9punkt - Die Debattenrundschau

Das zu sehen, ist unheimlich

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.11.2018. In der Welt erklärt Per Leo, dass es im Kampf gegen Rechts nicht reicht, seine Haltung zu demonstrieren: Man braucht Strategie. Auch die taz warnt vor Konfliktscheu. Außerdem erinnert sie an die große Frauenrechtlerin Marie Juchacz. Die Berliner Zeitung ruft: Die SPD hat 1919 die Arbeiterbewegung nicht verraten, sondern gerettet. Peter Sloterdijk wirft die Frage auf, ob wir zur Freiheit genötigt werden. Die NYRB beschreibt den innigen Clinch von CNN und Donald Trump. Und Britannien droht Jo Johnson zufolge: Vasallentum oder Chaos.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.11.2018 finden Sie hier

Ideen

Noch immer wird über Margarete Stokowski diskutiert, die nicht in der Buchhandlung Lehmkuhl auftreten wollte, weil dort rechte  Literatur verkauft werde (mehr hier): Sehr einschlägig und sachkundig erklärt Per Leo, einer der Autoren des Buchs "Mit Rechten reden", im Welt-Interview mit Mara Delius, warum es grundfalsch ist, nur die eigene Haltung zu demonstrieren, anstatt sich für die Auseinandersetzung mit Rechtsextremen eine Strategie zu überlegen. Die haben nämlich eine: "Der Witz ist, dass man genau das aus den Büchern lernen könnte, die bei Lehmkuhl im Regal stehen. Sie sind nämlich mit Bedacht ausgewählt. Wir reden hier ja nicht über irgendwelche Hetzliteratur, sondern über drei Bücher aus dem AntaiosVerlag. Deren Verleger Götz Kubitschek ist kein Denker. Er versteht etwas von Literatur, aber von Theorie und Ideengeschichte hat er keine Ahnung. Darum hat er auch nur einen einzigen Text geschrieben, dem man so etwas wie eine Wirkungsgeschichte attestieren könnte. Der allerdings verdient aufmerksame Lektüre. Er trägt den programmatischen Titel 'Provokation' und findet sich in dem bei Lehmkuhl ausgestellten Sammelband 'Die Spurbreite des schmalen Grats'."

In der taz plädiert auch Jan Feddersen für weniger Empörung und mehr Selbstbewusstsein in der Debatte: "Mit Rechten reden?  Die Frage darf sich Linken nicht stellen. Man muss. Schläger und Mobs gehören der Polizei überantwortet, Redende muss man selbst stellen. Bloß keine Konfliktscheu, das Denken in Wertegemeinschaften und Verschnupftheitsblasen ist aus der Zeit, nur der starke Rahmen grundgesetzlich geschützter Meinungsfreiheit kann zählen - das wird dann allerdings für manche Linke ungemütlicher. Die Mentalitäten der wohlfeilen Empörung, der Beleidigthaftigkeit fundamentaler Sorte müssen in die politischen Kinderzimmer zurückgebracht werden."

Nachhören kann man auf den Seiten von Deutschlandfunk Kultur jetzt die Gesprächsreihe mit Peter Sloterdijk in der Volksbühne, bei der sich der Philosoph den ganz großen Fragen widmet: Freiheit zum Beispiel, wie das Resüme ahnen lässt: "'Wir haben heute das Problem einer gewissen Freiheitsverwöhnung', meint Peter Sloterdijk: 'Wir haben die Erinnerung an die Kosten der Freiheitskämpfe weitgehend verloren.' Der Wille zur Freiheit werde in westlichen Gesellschaften mehr und mehr 'von der Nötigung zur Freiheit überlagert'."
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Europa

Der britische Verkehrsminister, Boris-Johnson-Bruder, aber Brexit-Skeptiker Jo Johnson ist zurückgetreten, und zwar, wie er in einem Artikel auf Medium.com verkündet, aus Frustration über die Brexit-Verhandlungen: "Indeed, the choice being presented to the British people is no choice at all. The first option is the one the Government is proposing: an agreement that will leave our country economically weakened, with no say in the EU rules it must follow and years of uncertainty for business. The second option is a 'no deal' Brexit that I know as a Transport Minister will inflict untold damage on our nation. To present the nation with a choice between two deeply unattractive outcomes, vassalage and chaos, is a failure of British statecraft on a scale unseen since the Suez crisis. My constituents in Orpington deserve better than this from their Government."

In der SZ stellt Thomas Steinfeld das Faschistometer vor, das die italienische Schriftstellerin Michela Murgia entwarf, um den Chauvinismus ihrer Landsleute zu testen. Der Katalog mit 65 Fragen "Quanto Sei Fascista?" ist der Renner: "Sie werden angeblich gestellt, um den 'gesunden Menschenverstand' der Ausfüllenden zu prüfen. Die Stoßrichtung der Fragen tritt aber erst hervor, wenn man sie zur jüngsten Geschichte Italiens in Beziehung setzt. 'Ist Vergewaltigung schwerer erträglich, wenn ein Ausländer sie begangen hat?', lautet eine dieser Fragen."
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Medien

Im Blog der NYRB sieht Michael Massing Donald Trump und CNN in einer sehr unguten Ko-Anhängigkeit. Ökonomisch beschert der Präsident dem Sender einen Goldregen, dafür revanchieren sich die Journalisten mit endlosem Draufhauen: "More generally, the network's coverage seemed uninformative, repetitive, and nakedly partisan. Apart from a some perfunctory I'm-here-in-red-state-America-to-speak-with-the-locals dispatches, it featured few in-depth reports on developments on the ground. Instead, it offered talking heads reciting familiar talking points. With immigration and related questions of national identity having become so salient both in America and throughout the world, I was surprised at how little genuine interest CNN showed in it."

Im NZZ-Interview erzählt die Bloggerin Manya Koetse, was sich auf Weibo so tut, dem chinesischen Pendant zu Twitter. Politik spielt kaum eine Rolle, die Leute bewegen Telenovelas, süße Roboter oder Tyrannen im Zug: "Man ist dankbar, im sicheren China zu leben und nicht im unsicheren Europa. Generell kann man feststellen, dass Europa sehr langsam in der digitalen Transformation und sehr international ausgerichtet ist. China dagegen ist sehr schnell in der Transformation und sehr auf China ausgerichtet."
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Stichwörter: Cnn, Trump, Donald

Geschichte

In der Berliner Zeitung springt Arno Widmann für die Sozialdemokratie in die Bresche: Dass die Republik 1919 gegen alles, was links von ihr stand, vorging, war rabiat, aber vernünftig: "Friedrich Ebert und die von ihm geführte Sozialdemokratie haben nicht die Arbeiterbewegung verraten. Sie haben sie gerettet. Freie Gewerkschaften, freie politische Betätigung hätte es in einem rätesozialistischen Deutschland nicht gegeben. Das wussten die Zeitgenossen nur zu gut. Die Entwicklung in der Sowjetunion stand ihnen deutlich vor Augen. Zehntausende Flüchtlinge hatten nicht nur viel zu erzählen. Schon ihre bloße Anwesenheit zeigte jedem, der Augen hatte, wie es um Freiheit und Demokratie in jenem Land aussah, das die Kommunisten als ihr Ideal betrachteten. Die Revolution von 1918/19 ist nicht auf halber Strecke stehen geblieben. Sie wurde gestoppt, bevor sie dazu übergehen konnte, ihre Kinder zu fressen. Das ist das große Verdienst der Sozialdemokratie."

Der kanadische Soziologe Michal Bodemann fragt, warum die Progromnacht vom 9. November 1938 auch unter die deutschen Schicksaldaten subsumiert wird. Es sei doch ein jüdisches Schicksalsdatum. Überhaupt passt ihm das ganze "Gedächtnistheater" nicht: "Sowohl für den 10. November wie auch für den 27. Januar gilt, dass die real existierenden, in Deutschland lebenden Juden nur Rollen als Statisten in diesem Gedächtnistheater übernehmen. Denn bislang wurde kein heute in Deutschland lebender Jude, keine Jüdin gebeten, in einer Gedenkstunde des Bundestags zu sprechen. Diese Rolle im Gedenken aber reflektiert deutlich ihre Position in der deutschen Gesellschaft insgesamt: Sie sind vermittels ihrer legitimatorischen ideologischen Arbeit eng an das politische System und sein 'christlich-jüdisches', den Islam ausschließendes Selbstverständnis gebunden. Sie suchen aber auch selbst die Anbindung an Zentren politischer Macht."

Ebenfalls in der taz erinnert Johanna Roth an die große Frauenrechtlerin und Sozialpolitikerin Marie Juchacz, die im Februar 1919 als erste Frau für die SPD im Reichtstag das Wort ergriff und wenige Monate später die Arbeiterwohlfahrt. Daneben beklagt auch die Historikerin Hedwig Richter die fehlende Erinnerung an die Vorreiterinnen von Frauenwahlrecht iúnd Demokratie: "Meine britischen Kolleginnen sind seit Monaten mit Veranstaltungen rund um das Jubiläum beschäftigt. Vor dem Westminster Palace wurde ein Denkmal der Frauenrechtlerin Millicent Fawcett enthüllt. In Deutschland gibt es nichts Vergleichbares."

In der NZZ berichtet Marion Löhndorf, dass der Regisseur Peter Jackson für das Imperial War Museum Aufnahmen aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs in Farbe und digital remastered hat: "Hundert Jahre alte Aufnahmen von englischen Soldaten im Einsatz an der Westfront, Synonym für den schlimmsten Kriegsschauplatz des Ersten Weltkriegs. Sie bewegen sich ohne Stummfilmflackern in natürlicher Geschwindigkeit und haben sogar ihre Stimmen wiedergefunden. Sie leben, sprechen - und sterben. Das zu sehen, ist unheimlich."

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