Bücherbrief

Der Überfluss in der Gefahr

06.05.2014. Najem Wali schickt einen Brief über die Fronten dreier Kriege im Nahen Osten. Chimamanda Ngozi Adichie denkt darüber nach, was es in einer postkolonialen Welt heißt, schwarz zu sein. Szczepan Twardoch führt uns durch ein dekadentes Leben im Zweiten Weltkrieg. Ha Jin denkt über Exil und Sprache nach. Und Amana Fontanella-Khan beschreibt in einer Reportage Indiens pinkfarbene Bande. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats Mai.
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Weitere Anregungen finden Sie in den Büchern der Saison vom Frühjahr 2014, unseren Notizen zu den Literaturbeilagen vom Frühjahr 2014, den Leseproben in Vorgeblättert, in der Krimikolumne "Mord und Ratschlag" und in den älteren Bücherbriefen.


Literatur

Najem Wali
Bagdad Marlboro
Roman
Carl Hanser Verlag 2014, 350 Seiten, 21,90 EUR

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"Die Hölle ist tatsächlich etwas verstörend Gegenwärtiges", lernt der tief beeindruckte NZZ-Rezensent Andreas Pflitsch aus dem neuen Roman von Najem Wali. Wali erzählt hier nicht eine Geschichte, sondern mehrere, über mehrere Personen - ein irakischer Erzähler, ein arabischer Dichter, ein amerikanischer Soldat - und Kriege: der iranisch-irakische Krieg, der Kuweit-Krieg, der zweite Irakkrieg. Zwischen den drei Personen schafft ein Brief die Verbindung. Alle drei leiden unter den entsetzlichen Grausamkeiten, die sie erlebt und verübt haben. Andreas Pflitsch ist offensichtlich beeindruckt, von der Komplexität, die Wali in seinem Roman bannt und die dem Leser einen Blick in den Abgrund von Geschichte erlaubt - die fast noch in der Gegenwart spielt. Ähnlich Meike Feßmann in ihrer Kritik im Tagesspiegel: "Oft weiß der Leser nicht, wo er sich befindet: in welchem der Kriege, an welcher Front? So wird er nicht nur zum Dechiffrieren gezwungen, sondern auch in eine Situation versetzt, die mit der eines Soldaten einiges gemeinsam hat." Meike Feßmann sieht "Bagdad Marlboro" als Najem Walis Opus magnum. Im RBB hat Wali über seinen Roman gesprochen. (Leseprobe bei Hanser)

Chimamanda Ngozi Adichie
Americanah
Roman
S. Fischer Verlag 2014, 608 Seiten, 24,99 EUR

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Um Migration, um Aufbruch und Rückkehr, um Fremdheit in der Ferne und in der Heimat geht es in "Americanah", dem neuen Roman von Chimamanda Ngozi Adichie. In ihrer Geschichte über die Bloggerin Ifemelu, die nach 13 Jahren aus den USA nach Nigeria zurückkehrt, erörtert die amerikanisch-nigerianische Autorin "sehr präzise, was es heißt, schwarz zu sein", berichtet Harald Staun in der FAZ. Adichie webt virtuos postkoloniale Diskurse ein, ohne den "überaus flüssig geschriebenen Roman mit der Schwere allzu theoretischen Ballasts zu überfrachten", wie Marie-Sophie Adeoso in der FR hervorhebt. Und nicht zuletzt erzählt Adichie "auch eine Liebesgeschichte und dazu noch eine ziemlich große", stellt Hannah Pilarczyk auf Spiegel Online beeindruckt fest. (Leseprobe bei Fischer und bei Vorgeblättert)

Anthony Marra
Die niedrigen Himmel
Roman
Suhrkamp Verlag 2014, 489 Seiten, 22,95 EUR

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FAZ-Rezensentin Katharina Teutsch nimmt dieses Buch auch als ein indirektes Statement zur deutschen Debatte, ob deutsche Bürgerkinder mangels Erfahrungshintergrund überhaupt einen veritablen Roman hinkriegen könnten. Offenbar ist es möglich, das zeigt ihr der Amerikaner Anthony Marra, der aus einem bürgerlichem Milieu ohne Besonderheiten kommt und einen Roman über Tschetschenien geschrieben hat, der die Rezensentin aufwühlt. Es ist sozusagen ein anti-autobiografischer Roman. Packend zu lesen erscheint er der Rezensentin dennoch: weil er akribisch recherchiert und literarisch raffiniert konstruiert ist. Vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise dürfte es überdies besonders empfehlenswert sein, diesen Roman zur Kenntnis zu nehmen: Boris Jelzin und Wladimir Putin nahmen in den Tschetschenien-Kriegen kaltlächelnd Zehntausende Tote in Kauf, um das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu unterdrücken, auf das sich Putin jetzt bei der Annexion der Krim beruft. Die deutsche Öffentlichkeit ignorierte diese Kriege weithin, da es kaum Bilder gab und darum kaum um Verständnis für Putin geworben werden musste.

Szczepan Twardoch
Morphin
Roman
Rowohlt Verlag 2014, 592 Seiten, 22,95 EUR

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Szczepan Twardoch ist gerade mal 1979 geboren. Aber sein Roman "Morphin" spielt im Zweiten Weltkrieg und hat auf die Kritiker durchaus Faszination ausgeübt. Twardochs Protagonist Konstanty Willemann ist ein verwöhnter Mittdreißiger, der kurz nach dem Einmarsch der Deutschen durch Warschau zieht und sich gemeinsam mit der Prostituierten Salomé nach einem Morphiumschuss unter die Laken verzieht, berichtet Ina Hartwig in der Zeit: "Alles dreht sich ums Fressen und Saufen, um den Überfluss in der Gefahr." Die scheinbare Amoralität, mit der der Krieg hier betrachtet wird, als sei er ein Störenfried im dekadenten Leben des Helden (der sich dann doch dem Widerstand anschließt), verfehlt auch auf Friedmar Apel in der FAZ ihre Wirkung nicht. Er denkt bei den expressionistisch ausgemalten Kriegs-, Drogen- und Sexszenen an Döblin und Schiele, Joyce und Pitigrilli, auch wenn der Roman für ihn zuweilen in eine bedenktliche Nähe zum "Pornokitsch" gerät.

George Saunders
Zehnter Dezember
Stories
Luchterhand Literaturverlag 2014, 272 Seiten, 19,99 EUR

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Der 1958 in Chicago geborene George Saunders ist in Deutschland nicht gerade ein allgemein bekannter Autor. Und doch wurde sein Erzählband "Zehnter Dezember" von allen überregionalen Tageszeitungen besprochen. Im Mittelpunkt stehen immer Jedermänner und -frauen, keine besonderen Helden also, die sich in ungewöhnlichen Situationen wiederfinden. Wobei man als Leser offenbar oft selbst nicht so genau weiß, was jetzt stimmt und was nicht. Wunderbare Milieustudien, lobt Wolfgang Schneider in der FAZ, und wenn sich in den Geschichten eine Moral versteckt, dann blitzt sie nur ganz beiläufig auf. "Präzision, Härte und kosmopolitische Fantasie" attestiert in der taz Maik Söller dem Autor. Und SZ-Rezensent Burkhard Müller kann sich im März schon vorstellen, dass dies das beste Buch ist, das er dieses Jahr lesen wird. (Leseprobe bei Luchterhand)


Sachbuch

Luke Harding
Edward Snowden
Geschichte einer Weltaffäre
Edition Weltkiosk 2014, 277 Seiten, 19,90 EUR

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Der 1968 in Nottingham geborene Luke Harding ist einer der profiliertesten Journalisten des Guardian. Er berichtete aus Neu-Delhi, Berlin und Moskau, über die Kriege in Afghanistan, Irak und Libyen, er wertete die von Wikileaks geleakten US-Depeschen mit aus und jetzt hat er eine Biografie Edward Snowdens geschrieben. Im Tagesspiegel hebt Malte Lehming die Beschreibung Snowdens als echter amerikanischer Libertärer hervor, auf den Begriffe wie rechts und links nicht so recht passen. taz-Rezensent Johannes Gernert findet die Bigrafie ausgesprochen "instruktiv". Er fühlt sich nicht nur über die Geschichte des Edward Snowden gut informiert, sondern auch über die Überwachungssysteme in den USA, England und Russland. In der New York Times und in der London Review of Books gab es viel Lob für das Buch: Wer nicht täglich die neuesten Meldungen zu den Snowden-Dokumenten verfolgt habe, werde hier auf spannende Art gut informiert. Nur Hardings Loblied auf die britische Presse quittiert quittiert NYT-Rezensentin Michiko Kakutani mit leicht gerümpfter Nase. Und Daniel Soar erinnert in der LRB daran, dass der Guardian sehr viel detaillierter über die NSA als über den britischen GCHQ informiert habe. Eine Leseprobe aus dem Buch gibt"s beim Freitag.

Ha Jin
Der ausgewanderte Autor
Über die Suche nach der eigenen Sprache
Arche Verlag 2014, 128 Seiten, 15,00 EUR

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In den USA tobt seit einigen Monaten ein etwas befremdlicher Streit um "World Literature", der einerseits von einem Buch Emily Apters, andererseits von einem manifesthaften Artikel der linken und hippen Literaturzeitschrift n+1 ausging: Zumindest in n+1 läuft es darauf hinaus, die Guten und die Bösen zu sortieren: Salman Rushdie und V.S. Naipaul gehören für n+1 ganz eindeutig zu den Agenten der Globalisierung, Rushdie irgendwie doch wegen seiner "Satanischen Verse", und Naipaul, weil er die folkloristische Nostalgie ablehnt, mit der die Linke auf die Peripherie blickt. Diesen beiden hält n+1 dann eine Idee internationalistischer Literatur entgegen. Gloria Fisk gibt in The American Reader eine ganz gute Zusammenfassung der Debatte, vor deren Hintergrund gewiss auch die Lektüre der Essays von Ha Jin wohltuend sein mag: Denn für den chinesischen Autor, der seit dreißig Jahren im amerikanischen Exil lebt, gehören gerade die von n+1 bekämpften Autoren zu den Zentralgestirnen des modernen Literaturhimmels: Literatur ist für ihn seit hundert Jahren ganz wesentlich von der Erfahrung des Exils geprägt. Marica Bodrozic scheut sich dann auch nicht, Ha Jins Essays in der FAZ in eine Reihe mit Vladimir Nabokov, Joseph Conrad und, tja, V. S. Naipaul zu stellen.

Heriberto Araujo, Juan Pablo Cardenal
Der große Beutezug
Chinas stille Armee erobert den Westen
Carl Hanser Verlag 2014, 390 Seiten, 24,90 EUR

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Wenn China mit Afrika oder Südamerika handelt, dann liefert es in der Regel billige Fertigprodukte gegen Öl, Gas, Kupfer oder Diamanten. So weisen es die beiden spanischen China-Korrespondenten Heriberto Araújo und Juan Cardenal in ihrem Buch "Der große Beutezug" nach, das den Rezensenten Angst und Bange machte vor dem rabiaten Kapitalismus der Pekinger Staatsunternehmen. Manfred Osten stellt nach der fesselnden Lektüre in der FAZ fest, dass China nicht westlicher wird, sondern die Welt chinesischer. Der Guardian findet hier vor Augen geführt, welche Kosten China den armen Ländern für sein eigenes Wachstum aufbürdet. Frank Dikötter bemerkt in der Literary Review, dass es auch Gewinner bei diesem Handel gibt, nämlich die korrupten Eliten vor Ort und in Peking. Doch nicht nur die Klarsicht und analytische Schärfe der beiden Autoren überzeugte Christoph Giesen in der SZ, sondern auch ihre profunde Recherche: "Sie besuchten turkmenische Gasfelder und besichtigten Staudämme im Sudan, sie unterhielten sich mit frustrierten Arbeitern in Mosambik und trafen sich mit heroinabhängigen Jadeschürfern in Birma." (Leseprobe bei Hanser)

Michail Ryklin
Buch über Anna
Suhrkamp Verlag 2014, 334 Seiten, 24,95 EUR

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Eine bewegende Lektüre sind die Erinnerungen des Philosophen Michail Ryklins an seine Frau, die Dichterin Anna Altschuk, die sich im März 2008 in Berlin das Leben genommen hat. Weil beide prominente Kritiker des Kremls waren und in Berlin im Exil lebten, wurde kurzzeitig vermutet, Anna Altschuk sei, ähnlich wie Anna Politkowskaja, ermordet worden. Doch das stimmt nicht, wie sich Ryklin schmerzhaft bewusst macht: Seine Frau litt unter schweren Depressionen, unter der Entwurzelung, die sie als in der Moskauer Kunstszene verankerte Künstlerin besonders hart traf, und den schwierigen Lebens- und Liebesumständen in Berlin, erklärt in Barbara Oertl in der taz. Sie hat das Buch berührt und verstört, denn es erzählte ihr von einer "menschlichen Tragödie im Zeichen tiefer politischer Umbrüche". In der FAZ verfolgte Regina Mönch mit Bedrückung, wie Ryklin noch einmal die Moskauer Hetzkampagne gegen sei Frau rekapituliert, die Ermittlungsakten der Polizei liest und schließlich die Tagebücher seiner Lebensgefährtin findet, in denen sie ihre Verzweiflung festhält. In der Zeit spricht Susanne Mayer mit Michail Ryklin über die Geschehnisse.

Amana Fontanella-Khan
Pink Sari Revolution
Die Geschichte von Sampat Pal, der Gulabi Gang und ihrem Kampf für die Frauen Indien
Hanser Berlin 2014, 272 Seiten, 19,90 EUR

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"Es gibt verschiedene Gründe für die Gewalt gegen Frauen in Indien", sagt die Autorin Amana Fontanella-Khan in der Literarischen Welt, "Wenn ein Junge geboren wird, singt man Lieder. Ist es ein Mädchen, herrscht Schweigen. Viele Mädchen werden abgetrieben. Daraus resultiert das nächste Problem - es gibt viel zu wenig Frauen, und das führt zu Aggressionen." Gegen diese Gewalt lehnt sich die "Gulabi Gang", die "pinkfarbene Bande" auf, die von der charismatischen Sampat Pal angeführt wird. Jenny Friedrich-Freksa hat dieses Buch für die Zeit begeistert besprochen. Es gehört für sie zu einem neuen Genre von Reportagen über Indien, die versuchen, das komplexe Land über Porträts von einzelnen Personen widerzuspiegeln. (Leseprobe bei Hanser Berlin)