9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2019 - Geschichte

In der SZ wischt Gustav Seibt ungeduldig die immer kleinteiligeren Gutachten zur Rolle der Hohenzollern im Nationalsozialismus beiseite, die grundlegend für etwaige Entschädigungsleistungen ist. Dass Kronprinz Wilhelm 1932 eine Wahlempfehlung für Hitler abgab, ist bekannt. Genügt das nicht? "Ist es die Aufgabe von Gerichten, über historische Kausalitäten zu urteilen? Das scheint abwegig. Und das verlangt der Gesetzestext auch nicht. Er spricht nicht von Folgen, sondern von Handlungen. Auch ein Schullehrer oder ein Lokalreporter konnten in ihrem persönlichen Umkreis dem Nationalsozialismus erheblichen Vorschub leisten, durch Fanatismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2019 - Geschichte

Die Hohenzollern arbeiten kräftig an einer Revision der bisherigen Geschichtsschreibung, derzufolge Prinz Wilhelm von Preußen dem Auftsieg der Nationalsozialisten kräftig Vorschub leistete. Sie brauchen einen Persilschein, um für die Enteignungen nach 1945 entschädigt zu werden. In der Zeit ärgern sich die beiden Historiker Peter Brandt und Stephan Malinowski, dass nun immer mehr Gutachten in Umlauf gebracht werden, aber ganz wie Samisdat-Literatur nur unter der Hand, nicht öffentlich. Eines stammt von Christopher Clark, das andere von Wolfram Pyta: "Bemerkenswert ist zunächst, wie fundamental die beiden Gutachten, welche die Position der Hohenzollern stützen, einander widersprechen. Pyta und Orth behaupten, der Kronprinz sei an der Seite des Reichswehrgenerals und letzten Kanzlers der Weimarer Republik Kurt von Schleicher ein politischer Akteur ersten Ranges gewesen. Dies annulliert das ältere Kernargument Christopher Clarks, der Kronprinz sei eine 'Randfigur' geblieben und überdies in der Öffentlichkeit politisch kaum ernst genommen worden - juristisch das bislang beste Pferd im Stall der Hohenzollern." Zumindest auf Englisch kann man im Spiegel ein Interview mit Clark über sein Gutachten lesen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2019 - Geschichte

Die Erfolge der AfD in den Neuen Ländern haben für den Historiker Heinrich August Winkler, der in der FAZ ("Gegenwart"-Seite) hundert Jahre deutsche Demokratie (mit ein paar Unterbrechungen) Revue passieren lässt, klar mit der DDR zu tun: "Die radikal unterschiedliche Entwicklung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg wirkt bis heute nach. Altdeutsche Vorbehalte gegenüber der westlichen Demokratie und ihrer politischen Kultur hatten bessere Überlebenschancen dort, wo es nicht die Möglichkeit gab, allmählich in das neue System hineinzuwachsen und frühere, eher obrigkeitlich geprägte deutsche Vorstellungen von politischer Ordnung in kontroversen gesellschaftlichen Debatten zu überwinden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2019 - Geschichte

Wolfgang Kraushaar hat 2005 mit "Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus" eines der wichtigsten Bücher über die Geschichte der radikalen Linken in der Bundesrepublik geschrieben. Das Buch offenbart, dass die Szene um den als "Politclown" so beliebten Dieter Kunzelmann ein Attentat auf die Jüdische Gemeinde Berlin verübt hatte - die Bombe war während der Gedenkfeier für die Pogromnacht 1938 am 9. November 1969 nur wegen eines korrodierten Zünddrahts nicht hochgegangen. Heute erinnert Kraushaar in der taz an diesen Tiefpunkt in der bundesrepublikanischen Geschichte. Der eigentliche Bombenleger war "Abbie" Fichter, Bruder des bekannten Achtundsechzigers Tilman Fichter. Die bitterste Pointe aber war, "dass die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus vom Berliner Verfassungsschutz stamme; dessen Undercovermann Peter Urbach habe sie an interessierte Kreise weitergereicht". Kraushaar hat dies ausgerechnet auf einer öffentlichen Veranstaltung des Verfassungsschutzes im Jahr 2004 öffentlich gemacht und schildert das peinliche Schweigen der anwesenden Honoratiorenschaft.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2019 - Geschichte

Die taz wartet schon heute mit einem Dossier zu 30 Jahren Mauerfall auf. Die westdeutsche Linke empfand den 9. November ein Affront, erinnert Stefan Reinecke an ein ziemlich peinliches "geistiges Kleingärtnertum": Revolten gegen Autokraten mochte diese Linke gern, aber bitte keine Revolution vor der eigenen Haustür, und schon gar nicht für Parlamentarismus und Kapitalismus: "Vor allem Jüngere empfanden die Vereinigung als ästhetische Zumutung, als Störung und narzisstische Kränkung. Man fand die Verwandten aus dem Osten mit ihren stonewashed Jeans, den kuriosen Frisuren, dem kindlichen Glauben an die Marktwirtschaft und den stinkenden Trabis peinlich. Ihre grauen Städte ohne Migranten, denen man die Kriegsschäden noch ansah, erinnerten uns an das, was wir hinter uns gelassen hatte: unsere Kindheit. Die Gier, mit der sie sich auf die Konsumgüter stürzten, war uncool. Sie erinnerte an die Fress-, Kauf- und Reisewellen der 50er Jahre. Die DDR-Intellektuellen erschienen uns teutonisch ernst. Der popkulturelle Hedonismus und das ironische Spiel mit den Zeichen, das die Westdeutschen als Abstandhalter zwischen sich und der Welt benutzten, waren dem Osten fremd."

Weiteres: Katrin Gottschalk erzählt am Beispiel des Frauen*bildungszentrums Dresden, gegen welche Widerstände und Anfeindungen sich die ostdeutsche Frauenbewegung behaupten musste. Zumindest der literatrische Feminismus werde aber gerade auch von Jüngeren wiederentdeckt: "Der AK.Unbehagen hat Christa Wolf gelesen, ihre Formung von weiblicher Subjektivität analysiert. Die Leipziger Schauspielerin Elisa Ueberschär liest regelmäßig aus 'Franziska Linkerhand' von Brigitte Reimann vor, aus der Geschichte einer jungen Architektin, die Wohnungen für den neuen Menschen bauen will. Sie knallt hart gegen die real existierenden Plattenbauten." Johannes Nichelmann, Autor des Buches "Nachwendekinder", tastet sich in anhaltende familiäre Konfliktkonstellationen vor. Simone Schramm zeichnet Erfahrungen von Vertragsarbeitern auf.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2019 - Geschichte

Hubertus Knabe, bis vor nicht allzu langer Zeit Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, sieht sich für die FAZ (politischer Teil) Geschichtsbücher für deutsche Schulen an und stellt fest, dass sowohl die Geschichte der DDR als auch der Mauerfall von 1989 äußerst stiefmütterlich behandelt werden: "Die friedliche Revolution bleibt in den Schulbüchern auch deshalb so blass, weil sie kein Gesicht hat. Nicht ein einziger Bürgerrechtler - oder demonstrierender 'Normalbürger' - wird den Schülern näher vorgestellt. Selbst Bärbel Bohley, die ostdeutsche Jeanne d'Arc, wird nur selten erwähnt. Schon gar nicht lernt man, warum sie sich gegen die SED wandten, welchen Preis sie dafür zahlten und wie sie ihre Machtlosigkeit in Stärke verwandelten. "

Wenn es um die juristische Aufarbeitung von Geschichte geht, werden meist Historiker als sogenannte "Wahrheitskommissionen" eingesetzt. Aber: "Die Geschichtswissenschaft ist keine Richterin, auch wenn die Vergangenheit zusehends justiziabel wird", wendet Marc Tribelhorn in der NZZ ein: "Nur: Die Logik der behördlichen Auftraggeber ist meist eine andere. Brechen gesellschaftliche Konflikte wegen vergangenen Unrechts auf, verspricht die Einsetzung von Historikerkommissionen erst einmal Ruhe. Die Politik gewinnt Zeit und kann später mit Verweis auf die wissenschaftliche Arbeit ihre 'Aufarbeitung' vornehmen. Allfällig gesprochene Wiedergutmachungen, Entschuldigungen oder Rehabilitationen haben unbestritten einen wünschenswerten heilsamen Effekt für die Opfer der Vergangenheit und deren Angehörige."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2019 - Geschichte

Seit Jahren kämpft die britische Organisation "Memorial 2007" dafür, dass ein Mahnmal an die britische Geschichte der Sklaverei erinnert, nun offenbar vergebens, weil die britische Regierung die Organisation nicht unterstützt. Es fehlen vier Millionen Pfund, erklärt Afua Hirsch im Guardian: "Ohne Unterstützung der Regierung sind diese vier Millionen ein unerreichbares Ziel. Memorial 2007 hat wiederholt versucht, diese Unterstützung einzuholen und hat jeden Premier von Tony Blair bis Boris Johnson darauf angesprochen. Die Ankündigung der Regierung, ein Holocaust-Mahnmal mit 50 Millionen Pfund zu unterstützen, hat im Jahr 2015 die Hoffnungen der Gruppe bestärkt. Sie schien nahezulegen, dass ein Interesse an der Erinnerung an schmerzvollen historische Ereignisse bestand. Aber dieses Interesse, so scheint sich, dehnt sich nicht auf schwarze Bürger Britanniens aus."

Tobias Bulang, Professor für Ältere deutsche Philologie an der Universität Heidelberg, erinnert sich in der FAZ an die Zeit kurz vor dem Mauerfall im Herbst 1989, den er als Abiturient in Bautzen erlebte. Die Zeichen standen damals keineswegs auf Freiheit: "Unter den Zukunftsoptionen waren durchaus auch nordkoreanische Zustände vorstellbar in einem Land mit traumatisierten Bürgern, vergifteten Flüssen und bröckelnden Plattenbauten. Steinzeit ante portas? Wer heute das Behagen in der Lebenssicherheit des DDR-Alltags gegen die Kontingenzzumutungen unserer Gegenwart politisch ins Spiel bringt, will nicht wahrhaben, dass dieses angesichts von ökologischer Krise und erheblichen Menschenrechtsverletzungen doch auch fragwürdige Wohlgefühl buchstäblich nur erborgt war und dass die Zeichen der Zukunft keineswegs auf den Ausbau solcher Behaglichkeit standen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.10.2019 - Geschichte

In der NZZ erinnert Kersten Knipp an den Auftritt des italienischen Dichters Gabriele D'Annunzio in Fiume vor genau hundert Jahren. D'Annunzio forderte damals, dass die heute zu Kroatien gehörende Stadt Italien als Kriegsbeute zugeschlagen werden sollte: Dass er dies über Monate fordern und Massen damit begeistern konnte, "war vor allem dank des Dichters Begabung für politische Inszenierungen möglich. Ihretwegen wird der knapp anderthalb Jahre dauernde Ausnahmezustand in der Adriastadt von den meisten Historikern - zu Recht - als ästhetische Vorwegnahme des Faschismus gedeutet. Dort fanden sich nahezu alle Elemente, die später auch in den großen faschistischen Massenzeremonien verwendet wurden: die Reden des charismatischen Führers vom Balkon; die Aufmärsche und Paraden; die schwungvollen Märsche und Hymnen, die pathetischen Chorgesänge; dazu eine eigens geschaffene Symbolwelt: Flaggen, Uniformen, Abzeichen; Münzen und Briefmarken; eigene Parolen und Losungen, in Fiume etwa die Formel 'eia eia alalà', intoniert nach Art des amerikanischen 'yippie, yippie yeah'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2019 - Geschichte

Wer in Osteuropa die liberale Demokratie hochhält, rekurriert dabei meist auf den Spirit von 1989. Wenn es hilft, soll es so sein, meint der in Exeter lehrende Historiker Tobias Rupprecht in der NZZ, sieht Nexus historisch aber nicht unbedingt gedeckt: "Weder vor 1989 noch danach war liberales Gedankengut in Osteuropa jemals dominant. Verdeckt vom liberalen Mythos von '1989', waren religiöser Konservatismus und oft fremdenfeindlicher Nationalismus und Antisemitismus auch starke Strömungen der Wendezeit, nicht erst eine Reaktion auf den 'Neoliberalismus' der 1990er und frühen 2000er Jahre. In einem Punkt haben die osteuropäischen Populisten daher nicht ganz unrecht: Dass die meisten ehemals staatssozialistischen Länder ab 1989 einen liberalen, also parlamentarisch-rechtsstaatlichen und marktwirtschaftlichen Weg einschlugen, war in der Tat Resultat eines Kompromisses von reformkommunistischen Eliten und kleinen Gruppen von Dissidenten. Andere populäre Entwicklungsvorstellungen, autoritär-nationalistische wie reformsozialistische, wurden beiseite gedrängt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2019 - Geschichte

Der Historiker Timothy Snyder zeichnet in der New York Times nach, wie sich Hitler 1919 zu einem großen Propagandisten entwickelte. Damals arbeitete er noch für die Deutsche Arbeiterpartei (DAP), wurde aber von der Armee bezahlt: "Wie Benjamin Carter Hett in einer ausgezeichneten aktuellen Studie über Hitlers Machtergreifung feststellte: 'Der Schlüssel zum Verständnis, warum viele Deutsche ihn unterstützten, liegt in der Ablehnung einer rationalen, sachlichen Welt durch die Nazis.' In seinen Reden Ende 1919 leistete Hitler Pionierarbeit für einen Propagandastil, der einen Großteil des Jahrhunderts prägte. Es beginnt mit einer totalen Hingabe an Überzeugungstechniken, geht über die Schaffung eines reinen Mythos und endet damit, dass der Sprecher sein Land auf die Jagd nach erfundenen Phantomen führt, die über echte Gräber führt. In 'Mein Kampf' schrieb Hitler, dass sich die Propaganda 'auf einige Punkte beschränken und diese immer wieder wiederholen muss.'" Klingt unangenehm nah.