Efeu - Die Kulturrundschau

Es geht immer ums Donnern

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.05.2022. Wie haben sich Theater und Kritik verändert, fragt Christine Wahl zum fünfzehnjährigen Jubiläum der Nachtkritik mit Gegenverkehr. Die FR spürt mit Barbara Kruger in der neuen Nationalgalerie den Stiefel im Gesicht unserer Zukunft. Der Observer schaudert vor der dunklen Zweideutigkeit, mit der Walter Sickert seine Serie "The Camden Town Murder" malte. Die taz huldigt dem Experimentalfilmer Jonas Mekas. Das Pop-Magazin Kaput erklärt die Grandiosität des italienischen Schlagers: Das Leichte ist in Italien quasi eine noble Pflicht.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2022 finden Sie hier

Bühne

Heute vor fünfzehn Jahren hat sich die Nachtkritik gegründet. Wir gratulieren! Zum Jubiläum erkundet Christine Wahl in einem Essay, wie sich Theater und Kritik in dieser Zeit verändert haben und was es redaktionintern heißt, wenn eine Kritikerin auf Gegenverkehr stößt. Zurecht sei die Kritik als Einbahnstraße obsolet geworden, meint Wahl, doch muss sie deshalb gleich ganz abgeschafft werden? "Aus Kulturschaffenden-Kreisen sind zunehmend Ideen zu hören, Auszeichnungen wie, sagen wir mal, den Mülheimer Dramatikpreis nicht länger einem Autor oder einer Autorin qua Expertenurteil zuzusprechen, sondern das Preisgeld gleichmäßig unter allen Schreibenden eines Jahrgangs aufzuteilen. Und warum eigentlich überhaupt Jurys mit ästhetischer Entscheidungskompetenz und -prämisse berufen statt thematisch zu kuratieren? Die Machtkritik am Einbahnstraßen-Urteil des Großkritikers, die die Gründung von nachtkritik motivierte, verschiebt sich zur Kritik am Experten-Urteil schlechthin - jedenfalls, sofern selbiges ein nichtaffirmatives ist."

Weiteres: Dorion Weickmann meldet in der SZ, dass das Bolschoi Theater Kirill Serebrennikows "Nurejew"-Ballett und Timofej Kuljabins Inszenierung von Donizettis "Don Pasquale" aus dem Programm genommen hat. In der FR informiert Judith von Sternburg über die Pläne der Franfurter Oper für die nächste Saison. Als "Königin im Reich der Verlage" verehrt Peter von Becker im Tagesspiegel Maria Sommer, die Jean Anouilh und Arthur Miller, George Tabori und Slawomir Mrozek an die deutschen Bühnen brachte und heute hundert Jahre alt wird. 

Besprochen werden Andreas Homokis Zürcher "Rheingold"-Inszenierung (mit der FAZ-Kritiker Jan Brachmann Wagners Ring-Auftakt zum "bürgerlichen Konversationsstück" gestutzt sieht) und eine Adaption von Mieko Kawakamis Roman "Brüste und Eier" am Thalia Theater in Hamburg (taz).
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Kunst

Walter Scikert: L'Affair de Camden Town, 1909. Bild: Tate Britain

Hervorragend kuratiert findet Laura Cummings im Observer die große Walter-Sickert-Ausstellung in der Tate Britain, die den britischen Maler als Meister des Bösen zeigt, besonders verstörend in seiner Serie "The Camden Town Murder": "Sickert hat die menschliche Anatomie so oft verzerrt (oder einfach verfälscht), dass sich die Frage stellt, wie hart er an dieser dunklen Zweideutigkeit gearbeitet hat. Der Titel dieses Werks bezieht sich auf den Mord an einer Frau namens Emily Dimmock in Camden Town im Jahr 1907. Sickerts Gemälde verbinden beunruhigend Tatort, Ateliereinrichtung und Sozialgeschichte, er liebte es, die Dinge mit ablenkenden Titeln weiter zu verwirren. Ein Bild heißt 'What Shall We Do for the Rent?' Der letzte Essay im ausgezeichneten Katalog der Ausstellung präsentiert einige forensische Beweise über Sickert selbst. Es stellt sich heraus, dass er einer von jenen war, die sich in Briefen an die Polizei als Jack the Ripper ausgaben. Was diesen abscheulichen Akt mit seinen Gemälden verbindet, scheint (zumindest mir) in den emotionalen Grenzen von Sickerts Kunst zu liegen. Was auch immer seinen Sujets widerfährt, es erscheint zunächst - und manchmal auch zuletzt - immer nur als Vorwand für Formen, für Formgebung und Gestaltung, für eine aufsehenerregende, von glühend bis graubraun reichende Palette, letztlich für die Faszination des Pinselstrichs. Die Stimmung ist wichtiger als die Bedeutung, die tonalen Harmonien wichtiger als der Mensch." (Hier der Katalog zur Ausstellung)

Barbara Kruger: Bitte lachen / Please cry, 2022. Ausstellungsansicht. Foto: Timo Ohler / Neue Nationalgalerie

Als eine der schärfsten Kritikerinnen unserer Medienwelt schätzt Ingeborg Ruthe in der FR die amerikanische Künstlerin Barbara Kruger, die in der Neuen Nationalgalerie in Berlin die den gesamten Boden der oberen Halle mit ihren Textbotschaften ausgelegt hat: "Algorithmen werten nicht und haben keine Gefühle. Als geistiges und emotionales Gegenmittel setzt Barbara Kruger in ihre Schriftbilder auf Vinyl nachdenkliche Äußerungen von Schriftstellern: Zitate von George Orwell, Walter Benjamin und James Baldwin, auch nachlesbar in einer Zeitung zur Ausstellung in Berlins Nationalgalerie . 'Wenn Sie sich ein Bild von der Zukunft machen wollen'", zitiert sie Orwells '1984' so sarkastisch wie wenig tröstlich, 'dann stellen Sie sich einen Stiefel vor, der auf einem menschlichen Gesicht herumtrampelt. Unaufhörlich…" Und dazu ein greinendes Emoji." (Mehr von Barbara Kruger: hier)

Weiteres: In der NZZ freut sich Philipp Meier, dass Skulpturen von Sol LeWitt und Walter De Maria im schweizerischen Uster ein neues Zuhause gefunden haben.

Besprochen werden die große Raffael-Schau in der National Gallery in London (der SZ-Kritikerin Kia Vahaland auch die Einsicht entnimmt, dass Menschen einander braucehn: "Raffael ist ein Beziehungsmaler") und die Schau "Arte e sensualità nelle case di Pompei" im Archäologischen Park von Pompeji (FAZ).
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Literatur

Die NZZ setzt Sergei Gerasimows Kriegstagebuch aus Charkiw fort.Besprochen werden unter anderem Ocean Vuongs  Gedichtband "Zeit ist eine Mutter" (Standard), Wolfram Lotz' "Heilige Schrift I" (SZ), Jakob Heins DDR-Roman "Der Hypnotiseur" (Freitag), Robert Bracks Krimi "Blizzard" (Tsp) und Bodo V. Hechelhammers Biografie des Comicverlegers Rolf Kauka (FAZ).
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Stichwörter: Charkiw, Gerassimow, Sergei

Film

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Hundert Jahre wäre der wunderbare Jonas Mekas in diesem Jahr geworden - das Jewish Museum New York würdigt den Experimentalfilmer nun mit einer großen Ausstellung, die Verena Harzer für die taz besucht hat. Unter anderem werden dort auf gleich zwölf Leinwänden simultan seine Filme (oder ein einzelner zwölffach versetzt) gezeigt, was zu Mekas' bruchstückartigen Arbeiten gut passt: "Ein gelungener Moment der poetischen Verdichtung entsteht zum Beispiel" bei "A Letter from Greenpoint" von 2004: "Auf der einen Leinwand ist der Akkorden spielende und dazu repetitiv 'My friends don't sing anymore' singende Mekas zu sehen. In seiner verlorenen Heimat Litauen sei der gemeinsame Gesang eine alltägliche Erfahrung gewesen, hat Mekas einmal gesagt. Gleichzeitig rollt sich auf einer anderen Leinwand eine Katze auf einem mit Büchern überladenen Schreibtisch zum Schlafen ein. Womöglich ein Sinnbild für Mekas' Suche nach Geborgenheit und Zugehörigkeit. Auf der Leinwand direkt daneben ist das leergeräumte Loft in Soho zu sehen, in dem Mekas mit seiner Frau und den beiden Kindern zuvor dreißig Jahre lang gelebt hatte und ausziehen musste, weil es verkauft wurde. Was auf Mekas wie eine erneute Vertreibung gewirkt haben muss."

Außerdem: Im Filmdienst schreibt Ralf Schenk einen Nachruf auf den Filmkritiker Heinz Kersten. Besprochen werden Luke Hollands Dokumentarfilm "Final Accounts" über ehemalige SS-Mitglieder, der bei NZZ-Kritiker Andreas Scheiner viel Verständnis für die Porträtierten weckt, Sam Raimis Marvel-Blockbuster "Doctor Strange 2" mit Benedict Cumberbatch (Presse) und die Serie "Winning Time" über die L.A. Lakers (ZeitOnline).
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Musik

Im großen Gespräch mit Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop bringt uns Eric Pfeil die Wunderwelt des italienischen Schlager-Pops näher, über die er passenderweise gerade ein Buch veröffentlicht. "Allerdings ist diese leichte Musik tausendmal komplexer und irrer als zum Beispiel deutsche Schlager oder der Großteil des angloamerikanischen Pop. In Italien schöpft man aus der Oper und der canzone napoletana, das heißt: Es geht immer ums Donnern, um die große Geste - und um möglichst barocke Melodien. Die Amerikaner haben der populären Musik den Rhythmus gegeben, aber die Melodie haben uns die Italiener*innen gegeben, mit den Opern, der canzone und den italienischen Emigranten, die diese Sachen in die USA gebracht haben. Das Leichte ist in Italien quasi eine noble Pflicht: Es ist die einzige Art, auf Drama und Katastrophe zu reagieren - beides kennt man dort zu genüge. ... Die Welt geht unter, immer schon und ständig, aber das hält einen nicht davon ab, sich eine teure Sonnenbrille ins Gesicht zu klemmen und den nächsten Sommerhit zu singen." Ganz besonders ans Herz legt uns Pfeil im übrigen "Ancora tu" von Lucio Battisti:



Außerdem: Im FAZ-Gespräch erklärt die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv, warum sie derzeit keinen Tschaikowsky dirigiert. Michael Ernst spricht in der NMZ mit der Geigerin Liza Zaitseva und dem Dirigenten Luigi Gaggero vom Sinfonieorchester Kiew, das derzeit durch Deutschland tourt. In der SZ plaudert Monchi von Feine Sahne Fischfilet über die 65 Kilo, die er gerade abgenommen hat und worüber er auch ein Buch geschrieben hat.

Besprochen werden Bücher von Eleonore Büning und Lotte Thaler über Wolfgang Rihm (FAZ), ein Berliner Konzert von Grigory Sokolov (Tsp), das neue Album von Bilderbuch (Welt), das Album "Kommunistenlibido" der Berliner Singer-Songwriterin Nichtseattle (taz) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter "Alluvium" von C Duncan ("absolut wunderbar", schwärmt SZ-Popkolumnist Max Fellmann ). Wir hören rein:

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