. Sind es die Zeitverträge und deren Verlängerungsprozesse, so gibt es diese zweifellos.' Der Pressesprecher weist außerdem darauf hin, dass am Gorki Theater Konfliktlösungs- und Beschwerdeinstitutionen existieren, die für alle zugänglich sind." In der FAZ hat Simon Strauß wenig Geduld mit den Gorki-Mitarbeitern, die sich nur hinter vorgehaltener Hand äußern: "Wenn ein Ensemble nicht den Mut aufbringt, den erfahrenen Machtmissbrauch Einzelner gemeinsam zur Anzeige zu bringen, kann es auch keine Veränderung erhoffen. Die Öffentlichkeit darf nicht als Ausputzer für den fehlenden Kollektivgeist von Theaterangestellten missbraucht werden."

Felix's Room. Bildrechte: JR Berliner Ensemble

Ein "Requiem auf einen jüdischen Kaufmann" hat Patrick Wildermann (Tagesspiegel) am Berliner Ensemble gesehen: Inszeniert hat "Felix's Room" Adam Ganz, der Urenkel jenes Felix Ganz, dessen Zimmer hier mit Hilfe des Digitalunternehmens Scanlab in 3D auf die Bühne gebracht wird. Das winzige Zimmer mussten Felix und seine Frau Erna 1942 nach einer Zwangsumsiedlung in ein sogenanntes "Judenhaus" bewohnen: "Dieser eindringliche, stimmig komponierte Abend setzt auf berührende Weise Puzzleteile zusammen, ohne Anspruch auf ein vollständiges Bild zu erheben. Dass Felix und Erna Ganz von den Nazis ins Konzentrationslager verschleppt und ermordet wurden, das etwa breitet 'Felix's Room' nicht aus. 'Ich möchte nicht', so Adam Ganz, 'dass man sich die beiden nach ihrer Deportation vorstellt, herabgewürdigt zu zwei Zahlen unter vielen.'"

Nicht ganz überzeugt ist Egbert Tholl in der SZ: "An Adam Ganz ist bestimmt kein Autor verloren gegangen. Die Mutmaßungen über das Leben von Felix und Erna hätte er besser jemanden erzählt, der diese dann in Worte gefasst hätte." Doch immerhin die technische Komponente sagt ihm zu: "Die Musik gerinnt zu einem Flirren, die Oboe bläst eine disparate Melodie, aus den Scans weichen die Farben, und die Aufführung wird so zum geisterhaften Sinnbild der Erinnerung, Schatten, Chimäre, was halt alles im Kopf auftaucht, wenn man sich zu erinnern versucht. In diesen Momenten ist 'Felix's Room' ein absolutes, technisch ohnehin verblüffendes Meisterwerk. Dass der Rest ausbaufähig ist - geschenkt." Von einem "unprätentiös auftretenden, kompakten Abend" spricht nachtkritiker Christian Rakow.

Besprochen werden noch "Ship. Bridge. Body" der Gruppe Theatre of Playwrights im Festspielhaus Hellerau (Nachtkritik) und das deutsch-tansanische Theaterprojekt "Ultimate Safari" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.06.2023 - Bühne

Szene aus Poulencs "Dialogues des Carmélites" beim Festival von Glyndebourne. Foto: Richard Hubert Smith


Barrie Kosky kann ernst auch ohne ironische Distanz, lernt eine hoch beeindruckte Gina Thomas (FAZ) bei der Premiere von Koskys Inszenierung der Poulenc-Oper "Dialogues des Carmélites" beim Festival von Glyndebourne: Gertrud von le Fort verarbeitete in ihrer Novelle von 1932 die Hinrichtung von 16 Karmeliterinnen während der Französischen Revolution. Poulenc komponierte die Musik dazu Mitte der fünfziger Jahre, unter dem Eindruck der Naziverbrechen: "Kosky macht die Parallele zum Holocaust später auf ätzende Weise konkret, wenn die Ordensschwestern ihre Kleider ablegen, ihnen Pappschilder um den Hals gehängt und die Haare geschoren werden, bevor sie der Reihe nach, ihre Schuhe umklammernd, singend in den Tod gehen. Mit jedem Sausen des Fallbeils, dessen schauerliche Wirkung Poulenc steigert, indem er die regelmäßigen Klänge eines immer höher geschraubten, immer nachdrücklicheren 'Salve Maria' mit der Unregelmäßigkeit des Geräuschs der Guillotine kontrastieren lässt, fliegt ein Paar Schuhe aus den Kulissen über die Bühne."

Weiteres: Michael Stallknecht bleibt in der SZ unbeeindruckt vom der AR-Brille in Theater und Oper: "Das sind bislang keine Anwendungen, bei denen wirklich der Kern der ästhetischen Erfahrung neu verhandelt würde." Besprochen wird noch die Choreografie "King" von Shaun Parker in Wiesbaden (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.06.2023 - Bühne

Szene aus Brett Deans "Hamlet" in München. Foto: W. Hösl


Nicht gerade einen Abend mit neuester neuer Musik erlebte SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck bei der Eröffnung der Münchner Opernfestspiele mit Brett Deans "Hamlet", aber doch immerhin gut unterhaltendes professionelles Musiktheater: Dean "schreibt einen vielstimmig gewobenen Minimalismus, gern rhythmisch treibend, oft furios. Dazwischen streut er fein gearbeitete Ensembles ein, sein Vokalstil ist unangestrengt nüchtern. Diese Musik ist lebendig, sie kann harsch und wild auffahrend sein und sich im Brodeln und Kratzen verlieren. Immer strahlt sie, immer tanzt sie nach vorn, immer lockt sie den Hörer, die Vorbilder Igor Strawinsky und Benjamin Britten sind virtuos weiterentwickelt. Deans Musik leuchtet beständig Matthew Jocelyns sich nah an William Shakespeares Drama haltende Libretto aus, gibt Stimmung, Tempo und Färbung der einzelnen Szenen unverwechselbar vor und stellt sich den Sängern nie in den Weg. Giuseppe Verdi hätte das ganz genauso gemacht." In der nmz ist Wolf-Dieter Peter dieser Hamlet "zu monochrom" und vor allem: zu lang.

Weiteres: In der SZ ist Till Briegleb etwas enttäuscht von den ersten vier Tagen des Festivals "Theaterformen" in Hannover. Die Veranstaltung legt hohen Wert auf Barrierefreiheit und stellt die persönlichen Erfahrungen von Menschen in den Mittelpunkt, die Ausgrenzung erleben, so Briegleb. Die allzu simplen und belehrenden Botschaften lassen das aber zum "Missionstheater" werden, der künstlerische Anspruch kommt hier zu kurz, bedauert der Kritiker. In einem weiteren Artikel berichtet Briegleb über die neue Vorsitzende des Hamburger Ohnsorg-Theaters Sandra Keck, die nach Modernisierungsversuchen der vorherigen Intendanz zum "konservativem Unterhaltungstheater" auf Plattdeutsch zurückgekehrt ist. Besprochen wird Stas Zhyrkovs Inszenierung von "Tell. Eine ukrainische Geschichte" im Rahmen der Mannheimer Schillertage (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.06.2023 - Bühne

News from the Past. Foto © Judith Buss


Geradezu zukunftsweisend im Umgang mit Erinnerung findet FAZ-Kritikerin Kerstin Holm das Berliner Festival "Performing Exiles", bei dem unter anderen Doku-Stück "News from the Past" des Kiewer Regisseurs Stas Zhyrkov aufgeführt wurde. Das an den Münchner Kammerspielen  in Kooperation mit der KZ-Gedenkstätte Dachau entwickelte Stück zeigt, "wie sich das sowjet-totalitäre und das NS-deutsche Regime während der Dreißiger- und Vierzigerjahre eng verzahnt entwickelten und dass Russlands derzeitiger Vernichtungskrieg gegen die Ukraine auf gewisse Weise eine Fortsetzung der damaligen Politik ist." So "vergegenwärtigt ein deutsch-ukrainisches Schauspielerquartett in einer Art szenischem Geschichtsseminar Schlüsselereignisse jener Zeit. Während auf der Bühne des Heimathafens Neukölln Jahreszahlen aufleuchten, erklingen - Deutsch und Ukrainisch übertitelt - Texte über Pogrome in Deutschland, die Hungersnot Holodomor und Terrorwellen in der Sowjetukraine, aber auch Augenzeugenberichte aus Butscha."

Besprochen werden außerdem Barbora Horákovás Inzenierung von Georg Friedrich Haas' Kammeroper "Thomas" an der Staatsoper Berlin (Tsp, BlZ) und - in einer Doppelbesprechung - Niels Niemanns Inszenierung von Andrea Bersconis Oper "L'huomo" und Marshall Pinkoskys Inszenierung von Marc-Antoine Charpentiers Barockoper "David et Jonathas" (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.06.2023 - Bühne

Das Theater von Mariupol in der Rekonstruktion des Center for Spatial Technologies. Bild: Berliner Festspiele

Das ukrainische Center for Spatial Technologies (CST) hat sich in Berlin als Ableger der Londoner Gruppe Forensic Architecture gegründet, einer Mischung aus Rechercheagentur und künstlerischer Intervention. Jetzt hat das CST die Geschichte des Theaters in Mariupol rekonstruiert, das durch einen russischen Bombenangriff zerstört wurde. Bis zu sechshundert Menschen wurde dabei getötet, wie Amelie Sittenauer in der taz in Erinnerung ruft: "Doch war der Ort, wie sich herausstellte, viel mehr als der Schauplatz eines Kriegsverbrechens. In den Wochen zuvor hatte sich das Gebäude in einen Mikrokosmos zivilen Widerstands verwandelt - 'in eine Stadt in einem Gebäude'. Wie aus den Zeugenaussagen und Rekonstruktionen hervorgeht, wurde das Theater in kurzer Zeit zu einem Raum der Solidarität, der Kreativität und gemeinsamen Verantwortung. Menschen versammelten sich um die Feldküche und ums Klavier, Kinder spielten dort. Die Rekonstruktion bedeutete für die Überlebenden auch ein Stück Erinnerung zurückzubekommen, während sie die Beweise dafür unter der russischen Besatzung von ihren Handys löschen mussten."

Die Krise der Demokratie in Frankreich und die ideologische Kulturpolitik der extremen Rechten erfassen auch die Theater, wie im Interview mit Nachtkritikerin Sophie Diesselhorst Joris Mathieu berichtet, der Intendant des Théâtre Nouvelle Génération in Lyon: "Wir leben in einem Land, in dem die extreme Rechte zwar nicht die Wahlen gewonnen hat, ihre Ideen aber bereits einen enormen Einfluss ausüben. Das politische Gravitationszentrum verschiebt sich leider in diese Richtung. Gleichzeitig müssen wir im Dialog bleiben - auch mit denjenigen, die für diese Parteien gestimmt haben. Als Institutionen müssen wir offen sein und bleiben. Künstler:innen müssen deutliche Worte finden, aber auch weiterhin unsere Wahrnehmung für das Imaginäre öffnen. Es ist eine ständige Spannung zwischen dem Sprechen über die Realität und dem Entwickeln von Fiktionen."

Besprochen werden Elisabeth Papes Stück "Extra Zero" über Essstörungen am Staatstheater Augsburg (das Nachtkritiker Christian Muggenthaler als ein "Epos voll gut durchkomponierter Information" lobt, in der SZ nennt es Egbert Tholl "notwendig"), Christian Weises Musical zu Schillers "Wilhelm Tell" in Mannheim (SZ) und der von Marco Goecke kuratierte Tanzabend "Sphären"am Bayerischen Staatsballett (der SZ-Kritikerin Dorion Weickmann zeigt, dass die Tanzwelt auf Goeckes "künstlerisches Genie" auch nach der Hundekot-Attacke auf eine Kritikerin nicht wird verzichten können).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2023 - Bühne

Szene aus "Wilhelm Tell". Foto: Christian Kleiner

Für seine Inszenierung auf der Seebühne im Karpfenteich bei den Schillertagen Mannheim hat Christian Weise den "Wilhelm Tell" nicht nur als Musical angelegt, sondern das ganze Ensemble in Fischkostüme gesteckt. Gute Idee - eigentlich, meint Christiane Lutz in der SZ: "Es wird gesungen, getanzt, mit Flossen gewedelt und ins trübe Wasser gesprungen, Männerrollen und Frauenrollen gibt es nicht. Der Tell, ein Karpfical. Die Idee ist so gaga, dass sie an sich schon wieder gut ist, weil es absolut keinerlei zwingenden Anlass gibt, aus dem 'Tell' thematisch irgendwas Karpfenähnliches oder auch nur Fabelhaftes herauszulesen." Leider haut es "nicht recht hin, weil zwischen all den Fisch-Gags, dem Gesang, der pausenlosen Ironie und den wogenden Karpfenschädeln dann eben doch einiges an Inhalt verloren geht. (…) Aus starren Karpfenmündern wirkt der Text vor allem albern." Nachtkritikerin Esther Boldt amüsiert sich hingegen prächtig: "Der Freiheitsdrang liegt an diesem Abend eher im lustvollen Gegen-den-Strich-Bürsten - und da liegt er gut."

Außerdem: Maximal zwanzig Prozent des Ensemble des Wiener Burgtheaters sollen laut dem designierten Intendanten Stefan Bachmann ausgetauscht werden, entwarnt Margarete Affenzeller im Standard. In der SZ berichtet Christine Dössel von den Geburtstagsfeierlichkeiten zu Klaus Maria Brandauers Achtzigstem im Burgtheater. Besprochen werden außerdem eine Inszenierung von Louise Bertins "Faust"-Oper beim Festival Palazzetto Bru Zane im Pariser Théâtre des Champs-Elysées (FAZ) und Ahmad Ali und Wiktor Baginskis Steppenwolf-Inszenierung am Theater Freiburg (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.06.2023 - Bühne

Marlene Monteiro Freitas: Idiota. © Bea Borgers


"Idiota" ist eine Ein-Personen-Show, bei der sich die Choreografin und Performerin Marlene Monteiro Freitas auf den Berliner Festspielen in die Büchse der Pandora zwängt. Diverse Rollen nimmt sie dabei in Anlehnung an antike Mythen ein, verrät Nachtkritikerin Elena Philipp. "Mal sind die Augen der kapverdischen Choreographin und Performerin voll Schreck aufgerissen, dann klafft der Mund, im Schrei erstarrt. Auf Agonie folgt Arroganz, auf Genuss das Grauen." Idiota "hat kein Geschlecht, sie hat keine fixierte Identität, sondern ist offen für den gestaltenden Zugriff ihrer Schöpferin. Ein fluides Werkstück. Wie Pandora, die vom Götter-Schmied Hephaistos aus Lehm geschaffen wurde. Idiotas Auftrag: Sich auf der Suche nach der Hoffnung dem Menschsein in all seinen Facetten aussetzen."

Beim feministischen HAU-Festival "Protagonistas!" lässt sich Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung von Marina Oteros Videobotschaft "Fuck Me" verstören: "In seiner einnehmend-abstoßenden Wirkung ist 'Fuck me' ein mutiges, komplexes Kunstwerk, das verunsichert und wehtut, über den Fetisch von Macht, Leistung, Geschlechterhierarchie, Gewalt und Freiheit nachdenken lässt, das einem das eigene bürgerliche Leben auf eine Weise um die Ohren haut." Das lenkt ihn aber nicht von einer Aktion der israelisch-palästinensischen Künstlerin Himmat Zoubi ab: In deren Performance "bleibt ein Plattencover der schwedisch-palästinensischen Band Kofia sichtbar, die in den Siebzigern mit antizionistischen Liedern von sich reden machte, in denen zur Zerschlagung und Vernichtung des Zionismus aufgerufen wird, in denen Steine und Raketen des palästinensischen Befreiungskampfes besungen werden. Was soll das heißen? Ist der Hamas-Terror jetzt auch eine feministische Sektion?"

Weiteres: Die Dresden Frankfurt Dance Company hat mit Ioannis Mandafounis einen neuen Chef, melden FR und FAZ. Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Arne Gieshoffs Oper "Bär:in", inszeniert von Franziska Angerer an der Deutschen Oper Berlin (Tsp), Verdis "Aida" in der Arena von Verona (Welt) und die Choreografie "Möbius" der Compagnie XY am Staatstheater Wiesbaden (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.06.2023 - Bühne

Claudius Seidl und Simon Strauß schreiben in der FAZ je zum Achtzigsten des Schauspielers Klaus Maria Brandauer. In der Berliner Zeitung gratuliert Ulrich Seidler, in der SZ Christine Dössel.

Besprochen werden die Uraufführung von Kai Krösches "Linie Q. Ein No-Escape-Room" im Wiener WUK (nachtkritik), Christof Seeger Zurmühlens Stadtspiel "Dunkeldorf" beim Düsseldorfer Asphalt-Festival (nachtkritik), Monteverdis "Die Krönung der Poppea" am Theater Bremen (nmz), John Adams' "Nixon in China" an der Staatsoper Hannover (taz) und die Barockopern "David et Jonathas" und "L'Huomo" bei den Potsdamer Musikfestspielen (van).
Stichwörter: Adams, John, Barockoper

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2023 - Bühne

"Wozzek" im Theater Chemnitz. Foto: Nasser Hashemi.

nmz-Kritiker Roland H. Dippel stimmt ohne zu Zögern ein in den begeisterten Applaus nach Balàcz Kovaliks Inszenierung von Alban Bergs Oper "Wozzeck" am Theater Chemnitz. Kovaliks inszeniert das Stück als "kalt-weiße Gegenwartsstudie", lesen wir: "Wozzeck wirkt nicht verrückt und nicht arm, sondern 'nur' hilflos. Ein unauffälliger Arbeitsbeflissener in Weiß und Grau. Auf dem Männerklo überwältigen ihn die Wahnvisionen, sonst bleibt Wozzeck bis zum Mord an Marie voll normal. Das System flutscht, allerdings ohne menschliche Nähe. Sehnsüchte brechen sich Bahn trotz junger Moraldiktatur, die sich als Beobachtung aller durch alle zeigt. Manchmal funktioniert der Text zur inszenierten Geschichte, manchmal klaffen Risse zwischen Situation und Wort. Musikalisch ist die Regie insofern, dass Bergs formale Strenge sich in der szenischen Klarheit und Knappheit spiegelt. Ein ästhetisch bestechender Alptraum aus dem begonnenen Zeitalter der totalen Transparenz."

Weitere Artikel: In der SZ schreibt Egbert Tholl einen Nachruf auf die Opernsängerin Gabriele Schnaut. Ebenfalls in der SZ trifft Dorion Weickmann die Primaballerina Alessandra Ferri, die mit sechzig Jahren immer noch große Rollen tanzt.

Besprochen werden Marshall Pynkoskis Inszenierung von Marc-Antoine Charpentiers Oper "David et Jonathas" sowie Niels Niemanns Inszenierung von Andrea Bernasconis Oper "L'huomo", beide im Rahmen der Musikfestspiele Sanssoucis (FAZ), Paula Rosolens Tanzstück "Orbis" im Gießener Stadttheater (FR) und Mirja Biels Inszenierung von "Endstation Sehnsucht" am Staatstheater Wiesbaden (FR).