Besprochen werden Cathy Marston Tanzstück "Atonement" nach Ian McEwans Roman "Abbitte" an der Oper Zürich und Crystal Pites Choreografie "Assembly Hall" beim Schweizer Festival "Steps" in Zürich (SZ), Daniel Karaseks Oper "Buddenbrooks" am Theater Kiel (taz) und das Theaterfestival Ostopia am Nationaltheater Mannheim (taz).
"Carmen" in Zürich. Foto: Inès Manai. "Carmen" als zeitgenössisches Theater mit Musik und Tanz? Dazu braucht man Kreativität, meint Lilo Weber in der NZZ angesichts Wu Tsangs Inszenierung der Bizet-Oper am Schauspielhaus Zürich. Tsang und ihre Gruppe Moved by the motion haben sich vorgenommen, die "Männerfantasie als solches" Stück für Stück zu dekonstruieren, so Weber. Inhaltlich kann das nicht ganz funktionieren, denn egal was man macht, Carmen bleibt letztendlich immer Fantasie. Tolles Theater ist das trotzdem, freut sich Weber, und die Musik trägt ihren Teil dazu bei: "Schnelle Rhythmen peitschen die Auseinandersetzungen um diese Suche an, als würde hier eine Uhr durch die Jahrhunderte ticken. Bläser scheinen wieder und wieder abzustürzen, als drohte alles im Nichts zu verschwinden. Die Geschichte beginnt an der Universität von Sevilla. Die Musikerinnen und Musiker lässt die Bühnendesignerin Nina Mader hinter einem Schleier draußen spielen." nachtkritikerin Christa Dietrich begrüßt die Idee einer "dreifachen Carmen": "Sie sind zu dritt. Eine raucht betont lasziv, in ihren schwarzen Haarlocken steckt eine rote Blüte. Eine zweite, üppig kostümiert als Operndiva, lacht schrill. Die Dritte liegt am Boden. Sie wird nach einiger Zeit weggeschleift."
Yael Ronens Inszenierung ihres Stücks "State of Affairs" am Thalia Theater Hamburg (nachtkritik, SZ), Tom Kühnels und Jürgen Kuttners Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts "Die Physiker" am Landestheater Linz (nachtkritik), Maxim Didenkos Adaption von Kafkas Fragmentroman "Das Schloss" am Staatsschauspiel Dresden (nachtkritik), Max Simonischeks Inszenierung von Wilhelm Jacobys und Carl Laufs' Lustspiel "Pension Schöller" am Staatstheater Cottbus (nachtkritik), die Show "The Pulse" bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen (SZ), Niels Niemanns Inszenierung von Georg Anton Bendas Melodram "Ariadne auf Naxos" im Liebhabertheater Schloss Kochberg (FAZ), die internationale Koproduktion "We Are Hamlet" der Prague Shakespeare Company, dem Odesa Academic Ukrainian Music and Drama Theater "Vasily Vasilko" und der bremer shakespeare company, die im Theater am Leibniz-Platz in Bremen gezeigt wurde (taz).
Szene aus "Nathan der Weise". Foto: Monika Rittershaus
Mit Ulrich Rasches Inszenierung von Lessings "Nathan der Weise" eröffnet das Berliner Theatertreffen mit einem Knall, freut sich Rüdiger Schaper im Tagesspiegel. Lessings Stück gilt gemeinhin als Lob von "Toleranz und Verständigung", das die Harmonie zwischen den Religionen beschwört. Mit dieser oberflächlichen Botschaft gibt sich Rasche aber nicht zufrieden, so Schaper: "Nein, nichts wird gut. So nicht. Wieder lässt Ulrich Rasche sein Ensemble in ruhigem Schritt über die Drehbühne gleiten. ... Die Akteure in ihren engen Leibchen schreiten durch Lichtvorhänge und Lichtwände, wie aufgezogen kommen sie aus einer Wahnwelt. Glaube ist da durchweg: Aberglaube, hoch explosiv. Religion trennt und bildet Fanatismus aus. Rasches textnahe Führung gleicht einem Horrortrip. Techno-Tänzerinnen in der Verlangsamung. Treibende Live-Musik, die tiefe Schichten von Furcht und Bedrohungsgefühl anrührt, aber auch sanft sein kann - und im Schluss sakral, süßlich. Dieser Harmonie ist nicht zu trauen."
"Pure Könnerschaft" sieht auch SZ-Kritiker Peter Laudenbach bei dieser Aufführung bewiesen. Rasche montiert Textauszüge von Lessings Zeitgenossen in das Stück. "Gespenstisch", meint der Kritiker, wie sich die Texte der "Aufklärungsphilosophen Voltaire und Fichte mit ihren antisemitischen Hassausbrüchen, der Paranoia und den Gewaltfantasien von abgeschnittenen Judenköpfen fugenlos in Lessings Text einpassen. Logisch, dass die Ringparabel hier kein 'Appell für Toleranz' ist, sondern Nathans Versuch, sich irgendwie zu retten." Ein bisschen peinlich fand Laudenbach hingegen die Eröffnungsrede von Claudia Roth, die sich für mehr Einbindung auch ostdeutscher Kulturakteure aussprach: 'Indem Roth dieses eigentlich selbstverständliche Interesse einfordert, blamiert sie ungewollt die neue Leiterin des Festivals, Nora Hertlein-Hull. Im Begleitprogramm des Festivals ist eine Diskussion zum 'Umgang mit neurechten Kulturkämpfen' angesetzt, bei der kein einziger Theatermacher aus dem Osten Deutschlands oder aus der sogenannten Provinz und erst recht keine Akteure der Zivilgesellschaft auf dem Podium sitzen."
Besprochen werden Bernd Mottls Adaption von Michel Houellebecqs Roman "Vernichten" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Enrico Lübbes Inszenierung von Georg Büchners "Woyzeck" am Schauspiel Leipzig (SZ), Christof Loys Inszenierung von Albéric Magnards Oper "Guercœur" an der Opéra National du Rhin in Straßburg (FAZ).
Ariadne auf Naxos am NTM. Foto: Christian Kleiner.Auf ins Nationaltheater Mannheim, ruft die begeisterte Judith von Sternburg (FR), nachdem sie Yona Kims Inszenierung der Hofmannsthal- und Strauss-Oper "Ariadne auf Naxos" gesehen hat. Detailreich und aufwendig werden die Fragen gestellt, die das Stück seit jeher umtreiben, etwa nach der "Verwandlung", die in diesem Fall den möglichen nahenden Tod von Ariadne meint: "Ja, es gibt eine Verwandlung und in Mannheim schaffen sie das, indem sie sich auf das Finale der Oper voll einlassen. Auch die Kostüme verwandeln sich, vom Jahr 2024 ins Rokoko, aber es wird klar, dass das schön, aber bloß Dekor ist. Kein Dekor ist die Liebe, die Ariadne und Bacchus jetzt voll erwischt. Das ist in dieser Ironiefreiheit eine Seltenheit. (...) Die Primadonna und der Tenor sind im Vorspiel wie immer wenig helle. Aber sie werden nun verwandelt, und die Regie schlägt sich auf ihre Seite, wie sich auch Strauss' Musik auf ihre Seite schlägt. Ohne Peinlichkeit und Pathos."
In der Komischen Oper steht "Le Nozze de Figaro" in der Inszenierung von Kirill Serebrennikov auf dem Spielplan und einiges ist anders, modernisiert und dürfte den Opern-Traditionalisten möglicherweise missfallen, so Berthold Seliger im Neuen Deutschland, der an den Neuerungen durchaus viel Freude findet: "Die große Änderung neben der Zurschaustellung des Klassengegensatzes ist die Doppelung beziehungsweise das Splitting des Cherubino in zwei Figuren. Natürlich ist diese Hosenrolle für einen Mezzosopran immer etwas merkwürdig - Cherubino ist ja 'das sexuelle Zentrum der Oper' (...) Serebrennikov löst dieses Problem dadurch, dass er Cherubino zu einem Taubstummen macht, dessen Gebärdensprache nur von seiner 'Antithese', nämlich Cherubina, verstanden wird. Wir erleben Georgy Kudrenko als Tänzer, der sich und seine Gefühle nur körperlich ausdrücken kann (aber wie intensiv ihm das gelingt!), während die ihn liebende Susan Zarrabi ihn gewissermaßen übersetzt." Seliger resümiert: "Ich weiß nicht, ob Serebrennikov mit seiner Aussage, 'dass das Genre der Oper heute eine tiefgreifende Überarbeitung seitens der Regie und der Dramaturgie erfordert', grundsätzlich recht hat. Aber wenn die Modernisierung einer Oper aus ihrem Geist heraus erfolgt, wie in diesem herrlichen 'Figaro' an der Komischen Oper, dann spricht nichts, aber auch gar nichts dagegen."
Weiteres: Das Programm der neuen Spielzeit am Berliner Ensemble steht, der Tagesspiegel stellt Highlights vor, auch die Berliner Zeitungschaut schon einmal ins Programmheft und entdeckt Spannendes von Frank Castorf bis Sophie Passmann. Ein offener Brief von Drama Panorama, dem Forum für Theater und Übersetzung und dem Verbund der Theaterautor:innen fordert mehr Aufmerksamkeit für die Übersetzerinnen und Übersetzer, die Nachtkritikberichtet. Sie hat zudem einen Liveblog für das Berliner Theatertreffen eingerichtet, das gestern Abend gestartet ist.
Heute beginnt das Berliner Theatertreffen. Simon Strauß freut sich in der FAZ auf die Auswahl: "Der Andrang auf die Karten ist groß, die Lust auf Schauspiel nimmt neue Fahrt auf. Das liegt sicher auch an der diesjährigen Auswahl der Inszenierungen, die seit Langem einmal wieder mit einem ausgewogenen Mischverhältnis zwischen erzählerischem Schauspieltheater und freischwingender Problempointenperformance aufwartet, also das tut, was sie tun sollte: Sie bildet die Breite des deutschsprachigen Theatergeschehens ab." Auch Rüdiger Schaper bejubelt im Tagesspiegel "eine Vielfalt, wie es sie wohl lange nicht gegeben hat". Ebenfalls im Tagesspiegelporträtiert Patrick Wildermann Nora Hertlein Hull, die neue Leiterin des Theatertreffens.
Stark ist auch die diesjährige Ausgabe des FIND-Festivals an der Berliner Schaubühne, freut sich Christoph Weissermel in der FAZ. Unter anderem hat ihn Alexander Zeldins "Confessions" überzeugt: "Das Publikum umringt hyperrealistisch gehaltene Bühnenbilder mit ranzigen Wänden, Notausgangsschildern und dürftigem Plastikmobiliar, die sich mal zu Flüchtlingsheimen, mal zu Fleischfabriken fügen. Eine Programmatik des ästhetischen Verzauberungsverzichts, aus dem menschliche Wärme umso herzlicher hervor glimmt. Fast in Echtzeit erzählt Zeldin von den Zumutungen des Alltags unter widrigsten Bedingungen, wenn unverschuldet verpasste Amtstermine oder fehlende Therapieplätze existenzielle Katastrophen bedeuten."
Weitere Artikel: Hugh Morris befragt im Van-Magazin die Schauspielerin Sarah Connolly dazu, warum sie sich dazu entschlossen hat, die Hauptrolle in einer saudi-arabischen Oper zu übernehmen. Für die tazinterviewt Gabriele Lesser Elżbieta Ficowska, deren Musical "Irena" im Berliner Admiralspalast zu sehen ist. In der Welt unterhält sich Jakob Hayner mit der Regisseurin Rieke Süßkow.
Besprochen werden ein Ballettabend von Alba Castillo und Roy Assaf im Mannheimer Altes Kino Franklin (FR), ein Ballettabend von Marcos Morau und Chrystal Pite in der Berliner Staatsoper (FAZ), die performative Installation "Warten auf die Barbaren" im Volkskundemuseum Wien (Standard), Miriam Ibrahims Adaption von Sharon Dodua Otoos Roman "Adas Raum" am Theater Dortmund (taz), Saburo Teshigawaras "Tristan und Isolde" am Luzerner Festival "Steps" (NZZ) und William Shakespeares "Viel Lärm um nichts" am Brandenburger Theater (nachtkritik).
Szene aus "Tannhäuser" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller. "Schräg" findet Judith von Sternburg die Grundidee der "Tannhäuser"-Inszenierung von Matthew Wild an der Oper Frankfurt. In Wilds Version ist Tannhäuser homosexuell, was zwar keine schlechte Idee ist, weil das seine Außenseiterposition hervorhebt, meint von Sternburg. Die Inszenierung begibt sich damit aber in ein Dilemma, darin bestehend, "dass Tannhäuser sich seine Homosexualität nicht nur von seinem Umfeld als unverzeihliche Sünde vorwerfen lassen muss, sondern bekanntlich auch selbst von Reue ganz zerknirscht ist ..." Dennoch kann Sternburg der Inszenierung einiges abgewinnen: Vor allem Herbert Barz-Murauers Drehbühnenbild, das die Zuschauer in eine US-Universität Anfang der Sechziger versetzt, hat es ihr angetan: "Beim Weiterdrehen zeigt sich der steile, schlichte Hörsaal, in dem der Sängerwettstreit stattfinden wird (wie von Thomas Guggeis schon angekündigt, ist das alles extrem sängerfreundlich, ein gewaltiger und gewaltig gut genutzter Vorteil, keine Schreierei nirgends)." FAZ-Kritiker Jan Brachmann ist mit der Inszenierung nur so halb glücklich: Zu viele Klischees über Homosexualität - dafür aber ein Chor in "Höchstform".
Besprochen werden Falk Richters Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Asche" an den Münchner Kammerspielen (taz, Welt), Cathy Marstons Ballettversion von Ian McEwans Roman "Atonement" am Opernhaus Zürich (NZZ), Tobias Kratzers Inszenierung von Richard Strauss Ehekomödie "Intermezzo" an der Deutschen Oper Berlin (FAZ), Bastian Krafts Inszenierung von Bernard Shaws Stück "Pygmalion" (SZ) und Jan-Christoph Gockels Inszenierung "Der Schimmelreiter / Hauke Haiens Tod" am Deutschen Theater Berlin (FAZ, taz), Marcos Moraus Choreografie "Overture" am Staatsballett Berlin (SZ).
Szene aus Romeo Castelluccis Inszenierung von Mozarts Requiem am Theater Basel. Foto: Ingo Höhn. Wie inszeniert man eine Totenmesse? NZZ-Kritiker Christian Wildhagen ist gespannt auf Romeo Castelluccis Aufführung von Mozarts Requiem am Theater Basel. Und ist verblüfft, dass er hier entgegen aller Erwartungen ein "Fest des Lebens" zu sehen bekommt: "Ein Bild bleibt besonders haften: Ein junges "Mädchen wird in einem vieldeutigen Initiationsritual mit Farben, Honig, Asche und Federn überschüttet - man könnte auch sagen: fürs Leben imprägniert. Die Farben und die Asche wiederum verwandeln sich in Kunst, tauchen nachfolgend als beredte Symbole in wechselnden Kontexten wieder auf, etwa als Teil eines Action-Paintings auf der weißen Bühnenrückwand. Auch sonst wird das Geschehen immer bunter, so bunt wie das Leben selbst gewissermassen - hier tanzt man Bäumchen-wechsel-dich unterm Maibaum, dort gruppiert man sich um einen nackten Jüngling, vielleicht den heiligen Sebastian, zum Tableau vivant."
Szene aus Falk Richters Inszenierung von "Asche" an den Münchner Kammerspielen. Foto: Kammerspiele München. Eine Totenklage der anderen Art bekommt Christine Dössel bei Falk Richters Uraufführung von Elfriede Jelineks Text "Asche" an den Münchner Kammerspielen zu hören und vor allem zu sehen. Jelinek verarbeitet in ihrem Text die Trauer um ihren verstorbenen Mann - ein persönlicher Untergang, so verheerend, dass sie das Ende der Welt gleich mitgedacht hat, weiß Dössel. Und Richter fährt für dieses apokalyptische Trauer-Szenario alle visuellen Geschütze auf, so Dössel: "Auf der Endzeit-Bühne von Katrin Hoffmann befindet sich ein Fels aus vulkanischem Gestein mit einer Satellitenschüssel drauf, deren Antenne manchmal glüht und funkt. Dahinter ein Rundhorizont mit Torbögen. Er dient als Leinwand für das visuelle Projektionsfeuerwerk, das der Videokünstler Lion Bischof zündet: Bilder von aztekischen und ägyptischen Tempeln, von Berglandschaften, Säulen und Ruinen, von Heuschrecken- und Plastikflaschenplagen. ... Zwischendurch scheinen diese Bilder schier zu explodieren. Es ist eine Video-Apokalypse. Ein Inferno aus Feuer, Erde, Wasser, Luft, den vier Elementen, denen Jelinek in ihrem Text wie einer Spur hin zu einem Ursprung folgt." Im Standardhebt Margarete Affenzeller vor allem die Leistung der Schauspieler hervor.
Weitere Artikel: Katja Kollmann beschäftigt sich in der taz mit dem britischen Regisseur Alexander Zeldin, dem das Berliner Theater Festival FIND dieses Jahr einen Schwerpunkt widmete.
Besprochen wird Oliver Frljićs Inszenierung von George Orwells Roman "Farm der Tiere" am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik), Bastian Krafts Inszenierung von Bernards Shaws Drama "Pygmalion" am Deutschen Theater Berlin (nachtkritik), Enrico Lübbes Inszenierung von Georg Büchners "Woyzeck" am Schauspiel Leipzig (nachtkritik, FAZ), Miriam Ibrahims Adaption von Sharon Dodua Otoos Roman "Adas Raum" am Theater Dortmund (nachtkritik), David Hermanns Inszenierung der Dostojewski-Oper "Der Doppelgänger" von Lucia Ronchetti und Katja Petrowskaja bei den Schwetzinger Festspielen (FAZ, FR), Kirill Serebrennikovs Inszenierung der Mozart-Oper "Le nozze di Figaro" an der Komischen Oper Berlin (SZ, tsp, taz, nmz), Olivia Hyunsin Kims Stück "Baby I'm sick tonight" in den Sophiensälen Berlin (taz) und Milo Raus Inszenierung von "Antigone im Amazonas" am Zürcher Schauspielhaus (NZZ).
Szene aus "RCE" am Berliner Ensemble. Bild: Marcel Urlaub Nachtkritikerin Frauke Adrians ist schier überwältigt: Kay Voges hat Sibylle Bergs 700-Seiten-Systemumsturz-Spektakel "RCE" für das Berliner Ensemble auf siebzig Minuten gekürzt und herausgekommen ist ein alle Theater-Sehgewohnheiten sprengendes Techno-Wunderwerk samt KI-Filmsequenzen, schwärmt der Kritiker: "Fünf Erzähler/Avatare/Nerd-Darsteller schweben in einer begeh- und erklimmbaren Wabe durch Hochhausschluchten und durchs All, durch Raum und Zeit; fünf Fleißbienchen mit Weltenretter-Impetus. Sie sprechen und rappen ihren Part - mal mit ausdruckslosen Computerstimmen, mal emotional gefärbt in Wahlkampf-Sound - nach strikter Zeitvorgabe über exakt eine Stunde und zwölf Minuten: Damit Text, Musik und KI-generierte Bilder haargenau aufeinander passen, bekommen die Schauspieler ihre Texte via Kopfhörer aufs Ohr und sprechen exakt mit, als uniforme Mensch-Maschinen." Dieser Abend "zieht visuell mitreißend in ein Rabbit-Hole der Algorithmen, wo die Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine nicht mehr so leichtfällt", kommentiert Patrick Wildermann im Tagesspiegel.
Szene aus "Intermezzo". Bild: Monika Rittershaus Exakt hundert Jahre nach ihrer Uraufführung feiert Richard Strauss' autobiografische Oper "Intermezzo" über die Abgründe (s)einer Ehe Premiere an der Deutschen Oper Berlin, inszeniert hat Tobias Kratzer, und zwar erstaunlich werktreu, meint Helmut Mauro in der SZ: "Kratzer hat die Oper dort gelassen, wo sie angesiedelt ist, hat sich aufs elegant Komische konzentriert und sich für eine gepflegte Gesellschaftskomödie entschieden, die sich aber im Privaten erschöpft." Ähnlich urteilt Judith von Sternburg in der FR: "Man muss 'Intermezzo' nicht wichtiger machen, als es ist, aber es ist gut, eine große und durchtriebene Produktion dieses unterschätzten Strauss-Projekts zu sehen." Hingerissen von Kratzers "Instinkt für das Loriothafte der Wirklichkeit" ist hingegen nmz-Kritiker Joachim Lange. Und auch die "parlierende Intermezzo-Musik" ist für "Liebhaber des schwelgerischen Richard-Strauss-Tons ist ein Fest", jubelt er: "Eines, bei dem man an einer üppig gedeckten musikalischen Tafel, den Verwandten und Bekannten begegnet, die man gerne von Zeit zu Zeit wiedersieht bzw. hört. Aufbruch zu neuen Ufern oder Einbruch der Turbulenzen der Gegenwart gibt es anderswo."
Weitere Artikel: In der Berliner Zeitungblickt Stella Tringali auf vierzig Jahre Friedrichstadt-Palast zurück. Für die tazporträtiert Katrin Bettina Müller die Schauspielerin Lina Beckmann, die in Karin Beiers Inszenierung von Ronald Schimmelpfennigs Stück "Laios" beim Berliner Theatertreffen zu sehen sein wird. Rita Argauer wirft in der SZ einen Blick auf das Programm der Tiroler Festspiele Erl unter dem neuen Intendanten Jonas Kaufmann. Ebenfalls in der SZ trifft Marlene Bock die Gender-Performerin Bridge Markland, die das Münchner "Go Drag!"-Festival kuratiert.
Besprochen werden Johan Simons Inszenierung von Eugène Ionescos "Die kahle Sängerin" am Schauspielhaus Bochum (FAZ, SZ), die Ausstellung "Wilfried Hösl: Bühnenwelt - Weltbühne" an der Bayerischen Staatsoper (SZ), Rafael Sanchez' Inszenierung von Nora Abdel-Maksouds Stück "Jeeps" am Theater Essen (nachtkritik), Yana Eva Thönnes' Inszenierung von Unica Zürns Stück "Dunkler Frühling" am Zürcher Theater am Neumarkt (nachtkritik), Jan Christoph Gockels Inszenierung von "Der Schimmelreiter / Hauke Haiens Tod" nach der Novelle von Theodor Storm und dem Roman von Andrea Paluch und Robert Habeck am Deutschen Theater Berlin (nachtkritik) und der dreistündige René-Pollesch-Gedenkabend an der Berliner Volksbühne (Offen bleibt sowohl die Frage, was aus Polleschs Stücken wird, hat er doch verfügt, dass andere Regisseure seine Texte nicht nachinszenieren, sowie die Frage, wer künftig die Intendanz übernehmen wird, schreibt Peter Laudenbach in der SZ. Weitere Besprechungen in taz, FAZ und Welt, mehr hier).
Zwei Monate nach dem plötzlichen Tod von René Pollesch (unser Resümee) haben sich seine Wegbegleiter von ihm verabschiedet. Rüdiger Schaper erlebte im Tagesspiegel "eine Trauerfeier, vielleicht doch eher eine Trauerparty. Surreales, komisches, ergreifendes Spektakel: Das konnten sie an der Volksbühne schon immer. Und hier war es wie eine Energieausschüttung. Die kommenden Monate, Jahre werden schwer. Ein Nachfolger, eine Nachfolgerin ist nicht in Sicht." Florentina Holzingers Rückblick war für Schaper einer der Höhepunkte: "Wie er immer für sie da war, für ihre verrückten Performances. Warum sie ihn für Jesus hält." Auch Ulrich Seidler ist in der Berliner Zeitung wehmütig und froh zugleich über den würdigen Abschied: "Viel ist von Zeitanhalten, von Alleingelassensein und von Berappeln die Rede und mindestens einen Alarmruf gibt es in Richtung Kultursenator Joe Chialo, der jetzt hier bloß nichts kaputt machen soll, weil es sich an diesem Abend doch noch so heil und zusammen und gegenwärtig anfühlt, und auch ein bisschen zu klein und zu eng für die Ewigkeit und die Leere, in die Pollesch vorausgegangen ist." In der nachtkritikschreibt Christine Wahl.
"My Little Antarctica." Foto: Julie Cherki.
Nachtkritikerin Esther Slevogt sieht mit "My Little Antarctica" eines der Highlights des diesjährigen FIND-Festivals an der Schaubühne: "Vom intellektuellen Kältetod Russlands" erzählt das Stück des KnAM-Theaters, das bei seiner Gründung 1985 das erste freie Theater der Sowjetunion war, aber seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine imExil ist: "Im Zentrum des Stücks stehen (per Video eingespielte) Interviews mit Bewohnern der Stadt Komsomolskam Amur, die - geprägt von der sie umgebenden Taiga und sechsmonatigen Wintern mit Temperaturen um minus 40 Grad - am östlichen Ende Russlands gelegen ist. Hier war auch der Sitz des KnAM Theaters. Die Stadt entstand als Teil des Gulag-Systems mit seinen Straflagern, weshalb das Gros seiner Bewohner entweder von Wachpersonal oder einstigen Inhaftierten abstammt. Trotzdem wollen viele diese Geschichte nicht wahrhaben und beharren bis heute darauf, die Stadt sei in den 1930er Jahren von einer Gruppe idealistischer Jungkomsomolzen gegründet worden: Ein Junge etwa zweifelt die Echtheit der Dokumente an, auf die sich der Interviewer bei seinen Fragen über die stalinistische Terrorgeschichte des Orts bezieht. Eine alte Frau gibt offen zu, alles gewusst, ihre Familie aber gezielt belogen zu haben." Slevogt resümiert: "Diese Unfähigkeit, weder Schmerz noch Glück empfinden zu können, und sich damit auch gegen jede Veränderung zu immunisieren, wird als eine Art Grundsymptom aus dem Erbe des Stalinismus beschrieben." Auch Katja Kollmann zeigt sich in der taz überzeugt.
An der Staatsoper München laufen die Verträge von Intendant Serge Dorny und Dirigent Wladimir Jurowski aus (unser Resümee), die Gerüchteküche brodelt, wer wohl die Nachfolge übernehmen wird, die Namen Viktor Schoner und Joana Mallwitz tauchen immer wieder auf. Axel Brüggemann fasst für Backstageclassical den Stand der Debatte zusammen und konstatiert vor allem ein Versagen der bayrischen Kulturpolitik unter Minister Blume: "Hätte der Minister einen Wandel an der Staatsoper gewollt (was man durchaus argumentieren könnte), hätte er längst andere Kandidaten anfragen müssen, vielleicht sogar Leute wie Schoner - aber das hat Blume verpasst. Nun drängt die Zeit, und der Politiker wird von den Kandidaten, die öffentlich ins Gespräch gebracht werden, bloßgestellt. Wenn in diesen Tagen sowohl Mallwitz als auch Schoner erklären, dass es keine Gespräche mit Blume gegeben habe, fragt man sich: 'Warum denn nicht?'" Im Backstageclassical-Podcast äußert sich auch Regisseur Barrie Kosky zu dem Thema.
Weiteres: Die FRinterviewt die Schauspielerin Valery Tscheplanowa zu Russland und ihrem Verhältnis zu Theater und Film. Besprochen werden: Wagners "Die Meistersänger von Nürnberg" am Teatro Real in Madrid (Welt) und "Zentralfriedhof" in der Inszenierung von Herbert Fritsch am Wiener Burgtheater (NZZ).
Weiteres: In der FAZ resümiert Lotte Thaler das kulturpolitische Debakel am Staatstheater Kassel um den Intendanten Florian Lutz, dessen Vertrag trotz massiver Beschwerden des Orchesters verlängert wurde und der sogar versuchte, Einfluss auf die Presse zu nehmen. Im VAN-Gespräch blickt der scheidende Direktor der Lyric Opera in Chicago Anthony Freud auf den amerikanischen Kulturbetrieb. Ebenfalls im VAN-Magazin erzähltKatja Petrowskaja von der Arbeit an ihrem ersten Opernlibretto frei nach Dostojewskis "Doppelgänger". Besprochen wird das Stück "Im Osten was Neues" des polnischen Regisseurs Łukasz Ławicki am Oldenburger Staatsschauspiel (SZ).