9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2019 - Geschichte

In der NZZ erinnert Ulrich Schmid daran, dass Israel bis heute den osmanischen Genozid an den Armeniern nicht anerkannt hat, trotz erklärter Solidarität mit den Armeniern. Der Grund ist wohl hauptsächlich wirtschaftlicher Natur, vermutet Schmid: "Hinter der Nebelwand der Hasstiraden lassen Israel, die Türkei und Aserbaidschan nämlich verschämt und diskret so manche Blumen blühen, merkantile, diplomatische, kulturelle. In den Neunzigern modernisierte die Türkei ihre Streitkräfte mit israelischen Waffen, Panzern, Jets und Drohnen. Noch augenfälliger sind die israelischen Verbindungen zu Aserbaidschan. Rüstungsgüter im Wert von 4,85 Milliarden Dollar aus Israel habe sein Land importiert, sagt Präsident Alijew. Natürlich ist die Nichtanerkennung des armenischen Genozids auch ein Signal an die gesamte muslimische Welt, mit der Israel solide Handelsbeziehungen unterhält. Die Armenier finden das alles höchst bedauerlich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2019 - Geschichte

Auf Zeit online erzählt die gebürtige Magdeburgerin Annett Gröschner, wie überrascht sie war, ausgerechnet bei einer Veranstaltung im weißrussischen Minsk zum ersten Mal von der europäischen Bedeutung des Magdeburger Rechts zu hören (die gerade auch durch eine Ausstellung gewürdigt wird). "Das Magdeburger Recht hatte sich gegen Ende des 12. Jahrhunderts aus einem Markt- und Kaufmannsrecht entwickelt und gilt als Baustein des modernen Europas, weil es die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Rechtsordnungen entscheidend mitgeprägt hat. Sein Erfolg lag auch daran, dass es nicht festgeschrieben war. Es gab nicht - wie heute üblich - eine konkrete Kodifikation, sondern war ein 'im Einzelfall sehr variables Konglomerat von Normen und Rechtsvorstellungen'. ... Mit den Stadtgründungen verbreitete es sich bis weit nach Osteuropa. Rund 1.000 Städte wandten es an, darunter Breslau, Krakau, Vilnius, Buda und Kiew. Westlichster Ort war Quedlinburg im Harz, östlichster Charkiw in der Ukraine."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2019 - Geschichte

In Berlin wird über einen Mietendeckel diskutiert, der aktuelle Mieten zum Teil stark reduzieren würde. Schon in der DDR wurden die Mieten künstlich niedriggehalten. Die Verteilung von Wohnungen war Sache der Ämter. Und das wirtschaftliche Missverhältnis belastete nicht nur die DDR, sondern nach der Wende auch die neuen Länder, schreibt Hubertus Knabe in seinem Blog: "Die auseinanderklaffende Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben machte es erforderlich, die Wohnungswirtschaft in der DDR immer stärker zu bezuschussen. Mit 16 Milliarden Mark lagen die Subventionen 1988 bereits mehr als fünfmal so hoch wie 1970. Die Deckungslücke musste durch immer höhere Kredite der DDR-Staatsbank geschlossen werden. Trotz eines großzügigen Schuldenerlasses im Jahr 1993 lasten dadurch bis heute riesige Altschulden auf den kommunalen Wohnungsunternehmen und Genossenschaften im Osten. Allein in Mecklenburg-Vorpommern betragen diese derzeit rund 520 Millionen Euro."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2019 - Geschichte

In der NZZ klinkt sich der Politikwissenschaftler Eckhard Jesse in die Debatte um die Rolle der DDR-Bürgerrechtler ein und betont vor allem, wie konträr sie zu allen heutigen Kategorien standen. Sie glaubten nicht an den Westen oder den Kapitalismus, sondern an einen Dritten Weg, eine nationale DDR-Identität und die Reformierbarkeit des Systems: "Die Geschichte der politisch alternativen Kräfte in der DDR ist eine Geschichte voller Paradoxien. So strebten sie eine Reform der DDR an, bewirkten aber eine Revolution. Die ostdeutschen Dissidenten wahrten größere Distanz zum Westen als etwa solche in Polen und der Tschechoslowakei; nach außen bewiesen sie Mut, nach innen offenbarten sie mehrheitlich ideologische Anpassungsbereitschaft. Das Verhalten der 'Normalbürger' fiel dagegen spiegelverkehrt aus: Äußerlich angepasst, waren sie innerlich renitent. Durch den Fall der Mauer standen jene, die am SED-System öffentlich Kritik geübt hatten, plötzlich an der Seite ihrer einstigen Gegner - ungeachtet ähnlicher Ziele blieben die beiden Gruppen sich aber doch fremd."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2019 - Geschichte

Achtzig Jahre Hitler-Stalin-Pakt. Achtzig Jahre Kriegsbeginn. Achtzig Jahre Zerstörung Polens.  Und in Deutschalnd, das sich seiner Vergangenheitsbewältigung rühmt, kräht kein Hahn danach, konstatiert Stephan Lehnstaedt in der taz: "Es gibt in Deutschland keine offizielle Veranstaltung von Bundestag oder Bundesregierung. Einzelne zivilgesellschaftliche Initiativen führen lokale Aktionen durch, es gibt vereinzelt Podiumsdiskussionen, und auch manche Gedenkstätte wird tätig. Mehr oder weniger ist damit allerdings die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Kriegsbeginn abgehakt, denn tatsächlich findet hierzulande aus diesem Anlass keine einzige Konferenz statt. Der 'Polenfeldzug' ist sogar für deutsche Historiker*Innen kein Thema mehr."

Auf der Westerplatte soll ein Museum entstehen, das an jene Woche im September 1939 erinnert, als 217 polnische Soldaten auf der kleinen Halbinsel die Angriffe der Deutschen erfolgreich abwehrten, schreibt Florian Hassel in der SZ. Zuständig soll Mariusz Wojtowicz-Podhorski sein, patriotischer Militärfan und Hobbyhistoriker, der auch Führungsmitglied des umstrittenen Weltkriegsmuseums ist (Unsere Resümees): "Dort hat Paweł Machcewicz, der im April 2017 entlassene Gründungsdirektor und Co-Autor der Ausstellung des Weltkriegsmuseums, bis heute '18 tendenziöse Änderungen oder gar Fälschungen unserer Ausstellung' gezählt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2019 - Geschichte

Dass es in Berlin ein Mahnmal geben sollte, das an die Zerstörung Polens durch den Hitler-Stalin-Pakt und durch die deutschen Truppen erinnert, steht für den in der FAZ schreibenden Historiker Felix Ackermann außer Frage. Er will aber mehr - ein Dokumentationszentrum, das die Nazipolitik als einen innereuropäischen Kolonialismus darstellt und das darum im Stadtschloss richtig verortet wäre: "Hat sich an Rhein und Spree jemals ein Verständnis dafür durchgesetzt, dass deutsches Großmachtstreben eine Form innereuropäischen Kolonialismus war, der letztlich auch das Ende des Deutschen Reiches verursacht hat? An der seit Jahren geführten Debatte um die zukünftigen Inhalte des Berliner Schlosses kann man wie unter dem Brennglas verfolgen, dass das Erbe des Kolonialismus in Deutschland noch immer vor allem mit dem Streben nach Überseekolonien und dem Kunstraub jenseits Europas assoziiert wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2019 - Geschichte

In der FR erinnert Arno Widmann an den Hitler-Stalin-Pakt, der heute vor achtzig Jahren unterschrieben wurde. Und Birgit Holzer besucht das zum 75. Jahrestag der Befreiung von Paris eröffnete Musée de la Libération in Paris. Und noch einmal Arno Widmann, der erzählt, wie die Christen das Konzept des Gottesstaates als Ersatz für das untergegangene Rom entwickelten.
Stichwörter: Hitler-Stalin-Pakt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2019 - Geschichte

Der vor achtzig Jahren geschlossene Hitler-Stalin-Pakt werde bis heute in der Geschichtsschreibung unterschätzt und löse ein eigenartiges Unbehagen aus, schreibt die Historikerin (und Autorin zum Thema) Claudia Weber in der NZZ, als sehe man den Krieg lieber als die Konfrontation zwischen Nazis und Kommunisten,  die dem Pakt folgte: Aber "der Hitler-Stalin-Pakt gehört in die Mitte des europäischen Kriegsgeschehens. Denn das 'Dritte Reich' besetzte Frankreich, die Benelux-Staaten und Teile Skandinaviens im Frühjahr 1940 während und aufgrund des Bündnisses mit Moskau. Die sogenannten Blitzkriege und der aus ihnen hervorgehende Mythos von der deutschen Unbesiegbarkeit wären ohne den Pakt, der einen Zweifrontenkrieg verhinderte, nicht möglich gewesen."

Rudolf Hermann erinnert in diesem Kontext an die Menschenkette von Tallinn bis Vilnius, mit der die baltischen Länder am 23. August 1989 - also lange vor dem Mauerfall - an den Pakt erinnerten.

Frank Herold macht im Tagesspiegel klar, dass sich die Zeitgenossen der vollen Katastrophe des Paktes noch nicht einmal beewusst waren: "Was zu diesem Zeitpunkt außerhalb des Kremls und der Berliner Schaltzentralen niemand weiß: Dies ist nicht bloß ein Nichtangriffspakt zwischen zwei Staaten, wie es ihn zu diesem Zeitpunkt einige in Europa gibt. Das ist nur der offizielle Teil. In einem geheimen Zusatzprotokoll enthält der Hitler-Stalin-Pakt faktisch die Verabredung zur Vernichtung Polens und der baltischen Staaten sowie zur Teilung Osteuropas in geopolitische Interessensphären."

Der Hitler-Stalin-Pakt war nicht die erste Manifestation deutsch-russischer Zugetanheit - und nicht die letzte, schreibt Richard Herzinger in der Welt: "Die Furcht, man könne Moskau provozieren, führte die Bundesregierung etwa dazu, 2008 die von den USA gewünschte Aufnahme Georgiens und der Ukraine in das Militärische Aktionsprogramm der Nato zu torpedieren. Der Kreml beantwortete dieses vorauseilende Entgegenkommen mit der Invasion Georgiens 2008, mit der Krim-Annexion 2014 und dem verdeckten Einmarsch in die Ostukraine im selben Jahr."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2019 - Geschichte

Vor 400 Jahren werden erstmals Sklaven in Nordamerika erwähnt. Aber einen größere Ausbeutung von Sklaven gibt es erst ab Ende des 17. Jahrhunderts, schreibt der Historiker Manfred Berg in der Zeit: "Die Pflanzer Virginias und Marylands decken ihren Arbeitskräftebedarf deshalb lange mit Schuldknechten aus dem Mutterland. Diese sogenannten indentured servants (Knechte auf Zeit) verpflichten sich vertraglich zur Arbeit für einen Dienstherrn, der ihnen die Überfahrt in die Kolonie bezahlt und sie während ihrer Dienstzeit, üblicherweise drei bis sieben Jahre, versorgen muss. Dieses System funktioniert recht zuverlässig. Der Kauf von Sklaven erweist sich allerdings als rentabler: Zwar sind sie in der 'Anschaffung' teurer, können aber lebenslang ausgebeutet werden - und ihre Nachkommen sind ebenfalls unfrei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2019 - Geschichte

Rudolf Walther erinnert in der taz an den Pazifisten und Heidelberger Universitätsprofessor für Statistik Emil Julius Gumbel, der zu Zeiten der Weimarer Republik von Rechten bekämpft wurde. Ihm widmet das Heidelberger Universitätsmuseum derzeit eine Ausstellung.