Selbst bei Premieren werden mittlerweile unter dem Hashtag #Publikumsschwund freie Plätze aus dem Parkett gemeldet. Welt-Kritiker Jakob Hayner hätte sich bei der Podiumsdiskussion "Die Zukunft des Theaters" zur Eröffnung des Berliner Theatertreffens auch gewünscht, dass auch über die ästhetische Krise der Kunstform Theater gesprochen würde, nicht nur über Nachhaltigkeit und Diversität: "Noch vor wenigen Jahren galt das Ästhetische in der bundesrepublikanischen Intelligenzija als Refugium des Widerstands gegen die verwaltete Welt. Das hat sich ins Gegenteil verkehrt. Es regiert ein neuprotestantischer Geist. Der Wert der Kunst soll sich an der Moral bemessen lassen. Der Theatermacher August Everding schrieb einmal über die Zukunft des Theaters, dass es sich den Fragen der Zeit nicht verschließen dürfe, doch auch den künstlerischen Abenteuern Raum geben müsse: 'Das Theater ist die Behausung für des Menschen größte und schönste Gabe: die Fantasie.' Doch von Fantasie keine Spur mehr, die ist ja jetzt an der Macht."
Stadtrundfahrt in Buntarnfleck. Your Very Own Double Crisis Club. Foto: Isabel Machado Rios / Staatstheater Kassel Regisseurin Laura N. Junghanns hat für das Staatstheater Kassel eine Busfahrt durch die Stadt inzeniert, unterlegt mit Sivan Ben Yishais Klagelied "Your Very Own Double Crisis Club", und Nachtkritiker Jan Fischer musste sich wappnen: "Regisseurin Laura N. Junghanns lässt den Text, ein chorisches Klagelied über den Tod einer zugrunde gerichteten Stadt, nicht nur Test sein, sondern auch Sprungbrett, um tief in die Stadt Kassel vorzudringen. Denn die gelangte in den letzten Jahren durch 'Jana aus Kassel' und noch mehr durch den Mord an Halit Yozagt in die Schlagzeilen - die 'Busfahrt für den Frieden' führt auch am neu so benannten Halit-Platz vorbei, aber auch an den Werken der Rüstungsfirmen Rheinmetall, Henschel oder Krauss-Maffei Wegmann sowie an der Panzerteststrecke für den Leopard 2 oder den Puma. Im engen Gang des Busses - und einmal in einer Industriehalle - turnen die drei Spieler*innen lautstark hin und her, immer wieder auf die Standorte aktueller oder vergangener Rüstungsunternehmen zeigend. Sie zeigen, wo genau während der NS-Zeit die Arbeitslager für diese Unternehmen standen, oder dröseln die komplexen internationalen Strukturen diverser Joint Ventures auf. Ben Yishais Text wird dabei immer wieder mit diesen Informationen quergeschnitten: Harte Poesie gegen harte Fakten. "
Besprochen werden Johanna Wehners Bühnenadaption von Joseph Roths "Hiob" am Schauspiel Frankfurt (Nachtkritik, FAZ, FR), Bernard Ganders Flüchtlingsoper "Lieder von Vertreibung und Nimmerwiederkehr" nach einem Roman des ukrainischen Autors Serhij Zhadan in München (die Reinhard Brembeck in der SZ als "aufrüttelnd Grau in Grau gehaltenes Tableau der Unmenschlichkeit" würdigt, FAZ-Kritiker My Nyffeler allerdings unglücklich von der Wirklichkeit überholt sieht), Hermann Hesses "Steppenwolf" am Deutschen Theater (Tsp) und spanische Stücke beim Heidelberger Stückemart (FAZ).
Szene aus dem "Fidelio" des Freien Modern Musik Theatre Kiev" in Meiningen. Foto: Yurii Veres
Der "Fidelio" des "Freien Modern Musik Theatre Kiev", der am Staatstheater Meiningen aufgeführt wurde, endet mit einer drastischen Revolutionskritik, berichtet Joachim Lange in der nmz: "Es ist Leonore, die zur Maschinenpistole greift und die gerade befreiten Gefangenen niederschießt." Aber auch sonst war es eine eindrucksvolle Vorstellung, lobt der Kritiker: "Das Orchester des Hauses, die Meininger Hofkapelle demonstrierte, was ein Traditionsorchester drauf hat, wenn es will. Die notwendige Chorverstärkung kam aus dem Theater des benachbarten Coburg. Die größte Hürde war aber, die Kulissen und Kostüme, vor allem aber die Männer des Protagonisten-Ensembles aus der Ukraine herauszubekommen. Auch über ihnen schwebt ja die von der Regierung verhängte Wehrpflicht für alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren. Das Visum, das sie jetzt nach vielen Klimmzügen und am Ende durch die Zustimmung des Kiewer Kulturministers bekamen, gilt bis Ende Mai. Wer danach zurückfährt, riskiert einen Einberufungsbefehl. Eine Vorstellung, die bei jedem Auftritt von Vitalii Ivanov (Jaquino), Oleksandr Kharlmov (Rocco), Serhii Androshchuk (Florestan), Dmytro Kyrychek (Pizarro) und Jevgen Malofeiev (Don Fernando) unwillkürlich mitschwingt."
In der tazporträtiert Johanna Schmeller die in Berlin lebende israelische Dramatikerin Sivan Ben Yishai, deren Stücke, die sich an den derzeit angesagten Diskursen im Theater abarbeiten, gerade bei den Mülheimer Theatertagen und auf dem Berliner Theatertreffen zu sehen sind: "Drastik - etwa, wenn sie die Masturbationsfantasien einer Zwölfjährigen oder die inneren Konflikte überforderter Cis-Männer beschreibt, die sich in Gewalt entladen - ist ihr Vehikel für die bedingungslose, aber kritische Hinwendung zur Gegenwart. 'Meine Arbeit bewegt sich immer in einem Dreieck: Die erste Ecke bildet das weiße, suprematistische, kapitalistische Patriarchat, die zweite Israel-Palästina-Deutschland und die Art, wie der Kriegsdiskurs in Deutschland stattfindet, und die dritte Institutionen, Machtmissbrauch und institutionelle Kritik', sagt Ben Yishai. Die Ecken sieht sie als miteinander verbunden an."
Weitere Artikel: Tagesspiegel-Kritiker Rüdiger Schaper sieht das Theatertreffen vor einem Dilemma: Es hat "jetzt im Grunde nur zwei Möglichkeiten hat: zufällig oder absichtlich 'aktuell' zu wirken oder vom Krieg in der Ukraine abzulenken." Andreas Schnell berichtet in der nachtkritik aus Hannover vom Best OFF Festival mit Produktionen professioneller freier Theatermacher*innen aus Niedersachsen. Gerhard Polt zum Achtigsten gratulieren Gunda Bartels im Tagesspiegel, Dominik Bauer in der taz und Franz Kotteder in der SZ. Die FAZ führt mit Polt ein Interview, in dem es auch um den Emma-Brief geht, den er unterschrieben hat: "Ich will nur sagen: Vorsicht! Mehr sage ich gar nicht."
Besprochen werden Wagners "Der Ring des Nibelungen", den der RBB von Regine Ahrem in modernes Deutsch übersetzen und als "Fantasyhörspiel" hat inszenieren lassen ("Was hat die Welt von der Neuauflage einer patriarchalen Schreckensfantasie, die Misogynie und Rassismen einfach so stehen lässt?", stöhnt eine entnervte Hannah Schmidt auf Zeit online) und "Berlau: Königreich der Geister", ein Stück über Brecht/Berlau, inszeniert vom Kollektiv "Raum+Zeit" am BE (nachtkritik).
"Haltung und Hoffnung" ist das Motto der diesjährigen Ruhrfestspiele in Recklinghausen. William Kentridge hat mit seiner Oper "Sibyl" zur Eröffnung schon mal beides gezeigt, freut sich in der SZ Christine Dössel. "Die alten Götter sind müde, heißt es, und auch von der Prophetin ist keine Zukunftsprognose, keine Sicherheit, nichts Handfestes zu erwarten. In Gestalt von Thandazile Radebe tanzt sie mit gerafftem Rock in der Mitte der Bühne wie ein Derwisch, und ihr Schatten vergrößert und verselbständigt sich auf der großen Bildwand hinter ihr, die aussieht wie ein Kontorbuch. Nichts ist von Bestand auf dieser Rätselbilderbühne. Alles fließt. Blätter wehen. Rorschach-Bilder rennen und zerrinnen. Sätze wie Orakelsprüche erscheinen als Projektionen auf den Seiten des vermeintlichen Lebensbuches: 'Du bist nicht als nächster dran', 'Lass uns vernünftig sein'. Fragen ploppen auf, auf einen Algorithmus wird verwiesen - und auf einen glücklichen Mann in Nordbrasilien. Aber sichere Antworten gibt es keine. Es muss schon jeder selber sein Leben in die Hand nehmen. Dazu fordert dieser sinnenfreudige, sinnenreizende Theaterabend auf." Simon Strauss, der für die FAZ aus Recklinghausen berichtet, hörte etwas anderes: "Zum Ende hin wandelt sich Kentridges zu Beginn etwas angestrengtes Gesamtkunstwerk zu einer leichtfüßigen Persiflage auf große Ziele und hohe Erwartungen: Seid bescheiden mit euren Hoffnungen, so lautet der leise Ratschlag, die Zukunft liegt doch nicht in eurer Hand."
Weitere Artikel: Im Tagesspiegelannonciert Rüdiger Schaper Aufführungen beim Berliner Theatertreffen, das heute beginnt. In seiner Video-Reihe "Eine kleine Dosis Theatergeschichte" bei der nachtkritikstellt der Literaturprofessor Holger Syme den schwarzen Schauspieler Ira Aldridge vor. Laurent Hilaire wird nach Igor Zelensky neuer Direktor des Bayerischen Staatsballetts, meldet in der SZ Dorion Weickmann, der das für eine "eine kluge Wahl und eine ziemlich sichere Bank" hält. In der FAZ schreibt dazu Wiebke Hüster. In der Welt gratuliert Peter Praschl dem Kabarettisten Gerhard Polt zum Achtzigsten.
Besprochen werden Malte Jeldens Inszenierung von Tonio Schachingers Fußballroman "Nicht wie ihr" im Vereinsheim der SG Wattenscheid 09 (SZ), ein "Fidelio"-Gastspiel des freie "Modern Music Theatre Kiev" in Meiningen (Tsp, SZ) und Sibylle Bergs Roman "RCE: #RemoteControlExecution" (nachtkritik).
Szene aus William Kentridges "Sibyl". Foto: Stella Olivier
Ein beeindruckter Andreas Wilink durfte für die nachtkritikWilliam Kentridge bei seinen Vorbereitungen für die Aufführung seiner Kammeroper "Sibyl" zur Eröffnung der Ruhrfestspiele Recklinghausen zusehen und rätseln: "Stumm bleibt die Prophetin in 'Waiting for the Sibyl'. Aber tänzerisch wogt sie auf ihrem Bühnen-Fleck, während Kentridges malende Schreibhand ihre Erscheinung mit der Projektion von Tabellen, Schriftlisten und Farbfeldern sowie dem legendären Baumblattwerk lebendig macht. Bildnerisch gibt er ihr Zunge und Sprache: Sie stellt Fragen an unsere Leben, fordert auf zu Veränderung und Widerstand, bei banalen Dingen wie weltstürzenden, warnt, wirft Schatten des Zweifels auf, drängt, dies und das zu vermeiden und Lasten abzuwerfen, ob alte Socken, verjährte Hoffnungen oder fatale Illusionen. So steht's geschrieben. Wem aber gelten die Mitteilungen?"
Weiteres: Online sehen kann man bei der nachtkritik ein Videogespräch von Thomas Köck und Moritz Rinke zur Ästhetik einer neuen Dramatik. Besprochen werden das Musical "Shrek" in Halberstadt (nmz), Verdis "Otello" an der Oper Kiel (nmz) und Christopher Rüpings Adaption von Mieko Kawakamis Roman "Brüste und Eier" am Hamburger Thalia Theater (Zeit).
Heute vor fünfzehn Jahren hat sich die Nachtkritik gegründet. Wir gratulieren! Zum Jubiläum erkundet Christine Wahl in einem Essay, wie sich Theater und Kritik in dieser Zeit verändert haben und was es redaktionintern heißt, wenn eine Kritikerin auf Gegenverkehr stößt. Zurecht sei die Kritik als Einbahnstraße obsolet geworden, meint Wahl, doch muss sie deshalb gleich ganz abgeschafft werden? "Aus Kulturschaffenden-Kreisen sind zunehmend Ideen zu hören, Auszeichnungen wie, sagen wir mal, den Mülheimer Dramatikpreis nicht länger einem Autor oder einer Autorin qua Expertenurteil zuzusprechen, sondern das Preisgeld gleichmäßig unter allen Schreibenden eines Jahrgangs aufzuteilen. Und warum eigentlich überhaupt Jurys mit ästhetischer Entscheidungskompetenz und -prämisse berufen statt thematisch zu kuratieren? Die Machtkritik am Einbahnstraßen-Urteil des Großkritikers, die die Gründung von nachtkritik motivierte, verschiebt sich zur Kritik am Experten-Urteil schlechthin - jedenfalls, sofern selbiges ein nichtaffirmatives ist."
Weiteres: Dorion Weickmann meldet in der SZ, dass das Bolschoi Theater Kirill Serebrennikows "Nurejew"-Ballett und Timofej Kuljabins Inszenierung von Donizettis "Don Pasquale" aus dem Programm genommen hat. In der FRinformiert Judith von Sternburg über die Pläne der Franfurter Oper für die nächste Saison. Als "Königin im Reich der Verlage" verehrt Peter von Becker im TagesspiegelMaria Sommer, die Jean Anouilh und Arthur Miller, George Tabori und Slawomir Mrozek an die deutschen Bühnen brachte und heute hundert Jahre alt wird.
Besprochen werden Andreas Homokis Zürcher "Rheingold"-Inszenierung (mit der FAZ-Kritiker Jan Brachmann Wagners Ring-Auftakt zum "bürgerlichen Konversationsstück" gestutzt sieht) und eine Adaption von Mieko Kawakamis Roman "Brüste und Eier" am Thalia Theater in Hamburg (taz).
Franz Schrekers "Schatzjäger". Foto: Monika Rittershaus / Deutsche Oper Berlin Nach hundert Jahren wurde Franz Schrekers Oper "Der Schatzgräber" erstmals wieder in Berlin auf die Bühne gebracht, an der Deutschen Oper. Im Tagesspiegelfeiert eine begeisterte Christiane Peitz die Premiere, auch wenn Regisseur Christopher Loy vielleicht noch mehr aus dem Drama um Kunst und Leben hätte machen können: "Unerbittlich schlägt das Orchester zu. Auf die letzten zarten Pianissimo-Gespinste folgt eine mörderische Tutti-Attacke. Der Friede bleibt trügerisch, über den Tod hinaus. Was für eine Oper. Rauschhaft züngelnd, erotisch und eruptiv, mit Sehnsuchtsgesängen, einer ruhelosen Harmonik, die sich nicht auflösen will, mit schillernden, den süßen Schmerz auskostenden Dissonanzen. Richard Wagner und Claude Debussy, diese Erz-Kontrahenten, stehen Pate, die unendliche rezitativische Melodie und die impressionistische Klangsinnlichkeit." Auch in der FR kann Judith von Sternburg die Rückkehr des von den Nazis verfemten Schreker nur wärmstens begrüßen.
In der Berliner Zeitunggibt Peter Uehling zu, dass er es lange provinziell fand, Stücke aufs Programm zu setzen, die nicht zum erlesenen Opernrepertoire gehörten. Jetzt ist er sich nicht mehr so sicher: "Tatsächlich hat die unreduzierte Üppigkeit von Schrekers Musiktheater gegenüber dem langweiligen Klassizismus von Hofmannsthal und Strauss oder dem drögen Konstruktivismus eines Arnold Schönberg heute etwas Frisches, Subversives. Hier muss nichts bewiesen und kein Staat getragen werden, sei es der einer heilen Theaterwelt oder der Avantgarde. Es herrscht Triebhaftigkeit, die fast kritiklos wirkende Inklusion aller trivialen und verstiegenen Einfälle, die ein kaum zu lichtendes Dickicht an Bedeutungen oder auch nur Zeichen erzeugt." Weitere Besprechungen in taz und FAZ.
Michael Bartsch berichtet in der taz vom Festival freier Künste "Nebenan" in Dresden, das fünf Tage lang Theater aus Belarus zeigte, die vor 2020 entstanden waren, als eine gewisse Toleranz im Land des Diktators Lukaschenko eine Kulturszene ermöglichte: "Schon der Auftakt, 'Discover Love', des 2005 in Minsk gegründeten und inzwischen verbotenen Belarus Free Theatre relativierte allerdings das Bild einer sich nach 1994 begrenzt frei entwickelnden belarussischen Gesellschaft. Denn schon 2000/2001 erschütterte eine politische Mordserie das Land. Der zunächst eine Dreiviertelstunde lang rührend erzählten Liebes- und Familiengeschichte liegt ein authentischer Fall zugrunde. Jäh kippt die Erzählung, als der Geliebte und Vater von der Banja weg entführt und grausam hingerichtet wird. Das mittlerweile in Großbritannien arbeitende Theater steht insofern exemplarisch für die in Hellerau zu sehenden Inszenierungen, als es mit wenigen Personen und minimaler Ausstattung auskommt."
Besprochen werden außerdem Ben Frosts Opers "Der Mordfall Halit Yozgat" in Hannover (taz), Jörg Widmanns Oper "Babylon" in Wiesbaden (FR) und Christopher Rüpings Bühnenversion von Mieko Kawakamis Roman "Brüste und Eier" am Hamburger Thalia Theater (FAZ) .
Szene aus Béatrice et Bénédict. Foto: Hans-Jörg Michel In der FRversteht Judith von Sternburg, warum die deutschen Bühnn so selten Berlioz' Wunderwerk "Béatrice et Bénédict" spielen, mit dem ihr die Kölner Oper ein "delikates Hörerlebnis" bescherte: "Die weder lange noch umständlich umzusetzende, sehr komische, unmittelbar wirkungsvolle Oper hat nur eine einzige Tücke, französische Dialoge von flotter Länge, die andererseits ein fittes Ensemble von heute nicht mehr in Verlegenheit bringen. Berlioz' letztes Bühnenwerk, 1862 in Baden-Baden uraufgeführt, ist musikalisch nicht weniger interessant als seine 'Troyens', das Tragische wendet sich hier nur ins Heitere und Abgeklärte, aber was heißt hier 'nur'. Komisch bis ins Alberne und dabei noch weise zu sein, ist auch in der Musik eine hohe Kunst, und 'Béatrice et Bénédict' ist für Berlioz, was für Verdi 'Falstaff' ist."
Szene aus "Der Mordfall Halit Yozgat". Foto: Sandra Then
Zu recht quälend und ermüdend findet Jan Fischer in der NachtkritikBen Frosts Oper "Der Mordfall Halit Yozgat" nach der Recherche "77sqm_9:26min" von Forensic Architecture am Staatstheater Hannover, die den Tathergang des NSU-Mordes in Kassel und die Verwicklung des Verfassungsschutzes darinzu rekonstruieren versucht: "Im Gerichtsverfahren konnte nie eindeutig geklärt werden, wer Yozgat ermordet hat. Und auch Ben Frost hat das natürlich nicht vor. Vielmehr schält er in 'Der Mordfall Halit Yozgat' ganz buchstäblich Schicht für Schicht der Geschichte ab - so lange, bis da eben nur noch Kälte ist, der Wind, der Schnee, das Bühnenpersonal im eisigen Wind zittert und die bedrohlichen Gestalten aus der Kälte auftauchen. Aus der forensischen Rekonstruktion wird mit jedem Durchgang ein Stück mehr die Frage nach dem Kontext des Mordes, nach Rassismus in der Gesellschaft, vielleicht, die Frage nach denen, die dahinterstehen und ihren Netzwerken."
Besprochen werden außerdem Andreas Homokis "Rheingold"-Inszenierung am Zürcher Opernhaus, (die NZZ-Kritiker Christian Wildhagen zufolge auf jedeDeutung verzichtet, währen Gianandrea Noseda "angenehm zivilisiert" dirigiere), Barrie Koskys Verdi-Inszenierung "Falstaff" an der Komische Oper in Berlin (ein Triumph, jubelt Frederik Hanssen im Tsp, für Peter Uehling in der BlZ fühlt es sich allerdings mitunter an, als würden ihm "gewaltsam die Mundwinkel hochgerissen"), Christopher Rüpings Adaption von Mieko Kawakamis Roman "Brüste und Eier" am Hamburger Thalia Theater (Nachtkritik, SZ), Antigone Akgüns Diskursstück ""Leer/Stand - Der Brotladen oder: Wem gehört der Stadtraum?" am Bremer Stadttheater (taz), Martin Schläpfers Choreografie "Die Jahreszeiten" und Mette Ingvartsens "The Dancing Public" im Wiener Tanzquartier (Standard) und die Uraufführung von Johannes Kalitzkes Oper "Kapitän Nemos Bibliothek" in Schwetzingen (FAZ).
Szene aus Leopoldstadt. Foto: Moritz Schell. Ermüdet, trotz solider, aber wenig subtiler Inszenierung kommt Cathrin Kahlweit in der SZ aus Tom Stoppards Geschichtsdrama "Leopoldstadt", das Janusz Kica am Theater in der Josefstadt in Wien inszeniert hat: "Stoppards Tour d'Horizon ist mit ihren Stereotypen keine Grundlage für einen nachträglichen oder nachdenklichen Diskurs. Sie führt von der Kaiserzeit, dem Antisemitismus eines Karl Lueger und den Debatten über Herzls Judenstaat über den Ersten Weltkrieg, das rote Wien, den Bürgerkrieg 1934 und die Keller-Nazis bis zum 'Anschluss' und zur Reichspogromnacht - alles verhandelt, erzählt, beschrieben und diskutiert in den Salons der Famile Merz. Der Lärm marschierender Nazis - er sickert nur durch Fenster und Türen wie eine irritierend irreale Bedrohung. Das Ende ist bekannt." Zwar habe Kica "die Figuren allzu pauschal über die Bühne verteilt", schreibt Ronald Pohl im Standard, insgesamt lobt er aber neben dem Stück auch das Josefstadttheater als "Moralprüfstelle": "Man will eine solche Kultur des Eingedenkens nicht mehr missen."
Der Schriftsteller Lukas Bärfuss und die Regisseurin Yana Ross haben den Salzburger Festspielen "toxisches Sponsoring" vorgeworfen, der Vorwurf richtet sich gegen das mitfinanzierende Bergbauunternehmen Solway, das für Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen in einer guatemalekischen Nickelmine verantwortlich sein soll. Rühmlich findet Manuel Brug in der Welt den Ruf nach Transparenz, aber abgesehen davon, dass Künstler wie Bärfuss und Ross "gerne gut" von Sponsorengeldern leben, sei Sponsoring selten ganz "sauber": "Legte man strengste moralische Maßstäbe an, so könnte man den Festspielen - allerdings auch fest jedem anderen großen Festival - im Rückblick vieles vorwerfen. Früher war Nestlé Hauptsponsor, einer der umwelt- wie gesellschaftspolitisch umstrittensten Konzerne der Welt, immer noch sind es Audi (seit 1995) und Siemens (1999), beide auch keine klassischen Gutmenschenunternehmen. Siemens ist im verrufenen Nuklearsektor tätig, Audi stellt nach neogrünen Maßstäben Umweltverschmutzer her. Der 'Kristallsponsor' Swarovski, der jedes Jahr mit viel Wirbel die Glitzerrobe für die Putin-Nachtigall Anna Netrebko vorstellte, entließ kürzlich ein Drittel seiner Arbeitnehmer per Videokonferenz. Auch der Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne ist über seine Stiftung Hauptsponsor in Salzburg. Als Konzernerbe des Logistikunternehmens Kühne+Nagel wurde ihm immer wieder vorgehalten, zuletzt 2020 vom Historiker Frank Bajohr, die NS-Vergangenheit des Unternehmens nicht öffentlich aufzuarbeiten."
Besprochen werden Anna Bergmanns Inszenierung von Noah Haidles "Birthday Candles" am Deutschen Theater Berlin (nachtkritik) und Alexander Zeldins "Beyond Caring" an der Berliner Schaubühne, das Christine Wahl im Tagesspiegel mitunter zu überdramatisierterscheint.
Szene aus "Beyond Caring". Foto: Gianmarco Bresadola
"Beyond Caring" von Alexander Zeldin hätte toll sein können und ist es in Momenten auch, schreibtNachtkritiker Christian Rakow nach der Aufführung an der Berliner Schaubühne. Zeldin erzählt von einer Putzkolonne in einer Fleischfabrik, "eine wunderbar unterspielte, durch und durch gedämpfte Milieuansicht, mit Personen, denen der große dramatische Aufschwung nicht vergönnt ist. Die einfach so ihr Leben ausbreiten, undeutlich und unzusammenhängend. Am unteren Ende der langen Nahrungskette, im Niedrigstlohnsektor unter Neonröhren." Doch dann "beginnt der Abend sein diskretes Konzept zu verraten. Aus heiterem Himmel fallen Schuberts Trotzkopf Becky und Schulzes Leseratte Michael übereinander her und rammeln einen Quickie an die schmuddelige Fliesenwand." Warum plötzlich dieser "abgegriffene Realismus"? Rakow erschließt es sich nicht.
Besprochen wird außerdem Tom Stoppards Geschichtsdrama "Leopoldstadt", das Janusz Kica am Theater in der Josefstadt in Wien inszeniert hat (nachtkritik).
Besprochen werden Carl Nielsens Oper "Maskarade" an der Oper Leipzig (historisch nicht uninteressant, findet Dieter David Scholz in der nmz, doch leider gibt es "viel musikalischen Leerlauf und wenig Dramatik"), das Tagebuch des Dramatikers Wolfram Lotz (nachtkritik), Andreas Homokis "Rheingold"-Inszenierung in Zürich (NZZ), Roger Vontobels Neuinszenierung des "Fliegenden Holländers" am Nationaltheater Mannheim (eine "plakative, dröge und ermüdende Performance", klagt in der nmz Dieter David Scholz), Kornél Mundruczós Inszenierung des "Tannhäusers" an der Staatsoper Hamburg (mit der Ute Schalz-Laurenze von der nmz wenig anfangen konnte, dafür waren die Sänger toll: allen voran Klaus Florian Vogt. "Seine glockenreine, etwas metallene und geradezu filigrane Stimme kann er fabelhaft inhaltlich einsetzen. ... Tanja Ariane Baumgärtner als kämpferische Aussteigerin Venus: auch gesanglich eine Augenweide") und Milo Raus Inszenierung des "Wilhelm Tell" frei nach Schiller am Schauspielhaus Zürich (Zeit).
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