George Saunders

Zehnter Dezember

Stories
Cover: Zehnter Dezember
Luchterhand Literaturverlag, München 2014
ISBN 9783630874272
Gebunden, 272 Seiten, 19,99 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert. Niemand versteht es, so ungewöhnlich über ganz gewöhnliche Menschen zu schreiben, die sich mit einer nicht ganz gewöhnlichen, unvollkommenen Welt herumschlagen, wie George Saunders. Da ist zum Beispiel die fünfzehnjährige Alison. Als sie, den Kopf voller grandioser Weltumarmungsgefühle, von einem Fremden entführt zu werden droht, steht der Nachbarjunge, der alles mit ansieht, vor einer schweren Entscheidung: Soll er ignorieren, dass das schönste aller Mädchen vermutlich Opfer eines Verbrechens wird, oder soll er sich über alle moralischen Gebote, nach denen ihn seine Eltern großgezogen haben, hinwegsetzen und eingreifen? Oder da ist der Mann, den medizinische Versuche über die Grenzen seines Selbst hinausführen, und zwar sowohl in puncto Lust als auch in puncto Mordlust. Und da ist in der Titelgeschichte der dicke, einsame Junge, der sich auf unsicheres Eis begibt und dabei die Selbstmordabsichten eines alten kranken Mannes durchkreuzt…

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 05.06.2014

Andreas Isenschmid findet Superlative im Journalismus zwar das Letzte, aber George Saunders Storysammlung "Zehnter September" hat die Lobpreisung der New York Times als bestes Buch des Jahres womöglich wirklich verdient, meint der Rezensent. Denn die Geschichten, die vor allem an den Rändern des gesellschaftlichen Lebens spielen, in Armenvierteln, in Krankenhäusern und Gefängnissen, diese Geschichten sind irgendwie anders als andere, so Isenschmid, sie bilden "intensive moralische Erfahrungen" aus, ohne nach Effekten zu haschen und ohne ihnen "das übliche Atom betulicher Peinlichkeit" beizumischen, erklärt der Rezensent. Die absatzzerklüfteten Seiten spiegeln die brüchige Welt, die Saunders aus der Perspektive seiner Figuren beschreibt, und nach wenigen Seiten kennt man diese, etwa den hasserfüllten Veteranen Mikey aus der Geschichte "Zuhause", besser als so manchen Helden umfangreicher Romane, lobt Isenschmid, der dieses Buch lieber als so manches andere in den Händen diverser Jurys wüsste.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.04.2014

Die vielen Preise, findet Angela Schader, hat der Autor für dieses Buch zu Recht erhalten. Die Sammlung mit zehn Short Storys von George Saunders gefällt Schader durch teilweise recht grelles Ausleuchten der amerikanischen Gegenwart und gelegentliches Ausschwenken ins Futuristische, eine gewohnte Maßnahme bei Saunders, weiß Schader. Ferner konstatiert die Rezensentin beim Autor einen Hang zur Ethik ohne moralisierenden Zeigefinger - angenehm. Dass Saunders Helden, vom Antikhändler bis zur Ballett-Schülerin allesamt Jedermänner und -frauen sind, scheint Schader in Ordnung zu finden. Helden brauchen diese Geschichten nicht, findet sie, eher schon den Schwenk ins Groteske, Überdrehte, Themenparkartige. Zusammen mit dem Humanismus des Autors für Schader eine recht gute, realitätsnahe Mischung.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.03.2014

Einen Autor, mit dem man ein besserer Mensch werden kann, hat Wolfgang Schneider entdeckt. Dass die in diesem Band vereinten Erzählungen von George Saunders dazu geeignet sind moralische Anleitungen zu geben, überrascht Schneider schon deshalb, weil das bei diesem Autor eher beiläufig geschieht, in einer burlesken Zuspitzung sozialer Demütigung etwa. Leichthändig, aber nicht oberflächlich findet der Rezensent die Milieustudien des Autors und explizit, das heißt kurz und deutlich, die Texte. Wenn wie bei Saunders eine für den Leser spürbare Lust am Experiment, Handwerkskunst und die Fähigkeit, tief in das Elend der Figuren einzudringen, hinzukommen, ist das für Schneider die Lektüre wert, auch wenn die ein oder andere Geschichte im Band etwas überkonstruiert daherkommt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.03.2014

Rezensent Burkhard Müller kann sich den Lobeshymnen seiner amerikanischen Kollegen nur anschließen: George Saunders Kurzgeschichtenband "Zehnter Dezember" könnte auch seiner Meinung nach gut als bestes Buch, das er dieses Jahr liest, durchgehen. Das liegt zum einen an der konsequent durchgehaltenen Perspektive seiner Figuren, die zwischen angegriffener geistiger Gesundheit und beginnender Demenz oszilliert. So kommt dem Leser die Aufgabe zu, sein eigenes Sehen zu schulen, gleichzeitig aber festzustellen, welche Gnade der eingeschränkte Blick für Saunders Figuren bedeutet, berichtet der Rezensent. Ergriffen folgt er etwa einem jungen Familienvater, der seiner Tochter gern den Luxus ihrer Freundinnen ermöglichen würde, aber nicht einmal das kaputte Familienauto reparieren lassen kann. Insbesondere aber lobt Müller die Arbeit des Übersetzers Frank Heibert: Ihm sei es nicht nur gelungen, Saunders eigentümliche Mischung aus "karger und zarter" Sprache einzufangen, sondern auch englischen Wendungen gekonnt ins Deutsche zu übertragen, so der Kritiker, der diese Short Stories nur wärmstens empfehlen kann.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 04.03.2014

Nicht aus Zucker sind die Geschichten von George Saunders, meint Sylvia Staude angesichts einer Lektüre, die ihr von lustig bis gruselig alles bietet. Dass der Autor ihr immer wieder den gemütlichen Boden des Kleineleutealltags unter den Füßen wegzieht und sie unversehens auf alptraumhaftes Terrain führt, wo junge Mädchen wie Lampions im Stacheldraht baumeln und brutale Vergewaltigungen geschehen, scheint Staude okay zu finden. Zurück in die Realität findet der Text offenbar auch immer wieder. Alptraum oder Realität - diese Frage stellt sich Staude dauernd bei diesen Texten, die für sie von einem Humor mit Kanten getragen sind, und von der satirisch gefärbten Verspieltheit ihres Autors.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.02.2014

Dass ausgerechnet ein Satiriker - und damit ein in literarischen Kreisen oft unterschätzter Autor - der Science Fiction den Weg aus der eigenen Krise weist, findet Maik Söhler sehr bemerkenswert. Während die Science-Fiction aus ihrer Liaison mit der Wissenschaft nicht herausfindet, von der sie sich einst inspirieren ließ, um sie dann selbst zu inspirieren, was schließlich nur zur NSA geführt hat, ebnet Saunders in seinen Geschichten einen interessanten neuen Weg, indem er die Krisen der Menschen genau in den Blick nimmt, erklärt der Rezensent. "Präzision, Härte und kosmopolitische Fantasie", das sind die Qualitäten, die der Kritiker dem Autor attestiert. Klassische Science-Fiction-Autoren sind gut beraten, sich daran zu orientieren, so sein Fazit.
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