9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2019 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Extremismusforscher Eckhard Jesse an Günter Schabowski, der wohl als einziger SED-Politiker den Kommunismus für nicht reformierbar hielt, auch wenn ihn viele dafür als "Wendehals" verachteten: "Wer ihn länger gekannt, seine Reden gehört und Gespräche mit ihm geführt hat, kann dem nicht zustimmen. Aus Schabowski sprach authentische Überzeugungskraft, frei von Häme. Der Renegat mutierte zum Konvertiten - seinen Aussagen wohnte freilich mitunter etwas Kreuzzughaftes inne."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2019 - Geschichte

Natürlich war die DDR ein Unrechtsstaat, und selbst die Idylle, in die sich manche zurücksehen, war Ausdruck des Zwangs, sagt der Historiker Stefan Wolle im Interview mit Marc von Lüpke bei t-online.de:  "Die DDR konnte ohne Gewalt nicht existieren. Etwa indem sie ab dem 13. August 1961 den Stacheldraht auspackte und Minenfelder anlegte. Sonst wäre der Staat regelrecht ausgeblutet. Danach war es ruhig und friedlich, die Leute haben sich irgendwie mit den Verhältnissen abgefunden. Aber wirklich akzeptiert hat die Bevölkerung die DDR nie. Das begann dann erst ab 1990: Im Rückblick wird der Sozialismus mit jedem Jahr schöner."

Dass Anetta Kahane, heute Expertin für Rechtsextremismus, einst langjährige Stasi-Mitarbeiterin (Unser Resümee), von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg eingeladen wurde, um über das Verhältnis der DDR zu Israel zu sprechen, findet Hubertus Knabe in der NZZ absurd. Er erinnert in diesem Zusammenhang an die Israelfeindlichkeit der DDR: "Schon Anfang der 1950er Jahre verhaftete die Stasi eine Reihe hochrangiger Funktionäre, die beschuldigt wurden, als 'zionistische Agenten' an der 'Ausplünderung Deutschlands' und der 'Verschiebung von deutschem Volksvermögen' mitgewirkt zu haben. Auch später gehörte antiisraelische Hetze, oft mit antisemitischem Unterton, zum Alltag in der DDR. Gern wurde der jüdische Staat dabei mit Hitler-Deutschland verglichen - etwa wenn das 'Neue Deutschland' 1982 titelte: 'Israel betreibt die Endlösung der Palästina-Frage.' Die Stasi schrieb sogar Drohbriefe an Überlebende des Holocausts in der Bundesrepublik. Und sie kooperierte mit westdeutschen Rechtsterroristen, die sie in der DDR untertauchen ließ. Sie sorgte schließlich auch dafür, dass die zahlreichen antisemitischen Vorfälle in Ostdeutschland geheim blieben."

In der SZ blickt auch der Historiker Norbert frei in die Geschichte der DDR - und geht nicht von einem langfristigen Erfolg der AfD in Ostdeutschland aus. Der Ostdeutsche sei ein Wechselwähler, schreibt er, denn: "Anders als seit 1945 im Westen gab es in der Sowjetischen Besatzungszone keine ernst zu nehmenden Möglichkeiten, an das Parteiensystem der Weimarer Republik anzuknüpfen. Zwar wurden neben den Kommunisten und den Sozialdemokraten auch 'bürgerliche' Parteien zugelassen, doch die entpuppten sich rasch als Marionetten der aus der Zwangsvereinigung von KPD und SPD hervorgegangenen SED. Im Osten vermochten sich jene traditionellen sozialmoralischen Milieus kaum mehr zu erholen, die - vor allem in Gestalt der Arbeiterbewegung und des politischen Katholizismus - während der NS-Zeit schwer gelitten hatten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2019 - Geschichte

In der taz greift Andreas Fanizadeh die Arbeit der Historiker Karina Urbach und John Röhl auf, die dem abgesetzten Kaiser Wilhelm II. einen vernichtenden Antisemitismus nachweisen konnte und seinen Sprösslingen die Anbiederung an die Nazis. 1934 erschien zum Beispiel in der dänischen Zeitschrift Berlingske illustreret Tidende eine Fotostrecke mit Kronprinz Wilhelm in SA-Uniform: "Wie der heutige Hohenzollern-Chef Friedrich von Preußen bei der historischen Faktenlage erklären will, warum ihm ein Platz auf dem Familiensofa in Schloss Cecilienhof zustünde, wird demnächst auch den deutschen Bundestag beschäftigen. Die Grünen-Bundestagsfraktion fordert in einem am 25. 9. eingebrachten Antrag die Offenlegung der bislang geheim geführten Gespräche mit den Hohenzollern. Das Parlament soll in die von Staatsministerin Monika Grütters geleiteten Verhandlungen über mögliche Restitutionen eingebunden sein."

In der taz erinnert sich auch der Reporter Thomas Gerlach an das Ende der DDR, deren Niedergang nach dem vierzigsten Jahrestag am 7. Oktober 1989 unaufhaltsam wurde. Zwei Tage später war es so weit: "Die Staatsmacht, die bis in die letzten Minuten ihre Allmacht demonstrierte, hatte sich zurückgezogen. Es hatte etwas Unwirkliches, Feierliches. Die Straße gehörte uns. Und nicht nur die Straße, die ganze Stadt. Das Land. Die Straßenbahnen, völlig unschuldig, ragten wie gestrandete Schiffe aus dem Menschenmeer. 70.000 sollen es gewesen sein. Vielleicht auch 100.000 oder mehr. Wer konnte das ermessen? Und über allem lag die bedächtige Stimme von Kurt Masur. Der Stadtfunk - Hunderte Lautsprecher, die über den Ring verteilt waren - übertrug den Aufruf in Endlosschleife. Wir ließen uns treiben. Irgendwann gingen wir zu den Rädern zurück. Mikes Frau sollte nicht im Ungewissen bleiben. Die beiden hatten einen Sohn. Wir kauften einen Rucksack Bier und fuhren heim. In einer Seitenstraße sahen wir Lkws. Polizisten standen herum. 'Jungs, geht nach Hause', ruft Mike wie ein Prophet. 'Jetzt ändert sich alles. Auch euer Leben.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2019 - Geschichte

Viele Juden wurden im Holocaust nicht in Lagern ermordet, sondern durch Massenerschießungen, besonders in der Ukraine. Erst jetzt entstehen Initiativen für angemessene Mahnmale. Klaus Hillenbrand reist für die taz zu den Mordstätten. Die Stiftung "Erinnerung bewahren" musste gewissermaßen detektivische Vorarbeit leisten. "Denn in der Sowjetunion war ein Gedenken an die jüdischen Opfer nicht vorgesehen. Der Holocaust sollte im Vielvölkerstaat keine gesonderte Beachtung finden. Deshalb finden sich rund um Berdychiv immer wieder kleine Gedenksteine, auf deren Aufschrift von 'friedlichen Sowjetbürgern' die Rede ist, die dort ermordet wurden - wer da aus welchem Grund getötet worden war, das durfte nicht geschrieben stehen. Deshalb verrotteten die Grabstätten über die Jahrzehnte, bis sich kaum jemand mehr ihrer erinnerte."

Besonders im holländischen Exil hat der ehemalige Kaiser Wilhelm II. einen geradezu genozidalen Antisemitismus entwickelt, schreibt der Wilhelm-Biograf John Röhl unter Hinweis auf neue Forschungen von Karina Urbach in der FAZ und bringt zahlreiche Belege: "Als der ehemalige preußische Kultusminister Friedrich Schmitt-Ott im Juli 1921 zu Besuch nach Doorn kam, erschrak auch er über die Vehemenz des Hasses Wilhelms II. auf die Juden. Ihm setzte der Monarch seine Theorie auseinander, der Weltkrieg sei durch die jüdischen Freimaurerlogen in Frankreich, England und Italien angezettelt worden. Beim Abschied überreichte er dem Duzbruder eine silberne Brosche in Form eines Hakenkreuzes mit den Worten: 'Nun bist du in den Orden der anständigen Leute aufgenommen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2019 - Geschichte

Vor fünfzig Jahren wurde Willy Brandt zum ersten sozialdemokratischen Kanzler gewählt. In der Welt tritt der Historiker Michael Wolffsohn an, den Mythos Brandt zu relativieren: Deutschlands "geschichtsmoralisches" Verhältnis zu Israel passte Brandt beispielsweise ganz und gar nicht, so Wolffsohn:  "Er sagte es im geschlossenen Kreis am 11. Februar 1970. Israel-Politik 'ohne Komplexe' strebe er an. Das bewies seine Regierung, als Israel im Oktober 1973 ums Überleben kämpfte: keine deutschen Waffen; auch keine amerikanischen über Deutschland. Dass es zwischen Brandt und dem deutschjüdischen Zentralrat sowie US-jüdischen Repräsentanten mehr als nur kriselte, überrascht daher nicht. Diese intensiven Krisen gehören zur Vorgeschichte und Erklärung von Brandts Kniefall am Warschauer Getto-Mahnmal. Ohne dieses wunderbare Demutszeichen zu programmieren, hatte Klaus Harpprecht, ein enger Freund Brandts, es am 3. Oktober 1970 dem Kanzler gegenüber für 'angebracht' gehalten, der jüdischen Welt eine öffentliche Geste der Verbundenheit zu zeigen. Gesagt, getan, Warschau, 7. Dezember 1970."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2019 - Geschichte

Im Hitler-Stalin-Pakt hatten Nazis und Sowjets  beschlossen, Polen brüderlich unter sich aufzuteilen. Bei libmod.de erinnert der Historiker Gerhard Simon an  eine fast vergessene Episode in diesem ohnehin gut verdrängten Kapitel: "Noch vor dem Ende der Kampfhandlungen in Warschau und der Kapitulation der polnischen Armee hielten deutsche und sowjetische Panzereinheiten in Brest-Litowsk (heute Brest in Belarus) am 22. September 1939 eine gemeinsame Parade der Sieger ab."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2019 - Geschichte

Der Mythos vom Nazi-Gegner Ludwig Erhard, der in Deutschland für die Idee der sozialen Marktwirtschaft steht, ist nichts als geflunkert, schreibt Ulrike Herrmann in der taz. Seine Habilitation wurde nicht wegen Nazi-Gegnerschaft abgelehnt, sondern weil sie schlicht dürftig war, schreibt sie. Und in mehreren Studien beriet er die Nazis, wie sie mit geraubtem Vermögen umgehen sollten, in einer davon "sollte Erhard die 'Gesichtspunkte' untersuchen, die bei der 'Verwertung des volksfeindlichen Vermögens zu beachten' seien. Damit war das Eigentum von deportierten Juden und missliebigen französischen Politikern gemeint." Über die Ausraubung der Juden, so Herrmann, muss Erhard bestens informiert gewesen sein.

Außerdem: Stefan Willeke trifft sich für das Zeit-Feuilleton zu einer ausufernden Homestory mit Georg Friedrich Prinz von Preußen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2019 - Geschichte

Andreas Fanizadeh zitiert in der taz einen Satz des Kaisers Wilhelms II. im Exil, der offenbar zu den Beweisstücken der Historikerin Karina Urbach in einer neuen Studie gehört - er ist so obszön, dass man ihn  kaum wiedergeben mag: "Juden und Mücken sind eine Pest, von der sich die Menschheit so oder so befreien muss. Ich glaube, das Beste wäre Gas." Die Hohenzollern wollen einiges von dem Besitz zurück, das einst ihre Bürger für sie produziert haben. Das dürfte allerdings zumindest in den Neuen Ländern rechtlich an ihrer Sympathie für den Nationalsozialismus scheitern, so Fanizadeh. Die Studie "Nützliche Idioten - Die Hohenzollern und Hitler" soll in den nächsten Tagen auf der Internetplattform perspectivia.net erscheinen.

Außerdem: In diesen Tagen feiert man Alexander von Humboldts 250. Geburtstag. Die Stadtschlossattrappe wird zwar noch nicht eröffnet, aber dafür eine von Bénédicte Savoy kuratierte Ausstellung im Deutschen Historischen Museum, in der sich unter anderem herausstellt, das Humboldt nicht ganz so astrein antikolonial drauf war, wie man sich das heute wünschte. Susanne Memarnia unterhält sich darüber mit Savoy auf den Berlin-Seiten der taz. Hier der Hintergrund. Außerdem in der heute mal wieder unerschöpflichen taz ein Gespräch mit dem Archäologen Bernhard Heeb, der im Auftrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz versucht, die Herkunft von 1.200 menschlichen Schädeln aufzuklären -  ein Teil der noch größeren "Luschan-Sammlung". In der Jungle Word stellen Irene Eidinger und Josefine Haubol die Frage, die die Erinnerung an den Holocaust aussehen soll, wenn die letzten Zeugen gestorben sind.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.09.2019 - Geschichte

Zur Zeit wird in Berlin über ein Denkmal für die Opfer des deutschen Überfalls auf Polen diskutiert. Aber am Askanischen Platz, wo es stehen soll, ist noch viel Platz. Warum nicht dort auch ein Museum des Zweiten Weltkriegs errichten, schlägt der Historiker Norbert Frei in der SZ vor. Das gibt es in ganz Deutschland noch nicht. Dort könnte man ohne - ohne eine Nationalisierung des Erinnerns - "all das Leid und Unrecht dokumentieren, das mit dem Überfall auf unsere polnischen Nachbarn nur begann". Denn, so Frei,  "die deutsche Okkupation in Polen [umfasste] nur einen Vorschein dessen, was nationalsozialistische Großraumplaner für später ins Auge gefasst hatten. Emblematisch für den perspektivischen Wahnsinn des deutschen Rassenimperialismus steht der noch immer wenig bekannte Generalplan Ost, ohne den auch die Besatzungspolitik in Polen nicht zu verstehen ist."

Der Spiegel stellt einen Text Niklas Franks frei online, der großes Aufsehen erregte. Frank, 80,  ist der Sohn Hans Franks, des Generalgouverneurs Hitlers im besetzten Polen also. Und Niklas Franks Text beginnt mit einem finsteren Satz: "Obwohl ich gegen die Todesstrafe bin, habe ich sie meinem Vater immer gegönnt." In der Folge legt Frank dar, warum er die AfD für Wiedergänger der Nazis hält. Und das deutsche Volk für einen Wiedergänger des deutschen Volks: "Hitler baute eine furchtbare Diktatur auf. Das deutsche Volk wehrte sich nicht. Für mich ist klar, warum: Unter den 80 Millionen Deutschen damals und heute waren und sind allenfalls 20 Millionen echte Demokraten, von denen sich höchstens Hunderttausend aktiv für die Demokratie einsetzen. Die übrigen Demokraten grummeln abgeschlafft daheim vor sich hin. Folge: Die schweigende Mehrheit von rund 60 Millionen Deutschen würde sich gegen eine AfD-Diktatur nicht wehren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2019 - Geschichte

In der NZZ erinnert Ulrich Schmid daran, dass Israel bis heute den osmanischen Genozid an den Armeniern nicht anerkannt hat, trotz erklärter Solidarität mit den Armeniern. Der Grund ist wohl hauptsächlich wirtschaftlicher Natur, vermutet Schmid: "Hinter der Nebelwand der Hasstiraden lassen Israel, die Türkei und Aserbaidschan nämlich verschämt und diskret so manche Blumen blühen, merkantile, diplomatische, kulturelle. In den Neunzigern modernisierte die Türkei ihre Streitkräfte mit israelischen Waffen, Panzern, Jets und Drohnen. Noch augenfälliger sind die israelischen Verbindungen zu Aserbaidschan. Rüstungsgüter im Wert von 4,85 Milliarden Dollar aus Israel habe sein Land importiert, sagt Präsident Alijew. Natürlich ist die Nichtanerkennung des armenischen Genozids auch ein Signal an die gesamte muslimische Welt, mit der Israel solide Handelsbeziehungen unterhält. Die Armenier finden das alles höchst bedauerlich."