9punkt - Die Debattenrundschau

Ein neuer Kalter Krieg hat begonnen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.10.2019. Heute feiert Peking. Und Hongkong protestiert. Siebzig Jahre nach der Gründung der Volksrepublik weiß die heutige chinesische Jugend nichts über deren Verbrechen, fürchtet die Unternehmerin Franka Lu in Zeit online. In der Welt prangert Liao Yiwu den Opportunismus des Westens gegenüber China an. Besonders im holländischen Exil entwickelte der ehemalige Kaiser Wilhelm II. einen geradezu genozidalen Antisemitismus entwickelt, erkennt John Röhl in der FAZ. Die taz berichtet über Initiativen zur Erinnerung an den Holocaust in der Ukraine.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.10.2019 finden Sie hier

Politik

Heute wird in Peking gefeiert - und in Hongkong protestiert. Der Economist lotet diesen Kontrast aus: "Vor der spektakulären Militärparade in Peking am 1. Oktober, wo Panzer und Atomraketen vor Präsident Xi Jinping defilieren, um den siebzigsten Jahrestag der Volksrepublik zu begehen, lohnt es sich, den Erfolg von Chinas Propagandaapparat nach innen, aber auch ihre externe Wirkungslosigkeit zu registrieren. Diese Maschinerie beschreibt man am besten als gigantisches Staatsmonopol. Innerhalb Chinas ist sie  stark geworden.  Aber in freien Märkten, in denen die Ideen aus der ganzen Welt herumschwirren, verhallen Chinas Slogans ungehört."

Reuters bietet auf Twitter einen Live-Stream aus Hongkong. Demonstrationen waren eigentlich verboten worden:


Peking wird die Protestbewegung in Hongkong niederschlagen, wie sie 1989 die Demokratiebewegung im Mutterland niedergeschlagen hat. Davon ist der in Deutschland lebende chinesische Dissident und Dichter Liao Yiwu überzeugt. Hat ja auch damals gut geklappt und wird jetzt noch einmal mit der Siebzigjahr-Feier bejubelt, so Liao Yiwu in der Welt. "In einer Zeit, in der die westliche Politik pragmatisch, opportunistisch und wetterwendisch ist, hat der amerikanische Präsident, der wieder und wieder den Handelskrieg mit China verschärft, kein Verständnis für die Bedeutung, die Hongkong für die gesamte freie Welt zukommt. Und wie steht es um die anderen Führer des Westens? Vielleicht werden sie eines fernen Tages das Versäumte begreifen. Aber dann werden sie bereits im Ruhestand sein. Nur ich werde nicht in Ruhestand gehen können, denn ich bin ein Exilschriftsteller und habe feste Wertvorstellungen. Und ich sage: 'Ein neuer Kalter Krieg hat begonnen!'"

Sven Hansen berichtet in der taz: "Am Montag wurden in Hongkong zwei prominente Aktivisten festgenommen. Dies wird als Versuch der Einschüchterung der Demonstranten gewertet. Es könnte aber auch nach hinten losgehen und die Empörung anheizen."

Die junge Generation schreibt Chinas heutige Erfolge der KP zu. Dass dieser KP unter Mao Dutzende Millionen Chinesen durch Hungersnöte und Kulturrevolution zum Opfer fielen, geht in der Erinnerung verloren, schreibt die  Unternehmerin Franka Lu (Pseudonym) in einem lesenwerten Essay in Zeit online: "Katastrophen und Staatsversagen wie dieses waren während des Kalten Krieges im Ostblock nicht ungewöhnlich, wenn auch nicht so extrem. Aber Veröffentlichungen und Debattenbeiträge zur Zeitgeschichte sind in China seit Ende der Achtzigerjahre verboten. Die Zeitzeugen und Überlebenden, die ihre traumatischen Erinnerungen schon lange verdrängen und aus Angst schweigen, sterben langsam aus. Die jüngeren Generationen wissen darüber nichts."
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Medien

Der Kleinanzeigenkonzern Axel Springer wird nach dem Eintritt des Investors KKR die verbliebene Mediensparte weiter reduzieren, berichten alle Medien, hier etwa Klaus Max Smolka vom Wirtschaftsteil der FAZ: "Bild mit seinen Regionalausgaben, die Hauptstadt-Boulevard-Zeitung B.Z., Bild am Sonntag, Welt und Welt am Sonntag würden auch als gedruckte Zeitungen weiter bestehen, teilte das Unternehmen mit. Kleinere Titel verschwinden: Springer schließt die werktäglichen Ausgaben der Kurzversion Welt Kompakt und der Welt Hamburg - in der Hansestadt war die Welt ebenso wie die Bild einst ansässig gewesen." Auch das Wirtschaftsmagazin Bilanz soll verschwinden. In der taz berichtet Peter Weissenburger.

Während bei den Zeitungen 50 Millionen Euro eingespart werden, soll die Bild-Zeitung mit einem Aufwand von 100 Millionen Euro zur Fernsehmarke ausgebaut werden, berichtet Zeit online, mehr bei bei Spiegel online.
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Stichwörter: Axel Springer Verlag

Gesellschaft

Er habe angefangen sich mit dem Klimawandel zu beschäftigen, weil ihm aufgegangen sei, dass die Lage viel dramatischer ist als sie in den Medien noch dargestellt wird, erklärt der amerikanische Journalist David Wallace-Wells im Interview mit der SZ über sein Buch "Die unbewohnbare Erde - Leben nach der Erderwärmung". Dabei habe er auch gelernt, dass der persönliche Verzicht die Sache nicht unbedingt weiterhilft: "Rein mathematisch ist es einfach so, dass individuelle Handlungen bei einer Krise solchen Ausmaßes kaum einen Effekt haben. Selbst eine globale Bewegung für Veganismus oder gegen Flugreisen würde nicht ausreichen. Was wir brauchen, ist eine ganz neue Politik. Darum glaube ich, dass es letztlich der Sache schadet, wenn man so hohe individuelle Standards setzt. Dadurch wird zu vielen Menschen signalisiert, dass sie unverantwortlich handeln, wenn sie nicht CO₂-neutral leben - und das in einer Welt, die ihnen das bisher unmöglich macht."

In der taz kapituliert die Kunsthistorikerin Charlotte Klonk vor einer ikonologisch-symbolischen Deutung des Phänomens Greta Thunberg, da jede Deutung vor ihr als einem schierem Medium der Wahrheit, das sich persönlich zurücknehme, versagen müsse: "Wer also Thunberg zur Ikone oder Symbolfigur stilisiert, der überträgt ins Weltanschauliche, was bei ihr immer nur ein Verweis auf Forschungsergebnisse ist."
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Europa

Das britische Parlament hat nicht zu wenig Macht, sondern zu viel, findet Dominic Johnson in der taz: "Das gilt vor allem dann, wenn einzelne Kräfte im Parlament ihre Macht ausnutzen. Sprecher Bercow entzieht regelmäßig der Regierung die Hoheit über die Tagesordnung und lässt Gesetze im Eilverfahren passieren. Gewählte Abgeordnete verlassen zu Dutzenden ihre Parteien und Fraktionen und verändern damit die Mehrheitsverhältnisse, ohne sich ihren Wählern zu stellen. Dem Wunsch nach einer vorzeitigen Parlamentsauflösung und Neuwahlen sperren sich die Abgeordneten, weil sie diese Allmacht auskosten wollen... Es sind diese Konflikte, die die britische Politik an den Rand des Abgrunds treiben."
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Stichwörter: Brexit, House of Commons

Geschichte

Viele Juden wurden im Holocaust nicht in Lagern ermordet, sondern durch Massenerschießungen, besonders in der Ukraine. Erst jetzt entstehen Initiativen für angemessene Mahnmale. Klaus Hillenbrand reist für die taz zu den Mordstätten. Die Stiftung "Erinnerung bewahren" musste gewissermaßen detektivische Vorarbeit leisten. "Denn in der Sowjetunion war ein Gedenken an die jüdischen Opfer nicht vorgesehen. Der Holocaust sollte im Vielvölkerstaat keine gesonderte Beachtung finden. Deshalb finden sich rund um Berdychiv immer wieder kleine Gedenksteine, auf deren Aufschrift von 'friedlichen Sowjetbürgern' die Rede ist, die dort ermordet wurden - wer da aus welchem Grund getötet worden war, das durfte nicht geschrieben stehen. Deshalb verrotteten die Grabstätten über die Jahrzehnte, bis sich kaum jemand mehr ihrer erinnerte."

Besonders im holländischen Exil hat der ehemalige Kaiser Wilhelm II. einen geradezu genozidalen Antisemitismus entwickelt, schreibt der Wilhelm-Biograf John Röhl unter Hinweis auf neue Forschungen von Karina Urbach in der FAZ und bringt zahlreiche Belege: "Als der ehemalige preußische Kultusminister Friedrich Schmitt-Ott im Juli 1921 zu Besuch nach Doorn kam, erschrak auch er über die Vehemenz des Hasses Wilhelms II. auf die Juden. Ihm setzte der Monarch seine Theorie auseinander, der Weltkrieg sei durch die jüdischen Freimaurerlogen in Frankreich, England und Italien angezettelt worden. Beim Abschied überreichte er dem Duzbruder eine silberne Brosche in Form eines Hakenkreuzes mit den Worten: 'Nun bist du in den Orden der anständigen Leute aufgenommen.'"
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